26
Im Lebenshaus hatte man extra einen Archivraum leergeräumt, um dort ein neues Labor einzurichten. Rovin Jestak war gerade damit beschäftigt, ein Traggestell aufzubauen, das groß genug war, um darin etwa hundert Proben aufzubewahren.
»Geht es um ein neues Projekt?«, erkundigte sich Suvaïdar.
»Ich habe den Auftrag, zu untersuchen, ob es möglich ist, befruchtete menschliche Eizellen am Leben zu erhalten, ohne dass diese sich weiterentwickeln. Ich habe sie in verschiedene physiologische Lösungen getaucht, die eine Kreuzung verhindern sollen. Jede Lösung hat eine unterschiedliche hormonelle Dosis erhalten. Sobald ich die richtige Konzentration gefunden habe, werde ich einige tausend Eizellen im Zustand der Stagnation halten können.«
»Aber das ist doch absurd! Wir wenden doch nur einige Implantate pro Tag an!«
»Wenn du Einwände hast, solltest du sie der Sadaï übermitteln. Auf ihren Befehl hin prüfen wir schließlich diese Möglichkeit«, antwortete ihre Kollegin gereizt. »Es ist ein bedeutendes Projekt mit dem Ziel, das Leben der Asix zu retten, wenn etwas Schlimmes passieren sollte – zum Beispiel, wenn uns die barbarischen Sitabeh mit ihren Waffen angreifen, die aus der Ferne töten können.«
Rovin war so stolz darauf, dass man ihr ein solch lebenswichtiges Projekt anvertraut hatte, dass ihre Bissigkeit schnell wieder verflog. Freundlich fuhr sie fort:
»Der enge Rat hat beschlossen, ihnen nicht zu gestatten, über Gedeih und Verderb unseres Planeten zu bestimmen, denn das wäre einer der schlimmsten Verstöße gegen das Sh’ro-enlei. Und was bleibt einem Shiro noch, der seine Ehre verloren hat? Sollten sie uns angreifen, werden wir selbstverständlich reagieren, auch wenn es ein aussichtsloser Kampf wäre. Aber auf jeden Fall müssen wir verhindern, dass die Asix mit uns zusammen ausgerottet werden. In den letzten Jahrzehnten haben die Ratsmitglieder vergeblich versucht, eine Lösung dafür zu finden. Aquit Jestak hatte dann die geniale Idee. Was könnte deiner Meinung nach einen Asix davon abhalten, einem Shiro, der in Gefahr ist, zu Hilfe zu eilen?«
»Nichts auf der Welt«, antwortete Suvaïdar ganz selbstverständlich.
»Irrtum! Es gibt für einen Asix etwas noch Kostbareres als das Leben eines erwachsenen Shiro – das Leben eines Shiro-Babys. Wenn wir uns dem Kampf stellen müssen, ist es unwahrscheinlich, dass es uns gelingt, alle Asix zu retten. Aber ich kann dir versichern, dass die Pflegemütter, denen wir die kleinen Kinder anvertraut haben oder die Mädchen, die eine befruchtete Eizelle von Shiro-Eltern in sich tragen, alles tun würden, um diese zu schützen. Was immer auch geschieht, daran lässt sich nicht rütteln, selbst wenn die Asix dafür einen von uns sterben ließen. Die Sitabeh wären ganz gewiss darauf aus, alle erwachsenen Shiro zu töten, doch viele Asix-Weibchen würden sich retten können, und selbst einige Asix-Männchen, die den Frauen helfen würden, die kostbaren Föten in Sicherheit zu bringen, die wir ihnen eingesetzt haben. Nach ein paar Monaten kämen die kleinen Shiro auf die Welt, und einige Trockenzeiten später wären sie erwachsen. Unsere Gesellschaft würde eine Neugeburt erleben und so wunderbar frei sein, wie es zuvor gewesen ist.«
Suvaïdar stellte sich die in Angst und Schrecken versetzten Asix-Frauen vor, die vor den bewaffneten Soldaten flohen, und es fiel ihr schwer, einen Brechreiz zu unterdrücken. Die Asix konnten für die Außenweltler arbeiten, wie in Niasau an Bord der Raumschiffe. Wenn erst einmal alle Shiro – diese cholerischen Wesen, die stets bereit waren, den Säbel zu schwingen – tot wären, was würden die Fremden dann tun? Sie würden vielleicht einige Monate damit verbringen, von einem Bauernhof zum nächsten zu laufen, um den Menschen vor Ort ihre Religion und ihre Gesetze zu erklären, doch sie würden nur auf völliges Unverständnis stoßen. Früher oder später würden sie den Mut verlieren und wieder fortgehen, da sie von Natur aus sprunghafte Wesen waren. Rovin hatte recht: Man konnte nicht einfach zusehen, wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Asix hing.
*
Suvaïdars Erleichterung war unverändert. Ein paar Stunden lang hatte sie sich schwergetan, sich auf die Untersuchungsberichte zu konzentrieren, die Sevrin Jestak, die Kollegin Yorikos, erstellt hatte. Sevrin hatte eine Routineuntersuchung mit ihrem Informatiksystem veranlasst und war gerade damit beschäftigt, diese zu illustrieren.
»Das ist nur von geringer Bedeutung für die Gesamtheit der Populationsdaten, aber schaut euch das an: Ich habe die Geburtslisten der letzten fünfzig Trockenzeiten genommen und auf gut Glück tausend Namen herausgesucht – die eine Hälfte Shiro, die andere Hälfte Asix. Dann habe ich nachgeprüft, wie viele von ihnen jeweils zu Beginn jeder Trockenzeit noch am Leben waren. Schaut euch die Grafik an. Das Rot steht für die Asix, das Blau für die Shiro.
»In den ersten fünf Jahren verliefen die beiden Linien parallel, dann fiel die blaue Linie bei der zehnten Gegenüberstellung um zwei Einheiten ab, dann eine bei der fünfzehnten, dann aber fünf bei der achtzehnten ...«
»Die Volljährigkeitsprüfungen«, stellte Yoriko halblaut fest.
»Danach fielen die Linien unregelmäßig. Von einer Einheit in einem Jahr, dann wieder eine längere Zeit gar nicht, bis sie dann von Neuem um drei Einheiten abfiel. Was das laufende Jahr betraf, waren in der Untersuchungsgruppe noch vierhundertsiebenundneunzig Asix am Leben, aber nur noch dreihunderteinundsechzig Shiro.«
»Hast du die Gründe für den Abstieg verifiziert?«
»Acht Unfälle«, antwortete Sevrin, »drei davon betrafen die Asix, vier waren Clan-Ausstoßungen. Der Rest sind Duelle und die Ausübung des Shiro-Privilegs, wobei in den ersten Jahren die Duelle überwogen. Danach halten sich die Prozentsätze die Waage.«
»Aber trotzdem haben doch diejenigen, die in einem Duell starben oder das Shiro-Privileg gewählt haben, ihre Pflicht der Art gegenüber erfüllt? Diese Daten reichen nicht aus, um das Ungleichgewicht zwischen unseren Rassen zu erklären.«
»Seit Beginn unserer Geschichte gab es insgesamt drei Clans, deren genetische Linien unterdrückt wurden – aus Unstetigkeit, Aggressivität den Asix gegenüber, gravierenden Verstößen gegen das Sh’ro-enlei bis hin zur völligen Missachtung der Regeln. Doch selbst wenn man von der ›Unterdrückung der Linie eines Clans‹ spricht, handelt es sich in Wirklichkeit nur um die Shiro. Die Halbkinder und die Asix aus dem Clan durften sich weiter fortpflanzen, zumindest, wenn ihr Lebensband mit einem schwarzen Streifen endete. Diejenigen, die ihrer Art gegenüber ihre Pflicht erfüllten, vertrauten ihre Eizellen oder ihr Sperma dem Jestak-Clan an, und nur sehr wenige Shiro machten sich die Mühe, nach ihrer Nachkommenschaft zu suchen. Ich wette, dass einige nicht einmal wissen, wie viele Kinder sie haben.«
»Wir leben in einer Zeit, in der wir vor den Außenweltlern auf der Hut sein müssen«, bemerkte Yoriko säuerlich. »Und nun entdecken wir, dass die wahre Gefahr für uns die Jestaks sind.«
Sie betrachtete nachdenklich die Grafik.
»Wenn man die Unfälle mal außer Acht lässt, wurden in fünfzig Jahren einhundertvierundzwanzig Shiro von ihren Artgenossen getötet oder starben trotz ihrer Jugend durch das Shiro-Privileg. Das ist eine sehr hohe Zahl, die zum Missverhältnis zwischen den beiden Rassen beiträgt. Das scheint mir gefährlich zu sein. Sollte der Abstand weiter in diesem Maße ansteigen, könnte unsere Gesellschaft instabil werden. Die Asix sind eher nicht in der Lage, die Initiative zu ergreifen.«
Suvaïdar hegte, was dieses Projekt betraf, seit geraumer Zeit schwere Zweifel. Doch das behielt sie lieber für sich. Zudem fragte sie sich, wie viele »Unfälle« von der Art gewesen waren wie der, der Evin Bur das Leben gekostet hatte.
Dieser Gedanke führte sie zu dem Problem zurück, mit dem sie sich im Moment beschäftigte: Wie sollte sie herausbekommen, wer ihr nach dem Leben trachtete? Sie musste wissen, wem sie vertrauen konnte. Sie begann ihre Nachforschung mit Odavaïdar Huang, diejenige, die ihr physisch am nächsten stand. Suvaïdar wusste, dass es ein Leichtes wäre, in ihr Zimmer einzudringen und auf sie einzustechen, weil die Türen im Haus nicht abgeschlossen werden konnten. Sie fröstelte bei dem Gedanken an eine lautlose Gestalt, die in ihr Zimmer schlich – bis sie erkannte, dass die Waffe ein zweischneidiges Schwert war, denn auch sie konnte ins Zimmer der Matriarchin eindringen. Sie müsste nur aufpassen, dass niemand sie sah.
In den folgenden Tagen las sie jeden Morgen auf dem angeschlagenen Brett im Gemeinschaftssaal nach, welche Aktivitäten bei Odavaïdar auf dem Programm standen. Bereits am zweiten Tag kam sie auf die glorreiche Idee, sich auch über die Beschäftigung Middaels zu informieren.
Jeder neigte dazu, den Berater zu vergessen. Er war ein unscheinbares Individuum, und so war es auch nicht verwunderlich, dass niemand außerhalb des Huang-Clans seinen Namen kannte. Leider kam es selten vor, dass Odavaïdar das Haus verließ, und wenn sie es tat, wurde sie im Allgemeinen von Middael vertreten.
Suvaïdar war an dem Punkt, dass sie den Gedanken nicht mehr weiter verfolgen wollte. Dann aber stellte sie fest, dass sich ein paar Tage später eine ideale Gelegenheit ergeben würde, wenn der Rat ein letztes Mal vor der Trockenheit zusammenkam. Die Saz Adaï würde an der Sitzung teilnehmen, und die Tradition verlangte es, dass der persönliche Berater während der Tagung draußen vor dem Haus der Sadaï blieb. Im Regen auf der Erde sitzend, musste er auf den eher unwahrscheinlichen Fall warten, dass man ihn brauchte.
»Selbst die Traditionen der Shiro können zu etwas gut sein«, murmelte Suvaïdar vor sich hin, als sie auf dem Weg zum Hospital war. Sie wollte darum bitten, in der Nacht vor der Versammlung des Rates Dienst machen zu dürfen. Niemand würde nachfragen, da sie bereits mehrere Male an den Sitzungen des Rates teilgenommen hatte.
Der Asix, der den Dienstplan vervollständigte, begnügte sich damit, sie vom Tagesdienst auszustreichen und für die Nachtschicht einzutragen.
Am Tag der Versammlung wartete Suvaïdar gespannt darauf, dass die Huangs, die außerhalb des Hauses arbeiteten, den Gemeinschaftssaal verließen. Dann schlich sie unbemerkt bis zu den Zimmern der Matriarchin. Bevor sie eintrat, warf sie einen Blick nach allen Seiten, um sich zu vergewissern, dass auch wirklich niemand sie gesehen hatte.
Odavaïdar bewohnte ein Apartment, das aus einem Vorzimmer und zwei Räumen bestand. Der erste Raum war das Büro, in dem sie arbeitete und Besucher empfing. Von dort aus ging es in ihr privates Zimmer – und dort begann Suvaïdar. Die Durchsuchung war schnell beendet. Es gab nur die Matte und die Kiste mit ein paar Kleidungsstücken zum Wechseln. So traditionsbewusst wie die alte Dame war, besaß sie kein einziges persönliches Stück. Man hätte meinen können, dass sie im Lauf ihres langen Lebens noch nie ein Geschenk erhalten hatte, das ihr Apartment ein wenig aufhellte, oder dass sie noch nie an einem Meeresstrand einen bunten Kiesel oder eine Muschel gefunden und mitgenommen hatte, um die strenge Monotonie ihrer Zimmer zu durchbrechen.
Für das Büro brauchte Suvaïdar etwas länger. Darin befanden sich Holo-Cubes und Dokumente aller Art, die Suvaïdar schnell sichtete, doch es ging darin nur um den Austausch mit den anderen Clans: Arbeitsstunden gegen Handelswaren; Käse des Gantois-Clans im Tausch gegen gedörrten Fisch; Getreide des Bur-Clans im Tausch gegen eine Reihe elektronischer Ziffern – virtuelle Werte, die ihrerseits dazu dienten, Ersatzteile für das Comp-System oder den Kommunikator anzuschaffen.
Was hast du denn hier zu entdecken gehofft?, fragte Suvaïdar sich frustriert und schloss leise die Tür hinter sich.
Sie wollte gerade gehen, um sich vor der Nachtschicht noch ein wenig auszuruhen, als sie aus einer plötzlichen Eingebung heraus die Tür zu Middaels Zimmer öffnete. Der Raum machte sofort einen unangenehmen Eindruck auf sie, und sie sah sich besorgt um, während ihr immer wieder die Frage durch den Kopf ging, wer sie geschlagen haben mochte. Hier gab es nichts weiter als Betttücher, die unordentlich auf der Matte lagen, und die Kiste. Sie war nicht richtig verschlossen, weil ein Gürtel zur Hälfte heraushing.
Suvaïdar schaute genauer hin. Sie kannte diesen Gürtel oder vielmehr diesen Riemen. Sie öffnete die Kiste und entdeckte ihren Beutel, der in Gorival ins Wasser gefallen war. Sie zog ihn hervor, öffnete ihn und entdeckte ein zerknittertes Stück Papier. Die Berührung mit dem Wasser hatte die Schrift praktisch unleserlich gemacht, doch es war Suvaïdars Plan mit den Angaben zu den Bauernhöfen, die sie aufsuchen wollte.
Also war es Middael gewesen, der mit einem großen Stein hinter ihr gestanden hatte. Der Mann, der so nichtssagend war, dass man nicht einmal sagen konnte, ob man ihm an einem bestimmten Tag begegnet war oder nicht. Middael, der Schatten der Saz Adaï – als Berater eine merkwürdige Wahl, da er sich damit begnügte, jedes Mal zuzustimmen, wenn die alte Dame etwas von sich gab.
Suvaïdar ging in das Büro von Odavaïdar zurück, um auf die Schnelle deren Kalender zu überprüfen. In der Zeit, in der sie verreist war, waren Middael keine besonderen Aufgaben zugeteilt worden.
Mit gleichgültiger Miene verließ sie das Haus und ging schnell zum Hospital. Sie stieg die vertraute Treppe hinunter, die ins Zentrum des Genetik-Instituts führte, und sagte Yoriko Bescheid, dass sie die Absicht habe, die künstliche Intelligenz zu benutzen, um einem Gedanken nachzugehen, die ihr gerade gekommen sei. Sie müsse unverzüglich in der persönlichen Vorgeschichte von Middael Huang stöbern.
Den Überprüfungen im Eugenik-Zentrum zufolge war die Einschätzung seiner Person von der Pubertät an wenig erbaulich: unmotivierte Aggressivität, absoluter Mangel an Rechts- und Unrechtsbewusstsein, Mangel an Ehrgefühl, Neigung zur Grausamkeit. Deshalb war er nach der Volljährigkeitsprüfung einer Akademie anvertraut worden. Trotzdem hatte Odavaïdar, der man diese Einschätzungen zugeschickt hatte, es bevorzugt, Middael in ihrer Nähe zu wissen. War ihr damals schon klar gewesen, dass sie eines Tages jemanden wie ihn benötigen würde? Beinahe hätte Suvaïdar sie dafür verachtet – bis ihr klar wurde, dass Tarr sich genauso verhielt, wenn er versuchte, die Jungen, die der Akademie anvertraut wurden, am Leben zu erhalten, obwohl es für das allgemeine Interesse vielleicht besser wäre, sie ihrem Schicksal zu überlassen. Doch Tarr war ein Asix und ertrug es nicht, einen Shiro zum Tode zu verurteilen, der ihm anvertraut worden war, obwohl Odavaïdar rigoros blinden Respekt vor dem Sh’ro-enlei einklagte.
Suvaïdar beschloss, den ganzen Tag und die ganze Nacht im Hospital zu bleiben, um das Material, das ihr zur Verfügung stand, gründlich zu sichten. Hin und wieder schlief sie auf einem medizinischen Untersuchungstisch. Sie hatte Angst davor, wieder in das Haus des Clans zurückzukehren, wo Middael sich in ihr Zimmer schleichen könnte, ohne dass es jemandem auffallen würde.
Jetzt blieb ihr nur noch, sich einen Holo-Cube anzuschauen, der über die vollzogenen Modifikationen berichtete. Sie hatte sich vorgenommen, damit bis zum Schluss zu warten, und den Moment immer wieder hinausgezögert. Und das umso mehr, als Yoriko Sobieski nur widerstrebend und verwirrt davon gesprochen hatte. Aber jetzt war Suvaïdar bereit, sich die Aufzeichnungen anzusehen.
»Das ist nicht sehr angenehm«, sagte Sevrin einsilbig, als sie Suvaïdar den Holo-Cube reichte.
Nachdem diese den Cube aktiviert hatte, wurde im Zimmer eine blonde, wohlgenährte Außenweltlerin dargestellt. Sie redete in der unverständlichen Sprache der Vorfahren, doch die Übersetzung erschien auf halber Höhe des Bildes. Nachdem Suvaïdar verwirrt den ersten Satz gelesen hatte, hielt sie das Band an und spulte es zum Anfang der Aufzeichnung zurück. Sie wollte sicherstellen, dass sie sich nicht geirrt hatte.
»Maria Jestak-Gonzalo«, stellte sich die Außenweltlerin vor. »In diesem sechzehnten Jahr seit der Landung auf diesem unwirtlichen und schauerlichen Planeten scheint es mir opportun, die Arbeiten zusammenzufassen, die ich am menschlichen Genom und an dem der Gorillas durchgeführt habe. Ich weiß nicht, für wie lange wir noch ausreichend Energie haben, um eine Holo-Aufzeichnung machen zu können. Jan Sobieski bestätigt, dass er ein zentrales Elektrizitätswerk bauen wird. Dafür wird ein Wasserlauf in eine andere Richtung gelenkt und die Hochebene durchqueren. Ich befürchte jedoch, das Unterfangen wird so lange dauern, dass ich die Verwirklichung nicht mehr erlebe.«
Anschließend erklärte sie, wie sie die Hilfskräfte bekommen hatte. Sie hatte diese ganz einfach als »A« abgekürzt und als »A 1« und »A 2« für die einfachen Zellgruppen im Reagenzglas nummeriert. »A 3« hatte sie die kurzlebigen Wesen genannt, die nach ein paar Monaten unsicherer Existenz gestorben waren. Dann folgten die »A 4«, was sie mit einer Geste der Hand hervorhob, wobei sie das tierische, ja dümmliche Aussehen der Wesen betonte – ihre kleinen runden Augen, in denen ein schwaches Leuchten von Intelligenz zu erkennen war. Zum Schluss kamen die »A 5«.
Suvaïdar betrachtete die Jestak, wie gebannt vor Bewunderung. Man saß nicht jeden Tag so einem Idol gegenüber, das bereits vor Jahrhunderten gestorben war. Und nun konnte man sie reden hören, als wäre sie im Zimmer.
»Was die A 5 betrifft, habe ich gute Hoffnungen, aber erst einmal müssen ihre aggressiven Neigungen korrigiert werden. Ich darf sie aber auch nicht zu friedfertig machen, sonst taugen sie nicht für den täglichen Kampf gegen die einheimische Fauna. Ich habe beschlossen, genauso vorzugehen wie beim Felis tigris. Ich kenne bereits die passende Stelle im Genom des Hundes, ich muss nur noch einige Feinabstimmungen vornehmen.«
Die Frau rieb sich die Augen und sah für einen kurzen Moment unglaublich alt und müde aus, doch als sie wieder zu sprechen anfing, klang ihre Stimme plötzlich gehässig. Man hätte fast meinen können, die Stimme gehöre einer ganz anderen Person.
»Dieser Idiot von Alvaro! Ich kann nicht verstehen, wie er es geschafft hat, diese Hölle auszuwählen, selbst als zweite Wahl nicht. Zum Glück ist er auf der Reise gestorben, sonst hätte ich ihn wie ein Tier lebend seziert!« Sie wischte sich mit wütender Geste den Schweiß vom Gesicht. »Es ist sein Fehler, dass wir hier gelandet sind ... sein Fehler und der des Exarchen von Landsend. Könnten die schwachsinnigen Götter ihrer dämlichen Religion ihn doch in eine noch schlimmere Hölle schicken und ihn darin schmoren lassen!« An dieser Stelle war die Übersetzung unvollständig und wurde von Auslassungspunkten und Fragezeichen unterbrochen, ehe es dann weiterging: »Die Idee, die Wissenschaft zu unterdrücken, kann nur dem Hirn eines niederen Wesens entsprungen sein. Ganz gleich, was man darüber sagt: An der Spitze einer vermeintlichen Demokratie wird er keine Person von Bedeutung sein. Idioten können nur andere Idioten wählen – das ist ein System, das eine Angleichung nach unten vornimmt und unzumutbar für diejenigen ist, die dank ihrer Intelligenz und ihrer Kultur natürlicherweise dafür geschaffen sind, zu herrschen. Als man die Labore von Estia bombardiert hat, hat dieser Dummkopf von Exarch geglaubt, er habe alle meine Schöpfungen zerstört, die Frucht jahrelanger Recherche, doch ich hatte Vorkehrungen getroffen.«
Ihr Gesicht nahm einen durchtriebenen, boshaften Ausdruck an, und Suvaïdar fröstelte. Das war nicht Maria Jestak – und wenn sie es doch war, würde es bedeuten, dass sie auf Ta-Shima verrückt geworden war. Diese schreckliche, fette Außenweltlerin war offensichtlich geisteskrank.
»Die wiederverbindenden Plasmide, die ich als Träger zum Klonen der Chimären-Gene eingesetzt habe, wurden in eine Phagozyt-Zelle eingefügt, welche die verantwortlichen Bakterien banaler Krankheiten besiedelt. Sie sind in der Lage, sich selbstständig in den Gastzellen zu vermehren, und sie sind bereits seit mindestens drei Monden ausgeschwärmt.«
Das Bild schwenkte schnell um und zeigte eine Reihe verwachsener, scheußlicher Tiere.
»Die Mutationen«, übersetzte Suvaïdar, »waren sehr kräftig und vermehrten sich mit Hilfe irgendwelcher infektiöser Krankheiten, vergleichbar denen, an denen Mensch und Tier auf anderen Planeten oft erkranken. Folglich kann sich ohne das Wissen eines Züchters ein infiziertes Tier in einer Herde einfinden, das die Krankheit dann auf die anderen überträgt. Wenn diese Tiere dann niederkommen, bringen sie keine Kühe oder Ziegen zur Welt, sondern schauderhafte Dinge. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Maria Jestak das Gleiche mit dem menschlichen Genom gemacht hatte. Nach einer ganz banalen Krankheit – eine dieser fremdartigen Erkältungen, die den Außenweltlern mehrmals im Jahr die Nase laufen ließen – haben bestimmte Frauen Wesen zur Welt gebracht, die einem Albtraum entstiegen zu sein schienen.«
Jetzt verstehe ich, warum Landsend alles Mögliche versucht hat, um die Monster zu vernichten, die Marias Hirn entstammten, dachte Suvaïdar. Zudem hatte diese Verrückte jahrelang alles für ihre Flucht vorbereitet. So etwas ging nicht im Vorbeigehen.
»Die folgende Sequenz ist meine zweite Vorsichtsmaßnahme, das spirituelle Testament, das ich denen hinterlasse, die meine Nachfolge antreten. Nicht für meine direkten Abkömmlinge, weil ich mich bereits vor unserer Abreise habe sterilisieren lassen, nein, für die Kreaturen, die ich geschaffen habe, die Früchte meiner Intelligenz. Ich musste es verstecken, denn ich will nicht, dass sie es zerstören können.«
Die Frau streckte die Hand aus, und ein zweites Bild erschien neben ihr, ein Hologramm in einem Hologramm, eine Scheußlichkeit, bei der Suvaïdar entsetzt die Augen aufriss. Es war ein Wesen von unbestimmbarer humanoider Gestalt: ein Kopf, ein Rumpf und vier Gliedmaßen, wobei ein Glied sich von dem anderen unterschied. Statt eines Armes besaß das Wesen eine Art Zange, ähnlich wie die eines Skorophons. Dort, wo sich das rechte Bein hätte befinden müssen, war nur ein schrecklicher Wirrwarr aus Fangarmen zu sehen, die es dem Wesen unmöglich machten, aufrecht zu stehen oder zu gehen.
Warum eine solche Kreatur erzeugen, wenn nicht aus Lust am intellektuellen Spiel? Um sich zu beweisen, was alles machbar wäre? Es war infam. Die Genetik sollte dazu dienen, Krankheiten zu behandeln oder die physischen Bedingungen von Mensch und Tier zu verbessern und nicht irgendwelche Geschöpfe zu konstruieren, die nur überflüssiges Zeug waren, selbst wenn diese Arbeit große Kenntnisse und eine übermenschliche Kapazität erforderte. Das war genauso stupide wie die technologischen Spiele der Bewohner Wahies und nicht weniger kostenträchtig.
Die Kreatur war an irgendetwas festgebunden, das an einen Autopsie-Tisch erinnerte, offensichtlich aus Metall und nicht aus Holz. Eine lächerliche Verschwendung, sagte Suvaïdar sich verwirrt, bis ihr wieder in den Sinn kam, dass in der Außenwelt Metall nichts Seltenes war. Vier Sattelgurte hielten die Gliedmaßen; über dem Knebel, der den Mund verschloss, schauten zwei menschliche Augen verschreckt auf die Silhouette, die sich mit einem Skalpell in der Hand näherte.
Zwischenzeitlich erklärte die Jestak schulmeisterlich, wie sie dieses Monster geschaffen hatte. Doch es war ein zu schwieriger Jargon, als dass Suvaïdar hätte begreifen können, auf welche Weise es der Jestak gelungen war, die Verschmelzung der Gene zu bewerkstelligen. Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren und die Augen von dem zu lösen, was die Silhouette im Kittel, die ihr den Rücken zugewandt hatte, gerade machte. Mit völligem Gleichmut hatte sie begonnen, eine klassische Autopsie vorzunehmen. Sie hatte einen Y-Einschnitt von den Schlüsselbeinen bis zum Bauchnabel gemacht, ohne sich in irgendeiner Weise Gedanken darüber zu machen, dass unter ihrem Skalpell ein Tier oder eine Tier-Mensch-Chimäre lag, die lebte und bei vollem Bewusstsein war.
Enthusiastisch und ausführlich erklärte Maria die Modifikationen der inneren Organe und deren abwegiges Funktionieren. Suvaïdar schloss für einen Moment die Augen, weil sie es nicht sehen wollte. Sie konnte mit relativer Gleichgültigkeit bei einem Ehrenmord im Fechtsaal dabei sein, doch diese unmotivierte Grausamkeit war zu abscheuerregend. Trotzdem zwang sie sich, die Augen wieder zu öffnen. Wenn diese Frau die Wurzel des Jestak-Clans war, die berühmte Wissenschaftlerin, die am Genom der Shiro eine Reihe von Modifikationen vorgenommen hatte, wollte Suvaïdar sich die Aufzeichnungen bis zum Ende anschauen.
Die Jestak redete und redete und wechselte von einem Thema zum nächsten, wobei sie die Wörter durcheinanderbrachte und vier verschiedene Versuche beschrieb. Jedes Mal wurde die entsprechende Chimäre einer Autopsie unterworfen, um die Veränderungen anschaulich zu machen. Das letzte Exemplar war ein A 5, der einem Asix schon sehr ähnlich war. Suvaïdar musste an dieser Stelle unterbrechen, um rasch zu den Toiletten zu gehen, wo sie ihr Frühstück erbrach. Wieder zwang sie sich, weiter zuzuschauen und sich immer wieder einzureden, dass es kein Asix war.
Marias Worte wurden immer konfuser. Sie schaute ständig hinter sich, und ihre wissenschaftlichen Erklärungen waren von sprunghaften Bemerkungen durchsetzt.
»Sie waren nicht sehr treu mir gegenüber, aus Neid gegenüber einem höheren Geist wie dem meinen. Sie sind immer einverstanden, sie beachten mich immer, wenn ich vorbeigehe, aber sie können Gedanken lesen, und ich muss aufpassen. Sie verschwören sich hinter meinem Rücken. Gestern hat Sobieski hinter sich geschaut, als ich vorbeiging. Auch er überwacht mich. Es ist eine Verschwörung. Sie verachten mich für das, was ich bin, und sie sind neidisch auf mich. Aber sie werden schon sehen, was ich wert bin, und das wird ihnen Angst machen. Ich tue, was getan werden muss, und meine neuen Inkarnationen sind schon bereit.«
Wieder legte sie die Hand auf die Stirn und schwieg einen Moment. Als sie dann fortfuhr, wurde ihre Rede noch zusammenhangsloser, und sie wiederholte sich mehrere Male. Trotz ihrer fanatischen Stimme blieb ihr Gesicht ausdruckslos und unbewegt, und ihr Blick verlor sich in der Leere. Ohne Grund brach sie plötzlich in ein vulgäres Lachen aus; dann nahm sie von Neuem ihren monotonen, sinnlosen Diskurs auf.
Suvaïdar stoppte das Band und machte sich auf die Suche nach Yoriko Sobieski und ihrer Thermobox mit Tee.
»Du hast es dir bis zum Ende angeschaut?«, fragte Yoriko.
»Ja. Ich habe immer geglaubt, dass unsere Vorfahren Opfer der fanatischen Theokratie Landsends geworden sind. Jetzt aber frage ich mich, ob ich ihnen nicht dabei geholfen hätte, eine der Raketen abzufeuern.«
»Weißt du, dass wir die Aufzeichnung zufällig entdeckt haben? Sie war in einem tragbaren Memo mit Untersuchungsprotokollen über Hunde verschlüsselt. Ich frage mich wirklich, wie jemand das unter den Tisch hat fallen lassen können. Nachdem wir begriffen hatten, dass ein Teil der Botschaft verborgen war, hat es Wochen gedauert, die Aufzeichnung wiederherzustellten. Die Sequenz wurde in einem ganz bestimmten Moment unterbrochen und erst elf Minuten später wieder aufgenommen. Das war ein irrsinniger Code. Hätte sie gewollt, dass jemand ihn findet, hätte sie Schlüsselziffern einbringen müssen. Ohne einen Asix Van Voss, der sich mit der künstlichen Intelligenz und den Comp-Systemen im Krankenhaus beschäftigt und zwei Tage damit zugebracht hat, wäre die Botschaft weitere sechshundert Trockenzeiten lang verborgen geblieben. Maria Jestak musste bereits schizophren gewesen sein, als sie noch in Estia lebte, sonst könnte ich mir einige ihrer Forschungen nicht erklären – und auch nicht die Tatsache, dass sie ihre Schimären auf anderen Planeten zerstreut hat. Die Krankheit war zweifelsohne unterschwellig. Sie ist ausgebrochen, als sie dem Stress der Flucht und der Landung hier ausgesetzt wurde. Würde sie heute leben, würde sie einer Akademie anvertraut, und niemand hätte je von ihr gehört, zumal sie steril war – jedenfalls nach dem zu urteilen, was sie im Holo-Cube gesagt hat. Zumindest können wir sicher sein, nicht von ihr abzustammen.
Aber wenn sie den Phänotyp unserer Vorfahren modifiziert hat, damit er sich an die Umwelt anpasst – Haut und Iris dunkel, schmale Augen, dichte Wimpern und eine größere Widerstandsfähigkeit der Hitze gegenüber – dann hat sie das gemacht, was sie ›ihre dritte Vorsichtsmaßnahme‹ genannt hat: die Einführung ihrer nicht biologischen Marker. Wir kennen von einem den Zweck: Er verschlüsselt die Hemmung, die Asix und andere Formen transgenetischen Lebens schlecht zu behandeln. Doch nach dem, was sie am Ende des Cubes erklärte – in dem Augenblick, als sie plötzlich wieder rational agierte –, muss es weitere Marker geben. Wie können wir sie identifizieren und ihre Wirkungen entdecken? Wir haben niemals ein vergleichbares Element gehabt, bevor die Außenweltler aufgekreuzt sind.
Seither versuchen wir, eine vergleichende Analyse zu machen, aber du kannst dir vorstellen, wie schwer das ist. Abgesehen davon, dass die Fremden von verschiedenen Planeten kamen, auf denen sich womöglich gewisse Eigenarten entwickelt haben, liegt es auf der Hand, dass wir Tausende, sogar Zehntausende Blutproben brauchen, um feststellen zu können, ob ihre DNA im Vergleich zu unserer eine Abweichung enthält. Man muss den allgemeinen Nenner finden, für uns und für sie, und zudem hiesige Besonderheiten. Und in dieser Zeit kann ich nicht umhin, mich zu fragen, ob einige Aspekte unserer Persönlichkeit natürlicher Art sind oder das Resultat der Manipulationen Maria Jestaks. Wir sind, wie sie es im Cube gesagt hat, ›ihre Kinder‹. Das ist auch der Grund dafür, dass die ehrwürdige Ärztin dich darum gebeten hat, Suvaïdar, dich an den Forschungen zu beteiligen. Du hast lange Zeit unter den Anderen gelebt. Findest du, dass sie sich grundlegend von uns unterscheiden?«
Suvaïdar überlegte lange; dann hob sie langsam die linke Hand als Zeichen der Zustimmung.
»Sie haben keine Hörner und auch nicht mehr Hände als nötig, doch ja, ich glaube wirklich, dass sie sich von uns unterscheiden. Im Übrigen muss man konstatieren, dass unsere Artgenossen, die mit den Fremden zu tun haben, den Begriff ›menschliche Wesen‹ für Shiro und Asix reservieren. Sie sind überzeugt, dass es sich bei den Fremden nicht um Personen handelt. Sie empfinden sie als anders. Während sie sich selbst als menschlich betrachten, sind die Außenweltler es in ihren Augen nicht. Doch wenn die Außenweltler die wirklichen menschlichen Wesen sind, was sind wir dann?«
»Worin bestehen denn die Unterschiede? Was meinst du?«
»Sie gehen nicht logisch vor, zumindest aus unserer Sicht. Es fehlt ihnen an Pragmatismus ... es ist schwer zu erklären. Ich möchte kein negatives Bild vermitteln. Die Außenweltler haben andere Gedanken, andere Verhaltensweisen und andere Grundeinstellungen als wir – in fast jeder Hinsicht. Doch wie soll man erkennen, was genetisch bedingt ist und was anerzogen wurde? Manchmal sind sie widerlich, schlimmer noch als ein giftiger Skorophon, und manchmal auch schrecklich kleinlich. Sie bestehlen sich gegenseitig, ohne dass sie wirklich Hunger haben, und sie begehen grausame Taten, die gar nicht nötig wären. Unter ihnen gibt es Personen, denen es Spaß macht, andere zu quälen, oder Leute, die andere gegen ihren Willen dazu drängen, mit ihnen die Matte zu teilen. Und es gibt welche, die Kinder vergewaltigen. Außerdem denken sie nur daran, sich überflüssiges Zeugs anzuschaffen, das völlig absurd ist, wie du dir vorstellen kannst: Metallstücke, die sie am Körper befestigen, die Haut von toten Tieren, aus der sie Kleidung fertigen, und Maschinen, die zu nichts nutze sind. Und um diese unsinnigen Dinge erwerben zu können, berauben sie notfalls andere Personen.«
»Was für ekelhafte Barbaren!«, rief Yoriko verächtlich. »Solche Menschen müssten sterilisiert und in die Minen geschickt werden, damit sie sich nützlich machen.«
»Ja, aber einige von ihnen sind in der Lage, sich zu opfern – für Menschen, die nicht zu ihrem Clan gehören, die sie vielleicht nicht einmal kennen, und das, ohne zuvor einen entsprechenden Befehl erhalten zu haben. Das würde wir, die Shiro, niemals tun. Wir sind wie die Hochebene, sie hingegen sind wie der faulige, stinkende Sovesta am Corosaï. Auch die Beziehung der Menschen untereinander ist merkwürdig. Fast alle erziehen übrigens ihre Kinder selbst, und was sich da zwischen Mann und Frau abspielt ...«
»Herrje! Sie machen das doch nicht wie wir?«, fragte Yoriko mit runden Augen.
»Das wollte ich eigentlich gar nicht sagen, aber da gibt es etwas ganz Persönliches zwischen ihnen. Was für einen Unterschied macht es schon, die Matte mit dem einen oder anderen zu teilen, Hauptsache, es ist ein hübscher Junge! Das einzige Kriterium für mich besteht darin, dass es besser ist, den Partner häufiger zu wechseln, wenn man Asix zu sich ins Haus einlädt. So entsteht nicht das Bild einer besonderen Vorliebe, und keiner fühlt sich ungerecht behandelt. Aber in der Außenwelt können sie sich bei ihren Matten-Geschichten ziemlich merkwürdig zeigen. Anfangs hatte ich von Zeit zu Zeit einen Außenweltler zu mir eingeladen, aber das war nicht sehr angenehm.«
»Wollten sie dir wehtun? Wie dem kleinen Asix-Mädchen, das mit euch auf dem Raumschiff war?«
»Nein, aber keiner hat sich normal verhalten. Einige waren sogar erzürnt, dass ich sie eingeladen hatte. Aber warum sind sie dann gekommen? Andere fingen an zu fantasieren und wollten, dass ich mit ihnen in ihrem Haus lebe ...«
»Im Haus ihres Clans?«
»Nein, die Sitabeh haben für sich allein ein Haus, das sie nur mit ihrem Partner und den gemeinsamen Kindern teilen.«
»Das ist ja abartig!«
»Da hast du recht. Und es ist auch nicht sehr rationell. Jeder verliert Zeit damit, seine eigenen Mahlzeiten in der Küche zuzubereiten und seine Kinder zur Schule zu begleiten. Was die Arbeit betrifft, müssen sie nicht so lange schuften wie wir, doch ihre gesamte Freizeit verbringen sie damit, sich mit Dingen zu beschäftigen, die viel langweiliger sind als die Arbeit. Und das ist noch nicht alles. Sie glauben, du müsstest mit ein und demselben Mann Jahre über Jahre verbringen, wenn du erst einmal die Matte mit ihm geteilt hast. Wenn sie sich dann einen anderen Partner für die Matte suchen, machen sie es heimlich und treffen alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen, um nicht entdeckt zu werden. Wenn man sie dabei überrascht, gibt es eine Menge Probleme.«
Yoriko schaute sie ungläubig an.
»Jahrelang mit ein und derselben Person die Matte teilen? Und auch die Tage mit ihr verbringen? Das grenzt schon an Wahnsinn. Würde ich das mit einem Shiro machen, würde ich schon nach zehn Tagen im Fechtsaal enden. Und was das Zusammenleben mit einem Asix betrifft – wie sollte das möglich sein? Man würde vor Langeweile sterben.«
»Ich glaube, auch sie sterben im Allgemeinen vor Langeweile, auch wenn einer manchmal ein besonderes Interesse für einen anderen hegt – so wie wir für einen Sei-Hey oder einen Bruder, der gleichzeitig die Matte mit uns teilt. Aber es gibt da etwas zugleich Abstoßendes und Faszinierendes. Sie interessieren sich persönlich für ihre Kinder. Das ist wider die Natur, ich weiß, aber auf der anderen Seite ... Vielleicht hast du schon gehört, dass einer meiner Brüder von derselben Mutter und ich zusammen bei unserer Pflegemutter geblieben sind, bis die Volljährigkeitsprüfungen anstanden. Ich sage dir, die Sache hat auch etwas Schönes.«
»Aber es war die Asix-Pflegemutter, die sich um euch gekümmert hat, nicht deine leiblichen Eltern.«
»Das stimmt. In meinem Fall war übrigens Jori Jestak der leibliche Vater. Du hast sicher schon mal von ihm gehört. Ich könnte nicht sagen, wie viele Tage ich überlebt hätte, hätte er sich um mich gekümmert. Er verbrachte mehr Zeit mit einer Blutklinge in der Hand als mit irgendwelchen anderen Dingen. Ich meine verstanden zu haben, dass die Außenweltler für ihre Kinder ähnliche Gefühle entwickeln, wie sie uns gegenüber eine Pflegemutter aufbringt. Ich weiß, das klingt merkwürdig, aber das ist so.«
»Das Ganze scheint mir nicht natürlich zu sein. Ich jedenfalls würde nicht einen Tag mit den Knirpsen verlieren wollen. Ich verstehe nicht, wie die Pflegemütter das schaffen, und mit den kleinen Shiro kann ich es mir erst recht nicht vorstellen. Jeder normale Mensch ...«
Sie hielt verwirrt inne. Zweifellos hatte sie sich daran erinnert, dass Reomer Jestak einer von Suvaïdars Sei-Hey gewesen war und dass er sich lächerlich gemacht hatte, als er der Tutor seiner zwei biologischen Töchter wurde. Sie warf einen Blick auf die Narben im Gesicht ihrer Gesprächspartnerin und beeilte sich, das Thema zu wechseln.
»Hast du in der Außenwelt noch andere Merkwürdigkeiten wahrgenommen?«
»Mehr, als dass ich mich in ein paar Minuten daran erinnern könnte. Eine andere unverständliche Sache ist die unangemessene Bedeutung, die bei ihnen das überflüssige Zeug hat. Es ist noch bizarrer, als ich bereits erwähnt habe: Skulpturen, die zu absolut nichts taugen und für die sie kostbares Metall verschwenden, Stoffe, auf denen sie Farbpigmente verteilen und Cubes, die Geschichten erzählen, die niemals stattgefunden haben – extrem ermüdende Bandaufzeichnungen, laut, mit rhythmischem Lärm. Ohne Ende sprechen sie über dieses überflüssige Zeug und darüber, wie schön sie es finden.«
»Was könnte an solchen Dingen schön sein? Schön sind die ersten Regentropfen nach der Trockenheit, der Körper eines Asix im Licht der Nacht beim Fest der drei Monde, ein Duell zwischen zwei Fechtchampions oder die erste Mahlzeit nach der neuen Ernte. Welches Interesse könnte man an bunten Stoffen oder Geschichten haben, die voller Lügen sind?«
»Du hast recht. Sie sind ohne Interesse. Aber manchmal hatte ich für einen Moment den Eindruck, dass ... ach, ich kann es nicht erklären. Das ist so, als würde mir etwas fehlen, das ich unbewusst zu haben glaube, wie es bei Menschen der Fall ist, die eine Amputation hinter sich haben und danach Schmerz in dem Körperglied fühlen, das sie gar nicht mehr besitzen.«
»Das ist, als hätte Maria uns etwas amputiert, als sie uns modifiziert hat, damit wir für das Leben auf Ta-Shima besser angepasst sind«, murmelte Yoriko. »Aber wie hat sie es angestellt, dass wir alle ... Was ich meine, ist, dass sie notwendigerweise die Chromosomen all jener verwendet hat, die an Land gegangen waren, um den genetischen Pool nicht über Gebühr auszulaugen.«
»Ein dominantes Allel, nehme ich an. Das ist nicht sehr kompliziert.«
»Nicht kompliziert? Das sagst du so. Ich wüsste nicht einmal, wie ich es anfangen sollte, das Allel zu identifizieren.«
»Keine von uns ist schuldig. Sie wollte zweifellos nicht, dass wir herausfinden, was sie getan hat, deshalb hat sie uns auch nicht alles übermittelt. Wusstest du, dass sie einen Teil ihres Materials zerstört hat? Das waren sicherlich die perfektionierten Instrumente. Aber man wäre in Nova Estia bestimmt in der Lage gewesen, neue herzustellen, hätte sie nicht auch Sorge dafür getragen, dass die Pläne vernichtet wurden. Erst kürzlich haben wir einige wichtige Geräte erworben und uns bei den Händlern aus der Außenwelt für die nächsten zehn Jahre verschuldet. Vielleicht können wir nach einigen hundert Jahren Forschung und dank der natürlichen Intelligenz im Lebenshaus auf dieselben Entdeckungen stoßen, allerdings nicht so zwangsläufig. So verrückt wie Maria Jestak auch war, sie war eines der größten Genies, die jemals gelebt haben.
Doch wenn ihre Forschungen die Regierungen der Föderierten Planeten dazu gebracht haben, ihr jegliche genetischen Untersuchungen zu verbieten, dann nehme ich an, dass sie systematisch die Bücher, die Videobänder und die Holos zerstört haben. Um den von Maria eingeschlagenen Weg wiederzufinden, müsste man Entdeckungen ans Tageslicht bringen, die die Menschheit seit Hunderten von Jahren vergessen hat.«
Suvaïdar dachte an die Augen der Kreaturen, die auf dem Autopsie-Tisch festgebunden gewesen waren – Augen voller Schmerz und Leid. Am schlimmsten war es beim letzten Experiment gewesen. Diese Kreatur, die das Skalpell mit angstvoll aufgerissenen Augen fixiert hatte, war körperlich nahezu identisch mit einem Asix gewesen.
Suvaïdar fragte sich, ob diese Art von Experimenten notwendig sei, um herauszufinden, welcher Teil ihres Genoms künstlich war.
Im Labor gab es einen Spiegel, der bei einigen Experimenten eingesetzt wurde. Sie stellte sich davor, um sich zu betrachten. Und sie sah eine Shiro mit einem unleserlichen Ausdruck und einem Blick ohne Wärme. Irgendwo unter dieser Maske aus auferlegten Konventionen versteckten sich jene Elemente, die Maria allen Shiro übertragen hatte. Sie schüttelte sich und suchte die Augen von Yoriko Sobieski, doch ihre Kollegin hatte sich davongemacht.
Tja, sagte sich Suvaïdar, die Galaxie hat mich geschützt! Was hätte sie riskiert, eine derartige Emotion in der Öffentlichkeit zu zeigen! Vielleicht, überlegte sie, habe ich endlich begriffen, was das Sh’ro-enlei wirklich bedeutet. Und jetzt, wo ich weiß, wer wir Shiro sind, habe ich kein Problem damit, das Nötige bei Odavaïdar und Middael zu veranlassen. In erster Linie handelt es sich bei ihnen doch – wie hat Oda noch gesagt? – um wahrhaftige Personen.
Suvaïdar atmete tief durch und wandte sich wieder den Manipulationen zu, die Maria und ihre drei Klone – Sigrid, Gemina und Clara Jestak – beim Genom der ersten Kolonisten vorgenommen hatte.
Aus einem Grund, der ihr unklar war und der lang und breit in einer technischen Sprache erklärt wurde – so kompliziert, dass man sich fragen musste, ob diejenigen, die sie benutzt hatten, überhaupt verstanden werden wollten –, hatte die Stimulation des Gens, das die Selbstregeneration der Zellen programmierte und den Alterungsprozess verlangsamte, bei den Shiro besonders gute Resultate erbracht. Bei anderen Lebensformen hatte die Stimulation des Gens sich weniger erfolgreich gezeigt. War ein Asix in einem Alter, in dem die meisten Außenweltler bereits schwach und für Krankheiten anfällig waren und an einem der fremdartigen Übel zugrunde gingen, die ihren Organismus befielen, noch jugendlich und lebhaft, konnte ein Shiro darauf hoffen, gut zweimal so alt zu werden wie die gesündesten und widerstandsfähigsten Außenweltler. Oder, um genauer zu sein, er konnte damit rechnen, wenn er nicht vorher sein Leben bei einem Duell verlor oder das Shiro-Privileg wählte – aus einem Grund, den meist nur er selbst kannte.
Die Ausrottung der Erbkrankheiten, die Widerstandskraft Infektionskrankheiten gegenüber und die leichten Modifizierungen, die dazu dienten, das Leben auf Ta-Shima erträglicher zu machen, waren relativ einfache Eingriffe gewesen, die jede x-beliebige Genetikerin im Lebenshaus durchführen könnte. Alles war klar und logisch, abgesehen von den berühmt-berüchtigten, nicht biologischen Übertragungen – ein Geheimnis, das Maria Jestak mit ins Grab genommen hatte.
»Hoffen wir nur, dass sie daran gearbeitet hat, als sie noch bei klarem Verstand war«, murmelte Suvaïdar, bevor sie das Labor verließ.
*
In dieser Nacht wälzte Suvaïdar sich auf ihrer Matte hin und her und versuchte, nicht ständig an den letzten Teil der Aufzeichnung des Holo mit dem Asix vom Typ 5 zu denken. Sie sah immer wieder den jungen Mann von ungefähr fünfzehn Trockenzeiten vor sich, der, um ihn unbeweglich zu machen, mit vier Gurten an einem Tisch festgebunden gewesen war, während ein Skalpell seinen Brustkorb aufschlitzte.
Plötzlich wurden ihre Grübeleien unterbrochen. In der Dunkelheit ihres Zimmers nahm sie plötzlich eine Bewegung wahr.
»Wer ist da?«, rief sie.
Eine Antwort kam nicht. Nur ein unmerkliches Klacken war zu hören, als wäre ihre Tür geschlossen worden.
Sie zog sich schnell ihre Sachen an, die sie für den nächsten Tag schon bereitgelegt hatte, sprang flink aus dem Fenster und bewegte sich auf die Hütten der Asix zu. Waren das Schritte, die sie hinter sich hörte? So nah am Haus war die Dunkelheit besonders dicht, sodass man rein gar nichts erkennen konnte.
Wenn ich ihn nicht sehe, kann er mich auch nicht sehen, sagte sie sich. Ich habe keinen Geruch wahrgenommen, also ist es mit Sicherheit kein Asix, der in mein Zimmer gekommen ist – falls das Ganze nicht nur ein Hirngespinst ist.
Suvaïdar verbrachte die Nacht in einer der Asix-Hütten, und da sie keine Lust verspürte, eine weitere Nacht ohne Schlaf zuzubringen, nur weil sie geheimnisvolle Geräusche hörte – wirkliche oder eingebildete –, die sie vom Einschlafen abhielten, eilte sie noch vor der Morgendämmerung in die Akademie des Inneren Friedens.
Eine Gruppe junger Shiro war gerade damit beschäftigt, den Boden mit Wasser zu säubern. Das mussten die Schüler sein, die der Akademie anvertraut worden waren. Suvaïdar beobachtete sie heimlich, um sich ein Bild davon machen zu können, ob sie irgendwie anders waren. Doch das Einzige, was sie sah, waren ausdruckslose Gesichter. Sie arbeiteten, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Als Suvaïdar nach Tarr fragte, begnügte sich einer von ihnen damit, den Blick zu heben und mit der Hand auf das hintere Zimmer zu weisen, das noch verschlossen war. Suvaïdar ging auf das Zimmer zu, hielt dann aber verunsichert inne.
»Kann ich klopfen?«, fragte sie.
Zwei Schüler schüttelten die Köpfe, ohne ein Wort zu sagen, und nahmen ihre Arbeit wieder auf. Suvaïdar ging durch den Fechtsaal. Sie hatte den Eindruck, dass alle Blicke auf ihren Rücken gerichtet waren. Vor Tarrs Tür setzte sie sich auf den Boden, um zu warten. Als sie sich auf die Knie hockte, um es sich bequemer zu machen, gelang es ihr, einen Blick auf die Shiro zu werfen. Nein, niemand schenkte ihr eine besondere Aufmerksamkeit. Die jungen Shiro hatten gerade das Säubern des blauen Holzfußbodens beendet. Kein einziges Wort hatte man von ihnen gehört.
Die nächsten Minuten kamen Suvaïdar unendlich lang vor. Die jungen Shiro beunruhigten sie. Deshalb war sie erleichtert, als sie den Fechtsaal verließen. Bevor sie gingen, grüßten sie mit einem Kopfnicken in Richtung des Zimmers ihres Meisters.
Schließlich öffnete sich die verschiebbare Tür, und Tarr erschien auf der Schwelle. Er trug seine Kleidung und ein Handtuch über dem Arm und warf Suvaïdar nur einen kurzen Blick zu.
»Ich will mich waschen«, brummte er.
Er ging zu den Duschen, und unter seinem schweren Schritt erzitterte der Boden. Er war noch viel stattlicher als in jungen Jahren, mit breiten Schultern, die im Vergleich zu seiner Statur viel zu gewaltig und über und über mit dichter, lockiger Wolle bedeckt waren, und kräftigen Beinen, die noch viel kürzer schienen, weil die Muskeln an Oberschenkeln und Waden so kräftig waren.
Eine zierliche Shiro mit feinen Gliedmaßen, die mit blauen Flecken und Hiebspuren übersät waren, schlich sich wie ein wildes Tier mit verstohlenen Bewegungen aus dem Zimmer und folgte Tarr. Die junge Frau war Néko, wie Suvaïdar wusste. Sie folgte beiden mit ihren Blicken.
Das ist normal, überlegte sie. Die jungen Leute, die der Akademie anvertraut werden, leben wie in einem kleinen Clan miteinander. Sie haben die Erlaubnis, in den Häusern, aus denen sie kommen, ihre Bekanntschaften zu besuchen.
Doch in den ersten Jahren kam das eher selten vor; deshalb suchten sie sich meist Freunde und Partner unter den Bewohnern der Akademie.
Tarr kam zurück und brachte sein frugales Frühstück mit: Früchte und eine große Schale Tee.
»Möchtest du?«, fragte er Suvaïdar.
»Ich habe bereits gegessen, danke. Habt ihr eine Küche?«
»Nein. Die Clans, die mir ihre Jungendlichen anvertraut haben, bezahlen mich für meine Arbeit in Naturalien: Lebensmittel, Kleidung, Reparaturen. Was ist los? Woher kommt dein plötzliches Interesse?«
»Pure Neugierde. Deine Schüler haben mich sehr beeindruckt, als ich hier angekommen bin. Sie haben ihre Arbeit in völliger Stille verrichtet. Ist das eine Art Meditation?«
Tarr zog eine Braue hoch und schaute sie amüsiert an.
»Fünf Peitschenhiebe, wenn einer den Mund aufmacht.«
»Aber warum? Es ist doch grausam, ihnen zu verbieten, ein paar Worte zu wechseln.«
»Es ist die einzige Möglichkeit, sie daran zu hindern, sich gegenseitig zum Duell herauszufordern und sich bereits vor dem Frühstück umzubringen. Sie dürfen nur in meinem Beisein sprechen, und sie wissen ganz genau, dass es besser ist, sich an meine Anordnungen zu halten.«
»Ich wusste gar nicht, dass so das Leben eines Meisters aussieht. Nun verstehe ich auch, warum Riodan Lal immer so hart war.«
»Riodan Lal waren siebzehn junge Leute anvertraut. Ich habe schon sechzig gehabt. Wie ich dir bereits sagte, versuche ich, ihr Leben zu erhalten, während die anderen Meister vor allem darauf achten, dass die Jugendlichen keine allzu großen Probleme bereiten. Oft besteht die einfachste Methode darin, sie anzustacheln, einen älteren Schüler herauszufordern oder einen Meister, damit sie ihr unnützes und stupides Leben auf den Brettern des Fechtsaales aushauchen.«
»Du schützt sie, aber wenn du über sie sprichst, bist du nicht gerade zahm.«
»So ist nun mal die Realität. Sie sind unnütze Wesen, weil sie unfähig sind, irgendetwas für Ta-Shima oder für ihren Clan zu bewirken. Ich aber bin ein Asix. Ich muss das Leben der Shiro retten, selbst wenn sie überflüssig sind. In diesem Punkt sind wir sehr unterschiedlich. Versuch gar nicht erst, mich zu verstehen, du bist nicht in der Lage dazu.«
Ich werde ihn nicht mehr fragen, warum er mir hilft, sagte sich Suvaïdar. Ich glaube nicht, dass ich wissen möchte, wie dumm und überflüssig er mein Leben findet, unabhängig davon, dass er sich verpflichtet fühlt, es zu retten. Ich bin sicher, er weiß selbst nicht genau, warum er das tut. Ich weiß es erst seit Kurzem, doch er ist sich bewusst, wer er ist. Er brauchte keinen sechshundert Jahre alten Holo-Cube, um das zu begreifen.
»Ich habe beschlossen, dein Geschenk anzunehmen«, sagte sie schlicht, und Tarr nickte.
»Möchtest du, dass Néko auf dich aufpasst, oder soll sie sich Middaels annehmen, für den Fall, dass dieser genetische Irrtum ein weiteres Mal die Gelegenheit ergreift?«
»Nicht sofort. Ich möchte gern herausfinden, wie und warum ...« Suvaïdar hielt inne und schwieg, die Stirn in Falten gelegt, während Tarr geduldig darauf wartete, dass sie ihr Hirngespinst beendete. »Glaubst du, dass Néko fähig wäre, etwas ins Essen der Saz Adaï zu tun? Sie isst meist in ihrem Zimmer.«
»Du willst sie vergiften? Das wäre gegen eurer heiliges Sh’ro-enlei.«
»Nein. An dem Tag, an dem ich beschließe, jemanden zu töten, werde ich ihm gegenüberstehen. Dass man es so und nicht anders macht, hat mir vor nicht allzu langer Zeit eine gewisse Person vor Augen geführt. Ich möchte, dass sie ein Medikament nimmt, das für ihr Wohlbefinden unschädlich ist. Wir verwenden es, um Patienten zu betäuben, die auf eine Akupunktur nicht reagieren.«
»Ich muss gar nicht wissen, worum genau es geht. Ich verspreche dir, dass Néko der Alten auf die eine oder andere Weise etwas ins Essen mischt – mit List oder mit Gewalt. Néko wendet zwar lieber Gewalt an, aber sie gehorcht meinen Anweisungen.«
Suvaïdar bedankte sich höflich und eilte zur Apotheke des Hospitals, um den Cocktail vorzubereiten, der für die ehrwürdige Mutter ... nein, für die alte Odavaïdar Huang bestimmt war. Nach dem, was vorgefallen war, konnte sie nichts Ehrwürdiges mehr an ihr finden.
Néko nahm ohne die geringste Neugier die Holzphiole.
»Das schmeckt nach nichts. Wenn du es schaffst, das Zeug in ihre Teekanne zu geben, wird der Duft des Tees den Geruch des Medikaments überdecken. Es ist wichtig, dass du mir Bescheid gibst, sobald sie den Tee getrunken hat.«
»Der Meister hat mir gesagt, dass ich dir zu gehorchen habe«, antwortete das Mädchen missmutig.
»Wenn ich gehört habe, was die Alte zu sagen hat, ist es vielleicht möglich, eine andere Person vor dem Rat zu überzeugen.«
»Und wenn die Person nicht will, bekomme ich dann die Erlaubnis, ein bisschen nachzuhelfen? Keine schwere Verstümmelung, das will der Meister nicht.«
Sie stieß einen so traurigen Seufzer aus, dass man beinahe schon Mitleid mit ihr bekam – wenn man außer Acht ließ, dass sie nur deshalb so niedergeschlagen war, weil man ihr verboten hatte, jemanden zu foltern, den sie noch nicht einmal kannte.
»Ich glaube, du wirst sehr überzeugend auftreten müssen, aber auf eine Weise, bei der du nicht zu viele Spuren hinterlässt.«
»Wenn du mit mir zufrieden warst, wirst du es ihm sagen?«
»Du meinst Tarr?«
»Den Meister«, verbesserte Néko mit einem Leuchten in den Augen.
»Ja, natürlich, ich wollte ihm gegenüber nicht respektlos sein. Das ist die Macht der Gewohnheit, wir sind Milchbrüder.«
»Brüder? Du hast auch mit ihm die Matte geteilt?«
»Alle Brüder und Schwestern tun das von Zeit zu Zeit«, sagte Suvaïdar.
Kein Shiro hätte sich eine derartige Indiskretion erlaubt, aber Néko war ein anderer Fall. Und Hand aufs Herz: Sie jagte Suvaïdar einen wirklichen Schrecken ein, auch wenn sie es nie eingestanden hätte.
»Teilst du die Matte auch heute noch mit ihm?«, hakte das Mädchen nach, wobei sie alle Regeln der Höflichkeit vergaß.
Als Suvaïdar antwortete, sie hätten es nur vor langer Zeit getan, als sie beide noch sehr jung gewesen waren, schien Néko beruhigt. Um Himmels willen! Néko war eifersüchtig wie eine Hündin, die nicht will, dass jemand ihre Jungen anfasst. Sie musste wirklich gestört sein.
»Du wirst es ihm sagen? Er hat versprochen, dass er sich persönlich meines Rückens annimmt, wenn du ihm keinen guten Bericht ablieferst, was mein Verhalten angeht. Er kann sehr fest zuschlagen, weißt du? Das letzte Mal, als er mich mit der Peitsche geschlagen hat, musste ich eine Woche auf dem Bauch schlafen.«
Néko lächelte stolz, als würde sie von einer Belohnung sprechen, und Suvaïdar gab dem Mädchen ihr Wort. Sie dankte dem Schicksal dafür, dass ihr nicht so übel mitgespielt worden war.