5
Außenwelt – Ta-Shima
Die erste Woche der Reise verlief ohne besondere Vorkommnisse. Suvaïdar verbrachte viel Zeit allein mit sich und ihren Grübeleien, schaute sich irgendwelche Holo-Cubes oder Bücherbänder aus der Bibliothek des Raumschiffes an und diskutierte oft mit Tichaeris und vor allem mit ihrem Bruder Oda. Letzterer war immer für sie da, wenn sie Lust zum Plaudern verspürte.
»O Hedaï«, fragte Oda sie an einem dieser Tage, »du hast doch sehr viel länger als ich in der fremden Welt zugebracht. Was denkst du, was dort gerade geschieht?«
»Tut mir leid, da muss ich dich enttäuschen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Trotzdem denke auch ich darüber nach, seitdem wir an Bord gegangen sind. Wenn eine so große Macht wie die Föderation es gewollt hätte, hätte sie mich mit Leichtigkeit vertreiben und vernichten können. Doch sie hat sich nahezu sechs Trockenzeiten lang praktisch nicht um mich gekümmert. Nun aber, nach dem plötzlichen Tod von Haridar, der in Wahrheit ein Attentat war, haben die Spezialeinheiten dich und mich aufgesucht. Und das Großaufgebot des Militärs auf Wahie, nur um eine Ärztin auf der Flucht zu fassen, war völlig unverhältnismäßig. Es muss dabei um Fragen der internen föderativen Politik gehen, genauer gesagt, um die Politik von Neudachren, in die ihre Spezialkräfte verwickelt sind, wahrscheinlich auch der konservative Flügel der herrschenden Partei. Das sind die einzigen Schlussfolgerungen, die ich ziehen kann, aber das sind natürlich nur Hypothesen. Es könnte genauso gut sein, dass sie von heute auf morgen das Interesse an uns verlieren, falls an einem vielversprechenderen Ort als Ta-Shima – ein kleiner, peripherer Planet ohne Bedeutung – irgendwas passiert.« Bei dieser Definition runzelte Oda die Stirn. Suvaïdar fuhr fort: »Ich kann verstehen, dass eine solche Idee einem arroganten Shiro wie dir nicht gefällt, aber ...«
»Du bist auch eine Shiro, Suvaïdar, obwohl du die Tür hinter dir zugeworfen hast und fortgegangen bist. Auf jeden Fall bist du genug Shiro geblieben, um weiterhin deinem Teil zum Erhalt des Clans beizusteuern.«
»Tja, das zeigt, dass ich weniger Rebellin war, als ich dachte. Was ich sagen wollte ... glaubst du, man könnte in der Sporthalle des Raumschiffes ein bisschen trainieren? Ich möchte bei der Ankunft nicht den Eindruck erwecken, eine Sitabeh zu sein.«
Oda versuchte, sein Lächeln zu verbergen, als er den beleidigenden Begriff »Sitabeh« hörte, und schüttelte verneinend den Kopf.
»Ich fürchte, das geht nicht. Das Botschaftspersonal hat sich bereits eingeschrieben, und es ist unmöglich, in demselben Raum zu trainieren. Das betrifft vor allem die Frauen, das wäre ein Skandal.«
Suvaïdar pflichtete ihm bei: Die Bewohner der Außenwelten erfanden zahllose wilde Geschichten, wenn sie eine nackte Frau sahen. Das hatte sie bereits in den ersten Tagen auf Wahie festgestellt.
»Tichaeris hat einen kleinen Fechtraum im Schlafsaal der Asix eingerichtet«, fuhr Oda fort. »Wir können jeden Tag dorthin gehen. Du bist herzlich eingeladen.«
»Warum hat mir keiner was davon gesagt?«
»Ich habe darauf gewartet, dass du fragst.«
Seufzend erhob sie sich. Auf Wahie war sie eine Faulenzerin geworden; jetzt war es an der Zeit, als Ta-Shimoda wieder gesündere Lebensgewohnheiten aufzunehmen.
»Ich war immer eine Katastrophe, in jeder Hinsicht«, vertraute sie sich ihrem Bruder an, nachdem sie sich auf den Weg gemacht hatten. »Selbst Doran Huang hat das gesagt. Erinnerst du dich noch, wie streng sie war? Sie war doch auch deine Lehrerin, oder?«
»Nicht lange. Als ich gut genug war«, Oda blickte sie entschuldigend an, »hat man mich auf die Akademie des Inneren Friedens geschickt. Dort war gerade Tarr Huang zum Lehrer der Anfänger ernannt worden.«
»Tarr? Da hast du aber Glück gehabt. Er war immer sehr freundlich und begeisterungsfähig.«
»Es war dem ganzen Clan bekannt, dass er vor allem Augen für dich hatte, O Hedaï.«
»Viel Gerede um nichts! Alle Shiro hatten Asix als Gefährten.«
»Ja, aber sie haben nicht die Universität geschmissen, um mit ihnen Tête-à-Tête auf das Fest der Vier Monde zu gehen, wo doch die Saz Adaï gerade versucht hatte, ein Bündnis mit einem bedeutenden Clan zu schmieden. Und was Huang betrifft, den Chef des Clans – er hatte auch auf mich ein Auge geworfen, ganz besonders auf meine Waden. Ich habe mir nie wieder so viele Striemen zugezogen wie in der ersten Woche, als ich sein Schüler war.«
»Er persönlich hat dich unterrichtet? Das ist ja unglaublich! Was hattest du denn verbrochen?«
»Ich habe eine Sekunde aus dem Fenster geguckt, als er gerade eine Bewegung vorgeführt hat und sie erklärte.«
Sie waren nun am Schlafraum der Asix angekommen. Die Hängematten waren abgenommen und zur Seite gelegt worden, die verschiebbaren Trennwände weggestellt. Aus einer Vielzahl von Kabinen war so ein einziger großer Raum entstanden. Einige Raumfahrtbegleiter trainierten gerade unter der Anleitung eines Asix, der beeindruckende breite Schultern besaß und als Einziger sein Gesicht nicht geschützt hatte.
Oda und Suvaïdar warteten voller Respekt auf den Ruf: »Pause!« Das bedeutete, dass diejenigen gehen konnten, die sich im Übungsbereich befanden, sofern sie wollten, und neue Kämpfer dazukommen durften.
Sie grüßten die anderen, zogen ihre Tunika aus, setzten ihre Schutzmaske auf und näherten sich der Wand, an der diverse Binsenbündel unterschiedlicher Größe – unten zusammengebunden und zu zwei Dritteln mit einem dünnen Daïbanband umschlungen – befestigt waren.
»Der große Säbel?«, schlug Oda seiner Schwester vor und reichte ihr eines der längsten Bündel. Suvaïdar war einverstanden. Sie hatte keine Lust, sich auf irgendeinen schwierigen Kampfstil einzulassen.
Sie fixierte die Schutzschärpe auf Odas Brust; dann verbeugten sie sich beide vor dem Asix, der ihnen als Lehrer die Erlaubnis zum Duell erteilte. Sie machten rasch ein paar Übungen, um die Muskeln aufzuwärmen; dann packten sie die Säbel mit beiden Händen und umkreisten einander langsam, ohne den anderen auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Suvaïdar, die plötzlich das Gefühl hatte, jemand würde sich ihr nähern, wandte den Blick für den Bruchteil einer Sekunde ab und bezahlte ihren Fehler auf der Stelle: Das Binsenbündel Odas traf sie am Arm, und sie zuckte zusammen.
»Guck deinen Partner an!« Die Waffe des Lehrers traf sie mit voller Wucht auf den Waden. »Und pass auf die gebeugten Beine auf!«
Suvaïdar triefte vor Schweiß und musste zahllose Schläge einstecken, bevor endlich das ersehnte Signal »Pause« ertönte.
»Schluss für heute«, sagte der Lehrer. »Wir müssen den Schlafraum wieder für die Nacht vorbereiten.«
Sie stellten ihre Waffen zurück und wuschen sich so gut es ging in den Einrichtungen, die man beschönigend »die Duschen« der Besatzung nannte, obwohl es dort nicht genügend Wasser gab, um die Haut richtig sauber zu bekommen. Nachdem sie die Hosen ausgezogen hatten, rieben Oda und Suvaïdar sich gegenseitig mit einem nassen Handtuch den Rücken ab. Der Asix-Lehrer kam zu ihnen, stupste mit einem Finger gegen Suvaïdars flachen Bauch und sagte kopfschüttelnd:
»Dir fehlt die Übung. Du hast weniger Bauchmuskeln als eine Frau, die kurz vor der Niederkunft steht.« Dann wandte er sich Oda zu. »Und du hast das Tempo verlangsamt und absichtlich schlecht gezielt. Es ist in Ordnung, wenn man sich dem Niveau seines Partners anpasst, aber es ist vollkommen unnötig, es ihm auch noch leicht zu machen. Morgen werde ich mit euch beiden zusammen trainieren.«
»Ja«, erwiderte Suvaïdar folgsam, und mit einem Ausdruck der Besorgnis schluckte sie ihren Speichel herunter.
Beide zogen sich an und schlenderten zur Kombüse.
»Weißt du, dass man die sechste Regel der Akademie geändert hat?«, fragte Oda, während sie unterwegs waren.
»Was? Das darf doch wohl nicht wahr sein!«, rief Suvaïdar empört, um ihren Ausruf anschließend mit einem Kopfschütteln zu bekräftigen. »Ich glaube, ich habe kein einziges Mal an die sieben Regeln gedacht, seit ich an Bord der Raumkapsel nach Wahie gegangen bin. Und nun wird alles auf den Kopf gestellt, nur weil eine davon verändert wurde? Was genau hat sich denn geändert?«
»Nach ›Auf keinen Fall verwendet ein Lehrer oder Schüler eine Waffe außerhalb der Akademie oder bedient sich dessen, was er in der Akademie gelernt hat, um zu kämpfen‹, hat man ›gegen einen Ta-Shimoda‹ hinzugefügt.«
»Wie konnte es dazu kommen?«, fragte Suvaïdar. »Gab es Reibereien mit anderen Planeten?«
»Nein. Nur hier und da Probleme mit den Offizieren der Freien Händler oder den ansässigen Kaufleuten. Nichts Gravierendes. Aber die Akademie war weitsichtig genug zu erkennen, dass die Zeit gekommen war, um die Bedingungen zu ändern.«
»Hat die Zahl der Fremden in Niasau sehr zugenommen?«
»Nur ein bisschen«, antwortete Oda, »aber dort leben noch genug Menschen unserer Sorte. Sie verdienen gut und arbeiten für die Fremden, die Schwierigkeiten haben, Personal zu bekommen, das bereit ist, auf Ta-Shima zu leben. Dank der Beträge, die sie an die Clans ausbezahlen, und dank der Handelsgewinne konnten die von den Jestak benötigten Geräte erworben und Studenten auf die Universitäten der Föderierten Welten geschickt werden. Es gibt eine Menge Lehrfächer, in die wir zukünftig investieren müssen.«
»Das ist wohl wahr. Die anderen Welten sind in vielen, wenn nicht sogar allen Bereichen sehr viel fortschrittlicher. Das gilt vor allem für die Medizin, die Biologie und die Genetik. Sie haben einfach ganz andere Wege beschritten als wir. Sie verfügen über Maschinen und komplizierte Geräte für Diagnostik, Anästhesie und Operationen, wir dagegen haben eine Vielzahl von Krankheiten eliminieren können. Das ist ein weniger kostspieliges System und für alle sehr viel bequemer, was meinst du?«
»Weißt du, dass die Bewohner fremder Welten sogar Eingriffe genetischer Therapie in somatische Zellen des Organismus untersagen? Es ist ausgeschlossen, Keimzellen zu bearbeiten, um Erbkrankheiten auszumerzen, wie wir es getan haben und immer noch tun, wenn eine neue Veränderung auftritt. Sie betrachten dies als Abscheulichkeit, und ihre Priesterschaft konnte erfolgreich durchsetzen, dass jeder, der sich mit so etwas beschäftigt, mit dem Tode bestraft wird. Das Ende vom Lied ist, dass ich auf einer hoch entwickelten Welt wie Wahie Krankheiten gesehen habe, die bei uns seit Jahrhunderten nicht mehr vorkommen und von denen ich gar nicht mehr weiß, wie sie heißen.«
»Alles in allem ist das normal. Die Menschen, die aus Estia geflohen sind, waren die wohl größten genetischen Ingenieure der ganzen Galaxie«, erwiderte Oda vorsichtig, um nicht in den Verdacht zu geraten, dass er von den Darlegungen seiner Schwester kaum etwas verstanden hatte. Und er hatte nicht die Absicht, sie um weitere Erklärungen zu bitten. Denn wenn es um Medizin ging, konnte Suvaïdar sich sehr lange und mit großem Enthusiasmus auslassen. Und dabei fiel dann oft der eine oder andere technische Begriff, der Oda gänzlich unbekannt war.
»Es stimmt, dass sie mit einigen Experimenten womöglich zu weit gegangen sind, und gewisse Reaktionen sind nachvollziehbar, aber die meisten waren überzogen. Derzeit gibt es in Neudachren einen Wiederausbruch der gewohnten Sittenstrenge und Moral. In dieser Hinsicht haben sich die Dinge im Lauf der Jahre, die ich in der Fremde verbracht habe, eher verschlechtert. Heutzutage neigen die fanatischen Konservativen und der Klerus dazu, sich mehr und mehr in die Forschung einzumischen. Weißt du, dass auf Wahie die Ärzte nicht einmal wissen, was eine Xenotransplantation ist?«
»O Hedaï«, erwiderte Oda ein wenig ungeduldig, »ich bin technischer Ingenieur, kein Genetiker, und habe von solchen Dingen keine Ahnung. Ich weiß, dass diese Unkenntnis schwer wiegt, selbst wenn ich sie teile, was ich ungern zugebe. Aber was mich erstaunt und sehr beschäftigt, ist unser geringes technisches Know-how. Ich hoffe, der Rat wird die didaktischen Holo-Cubes billigen – und den neuen Typ des Projektors, den ich empfohlen habe.«
In der Kombüse waren einige Soldaten gerade mit dem Essen fertig und versuchten vergeblich, sich mit zwei Frauen aus der Besatzung zu verbrüdern, die gekommen waren, um sich ihre Essensration zu holen, die sie seit Kurzem in einem kleinen, ihnen zugewiesenen Zimmer einnehmen mussten. Die beiden Shiro schritten mit der ihnen eigenen Selbstverständlichkeit und Arroganz, die stillschweigend voraussetzte, dass alle Welt einem Shiro Platz machen muss, durch die kleine Gruppe, um an den Essensverteiler zu gelangen. Die Raumfahrtbegleiter verbeugten sich tief und grüßten mit einem höflichen »Shiro Adaï«; dann gingen sie rasch hinaus, um ihre Mahlzeit zu sich zu nehmen. Oda programmierte am Essensverteiler zwei vegetarische Standardrationen und zwei Vitamingetränke; dann schickten er und Suvaïdar sich an, den Raumschiffbegleitern zu folgen. Dabei stießen sie fast mit den Damen aus der Botschafterfamilie zusammen, die soeben die Kombüse betreten wollten. Oda grüßte kurz und wollte mit den beiden Tellern die Kombüse verlassen, als die erste Ehefrau von Rasser ihn davon abhielt:
»Wohin wollen Sie? Essen Sie denn nicht hier?«
»Ich glaube verstanden zu haben, dass Seine Exzellenz diesen Raum für sich und sein Gefolge reserviert hat«, antwortete Oda.
»Ja, aber das gilt nicht für die Passagiere. Wir wollten einfach nur ungestört von den Eingeborenen unsere Mahlzeiten zu uns nehmen.«
»›Eingeborene‹, sagten Sie? Sprechen Sie etwa von uns, den Ta-Shimoda?«
»Oh, ich ...« Die Dame lief tiefrot an. »Sie haben absolut keine Ähnlichkeit mit ... ich meine, Sie sehen nicht so aus wie ...«
»Ich bin ein Shiro.«
Damit verließen Oda und Suvaïdar, die die drei Frauen des Botschafters keines Blickes gewürdigt hatte, die Kombüse.
»Glückwunsch, Oda.« Suvaïdar öffnete die Tür zum Raum, in dem die beiden Asix sich gerade auf die Matte setzten.
»Wozu?«
Oda nahm vorsichtig auf einem Kissen Platz und stellte die beiden Teller auf den flachen Tisch. Seine Schwester kniete auf einem anderen Kissen und begann zu essen.
»Dafür, wie sie dich angesehen haben«, antwortete Oda. »Hätten Sie eine Daïbanblume dabeigehabt, sie hätten sie dir bestimmt gegeben.«
»Nein, danke. Ich habe die Dauer von zwei Trockenzeiten in der fremden Welt verbracht, O Hedaï, und ich habe jede Minute gehasst. Ich hatte Angst vor der Kälte und der trockenen Luft, vor dem Sonnenlicht, das in den Augen brannte, vor dem Geruch der Speisen, vor der niederträchtigen Art der Menschen und vor den fremden Studenten, die auf uns herabsahen, weil sie uns für unterentwickelt hielten. Vor allem aber habe ich die Frauen gehasst – diese Anhäufung von völlig überflüssigem Zeug. Außerdem stinken sie.«
»Was redest du da? Sie sind bloß süchtig danach, sich zu parfümieren.«
»Irgendetwas müssen sie ja tun, um den säuerlichen Geruch ihrer weißen Haut und den Gestank der toten Tiere zu überdecken, die sie essen. Wenn sie schwitzen, riecht man das.« Er verzog angewidert das Gesicht. »Außerdem sind sie einfältig und oberflächlich und können nichts anderes als kichern und ihre Zeit mit dummem Geschwätz verplempern. Ich habe kein einziges Mal mit einer von ihnen die Matte geteilt. Oder besser gesagt, eines der unbequemen Betten, in denen sie versinken. In den Zimmern der Studenten gab es keine einzige Matte, und ich habe keine Lust, diese Erfahrung noch einmal zu machen. Da lobe ich mir doch«, Oda senkte die Stimme, damit die beiden Asix ihn nicht hörten, »die struppigen Asix-Frauen. Sie sind wenigstens in der Lage, nützliche Arbeit zu verrichten. Das ist in meinen Augen viel wertvoller, als sein Leben ausschließlich damit zu verbringen, alles zu tun, um den Männern zu gefallen.«
»Aber sonst magst du die Asix nicht?«
»Doch, auf jeden Fall. Aber meine Matte teile ich lieber mit einer Shiro-Frau.«
Suvaïdar war erstaunt. Sie konnte nachvollziehen, dass die Frauen der anderen Planeten ihrem Bruder nicht gefielen, obwohl man – objektiv betrachtet – auch unter ihnen einige Schönheiten entdecken konnte. Doch zwischen diesen Frauen und dem Schönheitsideal der Ta-Shimoda lagen Welten.
Aber die Asix! Es war normal, dass Jugendliche Gefährten hatten, die der anderen Rasse angehörten. Später hatte das Institut für Gentechnologie festgelegt, welche Asix-Frauen aufgrund ihrer regressiven Anlagen nur von einem Shiro Kinder bekommen durften. Man konnte sich natürlich künstlich befruchten lassen, aber im Allgemeinen wurden die natürlichen Methoden lieber gesehen. Suvaïdar liebte die kleinen und kräftigen Asix mit ihren kurzen, wuchtigen Gliedmaßen ganz besonders. Sie waren so anders als die ranken und schlanken Shiro. Die Mehrheit der Shiro teilte Suvaïdars Meinung. Sie alle hatten eine Asix-Pflegemutter gehabt und waren mit Asix-Kindern aufgewachsen. Ihre stämmigen Körper und der Geruch ihrer Haut waren Synonyme für Geborgenheit und Zuneigung.
Den Skandal, den Suvaïdar damals ausgelöst hatte, hatte nichts damit zu tun, dass sie die Nacht der drei Monde mit Tarr verbracht hatte. Der Skandal war vielmehr, dass sie weiterhin darauf bestanden hatte, mit Tarr die Nächte zu verbringen. Außerdem hatte man ihr vorgeworfen, sie habe sich in aller Öffentlichkeit mit ihm gezeigt.
In Wirklichkeit, das wusste sie heute, war der Hauptgrund für ihren Ärger die Dummheit ihrer Pflegemutter Dol gewesen. Sie hatte ein viel zu großes Aufhebens um die Sache gemacht, weil sie ihr nicht gefiel. Suvaïdar jedoch, die sich damals noch Lara nannte, hatte darauf beharrt und für sich beansprucht, dass Tarr in den Nächten die Matte mit ihr teilte, bis es Dol schließlich zu viel wurde und sie sich bei der Matriarchin beklagte.
Lara war in das Haus ihres Clans zur alten Huang bestellt worden. Diese wurde von allen ironisch Odavaïdar Huang to Narufeni genannt, obwohl sie mit ihren dreiundachtzig Trockenzeiten für eine Shiro eigentlich noch gar nicht so alt war.
Lara war in das Zimmer der Alten getreten. Die magere, verhärmte Frau empfing sie im Schneidersitz auf einem Kissen sitzend, den Rücken kerzengerade und mit eiskaltem Blick. Eine Öllampe warf ein schwaches Licht auf das harte, strenge Gesicht der Matriarchin, die Herrin war über Leben und Tod von tausenden Shiro, die zum Huang-Clan gehörten.
»Was machst du für Dummheiten?«, hatte sie Lara in betont abweisender Manier gefragt.
»Guten Tag, Saz Adaï.« (Lara hatte sich tief vor ihr verbeugt und sie mit dem Titel »Saz Adaï« angesprochen, was »Ehrwürdige Mutter« bedeutet.) »Ich freue mich, dich bei bester Gesundheit zu sehen.«
»Lass die Höflichkeitsfloskeln. Mir sind unerfreuliche Dinge über dich zu Ohren gekommen. Dein Verhalten in der Schule ist nicht das Beste, und in der Akademie gibst du dir nicht genug Mühe. Und was ist das für eine schwachsinnige Geschichte, mit einem Asix in aller Öffentlichkeit spazieren zu gehen?«
»Ach, Ehrwürdige Mutter ...« Da man sie nicht darum gebeten hatte, sich zu setzen, ließ Lara sich auf die Knie nieder und machte eine tiefe Verbeugung, bis ihre Stirn fast den Boden berührte. Dabei fixierte sie weiterhin die alte Dame. Schließlich erhob sie sich und verharrte bewegungslos, mit kerzengeradem Rücken, die Hände auf den Kissen.
»Willst du mir etwas sagen?«, fragte die Alte.
»Nun ja, Saz Adaï, ich ... ich ...«
»Rede nicht um den heißen Brei herum!«, schimpfte sie. »Antworte!«
»Ja, Saz Adaï. Was die Akademie betrifft ... ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht genug trainiert habe und deshalb nur geringe Fortschritte mache. Ich verdiene eine Bestrafung.«
»Mach dir deshalb keine Sorgen. Aber Bestrafungen fallen in den Zuständigkeitsbereich der Akademie, nicht in den des Clans.«
»Und was die Schule betrifft, Saz ... was wirft man mir vor? Ich finde, ich komme mit dem Lernen sehr gut voran.«
»Ja, du kommst gut voran. Und wenn du die Volljährigkeitsprüfungen bestanden hast«, die Alte schaute zufrieden drein, als sie sah, wie angespannt Lara auf diese Worte reagierte, »hat der Clan die Absicht, dich an der Universität Medizin studieren zu lassen. Allerdings gefällt den Lehrern dein Verhalten nicht. Du schaust nach allen Seiten, du guckst wie ein Asix, und du zeigst deine Gefühle.«
»Sei nicht frech! Natürlich ist es schlimm. Du bist eine Shiro, das darfst du niemals vergessen.« Sie verstummte kurz und blickte Lara scharf an. »Und was hast du mir nun zu dieser lächerlichen Geschichte mit dem Asix zu sagen?«
Lara hatte damit gerechnet, dass diese Sache zur Sprache kam. Furcht überfiel sie, denn diese Geschichte konnte sie nicht wegleugnen.
»Was habe ich denn Falsches gemacht? Es war meine erste Nacht der drei Monde ...«, sagte sie zögernd und mit gesenktem Kopf.
»Pass auf, mein Mädchen!« Die Stimme der Matriarchin war schneidend kalt. »Und sieh mich an, wenn du mit mir sprichst. Lass diesen idiotischen Ausdruck. Und werde nicht rot.«
Was kann ich nur tun, damit ich nicht rot werde?, überlegte Lara. Dann hob sie den Kopf und schaute fest in die Augen ihrer Gesprächspartnerin, die wie Glas waren. Ungeschickt fuhr sie fort: »Es war das erste Mal, und ich hatte ein bisschen Angst ...« Sie bemerkte sofort, dass sie etwas falsch gemacht hatte und biss sich auf die Zunge.
Die Alte ohrfeigte sie heftig – einmal, zweimal, dreimal. Laras Kopf wurde nach rechts geschleudert, nach links, denn wieder nach rechts. Dieses Mal blieb ihr Gesicht völlig ausdruckslos. Dann verbeugte sie sich erneut so tief, dass ihre Stirn den Boden berührte.
»Ich bitte um Vergebung, Ehrenwerte Mutter.«
»Wie alt bist du?«
»Ich habe sechs Trockenzeiten erlebt.«
»Du musst zu Beginn der Regenzeit in das Haus des Clans eintreten, wenn du die Volljährigkeitsprüfung bestanden hast. Aber du wirst dich sofort hierherbegeben.«
»Ja, Ehrenwerte Mutter. Darf ich meine Sachen holen?«
»Was für Sachen? Die Bücher sind in der Schule. Und was die Kleidung betrifft, kannst du dir im Geschäft des Clans Sachen zum Wechseln besorgen.«
Lara verspürte einen Stich im Herzen, weil sie ihre persönliche Habe aufgeben sollte: die Muschelschale, die Tarr ihr vom südlichen Meer mitgebracht hatte, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, und den kleinen Hund aus Holz, den er für sie geschnitzt hatte. Sie wusste, dass es sinnlos war, die Matriarchin um Erlaubnis zu fragen, sich von Dol, Tarr und den Kindern verabschieden zu dürfen, mit denen sie bis zu diesem Tag aufgewachsen war. Sie versuchte es dennoch.
»Darf ich eine Bitte äußern, Saz Adaï?«
»Nein, darfst du nicht. Du kannst gehen.«
Lara verbeugte sich, bedankte sich bei der Alten respektvoll für die Ehre, sie empfangen zu haben, und ging nach einem letzten Knicks hinaus.
Draußen wandte sie sich an einen jungen Mann – er war der Verwalter des Hauses –, der ebenfalls darauf wartete, empfangen zu werden. Als sie die nötige Auskunft erhalten hatte, machte sie sich auf die Suche nach Velhojori. Innerhalb des Clans wurden alle mit ihrem eigenen Namen angesprochen, weil Vater- und Muttername für alle gleich waren, da es sich um die Namen der beiden Gründer des Clans handelte.
Lara traf Velhojori im Verwaltungsbüro an, umgeben von Listen, Verzeichnissen und Dosen mit Videobändern. Er machte nicht den Eindruck, als sei er sehr beschäftigt. Trotzdem versuchte er demonstrativ den Eindruck zu vermitteln, dass man ihn bei einer sehr wichtigen Sache gestört habe. Gereizt seufzte er auf, wühlte in den Papieren, die vor ihm lagen, und schaute Lara stirnrunzelnd an. Er wirkte auf sie genauso kalt und zugeknöpft wie die Matriarchin, und Lara dachte mit Bedauern an die vergangenen Jahre mit Dol zurück. Sicher, Dol war dumm und chaotisch, aber sie konnte wenigstens sehr liebevoll sein. Bei ihr hatte man nie das Gefühl – wie bei den meisten Shiro –, sie hätte einen Säbel verschluckt.
»Velhojori Adaï«, sagte Lara respektvoll. »Ich habe die Anweisung, mich in das Haus des Clans zu begeben. Mein Name ist Lara Huang to Narufeni, Tochter von ...«
»Lara? Ist das nicht ein Name für eine Asix?«
Als hätte er nicht bemerkt, dass ich lange Haare trage, dachte sie ein wenig verärgert. Mit fester Stimme antwortete sie: »Das ist mein Kindername, Herr, ich habe die Volljährigkeitsprüfungen noch nicht absolviert.«
Der Mann stöhnte. Er wollte ihr damit zu verstehen geben, dass er Heranwachsende noch nicht als würdig erachtete, sich überhaupt mit ihnen zu beschäftigen.
»Weshalb musst du denn hierherziehen?«
»Auf Anweisung der Matriarchin.«
»Du kennst den wirklichen Grund also nicht.«
Lara spürte, dass ihre Selbstbeherrschung zu zerbröckeln drohte, also antwortete sie heuchlerisch und blickte dabei fest nach rechts, statt den Mann anzuschauen:
»Es obliegt mir nicht, die an mich gerichteten Anweisungen zu hinterfragen und die Gründe dafür zu suchen. Meine Pflicht besteht darin, diesen zu gehorchen.«
Wieder stöhnte der Verwalter auf, um auf diese Weise seine Missbilligung zum Ausdruck zu bringen. Trotzdem: Er konnte Lara nicht bestrafen, da sie nichts ausdrücklich Falsches gesagt hatte.
Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete ihn Lara. Er wirkte durch und durch unsympathisch auf sie. In Gedanken sprach sie noch einmal seinen Namen: Velhojori. Das hieß »der alte Jori«. Früher hatte er sich bestimmt einfach nur Jori genannt. Jori war ein weit verbreiteter Name; auch Laras biologischer Vater hatte diesen Namen getragen. Vielleicht war er es ja? Nein, sicher nicht. Er wirkte nicht so, als wäre er in den Clan der Huang eingetreten. Und überhaupt – das Ganze hatte keine Bedeutung.
Lara fragte sich, ob der Alte vielleicht wusste, weshalb sie so plötzlich ihre Pflegemutter verlassen musste. Das war nicht ausgeschlossen, denn innerhalb des Clan-Hauses verbreiteten sich die Dinge schnell.
Lara blieb standhaft und behielt ihren ausdruckslosen Blick bei. Endlich erhob sich der Verwalter, und Lara trat beiseite, um ihn vorbeigehen zu lassen. Stumm folgte sie ihm über den Hof und dann den langen Flur entlang.
»Das ist dein Zimmer«, sagte er und öffnete die Tür zu einem kleinen Raun. Es war taghell darin, und das Fenster gewährte den Blick auf einen großen Garten. Der Raum war leer; nur eine Holzkiste und eine zusammengerollte Matte befanden sich darin. Der Verwalter erklärte Lara kurz, wo sie Betttücher finden könne und Kleidung zum Wechseln. Dann riet er ihr, am nächsten Tag in das Gemeinschaftszimmer des Hauses zu gehen und dort auf den Aushang an der Tafel zu schauen, denn durch ihren Einzug könnten sich ihre Arbeitszeiten geändert haben. Dann drehte er sich um und ging, ohne noch ein Wort zu verlieren.
Lara machte sich auf die Suche nach den Dingen, die sie benötigte. Eine ebenso herzliche wie freundliche Lagerverwalterin händigte ihr das Nötigste aus. Dann legte Lara ihre Kleidung in die Kiste, rollte die Matte aus und legte die Betttücher zurecht. Anschließen ging sie noch einmal los, um sich eine Lampe zu besorgen.
Als sie sich so weit eingerichtet hatte, setzte sie sich auf den Boden, den Rücken an die Tür gelehnt, damit niemand unbemerkt eintreten konnte. Ihr war zum Heulen zumute. Wenn sie nicht in Tränen ausbrach, dann einzig und allein aus dem Grund, weil eine jugendliche Shiro nicht weinte. Aber würde ein Erwachsener sie dabei ertappen, gäbe es ungleich mehr – und gute – Gründe, den Tränen freien Lauf zu lassen.
Das Essen mit den anderen Clanmitgliedern verlief alles andere als angenehm. Zu den Mahlzeiten fanden sich jede Menge Leute im Gemeinschaftsraum zusammen, fast ausschließlich Shiro. Ein Asix teilte Lara mit, sie könne am letzten Tisch bei den ganz Jungen Platz nehmen, weit genug von dem Tisch entfernt, an dem auf bequemen Kissen im Schneidersitz die Matriarchin, Velhojori und die anderen Alten aus dem Clan Platz genommen hatten. An den Tischen dazwischen, die für die Erwachsenen reserviert waren, gab es Matten zum Sitzen. Nur die Jungen mussten ihr Essen auf dem Steinboden kniend oder auf den Fersen sitzend zu sich nehmen. Die Ta-Shimoda waren davon überzeugt, dass es nicht gut sei, Kinder und Jugendliche zu verwöhnen; deshalb ermunterte man sie auch nicht, kostbare Zeit am Tisch zu verlieren.
Immerhin war das Sprechen erlaubt, und Lara hörte mehrere, mit leiser Stimme geführte Gespräche, die sich in ihren Ohren zu einem bunten Gewirr verflochten. Hier und da fing sie ein Wort auf, und sie vernahm Mutmaßungen, was es mit der Fremden auf sich haben könne und mit den Umständen ihres Erscheinens, über die niemand informiert worden war.
Laras Nachbar zur Rechten nannte sich Giao, ein noch junger Shiro, den sie bereits aus der Schule kannte. Sie sprach ihn mit seinem Namen an, erfreut, zumindest ein bekanntes Gesicht zu sehen, aber er reagierte kaum auf sie. Ihr Nachbar zur Linken, der bereits stolz den kurzen Haarschnitt Erwachsener trug, obwohl er am Tisch der Jungen saß, stieß sie leicht an und raunte ihr zu: »Du stehst im Augenblick nicht gerade hoch in der Gunst der Saz Adaï. Wer es sich mit ihr nicht verderben will, wird dich ignorieren, zumindest in der Öffentlichkeit. Komm nach dem Essen in den Obstgarten, ich werde auch da sein.«
In der restlichen Zeit richtete niemand mehr das Wort an Lara. Als alle aufgegessen hatten, erhob sie sich und brachte ihre schmutzige Serviette in die im Außenbereich liegende Küche. Danach machte sie sich auf die Suche nach dem Obstgarten, den sie bald schon fand, ohne jemanden nach dem Weg fragen zu müssen. Dort wartete bereits ihr Tischnachbar, der unter einem Baum auf dem Boden saß.
»Du bist also die Lara, der dieser Skandal anhängt«, empfing er sie.
»Aber was habe ich denn Schlimmes getan?«, erwiderte Lara. »Ist es nicht ein bisschen übertrieben, daraus gleich so eine Geschichte zu machen und sie an die große Glocke zu hängen? Alle haben Asix-Freunde.«
»Die Saz Adaï ist sehr traditionsbewusst und hat die Entscheidung gebilligt, dich bis zu deiner Volljährigkeit bei deiner Pflegemutter wohnen zu lassen«, sagte der Junge. »Allerdings ist sie davon überzeugt, dass es nur eine Möglichkeit gibt, den Charakter eines Menschen zu festigen und zu stählen, und zwar, indem man einen Shiro-Tutor aus einem anderen Clan hat.« Er verzog bedeutungsvoll das Gesicht: Sein Shiro-Tutor schien ihm nicht besonders zu gefallen. »Sie glaubt, es sei schädlich, die ganze Kindheit im Kreise von Asix zu verbringen. Und du – genauer gesagt, dein Verhalten – hat sie davon überzeugt, dass sie mit dieser Meinung richtig liegt. Niemand macht dir zum Vorwurf, dass du dir einen Asix als Gefährten ausgesucht hast. Es geht allerdings nicht an, dass du dich auf eine einzige Person beschränkt und dich mit Tarr in der Öffentlichkeit gezeigt hast. Das war nicht in Ordnung.«
»Aber was ist so schlimm daran? In der Schule sagt man uns immer wieder, dass wir uns allen Menschen gegenüber taktvoll verhalten und zwischen den beiden Rassen keinen Unterschied machen sollen.«
»Wärst du mit einem Tutor und nicht bei einer Pflegemutter aufgewachsen, würdest du es verstehen. Die Regeln sind eine Sache, die Tradition ist eine andere. Und bei uns zählen einzig und allein die Traditionen. Natürlich müssen wir allen anderen Menschen gegenüber höflich sein, aber darüber dürfen wir auf keinen Fall vergessen, dass wir Shiro sind.«
»Manchmal wünsche ich mir, ich wäre keine.«
»Aber du bist eine. Und dazu noch ein überaus bezaubernde, wenn ich das sagen darf. Bleib diese Nacht bei mir, dann wird sich der Zorn der Matriarchin in Luft auflösen, und sie wird zufrieden sein, dass du deinen Platz innerhalb des Clans wiedergefunden hast. Ich biete dir das nicht aus reiner Menschenliebe an«, fügte er aufrichtig hinzu, »sondern weil du so reizend bist.«
Lara schaute sich den Jungen genauer an, konnte aber nicht den Hauch eines Interesses für ihn aufbringen. Am Tisch hatte er sich als steif und streng erwiesen und kaum mit ihr gesprochen. Und nun preschte er mit einer Unverschämtheit vor, ohne eine Einladung von ihrer Seite abzuwarten. Er gefiel ihr gar nicht, aber wenn sie sich in dem Clans einfügen wollte, wäre es wohl angebracht, ein kleines Opfer zu bringen. Immerhin war dieser Junge der Einzige gewesen, der nach ihrer Ankunft das Wort an sie gerichtet hatte.
»Das ist sehr freundlich«, antwortete sie. »Ich nehme deine Einladung an.«
Seite an Seite gingen sie zurück zum Haus des Clans. In den Blicken einiger Erwachsener, die genau beobachteten, wie die beiden zu den Schlafsälen gingen, glaubte Lara so etwas wie Billigung zu erkennen.
Ich darf nicht vergessen, ihn zu fragen, wie er heißt, erinnerte sie sich.
In den darauffolgenden Tagen versuchte Lara gar nicht erst, sich Dols Haus zu nähern. Sie wusste, dass es besser war, sich fernzuhalten; sonst würde es nur unnötig wehtun. Sie sah Wang in der Schule und in der Akademie, und sie grüßte ihn von Weitem.
Zwei Wochen später fasste sie Mut. Es gelang ihr, in seine Nähe zu kommen, und sie flüsterte ihm zu: »Bestelle Dol ganz liebe Grüße von mir.«
»Ach, O Hedaï. Tarr ist fortgegangen«, gab er leise zur Antwort. »Er hat einen Vertrag für ein Jahr in Gorival.«
»Danke für die Auskunft, Wang.«
»Du fehlst mir«, sagte er.
Lara war gerührt von dieser ungewohnten emotionalen Geste.