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Außenwelt
Professor Li Hao blickte auf das grüne Licht des Holo-Schreibers.
»Seit den dunklen Jahrhunderten«, dozierte er, »hat das menschliche Universum einen schleichenden Prozess der Befriedung erlebt, dessen Vorteile jeden Tag unseres Lebens beeinflussen. Für diesen Frieden sind wir der Föderation, die den Kriegen mit der Union ein Ende gesetzt hat, zu großem Dank verpflichtet. Doch was wir heute als Krieg bezeichnen, waren damals lediglich geografisch begrenzte Unruhen, die von der Astroflotte binnen weniger Tage erstickt wurden. Doch der Prozess der Befriedung war für die Anthropologie ein Desaster. Unsere Welten haben eine Vielzahl ihrer spezifischen Besonderheiten verloren. Ein Bewohner von Atarashii Sendaï ernährt sich anders und hat nicht dieselben familiären Traditionen wie ein Bewohner von Oderissan oder von Neudachren, aber im Grunde stützen sich unsere Gesellschaften auf ein und dieselben Prinzipien, haben dieselbe Religion und folgen mehr oder weniger denselben ethischen Grundsätzen und Modellen bürgerlichen Lebens, sieht man Splittergruppen ab, die allen möglichen Sekten und Ideologien anhängen können.
»Nach außen hin könnte man glauben, dass die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Planeten riesig sind, aber es handelt sich nur um oberflächliche Differenzen. Das wird deutlich, wenn man einige Gesellschaften aus der Ära der dunklen Jahrhunderte oder selbst die aus dem Zeitalter vor Beginn der Raumfahrt miteinander vergleicht. Unsere heutigen Welten haben einen gemeinsamen Nenner. Wegen dieser relativen Übereinstimmung habe ich mich entschieden, den Anthropologiekurs dieses Jahres dem Vergleich zweier Planeten zu widmen, die heute nicht mehr existieren, weil sie im Krieg zerstört wurden: Landsend, die moralistische Theokratie, und Orivaï, die Welt der Freiheit und Hemmungslosigkeit. Es ist nicht meine Absicht, Werturteile zu formulieren, ich möchte diese beiden heute erloschenen Zivilisationen beschreiben, indem ich ihre Kohärenzfaktoren und ihre soziale Interaktion darstelle. Gibt es dazu Fragen?«
Professor Li Hao warf einen hoffnungsvollen Blick auf den Monitor, aber es kam kein Signal. Er unterdrückte einen Seufzer und fuhr fort:
»Die ersten zehn Stunden werden Landsend gewidmet sein, eine Welt, deren Werte euch nicht gänzlich fremd erscheinen dürften. Wie ihr wisst, wurde Neudachren von den Dissidenten Landends gegründet. Deshalb sind euch die Prinzipien, auf die sich das Leben auf diesem Planeten gründete, mehr oder weniger bekannt. Gewiss, vor den großen Kriegen war die Theokratie von Landsend sehr viel unnachgiebiger als unsere heutige Gesellschaft, und wohl kaum einer von euch hätte dort leben wollen.«
Li Hao kicherte. Bei den Zuhörern erweckte dies den Eindruck, als nehme er das Ganze selbst nicht allzu ernst. Er fuhr fort:
»Orivaï wird ein etwas heikleres Kapitel. Denn die Ideologie dieser hedonistischen Gesellschaft, in der es ausschließlich um das Vergnügen ging, hat sich in Richtungen entwickelt, die weit von unserer Mentalität entfernt sind. Mitunter empfinden wir diese sogar als verabscheuungswürdig, doch der Geist der Wissenschaft sollte uns davor bewahren, eine zu voreilige, harte Analyse zu treffen. Ich habe mich entschlossen, das Thema zu behandeln, wenn ihr euch mit den Begriffen dieses Wissenszweiges, mit denen ihr hier erstmals konfrontiert werdet, vertraut gemacht habt. Im nächsten Jahr werden wir einige überaus interessante altertümliche Gesellschaften aus der Ära vor der Raumfahrt untersuchen. Seht euch die wenigen ›prähistorischen‹ Dokumente an, die euch zur Verfügung stehen. Ich bin sicher, ihr werdet begeistert sein.«
Der Monitor begann zu blinken.
Eine Minute, 59 Sekunden, 58 Sekunden ...
Li Hao stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Endlich hatte diese Tortur ein Ende. Er gab noch einige Banalitäten von sich, um die Zeit totzuschlagen. Als das Licht rot leuchtete, ließ er sich in seinen Sessel fallen.
Die künstliche Intelligenz der Universität ließ mitten im Raum das Hologramm erscheinen, das er sich selbst ausgesucht hatte: eine Herrscherfigur. Mit ihrer extravaganten Robe, die bis zum Boden reichte, ähnelte sie einem Präsidenten der Föderation aus der Ära vor der Raumfahrt. Der Professor hatte dieses Bild in einem Holo-Cube einer sehr alten Gesellschaft des Ursprungsplaneten entdeckt.
»Ein ausgezeichneter Kurs«, teilte sein »Herrscher« höflich mit.
»Danke, Majestät«, entgegnete Li Hao.
Natürlich war er selbst es gewesen, der diesen Kommentar einprogrammiert hatte, aber es war nun mal schön, das Gefühl zu bekommen, dass zumindest eine Person seinen Ausführungen gefolgt war.
»Kannst du mir sagen, wie viele Studenten dem Unterricht gefolgt sind?«, fragte Li Hao.
War ein Holo-Bild in der Lage, einen väterlichen Vorwurf auszudrücken? Seines konnte es auf jeden Fall:
»Sie wissen recht gut, Professor, dass eine derartige Information nicht den Weisungen des Universitätsrates entspricht. Wenn Lehrer erfahren, dass ihnen eine große Zahl von Studenten folgt, neigen sie dazu, nervös zu werden. Und die Professoren, die nur wenige Zuhörer haben, werden womöglich depressiv. Und in einem Fall wie dem Ihren geht es eindeutig zu Lasten der Qualität des Unterrichts.«
»Gut, einverstanden, aber du kannst mir vielleicht sagen, ob mir wenigstens eine Person bis zum Schluss zugehört hat? Oder ist auch das eine Information, die der Geheimhaltung unterliegt? Top Secret, sozusagen?«
»›Top Secret‹ – das ist reizend! Das ist wieder so ein Wort, das Sie bei Ihren Studien der Prähistorie entdeckt haben«, entgegnete die künstliche Intelligenz, wobei sie das Gespräch geschickt in eine andere Richtung lenkte. Sie wusste im Übrigen sehr genau, wo der Professor all diese amüsanten archaischen Ausdrücke gefunden hatte, mit denen er seine Diskurse spickte, denn sie hatte das ganze Dossier gespeichert.
Li Hao seufzte.
»Verschwinde, du gehst mir auf die Nerven!«
»Ich werde Ihnen gehorchen, aber ich muss Sie darüber informieren, dass eine Nachricht von der planetarischen Regierung für Sie bereitliegt. Soll ich sie an Sie weiterleiten?«
Er wollte gerade »Ja« sagen; dann aber fiel ihm ein, dass dann die gesamte Universität Zugang zur Nachricht haben könnte – und Gott allein wusste, um was oder wen es dabei ging. Wahrscheinlich um seinen Sohn, der wieder mal Unfug angestellt hatte.
»Leite sie auf mein Computersystem zu Hause, ohne sie zu öffnen«, befahl er. »Und dann verschwinde.«
Rasch wischte er sich das dumme weiße Make-up aus dem Gesicht, das der Universitätsrat Professoren abverlangte, die Kurse gaben. Als könnte ein Mann mit seiner Hautfarbe und seinem Haar – ganz zu schweigen von seinen Mandelaugen –, sich als Bürger Neudachrens mit tadellosem Stammbaum ausgeben!
Dann ging er rasch zur Terrasse des Gebäudes, um in eine Luftraumkapsel zu steigen.
Während er mit dem Antigrav aufstieg, dachte er über sein Leben nach. Das Ergebnis seiner Gedankenspielereien gefiel ihm überhaupt nicht: Er war kaum mehr als vierzig Jahre alt und fühlte sich schon in die Jahre gekommen. Außerdem war er seiner Arbeit an der Universität überdrüssig geworden, die ihm immer trockener und realitätsferner erschien.
Wie er im Zuge seiner Studien festgestellt hatte, waren die Lehrenden in früheren Zeiten physisch in dem Raum gewesen, in dem auch die Studenten saßen. Gewiss hatte es damals nur wenige Stundenten gegeben – sechs oder neun, höchstens ein Dutzend –, aber Li Hao fragte sich, welche Auswirkung es haben könnte, die Menschen, zu denen man sprach, auch zu sehen. Heute hatte er nur das grüne Licht des Holo-Schreibers im Blick, ohne zu wissen, ob man ihn direkt sah oder ob überhaupt jemand im Verlauf des nächsten Jahrtausends diesen Holo-Cube aufsuchen würde.
Nachdem die Raumkapsel Li Hao auf der Terrasse seines Hauses abgesetzt hatte, konnte er eine zornige Geste nicht unterdrücken: Der rhythmische Lärm, den man bis zum Dach hören konnte, ließ ihn erkennen, dass sein Taugenichts von Sohn im Hause war. Neunzehn Jahre alt und immer noch in der Pubertätskrise – ohne irgendwelche Anstalten zu machen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Li Hao hoffte, dass wenigstens seine Frau nicht da sein würde – aber das Erste, was er beim Betreten des Hauses vernahm, war ihre weinerliche Stimme. Sie wandte ihm den Rücken zu und sprach via Holo-Kommunikator mit einer ihrer schwachsinnigen Freundinnen.
Li Hao seufzte. Für ihn waren alle Frauen austauschbar. Alle, die dem sogenannten schönen Geschlecht angehörten, konnten ihr Aussehen nur mit sorgfältiger Pflege und dem Können eines guten – und teuren – plastischen Chirurgen bewahren. Alle waren sie auf ein und dieselbe Art gekleidet und hatten die Haare silberblond gefärbt, um die Aristokratie Neudachrens nachzuäffen.
»... ein wirklich schrecklicher Kerl, meine Liebe«, jammerte Feng einer Freundin vor.
Besagte Freundin, die Li Hao in einer Ecke des Bildschirms entdeckt haben musste, machte mit einer stummen Geste und vielsagenden Blicken auf ihn aufmerksam. Feng begriff sofort. Hatte sie zuvor über ihn, ihren Mann, genörgelt, wechselte sie jetzt hastig das Thema.
Vor zwanzig Jahren war Feng ein kleines, graziles Ding gewesen, wenig beredt und sehr ernsthaft, das Li Haos Beschützerinstinkt angesprochen hatte. Aber mit den Jahren war ihm klar geworden, weshalb sie so wenig sprach. Sie hatte einfach nichts zu sagen. Und ernsthaft war sie auch nicht, sondern mürrisch. Trotz ihres Alters war sie zwar immer noch grazil, aber das Verlangen war erloschen und hatte der Langeweile Platz gemacht.
Feng hatte sich entschieden, nicht zu arbeiten, um sich aus Respekt vor den ethischen Grundsätzen der Religion, wie sie stets märtyrerhaft betonte, ganz und gar der Familie widmen zu können – auch wenn ihr Ehemann fand, sie sei einfach nur zu faul, um zu arbeiten. Und hätte sie sich weniger um ihren Sohn gekümmert, wäre der Junge vielleicht nicht so verwöhnt und unselbstständig.
Ohne stehen zu bleiben, hob Li Hao die Hand zum Gruß und ging in sein Büro, um – das Schlimmste befürchtend – die Botschaft zu öffnen. Es war keine gesprochene, sondern eine schriftliche Mitteilung, also musste es sich um etwas Offizielles handeln.
Im ersten Augenblick verstand Li Hao in wachsender Ungläubigkeit erst gar nicht, was er da las, dann aber gelang es ihm doch, den Sinn der bürokratischen Umschreibung zu erfassen.
Er war zum Kulturattaché der föderalen Botschaft auf Ta-Shima ernannt worden.
Was könnte das für eine Botschaft sein?, fragte er sich. Und was genau könnte dieser Attaché denn so machen? Und überhaupt – wo befand sich Ta-Shima? Das konnte nur ein dummer Scherz seiner Studenten sein. Schnell überlas er den Rest: Sollte er die Ernennung nicht akzeptieren, bitte man ihn, dies sofort der Dienststelle mitzuteilen.
Er wollte gerade die Verbindung herstellen, als seine Hand auf halbem Weg haltmachte.
Noch während Li Hao leise »Ta-Shima« vor sich hin murmelte, wusste er plötzlich, was es damit auf sich hatte: Es war das erste Mal, dass er den Namen dieser Welt, von der er im Holovid gehört hatte, in schriftlicher Form sah. Die Orthografie war ungewöhnlich, aber es konnte sich um nichts anderes handeln. Ta-Shima, die wohl fremdartigste Entdeckung des Jahrhunderts, eine historische Anomalie: Alle Schundfilme im Holovid waren voll von Geschichten verloren gegangener Kolonien, unglaubwürdig die einen wie die anderen: Junge Helden der Föderation, die strahlend schöne Mädchen verteidigten, die genauso aussahen wie die in der Hauptstadt, obwohl sie seit Jahrhunderten in einer abgeschiedenen Ansiedlung lebten.
Meist hatte es keine Überlebenden gegeben, wenn ein Raumschiff durch einen Unfall einen so schweren Schaden davongetragen hatte, dass es auf keinem bekannten Planeten mehr hatte landen können. Meist waren die Raumschiffe explodiert, und Passagiere und Besatzung hatten einen schnellen, gnädigen Tod erlitten. Und wenn ein ausreichend großes eigenständiges Bauteil des Schiffes die Explosion überstanden hatte, sodass einige Menschen auf diese Weise überleben konnten, zogen sie es vor, schnellstmöglich einen Notruf zu senden, bevor sie den Versuch unternahmen, auf irgendeinem womöglich lebensfeindlichen Planeten zu landen.
Nur elf Schiffe hatten das Glück gehabt, rechtzeitig einen geeigneten Planeten zu finden – elf von rund tausend interstellaren Raumschiffen. Wenn man bedachte, dass unter den siebentausend erforschten Sonnensystemen nur einhundertneunundzwanzig besiedelt wurden, grenzte es an ein Wunder, wenn ein beschädigtes Raumfahrzeug in allergrößter Not zufällig eine bewohnbare Welt entdeckte.
In drei Fällen waren die Retter gerade rechtzeitig eingetroffen, um noch die Toten zu bestatten. Die anderen Male hatten sie eine Handvoll Überlebender aufgefunden, abgestumpft von den Entbehrungen und dem Schrecken, den sie in einer primitiven, von Menschen unbewohnten Welt erleiden mussten, und die Ärmsten nach Hause gebracht.
Die einzige Ausnahme bildete Ta-Shima.
Ta-Shima war von Passagieren und Besatzung der La Sagesse gegründet worden, einem Raumschiff, das vom Planeten Estia stammte, der vor der Invasion zu den größten universitären Zentren der Galaxie gehört hatte. (Nein, verbesserte sich Li Hao, nicht »Invasion«. Es gibt Begriffe, die man klugerweise nicht benutzt. Nicht einmal denken sollte man sie. Sagen wir ... vor der Zeit, in der die Kämpfer der neuen Föderation die bewohnten Welten vereint haben.)
Jedenfalls, Estia galt als Leitstern der Wissenschaftskultur, auch wenn die Arbeiten des »Zentrums der Zellularmedizin«, wie man das Institut für Gentechnologie verschleiernd nannte, einen leichten Schwefelgeruch verbreiteten, der nicht nur in der unerbittlichen Umwelt der Theokratie Landends so manchen die Nase rümpfen ließ. Das Raumschiff hatte einige Wissenschaftler an Bord, darunter die angesehensten Gelehrten sämtlicher menschlichen Welten.
Die Kommentatoren des Holovid, die über die unglaubliche Neuigkeit berichtet hatten, dass ein bewohnter Planet entdeckt worden war, verweilten nicht lange bei der Frage, weshalb diese Menschen überhaupt versucht hatten, ihre Familien, Labore und Forschungsergebnisse auf einer alten Frachtmaschine fortzubringen.
Jedenfalls hatte es einen Unfall gegeben, aber auf die eine oder andere Weise war es dem Raumschiff gelungen, einen kompatiblen Planeten mit menschlichem Leben zu erreichen. Die Überlebenden gingen von Bord, statt einen Notruf abzusenden, und etablierten sich in dieser nicht gerade gastfreundlichen Welt.
Sie blieben siebenhundertneunundvierzig Jahre ganz auf sich allein gestellt.
»Ta-Shima«, befahl Li Hao nun dem System, »suche mir alle Referenzen ... nein, warte. Nichts aus dem Holovid und auch nichts aus den gesprochenen Magazinen. Nur die seriösen Dinge.«
»Unzureichende Angabe«, entgegnete das System. »Definiere ›seriöse Dinge‹.«
»Alles, was meine schwachsinnige Frau nicht interessiert«, grummelte der Professor vor sich hin, sodass niemand es mitbekam. Dann wiederholte er mit lauter Stimme: »Lass die gängigen Holovid-Beiträge und die Magazine weg und berichte mir den Rest.«
Li Hao rechnete damit, dass nun eine Flut von Dokumenten auf ihn einstürzen würde; in Wirklichkeit aber gab es nicht viele. Interessant war vor allem ein Nachschlagewerk – kurz, präzise und wissenschaftlich unangreifbar – von der Ärztin Davi, die persönlich mit der ersten Expedition auf den Planeten gekommen war. Allerdings war die Ärztin keine Anthropologin, sie war die Exobiologin der Expedition.
Selbstverständlich hatte Li Hao schon davon gehört, aber nun zeigte er ein sehr viel größeres Interesse. Nachdem er eine Kopie heruntergeladen hatte, vertiefte er sich in die Lektüre.
Die Ta-Shimoda – das zeigte das Werk der Ärztin Davi – hatten eine knapp vierhundert Quadratmeter lange Halbinsel terraformiert. Sie hatten drei Städte angelegt und eine komplexe und streng reglementierte Gesellschaft begründet, in der zwei ethnisch unterschiedliche Gruppen, die sich auch körperlich unterschieden, friedlich zusammenlebten. Die zahlenmäßig unterlegene Gruppe beherrschte die andere. Sie sprachen zwei verschiedene Sprachen, sodass es der Autorin, die nur einige Monate auf Ta-Shima geblieben war, leider nicht gelungen war, ein Glossar zusammenzustellen.
Li Hao überflog auch die Berichte des Raumfahrtministeriums, die Korrespondenz eines Handelsunternehmens und die Notizen der Überlebenden der ersten Expedition, die zwanzig Standardjahre zuvor den Fuß auf den Planeten gesetzt und vier Monate geblieben waren, bevor sie von einer unbekannten Krankheit dahingerafft wurden. Man hatte das Fieber »Gaia« getauft, nach der Hauptstadt von Ta-Shima. Dort hielten sich auch die Teilnehmer der Expedition auf, als die Epidemie ihren Anfang nahm. Die sieben Überlebenden hatten berichtet, dass die Krankheit sich rasend schnell verbreitete und dass alle, die damit in Berührung kamen, innerhalb von Tagen dahingerafft wurden.
Das Fieber von Gaia musste überaus schrecklich gewesen sein: Jahrelang gab es keine weitere Dokumentation, als hätte sich der Planet in Quarantäne befunden. Außerdem hatte er kein nennenswertes Handelsaufkommen, denn er lag an keiner wichtigen strategischen Route und besaß keinerlei Perspektiven für eine Massenansiedlung.
Alle, die diesen Planeten besucht hatten, waren sich darin einig, dass er trostlos war und dass dort ein höllisches Klima herrschte: sehr heiß und feucht in zwölf Standardmonaten, und ebenso heiß, aber trocken in den folgenden vier Monaten. Vor allem Letztere erwiesen sich als sehr unangenehm, da die Sonnenstrahlen für Mensch und Tier gleichermaßen gefährlich waren. Man musste sich permanent vor der Strahlung schützen.
Eines Tages jedoch drehte der Wind nach Neudachren.
Die Gruppe der Unitarier, die dort an der Macht waren, hatte eine zweite Expedition entsandt, die um die Erlaubnis bat – oder vielmehr forderte –, ein Forschungszentrum und einen Astroport bauen zu dürfen, glaubte man dem ausladenden und langweiligen Bericht des Kommandanten. Das Zentrum und der Astroport sollten in einem Gebiet entstehen, das ursprünglich so lange isoliert bleiben sollte, bis die Gründe für die Erkrankung identifiziert und Heilmittel gefunden seien.
Die Ta-Shimoda lehnten zuerst ab, aber der Repräsentant der Föderation, Oberst Schreiber, erwies sich – so die offizielle Version – als »überaus charakterfest«. (Für sich übersetzte der Professor »auf schändliche Weise despotisch«.) Die Erlaubnis wurde erteilt, und der Astroport und die kleine, an der Peripherie gebaute Stadt erhielten zur Erinnerung an den Mann, der die Konzession erhalten hatte, den Namen Schreiberstadt. Doch trotz seiner Standfestigkeit konnte auch der Oberst sich nicht vor der Ansteckung schützen.
Der Cube war ebenfalls mit einer interaktiven geografischen Karte ausgestattet. Li Hao musste zugeben, dass die Lage von Schreiberstadt auf der Halbinsel strategisch sehr gut war. Die Halbinsel verwandelte sich allerdings aufgrund der vorherrschenden Gezeitenkräfte – hervorgerufen durch die Konjunktion der vier Monde des Planeten – mehrmals im Monat in eine Insel. Bei Ebbe war diese Insel mit dem Rest des bewohnbaren Gebietes von Ta-Shima über eine gerade einmal hundert Meter lange Landbrücke aus Sand verbunden, bei Flut nur über eine schmale Brücke mit einer Treppe an jedem Ende.
Die Föderation hatte ihren Astroport gebaut und in Schreiberstadt eine Botschaft eröffnet. Der Botschafter, ein gewisser Arifin Coont, hatte eine Serie von fehlerlosen Berichten geschickt, die aber derart lang und detailliert waren, dass Li Hao davon ausging, dass niemand sie je bis zu Ende gelesen hatte. Er suchte in den Berichten nach Hinweisen zum Fieber von Gaia, verlor in der Sterblichkeitsrate der unterschiedlichen Krankheitsphasen jedoch den Faden. Schließlich aber fand er heraus, dass der Krankheitserreger isoliert worden war, wenn auch nicht von den aus Neudachren entsandten Forschern. Seitdem es möglich war, durch bestimmte Vorsichtsmaßnahmen die Ansteckung zu vermeiden, landeten wagemutige Händler auf Ta-Shima, die mit Gewürzen und anderen lokalen Produkten Geschäfte machten.
Li Hao musste daran denken, was er vor Kurzem gelesen hatte: »Eine komplexe und streng reglementierte Gesellschaft ...«
Bei allen Göttern, dieses Ta-Shima – auch wenn es unbedeutend war, was die Zahl der Einwohner und das Handelsaufkommen betraf – war die Antwort auf all seinen Frust. Eine Gruppe von Menschen zu studieren, die im Verlauf der Jahrhunderte einer isolierten Evolution gefolgt waren, war seit Langem der – bis dahin unerfüllbare – Traum eines jeden Anthropologen.
Dennoch zögerte Li Hao.
Wahrscheinlich bin ich der letzte bescheuerte Intellektuelle, der sich für eine tote und zu Grabe getragene Wissenschaft interessiert, nachdem die Welten vereinigt wurden, sagte er sich. Weswegen sollte ich eigentlich dorthin gehen? Was wäre die Alternative? Ich würde den x-ten Artikel schreiben, den niemand lesen wird und weiter Unterricht geben, an dem keiner teilnimmt.
Erneut hob er die Hand und wollte gerade den virtuellen Button drücken, um seine Absage zu übermitteln, als Feng eintrat, wie üblich, ohne vorher anzuklopfen.
»Warum bist du so früh zurück?«, fragte sie in anklagendem Tonfall.
»Ständig wirfst du mir vor, dass ich zu viel Zeit außerhalb des Hauses verbringe, und nun bist du unzufrieden, weil ich früher zurück bin?«, erwiderte er gereizt.
»Du hättest mich wenigstens warnen können! Aber es interessiert dich ja doch nicht, was ich tue oder sage! Du beschäftigst dich ja nur mit deinen Studien! Selbst zu Hause sitzt du die ganze Zeit vor dem Holo-Cube. Was ist das da eigentlich?«
Wie die Mehrzahl seiner Studenten konnte Feng kaum lesen: Informationen, Botschaften, Veröffentlichungen und selbst die Schulprüfungen waren mündlich.
Alle rationalen Gedanken außen vor lassend, hob Li Hao die Hand und drückte den virtuellen Button, der seine Zusage übermittelte, den Posten des Kulturattachés zu übernehmen.
»Kulturattaché?«, sagte Feng. »Was macht ein Kulturattaché denn so?«
*
In den darauffolgenden Tagen schien es Li Hao, als würde ein Tornado über den Sumpf seiner Existenz hinwegfegen: Abschiedsfeste an der Universität, Kollegen, die er nicht kannte und die ihm gratulierten, ohne dass man genau wusste, ob sie sich wirklich für ihn freuten oder einfach nur jubelten, weil er seinen Platz räumen und das Büro frei werden würde, in dem er seinen Unterricht erteilte.
Nachdem Feng entdeckt hatte, dass eine Botschaft so etwas Ähnliches wie ein Konsulat war, hatte sie vorerst ihr Klagen und ihre Proteste eingestellt, so glücklich war sie über die Vorstellung, bald Zugang zur mondänen Welt der Diplomaten und ihrer Gattinnen zu erhalten. Doch unglücklicherweise hatte Li Hao einen Holo-Cube über Ta-Shima in seiner Nachttischschublade liegen lassen, den Feng entdeckt und sich angehört hatte.
»Hao«, jammerte sie, »du weißt sehr genau, dass meine Gesundheit angegriffen ist. Wie kannst du von mir verlangen, dass ich meinen Migräneattacken an einem so weit entfernten, primitiven Ort lebe? Ganz zu schweigen davon, dass es dort nicht mal eine richtige Schule für unseren Sohn gibt ...«
Eine richtige Schule?, dachte Li Hao. Der Junge besucht die Schule so unregelmäßig, dass es vollkommen egal ist, wo er sich aufhält!
»In einem Punkt hast du recht, meine Liebe«, sagte er. »Es ist ausgeschlossen, dass Eng Ao uns nach Ta-Shima begleitet. Er muss jetzt an sein Leben denken, und er ist groß genug, um allein zu bleiben.«
»Was!«, zeterte Feng. »Du kannst nicht von mir verlangen, dass ich meinen armen Jungen allein zurücklasse, ohne dass sich jemand um ihn kümmert! Gerade jetzt, wo er eine kritische Phase in seiner Entwicklung durchmacht. Das ist unmöglich, das musst du begreifen. Mach das Ganze rückgängig. Was ist dir überhaupt eingefallen, mich so vor vollendete Tatsachen zu stellen? Bevor du zusagst, hättest du mit mir darüber sprechen müssen!«
Li Hao seufzte. »Unser Sohn macht schon seit seiner Geburt eine kritische Phase durch. Es könnte ihm nur guttun, sich endlich mal allein durchbeißen zu müssen. Aber noch einmal: Ich werde ihn auf gar keinen Fall mitnehmen. Soviel ich weiß, ist Schreiberstadt eine winzige Ansiedlung, in der jeder jeden kennt. Ein Sohn wie der unsere würde reichen, um all meine Hoffnung auf eine Karriere zu begraben.«
»Du schämst dich für deinen Sohn?«
Für einen kurzen Moment war seine Frau ihm beinahe sympathisch, weil sie aufrichtig Gefühle zeigte.
*
Bis zur Abfahrt blieben ihnen lediglich zwei Tage, in denen ein kalter Krieg zwischen ihnen herrschte: Feng hatte beschlossen, nicht mehr mit ihrem Mann zu reden, und vermutlich hatte sie auch Eng Ao dazu aufgefordert. Auf jeden Fall konnte Li Hao völlig ungestört sein Gepäck zusammensuchen. Er nahm nur sehr leichte Kleidung mit: Die durchschnittliche Temperatur auf Ta-Shima betrug einundvierzig Grad, und mit einer gewissen Unruhe fragte er sich, wie hoch die maximale Temperatur wohl sein würde.
Als Li Hao dem Reisegepäck ein superkompaktes Mini-Computersystem, einen Block Papier und ein paar Stifte hinzufügte, lag ein selbstironisches Lächeln auf seinen Lippen: Wenn sein Zielplanet so primitiv war, wie seine Nachforschungen ergeben hatten, könnten diese anachronistischen Instrumente, die bei seinen Kollegen nur ein überhebliches Grinsen hervorrufen würden, ihm einen nützlichen Dienst erweisen.
Am Tag der Abfahrt entschied sich Feng, zu Hause zu bleiben. Sie warf ihrem Gatten vorwurfsvolle Blicke zu und weinte bittere Tränen. Ihre Schluchzer waren laut – sehr laut –, damit sie sicher sein konnte, dass ihr Mann sie auch hörte. Als die Raumkapsel, die ihn zum Astroport bringen sollte, vor dem Haus hielt und auf halber Höhe schwebte, wobei sie sich leicht wiegte, wurden Fengs Seufzer noch lauter und inniger, aber der Professor tat so, als würde er es nicht bemerken.
»Wir sehen uns in ungefähr dreieinhalb Umdrehungen wieder, mein Schatz«, verabschiedete er sich liebenswürdig. »Die Ernennung zum Kulturattaché gilt für vier Neudachren-Standardjahre.«
Dann stieg er munter in die Raumkapsel.
Schon auf der Fahrt zum Astroport fühlte er leichte Gewissensbisse. Doch er verwarf sie, indem er sich sagte, Feng und Eng Ao würde es ohne ihn nicht schlecht ergehen, ganz im Gegenteil.
Die Reise nach Oderissan verlief problemlos. Das Raumschiff für Ta-Shima hatte sich zwei Tage verspätet, und die föderale Regierung bot ihm gratis einen Aufenthalt in einem Hotel erster Klasse an. Das Hotel befand sich auf dem Asteroiden, der als Astroport diente.
»Endlich frei!«, rief Li Hao überschwänglich und betrachtete sich im Spiegel seines Luxuszimmers mit reduzierter Schwerkraft.
Einen Augenblick vergnügte er sich damit, hier und da herumzuhüpfen, aber nachdem er sich heftig den Kopf gestoßen hatte, wurde ihm klar, wie schwierig es ist, kontrollierte Bewegungen auszuführen, wenn man weniger als die Hälfte seines normalen Gewichtes auf die Waage brachte.
Er bummelte durchs Hotel, kostete extrem merkwürdige Getränke, von denen er noch nie gehört hatte, und bestellte ein Essen in einem der einundzwanzig Restaurants, in dem man Spezialitäten von Atarashii Sendaï servierte. Unglücklicherweise konnte er sich nicht dazu durchringen, das zu essen, was man ihm dort auftischte – hauptsächlich rohen Fisch. Er sagte sich, der Haushalt der föderalen Regierung würde schon nicht über Gebühr belastet werden, wenn er den Fisch stehen ließ und sich auf die Suche nach einem anderen Essen machte, das seinem Geschmack eher zusagte.
Er warf einen neugierigen Blick auf die Holo-Bilder der unterschiedlichen Gerichte, die vor den einundzwanzig Restaurants schwebten, als sich ihm ein anmutiges junges Mädchen näherte, das ihm lächelnd vorschlug, ihm bei der Auswahl der Speisen zu helfen. Li Hao zögerte, wenn auch nur kurz; dann nahm er das Angebot an. Die junge Frau, die sehr gut Galaktisch sprach, beschrieb ihm die unterschiedlichen Charakteristika der hier angebotenen planetarischen Küchen.
Schließlich setzte Li Hao sich an einen Tisch und bestellte. Tatsächlich wurde ihm ein Essen serviert, das ihm akzeptabel erschien. Es hatte zumindest Ähnlichkeit mit dem, was er gewöhnlich auf seinem Planeten zu essen pflegte. Ihm gegenüber hatte das prachtvolle Mädchen Platz genommen, das ihm bewundernde, sanfte Blicke zuwarf. Es störte Li Hao nicht weiter, weil sie überaus freundlich zu ihm war. Als er bezahlen wollte, fiel ihm allerdings der Blick zwischen dem Mädchen und dem Restaurantaufseher auf – dem einzigen menschlichen Wesen hier, denn alles andere wurde von Automaten verrichtet. Es war ein Blick, der ein heimliches Einverständnis signalisierte. Li Hao erkannte, dass die junge Frau Angestellte des Restaurants war und dass ihre Aufgabe darin bestand, so viel Geld wie möglich aus den Taschen dämlicher Touristen aus der Provinz zu ziehen.
Einem Touristen wie ihm.
Schluss war’s mit der Illusion, einen romantischen Abend in Begleitung einer geheimnisvollen unbekannten Schönen verbringen zu können. Er bedankte sich mit betonter Ritterlichkeit und gab der jungen Frau ein nobles Trinkgeld, damit sie begriff, dass er genauestens im Bilde war. Dann kehrte er allein in sein Zimmer zurück, wobei er seine großzügige Geste bereits bereute. Das Trinkgeld war eine Summe, die er auf gar keinen Fall auf die Rechnung der föderalen Regierung setzen konnte.
Die Hansa 27, das Raumschiff nach Ta-Shima, war eine herbe Enttäuschung: Es war nur durchschnittlich groß und völlig ohne Luxus. Aber – so wurde dem Professor mitgeteilt – es war die einzige Fluglinie, die Ta-Shima anfliege. Ansonsten, hieß es, verkehrten nur ein paar Handelsfrachtmaschinen, die noch weniger Komfort böten.
Mit einem besonderen Gefühl ging Li Hao an Bord. Dort wurde er von einem extrem hässlichen Wesen empfangen – klein, mit riesigen Schultern und völlig proportionslos.
»Herr Professor Hao?«, fragte eine tiefe, raue Stimme, die nach einer Bronchitis klang.
»Professor Li Hao«, antwortete er. »Li ist der Familienname. Auf meinem Planeten steht der Familienname vor dem Vornamen.«
»Nicht einfach nur Professor Hao?«, fragte das Individuum skeptisch und blickte auf ein Stück Papier, das es in der Hand hielt.
Offensichtlich konnte die Kreatur lesen, aber die galaktische Sprache schien nicht seine Stärke zu sein. Woher mochte das Wesen wohl stammen?
»Professor Li Hao«, bestätigte es und gab ihm zu verstehen, ihm zu folgen. Sie schritten über den langen Gang.
»Hier ist die Kombüse.« Das Individuum zeigte in einen Raum, in dem mindestens zwölf Personen Platz gefunden hätten. »Und hier ist die Kabine. Der Kapitän des Astroports kommt später.«
Damit verschwand das Wesen und ließ den Professor allein zurück.
Li Hao war glücklich wie ein kleiner Junge, der sich mitten in einer Holovid-Geschichte wiederfindet: Menschen von unbekannten Planeten, die sich in Sprachen unterhielten, die man noch nie zuvor vernommen hatte! Eine vierwöchige Reise in der Raumkapsel! Dabei waren die drei Tage in Oderissan die längsten gewesen, die er bis heute an einem anderen Ort verbracht hatte.
Man hatte ihn bereits wissen lassen, dass der Botschafter, für den er arbeiten solle, ebenfalls an Bord sei. Li Hao fragte sich, ob es seine Pflicht sei, sich bei ihm vorzustellen oder ob er besser warten solle, bis der Botschafter auf ihn zukäme. Unschlüssig öffnete er die Tür, um jemanden von der Besatzung zu suchen, der ihm sagen konnte, wo er Seine Exzellenz fände. Plötzlich hörte er eine Sirene, und eine Stimme kündigte auf Galaktisch an:
»Start in einer Stunde. Bitte legen Sie Ihr Gepäck in die zu diesem Zweck bereitgestellten Container und verriegeln Sie diese. Beim nächsten Läuten legen Sie sich in die Hängematten und schließen Sie diese von innen. Verlassen Sie die Matten erst wieder, wenn Sie drei aufeinanderfolgende Signaltöne vernommen haben.«
Die Nachricht wurde in der Universalsprache wiederholt, und schließlich in einer dem Professor unbekannten Sprache, deren gutturale Töne ihn an die des Raumschiffbegleiters erinnerten, der ihn an Bord empfangen hatte. Jetzt stellte sich nicht mehr die Frage, ob er zum Botschafter gehen sollte oder nicht. Ganz offensichtlich musste er jetzt Startvorbereitungen treffen.
Er war gerade damit beschäftigt, sein Gepäck zu verstauen, als ein kleiner, gedrungener Raumschiffbegleiter erschien, der ohne weiteres der jüngere Bruder seines Vorgängers hätte sein können, um zu prüfen, ob der Container ordnungsgemäß versiegelt war. Er hängte rasch die Hängematte auf und öffnete sie. Seine einzige Bemerkung dem Professor gegenüber lautete: »Du musst hier ziehen, um die Hängematte von innen zu schließen!« Mit Erstaunen stellte Li Hao fest, dass es sich nicht um einen Mann, sondern um eine Frau handelte.
Die Sirene, die den Start ankündigte, ertönte im ganzen Raumschiff, und der Professor erklomm die Hängematte und schloss sie von innen.
Er war zufrieden. Das Abenteuer konnte beginnen.
*
Li Hao schlug ein Bein über das andere und schaute sein Gegenüber an, doch seine Gedanken gingen eigene Wege. Er hörte den Monologen nicht wirklich zu. Seit er vor einer Woche an Bord gegangen war, war es jetzt das dritte Mal, dass Oberst Aziz Rasser, der bevollmächtigte Botschafter – nach dem Rücktritt seines Vorgängers war er nach Ta-Shima entsandt worden – ihn vorgeladen hatte, um mit ihm zu plaudern. Der Professor wusste mehr oder weniger bereits, was er da hörte, denn Seine Exzellenz neigte dazu, sich zu wiederholen.
Rasser war ein kräftiger Mann, etwa fünfzig Jahre alt, blond und unbehaart, mit markanten Zügen, auch wenn das Alter langsam die Konturen seines Kinns zu einem Doppelkinn aufweichte. Er war der Militär-Karrieretyp und hatte klare und präzise Vorstellungen – nicht viele zwar, aber denen, die ihn umtrieben, widmete er sich mit großer Hingabe.
Rasser nährte das relativ negative Vorurteil, was seinen Zielplaneten anbetraf. Li Hao hatte vor Antritt seiner Reise viele Berichte von Menschen gelesen, die vor ihm auf Ta-Shima gewesen waren. Nachdem er einige Tage Zeit gehabt hatte, die Ureinwohner, die zur Besatzung gehörten, genauer zu beobachten, war er überzeugt, handfeste Beweise gefunden zu haben, die seine Meinung stützten. Er würde dies seinem Ansprechpartner zu erklären wissen.
Mittlerweile war der Professor völlig in sich versunken und machte sich seinerseits so seine Gedanken. Er hatte erkannt, dass er seine Ernennung zum Kulturattaché einzig und allein einem der vielen typischen Vorurteile Neudachriens zu verdanken hatte: Seine Exzellenz hatte die Nominierung von Fuman Davi abgelehnt – eine hervorragend qualifizierte Ärztin und zudem überaus willensstark –, nachdem er festgestellt hatte, dass es sich um eine Frau handelte. Dieser unbequeme Posten, so Rasser, passe nicht zu einer Dame. Seiner ganz eigenen Logik folgend, nahm er zwar seine beiden Ehefrauen und seine jüngere Tochter mit nach Ta-Shima, aber was Fuman Davi anbetraf, wollte er partout nicht von seiner Ansicht abweichen.
Glücklicherweise hatte irgendjemand in Neudachren ihm erzählt, dass ein Anthropologe die geeignetste Person für den Posten des Kulturattachés sei, und nachdem man festgestellt hatte, dass der Professor sich auch für Linguistik begeisterte, war die Wahl auf ihn gefallen.
Die Überlegungen des Professors und der Monolog des Botschafters wurden durch ein diskretes Klopfen an die Tür jäh unterbrochen. Ein Mann aus der Crew, ein Asix aus Ta-Shima, wie der Professor mittlerweile wusste, kam mit einem Tablett ins Zimmer. Er stellte es auf den Tisch und sagte kurz und knapp: »Abendessen!« Dann wandte er sich ab, um den Raum zu verlassen.
Doch der Botschafter hielt ihn auf und musterte ihn von oben bis unten. »Findest du, dass deine Bekleidung angemessen ist? Habt ihr von der Handelsraumfahrt denn gar keinen Respekt vor einer Uniform?« Dann blickte er skeptisch auf die Thermobox. »Und was soll das hier sein?«
»Abendessen«, wiederholte der Asix.
»Was soll das heißen?«, fragte der Botschafter mit erhobener Stimme. Als guter Neudachrener war er davon überzeugt, dass es ausreichen würde, lauter in seiner eigenen Sprache zu sprechen und sich deutlich zu artikulieren, um sich verständlich zu machen.
»Abendessen«, wiederholte der Raumfahrtbegleiter fast genauso laut. Dann verneigte er sich und verließ den Raum.
»Die Ureinwohner müssen wirklich primitiv sein!«, entrüstete sich der Botschafter. »Selbst diejenigen, die Uniform tragen ... die sie im Übrigen nicht sehr sorgsam behandeln, wie mir scheint. Als ich noch an der Spitze eines Astroports stand, hätte ich nie toleriert, dass einer meiner Untergebenen mit offenem Kragen herumläuft, oder dass er bunte Armbinden oder unvorschriftsmäßige Stiefel trägt. Man merkt, dass wir es nur mit einer Handelsflotte zu tun haben, nicht mit einer Flotte des Militärs! Diese Zivilisten ... äh, nichts für ungut, Professor, Sie sind ein kultivierter Mensch, und ich habe den allergrößten Respekt vor Wissenschaftlern. Aber diese Einheimischen! Nun, was soll man machen? Der Kommandant behauptet, dass es aufgrund des Fiebers in Gaia besonders schwer sei, geeignetes Personal von anderen Planeten für diese Linie zu finden. Deshalb bestehe seine gesamte Crew, abgesehen vom Ersten Offizier, aus Ureinwohnern.« Er seufzte tief. »Es steht wohl außer Frage, dass wir es hier mit einer unterentwickelten Welt zu tun haben, der die Föderation in naher Zukunft die Zivilisation nahebringen muss. Es ist unsere Pflicht, ihnen zu helfen und ihre Infrastruktur zu verbessern, und wir müssen gute Schulen bauen, um diese Menschen zu unterrichten. Sie sprechen nicht einmal die Universalsprache. Eine derartige Ignoranz ist wirklich unglaublich!«
Neben seiner eigenen Sprache beherrschte der Professor Galaktisch; er hatte es bei der Freien Handelsflotte gelernt. Außerdem kannte er noch ein paar Redensarten der peripheren Nachbarplaneten seiner Heimat sowie die Sprache, die der Botschafter »Universal« nannte – die Sprache Neudachriens. Der Botschafter selbst beherrschte nur ein paar Brocken Galaktisch. Er war überzeugt, dass die ganze Welt der Universalsprache mächtig sein müsse.
Li Hao seufzte lautlos und hörte Seiner Exzellenz höflich weiter zu.
In einem seit Jahrhunderten befriedeten Weltall hatten Generäle und Obersten keine wirkliche Daseinsberechtigung mehr, und man musste andere Aufgabenfelder für sie suchen, zum Beispiel die des Botschafters, obwohl es weitaus besser gewesen wäre, sie zu Konsuln zu machen, denn das wäre eine eher harmlose Tätigkeit. Die Hauptarbeit jedoch erledigten Sekretäre und Attachés. Stattdessen versuchten die Militärs, Einfluss auf Parteien zu nehmen, deren Absicht nur darin bestand, die siebenundzwanzig Planeten auf eine Weise zu beherrschen, als würde es sich um militärische Astroports handeln.
Dennoch war Oberst Rasser dem Professor nicht unsympathisch. Jedenfalls war er ihm sehr viel angenehmer als General Wolf B’chir, der den extremen Flügel der konservativsten Partei der herrschenden Koalition in Neudachren anführte (und der, wie man munkelte, das Sagen über die Spezialkräfte hatte).
Aber was hatte man sich dabei gedacht, einen Mann wie Rasser – einen Mann aus dem Militär, der darüber hinaus zum Adel Neudachrens gehörte – als bevollmächtigten Botschafter an einen Ort wie Ta-Shima zu entsenden?
Hoffen wir, sagte sich Professor Li Hao, dass nach der Umstellung der föderalen Bürokratie noch etwas zum Erforschen übrig bleibt. Denn leider hatte die Geschichte der Menschheit nur zu oft gezeigt, dass eine weniger fortgeschrittene technische Zivilisation eines mehr oder weniger natürlichen Todes stirbt, wenn sie in Kontakt mit einer hoch entwickelten Zivilisation kommt.
Li Hao wünschte Seiner Exzellenz, der in seiner Kabine speiste, guten Appetit und machte sich auf den Weg zur Kombüse, ein relativ großer Raum, der mit einem Tisch und Stühlen möbliert war; in einer Ecke lag eine mit Kissen bestückte Matte für die Besatzung.
Am Tisch saß Kommandant N’Tari, ein Mann von hoher Statur mit dunkler, fast schwarzer Haut und kurzem schwarzem Haar. Er war ausgesprochen maßvoll und trug die vorschriftsmäßige Uniform der Handelsflotte, dazu einen kleinen Ohrring aus Metall, den er je nach Lust und Laune mal rechts, mal links anbrachte.
Vor ihm, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, saß Lars Ivradian, der Erste (und einzige) Offizier. Physisch war er das genaue Gegenteil von N’Tari: Er war blond und gedrungen, mit hohen Wangenknochen und dem flachen Gesicht der Einheimischen des Nordkontinents von Oderissan. Auch er wirkte schlicht und trug nur einen Hauch von Make-up, das seine Haut zum Leuchten brachte. Sie war perlmuttfarben, wie es in Neudachren Mode war. Dazu trug er sehr wenig Schmuck, das meiste davon ohne Wert, abgesehen von der blauen Perle von Oderissan, die in einen großen flachen Ring eingefasst war. Die Perle verriet seine Zugehörigkeit zu einer der Gründerfamilien der Kolonie, eine Familie, die offensichtlich dort abgesetzt worden war. Das mochte der Grund dafür sein, dass Ivradian einen Offiziersposten auf einem Raumschiff angenommen hatte, das zu keiner der großen Linien gehörte.
Sechs leicht verwahrlost aussehende Asix, zwei Männer und vier Frauen, saßen im Schneidersitz auf den Kissen und aßen. Der Botschafter hatte sich darauf versteift, die weiblichen Asix »Bedienstete« zu nennen, obwohl sie Besatzungsmitglieder waren und den gleichen Titel trugen wie ihre männlichen Kollegen.
»Kommen Sie, Herr Professor, setzen Sie sich zu uns«, sagte der Kommandant mit breitem Lächeln, das zwei Reihen sehr weißer Zähne enthüllte, die in seinem dunklen Gesicht umso heller strahlten. Der Professor nahm mit Vergnügen an. Da die Hansa 27 ein Linienraumschiff war, das seit Jahren die Strecke Neudachren–Oderissan–Wahie–Ta-Shima bediente, hatte Li Hao die Hoffnung, vom Kommandanten ein paar interessante Dinge zu erfahren; schließlich war der Mann bereits auf Ta-Shima gewesen.
Li Hao nahm einen Becher und füllte ihn an einem Automaten mit einer Flüssigkeit, die »Bier« genannt wurde. Er blickte skeptisch auf das fremdartige rosa Gebräu, ehe er damit zum Tisch ging, wobei er vorsichtig über das Bein eines Asix in uniformierten, zerknitterten Hosen hinwegstieg.
Der Erste Offizier schnauzte die Asix an und befahl ihnen, weniger Lärm zu machen. Sie begnügten sich damit, als Antwort lächelnd zu nicken. Einer von ihnen hatte sein Hemd offen und kratzte heftig seinen behaarten Oberkörper.
»Verzeihen Sie diesen Trampeln, Herr Professor!«, rief der Kommandant. »Ich kann es kaum erwarten, dass wir ankommen, damit ich die Besatzung austauschen kann. Am Ende der Reise ist Schluss mit diesen Nervensägen.«
»Wechseln Sie nach jeder Reise das Personal aus?«, fragte Li Hao.
»So in etwa. Ich wechsle immer zwischen zwei Mannschaften. Am Ende einer Reise sind die Asix immer sehr dünnhäutig. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass sie auf Dauer die Luft der Klimaanlage nicht vertragen, die im Vergleich zur Atmosphäre ihres Heimatplaneten sehr viel trockener ist, oder ob sie sich nicht daran gewöhnen können, an Bord eingesperrt zu sein. Deshalb verbringen sie nach jedem Einsatz ein paar Monate an Land, bis sie für die nächste Reise vorstellig werden. Sie sehen sich ziemlich ähnlich, nicht wahr? Anfangs ist es mir nicht gelungen, die einen von den anderen zu unterscheiden. Da kam es schon mal vor, dass ich welche verwechselt habe, ohne dass es mir aufgefallen wäre. Ich wette, dass sie für Sie, Herr Professor, der Sie noch nie zuvor Asix gesehen haben, alle irgendwie gleich aussehen. Ist es nicht so?«
Li Hai antwortete ausweichend: »Nun ja ...«
»Jedenfalls«, fuhr der Kommandant fort, »sind sie ein Muster an Disziplin, wenn sie an Bord kommen. Aber am Ende einer Reise sind sie sehr gereizt und hören kaum noch auf einen, wie ich Ihnen bereits sagte. Das ist verrückt, nicht wahr? Aber auch wenn sie so stark wie Stiere sind, sind sie in der Regel friedliche Jungs ... vor allem die Mädchen sind sehr nett«, fügte er mit einem Augenzwinkern in Richtung Professor hinzu. »Sie sind rechtschaffene, tüchtige Arbeiter. Man muss ihnen nur mit einem Minimum an Höflichkeit begegnen, damit sie sich artig verhalten. Ich habe gehört, andere Kommandanten hätten Schwierigkeiten mit den Asix, aber wir haben nie Probleme mit ihnen gehabt. Nicht wahr, Lars?«
Lars Ivradian pflichtete ihm bei, indem er mit dem Kopf nickte.
Die Asix kicherten fröhlich. Einer von ihnen war aufgestanden und äffte den Botschafter nach, in dem er in gespielt hochmütiger Haltung umherschlenderte, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, das Kinn vorgestreckt. Als der Kommandant hörte, wie sich Schritte näherten, fuhr er die Asix an:
»Das reicht jetzt! Ich habe keine Lust, eine Beschwerde gegen die Hansa 27 einstecken zu müssen, wenn wir in Neudachren Station machen. Vergesst nicht, dass wir alle diese Knallköpfe von der Botschaft an Bord haben ... oh, entschuldigen Sie, Professor! Ich habe nicht von Ihnen gesprochen, ganz bestimmt nicht. Dennoch muss ich gestehen, dass diese militärische Eskorte mir nicht sonderlich behagt.«
Die Raumfahrtbegleiter knöpften sich widerwillig die Jacken zu und richteten den Blick zur Tür, vor deren Fensteröffnung nun drei Silhouetten erschienen, die in sandfarbene Mäntel gehüllt waren.
*
Als Tichaeris die Offiziere und den Professor sah, machte sie eine seltsame Geste: Mit einer schnellen Drehung des Handgelenks hob sie eine Seite ihres Mantels an und bedeckte damit ihr Gesicht. Auch Oda hob die Hand, um es ihr nachzutun, ließ sie nach einem kurzen Moment des Zögerns aber wieder sinken.
Der Professor war aufs Höchste erstaunt über die Reaktion der Besatzung: Mit einem Mal herrschte in der Kombüse völlige Stille, als hätte man einen Ausschalter betätigt. Die Asix nahmen eine aufrechte Haltung ein, schlossen die Knöpfe ihrer Jacken und glätteten das bunte Stoffband mit den komplizierten Motiven, das auf ihrer Jacke von der linken Schulter bis zum Gürtel reichte. Dann verbeugten sie sich tief vor den Neuankömmlingen. Nachdem diese den Gruß auf dieselbe Weise erwidert hatten, beeilten sich die Asix, die Kissen auf der Matte zu ordnen und respektvoll darauf zu warten, dass die drei in Mäntel gehüllten Ankömmlinge sich setzten.
Nachdem ein paar Worte gewechselt worden waren, verließen zwei der Raumfahrtbegleiter die Kombüse. Die Gäste nahmen Platz und wandten sich mit einer angedeuteten Verbeugung den anderen zu, worauf diese ebenfalls grüßten.
»Verdammt«, raunte der Kommandant dem Professor zu. »Wo kommen die denn her? Das sind drei Shiro, die Herrscher von Ta-Shima. Ich hatte bereits Gelegenheit, sie auf dem Planeten zu sehen. Aber sie reisen nur selten. Ich hatte noch nie einen Shiro an Bord. Ich wusste zwar, dass drei Passagiere an Bord kommen, aber ich hätte nicht im Traum damit gerechnet, dass es Shiro sind.« Er mustert seine Mannschaft. »Und meine Raumfahrtbegleiter offenbar auch nicht.«
»Die Herrscher von Ta-Shima?«, fragte der Professor verblüfft und starrte die drei Gestalten an. Keinerlei äußere Zeichen deuteten auf Macht oder Reichtum hin; nichts ließ erkennen, dass sie Mitglieder irgendeiner Elite hätten sein können.
Sie trugen keinen Schmuck, hatten kein Make-up aufgelegt, das ihre amberfarbene Haut erhellt hätte, und ihre Frisuren waren schlicht. Zwei von ihnen, wahrscheinlich Männer, trugen ihre glatten, dunklen Haare bis zu den Schultern, während sich auf dem Kopf der dritten Person eine Masse schwarzer Locken türmte, von denen sich hier und da eine aus dem Haarknoten gelöst hatte.
Ohne zu antworten, erhob sich der Kommandant überstürzt und sprach auf Galaktisch zu den Neuankömmlingen, die gängige Sprache in allen Handelsraumschiffen.
»Herzlich willkommen an Bord, Shiro Adaï. Ich bin euer Kommandant. Und dies ist mein Erster Offizier. Stets zu euren Diensten.«
»Vielen Dank«, erwiderte einer der drei Shiro, jedoch ohne sich oder seine Begleiter vorzustellen. »Und wer ist die dritte Person?«
»Professor Li Hao, Kulturattaché der Botschaft.«
Der Professor stand auf und verbeugte sich. Das war auch auf seinem Planeten ein durchaus üblicher Gruß. Und es erschien ihm passend, die gängige Verhaltensweise der Ta-Shimoda zu übernehmen.
»Li Hao«, stellte er sich vor. »Anthropologe und Linguist. Ich bin Kulturattaché und beabsichtige, die Sprache und Zivilisation eures Planeten zu erforschen.«
Es erschien ihm diplomatischer, nicht zu sagen, dass er im Grunde genommen nur ernannt worden war, damit eine obskure Klausel einer alten Rechtsvorschrift beachtet wurde, wie er inzwischen wusste: Seit der letzte unabhängige Planet sich vor vierhundert Jahren der Föderation angeschlossen hatte, hatte es keine Botschaft mehr gegeben. Und niemand wusste genau, welche Funktionen dieses Amt eigentlich beinhaltete. Irgendjemand hatte aus alten, internationalen Rechtstexten entnommen, dass es zwingend einen Kulturattaché und einen Militärattaché geben müsse. Deshalb waren Li Hao und ein Raumfahrtkapitän benannt worden, ohne dass zuvor das Aufgabengebiet exakt festgelegt worden wäre; das galt zumindest für Li Haos Person.
Die Antwort der drei Ta-Shimoda bestand in einem kurzen Nicken. Dann berieten sie sich in einer Konsonantensprache, die sich deutlich von der Sprache unterschied, die zuvor die Raumfahrtbegleiter gesprochen hatten. Schließlich verbeugte sich einer von ihnen und stellte sich vor:
»Huang to Narufeni. Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Professor. Ta-Shima achtet Gelehrte. Aber die Aufgabe, die Ihnen übertragen wurde, scheint mir für eine einzige Person doch sehr schwierig zu sein. Erfreut, meine Herren Offiziere. Kommandant, ist es möglich, eine Verbindung zum Planeten herzustellen? Wir würden gern mit jemandem auf Ta-Shima sprechen, und die persönlichen Kommunikatoren funktionieren innerhalb des Raumschiffes nicht.«
»Gewiss, ich werde entsprechende Anweisungen erteilen, damit man in Ihrer Kabine sofort eine Verbindung installiert. Man hat Ihnen doch bereits eine Kabine zugeteilt?«
»Ja, auf Brücke C.«
»Aber das sind die Bereiche für die Besatzung! Sie sind viel zu bescheiden für Sie! Was ist da nur in den Köpfen meiner Raumschiffbegleiter vor sich gegangen? Ich werde sofort veranlassen, dass Sie eine komfortablere Kabine erhalten.«
»Danke, aber das ist nicht nötig. Ich bin sicher, wir sind dort gut aufgehoben.«
Mit einem Kopfnicken verabschiedeten sich die Shiro und verließen die Kombüse. An der Tür erwartete sie eine Raumfahrtbegleiterin, um sie zur Brücke C zu führen.
Der Raum, in den man sie führte, war im klaren, schlichten Stil der Ta-Shimoda eingerichtet; bis auf eine Matte, drei Kissen und Haken zum Aufhängen der Hängematte enthielt er nichts. Dank verschiebbarer Trennwände ließ er sich in drei winzige Bereiche teilen. Im Grunde handelte es sich eher um einen Kokon mit gepolsterten Wänden, den man offen lassen oder schließen konnte, falls der Insasse den Wunsch nach ein wenig Intimität verspürte, wobei es keine Rolle spielte, ob das Raumschiff sich auf der Erde oder in der Luft befand.
Ein Asix war bereits damit beschäftigt, einen Video-Kommunikator zu installieren.
»Lässt sich der Anruf zurückverfolgen?«, fragte Tichaeris.
»Möchten Sie, dass es nicht möglich ist?«
»Lässt sich das machen?«
»Nein, aber man kann es zumindest hinauszögern, wenn ich den Anruf über das Kommunikationszentrum des Raumschiffes laufen lasse. Ich werde eine Serie von Kettenverbindungen schalten.«
Schweigend arbeitet er einige Minuten weiter; dann schaute er die Shiro an und nickte.
»Ich rufe an«, sagte Suvaïdar.
Sie schaltete die Video-Funktion aus und ließ sich mit dem medizinischen Zentrum verbinden. Nachdem sie sich nach Frau Doktor Narufeni erkundigt hatte, verband man sie mit Revann.
»Frau Doktor Narufeni arbeitet nicht mehr bei uns«, erklärte Revann. »Ich bin ihre Vertretung.«
»Wo kann ich sie finden?«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Entschuldigen Sie mich jetzt bitte, ich habe eine programmierte Unterbrechung.«
Augenblicke später war die Leitung tot. Suvaïdar versuchte, sich mit ihrem Apartment in den Nordwesttürmen verbinden zu lassen.
Eine mechanische Stimme meldete sich: »Verbindung nicht möglich.«
Suvaïdar gab die Daten ihres Kontos ein, als wollte sie eine Bezahlung vornehmen, aber der Apparat ließ keine Überweisung zu.
»Das ging aber schnell«, stellte Tichaeris fest. »Sind sie immer so effizient?«
»Das ist absurd!«, stieß Suvaïdar hervor. »Selbst wenn sie mich bereits als eine von den Personen identifiziert haben, die der Patrouille gegenüber Widerstand geleistet hat, verstehe ich die Überreaktion nicht. Ich bin doch nicht der öffentliche Feind Nummer Eins geworden!«
Suvaïdar hatte Mühe, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie das alles mitnahm. Das Leben, das sie sich in acht Jahren aufgebaut hatte, war in einer einzigen Nacht in tausend Scherben zerfallen. Sie hatte keine Arbeit mehr, und das Computernetz erkannte ihre Identität nicht. Auf Wahie war sie zu einem Niemand geworden. Wäre sie auf dem Planeten geblieben, hätte sie keine andere Möglichkeit gehabt, als sich der Polizei zu stellen, um wenigstens wieder Zugang zu ihrem Konto zu bekommen.
»Wie mir scheint, hat man mir keine andere Wahl gelassen, als mit euch aufzubrechen«, stellte Suvaïdar betrübt fest. »Aber das bedeutet keinesfalls, dass ich in den Rat eintreten werde. Wenn sie einen Tipp von mir brauchen, bekommen sie ihn, das versteht sich von selbst. Ich hoffe, die Saz Adaï erinnert sich daran, dass ich nur eines kann: Mit dem Operationsmesser und dem chirurgischen Laser umgehen. Hoffentlich gibt sie mir eine Stelle im Krankenhaus. Und jetzt möchte ich gern allein sein, bitte. Die Nacht war sehr lang und beschwerlich.«
Die anderen gaben Suvaïdars Wunsch nach. Win, der Asix, verschob die beweglichen Trennwände, die die Kabine teilten und zeigte, wie man sie feststellen und wieder öffnen konnte. Dann wünschte er Suvaïdar eine gute Nacht und ging, gefolgt von Tichaeris und Oda.
Suvaïdar setzte sich im Schneidersitz auf die Matte, die einen Teil des Bodens bedeckte, und versuchte, die unglückliche Verkettung von Umständen zu rekonstruieren, die sie hierhergeführt hatten. Das wahre Rätsel jedoch lag für sie darin, dass sie sich durch eine ebenso absurde Geschichte hatte an Bord bringen lassen. Bevor Win sie mit seiner glänzenden Idee bloßgestellt hatte, einen Repräsentanten der Spezialkräfte unter den Augen der Holo-Kameras anzugreifen, hätte Suvaïdar hundert Möglichkeiten gehabt, in aller Ruhe nach Hause zurückzukehren. Stattdessen war sie den anderen gefolgt, als hätte man ihr den eigenen Willen geraubt. Jetzt blieb ihr nur, resigniert einen Schlussstrich unter die vergangenen acht Jahre zu ziehen – nein, unter die letzten sechs Trockenzeiten, verbesserte sie sich – und möglichst schnell wieder zu gesunden, um als Ta-Shimoda weiterzuleben.
Es klopfte. Es war Win mit einer dampfenden Tasse in der Hand und einem unschuldigen Lächeln auf den Lippen.
»Hast du dich um deine Wunde gekümmert?«, fragte sie ihn.
»Ja«, erwiderte er, immer noch die Tasse in der Hand. »Möchtest du es überprüfen?«, fügte er hinzu und hob den Fuß.
»Nein. Ich bin sicher, du hast das Nötige getan. Morgen, nachdem ich geschlafen habe, lege ich dir einen neuen Verband an.«
Suvaïdar trank mit Wonne die heiße, süße Flüssigkeit und fühlte sich danach ein bisschen besser.
»Soll ich die Hängematte herrichten?«, fragte Win.
»Ja, gern. Danke. Und jetzt möchte ich schlafen. Das solltest du auch tun.«
Wins rundes Gesicht hellte sich auf. Suvaïdar biss sich auf die Zunge. Der Asix hatte ihren Satz so verstanden, als hätte sie ihn eingeladen, die Hängematte mit ihr zu teilen. Wenn sie das Gesagte jetzt zurücknahm, wäre er tödlich verletzt. Aber sie war todmüde!
Sie beobachtete Win insgeheim und gelangte zu der Ansicht, dass sie sooo müde nun auch wieder nicht war. Auf Wahie hatte sie ein Jahr gezögert, bevor sie sich in sexuelle Abenteuer stürzte. Dabei hatte sie schnell erkennen müssen, dass die Vorstellungen von Sex auf Wahie erheblich von denen auf Ta-Shima abwichen. Nach einigen unangenehmen Erfahrungen hatte sie es schließlich vorgezogen, allein zu bleiben.
Win befestigte die Hängematte an zwei Haken und öffnete sie. Suvaïdar stand auf, um ihm zu helfen.
»Lass mich das machen«, sagte Win, »du bist müde.«
»Du nicht? Du bist genauso viel gelaufen wie ich.«
»Ich bin ein Asix. Ich werde nicht so schnell müde.«
Suvaïdar wusste, das war nur eine unschuldige kleine Angeberei, weil Win sie beeindrucken wollte. In seinem eigenen Land hätte er es niemals gewagt, einer Shiro-Dame gegenüber so etwas zu sagen.
Mit einem Augenzwinkern richtete er die Bettwäsche und wartete respektvoll, bis Suvaïdar sich ausgezogen hatte und in die Hängematte gestiegen war. Dann zog er rasch Tunika und Hose aus. Zum Vorschein kam ein typischer Asix-Körper: kurze Arme und Beine mit dicken Muskeln, ein flacher Bauch und ein beeindruckender Sixpack. Die Körperhaare waren am linken Schulterblatt sorgfältig rasiert, um die Tätowierung seines Clans, die sich blau auf der hellen Haut abzeichnete, besser zur Geltung zu bringen. Erstaunt sah Suvaïdar, dass die Tätowierung einen Schrägstrich aufwies: Der stilisierte Säbel ließ erkennen, dass Win einer Akademie anvertraut worden war.
Win stützte sich auf den Balken der Verriegelung und sprang mit einem Satz in die Hängematte, die er von innen schloss. Suvaïdar vergaß sein nervtötendes Geschwätz. Sie vergaß auch, dass er es binnen weniger Stunden geschafft hatte, ihr Leben zu ruinieren. Sie atmete den angenehmen Geruch von Zimt und Muskatnuss ein, fuhr mit der Hand über seinen haarigen Oberkörper und sagte sich, dass die Rückkehr in ihre Heimat auch einige sehr positive Seiten hatte.
*
Die Hansa 27 blieb vier Tage in der Umlaufbahn. Währenddessen verbrachten die drei Shiro sehr viel Zeit in ihrer Kabine, aber nicht allein: Die Besatzungsmitglieder tauchten einer nach dem anderen auf und verbeugten sich, von einem Bein aufs andere tretend, in der Hoffnung, man würde sie bitten, Platz zu nehmen. Hatten sie erst einmal Vertrauen geschöpft, knieten sie sich dankbar auf die Matte und berichteten über ihr Leben an Bord und über die Probleme, die sie bei den Kontakten zu Menschen aus der Außenwelt gehabt hatten. Sie erzählten von den Eigenheiten, die sie auf fremden Welten beobachtet hatten, und gaben Neuigkeiten über ihre jeweiligen Clans zum Besten. Einige baten um Rat, aber die meisten begnügten sich damit, bei den Shiro zu sitzen, am liebsten mit einer Tasse Tee in der Hand, sich zu unterhalten oder einfach nur zu schweigen – zufrieden, sich in Gesellschaft von Repräsentanten der anderen Rasse aufzuhalten.
Denn das war es, was den Asix an Bord gefehlt hatte, und das war auch der Grund für ihre Unruhe. Die Klimaanlage, wie der Kommandant glaubte, spielte nur eine untergeordnete Rolle dabei.
Auch Suvaïdar begegnete den Asix mit Freude, und deren Geplapper weckte ihr aufrichtiges Interesse. Die Asix machten eine Wissenslücke von mehreren Jahren wett, denn nachdem Suvaïdar Ta-Shima verlassen hatte, war der Kontakt zur alten Heimat vollständig abgerissen. An wen hätte sie all die Jahre auch schreiben sollen? Sämtliche Botschaften an die Mitglieder des Huang-Clans wären im zentralen Haus aussortiert worden. Die Saz Adaï hätte nicht mal einen Brief an Tarr durchgehen lassen. Und ihre anderen Shiro-Freunde wollte sie nicht verärgern. Deshalb schickte sie ihnen gar nicht erst Botschaften aus der Außenwelt.
An Bord waren auch einige Mitglieder des Bur-Clans. Sie hatten schon kurz nach dem Tod der alten Matriarchin Bur to Sevastak darum gebeten, an Bord gehen zu dürfen. Im Gegensatz zur herkömmlichen Tradition, nach der die Macht wenn schon nicht an eine alte, so doch zumindest an eine reife Frau weitergereicht werden sollte, hatte man stattdessen eine ihre Töchter, Eronoda, zur Nachfolgerin bestimmt, die noch ein junges Mädchen war. Aus irgendeinem Grund erwähnten die Asix des Bur-Clans dies nicht gern, doch ihr Schweigen war beredt: Sie maßten es sich nicht an, in der Öffentlichkeit eine Shiro zu kritisieren, und schon gar nicht eine Saz Adaï. Und auch wenn die Ernennung Eronodas am Ende einer außerordentlich langen Ratsversammlung des Clans ausgesprochen worden war, entsprach sie doch nicht den Traditionen.
Überhaupt war der Bur-Clan nicht gerade dafür bekannt, dass er sich den Traditionen gegenüber verpflichtet fühlte, ganz im Gegenteil: Man handelte gern gegen die Norm. Der Clan war reich und sein Entschluss, sich auf den Handel mit Fremden zu konzentrieren, trug zusätzlich reiche Früchte. Ta-Shima benötigte dringend Präzisionsgeräte und elektronische Bauteile, die in den anderen Welten serienmäßig produziert wurden. Die Bur besorgten dies alles und erhielten dafür Gewürze, die von Dschungelpflanzen stammten und deren Anbau und klimatische Anpassung andernorts sehr kostspielig gewesen wäre. Darüber hinaus erhielten sie Daïbanfasern.
Aus diesem Grund genoss der Clan, der bis vor Kurzem noch relativ klein gewesen war, hohe Achtung. Seine Mitglieder, die sich auch für niedere Arbeiten, die andere ablehnten, nicht zu schade waren, waren nun reich und angesehen.
Trotz allem hatten einige Clanmitglieder Dinge gehört, die ihnen ganz und gar missfielen. Die Menge der Informationen, die sie zusammentrugen, indem sie hier und da umherschlenderten oder sich die Nacht mit geschwätzigen Shiro um die Ohren schlugen, war schier unglaublich. Durch einen Loyalitätskonflikt belastet, hatten sie darum gebeten, an Bord der Hansa 27 gehen zu dürfen, für einen anderen Clan arbeiten zu können oder sogar den Clan zu wechseln. Für so etwas gab es keinen Präzedenzfall.
Nicht, dass sie den von Händlern in Niasau eingeführten Neuerungen gegenüber gleichgültig gewesen wären: Apparate, die Mahlzeiten kochten, ohne dafür ein Feuer anzuzünden; miniaturisierte Fernkommunikatoren und nicht zu vergessen den Holovid, den eine junge Asix verwirrt als »Kasten« bezeichnete, »der Geschichten sichtbar macht, selbst wenn sie gar nicht passiert sind« – dies alles fanden sie großartig. Im Allgemeinen jedoch waren sie misstrauisch gegenüber allem Unbekannten. Bevor sie sich etwas zulegten, das ihre Lebensweise auch nur minimal änderte, fragten sie für gewöhnlich einen Shiro um Rat. Traditionalisten, die Shiro nun einmal waren, rieten jedes Mal von der Anschaffung ab – vor allem aus ganz praktischen Gründen: Das bisschen Energie, das auf dem Planeten durch Elektrizitätswerke, Sonnenkollektoren und Windräder erzeugt wurde, durfte nicht verschwendet werden. Die geringe Energieausbeute des Planeten war vorrangig für die Lebenshäuser, für Pumpen und für die Transporte zwischen den drei Städten bestimmt.
Durch die Gespräche mit den Asix wurde Suvaïdar klar, dass sich in der Zeit ihrer Abwesenheit die Kluft zwischen der Mentalität ihrer Landsleute und der föderierten Bürger kein bisschen geschlossen hatte. Nach wie vor gab es zahlreiche Missverständnisse.
Botschafter Coont, ein außergewöhnlicher Diplomat, hatte sein Bestes gegeben, um den Kulturschock abzumildern. Er hatte sich – so wie Suvaïdar, nachdem sie sich auf einer der Föderierten Welten niedergelassen hatte – dem Lebensstil Ta-Shimas angepasst und sich damit abgefunden, auf gewisse Annehmlichkeiten verzichten zu müssen, die zuvor selbstverständlich für ihn gewesen waren.
Der neue Botschafter jedoch schien anders zu sein, und die Asix beobachteten ihn mit einem gewissen Argwohn. Er wurde von einer Militärbrigade begleitet, die aus fünfundzwanzig Soldaten und einem Kommandanten im Rang eines Kapitäns bestand. Jeder von ihnen fiel durch arrogantes Verhalten auf. Darüber hinaus hatte Oberts Rasser darum gebeten, dass ihm die Mahlzeiten in der Kabine serviert würden. Ein Shiro würde so etwas niemals tun. Eine solche Dienstleistung wurde nur aus einer Respektbezeugung oder aus persönlicher Sympathie heraus erbracht und wurde auch als solche verstanden. Im Übrigen verachteten die Ta-Shimoda im Allgemeinen diejenigen, die nicht in der Lage waren, sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.
Auch Oda, der sich jedem Nicht-Shiro gegenüber sehr arrogant verhielt, betrachtete es als ganz normal, seit seiner Ankunft an Bord seine Kleidung selbst zu waschen. Bei seiner Flucht aus Neudachren hatte er, ohne groß zu überlegen, nur den Beutel mitgenommen, in dem er didaktische Cubes und Wäsche zum Wechseln aufbewahrte. An Bord hatte er Suvaïdar die für Ta-Shimoda typische Kleidung ausgehändigt, die sie dankbar entgegengenommen hatte. Die Hose hatte sie etwas gekürzt, dann hatte sie ihr kostbares Kleid aus der Außenwelt weggeworfen, da sie es auf Ta-Shima mit Sicherheit nicht tragen würde.
Am dritten Tag gab es ein großes Kommen und Gehen. Eine Landefähre dockte an, und die beiden Ehefrauen des Botschafters kamen an Bord, begleitet von seiner Tochter, die sie zuvor aus ihrer Schule auf Tiniac geholt hatten.
Es handelte sich um drei typische Neudachren-Damen, groß, mit hellem Haar und milchweißem Teint. Sie trugen sehr kostspielige, prächtige Fototex-Kleider aus einem glänzenden synthetischen Gewebe, deren Farbe sich je nach Lichteinfall änderte. Wie die unitaristische Religion es verlangte, zu deren Prinzipien Keuschheit und Sittsamkeit gehörten, ließen die Kleider nicht einen Zentimeter Haut frei; nichtsdestotrotz gab es gewisse Andeutungen weiblicher Formen: Das Oberteil war sehr ausgerichtet, sodass Brüste und Hüften sich deutlich abhoben, und die langen, steifen Röcke in changierenden Farben – wahnsinnig unbequeme Kleidungsstücke, wie Suvaïdar aus eigener Erfahrung wusste – hatten an den Seiten Schlitze bis unter die Knie, die einen Blick auf die fünf Unterröcke freigaben.
Die drei Frauen waren eine wahre Symphonie aus Farben: Die Erste, die an Bord ging – die ältere Ehefrau Seiner Exzellenz, groß und gut gewachsen, ohne dick zu sein, mit aschblondem Haar und strengen Zügen –, funkelte bei jedem ihrer Schritte in Grün, Malve und Azurblau. Ihre Tochter folgte ihr in glitzernden Pastelltönen; der Tochter wiederum folgte die zweite Gemahlin, die in allen Nuancen sämtlicher warmen Farben – von Rot bis Gelb – aufzuflammen schien. Der Gipfel an Luxus! Selbst die bunten Unterröcke, die aus den Schlitzen hervorschauten, waren aus Fototex und begleiteten sämtliche Bewegungen ihrer Trägerinnen in schillernden Farben. Alle drei Frauen waren geschminkt und parfümiert und trugen eine komplizierte Frisur und reichlich Schmuck. Sie waren grazil wie Schmetterlinge oder Blumen – oder wie die prachtvollen, kleinen bunten Tiere von Oderissan, die nach dem Terraforming des Planeten leider verschwunden waren. Es gelang ihnen, auf ihren unbequemen, zwanzig Zentimeter hohen Absätzen ungezwungen und elegant dahinzuschreiten. Wenn sie sich mit ihren bedächtigen, festen Schritten voranbewegten, musste man unwillkürlich an buntbemalte Volieren mit farbigen Blumen denken, die auf dem Wasser trieben.
Die Damen waren das Produkt von Jahrhunderten, in denen vor allem die Liebe zum Schönen und zur Kunst gezählt hatte. Sie hatten ihre eigenen Körper in Kunstwerke verwandelt, und sie lebten und schwärmten für die Ästhetik und die Musik, für Mode und Parfums, für Tanz und bildende Kunst – alles Dinge also, die Oda »überflüssiges Zeug« genannt hätte.
Die Tochter Seiner Exzellenz war eine typische Neudachrener Schönheit, groß, mit seidigem, silberblondem Haar, leuchtend blauen Augen und sehr hellem Teint – anders als der weiße, durchscheinende Teint der Asix. Jeder x-beliebige Bewohner der Zentralplaneten würde stehen bleiben, um sie bewundernd zu betrachten – sie, die der Schönheit einer Skulptur in nichts nachstand. Doch die Asix, die schamlos und laut über des Botschafters Tochter redeten und sie mit ihrem Schönheitsideal verglichen, den Shiro-Damen, fanden sie zu dick und zu blass.
Die erste Frau Rasser bekam einen Schreck, als sie zum ersten Mal einen Raumfahrtbegleiter sah. Dieser war gerade mit Wartungsarbeiten in dem Gang beschäftigt, der zu den Luxuskabinen führte, die dem Personal der Botschaft vorbehalten waren.
»Aber ... das ist ja eine Frau!«, rief des Botschafter Gemahlin voller Entsetzen und musterte die klotzige Gestalt in der weiten Hose und den Stiefeln, die vor ihr stand, einen Schraubenzieher in der einen Hand, ein Schild, das sie befestigen wollte, in der anderen. »Warum sind Sie wie ein Mann gekleidet?«, fragte sie die junge Asix, die sie offensichtlich nicht verstand und an Ort und Stelle stehen blieb, um Frau Rasser schweigend zu betrachten.
Der Erste Offizier, der persönlich erschienen war, um seine illustren Gäste und deren Begleitung zu ihren Kabinen zu begleiten, schritt ein:
»Das ist die Standarduniform der Handelsflotte, gnädige Frau. Im Übrigen sind Mann und Frau auf Ta-Shima gleich gekleidet.«
»Ach wirklich? Wie merkwürdig! Von Weitem wird es schwer sein, sie voneinander zu unterscheiden, und die Religion toleriert keine Form des Transvestitismus.«
»Ich weiß nicht, ob auf Ta-Shima die Religion eine so große Rolle spielt. Und was diese Art der Bekleidung angeht – das ist nur eine Frage der Bequemlichkeit. Übrigens, das Klima auf Ta-Shima ist sehr unangenehm. Es ist eine Welt, die nicht für die Kolonisation ausgewählt wurde, man ist zufällig dort gelandet. Neben den extremen Temperaturen und der intensiven Sonnenstrahlung ...«
»Erlauben Sie mal!«, unterbrach die Dame ihn abrupt. »Finden Sie nicht, dass die Bekleidung auch eine Frage der Moral ist?«
»Nun ja«, erwiderte der Erste Offizier, »auf Ta-Shima hat man die Angewohnheit ...«
»Aha! Die Gewohnheiten und die kulturellen Besonderheiten! Die ewige Entschuldigung dafür, alle Abweichungen und Perversionen zu akzeptieren!«
Frau Rasser schien sehr resolut zu sein, denn es war nahezu unmöglich, ihr gegenüber einen Satz zu beenden.
»Ich habe gehört, dass auf Ta-Shima Frauen häufig außerhalb der Ehe Kinder haben, und dass die Männer gewalttätig und blutrünstig sind. Müssen wir diese Gewohnheiten etwa auch tolerieren? Diese Kreaturen haben lange Zeit fernab von Religion und Zivilisation gelebt, das ist der Punkt! Nun, in Zukunft wird sich das ändern.«
Der Erste Offizier seufzte im Stillen. Die Reise versprach einige Komplikationen. Glücklicherweise hatten sich die Asix, seitdem die Shiro an Bord waren, zur großen Freude des Botschafters als ordnungsliebend und diszipliniert erwiesen. (Der Botschafter war allerdings davon überzeugt, dass die Verhaltensänderungen das Ergebnis seiner Beschwerden seien.)
An Bord war es Usus, dass die Besatzung je nach Dienst ihre Mahlzeiten in kleinen Gruppen zu sich nahm und die Passagiere sich je nach Bedarf in der Kombüse versorgten. Doch Oberst Aziz Rasser, der sich in seinem ganzen Leben nicht mal eine Tasse Kaffee selbst gekocht hatte, hatte es für gut befunden, dass ein Raumfahrtbegleiter ihm das Essen in seiner Kabine servierte. Die Asix, die sich beleidigt fühlten, rächten sich dafür: Obwohl sich das Raumschiff in der Umlaufbahn befand und es in den ersten Reisetagen frische Speisen gab, servierten sie Seiner Exzellenz systematisch Standardrationen und taten so, als würden sie nicht begreifen, was er eigentlich von ihnen wollte. Nun, wo seine Suite vollständig mit ihm und seinen Damen besetzt war, hatte der Botschafter dem Ersten Offizier befohlen (als wäre dieser kein freier Händler, der nur seinem Kommandanten gegenüber zu Gehorsam verpflichtet war), ein annehmbares Speisezimmer herzurichten und dort für ihn und seine Begleitung die Mahlzeiten aufzutragen. Es handelte sich insgesamt um rund dreißig Personen.
»Es tut mir schrecklich leid«, hatte der Erste Offizier nicht ohne gewisse Genugtuung geantwortet, »es gibt keinen freien Platz auf einem Raumschiff, auf dem praktisch mit jedem Zentimeter kalkuliert werden muss. In der Kombüse ist Platz für ein Dutzend Gäste, man müsste allenfalls einen Turnus festlegen.«
»Na gut«, sagte Rasser. »Also dann nur für meine Familie, den Professor und Kapitän Aber. Und entfernen Sie diesen flachen Tisch und die störenden Kissen!«
»Das ist der Tisch der Besatzung«, erklärte der Este Offizier. »Sie frühstücken dort.«
»Auf den Kissen sitzend?« Rasser verzog das Gesicht. »Sie essen am Boden wie Tiere? Diese Leute müssen noch zurückgebliebener sein, als ich dachte.«
Seine Familie kam hinzu, und Seine Exzellenz setzte erneut die Frage des Speisezimmers auf die Tagesordnung, unterstützt von der hartnäckigen Zielstrebigkeit seiner ersten Frau, die die Feststellung traf:
»Sie wollen doch nicht etwa, dass die Besatzung mit uns speist! Es reicht doch wohl, dass wir vier Jahre auf diesem gottvergessenen Planeten zubringen müssen. Da müssen wir uns doch wohl nicht auch noch mit den Eingeborenen verbrüdern!«
Um einer unangenehmen Diskussion aus dem Weg zu gehen, hatte der Kommandant nach Rücksprache mit dem Ersten Offizier eingelenkt. »Es sind ja nur drei Wochen, dann sind wir die Meute wieder los«, hatte er mürrisch gemurmelt.
Die Matte, der flache Tisch und die Kissen der Besatzung wurden also in den Vorratsraum gebracht, der damit arg überfüllt war. Aber mit jedem Reisetag würde er sich ein bisschen mehr leeren, und der Herr Botschafter konnte in aller Ruhe in seinem Speisezimmer essen. Der Kommandant hatte ihm außerdem zwei Raumfahrtbegleiterinnen zugebilligt, die ihm während des Fluges das Essen servierten. Fand jedoch ein Manöver statt, ging das vor, denn der Kommandant war auf sämtliche Mitglieder seiner Besatzung angewiesen. Dann hatten alle zu erscheinen – bis auf diejenigen, die gerade schliefen.
Als die erste, ältere Ehefrau Seiner Exzellenz dem Kommandanten gegenüber die Bemerkung fallen ließ, es erschiene ihr angebrachter, dass Männer am Tisch servierten, da die Raumfahrtbegleiterinnen für vornehme Damen nicht schicklich seien, blieb er standhaft.
»Wenn Sie bestimmte Mitglieder der Besatzung nicht zu sehen wünschen, meine Dame«, erwiderte er, »müssen Sie eben in Ihrer Kabine bleiben. Mehr als die Hälfte der Besatzung besteht aus Frauen, und ich bin nicht in der Lage, die Arbeits- und Ruhezeiten meiner Mitarbeiter so zu organisieren, dass es den Passagieren gefällt oder nicht gefällt. Davon ganz abgesehen sollten Sie sich an diese Frauen gewöhnen. Sie werden auf Ta-Shima von Bord gehen. Selbst in Schreiberstadt – der Zone, die für Fremde reserviert ist – werden sie ständig auf einheimische Frauen stoßen, die in Hotels, Geschäften, selbst in der Botschaft arbeiten. Sogar am Astroport stellen Frauen die Mehrheit des Personals. Alle Ta-Shimoda üben aktiv einen Beruf aus.«
Die Dame schniefte laut, um ihre Missbilligung kundzutun. Dann schwebte sie von dannen, wie in einen Umhang aus Würde gehüllt, gefolgt von ihrer Tochter und der Co-Ehefrau. Der Kommandant sah ihnen nach; dann wandte er sich mit einem verzweifelten Seufzer an Professor Li, der das Gespräch mit Interesse verfolgt hatte.
»Ich hoffe nur, diese Leute kommen nicht auf den Gedanken, auf ähnliche Art und Weise einen Shiro anzusprechen. Die Shiro sind überheblich und jähzornig, und ihnen fehlt es an Respekt anderen Menschen gegenüber.«
»Mir scheint«, sagte der Professor, »als wüssten Sie über viele Dinge auf dem Planeten Bescheid, Kommandant. Wie oft sind Sie schon auf Ta-Shima gewesen?«
»Nur achtmal. Aber ich versuche immer, zumindest einige Tage dort zu verbringen, am liebsten in der Stadt. Die Mehrzahl meiner Kollegen verlässt nicht mal den Astroport. Für mich aber ist Ta-Shima anders als alle anderen Welten. Der Planet fasziniert mich. Schade nur, dass wir uns ausschließlich in Schreiberstadt aufhalten dürfen.«
»Wegen des Fiebers, nicht wahr?«
»Das ist nicht der einzige Grund. In der für Fremde reservierten Zone gibt es die Botschaft, die für Ordnung sorgt. Außerdem gelten auf Ta-Shima nominell die Gesetze der Föderation. Und ich glaube nicht, dass es möglich ist, Schreiberstadt ohne Erlaubnis zu verlassen. Denn hat man erst einmal die Brücke von Niasau hinter sich, ist man den örtlichen Gesetzen unterworfen. Diejenigen, die diese Brücke passiert haben, wurden nie wieder gesehen. Auf Nachfragen der Botschaft erhält man immer nur die Antwort, die Betreffenden hätten die Nationalität der Ta-Shimoda angenommen und keinerlei Interesse mehr an ihrem Heimatplaneten. Der alte Coont hat das bestätigt. Er wollte wegen einer Handvoll Missionaren und Abenteurern, auf die die Föderation getrost verzichten konnte, keinen Skandal provozieren. Deshalb ließ er eine Erklärung veröffentlichen, in der er bestätigte, dass alle, die die Brücke passieren, die Staatsangehörigkeit verlieren – und damit auch das Recht auf Hilfe vonseiten der Botschaft.
»Was mich betrifft, Professor, wäre das Fieber schon ein ausreichender Grund, in Schreiberstadt zu bleiben, da kaum einer diese Krankheit überlebt. Alle Einheimischen, die auf den Raumfahrzeugen oder in Schreiberstadt arbeiten, müssen einen Gesundheitspass bei sich tragen. Sie müssen sich regelmäßig untersuchen lassen, und es werden Analysen gemacht, um die Virusträger auszusondern. Es sieht so aus, als hätten sie im Laufe der Jahrhunderte eine Art Resistenz entwickelt, und wenn sie krank werden, zeigen sie kaum noch Symptome, sind aber ansteckend. Jedes Mal, wenn ich wieder festen Boden betrete, muss ich die Tortur der Untersuchungen und Impfungen über mich ergehen lassen. Man hat mir gesagt, es handele sich um einen Virus, der häufig mutiere, deshalb muss man nach ein paar Monaten erneut geimpft werden.«
»Aber es gibt doch einen Impfstoff«, sagte Li Hao. »Wo liegt da die Gefahr?«
»Der Impfstoff ist nicht hundertprozentig wirksam, und ich finde, die Sache ist der Mühe nicht wert. Schade, denn wie Sie wissen, die Menschen sind sehr sympathisch. Sie sind liebenswert und freundlich – wohlgemerkt, ich meine die Asix, denn ich hatte nie zuvor persönlich das Vergnügen, mit einem Shiro zu sprechen, bevor die drei an Bord kamen, und wenn ich ehrlich sein soll, möchte sich sie gar nicht so oft sehen. Aber ich habe von ihnen kein einziges Mal ein schlechtes Wort über Mitglieder der Crew gehört. Die Besatzung hat allem Anschein nach gehörigen Respekt vor ihnen. Trotzdem finde ich, dass sie arrogant und streitsüchtig sind. Untereinander schlagen sie sich um jede Kleinigkeit.«
»Sie schlagen sich? Wollen Sie damit sagen, es hat Schlachten gegeben?«
»Nein, nein, keine Schlachten. Es handelt sich bloß um traditionelle Duelle mit Hieb-, Stich- und Stoßwaffen, und sie bringen sich dabei auch nicht gegenseitig um. Das Fechten ist ihr Nationalsport. Auch meine Besatzungsmitglieder praktizieren in ihrer Freizeit das Fechten – alle, Männer und Frauen gleichermaßen. Für die Asix ist es ein Sport, die Shiro jedoch kämpfen oft so lange, bis einer zu Tode kommt.« Er beugte sich zum Professor vor und raunte: »Auch die Frauen. Mein Asix hat mir davon erzählt, und ... oh!« Er biss sich auf die Lippen.
Li Hao verstand. »Keine Bange. Ich werde kein Sterbenswörtchen zur ersten Ehefrau Rasser sagen.«
»Danke. Ich habe nämlich keine Lust, schon wieder eine Moralpredigt zu hören. Wenn es nach dieser Frau ginge, müsste alles, was für Neudachren gilt, für den Rest des Universums ebenso Bestand haben. Sie wird sich nie damit abfinden, dass andernorts nun mal andere Verhältnisse herrschen.«
Offensichtlich war der Kommandant in redseliger Stimmung, denn er fuhr lächelnd fort:
»Ich habe auf dem Planeten einen Sohn, auch wenn ich ihn noch nicht kenne. Er ist vor zwei Monaten auf die Welt gekommen. Die Ta-Shimoda haben ganz andere Traditionen als wir: Die Asix betrachten es als Ehre, Kinder mit einem Shiro zu haben, und sie haben auch nichts dagegen, sich mit einem Fremden zusammenzutun. Als ich den Planeten zum ersten Mal betrat, habe ich bei Nim gewohnt, meiner Gefährtin. Sie hat sich für diese Reise nicht einschreiben lassen, weil sie bereits kurz vor der Niederkunft stand, aber sie hat mir ihre Schwester geschickt. Am ersten Abend, den sie an Bord verbrachte, kam sie zu mir und sagte: ›Nim hat mir aufgetragen, mich um dich zu kümmern, Kommandant.‹ Und dann ließ sie sich häuslich in meiner Kabine nieder. Nicht, dass ich mich beklagen will ...«
Er lächelte breit. Li Hao musste ebenfalls lächeln. Er beneidete den Kommandanten ein bisschen. Gern hätte auch er ein solches Leben geführt: von einem Planeten zum anderen reisen, Abenteuer aller Art erleben, Frauen anderer Rassen kennenlernen, die nicht so hässlich wie die Ta-Shimoda waren ...
Li Hao schüttelte den Kopf. Zu spät. Ein Posten als Kulturattaché war die Summe aller Abenteuer, die einem Intellektuellen mittleren Alters, einem Anthropologen (interessierte er sich wirklich für Anthropologie?) und Linguisten noch erlaubt war.
Seine Grübeleien wurden von zwei jungen Frauen an der Tür unterbrochen.
»Kommandant, sehen die feinen Damen aus der anderen Welt nicht wie Pferde aus?«, fragte eine von ihnen.
Wie die Asix-Mitglieder der Besatzung, die Li Hao bereits kennengelernt hatte, waren die Mädchen klein und kräftig, hatten kurze, leicht gebogene Beine, eine helle Gesichtsfarbe und kurze, dicke Haare, die dunkel und lockig waren. Mit ihrem rundlichen Gesicht und den kleinen, kugelrunden Augen waren sie gewiss nicht schön zu nennen, doch sie hatten ein freundliches Lächeln und waren sympathisch. Über den frechen Vergleich der äußerst würdevollen ersten Ehefrau des Kommandanten mit einem Pferd (die Frau war sehr groß, hatte breite Schultern und ein langes Gesicht) musste er lachen.
Die kleinere Asix reichte ihm kaum bis zu den Schultern. Und das hieß schon etwas, denn der Professor war nicht besonders groß. Die Asix wandte sich ihm zu und schaute ihn interessiert an.
»Wer bist du?«
»Li Hao, Kulturattaché«, stellte er sich artig vor und verbeugte sich im Stil der Ta-Shimoda.
Das andere junge Mädchen näherte sich ebenfalls und schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
»Du bist bei der Botschaft?« Sie blickte verdutzt drein. »Wie seltsam. Du siehst nett aus, nicht so derb wie die anderen Soldaten.«
Der Professor war wie vor den Kopf geschlagen. Was konnte ein junges Mädchen ihres Alters Schönes an einem schmächtigen Gelehrten finden, wo es an Bord doch ein Kontingent von fünfundzwanzig knackigen, jungen, athletischen Männern gab, die überdies körperlich in Bestform waren?
Der Kommandant lachte, wies auf das erste Mädchen und stellte sie vor:
»Die hier ist Tagaki – und die andere auch. Ihren persönlichen Namen werden sie Ihnen nur verraten, wenn Sie sich mit ihnen angefreundet haben. Und wenn Sie meine Meinung hören wollen – diese Tagaki hier würde gern einen Mann haben, oder täusche ich mich da?«
Li Hao lief rot an. Die beiden Mädchen jedoch zeigten keinerlei Scham.
»Wollt ihr jetzt essen gehen?«, fragte der Kommandant.
Die beiden Mädchen nickten und bewegten sich langsam zur Tür, hinter der sich der Raum befand, der ihnen zugewiesen worden war, nachdem der Botschafter die Kombüse zum Speisezimmer erklärt hatte und Bedienstete hier nichts mehr zu suchen hatten.
»Möchtest du mit uns essen?«, fragte die Größere von beiden lächelnd den Professor.
»Nein ... äh, danke«, erwiderte Li Hao mechanisch. Die Einladung war ihm peinlich, zugleich aber schalt er sich einen Narren. Zum Teufel, vor gerade einmal zehn Minuten hatte er sich darüber beklagt, kein abenteuerliches Leben geführt zu haben. Und nun, wo ihm etwas Ungewöhnliches passierte, igelte er sich ein.
»Wirklich nicht?«, hakte das Mädchen nach.
»Nun ja, wenn ich nicht störe ... ja, gern«, sagte er ungeschickt.
»Fein, dann kommen Sie mit«, forderte der Kommandant ihn auf. »Ich habe leider Dienst und kann nur zehn Minuten bleiben. Aber«, fügte er mit tiefer Stimme hinzu, »ich rate Ihnen, sich für ein vegetarisches Gericht zu entscheiden, wenn Sie ein zweites Mal eingeladen werden wollen. Die jungen Damen mögen den Geruch von Fleisch nicht. Die da«, er zeigte auf die Kleinere, »behauptet sogar, sie könne an meinem Schweiß riechen, wenn ich Fleisch gegessen habe. Sie hat mir das Messer auf die Brust gesetzt. Damit sie mich weiterhin in meiner Kabine besucht, darf ich mich nur noch von Milch und Gemüse ernähren!«
Wieder errötete der Professor. Er war es nicht gewöhnt, so frei und offen zu reden. Er verstand nicht, wieso der Kommandant ein Abenteuer mit dieser kleinen, stämmigen Frau haben konnte, ohne dass es ihm peinlich gewesen wäre. Eine Frau, so hässlich wie ein Affe und mit Muskeln wie ein Lastenträger! Die andere war nicht ganz so unästhetisch, aber verglichen mit den zarten Schönheiten auf Li Haos Geburtsplanet war sie ein Ausbund an Hässlichkeit.
Nichtsdestotrotz bestellte er sich gefriergetrocknetes Gemüse, auf das er ein Glas warmes Wasser goss. Dazu gab es eine Tüte gekochten Reis. Den Teller in der einen Hand und die Tasse Tee in der anderen, folgte er dem Kommandanten in das für die Besatzungsmitglieder reservierte Zimmer.
Das alles geschieht im Interesse der Wissenschaft, dachte Li Hao bei sich, als er die beiden Mädchen sah, die ihm den Platz zwischen sich frei machten. Schließlich tue ich nichts anderes, als mit der hiesigen Bevölkerung Kontakt aufzunehmen. Genauer gesagt, erschrocken hielt er einen Moment inne, als das größere Mädchen ihm die Hand aufs Knie legte, ist es wohl eher die hiesige Bevölkerung, die Kontakt mit mir aufnimmt ...
Das Mädchen neigte sich zu ihm hinüber, um besser sehen zu können, was er aß.
»Warte, nimm hiervon etwas.«
Sie reichte ihm einen Stoffbeutel, der ein duftendes Pulver enthielt. Li Hao streute ein bisschen davon auf das Gemüse und probierte.
»Das schmeckt sehr lecker«, bemerkte er aufrichtig. »Was ist das?«
»Ein Kraut aus Ta-Shima. Wo ist eigentlich deine Kabine?«
Li Hao lief rot an.
Der Kommandant amüsierte sich köstlich über die Befangenheit des Professors.
»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte er. »Hier machen die Frauen den ersten Schritt, und normalerweise gehen sie gleich voll zur Sache. Kein Getue, keine Koketterie.« Er blickte das Mädchen an und fragte: »Gefällt dir der Professor?«
»Ja, er hat Augen und Haare wie ein Shiro. Er ist so schön!«
Sie verlor das Interesse am Kommandanten, um ihren Nachbarn von Neuem aufmerksam zu beobachten. Schließlich sagte sie:
»Mein Dienst ist zu Ende, Professor. Ich habe jetzt zehn Stunden frei. Darf ich dich auf deinem Raumschiff besuchen?«
»Äh ...«, begann der Professor, völlig perplex.
Das junge Mädchen erhob sich mit einem Satz und reichte ihm die Hand, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Es war eine Geste, der eine gewisse Galanterie innewohnte. Dann ging sie zur Tür. Li Hao, der keine Ahnung hatte, wie er ablehnen sollte, folgte ihr.
Noch wusste er nicht, dass es auch für eine Ta-Shimoda eine kühne Geste war, jemanden in der Öffentlichkeit zu berühren. Mehr noch, es war unangebracht.