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Außenwelt – Ta-Shima

Kapitän Aber hatte beim Militär Karriere gemacht. Für jemanden, der von Neudachren kam, war er nicht besonders groß, auch wenn er Oda und Suvaïdar um einen halben Kopf überragte und die Männer der Besatzung um gut dreißig Zentimeter. Seine Augen waren von einem hellen Blau, das vor allem die Asix sehr beeindruckte. Das Blau erinnerte sie an die Oddaï, Drachen, große, nachtaktive Fleischfresser, die in den Seen des Dschungels ihr Unwesen trieben. Sie hatten den Beinamen »Weiße Augen«, und man tat gut daran, ihnen aus dem Weg zu gehen.

Kapitän Aber kompensierte seine Durchschnittsstatur dadurch, dass er sehr auf sein Äußeres achtete und sich pflegte. Stets war er korrekt gekleidet; mal trug er die Flottenuniform, mal Zivil oder die neueste Mode der Hauptstadt. Er verachtete jeden, der nicht bei den Streitkräften war, ganz besonders die Bürger von den peripheren Planeten. Viel mehr als alles andere jedoch verabscheute er die Ta-Shimoda, die sich seit Jahrhunderten dem zivilisatorischen Einfluss der zentralen Welten entzogen. Seiner Ansicht nach war es unumgänglich, dass die zentralen Welten endlich ihre Handschrift auf Ta-Shima hinterließen. Das Wenige, was er über ihre Sitten und Gebräuche wusste, hatte ihn in seiner Meinung bestärkt, dass die Bewohner Ta-Shimas auf dem Niveau Primitiver aus der Ära vor der Raumfahrt stehen geblieben waren. Er bezweifelte jedoch, dass diese Menschen noch resozialisierbar seien. Und er war sich ganz sicher, dass es zu nichts führte, wenn man sie in den Schoß der Föderierten Planeten aufnahm. Aber er würde natürlich ohne zu zögern alle Befehle ausführen, die man ihm von ganz oben erteilte.

Kapitän Aber war sehr pflichtgetreu, was seine Arbeit betraf. Genauso pflichtgetreu verhielt er sich, wenn es um religiöse Grundsätze ging – mit einem strengen Glauben und ohne kritischen Geist. In seinen Augen gab es keine harmlosen Pflichtverletzungen, und eine unordentliche Uniform war für ihn ein Affront gegen die Luft- und Raumfahrt, die unverzüglich Sanktionen zur Folge haben müsse. Seine Untergebenen schätzten ihn trotz seiner Strenge. Sie waren sich im Klaren darüber, dass er sie bestrafen konnte, womöglich sogar schwer, aber sie wussten auch, dass es eine interne Angelegenheit der Streitkräfte bliebe.

Als Kapitän Aber an diesem Tag bei Kommandant N’Tari vorstellig wurde, war er noch steifer und militärischer als ohnehin schon.

»Wie Sie wissen«, sagte er, »haben fünf meiner Männer beim Appell gefehlt. Ich beabsichtige, eine gründliche Untersuchung dieser Angelegenheit einzuleiten.«

»Es scheint mir offensichtlich, dass die fünf Männer nicht mehr an Bord sind, sonst hätten wir sie bereits gefunden«, entgegnete N’Tari. »Dass vor ein paar Stunden die Tür einer Schleuse offen vorgefunden wurde, kann kein Zufall sein. Eine Durchsuchung macht keinen großen Sinn, denn was hoffen wir zu finden? Es tut mir wirklich leid um Ihre Männer, aber sie haben die elementarsten Sicherheitsvorschriften verletzt.«

»Ich bin mir darüber im Klaren, dass sie nicht mehr an Bord sind, und ich kann mir auch nicht vorstellen, sie lebend wieder anzutreffen, aber ich hoffe, auf einen Hinweis zu stoßen, was genau geschehen ist. Es gab überhaupt keinen Grund für meine Männer, in diese Schleuse hineinzugehen. Genauso wenig gab es einen Grund dafür, die äußere Falltür zu öffnen. Ich kenne jeden einzelnen meiner Leute, denn ich selbst habe sie ausgewählt. Keiner von ihnen ist seelisch im Ungleichgewicht oder trägt Selbstmordgedanken mit sich herum, sonst wäre der Betreffende von der Musterungskommission nicht angenommen worden. Es muss also irgendetwas Dubioses dahinterstecken.«

Kommandant N’Tari wusste, die Ermittlungen würden in sein Aufgabengebiet fallen, da er für alles verantwortlich war, was sich an Bord des Raumschiffes ereignete. Aber er hatte keineswegs die Absicht, in einen Konflikt mit den Streitkräften zu geraten, und so machte er gute Miene zum bösen Spiel.

Für den Kommandanten war offensichtlich, dass etwas Anormales passiert sein musste, und es lag ebenso auf der Hand, dass Kapitän Aber kaum Chancen hätte, dahinter zu kommen. N’Tari selbst würde es vielleicht gelingen, denn er kannte das Raumschiff so gut wie seine Westentasche; schließlich war er hier sogar auf die Welt gekommen. Doch ganz sicher war er sich auch nicht, das Geheimnis lüften zu können.

Natürlich hatte er bemerkt, dass die gefrorenen Kieselsteine, die sich schwerfällig rund um die Hansa 27 bewegten, hin und wieder ein leuchtendes Licht ausstrahlten, wenn sie mit dem thermischen Schutzschild des Schiffes in Berührung kamen. Offenbar war das alles, was von den fünf unglücklichen Soldaten übrig geblieben war. Aber selbst wenn es ihm gelänge, sie Stück für Stück zurückzuholen, wäre niemand in der Lage, eine ausreichend präzise Autopsie zu machen, um sagen zu können, ob ihnen vor ihrem Tod Gewalt angetan worden war. Ebenso wenig wäre es möglich, in einer Art makabrem Puzzle die Teile der verschiedenen Körper zusammenzufügen, denn mit jeder Stunde, die verging, verschwand ein Puzzleteil nach dem anderen, indem es wie ein funkelndes Feuerwerk explodierte.

N’Tari schaltete die Rufanlage ein. Seine Stimmte tönte durch das ganze Raumschiff, als er befahl: »Chefmechaniker, Kraftprotz und Keri Bur sofort zum Kommandanten!«

Die beiden Männer waren so schnell zur Stelle, als hätten sie mit diesem Befehl gerechnet, während Keri auf sich warten ließ.

»Die Soldaten wollen das Raumschiff durchsuchen«, sagte der Kommandant zu ihnen. »Ihr werdet sie begleiten, um sicherzustellen, dass sie keine wichtigen Geräte beschädigen und die äußeren Falltüren der Schleusen öffnen.«

N’Tari war aufgebracht und verspürte Rachegelüste. Da er wusste, dass Personen, die mit den Asix nicht vertraut waren, im Umgang mit ihnen Hemmungen hatten und sich unwohl fühlten, hatte er sich die Freiheit genommen, die beiden Männer auszuwählen, die am einschüchternsten waren. Der eine war der Chefmechaniker mit seinen breiten Schultern und den riesigen Bizepsmuskeln. Dar andere war der für die Ladung zuständige Mann, ein Koloss mit vorspringendem Kinn und brutal-beschränktem Gesichtsausdruck, obwohl er in Wirklichkeit überaus intelligent und sanft wie ein Lamm war. Man nannte ihn »Kraftprotz«, weil er einmal, als das halb automatische System der Verladung nicht funktioniert hatte, eine dreihundert Kilo schwere Kiste mit einer Hand hochgehoben und festgezurrt hatte.

Der Chefmechaniker kratzte sich am Kopf und grummelte lässig: »In Ordnung, Boss.«

Kapitän Aber, der disziplinloses Verhalten und Lässigkeit im Dienst mehr als alles andere verabscheute, knirschte mit den Zähnen.

»Keri Bur!«, rief N’Tari erneut. Aber nicht Keri kam, sondern Ivari.

»Sie fühlt sich nicht gut, Kommandant. Die Shiro-Dame kümmert sich um sie. Sie ist Ärztin.«

»Was ist denn passiert? Ein Unfall? Wie geht es ihr?«

»Sie wird heute auf jeden Fall nicht arbeiten können.«

»Vorsicht, Ivari! Bring mich nicht zur Weißglut! Ich habe dich nicht gefragt, ob sie arbeitsfähig ist, ich wollte wissen, ob ihr etwas Schlimmes zugestoßen ist.«

»Ich glaube nicht, dass es schwerwiegend ist, aber ich habe sie nicht persönlich gesehen. Warum hast du sie gerufen?«

N’Tari begriff, dass das Mädchen nicht geneigt war, ihm irgendetwas zu erzählen. Er befahl ihr: »Schließ alle Fenster.«

Er wollte sich gerade eine Begründung ausdenken, ein magnetisches Unwetter oder irgendeine andere Geschichte, aber Ivari stellte keine Fragen. Nach wenigen Augenblicken waren die beweglichen Wände heruntergelassen, und das Schauspiel des makabren Feuerwerks, das die Leichen der fünf Vergewaltiger veranstalteten, war nicht mehr zu sehen.

Die Untersuchung wurde gewissenhaft durchgeführt. Kapitän Aber hatte befohlen, alles zu überprüfen, was irgendwie anormal wirkte. Also kontrollierten sie alles und jeden, ohne dass sie wussten, wonach sie eigentlich suchten. Doch als sie die Kabinen der Shiro betreten wollten, wurde es ihnen von den Asix untersagt. Die Höflichkeit verlange es, erklärte man ihnen, vorher an die Tür zu klopfen.

Also klopfte Kraftprotz an und wartete, dass man ihm Einlass gewährte. Schließlich betrat er die Kabine der Shiro und erklärte, worum es ging. Dann kam er wieder heraus und teilte den Soldaten mit, sie müssten sich noch einen Augenblick gedulden. Die ganze Zeit blieb er vorsichtshalber mit verschränkten Armen vor der Tür stehen, direkt vor den Soldaten, denen er geradewegs in die Augen starrte. Niemand versuchte, sich unerlaubt Zugang zu verschaffen.

Dann öffnete Oda die Tür. Die Kabine sah genauso aus wie die der Besatzungsmitglieder. Nur eine Hängematte hing noch am Haken. Das lockige Haar eines Asix schaute aus den Betttüchern hervor.

»Wer ist das?«, wollten die Soldaten wissen.

»Eine Frau«, antwortete Oda knapp.

Das war eine Sprache, die die Soldaten verstanden. Sie nickten und verließen die Kabine.

Etwas später kam der Kommandant vorbei, verbeugte sich höflich und entschuldigte sich für die Störung. Er habe gehört, dass eines seiner Besatzungsmitglieder sich nicht wohl fühle und eine der Shiro-Damen, eine Ärztin, sich um ihre Versorgung und Pflege kümmere.

Suvaïdar bestätigte dies, und der Kommandant bedankte sich herzlich bei ihr.

»Ich werde das Gefühl nicht los«, sagte er, »dass in dieser Nacht sehr viel passiert ist. Dass sich gleichzeitig zwei ungewöhnliche Dinge ereignet haben, kann kein Zufall sein. Keri ist ein überaus wertvolles Besatzungsmitglied. Ich hoffe, sie hat sich bald wieder erholt. Kann ich sie sehen?«

»Natürlich.«

N’Tari näherte sich der Hängematte und betrachtete erst verblüfft, dann wütend das geschwollene Gesicht des jungen Mädchens.

»Da bist du aber schlimm gestürzt! Das ist gestern Nachmittag passiert, nicht wahr?«

Keri nickte.

»Und seitdem bist du hier in der Obhut der Ärztin, stimmt das?«

Wieder nickte Keri. N’Tari lächelte sie an und tätschelte liebevoll ihre Hand. Dann drehte er sich zu den Shiro um und erklärte:

»Wenn es Ihnen lieber ist, werde ich jemanden beauftragen, Ihnen die Mahlzeiten hierherzubringen.«

Suvaïdar bedankte sich, entgegnete jedoch, dies sei überflüssig. Man solle die normale Routine beibehalten. Dann lächelte sie den Kommandanten an und verbeugte sich vor ihm.

Kommandant N’Tari, der Ta-Shima oft genug besucht hatte, um diese Geste einordnen zu können, verneigte sich ebenfalls. Dann verließ er die Kabine. Sein breites Lächeln ließ zwei Reihen strahlend weißer Zähne sehen.

*

»Ich habe zwar keine Beweise, aber das kann kein Unfall gewesen sein, Exzellenz«, behauptete Kapitän Aber mit Nachdruck. »Der Gedanke, dass alle fünf ganz plötzlich – ohne ersichtlichen Grund – beschlossen haben, sich das Leben zu nehmen, noch dazu auf so barbarische Weise, ist absurd. Deshalb müssen wir davon ausgehen, dass ein Verbrechen begangen wurde. Es ist sicher, dass man die fünf Männer loswerden wollte.«

»Solange wir keine Fakten haben, die Ihre Hypothese untermauern, sprechen wir ganz offiziell von einem Unfall, bis das Gegenteil bewiesen ist«, entgegnete der Botschafter. »Man könnte sich beispielsweise durchaus vorstellen, dass es den Männern gelungen ist, unter den Augen des Zolls irgendwelche Rauschmittel mit an Bord zu bringen.«

»Exzellenz, Sie glauben doch nicht ...«

»Was ich glaube«, Rasser betonte das Wort, als würde er es zweimal unterstreichen, »hat überhaupt keine Bedeutung. Ich möchte nur unbedingt einen Zusammenstoß mit den Einheimischen vermeiden, bevor wir Ta-Shima erreicht haben. Verstehen Sie mich nicht falsch. Wenn Sie mir irgendeinen Beweis liefern, der Ihre Annahme stützt, würde ich veranlassen, dass die verdächtigen Personen festgesetzt und der Justiz von Neudachren überstellt werden. Aber im Moment ... Wen haben Sie in Verdacht? Die gesamte Besatzung und die Passagiere von Ta-Shima? Und wo wir schon dabei sind, wie sieht es mit dem Kommandanten aus oder gar mit meiner eigenen Tochter?«

»Es versteht sich von selbst, dass ich Ihre Tochter nicht verdächtige!«

»Wie lautete noch einmal Ihre Behauptung über die Gleichheit der Rechte, was Gesetz und Religion betrifft? Ich fand das höchst interessant. Ich wiederhole: Bis das Gegenteil bewiesen ist, gehen wir von einem Unfall aus. Und wenn es sich als zutreffend erweisen sollte, dass ein Verbrechen begangen wurde, dann stehen wir alle unter Verdacht. Auch Sie und ich. Ich möchte mein neues Aufgabenfeld nicht mit Streitereien mit den Einheimischen beginnen. Außerdem habe ich die Absicht, die drei Shiro offiziell einzuladen, mit mir zu speisen. Sie werden ebenfalls dabei sein, Kapitän. Ich zähle auf Ihre gute Erziehung in Ihrer Eigenschaft als Offizier. Mir ist zu Ohren gekommen, dass man den drei Shiro mit absoluter Höflichkeit zu begegnen hat.«

*

»Was wollen sie von uns?«, wollte Tichaeris von Suvaïdar wissen und schaute mit Interesse die Karte an, auf die mit einer leuchtenden Emulsion die Initialen A. R. aufgedruckt waren. Je nach Lichteinfall wechselten die Initialen die Farbe und versprühten einen angenehm leichten Duft.

»Sie laden uns ein, mit ihnen zu speisen.«

»Warum haben sie Papier vergeudet, um eine Einladung zu schreiben, wo wir uns doch auf ein- und demselben Raumschiff befinden? Sie hätten doch nur ein paar Schritte gehen müssen, um uns einzuladen. Ist es nicht eine Beleidigung, uns derart überflüssiges Zeug zu senden? Halten sie uns für jugendliche Asix? Glaubst du, sie wollen uns verunglimpfen, indem sie sich so betont formell und korrekt verhalten?«

»Nein, das glaube ich nicht. Ganz im Gegenteil. Das ist bei den Menschen in der Außenwelt eine Form der Höflichkeit – im gewissen Sinne so, als würdest du eine Herausforderung zum Duell annehmen oder jemanden darum bitten, dir die Ehre zu erweisen, sich mit dir in der Akademie zu messen. Um Rasser nicht vor den Kopf zu stoßen – das halte ich im Augenblick nicht für angebracht – glaube ich, dass Oda und ich die Einladung annehmen müssen.«

Als sie sah, dass Tichaeris die Stirn in Falten zog, fügte Suvaïdar hinzu: »Natürlich kannst du auch mitkommen, wenn du es wünschst. Nichts liegt mir ferner, als dir vorzuschreiben, wie du dich zu verhalten hast. Aber wenn du lieber nicht mitkommst – die schlichte Tatsache, dass du weder die Universalsprache noch Galaktisch verstehst, ist Grund genug, um die Einladung abzusagen. Oda und ich werden versuchen, nett zu sein wie zwei Asix-Bauern, die an den Tisch der Matriarchin gebeten werden. Auf alle Fragen, die sie uns stellen, antworten wir mit vorbildlicher Geduld, nicht wahr, Cohey Adaï?«

Sie lächelte so umwerfend, dass ihr Bruder nicht imstande war, ihr etwas abzuschlagen. Oda war schlechterdings nur an die ausdruckslose Gesichtsmaske eines Shiro gewöhnt; deshalb konnte er Suvaïdars Lächeln nicht widerstehen.

Suvaïdar stand auf, vielleicht eine Spur steifer als sonst.

»Was hast du?«, fragte Oda.

»Das kommt vom Fechten.«

»Du warst ohne mich da?«

»Hätte man mir das vor zwei Wochen gesagt, hätte ich es nicht geglaubt. Auf Ta-Shima habe ich aus Furcht vor Bestrafungen so wenig Zeit wie nur möglich auf das Training verwendet, und jetzt bin ich jeden Tag dabei. Aber besser geworden bin ich immer noch nicht, im Gegenteil. Du hättest sehen müssen, wie mein Partner mich heute zurechtgerückt hat.«

Sie löste ihren Gürtel und öffnete die Tunika. Von der Brust bis zum Nabel erstreckte sich eine böse rote Strieme.

»Und das Schlimmste hast du noch gar nicht gesehen«, seufzte sie und zeigte ihm ihren Rücken, auf dem zwei weitere rote Kerben von den Schulterblättern bis zur Taille ein X bildeten. »Das Zeichen der Ehre! Wie ungeschickt ich mich benommen habe, dass es diesem Mann gelungen ist, mich zweimal zu treffen. Als würde man jemanden zur Ader lassen, nicht wahr?«

»Nein.« Oda legte einen Finger auf die rote, heiße Haut, genau neben die Stelle, die am tiefsten zu sein schien. »Soll ich dir Salbe darauf streichen?«

Tichaeris schaute Oda verblüfft an.

»Was geht dir durch den Kopf, Oda?«, fragte Suvaïdar belustigt. »Wenn du so weitermachst, wirst du nicht mehr das perfekte Beispiel eines Shiro-Herren sein. Seit wann lindert man die Schmerzen der Wunden, die man sich beim Fechten zugezogen hat? Und überhaupt, wozu sollten diese Wunden sonst dienen, als uns ständig daran zu erinnern, Fehler begangen zu haben und darüber nachzudenken, wie man sie vermeiden könnte. Zu meiner Zeit zumindest war dies das unumstößliche Credo der Lehrerin.«

*

Bei dem Essen, zu dem man sie eingeladen hatte, machte Suvaïdar einen vorteilhaften Eindruck auf den Botschafter: Um ihren noch immer schmerzenden Rücken nicht am Stuhl anlehnen zu müssen, saß sie die ganze Zeit sehr gerade – in nahezu königlicher Haltung, wie ihm schien, obwohl sie und ihr Bruder es ablehnten, mit »Hoheit« oder irgendeinem anderen Titel angesprochen zu werden. Sie erklärten ihm, dass die Funktion, die ihre Mutter innegehabt habe, eine persönliche gewesen sei und die besondere Würde nicht automatisch dem Rest der Familie zugebilligt werde.

Anfangs verlief das Gespräch etwas schleppend. Die beiden Ta-Shimoda beobachteten die Gäste, sprachen nur wenig und hörten vor allem zu. Sie versuchten zu ergründen, ob hinter der Einladung vielleicht noch eine andere Absicht steckte und ob man sie verdächtigte.

Oda fürchtete sich, etwas zu sagen, das die anderen beleidigen oder, schlimmer noch, allgemeine Heiterkeit auslösen könnte. Genau das nämlich war ihm schon einige Male passiert, als er Kameraden von der Universität besuchen wollte. Zudem war ihm das Aussehen der Gäste ein Rätsel. Sie waren auf eine sehr bunte, extravagante Art und Weise gekleidet und frisiert. Er warf seiner Schwester einen Blick zu, der ihr signalisierte, dass die Fremden ihnen damit wohl eine besondere Ehre erweisen wollten.

Verunsichert beobachtete er Aziz Rasser, sein rotes Gesicht und die blonden Haare – viel zu blond, als dass die Farbe natürlich hätte sein können. Der Botschafter trug eine lange, glänzende Fototex-Tunika, die mit den Farben der Kleider seiner beiden Frauen wundervoll harmonierte. Um seinen Hals baumelten eine goldgelbe Metallkette und diverse gelbe und weiße Ringe, die mit farbigen Steinen verziert waren. Sein Make-up hingegen war sehr maßvoll; er hatte nur den Hauch einer hellen Grundierung aufgetragen, zu wenig, um damit die Röte seiner Haut abdecken zu können.

Die ältere Frau hatte ihr langes Gesicht mit einer komplizierten Frisur eingerahmt und protzte mit üppigem buntem Glasschmuck, den sie am Hals, am linken Nasenloch und an den Ohren trug. Suvaïdar flüsterte ihrem Bruder zu, dass es sich dabei um kostbare Steine handle, deren Namen sie leider vergessen habe – vielleicht Rubikons? Nein, Rubikons waren rot. Wie immer sie hießen, diese lächerlichen bunten, vollkommen unnützen Steine kosteten auf Wahie mindestens zwei Monatslöhne; den Grund dafür kannten nur die Bewohner der Außenwelt. Und wenn auf Ta-Shima irgendjemand dumm genug sein sollte, sich dieses überflüssige Zeug zu kaufen, musste er mindestens zwanzig Jahre arbeiten, um das nötige Kleingeld dafür beiseitelegen zu können.

Arsel, Rassers Tochter, war sehr schön, zumindest nach den Kriterien der Außenwelt. Sie hatte einen glänzenden Teint, strahlende Augen und hübsche Rundungen, ohne dick zu sein. Die Asix sahen das jedoch ganz anders. Mit einer gewissen Verächtlichkeit nannten sie Arsel den »dicken Strohkopf«. Arsels hellblondes Haar war zu einer Vielzahl von Zöpfen geflochten, die mit feinen Silberfäden geschmückt waren. An diesen wiederum befanden sich winzig kleine Blumen, die aussahen, als wären sie aus Glas.

Suvaïdar saß der jüngsten der drei Frauen gegenüber, der zweiten Ehefrau des Botschafters. In den orthodoxen Familien Neudachrens gaben die Frauen ihren eigenen Familiennamen auf, wenn sie heirateten, und nahmen den Namen ihres Ehemannes an; hatte der Mann mehrere Frauen, wurden sie »die erste«, »die zweite« Ehefrau genannt, und so weiter. Sie war noch sehr jung und offensichtlich von niedrigerem Rang. Sie schien sich in ihrem zeremoniellen Gewand unwohl zu fühlen; sobald sie sicher war, dass niemand sie beobachtete, führte sie einen Finger in ihren steifen Kragen oder strich über den Stoff ihres Rocks. Die meiste Zeit starrte sie auf ihren Teller, und wenn sie – was selten vorkam – einmal etwas sagte, wurde es sofort von der ersten Ehefrau mit einem ironischen Lächeln abgewertet, die ihrem Mann dabei einen wissenden Blick zuwarf.

Dann war da noch Kapitän Aber, aufgedonnert und parfümiert und mit der diskreten Grundierung eines weißen Make-ups auf dem Gesicht. Er beobachtete die beiden Ta-Shimoda mit einem verächtlichen Ausdruck auf seinen schmalen Lippen und interessierte sich vor allem für Arsel, seine Tischnachbarin. Suvaïdar fragte sich, ob er gerade dabei war, eine dieser fremdartigen, permanenten, reproduktiven Allianzen zu schließen, wie die Bewohner der Außenwelt es so gerne taten.

Der letzte Gast war Li Hao, Anthropologe und Linguist. Seine Kleidung war weniger üppig und extravagant, und was Schmuck betraf, trug er nur einen Ring an einem Finger der linken Hand. Doch er besaß einen Hightech-Kommunikator. Suvaïdar wusste, dass dieses Gerät genauso teuer war wie der gesamte Schmuck Arsel Rassers.

Von Imi, der jungen Asix, die mit Li Hao die Hängematte geteilt hatte, hatte Suvaïdar gehört, dass der Professor sich bemühte, Gorin zu lernen. Bis jetzt aber hatte er bloß ein kleines, einfaches Lexikon zusammengestellt. Immer wenn er auf einen Gegenstand zeigte, sagte Imi ihm die Vokabel, und er übersetzte sie.

Glücklicherweise erlaubten seine linguistischen Kenntnisse dem Professor noch nicht, die frechen Kommentare zu verstehen, die die beiden Asix, die bei Tisch servierten, über ihre Gäste zum Besten gaben. Sie verliehen ihnen wenig schmeichelhafte Beinamen. Als sie die Schüsseln aufdeckten, sagte einer von ihnen, angewidert vom Geruch des Fleisches:

»Shiro Adaï, es tut mir leid, aber sie haben uns aufgefordert, nur Hundefutter aufzutischen. Sie haben es in großen Mengen mit an Bord gebracht. Warum, weiß ich nicht, denn ich habe noch keinen einzigen Hund an Bord gesehen. Und nun müssen sie das ganze Zeugs selbst aufessen. Man hat versucht, ihnen zu erklären, dass man Menschen kein Hundefutter auftischen kann, aber sie haben es nicht verstanden. Sollen wir Menschennahrung für euch holen?«

Oda gab mit einer heftigen Geste – er bewegte den Kopf von unten nach oben – zu verstehen, dass dies nicht nötig sei. Beim Anblick der Speisen konnte er einen gewissen Ekel nicht verhehlen. Schaudernd betrachtete er seinen Teller, auf dem ein Stück kaum gegartes Fleisch lag, aus dem ein blutiger Saft sickerte, der die Gemüsebeilage durchtränkt hatte.

Die anderen Gäste jedoch schienen die Speise zu schätzen. Kapitän Aber hob sogar sein Glas, um den beiden Damen seine Glückwünsche dafür auszusprechen, dass sie solche Delikatessen mit an Bord gebracht hätten.

»Ihre Hoheiten möchten nichts essen?«, fragte er dann die Shiro.

»Wir sind keine Hoheiten«, verbesserte Suvaïdar ihn ein zweites Mal, und Oda fügte erklärend hinzu:

»Wie die Asix Ihnen bereits gesagt haben, essen wir für gewöhnlich ...«, er suchte das richtige Wort in der Universalsprache, fand es aber nicht und endete damit, dass er wortwörtlich aus dem Gorin übersetzte: »… keine Kadaverstücke.«

Die erste Ehefrau Rassers hob die Augen vom Teller und führte die Hand an den Mund.

Professor Li griff taktvoll ein.

»Sie wollen uns damit sicher zu verstehen geben, mein Herr, dass sich auf Ihrem Planeten alle Menschen strikt vegetarisch ernähren, oder? Fisch essen Sie, soviel ich weiß, Fleisch hingegen erfüllt Sie mit Abscheu, nicht wahr?« Er schaute Oda fragend an, der zustimmend nickte.

»Das ist doch lächerlich! Zweifelsohne ein idiotischer Aberglaube«, warf Kapitän Aber herablassend ein.

Dem Botschafter blieb der Bissen, auf dem er gerade kaute, fast im Halse stecken. Oda war durch die Beleidigung des Kapitäns stark angespannt und griff bereits zum kurzen Messer, um den Mann herauszufordern, wie die Regeln es vorsahen.

»Oda, nein!«, rief Suvaïdar.

Als Oda sich trotzdem erhob, fand sie genau die richtigen Worte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. In der Hochsprache sagte sie:

»Das ist nur ein Sitabeh, Oda! Da ist Hopfen und Malz verloren. Man duelliert sich nicht mit einem Tier.«

Oda drehte sich zu Suvaïdar um und schaut sie mit einem Blick an, der deutlich machte, dass er sie verstanden hatte. Dann atmete er tief durch, um seine Selbstbeherrschung wiederzuerlangen. Dem Offizier kehrte er den Rücken zu. Seine ganze Aufmerksamkeit galt Professor Li, der sich nun an Kapitän Aber wandte:

»Wie ich gehört habe, essen Sie kein Schweinefleisch. Auch Katzen- und Schlangenfleisch steht bei Ihnen nicht auf dem Speiseplan. Stimmt das, Kapitän?«

»Das sind widerwärtige Tiere!«, rief Aber angewidert aus.

Arsel bestätigte dies durch eifriges Kopfnicken.

»Wirklich? Haben Sie sie denn probiert?«

»Natürlich nicht! Man isst doch in einer zivilisierten Welt kein Dreckszeug«, erwiderte der Kapitän. Dabei blickte er von oben herab auf den Professor, der von einem peripheren Planeten stammte. Dort nahm man es offenkundig nicht so genau, was das Nahrungsmittelgebot anbelangte.

»Aber wie können Sie dann behaupten, dass es sich um widerliche Tiere handelt?«

»Professor, Sie wollen doch nicht wirklich die Gebote der heiligen unitaristischen Religion und die zivilisierte Welt auf ein und dieselbe Stufe mit dem Aberglauben barbarischer Welten stellen?«

»Das würde ich mir niemals erlauben. Ich möchte hier nur anmerken, dass alle Esstraditionen sich auf alten Gewohnheiten gründen, und nicht selten spielen dabei Verknüpfungen mit externen Zufälligkeiten, wie etwa das Klima oder die Anwesenheit einer pathogenen Substanz, eine gewichtige Rolle. Was auf einigen Planeten akzeptiert wird, wird auf anderen als ekelhaft empfunden.«

»Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Vegetarier sind?«, schaltete der Botschafter sich ein und warf dem Kapitän einen geißelnden Blick zu. »Handelt es sich dabei um eine Art Religion, wie wir sie auch bei den Armutssekten finden, die alkoholische Getränke und luxuriöse Kleidung ablehnen? Oder stehen philosophische Gründe im Vordergrund? Ich weiß, es gibt eine Philosophie, die Respekt vor jeder Form des Lebens verlangt. Ich erinnere mich aber nicht mehr, in welcher Welt es diese Philosophie gibt.«

»Ich habe mich besonders dem Studium unserer Geschichte gewidmet«, antwortete Oda. »Meine Schwester ist zweifellos besser in der Lage, es Ihnen zu erklären.« Es erheiterte ihn ein bisschen, dass jemand sich einen religiösen Shiro vorstellen konnte, der einen ausgeprägten Respekt vor dem Leben anderer besaß.

Suvaïdar tat so, als würde die Anspielung Abers auf den Aberglauben barbarischer Welten sie nicht im Geringsten beeindrucken. Sie wandte sich dem Botschafter zu und begnügte sich damit, eine einfache Erklärung abzugeben:

»Es hat nichts mit Ideologie zu tun, sondern einzig und allein mit praktischen Gründen. Unsere Welt wurde zur Zeit der Gründung der Kolonie nicht terraformiert. Anfangs gab es ökologische Probleme, die für unsere Ahnen unüberwindbar waren. Sie konzentrierten sich also darauf, all ihre Kraft und Mühe in die Landwirtschaft zu stecken, um möglichst rasch essbare Lebensmittel produzieren und die in Hydrokultur gezogenen Algen und Hefen vernachlässigen zu können.

»Sie hatten mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, und die ersten Jahrzehnte waren ein ständiger Kampf gegen die Trockenheit, die Orkane und die wilden Tiere. Deshalb wurde die extensive Aufzucht der Tiere erst ein Jahrhundert später eingeführt, nachdem es unseren Vorfahren gelungen war, Futterpflanzen zu züchten, die mit dem Klima zurechtkamen. In dieser Zeit starben die ersten Pioniere, und die neuen Generationen hatten die Möglichkeit, von Zeit zu Zeit Milch und Eier der gezüchteten Prototypen zu essen. Trotzdem scheint uns die Vorstellung, sich von Tierkadavern zu ernähren, fremd und wenig appetitlich. Wir sehen auch keine Notwendigkeit, in dieser Hinsicht einen Wechsel einzuleiten, zumal die Produktion einer ausreichenden Menge an Nahrungsmitteln auf Ta-Shima aufgrund der klimatischen Bedingungen insgesamt sehr problematisch ist.

»Außerdem wäre eine Ausweitung der landwirtschaftlichen Fläche nötig, damit Rinder in der Zeit, in der sie heranwachsen, genügend Platz haben.« Sie schaute nachdenklich auf ihren Teller, auf dem das abgekühlte Fett mittlerweile eine feste Form angenommen hatte. »Auf dieser Fläche wächst jedoch – geht man vom Gewicht eines Rindes aus – zwölf Mal so viel Getreide.«

Professor Li pflichtete ihr bei, doch die anderen Gäste schienen verdutzt zu sein.

»Also gut«, kommentierte der Botschafter, »möglicherweise lässt sich nicht für jedermann Fleisch produzieren. Aber für die Shiro müsste es doch genügend geben?«

Oda begriff die Frage nicht. »Warum sollten wir unterschiedliche Speisen zu uns nehmen?«

»Warum? Weil Sie die Möglichkeit haben. Sie sind Herrscher auf Ihrem Planeten. Sie müssten doch reicher sein, besser wohnen und sich besser ernähren können. Oder sehe ich das falsch?«

»Besser ernähren? Die zur Verfügung stehende Nahrung aufbrauchen? Das ist eine extravagante Vorstellung, die in absolutem Widerspruch mit dem Sh’ro-enlei steht, das ...« Oda wusste nicht, wo er anfangen sollte, um das Ganze zu verdeutlichen. Er zuckte mit den Schultern. »Wie auch immer, was ist eigentlich so interessant daran? Wir mögen nun mal kein Fleisch. Wir ziehen die Tiere der Milch und der Eier wegen auf, aber wir töten sie nicht.«

»Und was machen Sie mit den männlichen Tieren?«

Obwohl Oda nur sehr kurze Zeit in der Außenwelt zugebracht hatte, wusste er, dass alles, was mehr oder weniger mit Genetik zu tun hatte, innerhalb der Föderation strengstens verboten war. Es war so gut wie unmöglich, die Forschungen voranzutreiben, ohne sich in Lebensgefahr zu bringen. In diesen Zusammenhang gehörten auch die vielen Verdächtigungen, die um die Universität von Estia kreisten und die ihre Ahnen bewogen hatten, die Flucht zu ergreifen. Die Verbote waren nach wie vor streng, und die Eingriffe in die menschliche DNA wurden als Abscheulichkeit betrachtet, wenn nicht sogar als Verbrechen, das bestraft werden musste. Selbst die Eingriffe bei Tieren wurden auf den meisten Planeten durch das Gesetz verdammt.

Weil Oda nicht wusste, wie er antworten sollte, stammelte er, um die richtigen Worte in der Universalsprache zu finden.

»Ich ... äh ... das ist schwierig. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll ...«

Hilfesuchend schaute er seine Schwester an, doch vergebens. Dann sagte er sich, dass er bereits ein Verhör hinter sich gebracht hatte und es jetzt an ihm sei, Fragen zu stellen. Er wandte sich dem Professor zu und fragte ihn nach den Ergebnissen seiner linguistischen Studien. Die Folge war eine ausschweifende und enthusiastische Antwort. Oda begriff gar nichts von dem, was der Professor erzählte. Doch er war sicher, dass auch keiner der anderen Gäste etwas begriffen hatte, auch wenn sie dem Professor voller Überzeugung zustimmten.

In diesem Augenblick erhob der Kapitän sein Glas und prostete seiner Tischnachbarin zu. Er regte an, die intellektuellen Ausschweifungen zu beenden, da sie die anwesenden Damen doch nur langweilen würden. Oda rechnete mit einem Proteststurm, hatte der Kapitän die Frauen doch zu Idiotinnen abgestempelt. Stattdessen kicherten sie zufrieden, und die Gespräche drehten sich jetzt um das soziale Leben von Neudachren. Man sprach über Filme und Holovid-Schauspieler, von denen er nie zuvor etwas gehört hatte. Er seufzte vor Erleichterung und wartete – in seinen eigenen Gedanken verloren – geduldig darauf, dass die Mahlzeit nun bald beendet sein würde.

Mit Genuss aßen sie ihr Dessert, eine der köstlichen Tartes, für die Neudachren bekannt war. Und als man eine kleine, mit Intarsien verzierte Dose herumreichte, die ein besonderes Freudenpulver enthielt, nahm sich Suvaïdar davon, wie es sich gehörte.

»Was ist das für ein Pulver?«, fragte Oda argwöhnisch.

»Sie schnupfen es«, antwortete seine Schwester. »Es hat dieselbe Wirkung, als würde man einen Schlauch Wein aus den Blättern des Tcha trinken.«

»Niemand wäre so verrückt, in Anwesenheit anderer Personen einen ganzen Schlauch Wein zu trinken. Er würde das Risiko eingehen, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Kannst du dir vorstellen, was passieren würde, würde ich mich nach so viel Wein duellieren?«

Oda lehnte das Pulver dankend ab. Suvaïdar dagegen versicherte sich mit einem kurzen Blick, dass niemand sie beobachtete. Dann führte sie die Prise, die sie genommen hatte, zur Nase, ließ sie jedoch auf ihren Teller fallen, wo das Pulver sich mit den restlichen Krümeln der Tarte vermischte.

»Ich glaube, das ist das Zeichen, dass die Mahlzeit beendet ist«, flüsterte sie Oda zu. »Wir sollten uns jetzt zurückziehen.«

Sie bedankte sich auch im Namen ihres Bruders bei ihrem Gastgeber.

Rasser stand auf. »Ich muss mich bei Ihnen bedanken«, erwiderte er. »Ich weiß nicht mehr über Ihren Planeten als das, was mein Vorgänger mir übermittelt hat. Und hier habe ich die einmalige Gelegenheit, Informationen aus erster Hand zu bekommen.«

Auf Brücke C wartete Tichaeris gemeinsam mit Keri auf ihre Rückkehr.

»Die Asix haben mir erzählt, welche Abscheulichkeiten die Barbaren auf den Tisch gebracht haben«, verkündete Tichaeris. »Also habe ich mich auf die Suche nach etwas Besonderem gemacht, was ich euch servieren kann.«

Alle vier setzten sich im Schneidersitz auf die Matte, um eine richtige Ta-Shimoda-Mahlzeit zu genießen: Gemüse, Bergkäse, Algen und einen Fisch von der Hand-Inselgruppe.

Anders als die terrestrische Tierwelt waren viele Meerestiere, deren Aussehen ein wenig an ihre Gegenstücke in den Meeren des Ursprungsplaneten erinnern, essbar, wenn man sich an gewisse Vorsichtsmaßnahmen hielt. Bei dem Fisch, den Tichaeris aufgetischt hatte, waren beispielsweise die Flossen giftig; man musste sie vor dem Kochen entfernen, um nicht das ganze Fleisch damit zu infizieren. Auch eine Vielzahl von Weichtieren waren zum Verzehr geeignet; von einigen sollte man allerdings nicht zu viele essen, da sie geringe Mengen an Alkaloiden enthielten, die die Wirkung von Halluzinogenen besaßen.

Seit nahezu sechshundert Trockenzeiten analysierten und klassifizierten die Ta-Shimoda alle Erd- und Wasserpflanzen und die gesamte Tierwelt – eine schier endlose Arbeit in Anbetracht der vielfältigen Flora und Fauna. Dazu kamen rund hundert verschiedene Algen und verschiedenartige Fische und Mollusken. Und im Dschungel hatten sie weitere essbare Gewächse entdeckt, die die traditionellen Produkte – vor allem Getreide – ihres Speiseplans bereicherten.

*

Die letzte Reisewoche brach an.

Als der Kommandant entdeckt hatte, dass alle Rundgänge der Besatzung auf den Kopf gestellt worden waren, um zu vermeiden, dass die weiblichen Mitglieder allein ihre Runden drehen mussten, ließ er keine Bemerkung darüber fallen. Und er sagte auch nichts dazu, dass gegen die Vorschriften plötzlich alle das kurze Messer am Gürtel trugen. Dies bestätigte ihm nur, dass seine Leute, die er sehr schätzte, mutig waren. Er betrachtete sie mit ganz anderen Augen als die Außenweltler, nachdem er von den Asix-Frauen, die mit ihm die Hängematte teilten, vieles erfahren hatte.

Die Soldaten hielten sich auf Distanz, was die anderen Passagiere betraf. Sie waren überzeugt, dass das unerklärliche Verschwinden von fünf Kameraden nur auf ein Verbrechen zurückführen sein könne. Und da sie nicht wussten, wen sie anklagen konnten, zogen sie es vor, gleich alle zu verdächtigen.

Suvaïdar widmete sich weiterhin gewissenhaft dem Fechttraining, denn sie hatte mehrere Jahre verloren. Sie trainierte jetzt nicht mehr mit dem Fechtlehrer, nachdem sie festgestellt hatte, dass dieser einen noch höheren Grad besaß als Tichaeris, sondern meist mit dem Chefmechaniker.

Obwohl laut Vorschrift das Gesicht bedeckt sein musste, waren in einer so kleinen Gruppe alle Teilnehmer leicht zu erkennen. Es gab nur zwei Shiro-Damen, und niemand hätte die ungeschickten Versuche Suvaïdars mit der mörderischen Eleganz von Tichaeris’ Bewegungen verwechseln können. Und den Chefmechaniker erkannte man schon von Weitem an seinen riesigen Bizepsmuskeln und den breiten Schultern.

Suvaïdar verließ den Fechtsaal jedes Mal mit blauen Fleck oder weiteren roten Striemen. Und die strengen Kritiken hagelten genauso permanent auf sie nieder wie die Schläge: »Konzentrier dich, pass auf die gebogenen Beine auf, nimm eine tiefere Haltung ein, hüpf nicht herum, zieh die Schultern nicht zusammen, mach dich nicht steif, bleib beweglich, bleib locker!«

Aber wie kann ich entspannt sein?, fragte sie sich und betrachtete die Muskelmassen der Gegner, die vor ihr standen, sich mit Leichtigkeit bewegten und die Klinge vorausschauend einsetzten. War sie kurz abgelenkt und unkonzentriert, wurde sie unweigerlich mit einem Treffer und brennenden Schmerz bestraft. Traf der Übungssäbel sie mit der Spitze, war ein blauer Fleck die Folge; traf er sie mit der flachen Seite, hatte sie einen roten Striemen mehr. Immer wieder kassierte sie einen Hieb auf den Rücken – einen »Ehrenhieb«, der für das Ego mindestens genauso schmerzvoll war wie für den Körper. Man hielt sich getreu an die Prinzipien der Akademie, denen zufolge die verbale Unterweisung eines Schülers nicht sonderlich effektiv war; stattdessen versuchten die Ausbilder, systematisch die schwachen Punkte der Schüler zu treffen, bis der Schmerz unerträglich wurde.

Suvaïdar hätte gern gewusst, wie oft sie schon tot gewesen wäre, hätte der Lehrer statt eines Übungssäbels eine richtige Kampfklinge benutzt.

Warum tue ich mir das überhaupt an?, fragte sie sich. Doch jeden Tag um dieselbe Zeit ging sie in den Fechtsaal, fast immer mit Oda. Wenn der Ruf »Pause« ertönte, war sie die ersten Male keuchend in die Dusche gestürzt; mittlerweile fühlte sie sich in besserer Form und blieb, um noch eine zweite Runde zu fechten.

Unter der Dusche fiel ihr Blick jedes Mal in den Spiegel. Sie stellte fest, dass der Glanz von Wahie nach und nach verblasste; der Spiegel zeigte ihr wieder eine echte Shiro. Glatte Haare, die bis zur Schulter reichten, ein dünner Körper, dessen Muskeln sich rasch wieder abgezeichnet hatten, rote Striemen vom Training auf der Lebkuchenhaut und der kalte Blick, den sie seit ihrer Jugend vor allem bei den Erwachsenen gesehen hatte und den sie vergeblich nachzuahmen versucht hatte, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war.

Vielleicht musste man erst ein paar Illusionen verloren haben und sich nicht mehr von besonderen Hoffnungen nähren, um diese berühmt-berüchtigte innere Leere zu erlangen, von der der Meister der Clan-Akademie so oft gesprochen hatte. Ein Zustand, in den sich die erwachsenen Shiro allem Anschein nach bewusst zurückziehen konnten.

Sie schaute ihren Bruder an. Trotz ihres Altersunterschieds von sieben Trockenzeiten hatten sie sehr viele Ähnlichkeit, doch im Gegensatz zu Suvaïdar schien Oda ständig in dieser inneren Leere zu verharren.

Weil eine der Schrammen auf ihrem Rücken leicht blutete, bat sie Oda, sie zu behandeln. Sie setzte sich auf ein Kissen und zog ihre Tunika aus, damit er Wundsalbe darauf streichen konnte. Odas Hand verteilte die Salbe sanft auf ihrer Haut und verweilte dabei vielleicht ein bisschen länger als nötig. Seltsam. Das war nicht Odas Art, sich um einen solchen Kratzer zu kümmern, der kaum blutete. Suvaïdar blickte ihn über die Schulter hinweg an und lächelte, während er konzentriert die Salbe einmassierte.

»Wo bist du eigentlich aufgewachsen?«, fragte sie.

»Bei einer Pflegemutter auf dem Bauernhof, bis ich in die Schule kam. Dann hat man mich einem Tutor aus dem Clan Johnson to Yamamoto anvertraut.« Bei der unangenehmen Erinnerung verzog er das Gesicht. »Er hat sich völlig unangemessen verhalten und erwartet, dass ich mich nach jeder Maßregelung bei ihm bedanke.«

Offensichtlich hat er nie Zuneigung und Zärtlichkeit kennengelernt, überlegte sie, und er ist so erzogen worden, dass er einen anderen nur berühren darf, um ihn zu behandeln oder im Handkampf gegen ihn anzutreten. Wahrscheinlich sind Faustschläge oder Schläge mit der Handkante der einzige physische Kontakt, den er sich außerhalb sexueller Handlungen zugestehen darf. Und in der Außenwelt hatte er sich sogar den Sex untersagt. Dass er mit mir in der Hängematte geschlafen hat, war eine Geste besonderer Nähe, und seitdem lächelt er mich sogar hin und wieder an ...

Suvaïdar erinnerte sich wieder an die Bitterkeit, mit der Haridar beklagt hatte, dass die Shiro ihren Jugendlichen alles entzogen – auch das Wenige an Zuneigung, die ihnen eine Asix-Pflegemutter geben konnte. Sie fragte sich, ob Jori Jestak dahintersteckte, dass Oda von seinem Tutor so streng behandelt worden war. Vielleicht hatte er für seinen Sohn eine strengere, traditionellere Erziehung eingeklagt, nachdem die Tochter der Sadaï gescheitert war.

Bei diesem Gedanken fühlte Suvaïdar sich schuldig. Sie rückte ihre Kleidung zurecht und setzte sich ordentlich hin. Dann ergriff sie Odas Hand und streichelte sie.

»Ich danke dir«, sagte sie freundlich. »Erzähl mir mehr.«

Der junge Mann schaute auf ihre Hand, die seiner so ähnlich war – etwas kleiner zwar, aber mit den gleichen schlanken Fingern, dem gleichen feinen Handgelenk. Dann erzählte er mit kurzen Sätzen aus seinem Leben. Als kleiner Shiro, berichtete er, habe er ein normales Leben geführt, stundenlang gelernt, Hausarbeiten erledigt und in der Akademie trainiert. Anschließend habe er zwei Jahre an der Universität von Gaia verbracht, bevor der Rat des Clans entschieden habe – offensichtlich, ohne ihn vorher um seine Meinung gefragt zu haben –, ihn in die Außenwelt zu schicken, damit er dort Mechanik studierte, ein Fachgebiet, das auf Ta-Shima sehr im Rückstand war.

Suvaïdar, die ihm aufmerksam zuhörte, entdeckte zwischen seinen Worten die Einsamkeit eines jungen Mannes, der nicht einmal in der Lage war, die Augenblicke der Hingabe mit den Asix-Mädchen zu genießen.

»Ich habe meine Pflicht der Spezies gegenüber erfüllt«, verkündete Oda auf seine gewohnt ernste Art. »Ich habe auf natürliche Weise drei Kinder mit zwei Asix gezeugt. Ich weiß zwar nicht, ob das Lebenshaus mir während meiner Abwesenheit weitere Kinder geschenkt hat, aber ich habe sicher auch Shiro-Kinder.«

Im ganzen Raumschiff hörte man plötzlich die Ankündigung, dass Ta-Shima in Sichtweite sei. Die Passagiere und die Besatzungsmitglieder, die keinen Dienst hatten, drängten sich um die Beobachtungskuppel und schauten auf den Planeten, der sich unter ihnen scheinbar schnell drehte, während das Raumschiff sich ihm auf einer spiralförmigen Flugbahn näherte.

»Man sieht gar keine Lichter«, beobachtete die junge Ehefrau Rasser aufmerksam, als sie sich unterhalb der Hemisphäre befanden, auf der bereits Nacht war.

»Nur im Augenblick. Auf der bewohnten Seite des Planeten, die wir bald sehen werden, ist es heller Tag«, entgegnete der Erste Offizier, den man beauftragt hatte, die Fragen der Passagiere zu beantworten. »Der Rest des Planeten ist von einem undurchdringlichen Dschungel bedeckt.«

»Die unbewohnbare Fläche ist riesig«, meldete der Kapitän sich zu Wort. »Wieso hat man diese Fläche preisgegeben und verfallen lassen? Ich könnte mir vorstellen, dass sich nach der Entdeckung des Planeten Abenteurer darauf gestürzt haben, um die natürlichen Ressourcen zu erobern.«

»Das weiß ich nicht. Aber die Zahl der Fremden, die ständig dort leben, beläuft sich nur auf ein paar hundert Individuen. Ta-Shima ist kein gastfreundlicher Planet.«

»Trotzdem leben dort Menschen. Wie viele Einwohner hat der Planet insgesamt? Bestimmt mehrere Millionen, oder?«

Ivradian zuckte mit den Schultern. Er hatte nicht die leiseste Ahnung. Dafür antwortete Oda:

»Wir sind insgesamt etwas mehr als drei Millionen. Während des ersten Kolonisationsjahres starb praktisch die Hälfte unserer Vorfahren. In einem unserer Sprichwörter heißt es: ›Ta-Shima ist eine Amme, die den kleinsten Fehler hart bestraft.‹ Und es stimmt wirklich. Zu Anfang hat der Planet einen hohen Tribut gefordert. Im Laufe der Zeit haben wir uns dann an das Klima gewöhnt, und auch an andere Schwierigkeiten. Im Allgemeinen jedoch bleiben die Fremden nicht länger als ein paar Jahre. Dann verlassen sie Ta-Shima, um auf die Planeten zurückzukehren, die gastfreundlicher sind. Außerdem gibt es im Dschungel nur wenig zu erobern, abgesehen von einigen essbaren Pflanzen und Gewürzen, die Sie sicher kennen, da ich sie in Neudachren ebenfalls gesehen habe.«

Die zweite Ehefrau von Botschafter Rasser bekam einen Schüttelfrostanfall.

»Warum bleiben Sie dann da? Nun, wo man Ta-Shima entdeckt hat, könnten Sie doch alle auf einen gemütlicheren Planeten ziehen. So viele sind Sie doch nicht.«

»Ta-Shima verlassen? Ich kann nicht für die anderen sprechen, aber dieser Gedanke ist mir persönlich noch nie durch den Kopf gegangen.«

»Nicht einmal, nachdem Sie das wundervolle Neudachren kennengelernt haben? Sie haben nicht die Absicht, sich dort niederzulassen, jetzt, nachdem Ihre universitären Studien Ihnen das Recht geben?«, fragte jemand erstaunt.

»Neudachren ist sehr schön, und es war angenehm dort, aber nicht ich habe mich entschieden, dorthin zu gehen. Ich habe lediglich die Weisung erhalten, dort die für meine Studien nötige Zeit zu verbringen. Bleiben sollte ich dort nie.«

Die Rotation des Raumschiffes vermittelte den Eindruck, als würde die Sonne in schwindelerregendem Tempo aufgehen. Die schützenden Sonnenfilter senkten sich mit einem brummenden Geräusch und bedeckten die gesamte Oberfläche der Kuppel. Alle blickten nun auf den Planeten, der zur Hälfte unter einer dichten Wolkenschicht verborgen lag. Die Wolken bewegten sich wirbelnd wie ein gigantischer Mahlstrom. Mal zeigten die Spitzen auf die eine, mal auf die andere Hemisphäre.

Als das Annäherungsmanöver das Raumschiff unter die dichten Wolken geführt hatte, stießen die Ta-Shimoda, die im Dunkeln sehr viel besser sehen konnten als andere, einen Seufzer der Erleichterung aus. Die Passagiere aus der Außenwelt dagegen beobachteten verblüfft das Phänomen, von dem nur wenige Raumforscher behaupten konnten, es gesehen zu haben: eine Welt, in der es praktisch keine von Menschen bewohnten Siedlungen gab. Der Kontinent, den sie überflogen, war von einer wilden Dschungellandschaft überzogen, so weit das Auge reichte. Es war ein monotoner Ozean aus Pflanzen, in dem die Farben Blau und Grün vorherrschten. Ab und an konnte man auch die spiegelnde Fläche eines weitläufigen Gewässers ausmachen.

»Man sieht gar keine Tiere«, merkte Arsel an. »Was für herrliche Seen ... trotzdem ist es merkwürdig, dass es an den Flüssen keine Badeorte gibt. Und was sind das für blaue Bäume?«

»Ich bin mir nicht sicher, ob man aus botanischer Sicht von Bäumen sprechen kann«, erklärte der Professor, pedantisch, wie er nun mal war. Fragend wandte er sich Oda zu, der ihm die Antwort lieferte.

»Wir bezeichnen die größten Pflanzen als Bäume, obwohl sie keine Ähnlichkeit mit den Obstbäumen aufweisen, die wir kultiviert haben. Sie sind sehr hoch. Das ist auch der Grund dafür, dass man die Tiere nicht sieht. Was Sie da sehen, ist nur die obere Schicht der Vegetation, weit oberhalb des Bodenniveaus. Darunter wächst ein Gewirr von Pflanzen, und am Boden ist es nahezu dunkel. Und in den großen Seen darf niemand baden, weil dort die Oddaï hausen, gewaltige Fleischfresser, die mehr als dreißig Meter lang werden können. Sie leben im Wasser, weil ihr Gewicht es ihnen unmöglich machen würde, sich auf der Erde fortzubewegen. Aber im Wasser sind sie extrem schnell.«

»Warum werden sie nicht eliminiert?«, fragte einer der Umstehenden.

»Sie leben in den Seen, wir auf der Hochebene. Sie stören uns nicht. Außerdem sind sie nützlich, wenn auch nur indirekt: Sie sind derart verfressen, dass man sie als Müllmänner bezeichnen kann. Und ohne sie würden die kleineren Tiere auf die Hochebene vordringen, was fatal wäre, denn wenn diese hungrigen Biester auf der Suche nach Nahrung den Dschungel verlassen würden, wäre das Leben weitaus gefährlicher für uns.«

»Also gibt es tatsächlich wilde Tiere, die in Freiheit leben? Das ist ja spannend! Ich wusste gar nicht, dass es so etwas außerhalb der Safariparks gibt«, sagte Arsel mit einem Anflug von Koketterie, wobei ihre Nase sich in kleine Falten legte. »Waren Sie schon mal im Dschungel?«

Oda dachte an die Volljährigkeitsprüfungen, aber es schien ihm nicht opportun, hier und jetzt davon zu erzählen. Die Fremden kannten so etwas nicht. Außerdem hatte er einmal seinen Studienkollegen gegenüber Andeutungen über die Prüfungen gemacht, was sehr unterschiedliche Reaktionen zur Folge gehabt hatte: Entweder hatte man ihn der Lüge bezichtigt, oder man hatte ihn verschreckt angestarrt.

Er warf Suvaïdar einen raschen Blick zu, mit dem er sie bat, an seiner Stelle auf die Fragen zu antworten. Er selbst wollte das Panorama genießen und die Freude auskosten, endlich zurückzukehren. Die vergangenen zwei Jahre waren für ihn sehr unangenehm gewesen.

Die anderen starrten deutlich weniger zufrieden auf ihren Zielort. Auch Suvaïdar, die vor langer Zeit ihrem Planeten den Rücken gekehrt hatte und überzeugt gewesen war, nie wieder einen Fuß auf diesen Boden zu setzen, fühlte sich unwohl.

Mit einem Mal tauchte die Hochebene unter ihnen auf, der bewohnte Bereich Ta-Shimas. Es handelte sich um eine Halbinsel, deren Küste aus spitzen Felsen bestand, gegen die riesige Wellen rollten. Vom Rest des Kontinents war sie fast auf der gesamten Breite durch eine Bergkette getrennt. Die Berge waren hoch und steil und mit glitzernden Gletschern bedeckt.

»Das ist das Corosaïgebirge, das Kristallcollier«, sagte Lars Ivradian. »Die Berge halten nicht nur die Wolken ab, die sich in der Regenzeit über der Hochebene auftürmen, sie bilden auch eine Barriere, welche die Ökologie des terrestrischen Typs von der des einheimischen Typs abgrenzt.«

Im Westen verwandelten sich die Berge in flache Hügel, die ein langes schwarzes Band bildeten, von dem Rauchspiralen aufstiegen.

»Sind das Brände?«, fragte Ivradian.

»Nein«, antwortete Suvaïdar, »es ist der Bereich, in der die Vegetation beider Ökosysteme, die einheimische und die terraformierte, aufeinandertreffen und um die Vorherrschaft kämpfen. Jedes Jahr fressen die Viehherden terrestrische und einheimische Pflanzen, die für ihren Stoffwechsel geeignet sind. Die Förster laufen hinter dem Vieh her. Sie sammeln ein, was übrig bleibt und noch von Nutzen sein könnte. Den Rest verbrennen sie. Was Sie dort sehen, sind die Feuer, die von den Förstern zu diesem Zweck gelegt wurden.«

»Das ist faszinierend«, kommentierte der Professor, der sich interessiert zeigte. »Aber ist diese Methode nicht viel zu langwierig und kompliziert? Wenn Sie den ganzen Planeten terraformieren würden, hätten Sie diese Art von Problemen nicht mehr.«

»Ja, das stimmt, aber es würde so viel Energie kosten, wie ganz Ta-Shima in einem Jahrhundert verbraucht.«

Kapitän Aber, der bisher auf Planeten gelebt hatte, auf denen die Energie praktisch unerschöpflich war, lächelte überlegen und murmelte irgendetwas vor sich hin, das kein Mensch verstehen konnte, allenfalls die anwesenden Asix. Überaus höflich richtete er dann eine Frage an Oda:

»Was heißt eigentlich ›unterentwickelt‹, Shiro Adaï?«

Im Westen gingen die Hügel in die sumpfige Ebene von Sovesta über. Dort strömten das Delta des Gaia-Flusses und der große Wasserlauf zusammen, der an der anderen Seite der Wasserscheide verlief.

»Da sehen Sie die Sümpfe«, sagte Ivradian. »Mehrmals im Jahr werden sie von den Gezeiten überflutet. Selbst für die einheimische Tierwelt, die sich dorthin wagt, ist diese Gegend zu unwirtlich. Und die Menschen haben ausschließlich die Hochebene besiedelt.«

Bei der zweiten Rotation flog das Raumschiff hinlänglich tief, damit die Passagiere die drei Städte erkennen konnten: Gaia, das am Fluss lag, Gorival im Norden am Vorgebirge, wo es die großen Viehzuchtstationen gab, und schließlich Nova Estia im östlichen Bereich. Dort befanden sich die Minen und die wenigen Industrieansiedlungen. Wer zum Arbeiten dorthin geschickt wurde, musste dies als Bestrafung empfinden.

Die Fischer der Hand-Inselgruppe hatten jedoch noch eine vierte Siedlung gebaut; von einer Stadt konnte man nicht sprechen. Den größten Teil des Jahres verbrachten sie auf ihren Fischerbooten weit draußen auf dem Meer. Nur wenn die Orkane wüteten zogen sie sich in ihre Häuser zurück, die in der gesamten Inselwelt auf Pfählen gebaut waren. Dann nämlich trugen die Strömungen Plankton in die andere Hemisphäre; Fischschwärme folgten ihrer Nahrung und entfernten sich von der Hochebene. Ihnen zu folgen, machte keinen Sinn.

Im Südwesten unweit Gaias sah man nun Niasau, das die Außenweltler als »Schreiberstadt« bezeichneten, mit dem Astroport. Im Moment herrschte Ebbe, und das Ganze hatte Ähnlichkeit mit einer Insel, die über eine Landbrücke aus Sand mit dem Festland verbunden ist. Bei Flut konnte sich hier alles schnell in einen Kanal verwandeln. Außerdem konnte man die Bögen der Brücken erkennen, die die einzige Verbindung mit dem Rest des Kontinents bildeten.

Die Passagiere aus der Außenwelt waren verstummt. Verglichen mit der restlichen bewohnten Fläche des Planeten war Schreiberstadt klein. Verglichen mit dem riesigen Dschungel jedoch, der feindlich und beunruhigend für alle war, die es seit Jahrhunderten gewohnt waren, in terraformierten und urbanisierten Welten zu leben, war Schreiberstadt sogar winzig klein.

»Was für Tiere leben denn im Dschungel?«, fragte ein Passagier.

Der Erste Offizier antwortete: »Ungeheuer aller Art. Fast alle sind extrem gefährlich, wie man mir erzählt hat. Ich persönlich habe Schreiberstadt nie verlassen, und seit meinem ersten Besuch habe ich mich fast immer innerhalb des Astroport-Geländes aufgehalten. Ich finde, für das Wenige, das der Planet zu bieten hat, lohnt die Mühe nicht, sich einer Serie von Impfungen und einer Quarantäne zu unterwerfen.« Er hielt kurz inne, fuhr dann fort:

»Auf jeden Fall beherbergt der Dschungel alle Arten von wilden Tieren, nicht nur die großen Fleischfresser, die einem Albtraum entsprungen sein könnten. Auch kleinere, nicht so gefährliche Kreaturen haben dort ihr Zuhause. Sie lauern ihrer Beute auf, indem sie sich in Erdlöchern verbergen. Ich glaube, die gesamte Tierwelt ist im Dschungel reich vertreten. Die einzige Ausnahme bilden Vögel und Insekten, nicht wahr?«, fragte er und wandte sich direkt an Oda. Der nickte.

»Das ist ja hochinteressant!« Professor Li hatte irgendwo etwas darüber gelesen, fand es aber immer sehr viel spannender, die Informationen aus erster Hand zu bekommen. »Folglich haben die Pflanzen kein analoges System zur Bestäubung entwickelt, oder?«

»Die einheimischen Pflanzen nicht. Aber in der Hochebene wachsen welche, die terrestrischen Ursprungs sind. Zu Beginn hat man sie von Hand bestäubt. Eine Horde Kinder, mit Pinseln ausgerüstet, hat sich dieser undankbaren Arbeit angenommen. Vor ein paar hundert Trockenzeiten ist es dann gelungen, für die Bestäubung geeignete Tierarten bei uns heimisch zu machen, vor allem Bienen, aber auch Schmetterlinge.«

»Was meinen Sie mit ›vor ein paar hundert Trockenzeiten‹?«, fragte der Professor nach.

»So zählen wir hier die Jahre. Als zu Beginn eine Dürre herrschte, stieg die Sterblichkeit so rasant an, dass viele Kinder ihr erstes Lebensjahr nicht vollenden konnten. Seitdem ist es üblich zu sagen, dass jemand eine oder zwei Trockenzeiten überlebt hat. Heutzutage bedeutet das ganz einfach ein Ta-Shima-Jahr, das im Verhältnis zum Standardjahr um ein Viertel länger dauert.«

»Sie haben darüber gesprochen, dass die Sterblichkeit rasant anstieg. Aber heute ist das nicht mehr der Fall, oder?«, hakte Arsel nach.

»Seit die Hochebene terraformiert wurde, leben unweit der besiedelten Bereiche kaum noch gefährliche Tiere«, antwortete Suvaïdar. »Zudem ist es uns gelungen, den Launen des unwirtlichen Klimas die Stirn zu bieten, auch wenn die Orkane, die den Wechsel von der Regen- zur Trockenzeit ankündigen, immer wieder ein Abenteuer sind. Mittlerweile haben die Trockenzeiten keine Hungersnöte mehr zur Folge. In den ersten Jahren auf Ta-Shima starben noch viele Menschen, geschwächt vor Hunger.«

Bei der nächsten Umrundung bereitete sich das Raumschiff auf den Landeanflug vor. Die Bahn des Astroports war vollkommen leer; deshalb war es nicht mehr erforderlich, in der Umlaufbahn zu verweilen und die Be- und Entladungsoperationen mit Landefähren zu bewerkstelligen.

Man forderte die Passagiere auf, sich bis zum nächsten Sirenensignal in ihre Hängematten zu begeben. Dann machte die gesamte Besatzung sich an die Arbeit. Auf der Hansa 27 war kein automatisches Steuerungssystem mehr in Betrieb, seitdem man Raumschiffe vom Boden aus mit einem Lichtstrahl empfangen und bei der Landung unterstützen konnte. Früher wurde das alles per Hand gemacht.

Kommandant N’Tari, ein ausgezeichneter Pilot, senkte die riesige Maschine ab, als wäre sie federleicht. Ihm zur Hand gingen der Erste Offizier und Ivari Tadaki. Wieder heulte die Sirene auf und kündete davon, dass die Maschine gelandet war. Das Raumschiff stand fest auf dem harten, felsigen Boden der Astroportlandebahn.

Nun hieß es, die Zugangstreppe hinunterzusteigen, die sich abgeschlossen in einem Tunnel befand. Passagiere und Besatzung gleichermaßen drängten sich vor der Schleuse auf der Brücke B. Zuerst mussten noch die Formalitäten für die Passagiere erledigt werden, dann würde man damit beginnen, die Ladung an Land zu bringen.

Die Ta-Shimoda, sowohl Passagiere als auch Besatzungsmitglieder, machten sich für den Ausstieg bereit. Die meisten hatten nur eine Tasche dabei, die alles enthielt, was sie besaßen. Suvaïdar und Oda standen mit leeren Händen da; alles, was ihnen gehörte, trugen sie am Körper. Der riesige Chefmechaniker, der einige Stunden zuvor Suvaïdar noch eine letzte schmerzhafte Fechtlektion erteilt hatte, verbeugte sich tief vor ihr und sagte:

»Es war mir eine Ehre, Shiro Adaï, Sie an Bord gehabt zu haben.«

»Und ich möchte mich bei dir, Meister, für deine lehrreichen Unterweisungen bedanken«, erwiderte sie.

Sie hatte ihn »Meister« genannt – ein Titel, der ihm von Rechts wegen nicht zustand. Aber er war ein geschätzter Mitstreiter gewesen, er hatte viel Zeit damit zugebracht, sie zu unterrichten – Zeit, die er vielleicht lieber mit jemandem trainiert hätte, der viel besser war, Tichaeris zum Beispiel.

Die Shiro verließen zuerst das Raumschiff, gefolgt von den Passagieren aus der Außenwelt, die Unmengen von Gepäckstücken hinter sich her zogen. Aziz Rasser bat die Besatzungsmitglieder, ihnen beim Tragen zu helfen, aber diese schüttelten verneinend den Kopf und machten sich auf und davon.

»Befehlen Sie Ihren Männern, diese Koffer zu tragen!«, rief er ungeduldig dem Kommandanten zu, der sich gerade für den Ausstieg bereitmachte, nachdem er alles andere seinem Offizier übergeben hatte.

»Es sind nicht mehr meine Männer. Ihr Vertrag endet mit der Landung des Raumschiffes.«

Der Kommandant schleppte mühsam zwei große Taschen hinter sich her. Der Raumfahrtbegleiter, den man »Kraftprotz« nannte, packte die Taschen im Vorübergehen und hob beide mit nur einer Hand auf seine linke Schultern. Währenddessen unterhielt er sich weiter mit seinen Kameraden und lachte.

»Also wirklich!«, rief Kapitän Aber empört. »Warum tragen diese Leute Ihr Gepäck?«

»Das tun sie ganz spontan, aus reiner Freundschaft. Sie können ja versuchen, Ihnen Geld anzubieten. Vielleicht finden Sie dann jemanden, der Ihnen behilflich ist. Aber ehrlich gesagt, glaube ich es nicht. Sie kommen mit dem Geld gar nicht erst in Berührung. Die Bezahlung erfolgt elektronisch auf ihr Konto. Ich glaube, sie wüssten nicht einmal, was sie mit den Geldstücken der Föderation anfangen sollten. Die Währung hat hier keine Gültigkeit, und sie müssten die Münzen beiseitelegen, bis sie das nächste Mal an Bord gehen. Doch wenn sie auf einem anderen Planeten sind, verlassen sie den Astroport meist gar nicht. Sie hätten also kaum Gelegenheit, das Geld auszugeben.«

Schließlich mussten sich einige der Soldaten in Gepäckträger verwandeln. Sie selbst empfanden dies als unter ihrer Würde, umso mehr, als die Einheimischen mit leeren oder fast leeren Händen an ihnen vorbeigingen.

»Das sind Faulenzer, die zu nichts anderem gut sind. Eine gewisse Portion militärischer Disziplin könnte ihnen nicht schaden«, brummte der Kapitän.

Der Tunnel mündete in ein großes Gebäude mit Kuppel. Auf dem Eingang stand auf Gorin, auf Galaktisch und in der Universalsprache »Desinfektionsraum – Dauer dreißig Minuten«. Sie fanden sich in einem großen Raum wieder, in dem es stickig heiß war. Für die Menschen aus der Außenwelt gab es Sitzgelegenheiten. Die Ta-Shimoda kauerten sich im Schneidersitz auf die ebenfalls bereitgelegten Kissen. Zu ihnen gesellte sich Kommandant N’Tari, der genug von den illustren Passagieren aus Neudachren hatte und froh war, seine Ruhe zu haben.

Es zischte, als eine Vielzahl winziger Düsen eine Flüssigkeit versprühten, die sich an der Luft sofort in feinen Dampf verwandelte. Zwischendurch wiederholte eine eintönige Stimme in den drei Sprachen:

»Die ist eine unumgängliche Desinfektion, um Sporen und andere Mikroorganismen auf Kleidung und Körper abzutöten. Abgesehen von einigen sehr speziellen Allergien hat sie keine Nebenwirkungen. Wir bitten Sie um ein wenig Geduld.«

Die Meldung wurde rund zehnmal wiederholt; dann sagte eine andere Stimme auf Galaktisch und in der Universalsprache:

»Achtung bitte. Wir möchten die Passagiere, die auf Ta-Shima an Land gehen, daran erinnern, dass dort ein endemisches Virus mit häufigen Mutationen verbreitet ist, das das Fieber von Gaia hervorruft. Es wurden sämtliche Vorkehrungsmaßnahmen getroffen, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Doch wegen der häufigen Mutationen des Stammvirus gibt es keine hundertprozentig wirksame Impfung, und eine Erkrankung nimmt in den allermeisten Fällen ein tragisches Ende. Vielen Dank und angenehmen Aufenthalt.«

Offensichtlich wussten alle von diesem Fieber, aber sie hätten es vorgezogen, nicht mit einem derartigen Nachdruck daran erinnert zu werden.

»Die obligatorische Impfung für Fremde erfolgt nach einer kurzen Quarantäne und ist in fünfundneunzig Prozent aller Fälle wirksam, zumindest was die bekannten Mutationen der vergangenen acht Monate betrifft«, fuhr wieder eine andere Stimme fort. »Die Impfung behält ihre Wirkung vier oder fünf Monate lang. Sie muss sofort erneuert werden, wenn eine neue Mutation entdeckt wird. Personen, die in den ersten drei Tagen nach der Impfung an Fieber, Erbrechen, Durchfall oder unter Migräneanfällen leiden, ist es untersagt, den Astroport zu verlassen. Fremde, die die ihnen zugewiesene Zone verlassen, tun dies auf eigene Gefahr und eigenes Risiko.«

In den dreißig Minuten, die die Desinfektion dauerte, wurde diese Meldung vier- oder fünfmal wiederholt. Dabei bediente man sich der Begriffe, die auf zwei Türen zu lesen waren: »Fremde« und »Sei-Nin«.

Die Fremden wurden ins medizinische Zentrum geleitet, die Ta-Shimoda dagegen konnten nach draußen gehen. Dort atmeten sie tief die angenehm warme, feuchte Luft ein. Das würzige Parfum der Asix, der Geruch einheimischer Pflanzen, die unweit der Ausgangstür wuchsen, die Wohlgerüche des feuchten Staubs, die in den ersten Tagen der Regenzeit so charakteristisch waren – dies alles vermischte sich zu einem äußerst angenehmen, nahezu berauschenden Duft.

Selbst Oda musste fröhlich lachen und streckte die Hand aus, um flüchtig den Stamm einer großen Daïbanpflanze zu berühren – das Maskottchen des Planeten, von dem alle Teile Verwendung fanden. Die äußeren Fasern wurden vorsichtig abgezogen, um nur diejenigen abzulösen, die bereits tot waren, ohne die anderen zu verletzen. Aus ihnen fertigte man Seile, Stiefel und Sandalen, die ein Leben lang hielten. Die Samen, die so groß wie Fäuste waren, wurden wegen ihrer Form »Daïbanblume« genannt. Sie enthielten einen Saft, der euphorisch machte und zudem wie ein Aphrodisiakum wirkte. Die langen blauen und weißen Blätter der Pflanze waren sogar roh genießbar.

Die Landschaft zeigte sich sanft und in Hunderten von Grautönen, und man konnte partout nicht feststellen, wo die Erde aufhörte und wo der Himmel begann.

Shiro und Asix machten sich zu Fuß in Richtung Stadt auf. Unterwegs hoben sie immer wieder ihr Gesicht an, um die ersten lauwarmen Regentropfen zu spüren und zu schmecken.

Tichaeris lud einige der Besatzungsmitglieder ein, sie in die Akademie zu begleiten. Sie würde sie dort gern willkommen heißen.

»Du gehst nicht in das Haus deines Clans?«, fragte Suvaïdar erstaunt.

»Nein, ich habe mich bereits vor vielen Jahren der Akademie von Gorival anvertraut«, gab Tichaeris teilnahmslos zur Antwort. »Und jetzt habe ich die Erlaubnis erhalten, ein Jahr in Gaia zu verbringen, um dem Unterricht des Meisters zu folgen, der dort lehrt. Ich besuche die Akademie von Riodan Lal und die von Tarr Huang. Letzteren mag ich besonders, er ist wirklich ein großer Meister.«

Daher also kommt der merkwürdige Name Tichaeris, sagte sich Suvaïdar. Sie wusste, dass die Jungen, die von den Clans nicht aufgenommen wurden und die man einer Akademie anvertraute, sich stolz Beinamen gaben, die Anspielungen auf gewisse körperliche Besonderheiten oder auf eine angenommene Ähnlichkeit mit einem wilden, meist unangenehmen Tier enthielten. Ticha war in der Hochsprache der alte Ausdruck für Tica, ein übles Biest, das seine Beute angriff, indem es ihr von einem Ast oder einem Felsvorsprung auf den Rücken sprang. Tica-Aeri bedeutete »die Tochter einer Tica«.

»Tarr hat jetzt eine eigene Akademie?«, fragte Oda beeindruckt. Er kannte keinen Asix, der den Grad eines Meisters besaß und über eine eigene Akademie verfügte. »Welchen Stil unterrichtet er?«

»Alle drei. Außer dem Stil für die Debütanten lehrt er den Stil mit dem schweren Säbel, den man mit beiden Händen hält. Er unterrichtet auch das Fechten mit zwei Klingen – in der einen Hand das Schwert, in der anderen die kurze Klinge, oder in jeder Hand ein Schwert. Und schließlich trainiert er den schwierigen und gefährlichen Stil, den man ›leere Hand und eine Klinge‹ nennt. Er kombiniert das Fechten mit dem Handkampf.«

»Mir war schon klar, dass Tarr ein Könner ist«, merkte Suvaïdar an, »aber ich hätte nicht gedacht, dass er es so weit bringt.«

»Er ist ein großer Meister«, wiederholte Tichaeris im Brustton der Überzeugung. »Ich bin schon gespannt, ihn wiederzusehen. Ich fühle mich geehrt, dass er mich ausgesucht hat, als der Rat ihn darum bat, einen Boten zu ernennen.«

»Ich wusste nicht, dass beide sich an eine Akademie gewandt haben«, meinte Suvaïdar. Eine Expertin in Sachen Kampfkunst war eine eher unübliche Wahl für einen Boten. Was befürchtete der Rat? Und wie waren sie darauf gekommen, dass Tichaeris den Gefahren der Föderierten Welten gegenübertreten könne, wo sie selbst diese Gefahren völlig ignorierten?

Sie hatten nun die Stadt erreicht. Suvaïdar hatte den Eindruck, dass sie während der Zeit ihrer Abwesenheit größer geworden war. Das erste Viertel, durch das sie gingen, als sie vom Astroport kamen, war eine kuriose Mischung aus Ta-Shima und der Außenwelt: Neben den provisorischen Hütten der Asix – mit den dicken Mauern und dem Dach aus Blättern sahen sie armselig aus, und doch garantierten sie an heißen Tagen ein wenig Kühle – erhoben sich die Gebäude der Außenweltler in einer disharmonischen Zusammenstellung. Das betraf in erster Linie die unterschiedlichen architektonischen Stile. Nahezu jeder, der hierherkam, wollte den Baustil imitieren, den er aus seiner Heimat kannte. Säulen und Kuppeln wechselten mit Turmspitzen und Erkerfenstern, die Dächer waren flach oder spitz, und Fenster und Türen kamen in allen möglichen Formen vor. Man hatte Materialien – Holz und Stein – verwendet, die von hier stammten. Um das luminiszierende Fotomax der industrialisierten Welten nachzuahmen, hatte man vieles in lebhaften, kräftigen Farben angemalt.

Dort stand auch das graue Steinhaus des Clans Bur to Sevastak. Hier gab es kaum Obstbäume und Gemüsegärten, während sie in Gaia alle Behausungen einfriedeten. Man konnte in den Straßen viele Asix beobachten; auch die unterschiedlichsten, hier lebenden Händler traf man an. Einige Fremde, die erst vor Kurzem angekommen waren, hatten ihre Traditionen nicht aufgeben wollen und schwitzten stark unter den schweren Stoffen aus Synthetik. Nur wenige Shiro kamen vorbei, und wenn, waren sie in ihren Mantel gehüllt und hatten das Gesicht bedeckt. Und das, obwohl Regenzeit war.

»Warum verdecken sie ihr Gesicht?«, fragte Suvaïdar.

»Das tun viele Shiro-Herren in Niasau«, antwortete ein Asix. »Sie wollen nicht, dass die Fremden ihr Gesicht sehen.«

»Haridar Sadaï hat uns verboten, gegen die Außenweltler zu kämpfen«, fügte Tichaeris hinzu. »Das gilt auf jeden Fall für diese Seite der Brücke. Aber oft sind sie schlecht erzogen, schauen uns von oben herab an und haben keinerlei Respekt vor uns. Deshalb ziehen viele Shiro es vor, ihr Gesucht unter dem Mantel zu verstecken. Allerdings steht es im Widerspruch zum Sh’ro-enlei, nicht auf derartige Unverfrorenheiten zu reagieren. Das ist ein schwieriges Dilemma.«

Ihnen begegnete eine Gruppe Fremder, die lachend und lärmend unterwegs waren und sich aufführten, als wären sie die Herren des Planeten. Grob befahlen sie einer Asix, ihnen Platz zu machen. Einer von ihnen stieß sie an, damit sie den Bürgersteig freimachte, und nannte sie eine dumme Tashi-Äffin. Daraufhin stellten die drei Shiro sich Seite an Seite auf, sodass sie die gesamte Breite des Bürgersteigs einnahmen. Ungerührt gingen sie weiter und taten so, als wäre niemand vor ihnen. Obwohl in der Mehrzahl, gaben die Außenweltler nach kurzem Zögern nach und machten den Weg widerwillig frei, um sie vorbeizulassen.

»So also geht es mittlerweile in Niasau zu?«, fragte Oda.

»Nein, nein. Nicht alle sind so wie die gerade eben«, antwortete einer der Männer aus der Besatzung. »Unter den Alteingesessenen gibt es welche, die man durchaus als wahre Menschen betrachten könnte. Leider kommen jedes Jahr wieder Neue an. Einige von denen sind arrogant, ohne dass man weiß, warum, es sei denn, sie kommen aus barbarischen, kaum zivilisierten Welten. Sie verhalten sich, als würde dieser Planet ihnen gehören. Aber meist bleiben sie nicht lange, denn sie sind ausgesprochen dumm.«

Suvaïdar folgte mit ihrem Blick einer Geste des Mannes und entdeckte mehrere Cormarou-Pflanzen, kleine Sträucher in einer wundervollen dunkelblauen Farbe. Ihr Saft war giftig, und während der Trockenzeit produzierten sie eine große Menge Sporen, die für das Auge unsichtbar waren. Kam die Haut mit diesen Sporen in Berührung, lösten sie ein unangenehmes Ekzem aus. Aus diesem Grund rissen die Ta-Shimoda selbst die winzigsten Triebe dieser Pflanze heraus. Sie zogen es vor, in den Dschungel zu gehen und dort die ausgewachsenen Pflanzen abzuernten, anstatt sie in der Hochebene wachsen zu lassen und sich der Gefahr auszusetzen, im Sommer mit ihnen in Kontakt zu kommen. Das sehr harte Holz der Pflanzen konnte man für Tischlerarbeiten verwenden.

»Wie kommen sie hierher?«, fragte Suvaïdar erstaunt. »Von irgendwelchen Samen, die der Wind hierhergetragen hat? Aber hier stehen mindestens zehn, und es sind ausgewachsene Pflanzen. Warum hat niemand die Triebe herausgerissen?«

»Wir, die Asix, haben sie gepflanzt«, antwortete der Mann. »Wir haben die Jungen damit beauftragt, nachdem man sie in der Hochebene entdeckt hatte. Erst letztes Jahr haben wir damit begonnen, und ich glaube nicht, dass die Sitabeh schon begriffen haben, dass sie sich wegen dieser Pflanzen während der ganzen letzten Trockenzeit kratzen mussten. Sie finden die Pflanzen wunderschön, sodass sie schon für den kleinsten Trieb gut bezahlen.«

Suvaïdar lachte und zog sogleich den erzürnten Blick eines vorbeigehenden Shiro mit verhülltem Gesicht auf sich. Rasch versuchte sie, einen gleichgültigen Ausdruck aufzusetzen, indem sie an etwas Unangenehmes dachte. Und das war nicht schwer, denn daran mangelte es nicht. Es reichte schon, sich die Aussichten für ihre Zukunft vor Augen zu führen.

Sie durchquerten das Viertel der Asix mit seinen schmalen, verwinkelten Gassen und den niedrigen Häusern, die nur eine Etage hatten. Dazwischen standen Hütten. Sie gingen über die Brücke und gelangten nach Gaia, das ihnen mit seinen Obstbäumen, den vielen Kanälen und seinen schattenspendenden Ufern frisch und freundlich wirkte. Eine bunte Menschenmenge war auf der Straße unterwegs: Shiro mit unbedecktem Gesicht und ohne Mantel, sowie bunt gekleidete Asix. Unter den Jüngsten waren einige, die mit Ketten aus Samenkörnern und Muschelschalen geschmückt waren. Kinder beider Rassen beeilten sich, zur Schule zu kommen.

Die Gruppe trennte sich. Tichaeris ging mit zwei Männern aus der Besatzung, die ihre Einladung angenommen hatten, in Richtung Akademie. Suvaïdar und Oda schlugen den Weg zum Haus des Clans ein, ein großer Bau im nordöstlichen Sektor der Stadt.

Das zentrale Gebäude war nach dem typischen Schema aufgeteilt: Zwischen den gemeinsamen Räumen und den Schlaftrakten reihten sich Innenhöfe mit Obstbäumen und Gärten, die man eigentlich »Gemüsegärten« nennen sollte, weil hier essbare Pflanzen gediehen. Rundherum gab es diverse Nebengebäude: Vorratsräume, die Häuser der Pflegemütter und die provisorischen Hütten der Asix. Sie hatten diese Hütten selbst gebaut, weil sie ein unabhängigeres Leben mit weniger Protokoll führen wollten als das, was sich im großen Steinhaus abspielte. Den Shiro war das nicht erlaubt.

Die Tür war offen, wie überall auf dem Planeten, abgesehen von Niasau. Sie betraten das Haus und durchquerten die für die Jugendlichen reservierten Schlafräume, die sich nahe des Eingangs befanden, damit Besucher ein- und ausgehen konnten, ohne die Erwachsenen zu stören. Dann ging es weiter zu den zentralen Räumen, in denen die Alten des Clans lebten. Der Saz-Adaï konnte die Ankunft des Raumschiffes nicht entgangen sein. Sie würde bereits ungeduldig nach ihnen Ausschau halten.

Sie setzten sich auf die Matte im Vorzimmer, wie es sich gehörte. Da sich weitere Mitglieder des Clans dort aufhielten, schwiegen sie. Schließlich wurde Suvaïdar aufgerufen. Gemeinsam mit Oda trat sie ein und grüßte mit einer tiefen Verbeugung. Man forderte die beiden nicht auf, Platz zu nehmen; es gab auch keine Kissen, die für Besucher vorgesehen waren. Also ließen sie sich auf den Knien nieder, Suvaïdar als ältere Schwester ein Stück weiter vorn.

Die schwarzen Augen der alten Dame fixierten sie ohne jeglichen Ausdruck.

»Ihn habe ich nicht gebeten, einzutreten«, sagte sie schließlich und wies in Odas Richtung. »Offenbar übernimmst du gerade die schlechten Gewohnheiten deiner Schwester. Aber wo du nun da bist – sag mir doch, warum du Neudachren verlassen hast, ohne eine Anweisung von meiner Seite abzuwarten.«

Oda berichtete kurz, was passiert war und fügte hinzu, dass seine Studien abgeschlossen seien und ihm nur noch die Abschlussprüfungen blieben, die ohnehin keine Bedeutung hätten.

»Gut«, sagte Odavaïdar Huang; dann wandte sie sich Suvaïdar zu. »Mit welchem Recht bist du hier? Weil du ohne Erlaubnis in die Außenwelt gegangen bist, hast du dich selbst aus dem Clan ausgeschlossen. Dein Platz ist nicht mehr hier. Geh nach Niasau zu den anderen Sitabeh.«

Suvaïdar hörte, wie Oda tief durchatmete und zu einer Erwiderung ansetzte. Doch bevor er etwas von sich geben konnte, das nicht wiedergutzumachen gewesen wäre und ihm den Zorn der Alten eingebracht hätte, sagte Suvaïdar freundlich:

»Meine Verehrung, würdige Mutter. Es freut mich zu sehen, dass die Jahre dir nichts von deiner jugendlichen Lebendigkeit genommen haben.«

Bei einer Person, die ein Amt innehatte, das mit Besonnenheit und Weisheit in Verbindung gebracht wurde, von »jugendlicher Lebendigkeit« zu sprechen, kam einer taktvollen Beleidigung gleich. Doch Suvaïdar hatte diese Worte mit einer Unerbittlichkeit formuliert, dass die Saz-Adaï keinen Grund finden konnte, sich beleidigt zu fühlen.

»Ich bin auf Bitten des Rates zurückgekommen, wie du sehr gut weißt, da du ja ein Mitglied bist«, fuhr Suvaïdar fort. »Bei der nächsten Versammlung werde ich mich vorstellen und mir die Weisungen anhören, die der Rat mir erteilen möchte. Bis dahin bitte ich, Gast im Haus des Clans sein zu dürfen. Ich denke, das ist mein gutes Recht. Sollte dies nicht möglich sein, werde ich in ein Hotel der Außenwelt in Niasau gehen. Das müsste allerdings bezahlt werden. Daher bitte ich dich, mir die Summe zur Verfügung zu stellen, die ich seit meiner Abreise auf das Konto des Clans überwiesen habe, weil ich immer noch eine Huang bin, auch wenn ich im Exil gelebt habe. Sollte ich mich geirrt haben und nicht mehr zum Clan gehören, bitte ich um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, die meine unerwünschten Zahlungen mit sich gebracht haben.«

Suvaïdar wusste sehr gut, dass von dem Geld nicht viel übrig sein konnte. Es hatte bestimmt dazu gedient, Odas Studium und das der anderen beiden Clan-Mitglieder, die an der Universität von Neudachren eingeschrieben waren, zu finanzieren. Womöglich hatte man davon Textbücher und Kommunikatoren erworben sowie die kostbaren elektronischen Bauteile, die die Außenweltler zu horrenden Preisen verkauften.

Suvaïdar verbeugte sich respektvoll und wartete gespannt, wie ihre Gesprächspartnerin diesen Knoten auflösen würde, ohne dabei das Gesicht zu verlieren.

»Verschwindet!«, zischte die Alte. »Lasst euch ein Zimmer geben und Kleidung aushändigen. Verschwindet aus meinen Augen und versucht euch so zu verhalten, dass mir nichts Schlechtes über euch zu Ohren kommt.«

Suvaïdar erhob sich auf grazile Weise und verbeugte sich respektvoll. Dann wandte sie sich Oda zu und sagte in strengem Tonfall zu ihm:

»Shiro Adaï, hast du die Anweisung der ehrwürdigen Mutter nicht gehört?«

Damit verließ Suvaïdar den Raum, gefolgt von Oda, dem es dank seiner lebenslang geübten Selbstbeherrschung gelang, ein Lachen zu unterdrücken.

»Sehen wir zu, dass wir unsere Zimmer bekommen, und dann nehmen wir ein Bad.«

Nichts hatte sich verändert, seitdem Suvaïdar das erste Mal in das Haus des Clans gekommen war. Die Verteilung der Zimmer und die der Kleidung war immer noch eine komplizierte Zeremonie. Die einzige Veränderung bestand darin, dass der alte Jori jetzt eine Assistentin hatte, die genauso kalt und distanziert war wie er selbst. Das Zimmer hätte ein Zwilling jenes Zimmers sein können, in das Suvaïdar als Jugendliche eingezogen war. Was die Kleidung betraf, konnte man zwischen den Farben Grau und Sandfarben wählen. Auf der Höhe des linken Schulterblatts und vorn auf der Brust zeigte die Tunika dieselben Clan-Symbole, die alle Huangs als Tätowierung auf dem Rücken trugen: ein weißer Kreis, in dessen Mitte sich ein schwarzes Ideogramm befand – vielleicht der Buchstabe eines Alphabets, das vor Jahrhunderten in Vergessenheit geraten war.

Suvaïdar bat um ein Paar Sandalen für den Innenbereich, um eine Lampe und ein kurzes Messer. Dann brachte sie alles in ihr Zimmer, bevor sie zu den Bädern hinunterging. Nach einer langen, angenehm frischen Dusche stieg sie in eines der großen Becken, das mit lauwarmem Wasser gefüllt war.

In diesem Becken tummelten sich bereits andere junge Shiro, die sie knapp begrüßten, bevor sie ihr den Rücken kehrten. Aber drei Asix, die in einem anderen Becken herumtollten und sich lachend bespritzen, kamen zu ihr, um ihr Gesellschaft zu leisten.

»Du bist Suvaïdar-Adaï, nicht?«, fragte ein Jugendlicher, der zweifellos noch zu klein war, um mit ihr anzubändeln.

Sie nickte, und der junge Mann fuhr fort: »Ich bin Sai Huang. Möchtest du, dass ich deine Schultern massiere? Ich mache das sehr gut.«

Er lächelte. Sein Gesicht mit den kindlichen Rundungen hatte hübsche Grübchen.

»Danke, ein anderes Mal vielleicht«, erwiderte Suvaïdar.

»Also morgen?«

»Die Shiro Adaï möchte damit sagen, vielleicht in drei oder vier Jahren«, erklärte ihm einer seiner Kameraden und tauchte dann den Kopf des Jungen unter Wasser. »Ich freue mich, dass du zurückgekehrt bist. Wenn du etwas benötigst, ich stehe zu deinen Diensten.«

»Ich auch«, sagte der Dritte im Bunde. Er bemühte sich, Suvaïdar in der Hochsprache willkommen zu heißen, aber seine Kameraden unterbrachen ihn und machten sich über seine Aussprache lustig. Die Asix verstanden die Hochsprache, konnten sie aber nicht sprechen, weil es sich um eine tonale Sprache handelte. Das war der Grund, weshalb sie die vereinfachte Form sprachen, das Gorin.

»Zufällig haben wir gehört«, fügte der Asix mit tiefer Stimme hinzu, »dass sie dich bitten wollen, in den Rat einzutreten.«

»Zufällig? Ihr hört immer alles, aber ganz bestimmt nicht zufällig!«

Oda stieg ins Becken und wurde sehr viel warmherziger als Suvaïdar empfangen, zumindest in den Grenzen, in denen ein Shiro fähig war, so etwas wie Wärme auszudrücken. In den Bädern fühlten sich alle frei; hier regierte nicht die erdrückende Etikette, die Odavaïdar im gesamten Haus einforderte.

Oda musste von seinen Abenteuern in Neudachren erzählen und auf alle möglichen Fragen über die Außenwelt Rede und Antwort stehen. Ganz schnell fand er sich inmitten einer Gruppe wieder, die ihm aufmerksam zuhörte. Er fühlte sich wohl; so hatte Suvaïdar ihn noch nie gesehen. Sie beschloss, ihn seine alten Gewohnheiten wieder aufnehmen zu lassen, die er zweifellos in den letzten beiden Jahren sehnsüchtig vermisst hatte.

Suvaïdar stand auf, um aus dem Becken zu steigen, als einer der Jungen, der gerade erst die Volljährigkeitsprüfungen bestanden haben konnte, sich umdrehte, sie betrachtete und ironisch mit lauter Stimme sagte:

»Das ist die halbe Asix. Die Sitabeh haben sie von ihrem Planeten geschasst!«

Selbst in der entspannten Atmosphäre der Bäder war dies eine schwere Beleidigung, und Suvaïdar konnte nicht einfach gehen und so tun, als hätte sie diese Worte nicht gehört. Wenn sie auf diese Kampfansage nicht reagierte, würde sie jegliche Achtung im Hause des Clans verlieren und sich in einer sehr unangenehmen Situation wiederfinden. Gut, sie müsste sicher schmerzhaftere Schläge einstecken als die, welche Oda und die Mitglieder der Besatzung ihr auf dem Raumschiff zugefügt hatten. Aber es lag auf der Hand, dass sie sich dem nicht würde entziehen können. Ihr war bewusst, dass so etwas früher oder später hatte geschehen müssen, aber sie war verärgert, ihre Rückkehr nach Ta-Shima mit einem Duell eröffnen zu müssen. Selbstverständlich würde sie selbst die Waffen wählen, denn sie wollte aus ihrem ersten Tag im Hause des Clans nicht den letzten Tag ihres Lebens machen.

Als sie sich umdrehte, um den Blick des Jugendlichen zu suchen, der sie beleidigt hatte, sah sie, wie sich eine Hand Odas schwer auf dessen Schulter legte.

»Dein Name?”

»Gutari, Shiro Adaï.«

»Also gut, Gutari. Eines der vielen Dinge, die mir in der Außenwelt besonders gefehlt hat, war der Fechtsaal des Clans. Nach dem Bad wirst du mich dorthin begleiten, denn ich möchte mit dir gemeinsam üben.«

»Ja, Shiro Adaï, wie du möchtest. Ist es erlaubt, eine Frage zu stellen?«

Während der junge Mann sprach, verwendete er die protokollarische Form. Der Tonfall Odas, der in der Hochsprache gesprochen hatte, hatte der herzlichen Atmosphäre, die bis dahin geherrscht hatte, ein jähes Ende bereitet.

»Ja, du darfst.«

»Habe ich etwas gesagt oder getan, womit ich dich beleidigt hätte?«

»Nein, ganz sicher nicht. Muss man beleidigt worden sein, wenn man sich im Fechten üben will? Mit O Hedaï«, er wies mit dem Kopf in Suvaïdars Richtung, »habe ich jeden Tag trainiert, und ich habe mir niemals erlaubt, sie zu beleidigen, weil ich ihr den größten Respekt entgegenbringe.«

Oda stieg aus dem Wasser und trocknete sich sorgfältig ab. Sein Gesicht zeigte einen zufriedenen Ausdruck.

»Cohey Adaï, kleiner Bruder«, raunte Suvaïdar ihm zu, »lass das, das ist keine formelle Beleidigung. Die Beleidigung war an meine Adresse gerichtet. Lass mich die Sache selbst in die Hand nehmen. Ich werde eine unangenehme halbe Stunde zubringen müssen, das ist klar, aber wir wussten doch beide, dass so etwas eines Tages passiert. Wenn es erst einmal die Runde gemacht hat, dass ich im Fechtsaal nichts tauge, wird mich niemand mehr provozieren, weil es unehrenhaft ist, sich mit jemandem zu duellieren, der ein so niedriges Niveau wie ich hat. Und wenn du mich weiterhin verteidigst, kannst du dich nicht in deinen Clan integrieren.«

Oda drehte den anderen den Rücken zu und schenkte ihr eines seiner seltenen Lächeln.

»Aber ich möchte, dass man weiß, dass jeder, der dir nicht den gebührenden Respekt entgegenbringt, sich mit mir zusammen im Fechtsaal wiederfindet«, sagte er und wandte sich wieder dem Jungen zu. »Jetzt?«

»Wenn du es für opportun erachtest, Herr.«

»Dann also jetzt.«

Er wartete, bis der Junge und seine Kameraden sich angekleidet hatten; dann ging er mit ihnen in den Fechtsaal des Clans, gefolgt von Suvaïdar und einigen Asix, die den Wortwechsel zwischen den beiden mitbekommen hatten. Es kam selten vor, dass Asix bei den Duellen assistierten: Ihre friedliche Natur verabscheute Blutvergießen. Doch dieser Fall lag anders. Schließlich war es Suvaïdar gewesen, eine Shiro-Dame, die beleidigt worden war. Und in den Asix-Hütten – unerreichbar für die Ohren der Saz Adaï und ihres Beraters – munkelte man, dass einer von ihnen, ein Asix, der Grund dafür gewesen sei, dass Suvaïdar Ta-Shima verlassen musste.

»Ihr, die Shiro, ihr würdet euch den Tod zum Liebhaber nehmen«, sagte traurig eine junge Asix. »Gutari hätte auf keinen Fall so reden dürfen, das stimmt, aber er wollte doch nur geistreich sein und andere beeindrucken, Oda Adaï. Ich bitte dich, tu ihm nichts.«

»Wir werden nur gemeinsam trainieren, kleine Asix«, antwortete er sanft. »Ist er dein Freund? Du weißt, er würde dich nicht wiedererkennen, könnte er hören, wie du ihn verteidigst.«

»Meine Mutter ist seine Pflegemutter, er ist mein Milchbruder.«

»Mach dir keine Sorgen. Es wäre keine Ehre für mich, einen Jungen, der noch nicht erwachsen ist, ernsthaft zu verletzen. Aber er sollte lernen, sich zu beherrschen, und er muss wissen, wann es besser ist, zu schweigen.«

Sie erreichten den Fechtsaal. Eine Gruppe Jugendlicher mit noch langem Haar trainierte den Handkampf. Als sie sahen, dass Erwachsene den Raum betraten, unterbrachen sie sofort ihr Training, grüßten respektvoll und machten Platz für die Ankömmlinge.

Oda bereitete sich schweigend vor. Ehe er sein Gesicht schützte, fragte er den Jungen, in welchem Stil er kämpfen wolle.

»Die beiden Klingen.«

Die Antwort war gut überlegt: Das war nicht der schwierigste Stil. Bei einem Fechter, der bereits einen höheren Grad innehatte, hätte ein anderer Stil anmaßend gewirkt, und Oda hätte dies als Beleidigung auffassen können. Das galt aber nicht für einen Anfänger.

»Möchtest du die Blutklingen?«, fragte der Junge.

Die Blutklingen – die Kampfwaffen aus gehärtetem Stahl. Nur selten blieben die Gegner bei einem Kampf mit diesen Waffen unverletzt. Aber selbst wenn Gutari sich fürchtete, zeigte er seine Angst nicht.

Mit einem entschiedenen Kopfschütteln verneinte Oda. Man konnte die erleichterten Seufzer der Asix hören. Der Kampf würde also nicht tödlich enden; sie konnten sich entspannt hinsetzen und zuschauen.

Gutari ging zu der Wand, an der die Übungswaffen standen, und ergriff ein Schwert und ein Holzmesser. Dann drehte er sich zu Oda um, um dessen Wahl abzuwarten. Doch dieser ging zur gegenüberliegenden Wand. In einer Ecke lehnte die Reitpeitsche des Meisters. Sie bestand aus drei zusammengebundenen Binsen und diente normalerweise dazu, auf das Bein oder den Arm eines Übenden zu schlagen, wenn er eine falsche Haltung einnahm. Manchmal versetzte der Meister damit auch einen strafenden Schlag. Waden und Rücken der kleinen Shiro trugen oft solche Striemen.

Oda nahm die Peitsche, wog sie in der Hand und sagte:

»Ich bin bereit. Wer von den Anwesenden hat den höchsten Grad?«

Es stellte sich heraus, dass es ein Asix war. Er würde die Aufgabe des Kampfrichters übernehmen. Falls er Odas Entscheidung merkwürdig fand, zeigte er es nicht. Er ergriff einen Übungssäbel und grüßte die beiden Shiro mit einer Verbeugung. Sie erwiderten den Gruß auf dieselbe Weise. Dann wandten sie sich voneinander ab und warteten auf das rituelle »Los!«, um den Kampf zu beginnen.

Gutari drehte sich um seinen Gegner, nach einer Eröffnung suchend, doch Oda blieb nahezu bewegungslos und begnügte sich damit, sich um sich selbst zu drehen, um ihm die Stirn zu bieten. Zwar bedeckte die Maske Odas Gesicht, aber Suvaïdar kannte ihn gut genug, um am Ausdruck seiner Augen zu erkennen, dass er sich köstlich amüsierte.

Gutari riskierte einen Stoß in Richtung Brustkorb. Oda wehrte mit einer kaum merklichen Bewegung ab, wobei er sein Gewicht auf das hintere Bein verlagerte und sich gleichzeitig einen Millimeter nach vorn bewegte. Ohne die Bewegung zu unterbrechen, drosch er die Reitpeitsche quer über Gutaris Gesicht. Die Bewegung war so schnell gewesen, dass der Junge einen leisen Schrei der Überraschung nicht unterdrücken konnte. Sofort schlug Oda noch einmal zu und zeichnete Gutari blitzschnell ein X aufs Gesicht. Ein paar Tropfen Blut sickerten durch die dicke Baumwollmaske des Jungen.

Oda trat einen Schritt zurück.

»Ich bin zufriedengestellt«, rief er aus. »Das war ein schönes Training, danke.«

Gutari wollte sich seinerseits bedanken, aber mit seinen verletzten Lippen brachte er keinen Ton heraus. Also begnügte er sich damit, sich tief zu verbeugen. Der Kampf hatte nicht einmal eine Minute gedauert. Der Kampfrichter erlaubte Gutaris Freunden, ihm die Gesichtsmaske abzunehmen. Er war quer über die Lippen getroffen worden und würde ein paar Tage nicht sprechen können, weil er den Mund nicht aufbekam. Doch so schlimm, dass er ins Lebenshaus der Jestaks gemusst hätte, war es nicht.

Suvaïdar nahm alles Nötige aus dem Erste-Hilfe-Schrank und desinfizierte die Wunden, von denen eine sehr tief war. Die Oberlippe war zur Hälfte aufgerissen.

»Ich muss die Wunde schließen, sonst verheilt sie schlecht, und du könntest womöglich gar nicht mehr sprechen«, sagte sie zu dem Jungen. »Warte einen Moment, ich schicke jemanden zur Krankenstation, um organische Gelatine zu holen.«

Gutari stammelte: »Nadel und Faden, Shiro Adaï.«

Suvaïdar kniff die Lippen zusammen. Doch als alle Anwesenden zustimmten, fand sie sich damit ab, ohne Narkosemittel nähen zu müssen. Ihr Patient blieb während der Operation völlig unbeweglich.

Oda lächelte ihm aufmunternd zu und wartete, bis die Nöte des jungen Mannes endlich vorbei waren. Dann grüßte er höflich alle Anwesenden und verließ den Fechtsaal, gefolgt von seiner Schwester.

»Gut«, sagte er, als sie gemeinsam zu ihren Zimmern gingen. »Wenn die Saz-Adaï nicht möchte, dass man über uns spricht, muss sie sich schon die Ohren zustopfen.«

Suvaïdar war überzeugt, dass diese Episode die Kälte der Clanmitglieder ihr gegenüber noch verstärken würde, aber wie sich zeigte, war das nicht der Fall. Oda war nicht nur ein glänzender Fechter, er war ein lebendes Beispiel für die Tugenden und Fehler eines Shiro, und die Tatsache, dass sie seine Freundschaft genoss, hatte zur Folge, dass sie in den Augen der anderen mit einem Mal eine höhere Achtung verdiente. Am Tisch traf sie nicht mehr auf das unwirtliche Schweigen, mit dem sie gerechnet und worauf sie sich innerlich vorbereitet hatte. Auch die sarkastischen Bemerkungen, die sie als Beleidigungen hätte auffassen müssen, blieben von nun an aus. Stattdessen stellte man ihr nun Fragen über die Außenwelt. Es waren Fragen, die ein unglaubliches Nicht-Wissen über das Leben auf den siebenundzwanzig Föderierten Planeten dokumentierten. Obwohl die Menschen aus der Außenwelt Ta-Shima schon seit vielen Jahren besuchten, hatten nur die Asix Kontakt mit ihnen. Die Shiro waren viel zu stolz, um mit den Fremden Bekanntschaft zu schließen.

Jedenfalls saß Suvaïdar von nun an mit den anderen Mitgliedern des Clans am Tisch, ohne sich fremd vorzukommen. Stattdessen fühlte sie sich von der Gruppe akzeptiert.

Das habe ich Oda zu verdanken, dachte sie und betrachtete liebevoll das ernste Gesicht ihres Bruders.

Sie bedauerte nur, dass die Huangs solche Traditionalisten waren. In anderen Clans waren die Beziehungen untereinander weniger förmlich. Die Jestaks etwa besuchten regelmäßig ihre Kinder, und die Außenweltler erzogen ihre Kinder sogar selbst. Gewiss, es war eine sinnlose Verschwendung von Zeit und Kraft, sich mehrere Jahre ausschließlich darum zu kümmern, dass die kleinen Frechdachse gut aufwachsen. Aber es musste sehr schön sein, seine Brüder und Schwestern bereits in der Kindheit zu kennen und mit ihnen zusammen zu sein.