25

Wie Tarr es ihr vor vielen Jahren bereits gesagt hatte, war Gorival ein sehr angenehmer Ort. Suvaïdar hatte das Gefühl, auf einem anderen Planeten zu sein, denn auf dem ihren kannte sie nur Gaia, Niasau, den Dschungel und das Tal, wo sie damals die wundervolle Nacht der drei Monde erlebt hatte.

Nachdem sie die Flaschen mit den Blutproben dem örtlichen Haus des Lebens anvertraut hatte, verbrachte sie drei Tage damit, durch die Stadt zu gehen und die Luft zu atmen, die prickelte wie der Weißwein von den Hügeln. Sie bewunderte die tiefen Felsschluchten und die gezackten Berggipfel. Man konnte sie von überall in der Stadt sehen; man musste dazu nur den Blick heben.

Im nördlichen Viertel der Stadt war die Landschaft überwältigend. Das Tal von Gor, in das Gorival sich schmiegte, wurde von einer Felsschlucht begrenzt. Sie ließ nur Platz für einen ungestümen Gebirgsbach und zwei enge Reihen von Gebäuden im Schatten der Felswände. Auf der östlichen Seite waren diese Wände steil; die im Westen dagegen waren in sich zusammengesunken und hatten große, erratische Blöcke gebildet, die von kleinen, abschüssigen Wiesen unterbrochen wurden. Suvaïdar hatte noch nie Gelegenheit gehabt, ein Gebirge aus der Nähe zu betrachten, denn Wahie war ein vollkommen ebener Planet. Und als sie mit Tarr zusammen gewesen war, hatte sie praktisch nur das Innere eines Landhauses gesehen.

Neugierig und fasziniert zugleich machte sie sich, die Nase in die Luft gestreckt, auf die Suche nach dem kleinen Stück Himmel, der zwischen den abschüssigen Felsen sichtbar blieb. Sie achtete nicht darauf, wohin sie ihre Schritte setzte, bis sie unvermittelt gegen einen Shiro prallte. Der junge Mann machte einen Sprung zurück und stieß einen Schrei aus, die Hand am Messergriff.

»Kannst du nicht gucken, wohin du gehst?«, fragte er gereizt.

»Das könnte ich zu dir genauso gut sagen«, antwortete Suvaïdar schlecht gelaunt. Dann dachte sie daran, dass die Fäden in ihrem Gesicht sich erst vor einem Monat aufgelöst hatten. Wenn sie weiter so unhöflich blieb, hatte sie gute Chancen, bald wieder neue Wunden vernäht zu bekommen.

»Bur to Sevastak«, stellte der Mann sich ungelenk vor.

»Huang to Narufeni.«

»Du kommst nicht aus Gorival.«

»Ich komme aus Gaia«, antwortete sie, »ich bin vor kurzem angekommen und konnte nicht umhin, mir sofort das Gebirge anzusehen. Es ist so faszinierend, dass ich dich übersehen habe.«

Das war alles, was sie sagen konnte, denn hätte sie sich weiter entschuldigt, hätte sie sich todsicher im Fechtsaal wiedergefunden.

Der Shiro ließ den Griff seines Messers los und trat einen halben Schritt zurück. Dabei schaute er Suvaïdar nachdenklich an. Er war ein hübscher Mann mit großen Augen und dichten Wimpern, und seine vollen Lippen ließen ihn fast ein bisschen feminin wirken. Sein ausgeprägtes Kinn jedoch hatte nichts Unmännliches.

»Bist du die Ärztin Huang?«

»Woher weißt du das?«

»Gorival ist kleiner als Gaia. Nichts bleibt hier länger als eine halbe Stunde ein Geheimnis. Die Asix deines Hauses haben bereits der Hälfte der Bevölkerung von deiner Ankunft erzählt.«

Er zögerte einen Moment, dann fragte er förmlich in der Hochsprache:

»Shiro Adaï, ist es erlaubt, eine Bitte zu äußern?«

»Es ist erlaubt«, antwortete sie.

Er warf ihr einen schrägen Blick zu; dann verließ er die Straße und ging am Ufer des Gebirgsbaches entlang. Suvaïdar folgte ihm. Der junge Mann musste sich hier sehr gut auskennen, denn an der Ecke eines Gebäudes drehte er sich um und führte sie zu einem abgerundeten Felsblock, auf dem zwei Personen bequem Platz fanden. Hier war der Blick frei auf den Felsen, der zu ihren Füßen eine Reihe großer Becken bildete, in denen das Wasser durch Dämme aus Kies gestaut wurde.

Suvaïdar setzte sich in die Ecke, den Rücken gegen die graue Wand gelehnt. Der Mann kauerte sich neben sie und schlug die Beine übereinander.

»Ich bin Evin Bur, der Bruder derselben Mutter von Eronoda, die Saz Adaï des Clans war, bevor sie Minenarbeiterin in Nova Estia wurde.«

Suvaïdar schaute ihn fragend an und wartete, dass er fortfuhr.

»Ich weiß, dass Fior Sadaï dir die Ehre erweist, dich hin und wieder zu empfangen, deshalb möchte ich dich bitten ...« Er hielt inne, offensichtlich verlegen; dann fuhr er fort: »Es war die vorherige Sadaï, die Eronoda verurteilt hat, und ich frage mich, ob man ihre Strafe jetzt ein wenig verkürzen könnte.«

Er musste sehr an seiner Schwester hängen, wenn er sich zu solch einer Bitte herabließ. Aber warum musste er ausgerechnet sie, Suvaïdar, fragen?

»Sie hat einen Befehl missachtet und das Überleben ihres Clans gefährdet, weil sie versucht hat, den Außenweltlern die Lebensmittel zu verkaufen, die sie zum Überstehen der Trockenzeit gebraucht hätten«, sagte Suvaïdar. »Wie stellst du dir das mit der Strafreduzierung vor?«

»Es ist übertrieben zu sagen, dass sie ihren Clan in Gefahr gebracht hätte, meine Dame. Wir haben Vorräte für hundertzwanzig Tage, und so lange dauert der Sommer nie.«

»Fast nie, Shiro Adaï, da muss ich dir leider widersprechen. Das ist keine Beleidigung, bitte glaub mir, aber ich war dabei, als deine Schwester verurteilt wurde. Und Tsune Sadaï hat in den Archiven Nachforschungen angestellt. Es kommt sehr selten vor, dass die Ostwinde unpünktlich sind, doch im Verlauf unserer Geschichte haben sie sich achtzehn Mal ein wenig verspätet, und dreimal kamen sie sehr viel später, sodass es zu wenig Nahrung gegeben hat, um alle satt zu bekommen. Was übrig war, bekamen die Jungen. Die Alten wählten das Shiro-Privileg, ohne dass man sie nach ihrer Meinung gefragt hätte. Das betraf übrigens nur die Shiro.«

»Man hat ihr zur Strafe die Leitung des Clans entzogen, und das war richtig, aber die Arbeit in den Minen! Und dann so viele Jahre! Als hätte sie ein Blutverbrechen begangen!«

»Und was sagst du zu dem Mord an Haridar, Micha’l und Sorivas Huang, meine Brüder von derselben Mutter? Zählen sie etwa nicht?«, zischte Suvaïdar, empört über die Unverschämtheit des jungen Mannes.

Evin Bur war verblüfft. »Ich habe gehört, das ein Shiro in ihren Tod verwickelt war und auch in die Jagd, die die Sitabeh auf ihrem Planeten auf dich gemacht haben, aber ich kann dir versichern, dass Eronoda nicht daran beteiligt war – und auch kein anderes Mitglied unseres Clans.«

Suvaïdar blickte ihn an, wie vor den Kopf geschlagen. Ihre erste, selbstmörderische Reaktion war, ihn der Lüge zu bezichtigen. Doch es gelang ihr, sich zusammenzureißen und nachzudenken, die Lippen aufeinandergepresst. Wenn es wahr wäre, was dieser junge Mann sagte ... Darüber hinaus schien er von der Anklage ehrlich überrascht zu sein. Wenn er und seine Schwester das Geld der Sitabeh angenommen hätten, um sie, Oda, Wang und Sorivas zu verraten, hätte er sich mit seiner Bitte bestimmt nicht an sie, Suvaïdar, gewandt.

»Ich erlaube mir nicht, dein Wort in Zweifel zu ziehen, Herr Shiro«, antwortete sie schließlich besonnen, »aber wenn du selbst nicht beteiligt warst, wie kannst du dann für diejenigen dein Wort geben, die damals deinen Clan angeführt haben?«

»Als uns die Nachricht erreichte, waren wir zusammen – Eronoda, Salman, der vor ein paar Monaten im Duell sein Leben ließ, und ich. Wir waren immer zusammen, schon seit wir klein waren. Man hat uns bei derselben Pflegemutter aufwachsen lassen, und wir waren auch bei der Volljährigkeitsprüfung in einer Gruppe.«

Er sprach mit ausdrucksloser Stimme, doch Suvaïdar glaubte, in seinen Worten ein Echo ihres eigenen Schmerzes über den Tod Saïdas zu hören, und fühlte sich ihm gegenüber besser.

»Wir haben uns gefragt, wer die beiden jungen Huangs waren, die sich bei der Sadaï befanden. Ein paar Tage später hat mir ein Asix-Mädchen aus dem Huang-Clan, mit dem ich die Nacht verbrachte, gesagt, dass es die beiden Söhne Haridars gewesen seien. Ich weiß, du bist überzeugt, dass jemand eure Namen den Außenweltlern gegeben hat, um ihnen zu helfen, euch zu finden, doch ich kann dir garantieren: Wenn das jemand getan hat, war es ein anderer. Wir waren nicht einmal auf dem Laufenden.«

Als er sah, dass seine Gesprächspartnerin erschüttert war, nutzte er seinen Vorteil, um nachzuhaken: »Weshalb auch hätte sie das tun sollen? Für Geld vielleicht? Aber wie könnten die Fremden auf die Idee gekommen sein, uns Geld zu geben, damit wir euch suchen, wo sie doch nichts von eurer Existenz wussten? Und dass sie vorhatten, Haridar zu eliminieren, lässt sich vielleicht noch nachvollziehen – aber welches Interesse sollen sie an euch gehabt haben? Auf jeden Fall will ich noch einmal ausdrücklich sagen: Ich habe oft mit der O Hedaï gesprochen, und sie hätte mich niemals angelogen. Ich wiederhole: Wenn ein Ta-Shimoda mit den Sitabeh Geschäfte gemacht hat, ohne dass es dabei um Daïbanfasern oder Lebensmittel ging, war es niemand aus dem Bur-Clan.«

»Bist du dir auch bei Salman sicher?«

»Ganz eindeutig«, antwortete der junge Mann und sah dabei sehr ernst aus. »Salman war dumm genug, einem Händler, mit dem wir seit Jahren Geschäfte gemacht hatten, den Saft aus der Daïbanblume anzubieten. Diesen Fehler hat er teuer bezahlt. Was man auch über ihn sagt, ich weiß sehr gut, dass deshalb drei Schüler dieses grauenhaften Asix-Meisters ihn der Reihe nach zum Duell gefordert haben. Aber dass er einen von uns an die Fremden verkaufen würde ...«

Er verstummte und schüttelte den Kopf.

Suvaïdar war beinahe geneigt, ihm zu glauben, als sie bemerkte, dass seine Miene plötzlich einen grimmigen Ausdruck angenommen hatte. Er schaute sie mit weit aufgerissenen Augen an, als wäre er verrückt geworden, und warf sich auf sie, wobei er einen rauen Schrei ausstieß. Mit aller Kraft schlug er auf sie ein. Es war so überraschend geschehen, dass Suvaïdar nicht reagieren konnte und von dem Felsen, auf dem sie gesessen hatten, in das eiskalte Wasser eines der Becken fiel, die der Bach weiter unten bildete.

Die Eiseskälte nahm ihr den Atem. Es dauerte etliche Sekunden, bis sie sich wieder gefangen hatte und mit zwei kräftigen Schwimmstößen zum Ufer gelangte. War dieser Bur-Junge verrückt geworden? Hatte er geglaubt, sich auf diese Weise mit ihr messen zu können?

Suvaïdar kletterte schnell ans Ufer und bereitete sich darauf vor, den jungen Burschen zu verfolgen. An dieser Stelle war das Tal so schmal, dass es nur einen einzigen Weg am Bach entlang gab. Dieser Verrückte konnte nur eine der beiden Richtungen eingeschlagen haben; sie würde ihn ganz bestimmt sehen.

Doch Suvaïdar musste nicht weit laufen. Evin Bur lag auf dem Felsen, auf dem sie gesessen hatten. Seine Stirn war von einem Gesteinsbrocken zerschmettert, der sich offenbar an der Bergflanke gelöst hatte. Suvaïdar konnte erkennen, dass der Stein sie getroffen hätte, hätte der unverhoffte Fausthieb sie nicht ins Wasser befördert.

Sie untersuchte Evin rasch, aber sie konnte nichts mehr für ihn tun. Aus der Wunde sickerte nicht nur Blut, sondern auch Hirnmasse. Suvaïdar betrachtete den Toten fassungslos, denn ihr war klar, dass hier etwas nicht stimmte. Als sie den Blick hob, sah sie, dass in halber Höhe der Felswand ein graues Steingebäude stand. Ein Felsbrocken aus der Bergflanke wäre von dem Gebäude aufgehalten worden und hätte Evin niemals treffen können. Woher war der Stein dann gekommen?

Sie schaute sich die Wunde noch einmal an und bemerkte etwas, was ihr von Anfang an verräterisch hätte erscheinen müssen: Wäre ein Wurfgeschoss von oben gekommen, vom Berg, hätte es ihn oben auf dem Kopf getroffen und nicht an der Stirn. Denn als es passiert war, hatte Evin nicht ausgestreckt dagelegen, sondern mit geradem Rücken auf dem Felsen gesessen.

Das war Mord!, sagte sie sich ungläubig. Das ist doch nicht möglich!

Das Rauschen des Baches verschluckte alle anderen Geräusche. Wer immer den Stein geworfen hatte, musste sofort danach geflohen sein. Oder war er vielleicht noch da, versteckt hinter einem Felsvorsprung oder einem Fenster, um festzustellen, ob sein Anschlag erfolgreich gewesen war? Und wenn es so war – was würde ihr, Suvaïdar, als einziger Zeugin passieren?

Von einem Moment auf den anderen hatte Suvaïdar ihre Entscheidung getroffen. Sie sprang ins Wasser, um ein zweites Eisbad zu nehmen. Dabei hielt sie sich so nah wie möglich an der Felsmauer auf, die sie vor Blicken schützte. Sie erreichte die Dämme aus Kies, die das Becken umschlossen, stieg darüber hinweg und sprang. Der Höhenunterschied betrug nur ein paar Meter, doch es war der letzte Damm; von dort fiel der Gebirgsbach kaskadenartig in die Tiefe, bevor er sich in eine Stromschnelle verwandelte.

Die Gewalt, mit der das Wasser herabstürzte, ließ Suvaïdar das Gleichgewicht verlieren. Der Strom erfasste sie und machte es ihr unmöglich, sich aufrecht zu halten oder zu schwimmen. Ihr Kopf stieß heftig gegen die Felsen. Bald wusste sie nicht mehr, wo oben und unten war und konnte kaum noch atmen. Sie ließ sich vom Wasser mitreißen; etwas anderes hätte sie auch gar nicht tun können. Jedes Mal, wenn die Launenhaftigkeit des Gor sie an die Oberfläche trug, atmete sie gierig und in tiefen Zügen ein. Dabei versuchte sie, sich mit den Armen zu schützen.

Wenn jemand mich gesehen hat, schoss es ihr durch den Kopf, wird er mich für irgendein Kleidungsstück halten, das ins Wasser gefallen ist, oder für den Leichnam eines Shiro – wenn es denn die Leiche eines Shiro ist, auf die der Mörder wartet.

Glücklicherweise war der Nachmittag bereits weit fortgeschritten, und das schmale Bett des Gebirgsbachs wurde nur schwach beleuchtet. Ein Shiro hätte sie nicht sehen können. Blieb nur noch zu hoffen, dass nicht irgendein Asix sie bemerkte und zu ihrer Rettung ins Wasser sprang. Eine Zeitspanne, die ihr unendlich vorkam, ließ Suvaïdar sich vom Wasser tragen. Dabei hoffte sie inständig, nicht auf einen Wasserfall oder eine Stromschnelle zu treffen. Nachdem sie die letzten Vororte Gorivals hinter sich gelassen hatte, begann sie zu schwimmen, um dem Fluss zu entkommen und aus dem Wasser steigen zu können.

Beim ersten Versuch gelang es ihr nur, sich auf einem Felsen zwei Fingernägel abzubrechen, bevor der ungestüme Strom sie von Neuem erfasste und auf die Kiessteine einer Stromschnelle schlingern ließ – eine schmerzhafte Erfahrung. Das kalte Wasser, das von der Gletscherschmelze stammte, hatte ihre Glieder gefühllos gemacht, sodass sie ihre schmerzenden Wunden nicht spüren konnte. Allerdings bedeutete das auch, dass sie sich nicht mehr bewegen, geschweige denn schwimmen konnte.

Schließlich gelang es ihr, sich an einem großen Ast festzuhalten, der dicht über dem Wasser hing, und sich vorsichtig daran entlangzuziehen, eine Hand nach der anderen. Sie schaffte es tatsächlich, dem Strom zu entkommen und Fuß zu fassen. Als das Wasser ihr bis zum Bauch reichte, watete sie langsam in Richtung Ufer, bis es endlich vor ihr erschien.

Suvaïdar ließ den Ast los, schleppte sich mühsam ein paar Schritte voran und ließ sich auf den Bauch fallen, ausgebrannt, verfroren, mit blauen Flecken und Abschürfungen bedeckt und von Entsetzen erfüllt.

Noch vor ein paar Tagen dachte ich, dass eine Reise so ganz allein auf unserem Planeten ungefährlich sei, sagte sie sich voller Verbitterung. Wie unglaublich dumm man doch sein kann. In Wirklichkeit habe ich trotz meiner rebellischen Veranlagung immer an das Sh’ro-enlei geglaubt. Es hätte jedem, der einen Groll gegen Evin Bur hegte, auferlegt, ihn vor Zeugen zu einem Duell zu fordern.

Was musste das für ein Mann sein, dass er es lieber riskierte, sterilisiert oder in die Minen von Nova Estia geschickt zu werden, statt seine Gegner in einer Akademie zu treffen, wie alle zivilisierten Menschen es taten?

Nur mit Mühe hielt Suvaïdar sich aufrecht. Sie entdeckte, dass der sonst so angenehm frische Zephyr, der im Gebirge wehte, auf einer vom eiskalten Wasser durchweichten Haut wie Feuer brennen konnte. Zudem waren die Nächte in mehr als zweitausend Metern Höhe sehr kalt.

Suvaïdar fühlte sich müde und erschöpft, und in ihrem Kopf wirbelten die Gedanken. Einen Moment war sie geneigt, sich hinzulegen, um auszuruhen und den Morgen abzuwarten, doch ihr war klar, dass das keine gute Idee war. Es wäre der Gipfel der Ironie, wenn sie auf einem so heißen Planeten wie Ta-Shima an Unterkühlung sterben würde.

Sie fühlte sich zu schlecht, um dem roten Faden ihrer Gedanken noch folgen zu können. Es gab jetzt nur eine Sache, die wichtig war: Sie musste sich bewegen, um die Wärme des Körpers zu bewahren. In der Dunkelheit riss sie die Augen auf und versuchte, den Weg zu finden, der am Gor entlang führte, wenn sie sich recht erinnerte. Nach ein paar Minuten panischen Umherirrens zwischen glitzerndem Kies und Wasserlachen in stockdunkler Nacht fand sie es schließlich: ein dunkelgraues Band, glatt, kaum sichtbar in der dichten Finsternis. Sie atmete tief ein und lief los.

Die ganze Nacht hindurch legte sie eiserne Disziplin an den Tag. Sie rief sich die Vorbereitungen auf die Volljährigkeitsprüfungen in Erinnerung und wechselte immer wieder zwischen Laufen und Gehen: fünfhundert Schritte laufen, fünfhundert Schritte gehen. Während sie lief, wiederholte sie, um den Rhythmus zu halten, mit leiser Stimme die Leitsprüche der Akademie, einen archaischen und kaum verständlichen Text in der Hochsprache:

Respekt vor dem Meister, dem Trainingspartnern und dem Fechtsaal, das ist das Wichtigste ... Schmerz und die Angst zu besiegen heißt, seine menschlichen Eigenschaften zu verbessern, das ist das Wichtigste ... Wer mit Ausdauer trainiert, kann seine körperlichen Grenzen überschreiten, das ist das Wichtigste ...

Als sie noch klein gewesen war, hatte sie Doran Huang gefragt, warum jedes Mal der Satz »das ist das Wichtigste« wiederholt wurde. Müsste es nicht heißen »das ist das Zweitwichtigste, das Drittwichtigste und so weiter«? Doran hatte sie für ihre Unverschämtheit nicht bestraft; stattdessen hatte sie zu Suvaïdar gesagt, sie solle nachdenken und die Lösung selbst herausfinden. Zu Beginn jeder Trainingsstunde hatte sie das Mädchen gefragt, ob sie die Lösung bereits gefunden hätte. Jedes Mal, wenn Suvaïdar mit Nein antwortete, befahl Doran ihr und allen anderen, zusätzlich hundert Übungen für die Bauchmuskulatur zu machen.

Die ganze Klasse begann fieberhaft über die Bedeutung der Leitsprüche nachzudenken, die sie alle bis dahin wie eine Litanei auswendig wiederholt hatten, bis schließlich einer von ihnen die Lösung fand. Und das nächste Mal konnte Lara stolz verkünden:

»Das bedeutet, dass alle Leitsprüche denselben Wert haben und gleichermaßen von Bedeutung sind.«

»Bist du ganz allein darauf gekommen?«

»Nein, Meisterin, wir alle haben jeden Tag darüber gesprochen, und nach und nach ist uns die Antwort klargeworden. Doch es war Ares, die die richtige Formulierung gefunden hat«, hatte Suvaïdar geantwortet und auf ein kleines Asix-Mädchen gewiesen.

Doran Huang stimmte zufrieden zu.

»Was lernt ihr daraus?«

»Niemals Fragen zu stellen«, hatte das zuerst gefragte Kind zögernd geantwortet. Irgendjemand hatte gelacht, doch die Meisterin hatte die Augenbrauen hochgezogen, und sofort herrschte wieder absolute Ruhe im Fechtsaal.

»Genau so ist es. Man soll Erwachsenen keine Fragen stellen, sondern versuchen, selbst die Lösung zu finden. Doch ich spiele auf etwas ganz Bestimmtes an.«

»Wir haben alle zusammen die Lösung gefunden, allein hat es keiner von uns geschafft«, hatte ein kleines Mädchen, das kaum sechs Trockenzeiten alt war, gemurmelt.

»Genau. Deshalb leben wir in Clans zusammen. Niemand könnte auf Ta-Shima allein überleben.«

Doran hatte die Trainingsstunde gerade wieder aufgenommen, als sich plötzlich ein kleiner Asix zu Wort meldete.

»Man hat noch etwas daraus gelernt.«

»Und was?«, hatte Doran gefragt.

»Dass es nicht wahr ist, dass die Asix weniger intelligent sind als die Shiro«, hatte der Kleine gesagt, erschrocken über seinen eigenen Mut.

Doran hatte ihn einen Moment lang schweigend gemustert, während sich alle anderen gefragt hatten, was in den Jungen gefahren sein mochte, dass er sich derart dreist einmischte. Doch die alte Meisterin hatte sich damit begnügt, dem Jungen mit einem Handzeichen zuzustimmen, und hatte die Stunde dann fortgeführt.

Suvaïdar skandierte die fünf Leitsprüche, einen nach der anderen und dann wieder von vorn, um sich beim Laufen anzutreiben. Nachdem sie die Sprüche mehrmals wiederholt hatte, ging sie zu den sieben Regeln und danach zu den neun Prinzipien über. Allmählich fiel die Angst von ihr ab, und ihre Schritte wurde gleichmäßiger. Allerdings wagte sie es nicht, einen Blick nach hinten zu werfen, um die Dunkelheit zu erkunden.

Die Straße querte Felder und Obstwiesen. Mittendrin erspähte Suvaïdar eine obskure, ungleichförmige Masse. Es war mehr eine Ahnung, als dass sie wirklich etwas hätte sehen können. Es konnten die Viehställe eines Bauernhofs sein. Doch Suvaïdar blieb nicht stehen – auch dann nicht, als sie ein zitterndes Licht an einem der Fenster bemerkte. Sie wusste, dass nicht weit von hier das Landwirtschaftszentrum zu finden war, wo Rin und Mauro arbeiteten; deshalb setzte sie ihren Weg fort.

Während sie lief, wurden weiterhin die Bilder von dem Unfall – nein, von dem Mord – vor ihrem inneren Auge abgespielt, wie in einem Holo-Schauspiel, das ständig wiederholt wurde, bis schließlich eine unangenehme Wahrheit zutage trat, anfangs noch wirr, dann glasklar.

Es schien ihr, als hätte Bur den Blick gehoben, um sie voller Schrecken anzuschauen, kurz bevor er ihr den Faustschlag versetzt hatte. Könnte es sein, dass er etwas gesehen hatte, das hinter ihr stand? Hinzu kam, dass es nicht einfach gewesen sein konnte, einen Stein mit solcher Wucht zu werfen, dass er den harten Frontalknochen zerschmetterte.

Nein, irgendjemand musste sich bis zur Ecke des Gebäudes geschlichen haben. Der Lärm des Gebirgsbaches hatte verhindert, dass sie ihn hören konnten. Der Mörder war näher herangekommen und hatte Evin den schweren Stein an den Kopf geworfen, um ihm den Schädel zu zertrümmern. Es war einzig und allein dem wachen Geist Evin Burs zu verdanken, dass Suvaïdars Haut gerettet worden war.

Was nun?, fragte sie sich. Sie wusste nicht, wer es auf sie abgesehen hatte und wie sie sich schützen sollte ...

Sie wollte nicht glauben, dass ein Asix eine solche Tat begehen konnte. Dennoch versuchte sie, diese Erklärung von allen möglichen Seiten zu beleuchten. Eine einzige Hypothese erschien ihr wahrscheinlich, nämlich die, dass es jemanden gab, der gewissenlos und korrupt genug war, einen armen Asix so zu manipulieren, dass er einen Mord beging. Trotzdem konnte diese Hypothese einem Beweis nicht standhalten. Dass man einen Asix dazu bewegen konnte, ein Blutverbrechen gegen eine Shiro zu verüben, schien Suvaïdar eher unwahrscheinlich.

Wie auch immer, selbst wenn man absurde Schlüsse zog und davon ausging, dass diese Erklärung stimmte, war es doch wichtiger zu wissen, wer der Auftraggeber gewesen war, als das Instrument der Freveltat zu kennen. Und bei dem Auftraggeber konnte es sich zwangsläufig nur um einen Shiro handeln.

Aber warum?, fragte Suvaïdar sich zum hundertsten Mal. Und warum auf diese stupide Art? Es hätte doch gereicht, mich zum Duell herauszufordern. Ich glaube nicht, dass es jemanden auf diesem Planten gibt, der noch schlechter mit der Klinge umgehen kann als ich? Oder hatte der Aufraggeber womöglich die Absicht gehabt, auch Evin Bur töten zu lassen?

Die Morgendämmerung überraschte Suvaïdar, während sie trotz heftiger Wadenkrämpfe immer noch lief. Ihre Kleidung war nicht trocken geworden, weil es die ganze Nacht geregnet hatte. Ohne ihren Mantel, den sie bei ihrem ersten Hechtsprung verloren hatte, hatte sie sich nicht mehr schützen können. Sie war nass bis auf die Knochen, und vor Kälte klapperte sie mit den Zähnen. Jeder Quadratzentimeter ihrer Haut schien wund zu sein.

Ich muss rund fünfzehn Kilometer gelaufen sein, schätzte sie. Wenn irgendwer mich sucht, würde es reichen, wenn er die Hauptstraße entlanggeht, so wie ich. Wohin sonst sollte ich mich in der Dunkelheit bewegen? Mich auf einem Fußpfad ohne Ziel verirren? Jetzt ist es schon hell. Wenn mich jemand zu Pferd verfolgt, wird er mich bald aufgegriffen haben ...

Sie blickte sich um. Die Straße, die das Vorgebirge hinunterführte, schien verlassen zu sein. Gleichwohl konnte jemand hinter der letzten Biegung näherkommen, genau in diesem Augenblick. Sie lief weiter und beobachtete die Landschaft, die sich langsam aus dem milchigen Nebel der Morgendämmerung schälte.

Mit einem Mal sah sie mitten auf einer Wiese, ein Stück weit entfernt von der Straße, ein kleines Gebäude, das unbewohnt zu sein schien. Sie lief quer über die Felder darauf zu. Zwischendurch schaute sie sich immer wieder um, ob sie Spuren hinterließ, doch das Gras richtete sich wieder auf, nachdem sie darübergelaufen war.

Bald hatte sie die Hütte erreicht. Es handelte sich um einen leeren Kuhstall, wahrscheinlich für das Vieh, das von hier aus einige Tage in die Berge ging, um während der Trockenzeit dort zu bleiben. Die Hütte war vollkommen sauber, ein bisschen zu sauber vielleicht. Die Viehhüter hatten nicht einmal Heu hier gelassen, auf das Suvaïdar sich hätte legen können.

Ich werde hier bestimmt besser schlafen als bei der Volljährigkeitsprüfung im Dschungel, sagte sie sich optimistisch. Die Chance, dass man mich hier findet, ist genauso groß, wie am Ufer des Flusses einen Skorophon zu finden. Ich bin in der Nacht sicher an zwanzig solcher Ställe vorbeigekommen, und davon standen bestimmt nicht alle nahe der Straße.

Suvaïdar kletterte auf den Heuboden, in die dunkelste Ecke. Dann zog sie ihre nassen Kleider aus und breitete sie zum Trocknen auf dem Boden aus. Sie legte sich hin, um nachzudenken.

Die Situation war wenig ermutigend. Sie hatte keinen Cent, um sich etwas Anständiges zu essen besorgen zu können. Sie würde zwar nicht an Hunger sterben, weil es toleriert wurde, wenn Reisenden im Vorbeigehen Obst von den Bäumen pflückten, aber sie würde es niemals bis nach Gaia schaffen, wenn sie sich ausschließlich von Früchten ernährte. Sie musste also die Gastfreundlichkeit der Bauernhöfe in Anspruch nehmen, und da sie diesmal nicht in einer Mission des Lebenshauses kam, musste sie für ihr Essen arbeiten. Das bedeutete, sie würde mehrere Tage benötigen, um die zweihundert Kilometer zurückzulegen, die sie von ihrem Ziel trennten. Sie konnte auch die Fahrkarte für den Pendelverkehr nicht bezahlen, und ihr Kommunikator hatte unter dem Wasser und den Stößen an den Felsen gelitten. Es bestand keine Hoffnung, ihn reparieren zu können.

Nova Estia war ziemlich nah. Sie könnte dorthin gehen. Die drei Städte bildeten mehr oder weniger eine Art Dreieck; jede war mit den beiden anderen durch eine breite, bequeme Straße verbunden, für deren Unterhalt die Clans allein verantwortlich waren. In Nova Estia jedenfalls gab es ein Haus der Huangs und ein Lebenshaus, wo man ihr vielleicht helfen würde.

*

Als Suvaïdar nach mehreren Stunden Schlaf die Augen öffnete, war ihr erster Gedanke, sich das Laken über den Kopf zu ziehen und so zu tun, als würde sie noch schlafen. Doch dann fiel ihr wieder ein, dass sie nicht in ihrem Bett lag. Seufzend erhob sie sich.

Sie verzog das Gesicht, als sie bei Tageslicht aufmerksam ihre rechte Hand betrachtete. Die Nägel von Zeige- und Mittelfinger waren bis zur Mitte der Fingerkuppe abgebrochen. Sie bluteten nicht, doch die Enden ihrer Daumen waren rot und geschwollen. Die anderen Wunden waren nur oberflächliche Hautabschürfungen, die sich bereits geschlossen hatten. Vorsichtig betastete sie ihren Kopf und entdeckte zwei große Beulen. Wenigstens hatte sie sich nichts gebrochen, wie sie mit Erleichterung feststellte.

Während sie ihre Kleidung überstreifte, die immer noch ein wenig feucht war, schien die Lösung ihrer Probleme zum Greifen nahe. Es gibt einen Shiro-Kodex, sagte sie sich, der uns Verhaltensregeln auferlegt und andere Dinge regelt, zum Beispiel, dass wir den Asix gegenüber verantwortlich sind, wenn sie uns um Hilfe bitten. Wenn es etwas Entsprechendes nicht für die Asix gäbe, wäre der Kodex überflüssig. Die Asix benötigen allerdings keinen schriftlichen Text, den die Reitpeitsche der Lehrer an der Schule den Widerspenstigen ihnen einprügeln müsste; der Asix-Code ist vielmehr Teil ihres genetischen Erbgutes. Ich brauche kein Geld und auch keine Arbeit, um mir ein Nachtlager und eine Decke bezahlen zu können. Es reicht voll und ganz, an die Tür eines von Asix bewohnten Bauernhofes zu klopfen und ihnen zu erklären, dass ich in Gefahr bin.

Suvaïdar versuchte sich an jenen Plan zu erinnern, den sie in Gaia aufgezeichnet hatte. Sie kannte die möglichen Wege und die Lage der Höfe, die sie auf der Strecke zwischen Gaia und Gorival für einen Besuch vorgesehen hatte. Darunter gab es einen Hof, an den sie sich gut erinnerte, weil sie beim Durchblättern der Liste mit den Arbeitern auf den Namen »Suvauan« gestoßen war. Die Ähnlichkeit dieses Namens mit dem ihren hatte sie bewegt, seine Herkunft zu untersuchen. Und tatsächlich, er war eines der Kinder, das das Lebenshaus ihr in jungen Jahren bereits zugesagt hatte.

Der Vater war ein Asix, der auf natürliche Weise bereits fünf Töchter mit zwei festen Partnerinnen – Schwestern – gezeugt hatte. Und er hatte sich überaus geehrt gefühlt, einen Sohn von einer Shiro haben zu dürfen. Der Kleine gehörte, wie es bei Halbkindern üblich war, dem Clan seines Erzeugers an, doch man hatte ihm einen Namen gegeben, der der Gegensatz zu dem seiner biologischen Mutter war. Das war bei den Asix durchaus üblich, weil sie stolz darauf waren, ein Halbkind zu haben, einen halben Shiro. Suvaïdar war neugierig, ob Suvauan, der in ein paar Tagen seine elfte Trockenzeit beginnen würde, Ähnlichkeit mit ihr hatte. So etwas kam manchmal vor, vor allem bei der ersten Generation. Die Asix-Merkmale waren stets dominant, während die Shiro-Züge sich bei den Halbkindern manchmal verwässert wiederfanden. Grundsätzlich aber sahen sie aus wie ein typischer Asix.

Suvaïdar vermisste schmerzlich ihren Beutel, in dem sich der unerreichbare, kostbare Plan befand. Der Beutel war in Gorival in den Gebirgsbach gefallen. Sie versuchte sich zu erinnern. Um zu dem Bauernhof zu kommen ... wie hieß er gleich? Er hatte einen seltsamen Namen. Ach ja, »Die junge Kuh der drei Monde«. Konnte man sich für einen Bauernhof einen dümmeren Namen vorstellen? Jedenfalls, um zu diesem Hof zu gelangen, musste man nach ungefähr zwanzig Kilometern die Hauptstraße verlassen und eine andere Richtung einschlagen. Es stellte sich allerdings die Frage, wo sich die Abzweigung befand. Außerdem wusste Suvaïdar nicht, wo sie sich befand. Und wie viele Kilometer konnte sie in einer Nacht laufen? Zehn? Fünfzehn? Zwanzig?

Die Straße war abschüssig; womöglich war sie schon zu weit gelaufen. Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als an die erste Bauernhoftür zu klopfen und sich zu erkundigen – in der Hoffnung, nicht zu viele Spuren hinterlassen zu haben, falls sie verfolgt wurde.

Suvaïdar war äußerst schlecht gelaunt, als sie nach zwei weiteren Tagen schnellen Fußmarsches den Hof »Die junge Kuh der drei Monde« erreichte. Sie war geschwächt und starb fast vor Hunger. Sie wurde von den Asix auf die übliche Art empfangen, obwohl sie sich als mittellose Reisende vorstellte und nicht als Sendbotin des angesehenen Jestak-Clans. Sie wusch sich, legte die trockenen Kleider an, die die Alte, die den Hof leitete, ihr zur Verfügung gestellt hatte. Dann aß sie eine solch große Menge heiße, herzhafte Gemüsesuppe mit Brot und Käse, dass sie Angst bekam, ihre Gastgeber müssten die nächsten beiden Tage fasten. Allmählich fühlte sie sich besser und war in der Lage, den lächelnden Asix ihr Fragen zu beantworten. Auf dem Hof wohnten siebenundzwanzig von ihnen, wenn man die älteren Kinder mitzählte, die einer Arbeit nachgingen oder die Schule besuchten.

Suvaïdar zögerte kurz, dann stellte sie sich vor. Sie war auf einem einsamen Hof mitten in der Hochebene, wer könnte sie schon bis hier verfolgt haben? Nachdem sie ihren Namen ausgesprochen hatte, sprangen zwei der anwesenden Frauen auf.

»Du bist gekommen, um dir den Jungen zurückzuholen, Shiro Adaï?«, fragte eine von ihnen mit weit aufgerissenen Augen.

»Nein, keine Sorge«, versicherte Suvaïdar. »Warum sollte ich ihn zurückholen?«

Sie warf einen Blick auf die anwesenden Erwachsenen und erkannte sofort den halben Shiro. Nicht nur, weil er sie so aufmerksam betrachtete, sondern weil er anders war: Sein Knochenbau war feiner, die Haut ein bisschen haarloser. Er näherte sich ihr ohne eine Spur von Schüchternheit und verbeugte sich tief vor ihr, wobei er sie »Saz Shiro Adaï« und »ehrwürdige Shiro-Mutter« nannte – mit einer Vertrautheit, die kein heranwachsender Shiro-Jugendlicher sich erlaubt hätte. Die anderen machten Platz, damit er sich neben sie setzen konnte.

»Er ist ein guter Junge«, sagte die Frau, die kurz zuvor mit Suvaïdar gesprochen hatte. Die andere Frau stimmte zu. »Er ist gut in der Schule. Der Clan will ihn an der Universität Landwirtschaft studieren lassen. Dabei habe ich nicht einmal die Schule abgeschlossen, und meine Schwester war eine noch schlechtere Schülerin als ich.«

Sie verpasste ihrer Nachbarin einen kleinen Stoß mit dem Ellenbogen, worauf diese lachte.

»Von wem ist der Junge?«, fragte Suvaïdar und blickte beide an.

»Er ist unser Sohn«, antworteten sie im Chor.

»Der Vater ist gestorben, Shiro Adaï«, schritt die Alte ein. »Gleich nach den Orkanstürmen vor acht oder neun Trockenzeiten hat Sturzbach ihn mit sich gerissen.«

Suvaïdar entgegnete: »Ich habe einen Unfall gehabt und würde eure Gastfreundschaft gern ein paar Tage in Anspruch nehmen. Und es wäre besser, wenn niemand weiß, dass ich hier bin.«

»Fühlst du dich in Gefahr, Saz Shiro Adaï?«, fragte Suvauan.

Suvaïdar erzählte, was geschehen war. Sie brauchte einfach einen Gesprächspartner, jemanden, der ihr sagen konnte, ob ihre Schlussfolgerungen logisch waren, oder ob sie das Opfer einer Paranoia war.

Als sie geendet hatte, wartete sie und blickte in die runden Gesichter um sie herum. Ganz gegen ihre Gewohnheit lächelten die Asix nicht. Suvaïdar hoffte, dass einer von ihnen eine ganz banale Erklärung dafür haben würde, an die sie bis dahin nicht gedacht hatte. Wie auch immer, die Asix blieben ernst.

»Ein Shiro hat dich von hinten angegriffen, das liegt auf der Hand«, meinte eine der Mütter von Suvauan.

»Ruh dich ein paar Tage aus, das hast du bitter nötig«, schlug die Alte des Hauses vor. »Danach wird dich unser halber Shiro mit einem Pferd nach Nova Estia begleiten. Von dort kannst du den Pendelverkehr nehmen. Niemand wird erfahren, wo du bist, das verspreche ich dir. Auf jeden Fall wird niemand davon erfahren, bevor du nicht das Haus verlassen hast.« Sie blickte in die Runde. »Habt ihr mich verstanden? Ein Wort zu viel könnte diese Dame in Gefahr bringen. Was ich gesagt habe, gilt für euch alle, auch für die Kinder. Solange unsere ehrenwerte Besucherin unter uns weilt, wird niemand zu den anderen Höfen gehen, um dort ein bisschen zu plaudern. Ist das klar?«

Alle Kinder verbeugten sich artig. Ein kleines Mädchen, das etwas kühner war als die anderen, merkte an:

»Wir werden auf keinen Fall aus dem Haus gehen, Alte, selbst wenn du es uns nicht verboten hast. Eine Shiro-Dame zu sehen ist viel interessanter, als zum Spielen auf die anderen Höfe zu gehen.«

»Und ihren Duft riechen zu dürfen!«, fügte ein junger Mann schwärmerisch hinzu, worauf die verlegenen Erwachsenen ihm eine Rüge wegen seiner schlechten Manieren erteilten.

Trotz der Hartnäckigkeit ihrer Gastgeber hielt Suvaïdar sich nur zwei Tage im Haus der Asix auf. Sie hatte so viel durchgemacht, dass sie am liebsten für immer geblieben wäre. Mehr schlecht als recht versorgte sie die schlimmsten Hautabschürfungen, verband den Daumen der rechten Hand und aß so viel, dass es für einen jugendlichen Asix gereicht hätte. Dann untersuchte die Erwachsenen, die von sich behaupteten, sie bräuchten eine medizinische Begutachtung, sowie die Kinder, die versuchten, den ganzen Tag über möglichst in ihrer Nähe zu bleiben. Schließlich ritt sie mit Suvauan los. Sie saß ohne Sattel hinter ihm und klammerte sich an seinen Schultern fest, die bereits so breit waren wie die eines Erwachsenen. Als sie in Novia Estia ankamen, verabschiedete sie sich von Suvauan – ohne die Scham, die sie stets im Umgang mit ihrer Shiro-Tochter empfunden hatte.

Sie ging in das dortige Haus des Huang-Clans, wo sie sich die Summe auszahlen ließ, die ihr für diesen Monat zustand, abzüglich des Anteils für den Clan. Ihr blieb genug Geld übrig, um das Ticket für den Pendelverkehr bezahlen zu können.

Am nächsten Morgen war sie bereits im Haus des Clans in Gaia und klopfte an Odas Tür.

»Hast du den Kopf verloren?«, fragte ihr Bruder, nachdem sie ihm von ihren Abenteuern erzählt hatte. »Wir sind Shiro. Wir fordern zum Duell im Fechtsaal heraus. Wir schlagen uns nicht auf der Straße wie betrunkene Sitabeh. Das muss ein Unfall gewesen sein, eine andere Erklärung gibt es nicht.«

Taub für alle Argumente Suvaïdars, hielt Oda an seiner Überzeugung fest.

Sie war verzweifelt und fragte sich, wem sie sich auf diesem verfluchten Planeten anvertrauen könnte. Wenn selbst Oda, ihr Bruder, der die Matte mit ihr teilte – ihr Liebster, ihr einziger Freund –, ihr nicht glaubte, würde kein anderer Shiro ihr Gehör schenken.

Und trotzdem, sagte sie sich, hat die Asix-Familie auf dem Bauernhof meine Behauptungen nicht angezweifelt.

Sie ließ Oda stehen, ohne sich von ihm zu verabschieden, so wütend war sie. Ganz von selbst suchte sie den Weg zu jenem Menschen, dem sie von klein auf stets vertraut hatte: Tarr.

Bald darauf stand sie, in ihren Mantel gehüllt und mit Schutzmaske, damit niemand sie erkannte, auf der Schwelle der Akademie. Sie erinnerte sich daran, wie kalt Tarr sich ihr gegenüber verhalten hatte, als sie sich das erste Mal wiedergesehen hatten, und mit welcher skandalösen Unhöflichkeit sie ihn beim letzten Zusammentreffen behandelt hatte. Sie würde ihm die vollständige Geschichte erzählen, ohne Namen zu nennen. Sie war neugierig, wie er das Ganze interpretieren würde.

Tarr saß in seinem kleinen Zimmer. Suvaïdar verharrte auf der Schwelle. Er warf ihr einen eindringlichen Blick zu und sagte: »Mach die Tür hinter dir zu, wenn du mich privat sprechen willst, Suvaïdar Adaï.«

Sie gehorchte, ohne ihn danach zu fragen, wieso er sie trotz Gesichtsmaske erkannt hatte. Dann wiederholte sie in abgehackten Sätzen, was sie bereits Oda erzählt hatte. Tarr schien nicht im Geringsten überrascht zu sein, dass man versucht hatte, sie zu töten. Doch als sie ihm von ihrem Verdacht erzählte, den sie den Burs gegenüber hegte, schüttelte er den Kopf.

»Eronoda Bur? Das ist absurd! Warum sollte sie das getan haben? Das Einzige, was sie interessiert hat, waren Handelsprodukte und dieses dumme überflüssige Zeugs, das sie bei den Sitabeh gekauft hat, ohne dass jemand davon wusste. Zumindest hat sie geglaubt, dass niemand darüber Bescheid wusste. Sie hat die ehemalige Sadaï gern zum Narren gehalten, nachdem diese sich nicht mehr in ihren kleinen Handel eingemischt hatte. Ich weiß nicht, Suvaïdar, wer dich töten wollte. Ihr Shiro habt die ausgeprägte Fähigkeit, euch Feinde zu machen. Doch ich bin überzeugt, dass eine Traditionalistin dahintersteckt, eine Saz Adaï, die auch das Attentat auf Haridar angezettelt haben muss. Sie haben niemals revolutionäre Ideen geschätzt.«

Suvaïdar hielt Tarrs Theorie anfangs für zu weit hergeholt, doch je länger sie darüber nachdachte, desto weniger absurd erschien sie ihr.

»Also wer? Die größte Traditionalistin war Tsune Ricardo. Aber ich kann nicht glauben, dass sie dahintersteckt. Sie hatte einen ausgeprägten Sinn für Humor.«

»Stimmt. Tsune Ricardo war es garantiert nicht. An wen denkst du noch?«

»An einen der Alten. Die Männer haben immerzu versucht, standhafter aufzutreten, als es nötig gewesen wäre, um sich unter keinen Umständen einer Kritik auszusetzen. Oder vielleicht Mirina Romano, Sova Lal ...« Suvaïdar zählte die Namen an den Fingern ab. Nach dem neunten Namen hielt sie inne. »Sonst fällt mir keiner mehr ein.«

»Du hast Odavaïdar Huang vergessen.«

»Doch nicht unsere eigene Saz Adaï!«

»Warum nicht? Weil du sie persönlich kennst? Gerade aus diesem Grund kannst du es nicht ausschließen. Du musst herausfinden, wer weiterhin Jagd auf dich macht. Nur so kannst du eine Möglichkeit finden, dich zu verteidigen. Wenn du nur abwartest, wirst du bald jeden verdächtigen und keinem mehr vertrauen. Du kannst davon ausgehen, dass es ein und dieselbe Person war, die den Sitabeh geholfen hat, unsere Sadaï zu töten und diese Männer zu dir nach Wahie zu schicken. Sie wird es jetzt auch gewesen sein, die dich angegriffen hat. Es wäre ein seltsamer Zufall, wenn zwei unterschiedliche Personen hinter dir her wären, eine auf Wahie und eine hier. Wer immer den Unfall arrangiert hat, wird eine Spur hinterlassen haben, die du vielleicht zurückverfolgen kannst. Ich kann zudem mit meinen Schülern vereinbaren, dass sie Augen und Ohren offenhalten und mir sofort Bericht erstatten, wenn ihnen irgendetwas ungewöhnlich vorkommt.«

»Und wenn ich nichts herausfinde? Dann muss ich den Rest meines Lebens damit rechnen, dass jeden Augenblick hinter meinem Rücken jemand auf der Lauer liegt.«

Tarr zuckte die Achseln. »Im Moment fällt mir nichts anderes ein. Außerdem möchte ich dir ein Geschenk machen.«

»Glaubst du, es ist die richtige Zeit, Geschenke zu machen?« Dann aber fügte sie neugierig hinzu: »Was ist es?«

»Eine meiner schlimmsten Schülerinnen.«

Suvaïdar blickte verdutzt drein. Tarr warf ihr einen schrägen Blick zu, bevor er erklärte: »Die Jungen, die der Akademie von den Clans anvertraut werden, sind fast immer zu aggressiv, aber sie sind erziehbar. Die Schlimmsten aber sind nicht imstande, Gut und Böse, Recht und Unrecht zu unterscheiden. Mitleid kennen sie genauso wenig wie Schamgefühl, den Sinn für die Ehre oder die Fähigkeit, Reue zu zeigen. Im Allgemeinen sterben sie jung bei einem Duell, weil sie in Wort und Tat zu impulsiv und gewalttätig sind. Regelmäßig beleidigen sie die anderen Shiro und führen einen Zweikampf nach dem anderen, bis sie auf einen Gegner treffen, der besser ist als sie. Die Shiro-Meister tun nichts dagegen. Sie stacheln sogar die fortgeschrittenen Schüler an, sich bei ihren Schlägen nicht zurückzuhalten, wenn sie gegen diese Jungen kämpfen. Sie wissen nur allzu gut, dass man diese Jungen weder erziehen noch moralisch verbessern kann, weil man keinen Zugang zu ihnen bekommt. Ich hingegen fühle mich für alle meine Schüler verantwortlich. Manchmal gelingt es mir, meine Autorität durchzusetzen, aber das kostet jeden Tag neue Anstrengung. Ich muss die Schüler einer eisernen Disziplin unterwerfen, damit sie Angst vor mir haben.«

Er schwenkte eine Faust vor seinem Gesicht. Suvaïdar fröstelte bei dem Gedanken, dass dies die Welt alle jener war, die in der Akademie lebten.

Dann dachte sie eingehender über die Beschreibung Tarrs nach. Auf Wahie wurden solche Individuen als Psychopathen betrachtet. Sie führten in den Hospitälern für Geisteskranke ein elendes Leben – mit einer zerebralen Kontrollsonde, die sie in Zombies verwandelte. Das schien Suvaïdar kein erstrebenswerter Fortschritt zu sein, aber es war mit Sicherheit besser als in den barbarischen Zeiten, als man diese Menschen einfach ins Gefängnis gesteckt hatte.

Sie fröstelte erneut, als ihr klar wurde, dass Tarr ein wirklich hartes Leben führte. Tag und Nacht war er den unruhigen, unberechenbaren Schülern ausgesetzt. Konnte er wirklich abschätzen, wann sie zu einer echten Gefahr wurden?

Trotz der Sorgen um ihre eigene Situation hatte Suvaïdar noch immer die Untersuchungen im Hinterkopf, die sie für Maria Jestak machen sollte. Deshalb fragte sie interessiert:

»Stört es dich nicht, Shiro zu bestrafen? Oder befiehlst du jemand anderem, die Reitpeitsche zu verwenden?«

»Nein, das mache ich immer selbst, und es stört mich auch nicht«, sagte der Meister spröde. »Die Schüler, von denen ich dir erzählt habe, sind in der Lage, mit völliger Gleichgültigkeit einen Menschen zu töten. Deshalb sind sie für alle Bewohner gefährlich. Wenn es mir gelingt, sie zu unterwerfen, erspare ich ihnen die Minen und den Ausschluss aus dem Clan. Wahrscheinlich rette ich genauso viele Leben, wie sie im Zorn oder aus irgendeinem anderen Grund geopfert hätten – Gründe, die für mich und dich, Shiro Adaï, keine Rechtfertigung besitzen.«

»Dein Geschenk ist sehr originell.«

»Nicht so sehr. Ohne dass es dir bewusst ist, hast du schon einmal etwas Vergleichbares bekommen. Ich hatte damals entschieden, Tichaeris Sarod zu schicken, um dir die Nachricht des Rates von Haridars Tod zu überbringen.«

»Du?«, fragte sie ungläubig.

»Nach dem Tod Wangs, der mein Schüler war, kam Daïni zu mir und erzählte mir, ein Shiro, der sein Gesicht verborgen hatte, habe Wang eine Botschaft von Haridar überbracht. Darin bat Haridar ihn, sie sofort aufzusuchen. Daïni war sich sicher, dass diese Nachricht eine Fälschung gewesen war, denn in all den Jahren hatte Haridar kein einziges Mal mit Wang gesprochen. Warum sollte sie ihn so plötzlich zu sich rufen? Aber du weißt ja, schon als kleiner Junge hat Wang ständig von eurer Mutter geträumt. Ohne sich die Einwände Daïnis anzuhören, ist er der Aufforderung nachgekommen. Daïni hat ihn nie wiedergesehen.

Ein paar Tage später stellte man fest, dass Sorivas ebenfalls verschwunden war. Als der Rat sich dann entschloss, dich zurückzurufen, habe ich mir gesagt, dass auch du in Gefahr sein könntest. Ich habe mit David aus dem Ricardo-Clan gesprochen, auch einer meiner Schüler. Ein guter Shiro, auch er wollte nicht glauben, dass jemand gegen das Sh’ro-enlei verstoßen könnte. Aber ich war sein Meister, und er tat, was ich ihm auftrug. Er hat Tsune vorgeschlagen, dass es besser sei, einen Botschafter zu entsenden, statt nur eine subätherische Nachricht zu schicken, und dass einer meiner Schüler ein geeigneter Bote sei. Deshalb weiß ich auch, dass Tsune nicht involviert war. Sie war sofort mit meinem Vorschlag einverstanden und hat dies dem Rat mitgeteilt.«

Verwirrt schaute Suvaïdar Tarr an. Wie er sich verändert hatte! Möglich, dass er schon früher so gewesen war – intelligent und kalt –, aber niemand hatte es gemerkt. Man hatte in ihm nur einen arbeitenden Asix gesehen. Doch seine Intelligenz war schon in früheren Jahren zu spüren gewesen, verborgen hinter dem begriffsstutzigen Ausdruck, mit dem er die ständigen Vorwürfe seiner Mutter und die belustigende Herablassung seiner Shiro-Kameraden ertragen hatte.

Und nun hatte er eine gute Viertelstunde geredet, ohne ein einziges Mal zu stottern.

»Wieso glaubst du, dass Tichaeris und Win Sarod mir hätten helfen können? Sie kannten die Föderierten Planeten nicht, sie wären nicht einmal in der Lage gewesen, in die Transportmittel einzusteigen. Wie hätten sie einen potenziell gefährlichen Außenweltler identifizieren können?«

»Einen Außenweltler? Ich habe niemals geglaubt, dass du oder dein eingebildeter Bruder einer Gefahr vonseiten der Außenweltler ausgesetzt gewesen seid. Ich habe befürchtet, dass es sich um einen Ta-Shimoda gehandelt hat, um einen der Studenten, den man in die Fremde geschickt hatte oder um jemanden, der inkognito reiste. Es muss nicht sehr schwer sein für einen der Unsrigen – gekleidet wie ein Sitabeh – sich unter das Volk auf den anderen Planeten zu mischen. Trotzdem habe ich nicht gedacht, dass ein Ta-Shimoda sich damit hätte einverstanden erklären können. Selbst ich neige dazu, mir über das Sh’ro-enlei Illusionen zu machen.«

»Wie hast du dir eine solche Sache vorstellen können? Keiner der Saz Adaï und keiner der Berater hat jemals den geringsten Verdacht gehegt.«

»Oh, meine Shiro-Dame, so stolz auf deine Intelligenz, wie alle deine Zeitgenossen! Zweifellos seid ihr Genies, was die Medizin, das Ingenieurswesen und die Mathematik betrifft, aber glaubst du wirklich, mehr gesunden Menschenverstand zu haben als eine Asix-Pflegemutter? Wenn das der Fall wäre, dann wäre es wirklich unverantwortlich von euch, uns für vier oder fünf Trockenzeiten eure Kinder anzuvertrauen.«

»Néko steht dir zur Verfügung, wenn du sie für eine Aufgabe benötigst, die ... sagen wir mal, von heiklerer Natur ist. Wenn du möchtest, kann sie gleich mitkommen.«

»Kann ich ihr vertrauen?«

»Néko ist fähig, jeden zu töten, ohne sich den Appetit zu verderben, aber sie gehorcht blind.«

Das Lächeln Tarrs ließ eher an einen Hund denken, der seine Zähne zeigt, und für einen Moment empfand Suvaïdar fast so etwas wie Mitleid mit Néko – bis sie sich wieder an die toten Augen erinnerte, die sie angestarrt hatten, ohne sie wahrzunehmen.

»Warum tust du das, Tarr? Ich dachte, du würdest mich hassen. Wenn ich daran denke, wie du mich begrüßt hast, als wir uns das erste Mal wiedergesehen haben ... und das, obwohl ich doch deinetwegen in die Fremde gegangen war.«

»Ach wirklich? Das würde ich gern näher erklärt bekommen.«

»Du weißt es sehr gut«, sagte Suvaïdar ungeduldig. »Die Saz Adaï hatte mir befohlen, das Fest mit einer Gruppe junger Jestak-Shiro zu verbringen. Nachdem ich aus dem Gebirge zurückgekommen war, hat sie mir damit gedroht, mich aus dem Clan auszuschließen. Ich war verpflichtet, das Arbeitsangebot anzunehmen, das mir ein Außenweltler gemacht hatte, den ich mal behandelt hatte und der mir gegenüber dankbar war. Ihm gehörte ein Raumschiff für den Transport von Passagieren, und er wollte nicht ohne einen Mediziner an Bord zurückkehren. Ich habe dir bereits in den Bergen davon erzählt.«

»O ja. Und so kommt es, dass du dich praktisch verpflichtet gefühlt hast, das zu tun, worauf du schon immer Lust hattest: auf anderen Planeten spazieren zu gehen. Du hast es dir leicht gemacht! Wie war dein Leben in der Fremde? Bist du schlecht behandelt worden? Hast du vielleicht an Hunger gelitten?«

»Was redest du da? Ich habe als Chirurgin gearbeitet.«

»Du hast dich nie gefragt, was in dieser ganzen Zeit mit mir passiert ist! Odavaïdar hat vor Wut getobt«, Tarr nannte sie nicht Saz Adaï und sprach auch nicht respektvoll von der Alten, »aber du warst zu weit weg, sodass sie Peitschenhiebe dir erspart blieben.«

»Sag mir jetzt bitte nicht, dass sie dich ausgepeitscht hat, einen Asix! Ich könnte es nicht glauben.«

»Nein, das hat sie nicht. Ihr verfluchtes Sh’ro-enlei hätte es nicht gestattet. Aber es hat ihr erlaubt, für mich einen Dreijahresvertrag mit einer der Fabriken in Nova Estia abzuschließen. Doch als ich dort ankam, stellte sich heraus, dass man keine zusätzlichen Arbeiter benötigte. Aber da ich nun mal da war, sagte man mir, ich könne mich auch anderswo nützlich machen. Und schon landete ich in den Minen – nur vorübergehend, versteht sich. Leider hat Ovaïadar gewissenhaft vergessen, mich wieder abzuberufen.«

»Das tut mir leid, Tarr. Das wusste ich nicht.«

»Nein, und du hast auch keine Anstalten gemacht, es in Erfahrung zu bringen. Und so kam es, dass ich Tag für Tag in diese dunklen Schächte hinabsteigen musste, ohne jemals zu wissen, ob ich am Ende meiner Schicht heil wieder herauskam – alle, die mit mir da waren, waren so schlimm wie Néko –, während du dich wie eine adlige Heldin aufgeführt hast, die wegen eines Asix ins Exil ging, und ein angenehmes Leben auf einem anderen Planeten führen konntest. Ich hatte doch gar nichts anderes getan, als deinen Befehlen zu gehorchen.«

»Warum hilfst du mir dann?,« fragte sie leise.

Doch Tarr stand auf und drehte ihr den Rücken zu, ein Zeichen dafür, dass das Gespräch für ihn beendet war.

Suvaïdar blieb nichts mehr, als ohne ein weiteres Wort zu gehen. In der Akademie war Tarr der Meister, und sie schuldete ihm Respekt, selbst wenn sie nur ein paar Monate lang seine Schülerin gewesen war.