Ein Schlag klatschte in Karas Gesicht, dann noch einer. Er wachte auf. Die Hand holte zum dritten Mal aus, blieb aber in der Luft hängen, als er nach dem schwarzen Handgelenk griff und die Augen öffnete – Baabas. Er schloss die Augenlider für einen Moment und hoffte, nur ein Gespenst gesehen zu haben. Vergeblich. Nach der Uhr an der Wand war er mehr als eine halbe Stunde bewusstlos gewesen.
Oberst Abu Baabas hielt Kara das Kabelende vor die Augen. »Du wirst heute in dieser Fabrikhalle sterben und darfst selbst wählen, wie viele Schmerzen du vorher erleidest. Ich will alles hören, was du über Rashid Osman, das Raketenultimatum und die Ermittlungen des SIS weißt.«
Kara tat so, als bewege er sich immer noch an der Grenze zur Bewusstlosigkeit.
»Möchtest du hören, wie es zu meiner Genickverletzung gekommen ist?«, fragte Baabas, dem das alles sichtlich Vergnügen bereitete.
»Ich wünschte, du hättest dir das Genick gebrochen.«
Das Gesicht von Baabas wurde noch dunkler, er drückte die Hand auf seinen Hals. »Ein amerikanischer Ingenieur eines Ölkonzerns, der sich der Verhaftung widersetzte, gab mir auf dem Baugerüst einer Probebohrung einen Tritt, und ich stürzte aus einer Höhe von vier Metern auf das Felsgeröll. Der Mann war dir ähnlich: ein arrogantes, selbstgefälliges Großmaul, das sich uns überlegen fühlte. Als ich aus dem Krankenhaus kam, ist er weinend gestorben. Und langsam.«
Kara überlegte fieberhaft. Er war an das dröhnende Aggregat gefesselt, der Oberst und der Soldat trugen Waffen, und Baabas hielt das Stromkabel in der Hand. Wenn er nicht redete, würden im nächsten Moment wieder Schmerzen durch seinen Körper jagen. Ihm fiel nur eine Sache ein, die er tun konnte.
Blitzschnell packte er das Gelenk der Hand, die das Kabel hielt und verdrehte es. Für Sekunden sah der Oberst erschrocken aus, als das Kabel nun plötzlich auf seinen Hals gerichtet war. Der Soldat machte einen Schritt auf ihn zu, doch Baabas befahl ihm brüllend wegzugehen. Dann griff er mit seiner freien Hand nach Karas Handgelenk, setzte seine ganze Kraft ein und drehte es mit aller Macht von sich weg … Das Stromkabel bewegte sich nun direkt auf Karas Augen zu. Das Aggregat dröhnte, und das Kabelende kam immer näher, es war nur noch fünf Zentimeter entfernt, er würde nicht mehr lange dagegenhalten können …
»Leo!« Die erschrockene Stimme eines Jungen ließ sowohl Baabas und den Soldaten als auch Kara zusammenzucken. Baabas konnte sich mit einem Ruck aus Karas Griff befreien. Der Soldat richtete seine Waffe auf Kafi, der an der Tür aufgetaucht war.
»Erledige den Jungen!«, befahl Baabas.
Der Soldat packte Kafi an der Schulter und zwang ihn auf die Knie wie zur Hinrichtung, dann hielt er seine Pistole mit ausgestrecktem Arm so, dass er Kafis Hinterkopf fast berührte.
Plötzlich hörte man zweimal ein dumpfes Zischen, und Baabas sah, wie der Soldat aufs Gesicht fiel. Ein Chinese … Asiate in einem grünen Schutzanzug starrte ihn von der Tür aus regungslos an. Wie zum Teufel kam der hierher …?
Wollte der Mann ihn gar nicht töten? Baabas war erstaunt, als er bemerkte, dass der Asiate an ihm vorbeischaute. Warum lag in seinem Verhalten oder Gesichtsausdruck keine Spur von Aggressivität? Hatte der Killer es auf Kara abgesehen? Baabas wandte den Blick zu Kara, der blitzschnell seine Hand packte und sie kräftig herumriss. Das Kabelende traf Baabas an der Stirn, die Ampere schlugen zu, und der Kopf des Obersts schnellte nach hinten, als hätte ihn ein Maultier getreten.
Baabas lag auf dem Rücken, als er die Augen aufschlug und den Asiaten erblickte, der ihn genauso ausdruckslos anschaute wie vorhin. Der Schmerz wogte immer noch durch seinen ganzen Körper, die Muskeln zuckten, und im Mund schmeckte es nach Lauge. Baabas schloss die Augen, und als er sie wieder öffnete, wusste er, das dies das Letzte war, was er in seinem Leben sah: die Pistolenmündung des asiatischen Killers.
Kara schaute zur Decke der Fabrikhalle, als Manas den Oberst aus kurzer Entfernung erst in den Kopf, dann ins Herz schoss. Kafi rannte hinaus. Kara wusste, dass hier nun alles zu Ende ging, Manas würde er nicht einmal durch ein Wunder entkommen. Er hatte sich vor dem Sadisten Baabas gerettet, nur um das Opfer des Profikillers Manas zu werden. Das war der Mann, den er flüchtig im Haus des Witwenmachers und im Hotel »Vaakuna« gesehen hatte. Das war Ewan Taylors Mörder. Und jetzt wusste Kara, dass er Manas auch schon früher einmal gesehen hatte, vor langer Zeit. Rachegelüste erfüllten ihn. Endlich stand er Ewans Mörder von Angesicht zu Angesicht gegenüber.
»Wer von den beiden hat die Handschellen angelegt?«, fragte Manas auf Russisch.
»Warum hat Hofman … sich erschossen?«, antwortete Kara mit einer Frage und zeigte auf Baabas. Er musste in seinem Gedächtnis kramen, um die russischen Wörter zu finden. Woher wusste Manas, dass er russisch sprach?
»Ich habe nach den Ereignissen im Hotel ›Vaakuna‹ den Befehl bekommen, dich nicht mehr zu behelligen. Man hat beschlossen, dich am Leben zu lassen, obwohl du den Behörden helfen kannst, den Ergebnissen von Hofmans Arbeit auf die Spur zu kommen«, sagte Manas. »Hofman hatte vermutlich den Schluss gezogen, dass man ihn beseitigen würde. Schließlich hat er bei fast allem versagt: Die Behörden sind ihm auf die Spur gekommen, er hat die Raketen an den unzuverlässigen Rashid Osman verkauft, und er musste die Experimente in der Fabrik in El Obeid abbrechen. Vielleicht hatte er Angst, dass die Rache für den Misserfolg ein langsamer und schmerzhafter Tod sein würde.«
»Für wen arbeitest du?«
Manas antwortete nicht, sondern drückte Kara ein Satellitentelefon in die Hand und wandte sich zum Gehen. Kara streckte die Hand nach dem Elektrokabel aus, aber die Kette der Handschellen spannte sich, sosehr er seine Hand auch reckte, sie reichte nicht so weit. Manas entfernte sich in aller Ruhe, blieb an der Tür stehen und warf ihm die Schlüssel der Handschellen in den Schoß.
»Ich habe keinen Auftrag, der dich betrifft«, sagte Manas auf Russisch.
Kara schaute dem Killer einen Augenblick hinterher und öffnete dann die Handschellen. Die Rakete würde in einer Viertelstunde starten. Es war höchste Zeit, Betha anzurufen.
***
Die Nachrichtensendung war zu Ende, und Hauptmann Adoum Ramadane schaltete im Norden des Tschad in der Nähe der libyschen Grenze das Satellitenradio aus. Der Start war nicht abgesagt worden, also durfte das Raketenkommando von fünf Mann, das sich wochenlang in dem Gebiet zwischen der Wüste Sahara und dem Tibesti-Gebirge versteckt gehalten hatte, endlich an die Arbeit gehen. Die Soldaten waren die ganze Zeit der unbarmherzigen Hitze ausgeliefert gewesen und hatten das nach Plastik schmeckende Wasser und die Konserven satt, sie wollten nur noch weg aus ihrem kargen und unerträglich stillen Versteck. Elektrische Geräte, Telefone oder Lampen hatten sie nicht benutzen dürfen, es war ihnen sogar verboten, Feuer zu machen. Der einzige erlaubte Kontakt zur Außenwelt waren die Radionachrichten.
Der Kommandeur der Gruppe erteilte Befehle, obwohl jeder Soldat seine Aufgabe genau kannte. Zwei der Männer entfernten die Tarnnetze von der Rakete, und die beiden anderen schalteten die Computer ein, mit denen die Abschussrampe gesteuert und der Marschflugkörper gestartet wurde.
Bald könnten sie die Wüste verlassen.
***
Betha Gilmartin und Clive Grover saßen im Lageraum in der dritten unterirdischen Etage von Legoland und blickten wie gebannt auf das Telefon. Es war grotesk, dass Rashid Osman ihre letzte Chance war. Den Raketenabschuss würde nichts mehr verhindern, aber Osman könnte Hunderte, vielleicht Tausende Menschenleben retten, wenn er das Ziel des Anschlags verriet. Vielleicht könnte man noch evakuieren, zumindest teilweise. Die Mitglieder des Shield-Krisenstabs waren nicht mehr ständig in Bewegung und so unruhig, als hätten sie Quecksilber im Leib. Die Raketenjagd endete mit einer Niederlage. Jetzt konnten sie nur noch voller Angst darauf warten, welch einen gewaltigen Schaden die in Kürze startende Waffe anrichten würde. Und sich dann auf die Suche nach der nächsten, der dritten Rakete vorbereiten.
Betha Gilmartins Pulsmesser zeigte 132 an, egal welche Entspannungsübung sie im Kopf auch durchging. »Nimm eine bequeme Stellung ein, nutz all deine Sinne, spüre den Atem in deinem Brustkorb, auf deinem Gesicht, in deinem Mund und deinem Hals. Konzentriere dich auf alle Geräusche im Zimmer, setz deinen Geruchssinn und deinen Tastsinn bewusst ein. Spüre, wie sich deine Kleidung auf der Haut anfühlt, schließ die Augen und ruf dir alles in Erinnerung, was du heute gesehen hast …«
Plötzlich klingelte das Telefon. Gilmartin und Grover schauten sich an, beide scheuten sich, nach dem Hörer zu greifen. Schließlich nahm Betha ab, schaltete den Lautsprecher ein und meldete sich in gereiztem Ton.
»Hast du Stift und Papier, ich gebe dir die Koordinaten des Standorts der Rakete durch«, sagte Leo Kara.
Betha brauchte eine Weile, bis sie den Sinn seiner Worte erfasste und den Mund aufbekam. Für Fragen blieb keine Zeit. »Na los, sag an.«
»Die Rakete befindet sich 19°24’54.79’’ nördlicher Breite und 22°45’15.41’’ östlicher Länge des Koordinatensystems WGS84.«
»Wohin wird sie geschossen?«, fragte Betha. »Kennst du die Koordinaten des Ziels?«
»Nein.«
Grover tippte die Zahlen in den Computer ein, und das Satellitenkartenprogramm richtete das Bild auf die Wüste in der Nähe eines Gebirges aus. »Da ist sie – die Rakete.«
***
Der UN-Generalsekretär, der UNODC-Generaldirektor Gilbert Birou und die Vize-Generalsekretärin Ronibala Kumari saßen in der UNO-City im Besprechungszimmer der dreizehnten Etage des Hauses E. Schon seit einer Ewigkeit hatte niemand etwas gesagt. Birou beobachtete den Generalsekretär wie ein Kammerdiener, Kumari starrte auf die Nachrichtensendung der BBC World News, und der Generalsekretär war in Gedanken versunken. Bis zum Start der Rakete blieben noch fünf Minuten.
Wien war neben New York, Genf und Nairobi einer der vier Hauptsitze der UN, also reiste der Generalsekretär in regelmäßigen Abständen nach Österreich. Jetzt war er schon das zweite Mal innerhalb von vierzehn Tagen hier zu Gast. Der Anlass war diesmal die Einweihung des neuen umweltfreundlichen Konferenzgebäudes der UNO-City gemeinsam mit dem österreichischen Außenminister.
»Der Zweite Vizepräsident des Sudan, Rashid Osman, ist im Nordsudan ums Leben gekommen, als sein Hubschrauber angegriffen und zerstört wurde«, hieß es in den Nachrichten, und der Generalsekretär hob den Blick zu dem BBC-Reporter, der am sonnigen Golf von Aden in die Kamera schaute.
»Nach unbestätigten Informationen wurde der Hubschrauber mit Osman von zwei britischen Harrier-Jagdflugzeugen abgeschossen. Auf ihre Mission geschickt wurden die Maschinen vom Flaggschiff der Royal Navy, dem Flugzeugträger ›Ark Royal‹, der vorgestern hier vor Djibouti Anker geworfen hat. Das Außenministerium Großbritanniens ist nicht bereit, Behauptungen zu kommentieren, wonach Vizepräsident Osman für den Raketenanschlag vor zwei Wochen auf das UN-Hauptquartier in Nairobi verantwortlich sein soll.«
»Könnt ihr mich bitte einen Augenblick allein lassen, ich muss telefonieren«, log der Generalsekretär, um seine Kollegen loszuwerden. Als Birou und Kumari gegangen waren, legte er den Kopf auf die kühle Oberfläche des Beratungstischs und schloss die Augen.
Ein Tag, ein Augenblick und eine Entscheidung konnten das Leben eines Menschen gründlich verändern. Er hatte solch einen Tag am 16. September 1990 im äthiopischen Itang erlebt und sah alles noch genauso deutlich vor sich wie damals. An jedes Detail erinnerte er sich, an die Blutspritzer, den Schmerzensschrei, die angsterfüllten Rufe und den flehenden Blick. Dieser verfluchte Tag hatte seine Seele gebrandmarkt, schon seit zwanzig Jahren trug er die Schande und die Reue mit sich herum.
Es war seine erste Fahrt allein in das Flüchtlingslager Itang gewesen, das die Kämpfer der SPLA als ihren Stützpunkt nutzten. Ein drückend heißer Tag in seiner zweiten Arbeitswoche als Angestellter der UN-Flüchtlingsorganisation. Das schweißnasse Hemd klebte ihm am Rücken. Und dann tauchte der Jugendliche mit entsetzter Miene wie aus dem Nichts vor seinem UN-Jeep auf und gestikulierte wild, um ihn zum Anhalten zu bewegen. Die SPLA-Soldaten im Wald schwenkten ihre Messer, das Blut strömte aus dem Hals des kleinen Jungen, als der Kämpfer ihm die Kehle durchschnitt. Er spürte wieder die lähmende Todesangst, das Entsetzen, das ihn schließlich zur Flucht zwang. Der bestürzte Gesichtsausdruck des Jungen, der mit der Faust auf die Motorhaube einschlug, sein verzweifeltes Flehen um Hilfe …
Das Erlebnis von Itang hatte ihn nie wieder in Ruhe gelassen und an den Rand des Wahnsinns, in die Scheidung, auf die Couch von Psychotherapeuten getrieben … Schließlich hatte er beschlossen, herauszufinden, wer aufgrund seiner Feigheit das Leben verloren hatte. Das UNHCR führte zwar Buch über die in den Lagern verstorbenen Menschen, aber die Angaben waren nur summarisch; vor allem die außerhalb des Lagers gestorbenen Flüchtlinge oder das, was die Aasfresser von ihnen übrig ließen, wurden meist erst Tage oder Wochen nach ihrem Tod gefunden, wenn überhaupt. Er war alle Flüchtlinge durchgegangen, die in dem Lager innerhalb eines Monats nach seinem Besuch gestorben waren. Tausende Namen, Tausende traurige Geschichten.
Alles völlig vergebens. Er musste damit leben, dass durch seine Feigheit im Wald von Itang mindestens ein, vielleicht sogar vier Menschen ums Leben gekommen waren. Er hatte versucht, seine Tat nicht nur mit seiner Arbeit in der UNO, sondern auch dadurch wiedergutzumachen, dass er einen großen Teil seiner Einkünfte anderen Kinderhilfsorganisationen spendete. Alles Mögliche hatte er getan, um die Stimme seines Gewissens zum Schweigen zu bringen.
»Die Ankunft des Flugzeugträgers ›Ark Royal‹ der britischen Flotte im Golf von Aden bestätigt Gerüchte, wonach eine umfangreiche Militäroperation vorbereitet wird. Nach Aussage eines Vertreters des britischen Außenministeriums, der ungenannt bleiben wollte, hängen die Vorbereitungen mit dem Anschlag auf das Hauptquartier der UN in Kenia vor zwei Wochen zusammen«, berichtete der BBC-Reporter.
Der Generalsekretär verstand sehr gut, was Unmenschen hervorbrachte, die bereit waren, eben auch die UN mit Raketen anzugreifen. Wer wusste schon, was aus dem Jungen geworden war, den er in Itang im Stich gelassen hatte? Falls es ihm gelungen war, den Soldaten der SPLA zu entkommen. Was würde der Mann wohl jetzt von ihm denken, von einem Ausländer, einem UN-Mitarbeiter, der geflohen war und ihn mitsamt seiner Familie dem Tod überlassen hatte. Bestimmt hasste er sowohl ihn als auch die UN so sehr, dass er zu allem bereit wäre.
Der Generalsekretär schaute kurz auf seine Armbanduhr. Der Marschflugkörper würde in drei Minuten starten, und mit keiner Waffe der Welt könnte man ihn noch aufhalten, wenn er erst in der Luft wäre.
***
Rashid Osmans Wunsch war erfüllt worden, der Zweite Vizepräsident des Sudan stand auf der Kommandobrücke des Flugzeugträgers »Ark Royal« neben dem ledernen Thron des Kapitäns und schaute durch die großen Fenster zu, wie das Katapult ein Jagdflugzeug vom Typ Harrier GR7 hinausschleuderte, das innerhalb weniger Sekunden eine Geschwindigkeit von zweihundertsechzig Stundenkilometern erreichte. Die Rakete würde in drei Minuten gestartet. Dutzende Bildschirme auf der Brücke lieferten eine Fülle von Informationen: die Position des Flugzeugträgers, Radaraufnahmen, Kommunikationsverkehr und Wetterdaten, Standorte der Flugzeuge auf dem Schiff und taktische Informationen. Man spürte die Anspannung der Offiziere.
Kapitän Flint hatte die Warterei satt. »Zum letzten Mal, Herr Osman: das Ziel des Anschlags.«
Rashid Osman schaute kurz auf seine Uhr, er hatte erfolgreich auf Zeit gespielt und wollte dem Kapitän erst etwas antworten, wenn er dazu gezwungen war. Hauptsache, er durfte auf der Brücke bleiben, um Augenzeuge seines Triumphs zu werden: der Zerstörung des Hauses E mitsamt dem Generalsekretär.
»Kapitän«, sagte der Erste Steuermann und reichte ihm das Telefon.
Der Kapitän hörte schweigend zu und kritzelte gleichzeitig etwas auf einen Zettel.
»Der SIS kennt die Koordinaten des Raketenstandorts. Suchen Sie ihn auf den Satellitenbildern, hier sind die Daten«, erklärte der Kapitän und reichte dem Ersten Steuermann seinen Zettel. »Ein ›Trafalgar‹-U-Boot hat eben zwei ›Tomahawks‹ auf den Standort der Rakete abgefeuert.«
Rashid Osman lächelte, er verstand nicht, was Kapitän Flint damit bezweckte, die Briten konnten auf gar keinen Fall wissen, wo sich die Rakete befand. Das war unmöglich.
Er schaute gebannt auf das Satellitenbild, das auf einem großen LCD-Bildschirm erschien, immer mehr vergrößert wurde und schließlich eine weiße Kontur in Zigarrenform enthüllte: Das war seine Rakete in ihrer ganzen Pracht. Osman bekam eine Gänsehaut, als er die Krönung seines Plans betrachtete. Die Rampe hob sie schon in Abschussposition. Osmans Fingernägel drangen tief ins Fleisch ein, als er die Faust ballte.
Seufzer und Flüche erklangen auf der Kommandobrücke der »Ark Royal«, als sich die Rakete mit feurigem Schweif in die Luft erhob und einen weißen Rauchstreifen hinter sich herzog.
»Die ›Tomahawks‹ erreichen das Ziel zehn Sekunden zu spät«, sagte der Erste Steuermann. Eine bleierne Stille lastete auf der Kommandobrücke, dann waren auf dem Bildschirm zwei Explosionen und ein Feuermeer zu sehen, als die britischen Raketen den Sand der Sahara in die Luft sprengten.
»Behalten Sie den Marschflugkörper im Bild«, befahl der Kapitän.
Rashid Osman hätte am liebsten vor Freude gejubelt: Sein Plan war aufgegangen. In einer guten halben Stunde würde seine Rakete in das Gebäude des UNODC in Wien einschlagen. Dann hätte er sich gerächt. Jetzt konnte den Anschlag nichts mehr verhindern, der Generalsekretär würde zusammen mit viertausend UN-Mitarbeitern sterben. Der Feigling von Itang musste endlich für seine Tat bezahlen, jetzt sollte er vor Angst zittern, so wie er damals.
»Ein unbekanntes Objekt nähert sich der Rakete«, meldete der Erste Steuermann, und auf der Kommandobrücke hörte man erstaunte Rufe.
»Eine Abwehrrakete, das ist unmöglich! Niemand ist im Besitz solch einer Technologie«, konnte Kapitän Flint noch sagen, ehe der schlanke Gegenstand mit einem Feuerschweif auf Osmans Rakete zuschoss. Der im Tschad abgefeuerte Marschflugkörper explodierte irgendwo über der Sahara und zerbarst in tausend Stücke. Auf der Brücke brach ein Jubelsturm aus, die Briten klopften sich gegenseitig auf den Rücken und reckten die geballten Fäuste in die Luft.
Osman betrachtete ungläubig erst die Offiziere und dann das Satellitenbild mit der Rauchsäule, die am Himmel stand, und den Raketensplittern, die durch die Luft schwirrten.
Nur wenig später führte der Reporter von BBC World News vor dem Haus E der UNO-City bereits ein Interview mit dem UN-Generalsekretär. Die Augen des kleinen Mannes wirkten genauso ängstlich wie 1990 auf dem Waldweg.
Der Junge namens Rashid Osman weinte das erste Mal seit zwanzig Jahren, genauso leise und genauso einsam wie damals im Wald von Itang mit dem blutigen Nagel in der Hand.