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Sonntag, 10. Mai

In Kapstadt war von Kühle und Regen weit und breit nichts zu merken, obwohl hier bald der Winter beginnen würde. Henri Pohjala fand den Tag mit seinen achtzehn Grad für diese Zeit ungewöhnlich warm, die Sonne würde in Kürze untergehen, und es wurde schon kühler. Kati Soisalo saß in dem kleinen eingezäunten Garten des Hauses in der Albany Crescent Road und wandte den Blick vom Tafelberg am Horizont zum sonnengebräunten Henri Pohjala. Sein kahler Scheitel und die runde Nasenspitze waren von der Sonne ganz rot, die Augenbrauen und die Schläfenhaare fast weiß.

»Free, free.«

»Free, free, free Nelson Mandela. Free Nelson Mandela«, krächzte ein grellgrüner Papagei mit grauem Kopf.

»Robert ist ein Cape Parrot, ein Kappapagei. Ich habe ihn mit dem Haus zusammen übernommen«, sagte Pohjala lächelnd.

Kati Soisalo lachte. »Nach dem Titel, den er sich ausgesucht hat, dürfte er schon ziemlich betagt sein.«

»Die werden im Durchschnitt fünfunddreißig Jahre alt, ein Exemplar hat es sogar auf fünfundsechzig gebracht.«

Kati Soisalo trank einen Schluck Castle-Bier aus der Flasche und machte sich ans Erzählen. Sie berichtete Pohjala so ungefähr alles, was sie über Sibirtek und die Zusammenarbeit mit Fennica, Wartsala und Finnsteel herausgefunden hatte.

»In den letzten Wochen sind alle, die etwas von Sibirtek wussten, gestorben, nachdem Leo Kara und ich Kontakt zu ihnen aufgenommen hatten. Du bist die letzte Chance. Ich habe dich ausfindig gemacht, um zu erfahren, wer hinter Sibirtek steckt.«

Henri Pohjala schaute sie eine Weile unverwandt an, seufzte und setzte sich bequem zurecht. »Sibirtek ist gewissermaßen ein Synonym für den Einfluss Russlands in der finnischen Rüstungsindustrie. Es ist eine Gattungsbezeichnung, etwa so wie ›englischer Fußball‹ oder ›amerikanischer Blues‹. Es existiert kein Unternehmen oder keine … Körperschaft mit dem Namen Sibirtek. Gegründet wurde es oder … herausgebildet hat es sich Anfang der Neunziger nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, annähernd zur gleichen Zeit, als ich in der Unternehmenswelt in die Schwergewichtsklasse aufgerückt bin. Sibirtek ist jedoch nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen, jenes Systems, mit dem Russland von Finnland profitiert. Es gibt viele … Fassaden wie Sibirtek, die dazu dienen, die Interessen Russlands durchzusetzen.«

»Es muss doch Leute geben, die bei Sibirtek die Zügel in der Hand haben. Irgendjemand«, erwiderte Kati Soisalo ungeduldig.

»Dahinter stehen Hunderttausende Menschen, die ganze Gemeinschaft der Nachrichtendienste Russlands und die politische Elite, die an der Macht ist. Putins Hof – die Silowiki.«

Kati Soisalo versuchte ihre Ungeduld zu verbergen. »Erklär das bitte genauer.«

»Es ist egal, wer Sibirtek vertritt, wichtig ist nur, dass die Leute, die im Namen von Sibirtek auftreten, ihre Befehle von den Silowiki erhalten, einer Putin unterstehenden Gruppe von Menschen, die Russland beherrscht. Das sind ehemalige und derzeitige Mitarbeiter vor allem der Sicherheits- und Nachrichtendienste, aber auch der wichtigsten und einflussreichsten Ministerien sowie der Armee. Putins Verwaltung.«

Kati Soisalo wusste nicht, was sie denken sollte. Je weiter man bei der Suche nach den Spuren von Sibirtek vorankam, umso größere Dimensionen nahm alles an. Sie hatte Angst vor dem, was in der letzten Matroschkafigur zum Vorschein käme. »Laut KRP ist im Namen von Sibirtek nur eine Reihe normaler Geschäftsleute aufgetreten und ein Beamter, der heute im russischen Verteidigungsministerium arbeitet. Die finnischen Behörden wüssten es ja wohl, wenn Mitarbeiter russischer Aufklärungsorgane mit Unternehmen der finnischen Waffenindustrie zusammenarbeiten würden.«

Pohjala lachte. »Für die russischen Nachrichtendienste arbeiten Hunderttausende Leute, die im Namen aller möglichen Firmen auftreten. Die meisten von ihnen sind nicht bei den Diensten selbst oder in Putins Verwaltung angestellt. Wie ich schon sagte, wesentlich ist nur, wessen Befehle sie befolgen.«

Kati Soisalo war immer frustrierter. Die Informationen fügten sich in ihrem Kopf immer noch nicht zu einem stimmigen Bild zusammen. Stellte sie die falschen Fragen, oder sah sie den Wald vor lauter Bäumen nicht? »Wie gehen die Leute vor, die im Auftrag von Sibirtek handeln, wie ködern sie die Leiter finnischer Konzerne, so dass die sich auf ihre Pläne einlassen?«

Pohjalas Miene hellte sich auf. »Endlich eine Frage, die leicht zu beantworten ist. Bei Sibirtek gibt es zwei Methoden des Vorgehens: Entweder die russischen Aufklärungsorgane erfahren, oder besser, bringen in Erfahrung, dass irgendein finnisches Unternehmen die Absicht hat, ein interessantes Forschungsprojekt in Angriff zu nehmen. Oder Sibirtek selbst will irgendein Erzeugnis der Rüstungsindustrie, das Russland benötigt, in Finnland herstellen lassen. Dann schicken sie ihren Vertreter nach Finnland, der zusagt, das Forschungsprojekt ganz oder teilweise zu finanzieren. Es wird ein Kooperationsvertrag abgeschlossen, und anschließend wartet Sibirtek einfach auf das Resultat, das fertige Erzeugnis, das den Besitzer wechselt und nach Russland gebracht wird. In der Regel geschieht das rücksichtsvoll und im Einvernehmen mit der finnischen Seite, nötigenfalls aber auch auf die harte Tour, wie anscheinend im Fall von Fennica. Sibirtek nutzt die finnischen Unternehmen also ungeniert aus.«

»Free Nelson Mandela.«

»Free, free.«

»Free, free, free Nelson Mandela«, forderte Papagei Robert und beruhigte sich erst, als Henri Pohjala seinem Liebling Pekannüsse anbot.

»Was die Unternehmen anbelangt, die du untersuchst: Bei Fennica hat Sibirtek das Globeguide-Steuerungssystem bestellt, bei Wartsala die Abschussrampe und bei Finnsteel die aus einem neuartigen Metallkompositwerkstoff hergestellte Raketenhülle. Viktor Hofman, der im Namen von Sibirtek auftrat, bot den Firmen für eine Kooperation solch hohe Summen, dass man einfach nicht nein sagen konnte. Was bei dem Fennica-Projekt schieflief, warum Sibirtek die Prototypen von Globeguide stehlen musste, ist mir nicht bekannt. Die Abschussrampe von Wartsala und den Metallkompositwerkstoff von Finnsteel haben sie ohne Schwierigkeiten bekommen.«

Endlich konnte Kati Soisalo einmal etwas anderes als immer nur Fragen zu dem Gespräch beisteuern. »Mitten in der Arbeit am Globeguide-Projekt wechselte die Leitung von Fennica, Otto Mettälä ging in Rente. Vielleicht wollte der neue Geschäftsführende Direktor von Fennica die Zusammenarbeit mit Sibirtek nicht fortführen.«

Pohjala grinste. »Die Zusammenarbeit mit Sibirtek bringt solche Vorteile mit sich, dass ich keinen kenne, der sie in den letzten zwanzig Jahren abgelehnt hätte. Wahrscheinlicher ist, dass Sibirtek nicht mit dem neuen Direktor zusammenarbeiten wollte.«

»Und der Tod von Otto Mettälä und Pertti Forslund – Zufall?«

Pohjala überlegte lange und formulierte seine Antwort mit Bedacht. »Statistisch gesehen ist kaum von der Hand zu weisen, dass allzu viele Menschen, die mit Sibirtek in Streit gerieten, keines natürlichen Todes starben. Berechne gelegentlich mal spaßeshalber, wie viele Generaldirektoren, Politiker und leitende Beamte in Finnland während der letzten zwanzig Jahre durch einen Unfall ums Leben kamen.«

»Doch jetzt muss Sibirtek seine Aktivitäten in Finnland einstellen. Nach den Vorfällen bei Fennica, Wartsala und Finnsteel werden die Behörden sicher dafür sorgen.« Kati Soisalos Behauptung hörte sich eher wie eine Frage an.

»Da irrst du dich. Willst du hören, was der genialste Zug des Systems ist, das sich die Sowjetunion und Russland während des letzten halben Jahrhunderts in Finnland geschaffen haben?«, fragte Pohjala und schaute sie an wie ein Quizmaster. »Es ist völlig egal, ob Sibirtek oder irgendein anderer russischer Akteur in Finnland bei Gesetzwidrigkeiten erwischt wird, an seine Stelle treten immer neue Akteure. Sibirtek ist nur ein Tropfen im Meer. Wichtig ist nicht Sibirtek oder wer auf russischer Seite den Platz von Sibirtek einnimmt, sondern jene Menschen, mit denen die Russen in Finnland zusammenarbeiten.«

Kati Soisalo sah Pohjalas Gesichtsausdruck an, dass er sich nun dem Kern der Geschichte näherte.

»Russland hat als Kooperationspartner eine Reihe führender finnischer Persönlichkeiten in der Hand und unter seiner Befehlsgewalt. Diese Gruppe vertritt schon seit Jahrzehnten die russischen Interessen. Sie hat ihre Vertreter in allen wichtigen Führungspositionen der finnischen Gesellschaft. Dazu gehören Politiker, leitende Beamte, Generale, Professoren, Richter, Journalisten, Polizisten … Die Gruppe ist nicht groß, aber eines ihrer Mitglieder ist immer zur Stelle, wenn wichtige Entscheidungen getroffen werden. Und sie erhalten ihre Befehle direkt vom Kreml.«

»Werden sie mit Geld gekauft?«, fragte Kati Soisalo.

Pohjala nickte. »Heutzutage meistens mit Geld. Allerdings hat Russland in Finnland so viel Einfluss, dass es seinen Kooperationspartnern oft auch in deren Karriere weiterhelfen kann. In meiner Jugend zu sowjetischen Zeiten waren gute Beziehungen zum Osten eine unabdingbare Voraussetzung, wenn man in Finnland auf irgendeinem Gebiet erfolgreich sein wollte.«

»Du bist einer von ihnen«, konstatierte Kati Soisalo. »Du bist der Boss, das ist dein Spitzname. Der KGB hat dich schon 1968 angeworben.«

Pohjala zog die Brauen hoch. »Du weißt ja mehr, als ich geahnt habe, anscheinend hast du mit Jussi Ketonen gesprochen. Ich musste mich ihm vor meinem Scheintod anvertrauen. Er hatte freilich versprochen, mein Geheimnis nicht zu verraten.«

»Ketonen hat sein Wort gehalten, er hat deinen Namen nicht erwähnt«, versicherte Kati Soisalo.

Pohjala gab sich mit der Antwort zufrieden. »Ich war in der Tat ein Mann des KGB. Zu sowjetischen Zeiten wurden Dutzende Jugendpolitiker angeworben, aber zufällig fand ich Arbeit bei solchen Firmen, die den KGB interessierten. Und ich bin schnell aufgestiegen auf der Karriereleiter. Deshalb hat mich der KGB für die … wichtigsten Aufgaben ausgewählt.«

»Bist du der Leiter von Sibirtek in Finnland?«, fragte Kati Soisalo ganz unvermittelt, und Pohjala prustete los, sein aufrichtiges Gelächter genügte als Antwort.

»Wie konnte das all die Jahre geheim bleiben, warum hat niemand geredet?«, sagte Kati Soisalo verwundert.

»Warum sollte jemand reden und sich selbst schaden? Du als Juristin wirst doch sicher verstehen, welche Folgen das hätte. Niemand will seine Stellung und sein Vermögen verlieren. Für die Verbrüderung mit den Russen kann man heute wegen Spionage zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden, das war zu Zeiten der Sowjetunion anders. Im allerschlimmsten Fall erleidet man womöglich das Schicksal von Mettälä und Forslund. Was glaubst du, weshalb ich meinen Tod vorgetäuscht habe?«

»Na, weshalb?«, hakte Kati Soisalo nach, aber Pohjala schüttelte nur den Kopf.

»Ich brauche Namen«, drängte Kati Soisalo, sie hatte es langsam satt, ihrem Gegenüber alles aus der Nase zu ziehen.

Pohjala rutschte auf seinem Stuhl hin und her. »Viktor Hofman. Er hat in den letzten fünf Jahren die Operationen von Sibirtek in Finnland überwacht.«

»Und die Finnen?«, beharrte Kati Soisalo. »Jukka Ukkola?«

»Er ist einer von ihnen. Gehört zur mittleren Kaste, steigt aber rasch auf«, antwortete Pohjala.

Kati Soisalo war so erfreut wie fassungslos. Das würde reichen, Ukkola zu vernichten, aber …

»Ich brauche Beweise, mehr Namen.«

»Ich nenne dir stattdessen einen Begriff – das ›Kabinett‹. Es vereint alle Namen in sich, es ist die Bezeichnung der Organisation in Finnland.«

»Ich bin schon früher auf dieses Wort gestoßen. Was genau ist das ›Kabinett‹?«

»Darauf antworte ich nicht, dieses Wissen ist meine Lebensversicherung. Für den Fall, dass außer dir noch jemand anders zufällig mein Versteck findet.« Pohjala versuchte zu lächeln, aber es wurde nur ein halbherziges Grinsen. Er stand auf, um die Terrassentür zu öffnen, es war unverkennbar, dass er das Gespräch beenden wollte.

Kati Soisalo ließ jedoch nicht locker. »Ich brauche Beweise, etwas, womit ich erreiche, dass die Polizei in Sachen ›Kabinett‹ Ermittlungen aufnimmt. Seine Mitglieder und seine Tätigkeit müssen aufgedeckt und seine Operationen aufgeklärt werden.«

Pohjala verzog den Mund, er wirkte verärgert.

»Follow the money, folgt dem Weg der vom ›Kabinett‹ verwalteten Gelder, dann erfahrt ihr alles. Aber ein derart hochkarätiges Geheimnis werde ich nie verraten.«

»Sag mir nur noch den Namen desjenigen, der das ›Kabinett‹ leitet, dann gehe ich. Das ist meine einzige Bedingung«, verlangte Kati Soisalo eindringlich.

Pohjala wog seine Alternativen kurz ab und traf dann eine Entscheidung. »Präsiden . . .« Er verstummte mitten im Wort, als er den roten Punkt bemerkte, der auf seinem Kragen tanzte. Verdutzt wandte er im selben Moment den Blick zu Kati Soisalo, als die Winchester Black Talon sein Sternum in Höhe des Herzens durchschlug.

Kati Soisalo stürzte durch die offene Terrassentür ins Haus und hörte, wie eine zweite Kugel irgendetwas Weiches traf und eine dritte etwas zerschmetterte. War man ihr aus Finnland bis zu Pohjala gefolgt? Das hier würde sie nicht überleben, die Angst ließ ihre Muskeln starr werden, sie fror … Die Polizeistation! Ihr fiel ein, dass sie an der Wand des Gebäudes gegenüber vom Einkaufszentrum Bayside ein Polizeischild gesehen hatte. Bis dorthin war es nur ein Kilometer. Die Schüsse kamen vom Hof hinter dem Haus, durch die vordere Tür könnte sie es noch schaffen zu fliehen …

Kati Soisalo öffnete die Haustür, stürmte die Treppen hinunter auf die Straße und rannte schneller als je zuvor. Hundert Meter, abbiegen auf die Querstraße und noch schneller … Ihr versagte der Atem, die Muskeln schmerzten, sie warf einen Blick über die Schulter und sah nur einen kleinen Jungen mit einem Skateboard. Sie würde es schaffen.

Keuchend blieb Kati Soisalo an der Ampel der Blaauwberg Road stehen, das Polizeischild auf der anderen Straßenseite im Blick, es war nur knapp hundert Meter entfernt. Der Verkehrsstrom rauschte mit hoher Geschwindigkeit vorbei, ohne dass sich eine Lücke bot, sie konnte die Straße nicht überqueren. Als die Autos endlich ihr Tempo verlangsamten, rannte Kati Soisalo los, noch bevor die Ampel auf grün wechselte. Fünfzig Meter, dreißig Meter, die Tür der Polizeistation war nur noch zehn Meter entfernt. Da leuchtete ein roter Punkt auf der Hauswand …

Kati Soisalo warf sich zu Boden und spürte, wie der Asphalt ihre nackten Arme zerkratzte. Sie hörte jemanden reden, hob den Kopf und sah vor der Tür eine Gruppe von heftig diskutierenden Polizeibeamten. Sie stand auf, lief mit großen Schritten weiter, bis sie hinter den Polizisten Deckung fand. Sie war in Sicherheit.

***

Als die Königliche Flotte Englands 1588 die Armada Invencible Spaniens besiegte, segelte ihr Flaggschiff unter dem Namen »Ark Royal«. Die britische Navy, die Tradition in Ehren hielt, übertrug den Namen im 20. Jahrhundert auf ihre Flugzeugträger. Seither waren die Schiffe mit dem Namen Ark Royal bei vielen Kriegshandlungen dabei gewesen, von der Dardanellenschlacht im Ersten Weltkrieg bis zur Versenkung der »Bismarck«, des Flaggschiffs der Flotte des nationalsozialistischen Deutschland, im Jahre 1941. Nun lag die fünfte »Ark Royal«, das jetzige Flaggschiff der Royal Navy, ein zweihundertzehn Meter langer Flugzeugträger, vor der Küste von Djibouti im Golf von Aden.

Rashid Osman öffnete die Augen und richtete sich auf. Wie lange hatte er bewusstlos auf dieser Pritsche gelegen? Von draußen drangen ein gleichmäßiges Surren und das Knattern eines Hubschraubers in die fensterlose, wenige Quadratmeter große Zelle. Er erinnerte sich, wie sein Hubschrauber kurz nach ihrem Abflug vom Zelt Gaddafis von britischen Harrier-Jagdflugzeugen zur Landung in der Wüste gezwungen worden war. Man hatte ihm irgendetwas in den Arm gespritzt und ihn in einen britischen Helikopter getragen. Dann hatte er das Bewusstsein verloren. Wo zum Teufel befand er sich jetzt?

Osman schaute auf seine Uhr – 20:45 Uhr sudanesischer Zeit. Die Rakete würde in etwa vierzehn Stunden gestartet werden. Eingesperrt zu sein war nicht Rashid Osmans größte Sorge, man würde ihn schon bald freilassen, sobald der Westen nach dem Erfolg der Anschläge klein beigeben und auf ihre Forderungen eingehen musste. Ihm bereitete etwas anderes viel mehr Sorgen: Er fürchtete, nicht miterleben zu können, wie der UN-Generalsekretär explodieren und in Atome zerlegt werden würde.

Osman stand auf und schlug mit der Faust an die Zellentür. Er hämmerte rhythmisch auf das Metall, bis er Schritte hörte. Dann ging die Tür auf.

»Wo bin ich?«

»In der Arrestzelle auf dem dritten Deck des Flugzeugträgers ›Ark Royal‹«, antwortete der junge Unterleutnant und befestigte Handschellen an Osmans Handgelenken. »Folgen Sie mir.«

Es dauerte nur ein paar Sekunden, Osman wurde ans Ende des Zellenbereichs geführt, in einen Raum, in dessen Mitte ein Metallgestell mit Bolzen am Boden befestigt war. Er wusste, wofür so etwas verwendet wurde. Machte man einen Scherz auf seine Kosten? Immerhin war er der Vizepräsident des Sudan und nicht irgendein Dieb vom Basar. Und das war ein Kriegsschiff der Königlichen Flotte, die Briten hielten ihr Land doch für einen zivilisierten Staat.

Im selben Augenblick betraten zwei breitschultrige Soldaten die Zelle. »Ziehen Sie sich bitte aus.«

Der Hass loderte in Osman hoch. »Holen Sie den Kapitän des Schiffs her, ich …«, konnte er noch sagen, bevor einer der Männer von hinten seine Arme packte und der andere ihm unsanft die Kleider vom Leibe riss. Innerhalb einer knappen Minute war Osman nackt.

Man drückte ihn auf das Metallgestell, die Fuß- und Handgelenke wurden mit Lederriemen festgebunden und der Kopf in Zellophan gewickelt. Das Atmen fiel ihm schwer, und das Blut staute sich in seinem Kopf; das Gestell war mit Absicht schräg, damit die Beine höher lagen.

Osman versuchte sich auf das einzustellen, was nun kam. Er wusste, dass Mitarbeiter des CIA das »Waterboarding« im Durchschnitt vierzehn Sekunden aushielten, bis sie aufgaben. Und die nächste Rakete würde erst in vierzehn Stunden starten.

Er hörte, wie der Wasserhahn aufgedreht wurde.