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Sonnabend, 2. Mai

Der Morgen war angenehm warm, Leo Kara hatte so gut und lange geschlafen wie seit Wochen nicht, nach einem kräftigen Frühstück fühlte er sich gut gesättigt, und die verletzte Hand schmerzte nicht mehr.

Der Verkehr auf der Kaisaniemenkatu floss ruhig dahin. Er beschloss, die zwei Kilometer vom Hotel bis zu Kati Soisalos Anwaltskanzlei in Hietalahti zu laufen. Nach dem Gelage und der Schlemmerei vom Ersten Mai spürte er noch eine gewisse Schwere, aber das war eine Lappalie verglichen mit den Qualen, die nun, da der Alltag wieder Einzug hielt, all jene erleiden mussten, die besonders ausschweifend gefeiert hatten. Wie zur Bestätigung dessen erblickte Kara zwei mit Luftballons und Papierschlangen ausstaffierte Studenten in Overalls, die vor dem Bahnhof herumtorkelten, als würde der Trubel vom Vorabend des Ersten Mai gerade erst beginnen.

Sein Telefon klingelte, als er die Mannerheimintie überquerte, er freute sich, die Stimme von Katarina Kraus zu hören. Endlich. Ein SUV kam mit quietschenden Reifen etwa zwanzig Zentimeter vor ihm zum Stehen, Kara drohte dem Fahrer mit der Faust, aber der Mann starrte auf sein GPS-Navigationsgerät, das aus dem Armaturenbrett herausragte.

»Dreimal darfst du raten, ob ich versucht habe, dich zu erreichen. Ich habe zigmal angerufen und immer wieder um einen Rückruf gebeten«, sagte Kara unwirsch auf Deutsch und rannte zum Bürgersteig, als er bemerkte, dass die Ampel auf Rot sprang.

»Entschuldige, dass ich nicht früher angerufen habe. Die auf Kenia abgeschossene Rakete sorgt, vorsichtig ausgedrückt, auch bei mir für Hektik.«

Kara versuchte seine Verärgerung zu zügeln. Am Einkaufszentrum »Forum« blieb er stehen. »Hast du Hofman getroffen? Hat er etwas Neues im Zusammenhang mit dem Mord an Ewan gesagt?«

»Ich habe heute Morgen mit ihm am Telefon gesprochen, deswegen rufe ich eigentlich auch an. Bist du immer noch in Khartoum?«

»Ich bin in Helsinki und will klären, wie das Steuerungssystem Globeguide in die Rakete von Kenia gelangt ist. Das schien mir die einzige Möglichkeit zu sein, Ewans Ermittlungen weiterzuführen, da ich von dir und Hofman nichts gehört habe.«

»Das ist gut so«, sagte Katarina Kraus erfreut. »Hofman will nämlich Anfang der Woche nach St. Petersburg reisen, da könntet ihr euch vielleicht treffen. Ich versuche das zu organisieren. Hast du in Finnland etwas erreicht?«

Kara überlegte, wie viel er Kraus verraten sollte, und drückte das Handy fester ans Ohr, da sich in dem Moment zwei entsetzlich ratternde Straßenbahnen auf der Mannerheimintie begegneten. »Ich habe mit dem Direktor von Fennica und den finnischen Behörden gesprochen. Es sieht so aus, als sei ich hier an der richtigen Stelle. Globeguide hängt mit irgendeiner größeren Sache zusammen, wenn ich herausfinde, was das ist, könnte ich dem Käufer der Raketen auf die Spur kommen. Als Nächstes treffe ich mich mit den ehemaligen Chefs von Fennica.«

In der Leitung herrschte für einen Augenblick Stille. »Leo, hör mir jetzt genau zu. Hofman wollte dir das selbst sagen, wenn ihr euch trefft, aber mir scheint, das kann nun nicht mehr warten. Du bist möglicherweise in Gefahr, wenn du weiter in dieser Sache herumstocherst. Warte wenigstens, bist du mit Hofman gesprochen hast.«

Kara warf einen Blick auf seine Uhr und setzte sich in Bewegung, er wollte sich bei dem Treffen mit Kati Soisalo nicht verspäten. »Melde dich sofort, wenn du etwas von Hofman hörst. Ich erledige inzwischen noch zwei bereits vereinbarte Gespräche. Die werden wohl kaum gefährlich sein.«

***

Leo Kara fand Kati Soisalos Anwaltskanzlei in einem prächtigen alten Haus an der Ecke Tehtaankatu und Telakkakatu, ganz in der Nähe der Bucht Hietalahti und der Insel Hernesaari. Auch die Büroeinrichtung war eindrucksvoll: Die Poster an der Wand machten sofort klar, was für Fälle Kati Soisalo übernahm oder zumindest gern übernommen hätte: Unicef – »Stoppt den illegalen Kinderhandel«, Zentralverband der Kinderschutzvereine – »Schlagt keine Kinder«, ECPAT – »Ein Kind ist kein Soldat« und Amnesty International – »Kinderrechte?« Abscheuliche Bilder tauchten aus Karas Erinnerung auf, als er vom Sofa aus das Poster von Amnesty betrachtete, auf dem in eine enge Zelle gepferchte, bedauernswerte Jungen durch die Gitter in die Kamera starrten.

Kati Soisalo war ein paar Jahre auf der besseren Seite der dreißig, hatte ein schönes Gesicht und eine gute Figur und wirkte nicht wie eine Juristin. Das Hemd, die Hose, das ungeschminkte Gesicht, das jungenhaft kurze Haar und der gestresste Gesichtsausdruck ließen sie hart, ja sogar bedrohlich aussehen. Garantiert würden sich nicht viele Männer trauen, Kati Soisalo am Bartresen anzusprechen.

»Wie bist du bei den UN gelandet? Man könnte fast neidisch werden. Ich habe mich auch bei Unicef, Amnesty, beim Roten Kreuz und sonst wo beworben, als ich vor einem Jahr bei Fennica gekündigt habe. Aber ich war nicht gut genug, die erwarten alle, dass man Erfahrung genau auf ihrem Gebiet hat oder jahrelang ehrenamtlich für Hilfsorganisationen tätig war«, sagte Kati Soisalo und stellte eine Kaffeetasse und die Zuckerdose vor Kara hin. Dann setzte sie sich ihm gegenüber in einen Sessel der Sitzgruppe, die in der Mitte der Kanzlei stand.

»Einen Job bekommt man ja durch Beziehungen. Und wahrscheinlich hat mir dabei auch meine Berufserfahrung irgendwie geholfen«, erzählte Kara. »Ich habe als Informationsanalytiker im britischen Nachrichtendienst MI5 gearbeitet und bei der Global Crisis Group Länderanalysen geschrieben. Die Firma beschäftigt sich überwiegend mit internationaler Krisen- und Konfliktkontrolle. Manchmal musste ich auch ein bisschen dolmetschen.«

»Das UNODC untersucht doch auch den internationalen Menschenhandel, oder?«, fragte Kati Soisalo mit neugieriger Miene.

»Das ist eines der Hauptgebiete, für die wir zuständig sind, aber ich habe eher selten damit zu tun. Ich bin Persönlicher Assistent des Generaldirektors und kümmere mich um alles Mögliche … um ganz unterschiedliche Dinge. Und du? Du hast eine gut bezahlte Führungsposition in einem großen Unternehmen gegen die Freiheit eingetauscht, stimmt’s?«

»Das hing mit vielen Dingen zusammen. Meine Ehe ging im Streit zu Ende, und ich … habe meine Tochter verloren.«

»Wie ist es dir denn gelungen, dein Kind zu verlieren, beim Poker?« Die Worte hingen noch in der Luft, da begriff Kara schon, was für einen Bockmist er von sich gegeben hatte. Kati Soisalo wirkte bestürzt.

»Entschuldigung, das war ein schlechter Witz. Es ist mir so herausgerutscht …« Kara wollte ihr nicht sagen, dass eines der Symptome der Frontalpsyche, unter der er litt, die Unfähigkeit war, eigene Äußerungen unter Kontrolle zu haben. Manche Patienten mit Frontalhirnsyndrom platzten dann und wann mit etwas heraus, was völliger Unsinn war. Er achtete in der Regel sehr sorgsam auf das, was er sagte. Wenn einem blödsinnige Bemerkungen entfuhren, entstand schnell der Eindruck, dass man verrückt war.

Mit gerunzelter Stirn fuhr Kati Soisalo fort. »Die Arbeit bei Fennica war zu keiner Zeit ein Zuckerschlecken: Verdammt viel zu tun, und ständig musste man mit irgendwelchen Tricksereien die Paragraphen umgehen. Ich habe nicht Jura studiert, um dafür zu sorgen, dass es noch mehr Waffen in der Welt gibt. Und ich bin auch nicht Juristin geworden, um nach Schlupflöchern im Gesetz zu suchen und so die Bilanzen der großen Unternehmen zu schönen, damit der Gewinn noch üppiger ausfällt. Jetzt kann ich mir meine Mandanten und Fälle immerhin selbst aussuchen. Ich übernehme nur … bestimmte Sachen.«

Kara überlegte, was mit ihrem Kind geschehen sein könnte. Kaum ein Mensch würde wohl gern mit jemandem, den er so gut wie gar nicht kennt, über solche Dinge reden. Er selbst jedenfalls nicht. Kati Soisalo hatte anscheinend einiges durchgemacht und wurde dadurch in seinen Augen noch einen Deut interessanter.

»Worüber willst du im Zusammenhang mit Fennica noch reden? Über die Bestechungsgeschichte?«, fragte Kati Soisalo und lehnte sich bequem zurück.

»Über Globeguide.«

Kati Soisalo schüttelte den Kopf. »Das hast du ja auch am Telefon behauptet, aber es fällt mir schwer, das zu glauben. Wegen der Bestechungsgeschichte werde ich fast jeden Tag angerufen, Journalisten und Fernsehredakteure sind verzweifelt auf der Jagd nach Bruchstücken von neuen Informationen zum schwersten Bestechungsfall in der finnischen Wirtschaftsgeschichte.«

Aus irgendeinem Grund hatte Kara das Gefühl, dass er Kati Soisalo vertrauen konnte. Er erzählte ihr in einem Zug fast alles, was er zwei Tage zuvor bei Fennica, bei der KRP und der SUPO erfahren hatte.

»Ukkola von der KRP ist übrigens mein Exmann«, sagte Kati Soisalo ganz unvermittelt, als er fertig war. Kara schaute sie verdutzt an, seiner Ansicht nach passten Ukkola und Soisalo so zusammen wie Gandhi und Caligula.

»Als ehemalige Leiterin der Rechtsabteilung von Fennica weißt du über Globeguide garantiert vieles, was mir weiterhelfen könnte«, fuhr Kara fort. »Ich habe bei der SUPO gehört, dass irgendeine russische Firma an der Entwicklung des Globeguide-Systems von Fennica beteiligt war, und zwar von Anfang an. Weißt du etwas darüber?«

»Nein, aber die Information überrascht mich nicht sonderlich«, antwortete Kati Soisalo und lachte. »Mein damaliger Vorgesetzter, der Geschäftsführende Direktor von Fennica, Otto Mettälä, war einer der letzten alten Hasen der mittlerweile nicht mehr zeitgemäßen Form des Osthandels, ein echter Veteran des Clearing-Handels. Ich weiß ziemlich gut über die jüngere Geschichte von Fennica Bescheid, auch über die Zusammenarbeit mit den Sowjets und den Russen in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren. Mettälä hat gern mit seinen Heldentaten vergangener Zeiten geprahlt, vor allem, wenn er etwas getrunken hatte. Ich habe mir Ottos Geschichten im Laufe der Jahre bestimmt Hunderte Stunden lang anhören müssen, auf Dienstreisen, bei Betriebsfeiern, auf Repräsentationsveranstaltungen …«

Kati Soisalo goss Kara Kaffee nach und fuhr dann fort: »Fennica hatte ausgezeichnete Beziehungen zur Sowjetunion. Zu jener Zeit wurde ja in Finnland ein viel breiteres Spektrum von Waffen und Schiffen hergestellt als heute. Es gab mehr Werften und Unternehmen der Waffenindustrie, und viele von ihnen entwickelten ihre Erzeugnisse in Zusammenarbeit mit der Sowjetunion.

Überleg mal, auf finnischen Werften wurden in der Zeit nach dem Krieg bis Ende der Achtziger fast zweihundert Schiffe für die Sowjetunion gebaut: Eisbrecher, Kabelleger, Forschungsschiffe, Passagierschiffe, Frachtschiffe und alle möglichen Pötte, die sich für eine Nutzung unter arktischen Bedingungen eigneten, sogar zwei atombetriebene Eisbrecher. Der Export der von Rauma-Repola hergestellten Tiefseetauchkugeln in die Sowjetunion Ende der achtziger Jahre führte sogar zu einem internationalen politischen Konflikt. Die USA drohten damit, den Export von Spitzentechnologie nach Finnland zu erschweren, wenn die Finnen ihren Vertrag mit der Sowjetunion nicht aufkündigten. Nach Ansicht der Vereinigten Staaten hätte der Verkauf dieser Tauchkugeln die Sicherheit der Welt gefährdet.«

»Das ist schon lange her«, sagte Kara. »Das Globeguide-Projekt entstand erst im 21. Jahrhundert.«

»Aber die Kontakte der finnischen Unternehmen über die Ostgrenze hinweg sind nicht abgerissen, als der sowjetische Staat zusammenbrach, im Gegenteil. An seine Stelle traten private Unternehmen, in denen die gleichen Menschen Entscheidungen trafen wie zu Zeiten der Sowjetunion. Und außerdem hatten die Russen endlos viel Geld. Die Parteibonzen und die führenden Leute der Armee beschafften sich nach 1991 Milliarden Dollar, indem sie Waffen und alles mögliche andere Eigentum der Sowjetunion verkauften. Es kam zur größten Kapitalflucht der Geschichte, da diese Milliarden überall in der Welt investiert wurden. Auch in Finnland.«

»Weshalb hier, Finnland ist doch ein ziemlich kleines Land?«

»Die Sowjetunion hatte zu keinem anderen Land mit einer Marktwirtschaft auch nur annähernd so gute Beziehungen. Es war einfach hierherzukommen. Finnland wurde zum Versuchsfeld, zu einem Labor, wo die Russen trainierten, wie man in der Marktwirtschaft agiert. Immer noch lässt sich schwer abschätzen, wie viel russisches Geld man mehr oder minder geheim hierher gepumpt hat. Oder wie groß der Einfluss des russischen Geldes in Finnland heute ist.«

Kara verstand allmählich, worauf sie hinauswollte. »Und die Russen brauchten als Unterstützung zuverlässige finnische Unternehmen und Firmenchefs.«

Kati Soisalo lächelte. »Jetzt hast du’s erfasst. Otto Mettälä hatte glänzende Beziehungen sowohl zur Sowjetunion als auch zu Russland.«

Kara ließ sich das Gehörte einen Augenblick durch den Kopf gehen. »Du glaubst also, dass Otto Mettälä alles über das Globeguide-System und die russische Firma weiß, die seine Entwicklung finanziert hat?«, fragte Kara. Kati Soisalo nickte.

»Was für ein Mann ist Otto Mettälä?«

»Einer der letzten finnischen Leiter vom alten Typ Fabrikbesitzer, ein Relikt aus einer untergegangenen Welt«, antwortete Kati Soisalo mit einem Lächeln. »Ein Mann, der sich nicht sonderlich für die Mitbestimmung, Pausenräume, gesetzlich vorgeschriebene Kaffeepausen oder Gymnastik am Arbeitsplatz interessiert hat. Er sagte, was er dachte, und hielt sein Wort. Gesoffen hat er wie ein Schwamm, aber total betrunken war er nie, er hielt sich für einen Halbgott und verwechselte bedenkenlos das Geld der Firma mit seinem eigenen. Er war genau so ein Chef, den man fürchtete und achtete, aber merkwürdigerweise auch mochte.«

»Was für ein Verhältnis hattet ihr? Oder habt ihr?«

»Dreimal darfst du raten. Ich habe Mettälä durch Finanzverträge nach dem Prinzip ›sale and lease back‹ ein Millionenvermögen beschafft«, brüstete sich Kati Soisalo und sah, wie Kara die Augenbrauen hochzog.

»Mettälä nahm bei Fennica einen Bullet-Kredit über fünfhunderttausend Euro auf, der drei Jahre danach fällig wurde. Mit dem Geld kaufte er die Villa ›Levin‹, die der Firma gehörte, und vermietete sie an Fennica. Gemäß Mietvertrag fielen innerhalb von drei Jahren genau fünfhunderttausend Euro Mieteinnahmen an. Damit hat Mettälä drei Jahre später einfach den Kredit für seine Villa zurückgezahlt. Praktisch, nicht? Der vereinbarte Preis lag natürlich so nahe am tatsächlichen, dass an dem ganzen Konstrukt nichts gesetzwidrig war. Und die Villa ›Levin‹ war nicht das einzige Geschäft dieser Art. Mettälä ist mir in nicht geringem Maße zu Dank verpflichtet. Und man darf auch nicht vergessen, dass ich ein paar Dinge von ihm weiß, über die er garantiert keine reißerischen Schlagzeilen in der Boulevardpresse lesen möchte.«

Kara lachte. »Möchtest du morgen mitkommen, wenn ich Mettälä treffe, möglicherweise ist er aufgeschlossener, wenn du dabei bist. Ich zahle natürlich dein normales Honorar.«

»Ich suche mir meine Mandanten, wie gesagt, nicht nach ihrer Zahlungsfähigkeit aus. Aber wenn ich der UNO helfen kann, komme ich gern mit.«

***

Der Leiter der Hauptabteilung der KRP, Kriminaloberinspektor Jukka Ukkola, fuhr auf der Tehtaankatu mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit und hoffte, dass ihn irgendein Polizeianwärter mit vor Aufregung zitternden Händen stoppte. Er war verärgert und hatte Lust, seine Wut an irgendjemandem auszulassen. Am allerwenigsten brauchte er in seinem Leben jetzt zusätzliche Störfaktoren, und genau das war dieser Leo Kara vom UNODC. Ausgerechnet in einem kritischen Moment musste dieser Kerl auf der Bühne erscheinen und den Problemfall Fennica und Globeguide ans Licht zerren. Seit sich der britische SIS für Fennica interessierte, hatte Ukkola alle Hände voll zu tun, um die Ermittlungen zu steuern. Sie durften keinesfalls so ausgeweitet werden, dass die Kriminalisten denen auf die Spur kamen, die wirklich die Entscheidungen trafen.

Vor dem Olympia-Terminal sprang die Ampel auf Grün, und Ukkolas schwarzer Volvo schoss los in Richtung Esplanade. Mit einem Schachzug würde er seine Position verbessern und zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Er hatte die Absicht, Leo Kara unschädlich zu machen, bevor der beim Kramen in den Angelegenheiten von Fennica etwas herausfand. Und zugleich würde er einen potentiellen Konkurrenten eliminieren: Kara war soeben zu einem Treffen mit Kati gegangen, und der durfte man nicht trauen. Faktoren, die eine Bedrohung darstellten, sollte man genau wie Konkurrenten ausschalten, sobald sie auf dem Spielfeld erschienen.

Schon als er in den Siebzigern frierend auf der Auswechselbank der Eishockeymannschaft von »Karakallion Pallo« saß, hatte Jukka Ukkola gelernt, dass jeder Mensch gut beraten war, sich auf das zu verlegen, wofür er eine Begabung hatte. Sportliches Talent besaß Ukkola wahrlich nicht, seine Begabung lag vielmehr in einer komplizierten Kombination vieler verschiedener Charakterzüge. Kurz gesagt, er hatte die Fähigkeit, sich das zu beschaffen, was er haben wollte. Er war ein Meister im Lügen, im Manipulieren von Menschen, im Erfinden und Einsetzen von Droh- und Bestechungsmitteln. Und vor allem war er nahezu ausnahmslos schlauer als seine Opfer.

Seine Begabungen sollte ein Mensch auch nutzen, sonst trat er im Treibsand des Lebens auf der Stelle, so wie sein Vater, ein Polizeihauptwachtmeister. Der hatte Angst gehabt, Entscheidungen zu treffen, Erfolg zu haben, beruflich voranzukommen, mit anderen zu konkurrieren, er hatte alles, das Leben überhaupt, gefürchtet. Sein Vater war all die Jahre farblos und geruchlos gewesen wie eine verblasste Erinnerung. Nie hatte ihn irgendjemand wirklich wahrgenommen, geschweige denn gemocht. Die Vorgesetzten mieden ihn, seine Frau beschimpfte ihn als Schwächling, und anscheinend hatte auch der Vater selbst seinem Leben keinen sonderlich hohen Wert beigemessen, denn am 22. Mai 1983 hängte er sich auf. Eine Woche vor Ukkolas Abiturfeier.

Er stellte seinen Wagen auf dem Parkplatz der Post ab und zahlte ausnahmsweise die Parkgebühr. Zum Glück hatte er daran gedacht, Karas Zimmernummer schon im Büro herauszufinden, so brauchte er sich nicht an der Rezeption des Hotels »Vaakuna« sehen zu lassen. Er ging durch das Restaurant »Casa Largo« hindurch, die Treppe hinauf zu den Hotellifts und fuhr in die siebte Etage. Als die Tür aufging, warf er schnell einen Blick hinauf zur Decke und lief dann mit gesenktem Kopf an der Wand entlang, um nicht von den Überwachungskameras erfasst zu werden. Nach kurzem Suchen fand er das Zimmermädchen und war nahe daran, die Nerven zu verlieren, als die Frau fünfhundert Euro dafür verlangte, dass sie ihm die Universalschlüsselkarte für fünf Minuten auslieh. Die Habgier mancher Leute kannte keine Grenzen.

In Karas kleinem Hotelzimmer entdeckte er nichts Bedeutsames, er hatte es innerhalb weniger Minuten vom Fußboden bis zur Decke durchsucht. Nur Kleidungsstücke, ein Beutel Kartoffelchips, eine Flasche Linie-Aquavit, ein zerlesenes Taschenbuch von Jo Nesbø und Waschutensilien. Ukkola holte aus seiner Hosentasche eine kleine Plastiktüte mit einem farblos glänzenden, kristallartigen Pulver hervor. Er würde dafür sorgen, dass der nächste Polizist, der dieses Zimmer betrat, etwas Interessantes fand – einen Beutel mit einhundert Gramm Metamphetamin, festgeklebt im Wasserbehälter der Toilette.

Dann würde auch Leo Kara einsehen, dass es besser war, Jukka Ukkola gegenüber nicht ausfällig zu werden.