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Freitag, 8. Mai

Direkt neben der stillgelegten Papierfabrik von Voikkaa strömte der Kymijoki dahin, der Fluss verlieh dem Industriegelände einen imposanten Eindruck, fand Leo Kara. Er sah die Landschaft von Kymenlaakso das erste Mal in seinem Leben. Der Taxifahrer bot sich an, ihn bis zum ehemaligen Gebäude der Druckschliffherstellung zu bringen, aber Kara ließ ihn am Haupteingang halten. Er wollte noch ein Stück zu Fuß gehen und sich dabei auf sein Treffen mit Hofman vorbereiten. Fragen hatte er genug, die reichten für einen ganzen Tag. Er war noch nicht wieder richtig bei Kräften, der Organismus erholte sich offensichtlich nur langsam von der Magenspülung und den Infusionen. Im Einkaufszentrum Kamppi in Helsinki hatte er sich neu eingekleidet und ein belegtes Baguette gegessen. Doch im Zug hatte er es nur geschafft, zwei Becher Joghurt auszulöffeln.

Der gut gelaunte Wachmann am Haupteingang reichte Kara eine Karte des Industriegeländes und erklärte ihm den Weg zur Druckschliffherstellung. Die Papierfabrik erstreckte sich über ein weites Gelände, das bestimmt mehrere Hektar umfasste. Die Sonne schien, die Möwen schrien, und Kara war guter Hoffnung, möglicherweise konnte er seine Arbeit hier zum Abschluss bringen. Wer hätte das gedacht. Wenn Hofman ihm tatsächlich verraten würde, wer für den Tod Ewans verantwortlich war, würde er die Information an Betha und Birou weitergeben und irgendwohin fahren, um sich von den Erlebnissen der letzten Tage zu erholen und seine Beurlaubung zu genießen, bis der ganze Raketenkonflikt aufgeklärt war. Er listete im Kopf seine Fragen an Hofman auf, die wichtigsten zuerst.

Am Ziel angekommen, blieb er stehen. Aus dem ohnehin schon hohen Gebäude der Druckschliffherstellung ragte ein noch höherer Schornstein auf, und an den Wänden verliefen riesige Metallrohre. Nach kurzem Suchen fand er den Eingang, eine kleine Tür in einem großen Schiebetor aus Stahl. Kara drückte auf die Klingel. Seine Aufregung stieg, müsste er um seine Sicherheit fürchten? Hofman hatte Ewan geholfen, war aber laut Pertti Forslund irgendwie in die illegalen Geschäfte von Sibirtek verwickelt.

Es dauerte enervierend lange, bis Kara in dem Gebäude den Widerhall von Schritten hörte. Schließlich hantierte jemand am Schloss, und die Spannung nahm noch weiter zu, endlich würde er Hofman treffen.

Die Tür ging auf, und Katarina Kraus zog Kara hinein. Sie sah ängstlich aus. In der Fabrikhalle war es duster und schmutzig, und es roch nach Metall. Sie schloss die Tür ab, die Schlösser machten einen sehr robusten Eindruck. Dann ging sie in die Mitte der Halle und wich dabei Maschinen und Anlagen aus. In der Hand hielt sie eine schwarze Aktentasche. Kara folgte ihr. Neben einem großen abgedeckten Gegenstand blieb sie stehen, riss die Plane weg und machte eine präsentierende Geste.

Kara starrte auf einen dunkelgrauen, sieben Meter langen Apparat, den nur wenige Menschen je in natura gesehen hatten, aber trotzdem würden die meisten ihn sofort erkennen. Ein Marschflugkörper! Er lag auf einer Abschussrampe.

»Die Einzelteile der Rakete wurden in den Sudan geliefert und dort zusammengebaut. Diese Montage aus Dutzenden verschiedenen Komponenten hat Sibirtek hier trainiert.« Man hörte ein dumpfes metallisches Geräusch, als sie auf die Rakete klopfte. »Das hier ist natürlich keine echte.«

»Warum wurde das gerade hier gemacht? In Kuusankoski, in Finnland?«

»Die Raketenhülle, das Steuerungssystem und die Abschussrampe wurden in Finnland hergestellt, und dieser Ort war für die Bedürfnisse von Sibirtek perfekt geeignet. Auf dem Industriegelände sind jetzt viele kleine Unternehmen angesiedelt, es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, und die Mitarbeiter der verschiedenen Firmen kennen einander nicht. Und das Wichtigste: In Finnland ist Sibirtek in Sicherheit, gewissermaßen … außerhalb der Reichweite des Gesetzes.«

Adrenalin schoss in Karas Blut, er war fast am Ziel, nun wusste er, wer die Raketen herstellte. »Warum hat man das alles hier zurückgelassen, mussten die Leute von Sibirtek Hals über Kopf verschwinden? Hat jemand wegen dieser Halle bei der Polizei Anzeige erstattet?«

Katarina Kraus antwortete nicht, sie wandte sich um, bedeutete Kara, ihr zu folgen, und ging zur Stirnseite. Sie betraten den Kontrollraum der Druckschliffherstellung, durch dessen große Fenster man in die halb leere Halle schauen konnte. In der Mitte des spartanisch eingerichteten Raums standen ein paar Schreibtische und an der Wand eine Reihe Dokumentenschränke.

»Wo ist Hofman?« Kara erinnerte sich endlich daran, warum er eigentlich hier war.

Katarina Kraus stellte ihre Tasche auf einen Schreibtisch, stemmte die Hände in die Hüften und schaute ihn trotzig an. »Es ist so, wie ich im Krankenhaus gesagt habe: Jetzt erfährst du die Wahrheit. Du hast die ganze Zeit mich gesucht. Ich habe die Raketen an den Witwenmacher verkauft.«

Kara bekam kein Wort heraus, er starrte die Frau mit offenem Mund an wie ein geistig Minderbemittelter.

»Ich arbeite für Hofman und die … Seite, die er vertritt. Meine Stelle bei der SDC ist bloß Tarnung, ein Täuschungsmanöver, das Hofman organisiert hat. Die SDC gehört ihm oder seinen Befehlsgebern.«

Plötzlich begriff Kara, wie brenzlig seine Lage war. Er hatte dem Feind vertraut, er stand in einem verlassenen Fabrikgebäude allein dem Verkäufer der Rakete gegenüber, die in Kenia eingeschlagen hatte. »Was soll das bedeuten, verdammt? Warum hast du mich hierher bestellt?«

»Setz dich hin und beruhige dich, dann erkläre ich es dir. Ich trage keine Waffe und habe bei einer Schlägerei ganz sicher keine Chance gegen dich, du bist also überhaupt nicht in Gefahr.« Katarina Kraus sprach betont ruhig und setzte sich hin.

»Vor zwei Jahren habe ich mich bei der Security and Defence Corp. um einen Job als Risikoanalytikerin beworben, genau wie Hunderte andere junge Leute, die sich für eine internationale Karriere interessierten. Die SDC hatte eine tolle Zentrale in Brüssel und einen makellosen Ruf, und dem einzustellenden Risikoanalytiker versprach man ein außerordentlich gutes Vergütungspaket, Chancen für einen schnellen Aufstieg und die Möglichkeit, überall in der Welt zu arbeiten. Ein Traumjob also. Ich war natürlich begeistert, als ich zu den psychologischen Tests zugelassen wurde, und vor Glück ganz durcheinander, als ich schließlich zu den drei besten Bewerbern gehörte. Aber am Ende blieb mir bei dem Stechen doch nur Silber, und damit begannen die Probleme«, erzählte Katarina Kraus und senkte den Blick.

»Nachdem ich von meiner Niederlage erfahren hatte, rief mich Hofman ein paar Tage später an und erklärte mir, die SDC, die er vertrete, wolle mich als Sicherheitsberaterin einstellen. Ich war natürlich sprachlos. Dann begann ich meine Arbeit in den Räumen der SDC, und das Gehalt landete regelmäßig auf meinem Konto. Während der halbjährigen Einarbeitungszeit verlief alles normal, ich schrieb Länderanalysen über Staaten, in denen es politisch stürmisch zuging, schaute mir gemeinsam mit älteren Kollegen verschiedene Krisenherde und Objekte von SDC-Operationen vor Ort an und hielt regelmäßig Kontakt zu Hofman, der mein unmittelbarer Vorgesetzter war. Doch dann änderte sich alles.

Vor anderthalb Jahren erschien Hofman in meinem Büro, wirkte ganz ungewöhnlich euphorisch und erzählte mir, er habe mich für eine Aufgabe ausgewählt, die bei erfolgreichem Abschluss garantiert eine Beförderung und eine beträchtliche Gehaltserhöhung mit sich brächte. Ich sollte mich mit Hofman zusammen auf ein spezielles Projekt konzentrieren, auf die Beschaffung europäischer Spitzentechnologie für einen sudanesischen Kunden. Sowohl das Projekt als auch der Kunde unterlägen einer noch strengeren Geheimhaltung als sonst, selbst ich würde nicht alle Namen erfahren. Ich ging sofort auf den Vorschlag ein, und damit begann es für mich: die Vorbereitung der Raketenanschläge. Es dauerte allerdings seine Zeit, bis ich begriff, worum es sich handelte. Und ich weiß immer noch nicht alles über Hofmans Operationen.

Erst vor ungefähr einem Jahr wurde mir klar, dass ich Hofman dabei half, dem berüchtigtsten Waffenhändler der Welt, Ruslan Sokolow, dem Witwenmacher, europäische Spitzentechnologie und Erzeugnisse der Rüstungsindustrie zu liefern. Ich war natürlich schockiert und fing an zu ermitteln, um was es im Einzelnen ging. Zu seinem Pech vertraute mir Hofman und verriet mir im Laufe der Zeit so viele Details, dass ich schließlich dahintergekommen bin, worum es sich bei dem Raketenprojekt handelt. Offen gesagt glaube ich, Hofman hält mich für etwas naiv. Für noch naiver, als ich bin.« Ein freudloses Lächeln huschte über ihr Gesicht.

»Als mir endgültig klar wurde, dass ich in den Schmuggel von Marschflugkörpern verwickelt war, der mit Hilfe des Witwenmachers stattfand, bat ich Hofman sofort um eine Versetzung irgendwohin ins Ausland. Da er sich weigerte, erzählte ich ihm, dass ich von der Rolle des Witwenmachers wusste. Und ich deutete an, dass ich meine Kündigung in Erwägung zog. Nie werde ich seinen Wutanfall vergessen. Er gab mir deutlich zu verstehen, der Auftrag müsse zum Abschluss geführt werden und er könne keine Verantwortung dafür übernehmen, was Männer wie der Witwenmacher tun würden, wenn ich mitten in der Abwicklung des Geschäfts von der Bildfläche verschwände. Das war eine verdeckte, aber eindeutige Drohung – ich würde sterben, wenn ich ausstiege. Als ich mich dann scheinbar seinem Willen untergeordnet hatte, verdoppelte er mein Gehalt und beförderte mich zum Senior Consultant. Ein echter Witz. Ich spielte mehr denn je die bereitwillige Helferin, und allmählich begann Hofman mir wieder zu vertrauen. Ich erfuhr weitere Einzelheiten.«

Je länger Katarina Kraus erzählte, umso angespannter wurde Karas Gesichtsausdruck. »Du hast die ganze Zeit die Wahrheit gewusst. Ewan ist völlig sinnlos gestorben und …«

»Hör mir bitte bis zum Schluss zu. Wenn ich Hofman angezeigt hätte oder geflohen wäre, hätte man mich umgebracht. Das ist sicher. Deshalb habe ich Kontakt zu Ewan Taylor aufgenommen und ihm gerade so viel verraten, dass er dem Raketenprojekt des Witwenmachers auf die Spur kam. Ich dachte, niemand würde erfahren, welche Rolle ich dabei gespielt hatte. Und Ewan könnte den Dank und den Ruhm für die Aufdeckung des Raketenplans ernten. Damals war noch nicht zu befürchten, dass Hofman Ewan umbringen lassen würde. Aber dann erfuhr Ewan etwas über Sibirtek, und das wurde ihm zum Verhängnis. Das konnte ich nicht voraussehen«, sagte Katarina Kraus und schaute Kara mit einem flehenden Blick an.

»Du warst das! Deinetwegen wurde Ewan umgebracht?« Kara war überrascht und wütend zugleich.

»Du hattest Glück«, fuhr Katarina Kraus fort. »Hofman musste auch dich ausschalten, weil du der Einzige warst, mit dem Ewan über seine Ermittlungen gesprochen hatte. Allerdings habe auch ich nicht herausbekommen, wie viel du wusstest, obwohl ich mich mehrmals mit Ewan getroffen habe. Der Mord an zwei UN-Mitarbeitern innerhalb von zwei Tagen hätte das Interesse der Öffentlichkeit zu sehr auf Khartoum gelenkt. Deshalb wollte Hofman die Ereignisse in der Villa des Witwenmachers so inszenieren, dass man annehmen musste, du hättest ihn ermordet. Auf dein Konto wurden dreißigtausend Euro überwiesen, und du solltest auf frischer Tat ertappt werden. Aber der Plan schlug fehl, weil Baabas vor der Villa auftauchte und der Killer nicht den vorgesehenen Fluchtweg benutzen konnte. Und nachdem du deine Informationen an das UNODC weitergeleitet hattest, brauchte man dich nicht mehr zu töten. Der Schaden war schon eingetreten.«

»Brauchte man mich nicht mehr zu töten? Und was war das im Hotel ›Vaakuna‹?«, erwiderte Kara aufgebracht.

»Ich habe dich doch gewarnt. Denn ich ahnte, dass Hofman dich nun wieder beseitigen wollte, weil du von Mettälä neue Geheimnisse erfahren hattest. Doch von der Rolle, die Sibirtek spielt, dürfen die Behörden nichts erfahren. Hofman hütet Sibirtek wie seinen Augapfel. Als Forslund dir verraten hatte, dass Hofman etwas mit Sibirtek zu tun hat, wusste ich, dass du verloren bist. Durch Sibirtek erfährt Hofman alles, was in Finnland passiert, sie haben das ganze Land unterwandert. Deine Treffen mit Mettälä und Forslund sind Sibirtek und Hofman unverzüglich zu Ohren gekommen.«

»Wenn du sofort verraten hättest, was du wusstest, dann wären die Behörden imstande gewesen, das alles zu verhindern: Ewans Tod, den Raketenanschlag …« Kara schaute Kraus verächtlich an.

»Ich wusste nicht, was man mit den Raketen vorhatte, der erste Anschlag war auch für mich ein totaler Schock«, versicherte Katarina Kraus.

»Der erste? Sind es mehrere Raketen?«, fragte Kara.

Katarina Kraus lächelte bedrückt. »Jetzt kommen wir zum Kern der Sache. Es werden fünf Anschläge gegen Geschäftsräume der UN, des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank angedroht, wenn man nicht auf die Forderungen der Erpresser eingeht. Die nächste Rakete wird in knapp drei Tagen abgefeuert, am Montagmorgen um neun Uhr UTC-Zeit.«

Kara musste sich setzen. Man hatte ihn absichtlich im Dunkeln gelassen, Betha und Birou wussten garantiert von der Raketendrohung.

Katarina Kraus fuhr nach einer kurzen Pause fort. »Ich habe Angst, das gebe ich zu. Wenn Hofman erfährt, dass ich den Behörden alles verraten habe, ist das mein Todesurteil. Deshalb habe ich darauf gewartet, dass jemand die restlichen Raketen findet, entweder du oder die internationale Gemeinschaft, damit die bevorstehenden Anschläge verhindert werden können. Aber jetzt bleibt einfach keine Zeit mehr, ich kann nicht länger warten. Ich muss dir das Beweismaterial geben und mich irgendwo verstecken. Die Nachrichtendienste schaffen es noch, die Raketen aufzuspüren. In dieser Tasche befindet sich alles, was ich weiß, alle Beweise, die ich in die Hand bekommen habe. Ich muss das Risiko eingehen, ich will wirklich nicht für den Rest meiner Tage darunter leiden, dass ich den Tod von Tausenden Menschen auf dem Gewissen habe«, sagte Katarina Kraus, öffnete ihre Tasche und drehte sie zu Kara hin.

»Warum ich?«

»Wenn du diese Informationen an die Behörden weitergibst und meinen Namen niemandem gegenüber erwähnst, könnte ich das alles vielleicht noch lebend überstehen. Du schuldest mir einen Gefallen, ohne mich würde Hofman dich heute oder morgen umbringen lassen.«

Kara schüttelte den Kopf. »Dein Name ist schon allen bekannt.«

»Wenn du nichts sagst, wird niemand wissen, dass gerade ich alles verraten habe«, erwiderte Katarina Kraus und klopfte auf ihre Tasche. »Und noch etwas. So unglaublich das auch klingt, die Raketenanschläge sind bei der ganzen Sache nicht einmal das schlimmste Verbrechen. Bitte die Behörden herauszufinden, warum Sibirtek bereit war, denen, die hinter dem Ultimatum stecken, die Raketen zu verkaufen. Es ist etwas noch viel Größeres als die Raketenanschläge im Gange, etwas …«

Ein Schuss krachte, die Kugel durchschlug den Schädel von Katarina Kraus mitten im Satz.

Kara warf sich instinktiv zu Boden, die nächste Kugel durchlöcherte ihre Tasche. Ihm stockte der Atem, das Bild, wie eine Wolke von Blut aus Katarina Kraus’ Kopf herausspritzte, brannte sich ihm ein wie Säure. Kara kroch zur Tür des Kontrollraums und realisierte, dass der Schütze durch das zersplitterte Sicherheitsglas hindurch wahrscheinlich nichts erkennen konnte, ihm blieben ein paar Sekunden Zeit. Als der dritte Schuss krachte, riss Kara die Tür auf und rannte zu den Maschinen, die mitten in der Halle standen. Das nächste Geschoss schlug eine Handbreit neben seinem Fuß ein. Funken sprühten, Kara warf sich hin und landete auf dem Bauch im Schutz eines riesigen kugelförmigen Metallbehälters, er holte gierig Luft. Sein Herz raste. Er war in Deckung, aber gleich würde der Killer kommen. Die Fenster befanden sich unter der Decke, Notausgänge waren nicht zu sehen, ein Anruf brächte nicht rechtzeitig Hilfe, und bis zur Tür würde er es nie schaffen. Er war noch so geschwächt, dass er gar nicht erst zu überlegen brauchte, ob er es mit einem bewaffneten Killer aufnehmen könnte. Die Tasche mit den Beweisen stand noch auf dem Tisch, die konnte er auf keinen Fall mehr an sich bringen.

Er hörte, wie die Schritte des Killers schneller wurden, und sah im selben Moment die Luke an der Seite des Behälters. Er richtete sich auf, zog an dem Griff, und die Klappe ging auf. Die Schritte kamen näher und wurden immer schneller, er zwängte sich hinein, knallte die Klappe von innen zu und drehte den Griff herum. Nur ein paar Sekunden später packte der Killer die Klinke von außen. Er war kräftig, der Griff bewegte sich allmählich nach unten, hing der Mann mit seinem ganzen Gewicht daran? Kara stellte sich unter den Griff, der sich zum Glück in der richtigen Höhe befand, stemmte die Schulter darunter und seufzte vor Erleichterung, obwohl sich das Metall tief in seinen Schultermuskel drückte. Der Puls dröhnte in den Ohren. Es war höchste Zeit, die Notrufzentrale anzurufen. Er holte sein Telefon aus der Tasche und fluchte: Auf dem Display war nicht einmal der Name des Anbieters zu lesen, in der Metallkugel hatte das Handy keinen Empfang.

Der Mann draußen zerrte noch eine Weile an der Klinke, dann ließ der Druck auf Karas Schulter nach. Er rührte sich nicht von der Stelle und hörte, wie der Killer um den Behälter herumging und dann die Leiter hinaufstieg, die auf die Metallkugel führte. Die Angst staute sich als Druck im Kopf, Kara fror, obwohl es in seinem Versteck heißer war als in der Halle. Wenn es noch einen zweiten Eingang gab, würde er nicht mehr lange leben. Die Sekunden vergingen so langsam wie Minuten. Wie lange müsste er diesmal in einem geschlossenen Raum leiden, die quälenden Erinnerungen machten sich schon bemerkbar.

Endlich hörte er, wie der Killer wieder herunterstieg. Doch er wollte sich nicht wegrühren, solange der Mann nicht gegangen war. Kara strengte seine Augen an, aber der Behälter war so dicht, dass rundum nur absolute Dunkelheit herrschte, nirgendwo ein Lichtstreif. Er musste hier heraus, und zwar bald.

 

In der Halle schleppte der Killer im grünen Schutzanzug drei Flaschenpaare mit Azetylengas und Sauerstoff direkt neben die Metallkugel. Er regelte das Druckminderungsventil und entzündete die Flamme mit über dreitausend Grad am ersten Schweißbrenner, dann am zweiten und dritten. Schließlich stellte er die Brenner eine Handbreit vom Behälter entfernt auf. Am liebsten hätte er den Kontrollraum in Brand gesteckt, aber das ging nicht, möglicherweise erschien die Polizei am Brandort, bevor er das Fabrikgelände verlassen hätte. Es war ein großer Fehler gewesen, auf den günstigsten Augenblick für die Liquidierung von Kraus und Kara zu warten. Er hätte Kara ohne Rücksicht auf das Risiko schon im Krankenhaus und Kraus sofort nach ihrer Ankunft in Finnland hinrichten müssen. Dieser Auftrag würde wahrhaftig nicht als Meisterleistung in die Annalen eingehen. Niemand war perfekt.

 

Kara hörte, wie in der Halle etwas polterte und dann zischte. Was machte der Killer? Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, warum wurde es in dem Behälter wärmer? Und wie zum Teufel war er wieder in die Situation geraten, gefangen in einem finsteren Loch zu sitzen? Normalerweise hatte er für den Notfall immer ein paar Dialar-Pillen bei sich, aber jetzt fand sich in seinen Taschen nichts, das hatte er den Ereignissen im Hotel zu verdanken.

Kara hockte sich hin, legte den Kopf auf die Knie und stellte sich eine sonnige verschneite Landschaft vor, in der die Trümmer eines Flugzeugs rauchten. Er saß an einem Lagerfeuer und hatte einen Rucksack neben sich, der mit Winterkleidung und Lebensmitteln aus dem Gepäck der umgekommenen Passagiere gefüllt war. Unverwandt schaute er in die Flammen, sie zogen seinen Blick in ihren Bann, und der leuchtend rote Punkt wurde immer größer …

Plötzlich wurde Kara klar, dass er auf eine rot glühende Stelle in der Behälterwand starrte. Er trat näher heran, berührte den Punkt mit dem Finger und schrie vor Schmerz auf – die Wand war glühend heiß. Er drehte sich um und sah einen zweiten roten Punkt. Und noch einen dritten, der etwas größer war als die beiden anderen. Jemand versuchte ihn bei lebendigem Leibe zu braten. Garantiert wartete der Killer draußen vor der Luke.

Er kam sich wie ein Idiot vor, als er gegen die Wand trat und aus vollem Halse schrie.

***

Kati Soisalo stoppte ihren Smart auf der Kuusaantie etwa zweihundert Meter vor dem Industriegelände von Voikkaa.

»Hoffen wir mal, dass mich kein Bekannter in diesem lächerlichen Elefantenschiss gesehen hat«, sagte der einhundertachtzehn Kilo schwere ehemalige Gewichtheber Sakke Tirkkonen auf dem Beifahrersitz und schraubte sich mühsam hinaus. Kati Soisalo hatte den Präsidenten des MC Black Angels gebeten, sie als Bodyguard zu begleiten. Theoretisch könnte sie dank ihrer Fertigkeiten im Krav Maga mit den meisten Männern im Kampf eine gegen einen fertig werden. Aber die Praxis war eine ganz andere Sache.

In einem Prozess vor einem Jahr hatte sie Tirkkonen vor einer Gefängnisstrafe bewahrt, als der Staatsanwalt eine Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung gefordert hatte. Dem lag aber nur die Zeugenaussage eines Mitglieds der konkurrierenden Motorradclique zu Grunde. Der Mann hatte behauptet, Tirkkonen sei mitten in der Nacht in seine Wohnung eingebrochen und habe ihn mit einem Eishockeyschläger misshandelt. Tirkkonen war zwar ein gewalttätiges Großmaul, aber in einem Rechtsstaat durfte niemand ohne Schuldnachweis in den Knast gesteckt werden.

Kati Soisalo hatte sich während der Fahrt von Helsinki bis hierher einen Plan zurechtgelegt, das Ergebnis war freilich mager. Eins wusste sie allerdings genau, sie würde sofort die Polizei anrufen, wenn sich in den von Etuvartio gemieteten Räumen handfeste Beweise für die Verbrechen von Sibirtek fänden und sobald sie alles fotografiert hätte. Sie wollte die Räumlichkeiten erst selbst durchsuchen. Ohne Polizei. Denn sie fürchtete, dass Ukkola, der in die Aktivitäten von Sibirtek verwickelt war, imstande wäre, Einfluss auf die Ermittlungen zu nehmen oder die Beweise zu vernichten. Den Besuch in Voikkaa nicht aufschieben zu können passte ihr gar nicht. Möglicherweise dauerte es noch lange, bis sich Kara im Krankenhaus erholt hatte, und seine Dienstreise in Finnland näherte sich ihrem Ende. Sie war so nervös, dass sie es schon bereute, überhaupt hierhergefahren zu sein. Zum Glück war wenigstens Tirkkonen dabei.

Der Wachmann am Haupteingang begrüßte Kati Soisalo erfreut und hätte sich im Überschwang der Gefühle um ein Haar den Kaffee auf die Uniform gekippt.

»Ich möchte zu den Räumen von Etuvartio, aber …«

»Na, dort ist aber heute ein Betrieb. Erst kommt wochenlang niemand, und dann tauchen am selben Tag gleich mehrere Leute auf. Habt ihr dort irgendeine Feier, bin ich auch eingeladen?«, scherzte der Wachmann und präsentierte Kati Soisalo sein schönstes Lächeln, dem nur der linke Eckzahn unten abging. Das Lächeln gefror ihm jedoch auf den Lippen, als Sakke Tirkkonen auftauchte. Ein Kerl wie ein Schrank, der jedem Respekt einflößte, er trug eine Jeansjacke und eine Lederweste, und seine Wange zierte ein Tribaltattoo so groß wie eine Untertasse.

Kati Soisalo wechselte noch ein paar Worte mit dem Wachmann, erhielt eine Karte des Industriegeländes und ging gefolgt von Tirkkonen zum Gebäude der Druckschliffherstellung. Angst erfasste sie. Sibirtek, das möglicherweise sowohl für den Tod von Mettälä und Forslund als auch für den Mordanschlag auf Kara verantwortlich war, hatte etwas mit diesen Räumen zu tun. Doch am helllichten Tage mitten in einem Industriegelände, in dem viele Firmen arbeiteten, würde man ihr und Tirkkonen ja wohl kaum etwas antun, sagte sich Kati Soisalo immer wieder.

Die Druckschliffherstellung war ein großes, hoch aufragendes Durcheinander aus Stahl und Beton. Kati Soisalo versuchte vergeblich ein Schild von Etuvartio zu finden. Es gab nur eine Tür. Sie klingelte, wartete und zog dann an der Klinke. »Das geht alles zu leicht«, dachte sie, als sich die Tür öffnete und den Blick auf eine halbleere, schmutzige und düstere Industriehalle freigab. Der größte Teil der Maschinen war mit Planen abgedeckt. Warum hörte man mitten in der Halle ein lautes Zischen?

»Hier stinkt es nach Schweißgas«, sagte Tirkkonen und marschierte in die Richtung, aus der das Geräusch kam, bis er den Metallbehälter erblickte, der rot glühte, wo die Flammen von drei Schweißbrennern auftrafen. »Was für eine Scheiße ist …«

Kati Soisalo zog Tirkkonen am Ärmel und zeigte auf ein Licht am Ende der Halle. Nebeneinander gingen sie auf die Lichtquelle zu, sahen den Kontrollraum und dann eine Gestalt, die sich auf einen Tisch lehnte. Tirkkonen zog aus seiner Lederweste eine Beretta 92 und bedeutete Soisalo mit einer Handbewegung, hinter ihm zu bleiben.

Etwa zwei Meter vor den Fenstern des Kontrollraums blieb Kati Soisalo stehen. Sie hob die Hände vors Gesicht und versuchte zu entscheiden, ob sie ihren Augen trauen sollte: Der Kopf der Frau sah verformt aus, auf dem Tisch war Blut und … Sie wandte den Blick von der Leiche ab und schnappte nach Luft.

»Verdammt, in was bist du da eigentlich hineingeraten?«, schimpfte Tirkkonen, während er aus dem Kontrollraum herauskam. »Es ist am besten, wir verschwinden hier, und zwar sofort. Diese Frau wurde eben erst umgebracht, das Blut ist noch nicht mal geronnen.«

»Hörst du das?«, rief Soisalo, als es laut polterte, das Geräusch kam aus dem kugelförmigen Metallbehälter. Sie trat näher heran und blieb vor der rotglühenden Wand stehen. Plötzlich klopfte jemand von innen so laut, dass sie zusammenfuhr. Der Killer würde sich kaum in dem Behälter versteckt haben, sagte sie sich.

»Ich öffne die Luke.«

»Das hört sich an wie eine verdammt schlechte Idee«, flüsterte Tirkkonen, der seine Waffe mit beiden Händen hielt.

Soisalo zog ihre Jacke aus, legte sie auf den glühend heißen Griff und zögerte einen Moment. Dann drückte sie die Klinke nach unten, öffnete die Luke und sah zwei Beine, die in der Luft hin und her pendelten.

»Die Schuhsohlen schmelzen, ihr seid im letzten Moment gekommen«, krächzte Kara und setzte die Füße auf den Lukenrand. »Ich hätte mich nur noch ein paar Minuten an der Strebe halten können.«

Kara schlüpfte durch die Luke hinaus, setzte sich auf den Betonboden und zog sein schweißdurchtränktes Hemd aus. Er kniff die Augen zusammen und schnaufte, sein Gesicht war hochrot wie bei einem Saunawettbewerb.

Es dauerte eine Weile, bis Kati Soisalo die Sprache wiedergefunden hatte. »Was zum Teufel machst du denn hier, du solltest doch im Krankenhaus liegen?«

»Ruf die 112 an«, sagte Kara und streckte sich auf dem Boden aus.