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Montag, 4. Mai

Mit Hosen und allein auf dem Sofa in Kati Soisalos Kanzlei, nur leichte Kopfschmerzen, ein schlechter Geschmack im Mund, aber nicht anders als sonst, auf dem Couchtisch bloß zwei halb leere Gläser, und es war auch erst früh um acht. Er und Kati Soisalo hatten sich also nicht zu Dummheiten hinreißen lassen, schlussfolgerte Leo Kara leicht enttäuscht. Die Ereignisse vom späten Abend waren völlig aus seinem Kopf verschwunden, obwohl er in keiner Phase beidhändig getrunken hatte. Diese krassen Aussetzer seines Gedächtnisses verwunderten ihn. Vermutlich war die Kopfverletzung schuld daran, ihre Symptome zeigten sich auf ganz unterschiedliche und sehr eigenartige Weise. Bildete er sich das nur ein, oder hatte er sich mit Kati Soisalo bis in die frühen Morgenstunden äußerst kultiviert unterhalten? Kultivierter, als er es sich zugetraut hätte. Kara hatte das Gefühl, ein Sonderling zu sein, als ihm klar wurde, dass er Kati Soisalo deshalb mochte, weil sie einiges durchgemacht hatte und genauso ruhelos wirkte wie er.

»Morgen! Ich wollte dich gerade wecken, in einer Stunde musst du bei der KRP sein. Im Badezimmerschrank liegen Handtücher, falls du duschen willst. Und der Kaffee ist fertig. Du solltest dich beeilen, im Berufsverkehr braucht man eine Dreiviertelstunde bis nach Tikkurila«, sagte Kati Soisalo, musterte ihren Übernachtungsgast und setzte sich schließlich neben ihn.

»Weshalb sind wir gestern noch hierher in die Kanzlei gefahren?«, fragte Kara.

»Irgend so eine nächtliche Schnapsidee«, erwiderte Kati Soisalo müde und nachdenklich.

»Was glaubst du, was mit Mettälä passiert ist?«, fragte Kara ganz unvermittelt, als ihm die Ereignisse des Vortages wieder einfielen. »Du kanntest ihn doch gut.«

»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Otto das … selbst getan haben soll«, sagte Kati Soisalo mit schmerzlichem Gesichtsausdruck. »Es ist überhaupt schwer, sich vorzustellen, dass jemand dazu imstande ist. Du hast doch das Messer gesehen? Warum hat er sich nicht die Pulsadern aufgeschnitten?«

»Ein Messerstich ins Herz ist eine schnelle Methode, wenn jemand gehen will«, konstatierte Kara und kaute an der Lippe. Er hatte seinerzeit die Vor- und Nachteile der verschiedenen Selbstmordarten sehr genau eruiert.

Kati Soisalo stand am Fenster in Richtung Munkkisaari und schaute auf das riesige Industriegelände von STX Europe. Beherrscht wurde das Bild von einem halb fertigen Kreuzfahrtschiff, das so groß war wie ein umgekipptes Hochhaus. »Übrigens hat auch diese Werft einmal Wartsala gehört.«

»Wir reden später weiter, ich muss jetzt los«, sagte Kara und stand auf.

»Denk daran, dass wir um zwei im Restaurant ›Sea Horse‹ in der Kapteeninkatu das Treffen mit diesem Exmitarbeiter der SUPO haben.«

***

Verglichen mit den Kellerräumen der Polizeiwache El-Gism al-sharg in Khartoum erinnerte der Verhörraum im Haus der KRP in Vantaa eher an eine Luxushotelsuite, fand Leo Kara. Der fast eins siebzig große Kriminalinspektor Markus Virta und ein noch nicht einmal dreißigjähriger Kriminalwachtmeister, dessen Name Kara entgangen war, bereiteten das Verhör vor und beschäftigten sich mit der Videokamera und ihren Unterlagen. Kara wunderte sich, dass Virta so angespannt und ernst wirkte, er behandelte ihn wie einen Kriminellen, obwohl er doch nur über sein Treffen mit Otto Mettälä berichten sollte.

Endlich räusperte sich Virta und nannte die Namen der Anwesenden. »Bist du einverstanden, dass du gleichzeitig auch verhört wirst, weil du unter dem Verdacht eines schweren Drogenvergehens stehst? Ich konnte dir das nicht vorher mitteilen, da ich das auch selbst erst heute Morgen erfahren habe. Wenn du mit dem Verhör einverstanden bist, hast du das Recht, einen Anwalt zu rufen.«

Spontan musste Kara an einen Artikel denken, den er kürzlich gelesen hatte. Darin ging es um den Sekundenschlaf, bei dem der Mensch einnickt und für einen Moment völlig weg ist. War er gerade etwa eingeschlafen und hatte geträumt, oder hatte Virta wirklich gesagt, dass er ihn wegen eines schweren Drogenvergehens verhören wollte?

»Möchtest du antworten?«, fragte Virta.

»Es ist ziemlich schwierig zu antworten, da ich nicht die geringste Ahnung habe, worum es geht. In was für ein Drogenvergehen bin ich denn nach eurer Vorstellung verwickelt?« Kara fühlte sich vollkommen ruhig, dank der zwei Dialar-Tabletten, die er in der Annahme geschluckt hatte, Jukka Ukkola anzutreffen. »Mit einem Verhör bin ich natürlich einverstanden, und einen Anwalt will ich zumindest jetzt noch nicht.«

»Auf der anonymen Leitung der Polizei wurde gestern um 15:11 Uhr eine Nachricht hinterlassen, wonach in Leo Karas Zimmer im Hotel ›Vaakuna‹ mit der Nummer 882 ein großer Posten Metamphetamin versteckt ist. Die Angelegenheit wurde an die Zentrale der Kriminalpolizei weitergeleitet, wir haben beim Untersuchungsrichter einen Durchsuchungsbefehl erwirkt und fanden in deinem Hotelzimmer einen Beutel mit einhundert Gramm Metamphetamin, der mit Klebeband im Wasserbehälter der Toilette befestigt war. Gibst du zu, dass es dir gehört?«

Kara hatte immer noch Schwierigkeiten, zu glauben, was er da hörte. »Nein. Ich kann mich nicht erinnern, überhaupt jemals Metamphetamin gesehen zu haben.«

Virta schniefte. »Kein Mensch besitzt einhundert Gramm Crystal für den Eigenbedarf. Das reicht für eine unglaubliche Menge von Einzeldosen mit zweihundert bis fünfhundert Milligramm. Weißt du, dass der Strafrahmen für ein schweres Drogenvergehen bei einem bis zehn Jahren Haft liegt?«

Allmählich wurde Kara klar, dass Virta es ernst meinte. »Und wie wurde dieses Metamphetamin aufbewahrt, in einem Beutel? Daran wird man meine Fingerabdrücke garantiert nicht finden.«

»Das wird sich bei den kriminaltechnischen Untersuchungen herausstellen, aber …«

Kara unterbrach ihn. »Jeder beliebige Hotelgast kann das Zeug zu jedem beliebigen Zeitpunkt versteckt haben, die Toiletten werden ganz sicher nicht sehr oft kontrolliert«, erklärte er ganz gelassen. »Und ich bin nicht ein einziges Mal wegen Drogen verurteilt worden, weder wegen Metamphetamin noch wegen irgendeines anderen Stoffs.«

»Der Staatsanwalt und der Richter werden das bestimmt berücksichtigen«, sagte Virta.

***

Leo Kara stand in der Kapteeninkatu vor dem Restaurant »Sea Horse« und fröstelte, heute wehte vom Meer her ein eisiger Wind. Der junge, diensteifrige Wachtmeister der KRP hatte ihn stundenlang in die Mangel genommen, er wollte alles wortwörtlich wissen, was Mettälä bei ihrem Treffen am Vortag erzählt hatte. Es war geradezu ein Wunder, dass er diesem Erbsenzähler gegenüber nicht handgreiflich geworden war, als der eine Andeutung machte, man könne ihn ja auch verhaften. Markus Virta, der nach dem Verhör wegen des Drogenvergehens zumeist geschwiegen hatte, rettete die Situation mit der Entscheidung, ein Reiseverbot würde auch reichen.

Kara wollte sich lieber nicht vorstellen, wie Gilbert Birou auf die Drogenanklage reagieren würde. Wer hatte das Metamphetamin in seinem Hotelzimmer versteckt und die Polizei angerufen? Und warum? Er kam sich vor wie eine Laune der Natur. Egal, ob er an irgendeinem Missgeschick, das ihm widerfuhr, schuld war oder nicht, das Endergebnis war in jedem Falle eine Katastrophe.

Kati Soisalo kam zu Fuß aus Richtung Tehtaankatu, und Kara beschloss, ihr erst nach dem Mittagessen von den Metamphetamin-Anschuldigungen zu berichten. Um zwei Minuten nach zwölf betraten sie das »Sea Horse«. Das solide eingerichtete Restaurant war gut besucht, viele Leute nahmen hier ihr Mittagessen ein. Kara bemerkte, wie nahezu alle männlichen Gäste Kati Soisalo außergewöhnlich lange mit ihren Blicken verfolgten. Ob das wohl daran lag, dass sie das alles überhaupt nicht beachtete? Die wie ein Mann gekleidete Frau mit dem schönen Gesicht und dem strengen Ausdruck fiel auf, das musste Kara sich eingestehen.

Nach der Beschreibung der Hauptkommissarin Lukkari erkannte Kara den ehemaligen SUPO-Mitarbeiter sehr schnell: ein Mann mit Bauch, grauen Haaren und Hosenträgern. Kara und Soisalo stellten sich vor.

»Ist alles in Ordnung? Ihr seht ziemlich geschafft aus«, fragte der Ex-SUPO-Chef Jussi Ketonen, der nur kurz von der Speisekarte aufschaute.

»Gestern war ein schwerer Tag«, antwortete Kati Soisalo. »Wir haben die Leiche von Otto Mettälä, dem ehemaligen Fennica-Direktor, gefunden …«

Ketonen hatte sich wieder in die Lektüre vertieft. »Ich würde gerne etwas à la Carte bestellen, da wir uns nun einmal in einer Gaststätte verabredet haben. Diese Speisekarte ist allerdings eine Büchse der Pandora. Von den Gerichten hier bekommt man nach Ansicht meiner Frau alle Plagen dieser Welt: Blutdruck, Cholesterin, Herzkranzgefäßerkrankungen, Krebs, Schlaganfall und Herzinfarkt. Was mich betrifft, wurde ein Teil davon schon ausprobiert.«

Kara wunderte sich, dass Ketonen sich so verhielt, als habe er nicht gehört, was Kati Soisalo über Mettälä gesagt hatte. »Wussten Sie schon von Otto Mettäläs Tod?«

»Nein, aber er überrascht mich auch nicht. Nun setzt euch erst mal hin und bestellt etwas zu essen, dann erzähle ich euch, weshalb«, sagte Ketonen und winkte den Kellner heran.

»Als Vorspeise eine Lachssuppe mit Sahne und einmal ›Vorschmack‹ aus Hackfleisch und Hering, aber bitte keine Kinderportionen. Und als Hauptgericht ein Pfeffersteak vom Rost nach traditioneller Art, und bringen Sie mir dazu noch eine Braumeisterschnitte und ein Glas Buttermilch.«

Als Kara und Soisalo ihre wesentlich bescheideneren Bestellungen aufgegeben hatten, schob Ketonen die Hände unter die Hosenträger, beugte sich zu den beiden hin und schaute Kara in die Augen.

»Ich habe von meinem ehemaligen Arbeitgeber, der Sicherheitspolizei, erfahren, dass diese Globeguide-Ermittlungen möglicherweise mit einer Kette von Ereignissen zusammenhängen, die vor Jahrzehnten ihren Anfang nahm und die SUPO interessiert. Deshalb erhielt ich die Erlaubnis, euch zu helfen. Aber ich warne euch, alles, was ich sage, ist inoffiziell und stimmt nicht einmal unbedingt. Das Alter macht sich nämlich bemerkbar, und das Gedächtnis streikt zuweilen. Deshalb wollten sie bei der SUPO bestimmt, dass gerade ich mit euch spreche«, sagte Ketonen schmunzelnd.

»Oder weil Sie zweiunddreißig Jahre bei der SUPO gearbeitet haben, davon die letzten acht Jahre als ihr Chef«, ergänzte Kati Soisalo und bewies, dass sie sich auf das Treffen vorbereitet hatte.

Kara musterte Ketonen. Der korpulente Mann hatte eine joviale und ungezwungene Art, aber irgendetwas an ihm ließ Kara vermuten, dass es besser war, wenn man ihn sich nicht zum Feind machte.

»Ihr wolltet mit mir über Otto Mettälä reden, aber da der nun tot ist, werde ich euch wohl von einem anderen finnischen Unternehmenschef erzählen. Die Geschichte des Manns, nennen wir ihn mal Boss, hilft euch, zu verstehen, worum es geht. Er wurde Ende der vierziger Jahre geboren, als erstes Kind einer nach damaligen Maßstäben stinknormalen Kleinbauernfamilie. Etwa zwanzig Hektar Anbaufläche, dazu ein Stück Wald, das Hauptgebäude ein Blockhaus, ein Kuhstall mit Steinfundament, ein paar Nebengebäude und eine Sauna am Seeufer. Durch das Getreide, das Holz und das Vieh lebte man auf dem Hof der Eltern weitgehend als Selbstversorger. Als der Boss zwei Brüder und eine Schwester bekam, verdiente sich sein Vater, ein Kriegsveteran, mit Zimmermannsarbeiten und beim Fischen etwas dazu. Ziemlich idyllisch, stimmt’s.« Ketonens Geschichte wurde unterbrochen, kaum dass sie begonnen hatte, als er gleichzeitig die Lachssuppe, den Vorschmack und das Glas Buttermilch vorgesetzt bekam. Zufrieden kostete er alle drei.

»In den fünfziger Jahren gab es dann elektrischen Strom auf dem Hof, und der Boss kam auf die Volksschule. Danach beschlossen die Eltern, den intelligenten und aufgeschlossenen Jungen aufs Gymnasium zu schicken. Er war zu seinem Glück das erste Kind der Familie, seine Geschwister mussten sich nämlich mit sechs Jahren Volksschule begnügen. Der Boss konzentrierte sich voll auf seine Ausbildung, machte das Abitur mit fünfmal ›sehr gut‹, besuchte die Reserveoffiziersschule und erhielt als Erster in seiner Familie einen Studienplatz an der Universität.« Ketonen legte eine Pause ein, um seinen Suppenteller auszulöffeln.

»Der Boss schloss sich dem Zentralverband der Sozialdemokratischen Studentenjugend SONK an und engagierte sich voll in der Studentenpolitik, gerade als in Finnland eine beispiellose Ära des Jugendradikalismus begann: das verrückte Jahr 1968. Der Prager Frühling, der darauf folgende Sommer mit den Demonstrationen und die Besetzung des Alten Studentenhauses in Helsinki durch die Studenten. Damals gab es ein einschneidendes Ereignis. Der Boss nahm im August 1968 an einer Demonstration gegen die Besetzung der Tschechoslowakei vor der Botschaft der Sowjetunion in der Tehtaankatu teil, wurde verhaftet und zum Verhör bei der Sicherheitspolizei gebracht. Ich erinnere mich zufällig recht genau an die Ereignisse dieses Sommers, ich hatte gerade erst in der Zentrale der Kriminalpolizei angefangen, und bei den Demonstrationen und Krawallen wurden Dutzende Polizisten verletzt.«

»Aber für die Geschichte vom Boss ist wesentlich, dass über ihn bei der SUPO oder SUOPO, wie man damals sagte, eine Akte angelegt wurde, und auf diesem Wege landete sein Name bei den Sowjets. Natürlich gab es auch in der finnischen Sicherheitspolizei undichte Stellen«, fügte Ketonen lachend hinzu, als er Karas überraschte Miene bemerkte.

»Nur eine Woche nach seiner Verhaftung durch die SUPO lud der damalige Vizechef der KGB-Filiale in Finnland, Albert Akulow, den Boss zu einem Abendessen ins Restaurant ›Torni‹ ein, und zum Abschluss des dreistündigen Essens vereinbarte man das nächste Treffen in der Sauna des Hotels ›Seurahuone‹. Der Boss hatte den Köder geschluckt.«

»Warum suchte der KGB Kontakt oder … warum warb er gerade den Boss an?«, fragte Kati Soisalo.

Ketonen aß seinen Vorschmack mit sechs Gabelladungen und trank dazu Buttermilch. »Zu jener Zeit wollte der KGB alles wissen, beobachten und kontrollieren, er war nicht nur bestrebt, die finnische Innen- und Außenpolitik zu beeinflussen, sondern versuchte auch die Gewerkschaften, Kreise der Intelligenz, die Massenmedien, das Kulturleben, die Kirche und die Wirtschaft zu unterwandern. Ärgerlicherweise gelang ihm das in Finnland leichter als in anderen westlichen Ländern. Mit dem Prager Frühling und der Entstehung radikaler Studentenbewegungen überall in der Welt wurde die Rekrutierung unter den Jugendorganisationen der politischen Parteien zu einer der wichtigsten Aufgaben des KGB. Finnland war das einzige Land, in dem es einen KGB-Offizier gab, der speziell für die Beobachtung der politischen Jugendorganisationen zuständig war. Der KGB bemühte sich systematisch um Kontakte zu Leuten mit Zukunft. Mit viel Eifer suchte man unter den ehrgeizigen jungen Menschen Kader, die als Geheimdienstagenten geeignet waren.«

Kara legte die Stirn in Falten. »Finnland ist ein ziemlich kleines Land, warum sollte sich die Sowjetunion, eine Supermacht, so sehr dafür interessiert haben?«

»Finnland war für die Sowjetunion das Tor zum Westen. Und wir mussten politisch gesehen brave Jungs sein. Die Beziehungen Finnlands zur SU sollten um jeden Preis gut bleiben, denn man fürchtete, die Sowjets könnten sich sonst auf den Artikel über die militärische Zusammenarbeit im Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand zwischen beiden Ländern berufen oder Truppen nach Finnland schicken wie 1956 nach Ungarn und 1968 nach Prag. Der KGB nutzte die Ängste der Finnen natürlich ungeniert aus.«

Ketonen kam bei seinen Erinnerungen immer mehr in Fahrt. »Im Jahr 1971 arbeiteten in den Geheimdiensteinrichtungen der Sowjetunion in Finnland bezogen auf die Bevölkerungszahl mehr Offiziere als irgendwo anders in der Welt. Und zusätzlich wurden fieberhaft Finnen angeworben, die dann im Dienst des KGB standen. Mitte der Achtziger hatte der KGB zahlreiche finnische Agenten, vertrauliche Kontakte und Leute, die er für eine Zusammenarbeit vorbereitete, in der Tasche.«

»Und wie hängt das mit dem Boss, Fennica und Wartsala zusammen?«, fragte Kara.

Ketonen schaute den jungen Mann grimmig an und hatte schon eine spitze Entgegnung auf der Zunge, aber das Erscheinen des Kellners besänftigte ihn. Er bekam sein Pfeffersteak vorgesetzt, das auf dem Rost zischte, und dazu die vor Fett triefende warme Braumeisterschnitte.

»Der KGB sorgte dafür, dass seine Leute einflussreiche oder nützliche Posten in den wichtigsten finnischen Unternehmen besetzten, insbesondere in Banken, Baufirmen, in der Waffenindustrie und in Werften. Sehr hilfreich war es dabei für die Sowjetunion, dass in Finnland Politiker Mitglied in Verwaltungsgremien von Großunternehmen sein können. Der KGB hatte so viele seiner Leute in finnischen Firmen, dass binnen kurzem etliche von ihnen zwangsläufig in Schlüsselpositionen der Gesellschaft aufrückten.«

Ketonen rülpste gedämpft, wischte sich das Fett von den Mundwinkeln, als er die Braumeisterschnitte gegessen hatte, und machte sich dann über sein Pfeffersteak her. »Doch kehren wir zur Geschichte des Bosses zurück. 1981 gewährte die Sowjetunion zehn Unternehmen die große Ehre, eine eigene Vertretung in Moskau zu eröffnen. Es waren der Sowjetunion wohlgesonnene, zuverlässige und vom KGB überprüfte Unternehmen: jeweils eine Firma aus Norwegen, Frankreich, Spanien, Italien, aus der Schweiz und aus den Niederlanden sowie vier finnische Unternehmen, darunter Fennica und Wartsala. Die Sowjetunion befahl ihren vom KGB beherrschten Außenhandelsorganisationen Lenfintorg, Rasnoeksport und Eksportles ganz einfach, bei diesen Kooperationsunternehmen jährlich für Millionen Rubel Erzeugnisse einzukaufen.«

Ketonen unterbrach seinen Bericht, um seine Hosenträger weiter zu machen, und fluchte leise, als ihm klar wurde, dass kein Spielraum mehr bestand. »Alles, was die Sowjetunion an Waffen, Waren und Geldern heimlich ihren Freunden und terroristischen Regierungen überall in der Welt oder in Länder, die UN-Sanktionen unterlagen, liefern wollte, wurde ab 1981 über diese … Kooperationsunternehmen verteilt. Sie verkauften Kriegsmaterial und andere Technik nach Libyen, Angola, Namibia, Kuba, Palästina … nahezu an alle, die es wünschten. Diese Unternehmen besorgten die ganzen undurchsichtigen Geschäfte, mit denen die Sowjetunion offiziell nichts zu tun haben wollte.«

»Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind schon zwanzig Jahre vergangen, ist denn nicht …«, begann Kati Soisalo, aber Ketonen hob die Gabel hoch zum Zeichen dafür, dass die Geschichte noch weiterging.

»So begann die Zusammenarbeit, und der KGB achtete natürlich genau darauf, dass seine Interessen gewahrt wurden, er hatte einen oder mehrere eigene finnische Vertreter in allen vier finnischen Kooperationsunternehmen. Ein Teil von ihnen wirkt weiter in Führungspositionen des finnischen Geschäftslebens. Und man darf nicht vergessen, dass in den Vorständen ziemlich vieler finnischer Waffenunternehmen ehemalige Politiker sitzen. Einen Teil von ihnen hat der KGB in der Hand. Auch von Fennica gehören dem Staat knapp zehn Prozent. Denkt mal drüber nach.«

Einen Augenblick lang verdaute Kara die Informationen. »Kennst du ein Unternehmen namens Sibirtek?«

Ketonen überlegte, was er sagen sollte. »Sibirtek und Russland, das ist das Gleiche. Besser kann ich das nicht beantworten. Sibirtek ist kein Unternehmen, keine Stiftung und eigentlich auch nichts anderes, es hat keine Geschäftsstellen und keine Mitarbeiter, und trotzdem verwaltet es Millionen Euro und handelt in Finnland große Verträge aus. Ich würde tippen, dass es ein Projekt oder Programm ist, das durch eine interne Entscheidung eines russischen Ministeriums oder einer Behörde ins Leben gerufen wurde.«

Kati Soisalo hatte sich Ketonens Geschichte still und konzentriert angehört. »Du hast am Anfang gesagt, dass dieser Boss nicht Otto Mettälä war. Wer ist es dann?«

»Das müsst ihr selbst herausfinden. Eins kann ich jedoch sagen: Dieser Boss ist der einzige mir bekannte Mensch, der euch die ganze Wahrheit über Sibirtek erzählen kann. Die Suche nach ihm sollte bei Pertti Forslund, dem Generaldirektor von Wartsala, beginnen.«

»Warum erzählst du uns das alles?«, fragte Kara und verfolgte staunend, wie Ketonen das letzte Stück seines Steaks in den Mund schob und dabei schon nach der Karte mit den Nachspeisen griff.

Ketonens Miene wurde ernst. »Aus persönlichen Gründen. Man hat mir von den neunziger Jahren an bis zu meiner Pensionierung verboten, ernsthaft gegen Sibirtek und bestimmte finnische Unternehmen zu ermitteln. Die Fangarme von Sibirtek reichen überallhin: in die politischen Parteien, in die Ministerien und die Streitkräfte, in Unternehmen, ja sogar bis in die Polizei. Ich möchte, dass die Wahrheit herauskommt, bevor ich das Zeitliche segne.«