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Sonnabend, 2. Mai

Kati Soisalo wartete darauf, dass die Zitronen-Nuss-Spinat-Pasta in der Mikrowelle ihrer Kanzlei warm wurde, und ließ ihr Gespräch mit Leo Kara Revue passieren. Sie wusste nicht mehr, wann sie das letzte Mal an ihre Jahre bei Fennica gedacht hatte. Reisen an exotische Orte, Flüge in der ersten Klasse, Fahrten mit Taxis oder Limousinen in Fünfsternehotels, Luxusdinner in Spitzenrestaurants, Werbegeschenke im Wert von mehreren hundert oder gar tausend Euro und das gute Gehalt hatten über Jahre garantiert, dass sie zufrieden war. Erst als sie Jukka Ukkola kennengelernt und später Vilma verloren hatte, wurden ihr die Augen geöffnet.

Die Mikrowelle piepte, Soisalo holte den Teller mit der Pasta aus der Kochnische und setzte sich in ihren Sessel.

»Aha, man verbringt auch die Mittagspause am Arbeitsplatz, anscheinend brauchst du mal Urlaub«, sagte eine Männerstimme in ihrer Kanzlei.

Kati Soisalo erschrak so heftig, dass ihr Teller fast umkippte. Sie sprang auf und erblickte ihren schadenfroh grinsenden Exmann. »Du hirnverbrannter Idiot, wie bist du hier reingekommen! Wie oft muss ich die Schlösser noch auswechseln lassen?«

Der Leiter der Hauptabteilung der KRP setzte sich aufs Sofa und angelte mit der Gabel nach Nudeln, die auf den Tisch gefallen waren. »Ruf doch die Polizei.«

Kati Soisalo nahm den Brieföffner und drückte Ukkola die Klinge so kräftig an den Hals, dass ein Blutstropfen auf der Haut zu sehen war. »Was glaubst du, wie lange ich mir das noch gefallen lasse. Du bist krank, du gehörst in Behandlung!«

Ukkola tat nichts, wodurch sich die Situation entspannt hätte, er wartete, ohne sich zu rühren, bis Soisalo losließ, und aß dann weiter von der Pasta. »Dein Problem ist, dass du deine Verwandten zu sehr magst. Ich weiß, dass du nicht wagen wirst, irgendetwas zu unternehmen, solange ich imstande bin, mich an deiner Familie zu rächen.«

Kati Soisalo hatte das Gefühl, vor Wut den Verstand zu verlieren. Dieser Irre, der wie ein Dobermann aussah, machte sie wahnsinnig. »Verflixt noch mal, ich werde diese Gespräche aufnehmen und an irgendeine psychiatrische Klinik schicken.«

»Nun beruhige dich doch. Dieses Mal bleibe ich nicht lange, auch wenn ich es gern möchte, und ich habe ausnahmsweise auch ein Anliegen.«

Kati Soisalo öffnete das Fenster und atmete die fünfzehn Grad warme Frühlingsluft tief ein. Es dauerte lange, bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte.

»Ich habe gehört, dass ein Trottel von den UN namens Leo Kara vorhat, dich zu besuchen. War er schon hier?«, fragte Ukkola.

Kati Soisalo schloss das Fenster und setzte sich aufs Sofa. »Kara versucht nur zu klären, wie die von Fennica hergestellten Globeguide-Prototypen in den Sudan gelangt sind.«

»Was hast du ihm gesagt?«

»So gut wie nichts. Die Globeguides sind erst kürzlich verschwunden, und ich habe schon vor über einem Jahr bei Fennica aufgehört. Über die Anfangsphase des Globeguide-Projekts habe ich ihm das erzählt, was mir noch einfiel, aber das wird kaum weiterhelfen.«

Ukkola schaute auf seine Uhr. »Wollt ihr euch noch einmal treffen?«

»Das geht dich nichts an«, erwiderte sie barsch.

»Muss ich dich erst wieder motivieren? Willst du, dass ich irgendwelche angenehmen Ermittlungen gegen dich einleite, am besten solche, die schön lange dauern und deinen Ruf ruinieren, egal, was dann dabei herauskommt? Bestechung im schweren Fall, wie hört sich das an, das ließe sich im Handumdrehen organisieren.«

Dieser Mann war ein Ungeheuer, ein Schwein, ein psychisch kranker Soziopath … Kati Soisalo wusste genau, dass Jukka Ukkola zu allem fähig war, aber mit seiner Unverschämtheit schaffte er es trotzdem immer noch, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen.

»Wenn du Kara noch mal triffst oder von ihm hörst, gib mir Bescheid. Ich will alles wissen, was er sagt oder tut. Das ist wichtig.«

»Gut, aber nur unter der Bedingung, dass du mir sagst, wer das andere finnische Unternehmen ist, dessen illegale Waffengeschäfte die KRP untersucht.« Kati Soisalo wollte es zumindest versuchen.

»Pack deine Siebensachen zusammen, zieh wieder bei mir ein und mach die Beine breit, dann regelt sich alles von selbst«, entgegnete Ukkola, warf die Gabel auf den Couchtisch und verließ die Kanzlei.

Kati Soisalo ließ sich der Länge nach aufs Sofa fallen. Wenigstens wagte er nicht mehr, über sie herzufallen, seit sie sich im letzten Herbst gegen einen besonders handgreiflichen Annäherungsversuch zur Wehr gesetzt und ihm dabei zwei Finger gebrochen hatte. Von den Freizeitbeschäftigungen, die sie in ihrer Verzweiflung nach dem Verlust ihrer Tochter angefangen hatte, war nur das Training in der Selbstverteidigungstechnik Krav Maga übrig geblieben. Das half, Aggressionen abzubauen. Und der Gedanke tat gut, dass sie imstande wäre zu handeln, wenn sie irgendwann diejenigen finden würde, die für Vilmas Schicksal verantwortlich waren.

Die Vorstellung, dass Jukka Ukkola ihr Exmann war, empfand sie als unerträglich. Wie zum Teufel konnte ihr so eine Fehleinschätzung unterlaufen, wie war es möglich, dass sie einen Wahnsinnigen in ihr Leben gelassen hatte? Sie stellte sich diese Frage einmal mehr, obwohl sie die Antwort kannte. Gleich zu Beginn der Beziehung war sie schwanger geworden. Jukkas krankhafte Charakterzüge waren zwar von Anfang an spürbar gewesen, aber sie hatte sich leider nicht von ihrem Instinkt leiten lassen. Immerhin bekleidete er ein anspruchsvolles Amt, war in seinem Beruf anerkannt und konnte sich, wenn er wollte, normal, ja sogar liebenswürdig verhalten, wie vermutlich die meisten Psychopathen. Und als sie endlich begriff, was für ein Mann Jukka Ukkola tatsächlich war, und die Beziehung beenden wollte, wurde ihr Leben zur Hölle. Ukkola brauchte nicht weiter zu schauspielern und versuchte auch gar nicht mehr, seine Aggressionen zu zügeln.

Vor zwei Jahren war sie während einer seiner Auslandsreisen mit Vilma in eine Zweizimmerwohnung gezogen. Danach wurde sie für Ukkola zu einer Zwangsvorstellung, er bedrängte sie, die Beziehung fortzusetzen, und benahm sich krankhaft eifersüchtig. Noch vor einiger Zeit tauchte er immer auf, wenn sie sich mit irgendeinem ihrer Bekannten traf. Das geschah so oft, dass es keinesfalls reiner Zufall sein konnte, sie vermutete, dass Ukkola entweder in ihr E-Mail-Fach eingebrochen war oder gesetzwidrig ihre Telefongespräche abgehört hatte.

Jetzt musste sie einen kühlen Kopf bewahren, gegen einen Psychopathen wie Ukkola konnte man nur mit Schlauheit etwas ausrichten, alles andere hatte sie schon versucht: Sie hatte vor Wut geschrien und getobt, die Schlösser sowohl in der Kanzlei als auch zu Hause auswechseln lassen, sich mit Gewalt zur Wehr gesetzt, eine Anzeige erstattet und ein Annäherungsverbot erwirkt. Die Strafanzeige wegen schweren Hausfriedensbruchs war auf dem Tisch eines seiner Bekannten gelandet, und am Ende stand die Entscheidung, keine Anklage zu erheben. Angeblich reichte die Beweislage dafür nicht aus, obwohl sie zwei ihrer Nachbarn als Zeugen benannt hatte. Nach diesem Manöver tauchte Ukkola nachts um drei bei ihr zu Hause auf und machte ihr klar, dass er ihrer Schwester und ihren Eltern Schaden zufügen würde, wenn sie sich irgendwann noch einmal an die Behörden wandte. Und als sie dann beim Amtsgericht gegen ihn ein Annäherungsverbot beantragt hatte, löste er sein Versprechen ein. Sogar für eine Juristin war es schwierig, gegen den Chef der Hauptabteilung der Zentrale der Kriminalpolizei anzukämpfen, vor allem weil der Mann sich nicht im Geringsten um jene Gesetze scherte, für deren Einhaltung er von Amts wegen hätte eintreten müssen.

Kati Soisalo hatte Angst um ihre Familie, und das aus gutem Grund. Im letzten Frühjahr hatte Ukkola jemanden dafür bezahlt, ihre Schwester zu misshandeln. Er kannte Dutzende Gewaltverbrecher, die dem Chef der Hauptabteilung der KRP gern einen Gefallen taten, natürlich in der Hoffnung auf eine Gegenleistung. Zwar kannte sie durch ihre Arbeit auch Leute eines besonderen Kalibers, von Mitgliedern einer Motorradgang bis hin zu Berufsverbrechern, und hatte in ihrer Wut manchmal mit dem Gedanken gespielt, jemandem Geld dafür zu geben, dass er Ukkola verprügelte. Doch wenn sie wieder zur Ruhe gekommen war, hatte sie die Idee stets verworfen. Denn sie wusste nicht, ob sie mehr Angst davor hatte, dass man ihr auf die Spur käme oder Ukkola sich rächte oder dass sie mit solch einer Tat nicht leben könnte.

Kati Soisalo fühlte sich ungewöhnlich entschlossen. Der Zeitpunkt war gekommen, sich die Tatsache einzugestehen, dass sie mit legalen Mitteln nichts gegen Jukka Ukkola ausrichten konnte. Lange genug hatte sie sich die Sache durch den Kopf gehen lassen, jetzt war sie bereit zum Schritt auf die andere Seite des Gesetzes. Sie würde Jonny um Hilfe bitten. Vielleicht gelang es einem Cracker der Spitzenklasse, Informationen zu beschaffen, mit denen sie Jukka Ukkola bezwingen könnte.

Vielleicht war dann endlich Schluss mit dieser Hölle.

***

Jonny Karlsson lag auf der Seite, sein Glied hing schlaff herab und ruhte auf Katis Schenkel. Sie hatten noch nicht viele Worte gewechselt, obwohl Kati Soisalo schon seit über einer Stunde bei ihm war. Jonny legte die Hand auf Katis Brust und ließ sie langsam zum Nabel gleiten.

»Oma kann nicht mehr, Schatz, auch wenn sie gern möchte«, sagte Kati Soisalo und zog ihn an seinen Locken.

Jonny lachte. »Red nur weiter. Wenn ein Mann etwas Unanständiges zu einer Frau sagt, dann gilt das als Belästigung, wenn aber eine Frau unanständige Dinge zu einem Mann sagt, dann kostet das fünf Euro pro Minute plus Ortsnetzgebühr.«

Kati Soisalo stand auf und räkelte sich genüsslich.

»Als ich jünger war, habe ich gedacht, dass alle Frauen jenseits der dreißig überreif sind. So kann ein Mann sich irren«, überlegte Jonny laut.

»Als du jünger warst. Na hallo, du bist einundzwanzig«, erwiderte Kati Soisalo und ging duschen. Sie hatte Sex mit einem Mann, der vierzehn Jahre jünger war als sie, empfand deswegen jedoch keinerlei Schuldgefühle, im Gegenteil. Warum sollten nicht auch Frauen »ein Spielzeug« haben so wie die Männer?

Sie hatten sich im letzten Winter kennengelernt, als Kati Jonnys Verteidigung in einem Prozess übernommen hatte. Auf den ersten Blick wirkte der langhaarige, schmächtige junge Mann, der in einem zu weiten Trainingsanzug Ski fuhr, alles andere als anziehend, aber allmählich stellte sich heraus, dass der ehemalige Jugendmeister im Schwimmen nicht nur gut gebaut war, sondern auch außergewöhnlich intelligent. Der politisch aktive Jonny war kurz vor dem Ende der Amtszeit von Präsident Bush in das Datensystem des Pentagon eingebrochen, hatte seinen Absturz und geringe Schäden verursacht und eine Nachricht hinterlassen:

 

Die gegenwärtige Außenpolitik der USA unterscheidet sich überhaupt nicht vom Terrorismus. Schluss mit den willkürlichen Verhaftungen, Einkerkerungen und Folterungen! Euer System ist heute nicht versehentlich abgestürzt. Ich bin P@r@noid und werde so lange Störungen in den wichtigsten Datensystemen der US-Regierung verursachen, wie das Gefängnis in Guantánamo weiter genutzt wird.

 

Das Datensystem eines der wichtigsten Militärobjekte der Welt zu cracken war eine beachtliche Leistung. Der arme Jonny wollte natürlich auch den Ruhm für sein Kunststück ernten und benutzte deshalb in der Nachricht seinen Crackernamen P@r@noid. Das wurde ihm zum Verhängnis. Den US-Behörden gelang es, ihm mithilfe seines Spitznamens, seines »Nicks«, auf die Spur zu kommen. Ihm wurde in Finnland der Prozess gemacht, das Urteil lautete: sechzig Tage Gefängnis auf Bewährung. Doch damit waren Jonnys Probleme noch nicht ausgestanden. Die US-Behörden stellten einen Auslieferungsantrag, und nun drohten dem Jungen im Höchstfall achtzig Jahre Haft in einem amerikanischen Gefängnis. Laut Anklageschrift hielten es die Yankees für möglich, dass Paranoid im Auftrag einer Terrororganisation in die Datensysteme der Militäradministration eingebrochen war. Als Jonny vom Strafantrag der Amerikaner erfuhr, wandte er sich schließlich an einen Juristen.

Kati Soisalo kehrte im weiten Bademantel des Hausherrn ins Schlafzimmer zurück und trocknete sich die Haare.

»Ukkola war heute wieder in meiner Kanzlei zu Besuch. Er hatte einen Schlüssel, dabei habe ich das Schloss erst vor einer Woche auswechseln lassen«, erzählte sie verärgert.

Jonny richtete sich im Bett auf. »Der Typ ist verrückt. Er glaubt, dass er sich alles leisten kann.«

»Er weiß, dass er es kann, Jonny. Zwischen Glauben und Wissen besteht ein großer Unterschied«, erwiderte Kati Soisalo, setzte sich neben Jonny und schaute den jungen Mann mit ernster Miene an.

»Ich habe mir überlegt … Vielleicht sollte ich mich auf irgendeine Weise Ukkola gegenüber absichern. Er droht mir ständig mit allem Möglichen, wer weiß, was ihm künftig noch einfällt. Vielleicht inszeniert er irgendetwas als Beweis gegen mich oder vergreift sich wieder an meiner Familie. Und du tust mir auch leid, wenn er von unserer … Geschichte erfährt.«

Jonny wartete einen Augenblick vergeblich darauf, dass sie noch etwas sagte. »Verstehe ich dich richtig, du bittest mich um Hilfe? Willst du, dass ich in Ukkolas PC einbreche?«

Kati Soisalo nickte zögernd.

»Das kann schwierig sein, ist aber auf keinen Fall unmöglich«, sagte Jonny, er stand auf, zog sich an und war sichtlich begeistert. »Dieser Kerl verdient es, dass man ihm eine Lehre erteilt, so wie die ganze Ermittlungsgruppe der KRP für Straftaten auf dem Gebiet der Informationstechnologie. Die sind bei dem Prozess so aufgetreten, als hätten sie selbst die ganze Pentagon-Geschichte aufgeklärt, dabei haben sie erst durch die Amerikaner von mir erfahren.«

»Wie willst du das machen?«, fragte Kati Soisalo.

»Meine Berufsgeheimnisse verrate ich nicht, und du würdest davon vermutlich auch nicht viel begreifen. Nimm es mir nicht übel, aber von Computern verstehst du ungefähr genauso viel wie ich von der Rechtswissenschaft. Aber eins kann ich versprechen, diesmal wird man mich nicht erwischen.«

Jonny ging in die Küche, öffnete zwei Flaschen Bier und reichte eine Kati Soisalo, die sich auf das Sofa im Wohnzimmer gesetzt hatte. »Wie eilig hast du es, willst du, dass es innerhalb einer Woche oder eines Monats passiert?«

»Ein Monat ist zu viel, im Moment sind Ermittlungen im Gange, die Ukkola nutzt, um mich zu erpressen …«

»In dem Falle brauche ich deine Hilfe. Als Juristin begreifst du sicher, was das bedeutet?«

»Was könnte ich denn schon tun?«

»Schick Ukkola eine E-Mail, alles andere erledige ich.«

Kati Soisalo nickte und wollte noch etwas fragen, überlegte es sich dann aber anders. Sie tranken ihr Bier und schauten sich eine Weile den Gospelkanal im Fernsehen an, wo ein Mann, der ein Satinhemd und einen Cowboyhut trug, um Spenden bat. Die Fernbedienung war weg, und keiner von beiden hatte Lust, sie zu suchen oder aufzustehen und den Kanal zu wechseln.

»Da wir nun gerade von Einbrüchen in Datensysteme sprechen, wie steht es um das Auslieferungsersuchen der Yankees?«, fragte Jonny schließlich.

»Das dürfte keine Gefahr darstellen, zum Glück gibt es bei uns ein Gesetz über die Auslieferung infolge einer Straftat. Das Auslieferungsersuchen der Amerikaner wird abgelehnt werden, weil du für die darin erwähnte Straftat schon in Finnland verurteilt worden bist. Und auch deshalb, weil du in den USA eine wesentlich härtere Strafe erhalten könntest, wer weiß, womöglich würdest du aufgrund der politischen Umstände verfolgt werden, das heißt in einem Gefängnis für Terrorverdächtige landen. Wenn es gut läuft, lässt die Regierung von Barack Obama die ganze Sache schon vor einem Prozess fallen. Guantánamo ist ja auch schon Schnee von gestern, genau wie du es verlangt hast.«

»Die Yankees müssten mir ein Honorar zahlen«, beklagte sich Jonny. »Das Datensystem des Pentagon wird eigentlich durch die Cracker weiterentwickelt, wir attackieren es ständig, und immer mal wieder gelingt es jemandem, seinen Schutzschirm zu durchbrechen. Es ist unser Verdienst, dass die Lücken im System des Pentagon gefunden und korrigiert werden.«

 

Eine Stunde später knatterte die Tastatur von Paranoids Laptop, einem Alienware Area-51 M17x, wie ein Blechdach bei einem Hagelschauer. »Die Daten der von Ukkola untersuchten Straftaten finden sich jedenfalls auf dem Server des Hauptquartiers der KRP und auf der Festplatte des Computers in seinem Büro, aber seine persönlichen Dateien bewahrt Ukkola vielleicht nur auf seinem Computer zu Hause auf«, sagte Jonny Karlsson und wandte sich Kati Soisalo zu.

»Was für einen Computer nutzt Ukkola zu Hause, weißt du, ob der eine Firewall hat?«

Sie dachte einen Augenblick nach. »Vor zwei Jahren besaß er einen Laptop. Zur Firewall kann ich nichts sagen, ich habe diesen PC nie benutzt.«

»Na, das wird sich schon herausstellen.« Jonny sah nachdenklich aus. »Von außen in das interne Netz der Polizei einzudringen ist schwierig und würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Die KRP hat gute Firewalls, ihr Netz ist als eigenständige Kabeleinheit aufgebaut und gegen Anschlüsse von außen und gegen das Internet abgeschirmt. Es enthält auch ziemlich viele Fallen, und immer, wenn eine von ihnen ausgelöst würde, müsste ich vor einem neuen Versuch ein paar Tage warten, sonst würde man bei der KRP bemerken, dass jemand ihr System aktiv cracken will. Wir müssen auf legalem Wege in das System kommen, über den PC eines Polizisten, das heißt, über den von Ukkola. Der ist ein hohes Tier und deshalb bestimmt berechtigt, die meisten Ermittlungsdaten der KRP einzusehen. Wenn ich den Computer eines einfachen Polizisten kapere und auf diese Weise Informationen zu allen Ermittlungen der KRP suche, dann würde deren Server garantiert Alarm schlagen.«

»Klar, dann machen wir es so.«

»Wir haben den Vorteil, dass Ukkola dich kennt und sogar Post von dir erwartet. Du hast doch gesagt, dass er dir befohlen hat, ihm zu berichten, was Leo Kara macht.«

Kati Soisalo nickte.

»Bist du dir jetzt wirklich darüber im Klaren, dass du an einer Straftat mitschuldig bist, wenn du mir hilfst?«

»Die wahrscheinlichste Anklage wäre Beihilfe zu schwerem Dateneinbruch, dafür kriegt man eine Geldstrafe oder im Höchstfall zwei Jahre Gefängnis«, antwortete Kati Soisalo mit ernster Miene. »Und da für denjenigen, der Beihilfe leistet, der gemilderte Strafrahmen gilt, würde ich als Nichtvorbestrafte im schlimmsten Fall zu dreißig Tagen auf Bewährung verurteilt.«

»Du würdest aber deine Arbeit verlieren.«

»Das stimmt nicht. Ich bin nicht Mitglied des Anwaltsverbandes, und niemand kann mich daran hindern, eine Rechtsanwaltskanzlei zu führen. Wenn man berücksichtigt, was für fromme Gemeindemitglieder ich in der Regel vertrete, kann es gut sein, dass eine Geldstrafe für den Einbruch in den Computer eines Chefs der KRP mir nur zusätzliche Klienten einbrächte.«

»Na gut«, sagte Jonny. »Man kann auf unterschiedliche Weise in einen Computer eindringen und ihn kapern. Die einfachste Alternative für uns besteht darin, in der E-Mail, die du Ukkola schreibst, einen pdf-Anhang zu verstecken. Wenn er den öffnet, startet er zugleich einen Trojaner, das heißt ein Programm, mit dessen Hilfe wir in seinen Computer gelangen. Ich habe mehrere geeignete, die einsatzbereit sind.«

»Das hört sich gut an, machen wir es so.«

»Aber das genügt nicht. Wir sind von Ukkolas Zeitplan abhängig, solange wir seinen Computer nur dann nutzen können, wenn er sich eingeloggt hat. Falls Ukkola seinen Computer selten nutzt, könnte es ewig dauern, bis wir finden, was wir suchen.«

Kati Soisalo wurde allmählich ungeduldig.

»Wir müssen eine effizientere Malware einsetzen und Ukkolas Festplatte spiegeln. Ich habe auch für diesen Zweck ein fertiges Programm, Sparta300. Das habe ich Anfang des Jahres entwickelt, als ich bei einem Bankdirektor … Naja, vielleicht ist es besser, wenn du das nicht weißt«, sagte Jonny grinsend.

»Wenn Ukkola den pdf-Anhang deiner Mail öffnet, lädt er zugleich Sparta300 auf seinen Computer. Das hat fünf Megabyte, und seine erste Aufgabe ist es, Ukkolas PC zu booten. Wenn er seinen Computer wieder startet, installiert sich das gesamte Sparta300 auf dem PC. Und wenn Ukkola sich dann ins Internet einloggt, wird Sparta300 aktiviert, überwindet die Firewall und beginnt die Daten der Festplatte zu kopieren. Das Programm übermittelt die Daten in kleinen Mengen, bis auf meinem Computer eine vollständige Kopie von Ukkolas Festplatte entsteht. Und wenn die Kopie fertig ist, wird er sich jedesmal beim Einloggen in seinen Computer gleichzeitig in die Kopie seiner eigenen Festplatte auf meinem PC einloggen. Dann können wir Ukkolas ›neue‹ Festplatte nutzen, wann wir wollen, und in Echtzeit verfolgen, was er anstellt, ohne dass die Alarmsysteme des KRP-Servers etwas bemerken.«

»Das klingt … unfassbar«, sagte Kati Soisalo.

»Der einzige Nachteil ist, dass der Prozess mehrere Tage dauert. Die Pseudofestplatte wird Schritt für Schritt fertiggestellt, in dem Maße, wie Ukkola seinen Computer nutzt. Je mehr er an seinem PC sitzt, umso schneller ist das erledigt.«

Kati Soisalo drehte Jonnys Stuhl herum und setzte sich mit gespreizten Beinen auf seinen Schoß. »Du arbeitest anscheinend am besten allein?«

»Für manche Dinge braucht es zwei. Du musst Ukkola jetzt eine E-Mail schicken.«