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Sonntag, 10. Mai

Abu Baabas hielt sich keineswegs für dumm, aber er musste sich eingestehen, dass die aktuellen Ereignisse seinen Verstand überforderten. Er saß in einem Transporthubschrauber Puma SA 330, der über dem internationalen Flughafen von Khartoum ratterte, und schaute durch das Fenster hinunter auf die Soldaten der sudanesischen Armee, das waren Tausende, wahrscheinlich eine ganze Division. Was zum Teufel war los? Stimmten Leo Karas Behauptungen, war einer der sudanesischen Machthaber tatsächlich in den Raketenanschlag von Kenia verwickelt? Und wenn es wirklich mehrere Raketen waren, gäbe es dann bald neue Terroranschläge?

Die Kufen des Hubschraubers setzten auf dem Asphalt auf, und Baabas stieg aus, sobald sich die Türverriegelung öffnete. Er hatte Rashid Osman aus El Obeid angerufen, ihm von Leo Karas Nachrichten berichtet und den Befehl erhalten, auf schnellstem Wege nach Khartoum zu kommen. Es war ihm ein Genuss, Kara in der Savanne schmoren zu lassen, bis er bereit wäre, zu reden. Der Soldat würde ihn bewachen. Er wollte Kara nicht in eine Armeekaserne und auch nicht in die Räume des Al-ijabi bringen lassen, je weniger Leute von seiner Rückkehr in den Sudan wussten, umso besser. Noch im Laufe dieses Tags würde Kara sterben.

Baabas ging, den Kopf leicht geneigt, in das alte Backsteingebäude der Armee, das abgerissen werden sollte, um Platz für die Erweiterung des Flughafens zu schaffen. Seine Verwunderung nahm noch zu, hatte man hier eine Kommandozentrale eingerichtet? Seit wann erledigte Osman seine dienstlichen Angelegenheiten mit Hilfe der Armee? Das Kriegshandwerk passte nun wirklich nicht zu Osman, der ständig vom Frieden faselte.

Die Türen zu den Räumen des Vizepräsidenten öffneten sich erst, nachdem Baabas sein Anliegen zwei Adjutanten erklärt hatte. Der Befehlshaber der sudanesischen Armee, General Mustafa al-Nuri verabschiedete sich gerade von Osman. Kurz schaute er Baabas an, die Neugier in seinem Blick verwandelte sich jedoch sofort in Gleichgültigkeit, als dem General klar wurde, dass der Besucher ein »Niemand« war.

»Oberst Baabas, habe ich richtig verstanden, dass du wieder denselben UN-Mitarbeiter verhaftet hast, dessen Freilassung ich schon zweimal befohlen habe?«, fragte Osman verärgert und machte sich nicht die Mühe, Baabas die Hand zu geben. General al-Nuri verließ den Raum.

Osman fuhr fort, bevor Baabas den Mund aufmachen konnte. »Du begreifst nicht, was für kritische Zeiten wir gerade durchleben. Wir können jetzt keinen einzigen zusätzlichen Störfaktor gebrauchen.« Der Saum der Galabija flatterte, als der erregte Vizepräsident in dem spartanisch eingerichteten Büro auf und ab ging.

»Willst du, dass ich den Mann gehen lasse?«, erkundigte sich Baabas erstaunt.

Osman winkte in Richtung Tür. »Ich will, dass du wieder deine Kamele hütest. Oder deine Soldaten. Geh und verprügle irgendjemanden. Oder mach einfach wieder das, was du getan hast, bevor dich irgendein Idiot beim Al-amn al-ijabi eingestellt hat.«

Schnell den Rettungsring ins Wasser, beschloss Baabas. »Vorher berichte ich aber noch, was der Mann von der UN gesagt hat. Demnach weiß der britische SIS, dass die Machthaber des Sudan den Raketenanschlag von Kenia organisiert haben. Khartoum kann angeblich jeden Augenblick besetzt werden. Sie wissen auch, wer Nazir ist und wo sich die restlichen Raketen befinden.«

Osman wurde ganz still. Er starrte Baabas wie ein Orakel an und setzte sich an den Metalltisch. »Stimmen diese Informationen?«

Baabas nickte. »Ich glaube nicht, dass der Mann lügt. Er hat erst nach schmerzhaftem Zureden gesprochen, und eine SMS auf seinem Telefon bestätigt das, was er behauptet.«

»Vielleicht bist du doch von Nutzen«, sagte Osman und überlegte einen Augenblick. »Flieg nach El Obeid zurück und verhör den Mann weiter. Wir können ja immer behaupten, dass er bei einem Anschlag der SPLA umgekommen ist.«

»Es würde das Verhör erheblich erleichtern, wenn ich wüsste, was im Gange ist.«

»Versuch es aus deinem Opfer herauszuquetschen«, schlug Osman vor.

»Mit Vergnügen«, erwiderte Oberst Abu Baabas und verließ den Raum mit verblüffter Miene. Was war denn bloß mit dem Vizepräsidenten los? Osman verhielt sich plötzlich wie ein richtiger Mann und hatte ihm eben praktisch die Erlaubnis gegeben, Leo Kara umzubringen.

 

Auf den Raketenanschlag am nächsten Morgen hatte Rashid Osman lange gewartet, seit 1990. Er hatte seine Rache und die Gründung eines von westlichem Einfluss freien Staatenbundes der Sahel-Sahara-Region sorgfältig geplant und war bei der Umsetzung seines Plans ruhig, systematisch und rational vorgegangen. Und nun, wenige Stunden vor der langersehnten Rache, war alles in Gefahr. Das konnte er nicht zulassen, der Erfolg des Raketenanschlags am nächsten Morgen musste gewährleistet sein. Das war in jeder Hinsicht der wichtigste aller fünf Anschläge. Seine persönliche Vergeltung.

Es war eine geniale Idee gewesen, die Raketenanschläge und seine Rache miteinander zu verknüpfen. Die Adresse für die Rakete, die am nächsten Morgen starten würde, lautete »UNO-City Wien«. Und es war garantiert kein Zufall, dass der UNO-Generalsekretär, der Mann, der den Tod seines Bruders, seiner Schwester und Mutter herbeigeführt hatte, gerade an dem Tag in Wien und in der UNO-City zu Besuch weilte.

Jetzt musste er Verbindung zum Vermittler aufnehmen. Die fünfundzwanzig Staatschefs, die den Staatenbund und das Raketenultimatum beschlossen hatten, waren dafür kein einziges Mal zu einer Begegnung zusammengekommen. Es erwies sich als unmöglich, ein Gipfeltreffen zu organisieren und so geheim zu halten, dass die westlichen Nachrichtendienste nichts davon erfuhren. Also hatte Osman für seinen Plan einen Fürsprecher ausgewählt, einen Vermittler, der unauffällig alle dreiundzwanzig Staatschefs besuchen konnte, um ihnen Osmans Plan vorzulegen und ihre Einwilligung und Unterstützung einzuholen. Einen besseren Vermittler als den libyschen Führer Muammar Gaddafi gab es nicht: Der dienstälteste Herrscher in Afrika und Präsident der Afrikanischen Union plante seit den siebziger Jahren selbst einen islamischen Bundesstaat in der Sahel-Sahara-Region. Und überdies war der Mann ein genialer Diplomat. Im neuen Jahrtausend hatte Gaddafi auf die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen verzichtet, die Verantwortung für das Flugzeugattentat von Lockerbie übernommen und Libyens diplomatische Beziehungen zum Westen verbessert, um in Ruhe Osmans Plan verwirklichen zu können.

Rashid Osman brauchte jetzt Gaddafis Hilfe, er selbst wäre nicht imstande, einen der Raketenanschläge entweder vorzuziehen oder abzusagen. Bei einer Gipfelkonferenz der Afrikanischen Union im Januar des laufenden Jahres hatten sich die fünfundzwanzig Präsidenten des künftigen Staatenbundes der Sahel-Sahara-Region kurz in einem Besprechungsraum versammelt, wo jeder von ihnen aus einem Krug einen kleinen Zettel zog. Fünf der Machthaber erhielten so die Kontaktdaten jeweils eines Raketenkommandos und den Code für die Annullierung des Starts. Jeder von ihnen musste einen der fünf Raketenanschläge absagen, wenn die UNO, der Internationale Währungsfonds und die Weltbank auf ihre Forderungen eingingen, das hieß, sobald die internationalen Nachrichtenkanäle über den Schuldenerlass für die fünfzig ärmsten Staaten der Welt berichteten. Niemand wusste, wer die fünf Staatsoberhäupter waren, die jeweils für eine Rakete die Kontaktdaten und Annullierungscodes besaßen.

Rashid Osman griff zum Telefon.

***

Leo Kara trieb am Rande der Bewusstlosigkeit dahin, die entkräftende Hitze drückte wie ein Harnisch, der Durst glich einer brennenden Gier, wie er sie noch nie erlebt hatte, und vom Knöchel im Würgegriff des Drahtseils drängte der Schmerz wie ein glühendes Eisen in den ganzen Körper. Die Sonne würde bald untergehen. Er hatte schon Stunden in der Hitze gelitten, die Haut am linken Unterschenkel war feuerrot. Der Soldat war vermutlich ins Flüchtlingslager gegangen, um sich Wasser zu holen. In seinem Kopf lief pausenlos eine Sequenz aus einer Nachrichtensendung ab: Menschen springen aus den Fenstern eines brennenden Wolkenkratzers, sie fallen wie Blätter vom Baum hinab in den Tod. Damals hatte er sich gefragt, wie sie dazu fähig gewesen waren. Doch jetzt erschien ihm diese Lösung ganz natürlich. Der Mensch kann nur ein bestimmtes Maß an Schmerz aushalten, und bei ihm wäre die Grenze des Erträglichen bald überschritten.

Plötzlich bemerkte Kara einen stechenden Geruch. Kam der vom Lager, hatte sich der Wind gedreht? Dann bewegte sich etwas auf dem Sand. Er lauschte angestrengt, wandte den Kopf und sah etwa zwei Meter entfernt eine erschreckend hässliche Kreatur – eine Hyäne. Das Raubtier knurrte, öffnete das Maul und entblößte seine Reißzähne, die aus dem hellroten Zahnfleisch herausragten. »Der Sturz aus einem Wolkenkratzer ist nicht das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann«, dachte Kara noch, ehe ihm ein barmherziger Schock das Bewusstsein nahm.

Ein Knüppel krachte an die gefleckte Stirn der Hyäne, das Tier heulte auf wie ein Pudel und machte sich blitzschnell davon.

»Beweg dich nicht, der Draht kann bis auf den Knochen eindringen. Ich mache ihn gleich ab.« Die Worte erklangen in Englisch hinter Leo, er verdrehte den Kopf und stöhnte vor Schmerz auf. Es war der Junge, dem er auf seiner Flucht aus Khartoum das Wasser und seinen Proviant gegeben hatte – Kafi. Kein Mensch hätte sich in diesem Moment mehr über den Anblick eines anderen gefreut als Kara.

»Die Falle ist gedacht für Hyänen. Sie kommen nachts und suchen am Rand des Lagers etwas zu fressen, und die Erwachsenen haben Angst um die kleinen Kinder. Eine Hyäne überlebt das nicht. Wenn die Falle zuschnappt, reißt der Baum das Tier hoch, damit es nicht sein Bein durchnagen kann«, sagte Kafi und betrachtete die Akazie, an der das Drahtseil festgebunden war.

Kara empfand so viel Dankbarkeit für den Jungen, dass er kein Wort herausbrachte.

»Ich habe gesehen, wie du durch das Lager gerannt bist und die Soldaten dich verfolgt haben. Ich wollte warten, bis der Wächter wegging, ich habe geahnt, dass er bald Wasser braucht. Er kommt bestimmt gleich zurück, wir müssen uns beeilen.« Kafi kletterte geschickt auf die Akazie, holte etwas aus der Tasche seiner zerrissenen Shorts heraus und schlug ein paarmal an den Baumstamm, bis das Drahtseil mit einem sirrenden Geräusch riss.

Kara biss die Zähne zusammen und lockerte die Drahtschlinge, die am Knöchel in die Haut eingedrungen war. Vor Schmerz liefen ihm Tränen über die Wangen, aber schreien konnte er nicht. Endlich löste sich das Seil. Er zog sein Leinenhemd aus, riss einen Ärmel heraus und wickelte ihn als Verband straff um den Knöchel. Ohne zu zögern, hätte er alles, was er besaß, für eine Packung Schmerztabletten hergegeben.

»Ich habe dir Wasser und etwas zu essen besorgt. Nicht viel, aber …«

Der Junge hielt Kara die Flasche hin, und der riss sie ihm fast aus der Hand und trank einen Liter, ohne ein einziges Mal abzusetzen.

»Danke.« Kara schnaufte und langte mit dem Finger in den trockenen Durra-Brei. »Irgendwo hier in der Nähe ist … ein großes Fabrikgebäude, das … von Ausländern genutzt wird«, sagte er mit vollem Mund. »Kannst du mich dorthin führen?«

»Aber natürlich, da findet sich manches, was man mitgehen lassen kann, deswegen ist das ein beliebter Ort«, antwortete Kafi und grinste. »Kannst du denn überhaupt laufen?«

***

Eine Reise von zweitausendsiebenhundert Kilometern kommt einem nicht lang vor, wenn das Verkehrsmittel schnell ist. Das Treffen Rashid Osmans mit Muammar Gaddafi fand in der Abgeschiedenheit der Sahara vierhundertsechzig Kilometer südlich vom südostlibyschen Kufra und vierhundertvierzig Kilometer westlich der nordsudanesischen Stadt Dongola statt. Gaddafi flog mit einem russischen MiG-23-Kampfjet der libyschen Luftstreitkräfte nach Kufra und von dort mit einem Kampfhubschrauber vom Typ Mi-25 zum Treffpunkt in der Wüste. Osman flog mit einer MiG-29 nach Dongola und dann weiter mit einem Mi-24-Hubschrauber.

Zwei Stunden nach seinem Anruf bei Muammar Gaddafi kletterte Rashid Osman aus dem Helikopter, betrat die libysche Wüste und bewunderte Gaddafis Beduinenzelt, während das Knattern der Rotorblätter nachließ. Die Tarnung war genial, die Umrisse des Zelts konnte man nicht einmal aus zwanzig Metern richtig erkennen. Kein einziges Satellitenfoto würde das Versteck verraten. Die Sonne sengte unbarmherzig am Himmel, die karge Wüste flimmerte in der heißen Luft, Sandstaub drang in den Mund, die Augen und die Nasenlöcher.

Vier Leibwächterinnen in Tarnanzügen lächelten ihm am Eingang des Beduinenzelts zu. Gaddafi erzählte den Medien gern, dass die Mitglieder der Leibgarde Jungfrauen waren, aber Osman kannte zumindest bei einer der Frauen die Wahrheit.

Eine Leibwächterin hob den Vorhang hoch, und Osman trat auf dem grünen Seidenteppich ein.

»As-salamu’ -alaikum.«

»Wa’-alaikumu s-salam.«

Die Männer tauschten Wangenküsse aus und setzten sich dann auf luxuriöse Seidenkissen. Keiner von beiden sprach, als ein Diener Gläser auf ein silbernes Tablett setzte und mit geübten Bewegungen aus großer Höhe Tee eingoss.

Osman betrachtete seinen Gastgeber, der mit einer Fliegenklatsche aus Rosshaar wedelte. Gaddafis Haar musste gefärbt sein, ein fast siebzigjähriger Mann hatte wohl kaum von Natur aus noch pechschwarze Haare. Was für eine Rolle würde der Oberst heute spielen? Den volkstümlichen Beduinen oder den scharfsinnigen Diplomaten? Gaddafi überraschte ihn immer wieder. Der Mann, der 1942 am Rande von Sirte in einer armen Familie beduinischer Nomaden geboren worden war, hatte Mitte der sechziger Jahre an der Königlichen Militärakademie im britischen Sandhurst studiert und schon 1969 in Libyen die Macht übernommen, lange vor Osmans Geburt.

Der Diener reichte den Männern die Teegläser, deckte den Tisch mit Obstschalen und einem Wasserkrug und verließ dann das Zelt. Osman kostete den süßen Tee und überlegte, ob das Zelt nur für dieses Treffen errichtet worden war oder ob sie in einem von Gaddafis ständigen Verstecken saßen. Der Oberst war dafür bekannt, dass er das ganze Jahr über in seinen prächtig ausgestatteten Beduinenzelten wohnte. An den Wänden hingen nur Dinge, die man im Handumdrehen einpacken konnte: Wasserbehälter, Sättel, Handfeuerwaffen, ein Schwert, ein paar Gefäße und Teppiche.

»Dein Anliegen ist zweifellos wichtig, da du dich in so einem kritischen Augenblick mit mir treffen wolltest. Unsere zweite Rakete wird in reichlich siebzehn Stunden an ihrem Ziel und im Bewusstsein der Welt einschlagen.«

»Der Start muss vorgezogen werden«, sagte Osman und sah das erste Mal in seinem Leben, wie Gaddafi vor Verblüffung der Mund offen stehen blieb.

»Was ist geschehen?«, fragte Gaddafi.

»Die Briten wissen, wo die Raketen sind. Und dass ich Nazir bin.« Osman wurde klar, dass es sich so anhörte, als hätte er Angst. Er senkte die Stimme. »Wir müssen zuschlagen, bevor die Raketen vernichtet werden.«

»Woher stammen diese Informationen?«

Osman breitete die Arme aus. »Einer meiner Untergebenen, ein Oberst des Sudanesischen Aktiven Nachrichtendienstes, hat es von einem Vertreter der UN gehört.«

Gaddafi saß eine Weile still da und wedelte mit der Fliegenklatsche, obwohl in dem Zelt nicht ein einziges Insekt herumflog. »Ich halte die Informationen für nicht sehr zuverlässig. Zumindest die Behauptung, jemand habe die Verstecke der Raketen herausgefunden. Das ist eigentlich fast unmöglich – niemand kennt die Standorte aller Marschflugkörper. Auch die Leiter der Raketenkommandos haben nur die Koordinaten des Abschussortes ihrer Rakete. Und die Ziele aller fünf Anschläge kennen auch nur wir zwei. Ein Vorziehen der Anschläge ist genauso unmöglich, niemand weiß, welche fünf Staatsoberhäupter die Kontaktdaten der einzelnen Raketenkommandos besitzen. Da kann man nichts tun, das wirst du sicher am besten verstehen, schließlich hast du den ganzen Plan selbst entwickelt.«

»Du könntest Kontakt zu den anderen dreiundzwanzig Staatschefs aufnehmen, die Situation erläutern und ein Vorziehen des Anschlags verlangen. Dann würde der richtige Mann zwangsläufig deine Botschaft erhalten«, schlug Osman vor. »Das könnte gelingen.«

Gaddafi lächelte diplomatisch. »Ich würde mein Gesicht verlieren, wenn ich von den Vereinbarungen abweiche, und das will ich nicht. Und ich kann offen gesagt nicht glauben, dass die Briten die Standorte der Raketen kennen. Warum haben sie die Raketen dann noch nicht zerstört?«

Osman kam sich vor wie ein Esel. Wenn ein Vorziehen der Anschläge gar nicht erforderlich war, dann blieb als einziges Problem … sein eigenes Schicksal. »Und dass der Westen Khartoum besetzt, glaubst du das auch nicht?«

Gaddafi runzelte die Brauen. »Du meinst sicher, ob ich nicht glaube, dass du in Gefahr bist. Meine Antwort ist – doch, das glaube ich. Jemand kann sehr wohl herausgefunden haben, dass die Raketendrohung und der Islamische Staatenbund der Sahel-Sahara zu einem großen Teil deine Idee sind. Du veröffentlichst allzu eifrig Aufsätze, vielleicht ist man dir dadurch auf die Spur gekommen. Die westlichen Nachrichtendienste verfügen über Tausende Mitarbeiter und nahezu unbegrenzte Mittel. Wir alle müssen mit der Gefahr leben, entdeckt zu werden. Auch in diesem Krieg ist keiner unersetzlich, nicht einmal du. Man darf nicht vergessen, um welch große Ziele es hier geht – um einen islamischen Staatenbund von fünfundzwanzig Ländern!«

Osman hatte nicht die Absicht, auf seinem Wunsch zu bestehen. Er wäre sehr wohl in der Lage, vor den Briten zu fliehen, bis auf die Erpressung eingegangen würde. Danach wären er und die vierundzwanzig anderen Staatschefs in Sicherheit. Heutzutage verübten nicht einmal mehr der CIA und der SIS Attentate auf Staatsoberhäupter. Sorgen bereitete ihm nur eins, der Erfolg des Anschlags am nächsten Morgen. Der musste unbedingt gelingen, es war der wichtigste von allen. Rashid Osman wollte seine Rache.

Die Männer unterhielten sich noch eine Weile über ihren Plan und den künftigen Staatenbund. Gaddafi würde für die ersten zwei Jahre das Oberhaupt des Bundes sein, danach sollte Osman das Amt übernehmen. Sie verabschiedeten sich freundschaftlich, Gaddafi trat vor das Zelt und schaute zu, wie Osman in seinen Hubschrauber stieg. Sand wurde aufgewirbelt, und die Rotorblätter sorgten für einen höllischen Lärm, als die Maschine schwankend bis in Flughöhe aufstieg und in Richtung sudanesische Grenze abdrehte.

Rashid Osman versuchte in dem vibrierenden Helikopter eine erträgliche Position einzunehmen und überlegte unterdessen, welche Alternativen er hatte. So gut wie keine. Ohne Gaddafis Hilfe konnte er nichts anderes tun, als in einem Versteck zu bleiben und zu hoffen, dass der Westen sich nicht traute, ihn in Khartoum zu suchen und zu verhaften. Plötzlich schien der Lärm des Rotors noch lauter zu werden, er schaute kurz zur Seite und erblickte völlig entgeistert ein Jagdflugzeug. Es kam direkt auf sie zu. Osman schaute genauer hin und fuhr heftig zusammen, denn weder die sudanesischen noch die libyschen Luftstreitkräfte besaßen Harrier-Jäger.

***

Der Hubschrauber von Abu Baabas setzte um 18:21 Uhr auf dem Landeplatz im Barackengelände der Fünften Division der Sudanesischen Armee in El Obeid auf. Die Sonne versank gerade am Horizont. Er wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, als er die bewaffneten Soldaten erblickte, die auf den Hubschrauber zukamen.

»Oberst Baabas, General al-Nuri will Sie sehen«, sagte der Leiter des Empfangskomitees, ein junger dunkelhäutiger Unteroffizier, und richtete sein Sturmgewehr auf den Bauch von Baabas.

Der Oberst prägte sich das Gesicht des Unteroffiziers ein und betrat gehorsam das weiße, zweistöckige Gebäude, in dem die Führung der Militärregion Mitte des Sudan ihr Quartier hatte. General al-Nuri empfing ihn sofort, und auf dem tiefschwarzen Gesicht des Mannes in seiner hellblauen Uniform war keine Spur von der Gleichgültigkeit zu erkennen, die er vor kurzem auf dem Flughafen von Khartoum Baabas gegenüber demonstriert hatte. Sie begrüßten sich.

»Setzen Sie sich, Oberst. Haben Sie schon die Nachrichten gehört?«, erkundigte sich der General. Er wirkte ungeduldig und starrte Baabas an wie einen Boten.

Baabas setzte sich in einen Sessel, schlug das rechte über das linke Bein, schob eine Zigarette zwischen die Lippen und hoffte, dass man ihm nicht ansah, wie verwirrt er war. »Welche meinen Sie?«

»Worüber haben Sie mit Vizepräsident Osman in Khartoum gesprochen?«, fragte der General, während er sein Ronson anzündete und dem Oberst Feuer gab.

Baabas überlegte fieberhaft. Woher wehte jetzt der Wind, warum interessierte sich al-Nuri für das, was er wusste? »Wir haben über den Raketenanschlag von Kenia gesprochen und darüber, dass die Briten wissen, wo die anderen Raketen sind. Wir haben auch über die Enthüllung der Identität von Nazir geredet.«

Der General schlug mit der Faust auf den Tisch. »Rashid Osman ist tot, sein Hubschrauber wurde vorhin über der libyschen Wüste abgeschossen. Das ist garantiert das Werk der Briten.«

Um ein Haar hätte Baabas gelächelt. Die Nachricht von Osmans Tod war für ihn ein Grund zur Freude, jetzt konnte er die Morde an Ewan Taylor und dem Witwenmacher Leo Kara anlasten und wäre bei seinen Vorgesetzten wieder gut angeschrieben. Und statt Osman, der dem Westen in den Hintern gekrochen war, bekämen sie endlich einen kompetenten Vizepräsidenten, einen anständigen Araber. »Das ist ein gewaltiger Verlust für den Sudan!«, sagte er.

Der General musterte Baabas und beschloss widerwillig, dem Mann zu vertrauen.

»Der ganze Staatenbund der Sahel-Sahara ist in Gefahr, wenn die westlichen Länder wirklich wissen, wo sich die restlichen vier Raketen befinden. Osmans genialer Plan zur Vertreibung des Westens aus Afrika zerbröckelt, kurz bevor er durch die Anschläge vollendet werden kann.«

Baabas spürte, wie ihm das Blut aus dem Kopf wich, er zog so heftig an seiner Zigarette, dass der Filter platt gedrückt wurde. Osmans genialer Plan! Zur Vertreibung des Westens aus Afrika! Baabas konnte nicht glauben, was er da hörte. Hatte Osman ihm nur vorgespielt, dem Westen in den Hintern zu kriechen?

General al-Nuri rieb sich die Schläfen. »Die Gewissheit, dass Osman hinter den Raketenanschlägen stand, haben die Briten wahrscheinlich erhalten, als er zu dem Treffen mit Gaddafi flog. Weiß der Oberst, warum Osman Gaddafi gerade jetzt, so kurz vor dem zweiten Raketenanschlag, treffen wollte?«

Für Baabas war das Tempo, in dem eine Enthüllung auf die andere folgte, zu hoch. Jetzt musste er sich genau überlegen, was er sagte. »Über Gaddafis Rolle habe ich nichts gehört.«

Der General wirkte überrascht. »Oberst Gaddafi hat den ganzen Vertrag über den Staatenbund zwischen allen fünfundzwanzig islamischen Staaten ausgehandelt. Osman brauchte einen Vermittler, er konnte nicht selbst in Afrika herumfliegen und die Staatschefs dafür gewinnen, ihre Bodenschätze zu nationalisieren und den Westen aus ihren Ländern rauszuwerfen. Für Gaddafi war das kein Problem, er reiste mal in seiner Eigenschaft als Präsident der Afrikanischen Union und mal, um angeblich Geld für seine Stiftung zu sammeln, für den Internationalen Wohltätigkeitsfonds, der seinen Namen trägt.«

Der Blick von Baabas verriet, dass er nicht die leiseste Ahnung hatte, wovon der General sprach. »Ich sollte klären, wie viel man im Westen von Osmans Plan weiß. Ich bin gerade auf dem Weg zum … Verhör eines UN-Mitarbeiters, der möglicherweise weiß …«

General al-Nuri stand auf und wies in Richtung Tür. »Mach deine Arbeit weiter, vielleicht ist das Spiel noch nicht verloren. Von jetzt an berichtest du mir. Wenn der Plan gelingt, wird man sich an Rashid Osman als den größten Helden aller Zeiten im islamischen Afrika erinnern. Er hat die islamischen Staaten Afrikas das erste Mal vereint.«

»Und ich bin schuld an seinem Tod«, dachte Baabas, als er den General verließ.

Er konnte nur an eins denken, an den Mann, der ihn zum Narren gehalten hatte und verantwortlich dafür war, dass er Osmans Plan ruiniert hatte. Leo Kara.

Als Baabas in der Eingangshalle den Soldaten erblickte, der Kara bewachen sollte, schlug seine Verwirrung in Wut um. Der Soldat war allein. Baabas zog die Eisenstange aus seinem Hosenbund.

***

Clive Grover saß auf dem Besucherstuhl und starrte vor sich hin wie das Horusauge, Betha Gilmartin überprüfte immer wieder ihren Pulsmesser. Sie hatten beide eben eine Zusammenfassung des Gesprächs von Rashid Osman und Muammar Gaddafi in der libyschen Wüste gelesen und warteten nun auf den Rückruf des Premierministers. Ihre geröteten Augen und die immer tiefer werdenden Stirnfalten waren das äußere Zeichen für die Last der Verantwortung, für Angst und Müdigkeit. Die UNO, die ganze Welt hatte ihnen die Verantwortung für die Aufklärung des Raketenultimatums übertragen. Nun schien von Minute zu Minute sicherer, dass sie scheitern würden.

Das Telefon klingelte. Betha Gilmartin atmete tief ein und wieder aus, schaltete den Lautsprecher an und meldete sich.

»Hier ist der Premierminister, Sie haben meiner Sekretärin vorhin gesagt, Sie hätten dringende Neuigkeiten.«

»Kein einziger Mensch kennt den Standort aller vier noch nicht gestarteten Raketen«, sagte Betha Gilmartin.

Grover beugte sich weiter vor zum Telefon. »Nur ein Mensch kann den Raketenanschlag morgen früh annullieren, aber wir wissen nicht, niemand weiß, wer es ist.«

Betha Gilmartin ergriff wieder das Wort. »Wir müssten die Staatschefs von dreiundzwanzig afrikanischen Ländern entführen, um zu erfahren, wer von ihnen imstande ist, den Start der Rakete in vierzehn Stunden abzusagen. Das ist nicht …«

Der Premierminister unterbrach sie: »Wie ist das möglich?«

»Rashid Osmans Plan ist genial. Die an der Verschwörung Beteiligten haben sich auf dem Gipfel der Afrikanischen Union im Januar kurz in einem Raum versammelt und unter sich fünf Mann ausgelost, von denen jeder Kontakt jeweils nur zu einem Raketenkommando aufnehmen und einen Anschlag absagen kann. Niemand weiß, welche fünf Staatschefs ein ›Gewinnlos‹ gezogen haben.«

In der Leitung wurde es still, es dauerte lange, bis der britische Premierminister etwas sagte. »Der morgige Raketenanschlag ist also unausweichlich.«

Betha beugte sich näher ans Telefon. »Die totale Katastrophe kann vielleicht noch verhindert werden. Osman und Gaddafi wissen, wohin die Rakete fliegen soll. Das Ziel des Anschlags ließe sich noch rechtzeitig evakuieren.«

»Erst einmal müssen Sie herausfinden, was das Ziel ist«, erwiderte der Premierminister.