Der Zweite Vizepräsident Rashid Osman saß vor dem kleinen Teestand einer gut gebauten Frau vom Stamm der Fur auf dem Al-Mourada-Markt. Im historischen Teil von Omdurman am Westufer des Weißen Nil hingen Sandstaub und der Gestank von Fischabfällen in der Luft, überall waren die Rufe der Markthändler zu hören und ein lautes Stimmengewirr. Die Sonnenbrille und der Schnurrbart verdeckten Osmans kleines rundes Gesicht fast zur Gänze.
»Sie ahnen sicher, dass mein Anliegen wichtig ist. Wir bekommen beide Probleme, wenn die falschen Leute von diesem Treffen erfahren«, sagte Hofman in seinem schlechten Arabisch, er beugte sich näher zu Osman hin und dämpfte die Stimme.
»Ich möchte noch ein letztes Mal an Sie appellieren – stoppen Sie die Raketenanschläge. Was auch immer Sie damit zu erreichen glauben, vergessen Sie es. Man wird Sie aufspüren, das ist Ihnen doch klar. Die westlichen Länder vergessen niemals Terroristen, die ihre Bürger umbringen. Man wird Sie, wenn es sein muss, hundert Jahre lang suchen, Sie werden gezwungen sein, in Höhlen oder in der Wüste im Zelt zu leben. Durch die Anschläge entsteht uns beiden enormer Schaden«, sagte der schwarzbärtige Hofman, der eine kleine, runde Kufi-Kappe und eine der Gesichtsform angepasste Sonnenbrille trug. Der Mann war so groß, dass seine Gesten wie in Zeitlupentempo wirkten.
Osman brauchte nicht über seine Antwort nachzudenken. »Wir haben geholfen, die Teile der Marschflugkörper unbemerkt in den Sudan zu bringen, mit unseren Anschlägen testen wir das Triebwerk, das Treibstoffsystem und die anderen Eigenschaften der Rakete, und wir liefern Ihnen Hunderte von Sklaven. Damit halten wir unseren Teil des Vertrags ein. Aber wohin wir die Raketen schießen, das geht Sie nichts an«, antwortete der Vizepräsident, und seine Stimme zitterte dabei vor Zorn.
Hofman wurde klar, dass Osman zu wütend war, er musste seine Worte sorgfältiger wählen. Das war die letzte Möglichkeit, den Vizepräsidenten umzustimmen. In dem Moment legte der Händler einen in Papier gewickelten gebratenen Nilbarsch auf den wackligen Plastiktisch. Hofman drückte den Saft einer kleinen grünen Zitronenhälfte auf den Fisch. Seine Hände wurden fettig, als er mit den Fingern ein Stück Barsch abbrach. Er tunkte den Bissen in pikantscharfe grüne Chilisoße, umhüllte ihn mit einem Stück frischen Brots und schob den Happen in den Mund.
»Ich kann das sehr gut bezahlen, wenn Sie die Raketenanschläge absagen«, sagte Hofman. »Wir hätten keine Zusammenarbeit mit dem Sudan angebahnt, wenn wir gewusst hätten, was Sie mit den Raketen vorhaben.«
Osman hob ein kleines Glas an den Mund und trank süßen starken Tee. »Werter Herr, Sie wiederholen sich.«
Plötzlich brach zwischen zwei Fischhändlern ein heftiger Streit aus; der eine Mann drohte mit der Faust, und der andere hielt einen Ast hoch, an dem ein Dutzend an den Kiemen durchstochene Tilapien hingen.
Hofman tunkte ein Stück Nilbarsch in die Chilisoße und beschloss, die Taktik zu ändern. »Ich verstehe es natürlich, wenn Sie nicht die Vollmachten haben, über eine derart wichtige Angelegenheit zu entscheiden. In dem Falle bitte ich darum, dass ich mit dem … Kopf Ihres Projekts sprechen kann.«
Osman lachte gekünstelt. »Den ganzen Raketenplan habe ich ausgearbeitet, die Standorte der Raketen, das Verfahren, wie ein Abschuss ausgelöst wird, einfach alles.«
Hofman wurde klar, dass es sinnlos war, das Gespräch weiterzuführen, Osman würde seine Meinung nicht ändern. Er wischte seine fettigen Hände am Saum seines Leinenhemds ab und richtete seinen riesigen Körper auf. »Dann sagen Sie mir wenigstens, wo der nächste Anschlag begangen wird.«
»Ich bin Ihnen nichts schuldig«, erwiderte Osman, erhob sich, gab Hofman die Hand und verschwand im Menschengewimmel. Das Ziel einer der anderen Raketen hätte er vielleicht verraten können, wenn er gewollt hätte. Aber nicht das des nächsten Anschlags. Das war der wichtigste von allen, seine persönliche Rache.
Osman setzte sich in seinen gepanzerten BMW X5 und gab dem Fahrer unwirsch seine Anweisungen. Die Klimaanlage und die kühlen Ledersitze waren nach den vierzig Grad draußen eine Wohltat. Er holte aus der Galabija seinen Talisman hervor, den Nagel, den er seit zwanzig Jahren bei sich trug. Seitdem er in Itang als junger Mensch sein Schicksal in die eigenen Hände genommen hatte, war sein Leben wie nach einem göttlichen Drehbuch verlaufen, das den Tag übermorgen zum Ziel hatte. Das Glück war ihm immer wieder hold gewesen: Der Bruder seines Vaters in Khartoum hatte ihn kurze Zeit nach den Gräueltaten von Itang unter seine Fittiche genommen. In der Schule und beim Studium war er erfolgreich gewesen und hatte nach seinem Abschluss eine Stelle an der Universität bekommen. In der Politik hatte er den raschen Aufstieg in eine führende Position geschafft und konnte schließlich die einflussreichsten Kräfte der Sahel-Zone von seinem Plan überzeugen und ihn vor dem Westen geheim halten.
Rashid Osman wusste noch genau, was es für ein schwerer Schock gewesen war, als er vor zehn Jahren das Bild des UN-Mitarbeiters vom Waldweg in Itang das erste Mal in einer Zeitung gesehen hatte. Aus dem Feigling von Itang war ein hochrangiger UN-Beamter mit ehrwürdiger Miene geworden. Seit jenem Tag hatte er die Laufbahn des Mannes verfolgt, erst in Zeitungen und dann im Internet und Fernsehen.
Es verging kaum ein Tag, an dem das Gesicht des UN-Generalsekretärs nicht in den Medien zu sehen war. Niemand außer Osman wusste, was der UN-Generalsekretär 1990 im Wald des Flüchtlingslagers getan oder besser gesagt nicht getan hatte. Und dieses Geheimnis wollte Rashid Osman mit keinem einzigen Menschen teilen.
***
An der Metrostation Vauxhall in unmittelbarer Nähe von Legoland nahm Betha Gilmartin einen Zug der Victoria-Linie, stieg einmal um und verließ den Zug der District-Linie an der Station East Putney, nur ein paar hundert Meter von ihrer Haustür entfernt. Das schafften Joe Bradley und der SIS-Dienstwagen nicht so schnell, obwohl Joe der beste Fahrer war, den sie je gehabt hatte.
Bethas Schritte hallten auf dem Asphalt wider, als sie auf dem Carlton Drive nach Hause eilte. Es interessierte sie nicht, dass ihr Kostüm im Nieselregen nass wurde, im Moment interessierte sie nur, dass der nächste Marschflugkörper in ungefähr neununddreißig Stunden gestartet wurde. Sie benötigte mehr Wäsche zum Wechseln, die letzten Tage hatte sie im Hauptquartier des SIS verbracht. Und die Katze Violet musste gefüttert werden. Albert ging es wieder besser, er war in ihr Ferienhaus in Torquay gefahren, um den Garten umzugraben. Und die betagte Vanessa aus dem Nachbarhaus, die sich sonst gern um Violet kümmerte, lag mit einem Gipsbein im Krankenhaus.
Das Klingeln hörte man bis zur Haustür, Betha Gilmartin erkannte bereits am Ton, welches ihrer beiden Telefone abgenommen werden wollte. Der Dienstapparat des SIS klang heller. Im Flur wäre sie um ein Haar über Violet gestolpert, die sich wie üblich an ihre Beine drängte. Betha griff zum Hörer.
»Schalt deinen Computer ein«, raunzte Clive Grover sie an. »Wir wissen, wer Nazir ist.«
Betha Gilmartin tat, was er verlangte, es dauerte etwa zwanzig nervtötend lange Sekunden, bis der Dell-Laptop betriebsbereit war. Sie öffnete ihr E-Mail-Fach und fand Grovers Nachricht.
Kritische Dichte
In der Astronomie bezieht sich der Terminus ›kritische Dichte‹ auf die Frage, ob sich das Universum ewig ausdehnt oder irgendwann anfängt, sich zusammenzuziehen. Meine kritische Dichte handelt davon, ob sich die Macht der westlichen Länder in Afrika endlos ausdehnt oder ob wir ihre Verringerung erzwingen. Mein Bestreben ist es, eine Wellenbewegung auszulösen, die dazu führt, dass sich die Entwicklungsländer aus dem Würgegriff des Westens befreien.
Unser Ziel ist es, einen islamischen Staatenbund der Sahel-Sahara-Region zu bilden, von deren fünfundzwanzig Staaten achtzehn zu den fünfzig ärmsten Ländern der Welt gehören. Jeder dieser achtzehn Staaten wird dank unseres Raketenplans von der Weltbank und vom Internationalen Währungsfonds einen Kredit in Höhe von drei Milliarden Dollar erhalten. Mit Hilfe dieses Startkapitals von vierundfünfzig Milliarden Dollar verstaatlichten wir unsere von den westlichen Ländern genutzten Ölfelder, den Abbau von Mineralien sowie unsere sonstigen Bodenschätze und werden sie künftig selbst verwerten.
»Der gleiche Mist wie Nazirs andere Ergüsse«, schimpfte Betha Gilmartin ins Telefon.
Grover, der sich in seinem Büro auf die Schreibtischkante lehnte, strahlte vor Zufriedenheit. »Rate mal, was der Zweite Vizepräsident des Sudan, Rashid Osman, als Hauptfach an der Universität in Khartoum studiert hat? Astronomie. Und rate mal, über welches Thema er seine Abschlussarbeit geschrieben hat?«
»Kritische Dichte«, beantwortete Grover seine Frage selbst.
»Ich bin in einer Stunde wieder in Legoland. Geht alles durch, was über Osman herausgefunden wurde«, sagte Betha Gilmartin, beendete das Gespräch und schaute auf den Pulsmesser – 119. Endlich greifbare Ergebnisse. Dieser Durchbruch durfte nicht mit einer ähnlichen Enttäuschung enden wie die Überprüfung der Fabrikhalle in El Obeid. Fehlschläge konnten sie sich zeitlich und auch sonst nicht mehr leisten, das war ihre letzte Chance, bis zum Raketenanschlag blieben nur noch anderthalb Tage Zeit.
Betha Gilmartin zog sich aus, setzte eine Plastikhaube auf ihren roten Haarschopf, duschte kurz und packte dann ihre Flugtasche voll mit frischer Wäsche. Sie leerte eine Büchse mit Katzenfutter Bil-Jack in Violets Schüssel, füllte den Trinknapf und zog sich an. Sie fuhr im Flur eben in die Schuhe, als in ihrem Kopf die Alarmglocken läuteten. War Leo am Ende in den Sudan geflogen? Er musste gewarnt werden. Wenn Truppen Großbritanniens oder der NATO in Khartoum zuschlugen und etwas schiefging, war im Sudan niemand aus dem Westen mehr sicher.
Betha Gilmartin betrat den Lageraum im dritten unterirdischen Geschoss. Die hastigen Schritte, die angespannten und nervösen Stimmen der Mitglieder des Shield-Krisenstabs und das ständige Klingeln der Telefone trieben den Puls hoch, so sehr sie auch versuchte, ganz ruhig zu bleiben.
Clive Grover musste mit der Faust auf den Tisch schlagen, um für Ruhe zu sorgen.
»Die Zeit geht zu Ende, liebe Kollegen, die Zeit geht zu Ende. Die Zusammenfassung zu Rashid Osman«, sagte Grover, und der Leiter der Abteilung für Unterstützungsprozesse des SIS räusperte sich.
»Unsere Botschafterin im Sudan, Rosalind Cliff, hat alle drei Verdächtigen getroffen: Verteidigungsminister Mohamed, den Zweiten Vizepräsidenten Rashid Osman und den Befehlshaber der Sudanesischen Armee General al-Nuri. Nach Ansicht der Botschafterin verhielt sich Rashid Osman aggressiv, beschuldigte die westlichen Länder, sie würden die ostafrikanischen Staaten ausbeuten und …«
Der ganze Krisenstab verstummte, als die operative Leiterin des Kommunikationshauptquartiers in die Mitte des Raums trat und ein Blatt Papier in der Hand schwenkte.
»Jetzt haben wir einen wasserdichten Beweis. Der Schuldige ist Rashid Osman. Wir haben vorhin ein Gespräch aufgenommen, in dem jemand versuchte, Osman zu überreden, die Raketenanschläge zu stoppen. Hört euch das an, es ist ein direktes Zitat aus dem, was Osman gesagt hat:
»Den ganzen Raketenplan habe ich ausgearbeitet, die Standorte der Raketen, das Verfahren, wie ein Abschuss ausgelöst wird, einfach alles.«
Im Krisenstab brach ein Stimmengewirr los, das schnell zum Lärm anschwoll, jemand jauchzte, ein anderer pfiff.
Grover ging zur operativen Leiterin des Kommunikationshauptquartiers. »Mit wem hat Osman geredet?«
»Das weiß man nicht, die beiden haben keine Namen erwähnt, und wir haben im Sudan nicht genug Leute, um alle interessanten Personen zu observieren. Wir sind nicht imstande, jeden Menschen, den Osman trifft, zu überwachen. Aber wir versuchen, anhand der Satellitenfotos zu klären, mit wem sich Osman getroffen hat.«
Betha Gilmartin lief rasch zu Grover hin, dabei blinkte auf dem Pulsmesser ein Wert, bei dem ihre Gesundheit in Gefahr geriet. »Kann das denn stimmen? Osman ist doch der sudanesische Politiker, der am meisten westlich orientiert ist. Die EU und die USA möchten, dass er der nächste Präsident des Sudan wird.«
Clive Grover nahm den Bericht von Botschafterin Cliff und die Zusammenfassung des Gesprächs zwischen Osman und dem Unbekannten, legte beide auf den nächsten Schreibtisch und beugte sich vor, um sie zusammen mit Betha Gilmartin zu lesen.
»Diese Texte lassen keinen Spielraum für unterschiedliche Interpretationen, Osman hat in seinen Ansichten eine Kehrtwendung vollzogen«, sagte Grover, der als Erster fertig gelesen hatte.
»Der Mann muss möglichst schnell und möglichst unauffällig zum Verhör geholt werden. Befiehl dem SAS, einen Plan zu machen, und zwar ruck, zuck!«, ordnete Betha Gilmartin an.
»Kann denn der SAS den Vizepräsidenten des Sudan mitten in Khartoum entführen?«, fragte Grover unschlüssig.
»Das wird sich bald herausstellen«, erwiderte Betha gereizt, sie bemerkte, dass auf ihrem Pulsmesser die Ziffern 1, 3 und 8 blinkten, und beschloss, in ihrem Arbeitszimmer zu verschwinden und sich aufs Sofa zu legen, bevor sie im Lageraum umfiel.
***
In Kapstadt schien die Sonne, und der Tafelberg beeindruckte Kati Soisalo, auch wenn sie ihn nur aus dem Taxi sah, das durch die Vororte raste. War das da hinten Robben Island, die Insel, auf der Nelson Mandela siebenundzwanzig Jahre lang eingekerkert gewesen war? Sie hatte im Flugzeug nur einen Teil ihres Reiseführers gelesen und war dann eingeschlafen.
Es war kurz vor neun am Sonntagmorgen. Hinter ihr lag ein siebzehnstündiger Flug, zwei Stunden davon hatte sie im Gedränge von Heathrow auf die nächste Maschine gewartet. Zum Glück hatte sie während des Flugs so gut geschlafen, dass sie sofort an die Arbeit gehen konnte. Nach ihrer Ankunft in Kapstadt hatte sie sich im Flughafenhotel »Road Lodge« eingebucht, geduscht, umgezogen und ein Taxi bestellt, mit dem sie nun in den Vorort Table View fuhr. Wenn Henri Pohjala lebte, dann wollte sie ihn finden und zwingen, sein Wissen über Sibirtek preiszugeben. Und das Wichtigste: Damit würde sie Jukka Ukkola ins Gefängnis befördern.
Das war ihre erste Reise auf den afrikanischen Kontinent, und es ärgerte sie, dass ihr keine Zeit blieb, die Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Die Termine der nächsten Tage abzusagen war kein Problem gewesen, aber bis zu einem Prozess am kommenden Donnerstag musste sie nach Finnland zurückgekehrt sein. Das war blöd, denn sie müsste ohnehin um eine Vertagung bitten, weil sie sich wegen ihrer Reise nicht ordentlich auf den Prozess vorbereiten konnte. Das Leben war chaotisch, dank Leo Karas Ermittlungen und dank ihrer stets gleichen Sorgen, der Angst vor Ukkola und der Sehnsucht nach Vilma. Sie sah in einem Straßencafé einen Touristen, der seinen Kaffee und die Morgensonne genoss, und ihr wurde klar, dass sie nicht endlos so weiterleben konnte. Sie musste das Schicksal ihrer Tochter endlich annehmen, sich damit abfinden.
Als das Taxi an der Ecke Blaauwberg Road und Otto-du-Plessis-Drive anhielt, stellte Kati Soisalo überrascht fest, dass sich der Woolworths-Supermarkt in einem Einkaufszentrum befand. War das ein Vorteil für sie oder eher ein Nachteil? Sie bezahlte, betrat das eingeschossige Shoppingcenter Bayside und studierte den Lageplan. Das Geschäft Nummer 95 fand sich schnell, Woolworths hatte sein Domizil in einem der größten Räume des Gebäudes.
So früh am Sonntagmorgen waren nur einige Kapstädter unterwegs. Kati Soisalo schätzte, dass zwei Drittel der Kunden Weiße waren, und zog daraus den Schluss, dass in der Gegend von Table View bessergestellte Leute wohnten. Doch was wusste sie schon von der jetzigen Situation in Südafrika, seit dem Ende der Apartheid waren immerhin fast zwanzig Jahre vergangen.
»Perfekt«, dachte Kati Soisalo, als sie am Eingang von Woolworths, oder genauer gesagt des Geschäfts daneben, ein Café namens »Coffee@The Bay« erblickte. Ihr erstes Problem hatte sich so ganz von allein geklärt. Sie kaufte sich einen Latte macchiato, setzte sich an einen Fenstertisch und überlegte, wie viele Tage sie hier in dem Café auf ihrem Posten sitzen müsste, bis Henri Pohjala die Lebensmittel ausgingen.
Das Ganze kam ihr unwirklich vor. Sie war bis ans Ende der Welt geflogen, um Henri Pohjala zu suchen, nur weil Salme Pohjala während ihres Urlaubs in diesem Supermarkt eingekauft hatte. Was wusste sie denn, wo Henri Pohjala sein Brot und seine Wurst besorgte, vielleicht ließ er es sich nach Hause liefern? Doch sie selbst und Kara waren übereinstimmend der Auffassung gewesen, dass sie nun auch die letzte Seite der Geschichte von Sibirtek aufschlagen mussten, nachdem sie der Wahrheit so nahe gekommen waren.
Sie holte aus der Tasche ihres Blazers einen Stapel Fotos von Henri Pohjala hervor und betrachtete sie zum vielleicht zwanzigsten Mal. Ein kahler Fleck auf dem Kopf in der Form einer Badekappe, eine platte Nase, milchweiße Augenbrauen und grau-blaue Augen – ein echter Herr Puntila. Zumindest würde es ihr keine Schwierigkeiten bereiten, Pohjala zu erkennen. Jussi Ketonen, der ehemalige SUPO-Chef, hatte behauptet, dass Henri Pohjala alles über Sibirtek wusste. War Pohjala der Chef von Sibirtek in Finnland? Oder der Gründer?
Im selben Moment blieb ihr Blick am Werbeschild eines Spielzeugladens hängen, und der unwiderstehliche Wunsch, für Vilma Geschenke zu kaufen, überkam sie. Wurde sie jetzt langsam verrückt? Warum wollte sie sich selbst unnötigen Schmerz zufügen? Inzwischen hatte ihre chronische Sehnsucht vermutlich längst krankhafte Züge.