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Freitag, 24. April – Samstag, 25. April

Leo Kara wachte auf und öffnete die Augen, doch die Dunkelheit wollte nicht weichen. Die Hand und der Kopf taten ihm weh, er spürte den eiskalten Betonfußboden auf der nackten Haut, und es stank widerlich nach hartnäckigem Schmutz und Kot. Aus der Erinnerung tauchten Bilder auf: brennendes Papier, der Angreifer, die Flucht, der sudanesische Oberst … Fragen schossen ihm durch den Kopf und leuchteten auf wie Feuerwerkskörper. Wo befand er sich, warum lag er nackt auf dem Boden, warum war seine Hand verbunden? Panik kündigte sich an, alles andere hielt er aus, nur keine finsteren Zellen.

Kara richtete sich auf und entdeckte auf dem Fußboden einen schmalen Lichtstreifen. Vorsichtig tastete er sich an der Wand entlang, fand eine Stahltür und versuchte vergeblich, sie zu öffnen. Er lauschte an der Tür und hörte eine wütende Stimme und eilige Schritte. Der Oberst mit dem schiefen Hals dachte doch nicht etwa, dass er den Witwenmacher ermordet hatte? Wieder drängte ein Bild aus der Erinnerung in sein Bewusstsein: das Profil des Messermanns im grünen Overall, oder genauer gesagt ein kleiner Teil davon, denn die Haare und das Gesicht waren durch die Schutzbrille, die Kapuze und den Atemschutz verdeckt gewesen.

Seine Sorgen wurden noch größer, als ihm Fakten aus dem Bericht des polnischen Polizeichefs über Oberst Baabas und Al-amn al-ijabi einfielen. Gleich zu Beginn der Darfur-Krise im Oktober 2002 hatte sich Baabas als Anführer von Angriffen der Fursan, berittener arabischer Kämpfer vom Stamm der Beni Halba, gegen Zivilisten des Stamms der Fur in Süddarfur den Ruf erworben, besonders unbarmherzig vorzugehen. Die Fursan unter Baabas hatten die Dörfer kurz vor dem Morgengrauen überfallen. Die Männer wurden umgebracht, die Frauen vergewaltigt, die Kinder entführt, die Gebäude und Felder niedergebrannt, das Vieh gestohlen, alles zerstört. Den Beinamen Al-Sikha, die Eisenstange, hatte Baabas bekommen, weil er Zivilisten und Gefangene oft mit einem Stück Armierungseisen schlug.

Nach dem Ende der schlimmsten Gewalttätigkeiten in Darfur hatte Baabas also wirklich eine Arbeit gefunden, für die er geeignet war. Laut Amnesty folterte Al-amn al-ijabi, der Aktive Nachrichtendienst, fast all seine Gefangenen systematisch. Kara wusste, dass er in diesem Loch nicht lange durchhalten würde. In solchen Gefängnissen war es auch ohne Folter lebensgefährlich, denn man bekam zu selten und zu wenig Wasser und Essen, Krankheiten breiteten sich rasend schnell aus, waschen durfte man sich nicht, und es fehlte an Medikamenten. Die größte Angst hatte Kara jedoch vor sich selbst, davor, dass seine Psyche dieses finstere Loch nicht ertragen würde.

An einen derart üblen Ort war er bislang nur einmal geraten, als vierzehnjähriger unsicherer Teenager. Die grauenhaften Erlebnisse von damals hatten sich längst in etwas Unwirkliches verwandelt, in Alpträume, und es schien ihm, als wäre all das einem anderen zugestoßen. Er war müde und sah Funken vor den Augen, mit welchem Zeug hatte man ihn vollgepumpt? Wie lange hatte er hier bewusstlos gelegen?

Kara schrak hoch, als er auf dem Flur Schritte hörte. Je näher sie kamen, umso mehr beschleunigte sich sein Puls, die Tür ging auf, und grelles Licht überflutete den Raum. Es dauerte eine Weile, bis er sein Ziel erkannte, dann trat er dem einen sudanesischen Soldaten in den Unterleib. Jetzt noch der zweite Soldat. Er beugte den Oberkörper und wollte noch einmal zutreten, aber ein Fausthieb auf sein Zwerchfell nahm ihm den Atem. Kara fiel auf die Knie und schnappte nach Luft, in dem Moment traf ein eisiger Wasserstrahl seinen nackten Körper mit voller Wucht. Es kam ihm vor wie tausend Nadelstiche, er war nicht mehr fähig, sich zu wehren. Als die Wasserfolter endlich aufhörte, packten ihn die Männer an den Armen und schleiften ihn auf den Flur.

Am Ende des Gangs wurde Kara vor einer zerkratzten Stahltür hochgehoben, bis er stand. Einer der beiden sudanesischen Soldaten öffnete die Tür zum Verhörraum, in dem es nach Urin stank, der andere stieß ihn auf den einzigen Stuhl, seine Hoden schmerzten auf dem kalten Metall. Die Soldaten stellten sich hinter ihn.

Oberst Abu Baabas warf die Zigarette auf den Betonfußboden und trat sie aus. Der Grind der Wunde, die Kara dem arabischen Offizier mit seinem Schlag auf die Nase zugefügt hatte, war als schwarzer Fleck auf der dunklen Haut zu sehen.

Kara schaute zu Baabas auf, der ihn mit schiefem Hals und weit geöffneten Froschaugen beobachtete. »Wie lange hält man mich hier schon fest?«

»Diesmal bist du auf frischer Tat ertappt worden«, sagte Baabas und setzte sich auf die Tischkante.

»Habt ihr den Mörder des Witwenmachers denn nicht gefasst?«, erwiderte Kara wütend. »Der Mann war noch im Haus, als ihr Idioten mich festgenommen habt.«

Baabas schwang seine Hand wie eine Knute, traf Karas Stirn und streckte ihn zu Boden. »Bei uns hier im Sudan sind die gesetzlichen Bestimmungen, wie lange die Sicherheitsbehörden Verdächtige in Gewahrsam behalten können, ziemlich flexibel. Wenn ich es will, wirst du in deiner bequemen Zelle sogar Monate verbringen und darfst dabei mit niemandem reden. Dann werden wir sehen, ob nicht auch du mit der Zeit lernst, dich zu beherrschen.«

Kara bereute seine unbedachten Worte. Hatte er so schnell vergessen, warum Baabas den Spitznamen Al-Sikha trug? Bloß gut, dass der Oberst ihn wenigstens nicht mit einer Eisenstange schlug. Einer der Wachsoldaten half ihm wieder auf den Stuhl, das Blut, das in seinen Mund floss, schmeckte süß. »Ich bin UN-Mitar . . .«

»Du bist der letzte Mensch, den erst Ewan Taylor und dann der Witwenmacher kurz vor ihrem Tod getroffen haben, und du bist ein viel zu kleines Licht, als dass du dich hier unter Berufung auf deinen Posten bei den UN aus der Affäre ziehen könntest. Dein Laissezpasser-Dokument der UNO ist blau und nicht rot wie bei den großen Chefs, und du besitzt kein Diplomatenvisum. Du unterliegst den Strafgesetzen des Sudan.«

Baabas hielt den Kopf schräg, beugte sich zu Kara hin und zündete sich in aller Ruhe eine Zigarette an. »Ich habe noch mehr interessante Informationen über dich. Unter anderem, dass du 1995 in London einen Polizisten so verprügelt hast, dass er ins Krankenhaus musste. Eure Studententruppe hat die Polizei angegriffen, ihr habt Geschäfte geplündert und Autos angezündet. Und warum das alles? Ihr habt protestiert, weil irgendein schwarzer Jugendlicher auf der örtlichen Polizeiwache ins Gras gebissen hat. Lächerlich.«

»An diesen Krawallen haben weit über hundert Menschen teilgenommen«, sagte Kara, um sich zu rechtfertigen. »Wir dachten, die Polizei hätte Wayne Douglas misshandelt und dabei umgebracht.«

»Aber bei der Obduktion stellte sich heraus, dass er einen Herzfehler hatte.« Baabas klang amüsiert. »Du hast einen Polizisten krankenhausreif geschlagen und eine Gefängnisstrafe auf Bewährung bekommen, und du musstest gemeinnützige Arbeit leisten.«

»Das war Notwehr«, erwiderte Kara aufgebracht.

Baabas lachte und starrte den Verhörten mit geneigtem Kopf an. »Etwa so wie im Haus des Witwenmachers. Du hast dem Mann fast den Kopf abgeschnitten.«

»Verdammt noch mal, ich bin doch vor dem Mörder geflohen, der Kerl hat mir das Messer in die Hand gestochen. Das Arbeitszimmer des Witwenmachers stand in Flammen und …«

»Du bist in die Wohnung von Ewan Taylor eingebrochen. Warum? Was hast du dort gefunden?«, fragte Baabas in scharfem Ton.

»Beweis das mal, du Clown.« Kara hatte den Satz kaum ausgesprochen, da traf ihn ein Schlag am Kopf und erlöste ihn von allen Qualen …

***

Kati Soisalo öffnete auf der Tehtaankatu im Helsinkier Stadtteil Hietalahti die Haustür zu ihrer Anwaltskanzlei in einem alten Backsteinbau, der so groß war wie ein Häuserblock. Sie trat aus dem hellen Licht der Morgensonne in das dämmrige Treppenhaus und stieg hinauf in den zweiten Stock. Im Flur der Kanzlei streifte sie sich schwungvoll die Schuhe von den Füßen und ließ sich in ihren Schreibtischsessel fallen. Das war wieder einer jener Tage, an denen alles vergeblich zu sein schien. Sie betrachtete die unglücklichen Kinder, die von den Wänden ihres Büros herabstarrten. Die trostlosen Plakate der Hilfsorganisationen, auf denen Rechte für die Kinder eingefordert wurden, erinnerten sie ständig an Vilma. In diesem Büro konnte sie keinen Augenblick vergessen, was mit ihrer Tochter geschehen war. Und das sollte auch so sein, sie wollte das nicht einmal für einen Moment vergessen.

Das Signal am Anrufbeantworter leuchtete, am liebsten hätte sie alle Klienten zum Teufel gewünscht, aber was sollte man machen. Sie drückte auf den Knopf.

»Hier Leo Kara, Tag. Ich arbeite im UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung UNODC und bin vor kurzem auf Ihren Namen gestoßen, als ich einen Bericht meines Kollegen Ewan Taylor las. Ich würde mich gern mit Ihnen über das von der Fennica AG hergestellte Steuerungssystem Globeguide unterhalten, Sie verstehen sicher, was ich meine. Meine Telefonnummer ist die …«

Kati Soisalo kritzelte die Nummer rasch auf einen Zettel und wunderte sich, wieso jetzt jemand mit ihr über Globeguide reden wollte. Seit sie dem UNODC den Hinweis auf das Verschwinden des Steuerungssystems gegeben hatte, war mehr als ein Jahr vergangen. Sie rief die von Leo Kara hinterlassene Nummer an, vernahm aber nur eine originelle Ansage auf dem Anrufbeantworter. In welchem Teil der Welt war Kara wohl gerade unterwegs?

Ein paar Minuten später piepte es in der Kochnische der Kanzlei. Kati Soisalo nahm die am Vortag zubereitete Portion Garnelen-Fenchel-Pasta aus der Mikrowelle und schaltete den CD-Player ein. Sophie Zelmans ruhiger Sprechgesang entspannte sie. Es war einfach zu viel Zeit, die sie in ihrer Kanzlei verbrachte, aber die Arbeit hielt die Gefühle und Gedanken einigermaßen im Zaum. Sie hatte alles Mögliche versucht, um ihren Schmerz zu ertränken: Schnaps, Philosophie, Sport, Religion, Pistolenschießen … Doch der Hass und die Trauer ließen nicht nach. Also hatte sie beschlossen, mit ihnen zu leben und sie zu nutzen. Hass und Trauer trieben sie voran und gaben ihr die Kraft, zu arbeiten und all das durchzustehen.

Die Anwaltskanzlei bestand seit gut einem Jahr. Kati Soisalo hatte sie eröffnet, kurz nachdem sie Vilma verloren und ihre Stelle als Juristin bei Fennica aufgegeben hatte. Sie übernahm nur Aufträge, bei denen der Mandant ohne eigenes Verschulden in Schwierigkeiten steckte und die buchstabengetreue Anwendung des Gesetzes ein ungerechtes Endergebnis herbeizuführen drohte, sowie Fälle, bei denen ein Individuum ins Räderwerk des Systems geraten war. So hatte sie schon einem Immigranten, einem Asylbewerber, einem auf dem Arbeitsmarkt diskriminierten Homosexuellen, zwei Hackern, dem Präsidenten eines Motorradklubs und auch einer Prostituierten geholfen. Aufträge, die ihren Kriterien entsprachen, waren nicht gerade dicht gesät, aber das machte nichts, ihre finanzielle Lage würde sich auch bei geringen Honorarsummen nicht verschlechtern. Von Fennica hatte sie eine gute Abfindung bekommen und ihre Optionen noch rechtzeitig vor dem Einbruch der Börsenkurse ausgeübt.

Immer wenn es ihre Zeit erlaubte, widmete sie sich der ehrenamtlichen Arbeit für UNICEF, für die ECPAT, die gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern und gegen den Kinderhandel kämpfte, und für den Mannerheim-Kinderschutzbund. Sie überprüfte und sammelte auch Informationen über den Kinderhandel und die damit zusammenhängende Kriminalität. Das Problem, nicht zu wissen, was sie mit ihrer Freizeit anfangen sollte, hatte sie nicht, und das war auch gut so.

Kati Soisalo trat ans Fenster und schaute auf die Autos und die Fußgänger auf der Straße und die Arbeiter in ihren Overalls, die »Eisenhände«, drüben auf dem Werftgelände. Die Menschen kamen und gingen, ihr Leben und das, was sie taten, hatte bei ihnen einen Sinn. Bei ihr nicht.

Anderthalb Jahre Trauer und Selbstmitleid – sie war noch immer eine Gefangene ihres Verlustes und führte ein unnützes und von Sehnsucht erfülltes Scheinleben, umgeben von einem Gefühlsvakuum, das sie selbst geschaffen hatte, um zu verhindern, dass ihr schmerzhafte Dinge zu nahe kamen.

Kati Soisalo versuchte vergeblich, nicht an ihre Tochter zu denken, an die gemeinsamen Augenblicke am Abend und am Morgen, an Vilmas warmen Duft und ihren Glauben daran, dass die Mutter sie vor allem Bösen beschützte. Sie spürte die Sehnsucht als Schmerz und fürchtete, dass sie sich schon bald nicht mehr ins Gedächtnis zurückrufen könnte, wie weich sich die kleine Hand des dreijährigen Mädchens angefühlt hatte.

***

Leo Kara verließ das Flugzeugwrack, sein Rucksack war gefüllt mit warmer Kleidung und Lebensmitteln, die er im Gepäck der umgekommenen Passagiere gefunden hatte. Sogar einen Lappendolch, Feuerzeuge, gefütterte Winterstiefel und einen dicken Overall zum Eisangeln hatte er entdeckt. Jetzt konnte er die Herausforderung annehmen, bei zwanzig Grad Frost Hunderte Kilometer bis zum nächstgelegenen Dorf zu laufen. Die Maschine war im Osten Lapplands abgestürzt, irgendwo zwischen Salla und Inari. Die Bären lagen zum Glück im Winterschlaf, und die finnischen Wölfe hatten seit über hundert Jahren keine Menschen angegriffen.

Plötzlich hörte man draußen auf dem Gang Stimmen, und Karas Phantasiegebilde fiel in sich zusammen. Jemand kam mit raschen Schritten auf die Zelle zu, blieb an der Tür stehen … und ging weiter. Kara hatte in der Hocke die Arme um die Beine gelegt und drückte den Bauch gegen die Oberschenkel. Die Zellen mussten tief unter der Erdoberfläche liegen, es war tragikomisch, in einem der heißesten Länder der Welt zu frieren. Er würde bald nicht mehr fähig sein, sich zusammenzureißen. Wie lange schmachtete er schon in diesem Loch? Vor zwanzig Jahren war er imstande gewesen, für Stunden vor der Realität in seine Fantasie zu fliehen und sich vorzustellen, wie er sich nach einem Flugzeugabsturz, bei einer Geiselnahme oder in der menschenleeren Wildnis retten würde … Doch nun als Erwachsener funktionierte diese Methode nicht mehr so wirkungsvoll. Er schaffte es nicht, sich wie früher in seine innere Welt zurückzuziehen.

Unweigerlich tauchten die Erinnerungen an die Ereignisse im Oktober 1989 auf, sosehr er sich auch bemühte, an etwas anderes zu denken. Er brauchte Medikamente, Luft, Licht, etwas, was den in ihm heranrollenden Tsunami abschwächte … Er wollte um jeden Preis aus dieser Zelle heraus, wenn es sein musste, zum Verhör durch Baabas.

 

Wie eine Antwort auf seine Bitte hörte Kara in dem Moment wieder Schritte, die näherkamen.

***

»Weshalb hast du die Unterlagen des Witwenmachers vernichtet?«, rief Oberst Baabas, presste Karas verletzte Hand zusammen und runzelte die Stirn, als ein Schmerzensschrei durch den Verhörraum schallte, der noch lauter war als sonst. Auf so einen eigensinnigen Klienten traf er nicht oft, auch dieses Verhör schien ergebnislos zu bleiben.

Baabas holte gerade zum Schlag aus, als die Tür aufging und ein junger Soldat eintrat, mit einem Mobiltelefon in der ausgestreckten Hand.

»Die Kanzlei des Zweiten Vizepräsidenten«, sagte der junge Mann mit ernster Miene, und Baabas hatte es plötzlich eilig. Er schnappte sich das Telefon, marschierte auf den Flur hinaus und ignorierte Kara einfach, der laut verlangte, dass man ihn die UN anrufen ließ. Mischte sich Osman erneut in seine Ermittlungen ein? Was zum Teufel war mit diesem liberalen Weichei los?

»Deinetwegen bin ich in einer vertrackten Lage«, sagte Rashid Osman. »Ich habe ungeheuer viel Mühe aufgewendet, um in der UNO eine höhere Wertschätzung für den Sudan zu erreichen, zuletzt habe ich im Februar in der Vollversammlung gesprochen und versichert, dass der Sudan Gesetze und Verträge genauso achtet wie die westlichen Länder. Und jetzt sind aus dem Büro des UNO-Generalsekretärs schon zwei Nachrichten gekommen, die sich in scharfem Ton auf die Verhaftung eines ihrer Mitarbeiter beziehen.«

»Es handelt sich um Leo Kara, denselben Mann, der auch mit dem Mord an Ewan Taylor in Verbindung steht. Diesmal haben wir Kara vor dem Haus des Witwenmachers Ruslan Sokolow gefasst, kurz nachdem der Waffenhändler getötet und seine Villa in Brand gesteckt wurde. Ich verhöre …«

Vizepräsident Osman unterbrach ihn. »Ist der Mann schuldig? Gibt es dafür stichhaltige Beweise?«

Der Oberst hätte die Frage gern mit Ja beantwortet, aber das Risiko war zu groß. Möglicherweise würde man ihn für seine Behauptung zur Verantwortung ziehen. »Wir haben … Schwierigkeiten beim Zusammentragen von Beweisen. Die Überwachungskameras in der Villa des Witwenmachers waren nicht in Betrieb. Und das Messer, mit dem Kara in die Hand gestochen wurde, war mit Tape beklebt, so dass daran keine brauchbaren Fingerabdrücke zu finden sind. Sokolow wurde mit derselben Waffe ermordet. An Karas Händen und Kleidung haben wir zwar kein Blut des Witwenmachers gefunden, aber …«

»Was sagt dieser Kara selbst, was ist seiner Ansicht nach passiert?«

Baabas fasste Karas Version vom Ablauf der Ereignisse in einer Minute zusammen.

»Ihr habt doch sicher sofort die Verfolgung dieses Mannes aufgenommen, den Kara beschrieben hat?«, fragte der Vizepräsident weiter.

»Wir waren zwei Minuten nach Karas Verhaftung in dem Haus, und dann hat es noch einmal zwei Minuten gedauert, bis die Villa umstellt war. Man darf nicht vergessen, dass die Situation vollkommen eindeutig zu sein schien, Kara war verwundet und ist vom Tatort geflohen.« Baabas hörte sich verlegen an, ihr Einsatz war tatsächlich nicht optimal abgelaufen.

Der Vizepräsident schnaubte verärgert. »Wie lange ist Kara jetzt … inhaftiert?«

»Knapp vierundzwanzig Stunden.«

»Du musst ihn gehen lassen. Der Sudan kann es sich nicht leisten, die UNO und den Westen noch mehr zu verärgern. Wenn wir in internationale Entwicklungshilfeprojekte einbezogen werden und von den westlichen Ländern Unterstützung bekommen wollen, dann müssen wir uns anpassen und verantwortungsvoll handeln.«

»Das ist Schwäche. Kein anständiger Sudanese würde sich so unterwürfig verhalten, nur solche Liberale wie du, die ihr Land verkauft haben«, dachte Baabas, sagte aber: »Es ist vollkommen sicher, dass Kara irgendetwas mit den Morden zu tun hat. Er hat beim britischen Nachrichtendienst gearbeitet, er hat schon früher Gewaltverbrechen begangen und kann mit beiden Tatorten in Zusammenhang gebracht werden.«

»Lass den Mann laufen«, erwiderte der Vizepräsident und beendete das Gespräch.

Baabas fluchte. Was zum Henker war mit Osman los, warum attackierte er ihn? Vielleicht wollte der Verräter, der sich beim Westen anbiederte, ihn vor dem Internationalen Gerichtshof opfern. Irgendwann mussten Schuldige gefunden werden für das brutale Vorgehen in Darfur. Überwachte der Vizepräsident seine Arbeit? Oder vielleicht wollte Rashid Osman bei den westlichen Ländern einen guten Eindruck machen, um mit deren Hilfe an die Macht zu gelangen. Präsident al-Bashir war nicht mehr der starke, absolute Herrscher wie 1990, als er sich nach dem Angriff des Irak auf Kuwait mutig an die Seite von Saddam Hussein gestellt hatte, und wie noch vor ein paar Jahren, als er die wegen der Lage in Darfur beunruhigte UNO und die NATO gewarnt hatte, Darfur könnte für fremde Soldaten ein Massengrab werden. Jetzt schwärmten im Sudan schon fast zwanzigtausend UN-Mitarbeiter umher, von den anderen Hilfsorganisationen ganz zu schweigen. Außerdem erschwerte der Haftbefehl des Internationalen Gerichtshofs al-Bashirs Lage. Baabas vermutete, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis irgendein junger und ehrgeiziger General oder Politiker al-Bashir stürzte.

Sein Genick knackte wie ein trockener Ast, als er sich aufrichtete.

Früher oder später würde er sich Kara doch greifen, so oder so.

Und jetzt hatte er noch Zeit für ein schnelles … Gespräch mit ihm.