Der britische Auslandsnachrichtendienst SIS wurde auch MI6, »die Firma«, »das Büro« oder »die Freunde« genannt. Sein Hauptquartier in Vauxhall Cross am Südufer der Themse war eines der am besten gesicherten Gebäude der Welt und erinnerte von seinem ungewöhnlichen Äußeren her an eine antike Stufenpyramide. Unter den Mitarbeitern hieß es »Legoland« oder »Babylon an der Themse«. Es gehörte zu den Gebäuden der Kategorie A, weil das Risiko sowohl terroristischer Anschläge als auch von Aktivitäten feindlicher Nachrichtendienste sehr hoch war. Ein Wallgraben umgab das Gebäude, und seine speziell verstärkten Wände hielten auch dem Druck einer starken Explosion stand.
Die Fachleute der technischen Abteilung des SIS waren für die Sicherung ihres Hauptquartiers gegen Hightech-Attacken verantwortlich. Dreifachfenster schützten es vor Angriffen mit Laser- und Funkwellen, und der Zentralcomputer, die Verschlüsselungsanlagen sowie die Kommunikationszentrale befanden sich in speziell gesicherten, isolierten Räumen. An den Wänden der klimatisierten Flure hingen nur der Grundriss der Etage, die Richtungspfeile der Ausgänge und Buchstabencodes für die Büroräume.
Der Krisenstab, zu dem neunundzwanzig Personen gehörten, versammelte sich im Beratungsraum der siebten Etage im Legoland. Der UN-Sicherheitsrat hatte die Hauptverantwortung für die Ermittlungen zum Raketenanschlag auf Gigiri und zur Lösegeldforderung in Höhe von einhundertfünfzig Milliarden Dollar dem SIS übertragen. Die britische Regierung hatte den Auftrag angenommen, und der Chef des SIS hatte ihn an den Leiter der Abteilung für Aufklärungsoperationen, Clive Grover, delegiert. Der hatte daraufhin einen Krisenstab gegründet, ihm den Namen Shield gegeben und die fähigsten Köpfe des SIS zusammengetrommelt. Dazu bekam er Verstärkung vom britischen Inlandsgeheimdienst MI5, vom Spezialaufklärungsregiment SRR, von der Metropolitan Police, vom Militärischen Nachrichtendienst DIS und vom Government Communication Headquarter GCHQ, der Regierungsbehörde für die elektronische und Signalaufklärung. Auch ein Mitarbeiter der CIA-Filiale in London wurde als Beobachter eingeladen. Jedes Mitglied des Krisenstabs konnte auf die Unterstützung durch eine Abteilung des SIS oder den großen Apparat einer der anderen Einrichtungen bauen, somit untersuchten Hunderte Geheimdienstfachleute den Raketenanschlag und das Ultimatum der Terroristen.
Clive Grover kannte man im SIS als »Kapellmeister«, das war sein Deckname in der Zeit seiner Agenteneinsätze gewesen. Zum einen war der Mann ein geborener Führer, andererseits passte der Name zu seinem Aussehen, und drittens bedeutete das englische Wort für Kapellmeister, Conductor, auch guter elektrischer Leiter. Wenn einer seine Kollegen elektrisieren konnte, dann Clive Grover.
Im Beratungsraum wurde es still, als Grover sich zweimal hörbar räusperte. Wie üblich trug er ein pinkfarbenes Hemd, und sein graues Haar, das einer Löwenmähne glich, stand zu Berge. »Wie beim letzten Mal beginne ich die Besprechung mit der Ansage, wie viel Zeit noch bis zum nächsten Raketenanschlag verbleibt – elf Tage, achtzehn Stunden und ein paar Zerquetschte. Die Zeit läuft. Sie ist unser Feind, genau wie die Terroristen.« Er wies auf die roten Ziffern, die auf einer elektronischen Anzeigetafel leuchteten.
»Beginnen wir mit dem Marschflugkörper, der auf Gigiri abgefeuert wurde«, befahl Grover.
»Er hatte ein Scramjet-Triebwerk«, verkündete ein Oberst in der Uniform des DIS und nahm dabei fast Haltung an. Die meisten Mitglieder des Krisenstabs runzelten die Stirn.
»Das ist eine Sensation, diese Rakete ist der Prototyp des leistungsfähigsten Langstreckenmarschflugkörpers der Welt. Mit einem Scramjet, das heißt einem Überschallstaustrahltriebwerk, ist sogar die fünfzehnfache Schallgeschwindigkeit möglich und eine Reichweite von mehreren Tausend Kilometern. Keiner der bekannten Marschflugkörper schafft das auch nur annähernd. Außerdem kann das Triebwerk der Rakete von Kenia anscheinend als gewöhnliches Staustrahltriebwerk, als Ramjet, funktionieren, bis die Geschwindigkeit der Rakete hoch genug ist, und dann verwandelt es sich in ein Scramjet.«
»Und das ist noch nicht alles«, sagte der Oberst und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Auch unsere Chemiker haben eine sensationelle Entdeckung gemacht. Aus den Raketenteilen von Gigiri wurden Reste eines Treibstoffs isoliert, der vieratomige Stickstoffmoleküle enthält. Das normale Stickstoffmolekül hat ja zwei Atome und reagiert schlecht auf Reize, aber dieses vieratomige polymere Stickstoffmolekül ist sehr reizempfindlich, und wenn seine normale zweiatomige Form wiederhergestellt wird, setzt es eine ungeheure Menge Energie frei. Mehr als jeder bekannte Sprengstoff, einschließlich TNT und THX. Die Verwendbarkeit von polymerem Stickstoff als Treibstoff wird schon seit Jahren überall in der Welt erforscht, aber vorläufig ist es noch niemandem gelungen, daraus einen brauchbaren, stabilen Treibstoff zu entwickeln. Das haben wir zumindest angenommen.«
Grover wirkte verblüfft. »Was bedeutet das in der Praxis?«
»Diese Rakete ist wahrscheinlich so schnell, dass sie ihr Ziel erreicht, bevor man überhaupt bemerkt, dass sie gestartet ist. Sie fliegt mit Überschallgeschwindigkeit und so tief, dass die Radaranlagen sie nicht erfassen können. Es gibt keine Möglichkeit, sich dagegen zu schützen. Und ihre Reichweite ist beispiellos, Tausende Kilometer. Diese Rakete erschüttert das strategische Gleichgewicht der Welt auf gravierende Weise. Auch die Raketenschilde der USA, sowohl die derzeitigen als auch künftige, können gegen eine solche Waffe nichts ausrichten.«
»Das brauchen sie auch nicht, wenn es eine amerikanische Rakete ist«, sagte der nationale Koordinator der Terrorismusermittlungen von der Metropolitan Police, was dazu führte, dass sich der Beobachter vom CIA auf seinem Stuhl aufrichtete.
»Ist das eure Erfindung?«, fragte Grover den Amerikaner.
»Alle großen Militärmächte und auch viele etwas kleinere arbeiten an der Entwicklung von Scramjet-Triebwerken«, antwortete der Yankee beruhigend.
»Im Moment existieren in mindestens dreizehn Staaten Scramjet-Forschungsprojekte, und beteiligt sind natürlich auch viele Unternehmen der Rüstungsindustrie der Supermächte: QinetiQ von euch Briten, Energia in Russland und bei uns in den USA Boeing, Lockheed Martin, Orbital Sciences Corporation … Das Scramjet wird auch im Rahmen des Hyper-X-Programms der NASA untersucht, das alternative Energiequellen für Weltraumprojekte der Zukunft entwickelt. Die Vorbereitungen für solch einen technischen Durchbruch müssen Jahre gedauert haben, und die Raketenkomponenten müssen wiederholt getestet worden sein. Es ist unbegreiflich, dass dieses Projekt geheim geblieben ist.«
»Das ist also die erste Rakete ihrer Art?«, fragte der Mann vom MI5.
»Zumindest die Amerikaner und ein britisch-australisches Konsortium haben erfolgreich Tests mit einer Scramjet-Rakete durchgeführt. Aber im Einsatz sind sie bisher nicht. Und die Verwendung von polymerem Stickstoff als Treibstoff ist noch nicht einmal getestet worden, von niemandem«, sagte der Oberst des DIS.
»Was bedeutet das für unsere Ermittlungen?« Grover bemühte sich, der Diskussion eine Richtung zu geben.
»Der Marschflugkörper von Kenia war ein äußerst fortschrittliches, komplexes Hightech-Erzeugnis. Mit ziemlicher Sicherheit haben diejenigen, die diese Rakete konstruierten, sie auch selbst montiert. Es muss also entweder ein Rüstungskonzern der Spitzenklasse sein oder einer der Staaten, die an der Entwicklung eines Scramjet-Triebwerks arbeiten«, antwortete der DIS-Oberst. »Auch in dem Bericht des UNODC wird ja festgestellt, dass der Witwenmacher Ruslan Sokolow die Raketenteile in den Sudan brachte und dort jemandem lieferte, der sie dann montiert hat.«
»Das heißt, irgendeine kleine afrikanische Diktatur wäre nicht imstande, eine solche Rakete aus Einzelteilen zusammenzubauen? Oder die russische Mafia? Die hat sich ja in der ganzen Welt ausgebreitet. Und der Witwenmacher war doch ein Russe«, sagte Grover.
»Ukrainer«, rief jemand.
»Es ist natürlich interessant, dass der Witwenmacher seine Laufbahn als Waffenhändler nach dem Zerfall der Sowjetunion mit Hilfe des russischen militärischen Geheimdienstes GRU begonnen hat«, erklärte der Oberst des DIS und setzte sich hin.
Der Beobachter vom CIA erinnerte daran, dass auch früher schon erstklassige Raketen illegal verkauft worden und so in die falschen Hände gelangt seien. »Zuletzt Anfang des Jahrtausends von der Ukraine nach China und in den Iran.«
Grover rieb sich das Kinn. »Die bestehenden Scramjet-Projekte müssen durchleuchtet werden, das ist jetzt die wichtigste Schiene der Ermittlungen. Wenn man den Hersteller des Marschflugkörpers findet, könnte das den ganzen Fall lösen. Und das Steuerungssystem der Kenia-Rakete? Kommen wir auf diesem Wege demjenigen auf die Spur, der sie abgefeuert hat?«
»Hersteller des Globeguide-Steuerungssystems ist ein Konzern der finnischen Rüstungsindustrie namens Fennica. Gegen die Unternehmensleitung laufen derzeit polizeiliche Ermittlungen. Sie steht unter dem Verdacht, kroatische Behörden beim Verkauf von gepanzerten Truppentransportfahrzeugen im Wert von hundertfünfzig Millionen Dollar bestochen zu haben. Wir haben in Finnland um Amtshilfe ersucht, die Unternehmensspitze von Fennica wird wahrscheinlich schon heute zum Steuerungssystem der Rakete von Nairobi verhört«, teilte der Leiter der SIS-Abteilung für Unterstützungsprozesse mit.
»Was wissen wir sonst noch über die Rakete? Ich bitte um eure Meinungen und Ideen«, sagte Grover, um seine Kollegen anzuspornen. »Warum wurde die Rakete in der Sahara abgeschossen?«
»Weil sich Raketen in einem neun Millionen Quadratkilometer großen, fast unbewohnten Gebiet leicht verstecken lassen.« Damit meldete sich eine Frau zu Wort, ein Major des Aufklärungsregiments SRR. »Und der Sudan, einer der Stützpunkte des Witwenmachers, grenzt an die Sahara. Es ist natürlich unmöglich, die ganze Wüste zu durchsuchen, aber wir werten die Satellitenbilder verschiedener Staaten und unsere anderen Informationsquellen aus und versuchen das Abschussgebiet der Rakete möglichst eng einzugrenzen.«
»Nach Ansicht der Waffenexperten weist die Größe der Rakete von Kenia auf eine Reichweite von etwa sechstausend Kilometern hin, aber das ist bloß eine grobe Schätzung. Zur Geschwindigkeit und Reichweite eines Scramjet-Triebwerks, das mit polymerem Stickstoff läuft, können wir nur Vermutungen anstellen. Es gilt jedoch als sicher, dass mit Raketen wie dieser von der Sahara aus fast jeder Ort in Europa angegriffen werden kann.«
Grover überlegte einen Augenblick. »Und der Bericht des UNODC aus Khartoum, findet sich da etwas Interessantes?«
»Neben dem Raketenschmuggel werden in dem Bericht das finnische Steuerungssystem und die Kunden des Witwenmachers aus der letzten Zeit angeführt: Nordkorea, Süd-Ossetien und eine Organisation namens Sibirtek, die in keinem Staat registriert ist. Der Name deutet allerdings auf Russland hin, das Wort Sibir bedeutet Sibirien. Wir sollten denjenigen, der die Kenia-Rakete abgefeuert hat, unter diesen Kunden des Witwenmachers suchen. Im Bericht des UNODC wird auch erwähnt, dass Katarina Kraus, Senior Consultant der Security and Defence Corp., und einer ihrer Kunden namens Hofman von den Raketengeschäften des Witwenmachers wissen. Der Background der SDC und von Kraus wurde überprüft und Kraus verhört. Die Frau räumt ein, dass sie dem in Khartoum ermordeten Experten des UNODC einen Tipp gegeben hat hinsichtlich des Raketenprojekts des Witwenmachers. Nach Aussage von Kraus hat sie ihre Informationen von Hofman erhalten. Den versuchen wir derzeit zu erreichen«, berichtete der Leiter der Abteilung für Unterstützungsprozesse.
»Und der Verfasser des UNODC-Berichts, dieser …«, Grover schaute in seinen Unterlagen nach, »Leo Kara. Wer redet mit ihm?«
»Das kann ich übernehmen, ich kenne Kara zufällig«, sagte eine rundliche, rothaarige Frau, die an der Wand saß und die Besprechung bislang schweigend verfolgt hatte. Grover akzeptierte den Vorschlag widerspruchslos. Betha Gilmartin war die stellvertretende Leiterin des SIS und wahrscheinlich auch die künftige Chefin. Im SIS wurde in der Regel nur dann ein Stellvertreter ernannt, wenn der Chef vor der Pensionierung selbst seinen Nachfolger wählen wollte. Der Aufstieg einer Frau an die Spitze des SIS hatte in dem erzkonservativen Nachrichtendienst bereits für Aufregung gesorgt, vor allem weil Betha Gilmartin weder ein Zögling von Oxford noch von Cambridge war und auch kein übermäßig vornehmes Betragen an den Tag legte.
Betha Gilmartin verließ den Beratungsraum, sie würde einen ihrer Mitarbeiter später um eine Zusammenfassung des letzten Teils der Besprechung bitten. Sie fuhr mit dem Aufzug in die Chefetage und ließ sich in ihren Schreibtischsessel sinken. Die überflüssigen Pfunde sorgten dafür, dass sie nun auch schon bei normalem Schritttempo schnaufte. Sorgen bereiteten ihr jedoch nicht die schlechte Kondition oder die Rettungsringe an den Hüften, sondern der Zustand ihrer Pumpe. Sie litt unter einer angeborenen Herzkrankheit, die mit Medikamenten behandelt, aber nicht geheilt werden konnte. Deswegen musste sie darauf achten, sich nicht übermäßig zu belasten. Auf Anweisung des Arztes trug sie stets einen Pulsmesser am Handgelenk. Es war Glück im Unglück, dass sich die Beschwerden erst bemerkbar gemacht hatten, als sie schon beim SIS arbeitete. Die »Firma« war nicht gerade dafür bekannt, dass sie großes Interesse daran hatte, Herzkranke einzustellen. Schon seit Jahrzehnten schickte Betha zweimal jährlich ein ärztliches Attest über ihre Arbeitsfähigkeit ins Büro des Chefs.
Man hörte ein Ratschen und ein Seufzen vor Erleichterung, als sich die Klettverschlüsse des Stützkorsetts öffneten, das sich um ihre Hüften spannte. Das Teil hatte sie sich ursprünglich wegen ihrer Rückenbeschwerden besorgt, aber inzwischen benutzte sie es als normales Korsett. Betha Gilmartin hielt sich ganz und gar nicht für eitel, aber ihrer Ansicht nach sah ein Bierbauch beim Chef des SIS nicht gut aus, vor allem, wenn es sich dabei auch noch um eine Frau handelte. Dann machte sie sich daran, die Haarspangen herauszunehmen, um das Haar offen zu tragen, in ihren Augen ähnelte sie einer Tulpe, die aus der Schutzfolie befreit wurde.
Den ersten Anstoß für die Geheimdienstlaufbahn der nordirischen Frau hatte es 1967 am Rande der Stadt Newry gegeben. Als kleines Mädchen beobachtete sie damals aus dem Fenster im Obergeschoss, wie Soldaten britischer Spezialeinheiten auf eindrucksvolle Weise den Getreidespeicher des benachbarten Hofs stürmten und zwei Kämpfer der IRA fanden. Die Scheinwerfer des Hubschraubers, das Mündungsfeuer der Sturmgewehre und die punktgenaue Choreographie der Kommandoeinheit hatten Betha fasziniert. Sofort war ihr klar, dass sie dort arbeiten wollte, wo es um geheime Dinge ging. Zur Armee zog es sie nicht. Nun hatte sie bekommen, was sie wollte: eine Arbeit in einer virtuellen Welt voller Intrigen, Geheimnisse und Misstrauen. Überraschenderweise bereute sie ihre Wahl immer noch nicht, obwohl die Laufbahn inmitten von engstirnigen männlichen Kollegen, die den Zeiten einstiger britischer Größe nachtrauerten, ihre Spuren hinterlassen hatte. Um im SIS Erfolg zu haben, musste sich eine Frau wie ein Kerl benehmen, und zwar mehr als jeder Mann.
Betha kehrte in Gedanken wieder zu dem Raketenanschlag zurück. Leo Kara war nun wirklich der letzte Mensch, dem sie wünschte, dass er in die laufenden Ermittlungen hineingeriet. Der arme Junge war nicht gesund, vielmehr weit davon entfernt. Betha war als vierzigjährige Controllerin des SIS für Britannien zuständig gewesen, als sie die Ereignisse im Oktober 1989 untersuchen musste. Ein Jahr lang hatte sie versucht den Fall zu klären und auch Leo tagelang immer wieder befragt. Sie freundeten sich an, und als Leo ins Internat musste, wurden sie und Albert für den Jungen eine Art Familienersatz. Diese Rolle hatte sie gern übernommen, da sie kinderlos geblieben war.
Im Laufe der Jahre hatte sie sich mehr und mehr über Leos Jähzorn und seine Gewaltausbrüche gewundert, sein Verhalten schien ständig schlimmer zu werden. Nachdem Leo wegen seiner Aggressivität immer wieder Probleme mit den Behörden bekam, gelang es ihr schließlich 1992, den Jungen psychiatrisch untersuchen zu lassen. Der Arzt, der Leos Verwandte und Bekannte befragt hatte, fand schnell heraus, dass Leo vor der Tragödie seiner Familie ein selbstbewusster, extrovertierter, wohlerzogener und sozial begabter Junge war, der Widrigkeiten im Alltag gut meisterte.
Betha öffnete die Mappe mit den Unterlagen zu Leo und suchte den Bericht des Psychiaters heraus. »Der Patient zieht sich zurück, weist die meisten Freundschaftsbekundungen und Annäherungsversuche ab und vermeidet es, sich an das andere Geschlecht zu binden, obwohl er sexuell aktiv ist. Seine gleichgültig wirkende Kälte und Reserviertheit ändert sich nur bei häufig wiederkehrenden Temperamentsausbrüchen, die wiederholt aggressive oder sogar gewalttätige Formen annehmen. Der Patient selbst kann sein Verhalten nicht erklären oder begründen.«
»Nach meiner Einschätzung ist der Patient nicht imstande, die Ereignisse im Oktober 1989 zu verarbeiten, er will nicht über sie sprechen, sondern beruft sich auf eine teilweise Amnesie. Der Patient ist außerordentlich intelligent, es besteht somit die Möglichkeit, dass er die Auswirkungen des Gedächtnisverlustes übertreibt, um einem Gespräch über seine Erinnerungen auszuweichen. Der Patient versichert, dass er kaum noch an das Schicksal seiner Familie denkt, und behauptet, die Jahre im Internat als die negativste Erfahrung seines Lebens anzusehen.«
»Es scheint klar zu sein, dass die Frontallappenverletzung des Hirns, die der Patient bei den Ereignissen im Oktober 1989 erlitt, zum Frontalhirnsyndrom geführt hat, das heißt, zu einer Veränderung der Persönlichkeit, die Frontalpsyche genannt wird. Der Patient, der früher ruhig und gesellig war, verhält sich heute aggressiv und unberechenbar. Zum Krankheitsbild gehören auch bestimmte Gedächtnisstörungen, die aus Sicht des Patienten möglicherweise positiv sind, weil das Gedächtnis den Patienten schützen kann, indem es allzu schockierende Erlebnisse aus dem Bewusstsein ausblendet.«
»Wegen des teilweisen Gedächtnisverlustes, der fehlenden Kooperationsfähigkeit des Patienten und seiner Negierung der schockierenden Erlebnisse im Alter von vierzehn Jahren würde eine genaue Diagnose ausführliche und zeitaufwendige Untersuchungen erforderlich machen.«
Betha legte die Mappe weg und wählte Leo Karas Telefonnummer. »Rate mal, wer hier ist?«
»Guten Morgen«, sagte Kara, obwohl es in Wien schon Nachmittag war.
»Da denkt man ja fast an die schlechten alten Zeiten. Es ist dir wieder mal geglückt, den Hintern ins Feuer zu halten. Was zum Teufel ist dort in Khartoum eigentlich passiert?« Betha Gilmartin vertat keine Zeit mit Geplänkel.
»Wieso wieder mal? Meine Dummheiten von früher kann man doch nicht mit Mord vergleichen. Und mit Mord habe ich zwanzig Jahre nichts zu tun gehabt«, gab Kara zurück und berichtete Betha dann kurz über die Ereignisse in Khartoum, soweit er es sich am Telefon traute.
»Ich bin hier in London an den Ermittlungen zu den … Geschehnissen in Kenia beteiligt und wollte nur anrufen und mich vergewissern, dass dein Bericht für Gilbert Birou die Wahrheit ist. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit und dass du damit niemanden verladen willst«, sagte Betha.
»Jedes Wort ist wahr, leider. In zwei Stunden fliege ich nach Finnland in der Hoffnung, noch etwas Neues über Globeguide oder dessen Hersteller herauszufinden. Etwas, was hilft, Ewans Schicksal aufzuklären. Er war mein bester Freund in Winchester, wie du sicher noch weißt.«
»Warum willst du dich in die Sache einmischen, wenn wir bereits Ermittlungen führen?«
»Ihr könnt auch nicht alle Fälle lösen«, entgegnete Kara und hoffte, dass Betha seinen Kommentar nicht als Kritik auffasste. Dem SIS war es nie gelungen aufzuklären, wer die Verantwortung für die Ereignisse im Oktober 1989 trug. »Ich habe von Birou nur zwölf Tage Zeit bekommen«, beklagte sich Kara.
»Genauso viel Zeit verbleibt noch bis zum nächsten Raketenanschlag«, dachte Betha Gilmartin, sagte aber: »Sei vorsichtig, du weißt, zu welch idiotischen Dingen Menschen fähig sind.«
Sie wechselten noch ein paar Worte, dann verabschiedete sich Kara, weil er seine Tasche packen musste.
Das Gespräch war zu Ende, noch bevor Betha dazu kam, Leo zu sagen, dass sie sich Sorgen um ihn machte.