Nachdem Betha Gilmartin Tee gekocht hatte, ließ sie die Katze Violet in den Garten, stellte den geblümten Keramikbecher auf den Teetisch, legte den Nazir-Bericht daneben und ließ sich aufs Sofa fallen. Sie nahm die Haarspangen heraus, schüttelte den Kopf, so dass ihr rotes Haar offen herabfiel, und lockerte dann mit einem genüsslichen Stöhnen ihr Stützkorsett. Allmählich kam ihr das Teil vor wie ein Folterinstrument.
Es war erst kurz vor sieben Uhr abends, so früh kam sie höchst selten von der Arbeit nach Hause. Der Klempner hatte versprochen, um diese Zeit den Wasserhahn in der Küche zu reparieren, der schon seit Monaten streikte. Albert hatte sein Antiquariat in der Charing Cross Road nur einmal in der Woche bis neunzehn Uhr geöffnet, und das immer mittwochs. Heute käme er also genau um acht Uhr nach Hause. Albert glich einem Uhrwerk. Manchmal hatte Betha den Verdacht, dass er irgendwo in der Nähe wartete oder einen zusätzlichen Spaziergang machte, um ja nicht zu früh daheim zu sein. Sie hatten vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet und waren im Laufe der Jahre miteinander verwachsen. In Alberts Gesellschaft brauchte sie nicht irgendeine Rolle zu spielen und nicht einmal die Rettungsringe um ihre Hüften zu verbergen.
Betha kostete vorsichtig den heißen Yunnan-Tee mit Honig und Zitrone, setzte sich bequem hin und schlug den Bericht über Nazir auf. Sie würde es noch schaffen, ihn durchzusehen, während sie auf den Klempner wartete.
»Die frühesten Artikel, die dem Kommunikationshauptquartier zur Kenntnis gelangt sind, schrieb das Pseudonym Nazir 1996. Diese über einen Server in Uganda an ein sudanesisches Chat-Forum geschickten Nachrichten sind von ihrem Inhalt her uneinheitlich und eher Gefühlsausbrüche als kritische Meinungsäußerungen zu bestimmten Themen. Schon in diesen Beiträgen wurden neben den westlichen Ländern auch den UN, dem Währungsfonds und der Weltbank vorgeworfen, die Staaten Ostafrikas systematisch zu unterdrücken. Anhand des Vergleichs der ersten Artikel Nazirs mit seinen späteren Veröffentlichungen im Internet schätzen wir sein jetziges Alter auf zweiunddreißig bis neununddreißig Jahre. Aufgrund des Inhalts und der sprachlichen Ausdrucksform erscheint es offensichtlich, dass Nazir ein Mann mit einer guten Ausbildung und ziemlich wohlhabend ist.«
»Nazirs erste Nachrichten enthalten weder Hinweise darauf, was der Auslöser für den Wunsch war, seine Meinung zu veröffentlichen, noch darauf, was seinen Hass gegen die UN, den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank entfacht hat. Die wichtigsten Ereignisse des Jahres 1996 in Afrika waren die Wahl des Ghanaers Kofi Annan zum UN-Generalsekretär, der Militärputsch in Niger sowie Osama bin Ladens Ausweisung aus dem Sudan.«
»Im Jahr 2000 legte Nazir seine programmatische Erklärung vor, das ›Weißbuch‹, das den Untertitel ›Probleme der Macht und des Wohlstands in Ostafrika‹ trägt. Es ist ein umfassender Überblick über die Gründe für die Armut, die Hungersnöte, die Kriege und das Versagen der Volkswirtschaften in den Staaten Ostafrikas. Nazir fordert die Zerschlagung der Ausbeutungspolitik des Westens und sieht die Schuldigen für die Probleme Ostafrikas ausschließlich im Ausland: Seiner Ansicht nach legen der Währungsfonds und die Weltbank die Staaten Afrikas absichtlich an die Armutsfessel, indem sie unsinnig hohe Kredite gewähren, die von diesen Staaten nicht zurückgezahlt werden können. Die Entwicklung einer eigenen Industrie und Unternehmenstätigkeit in Ostafrika wird dadurch verhindert, und die Bodenschätze dieser Staaten werden mittels der Kreditbedingungen gestohlen, denn die schreiben fast ausnahmslos vor, dass mit den Krediten die Leistungen der multinationalen Konzerne in den Entwicklungsländern bezahlt werden müssen. Laut Nazir besteht die einzige Rettungsmöglichkeit für die Länder Ostafrikas darin, dass sie sich zu islamischen Staaten erklären und die Zusammenarbeit mit dem Westen und seinen Institutionen aufkündigen.«
»All die wirtschaftlichen und politischen Machthaber und die herrschenden Cliquen, von denen sich die Länder Ostafrikas befreien sollten, werden in dem Weißbuch beim Namen genannt, und natürlich wurde es in der ganzen Region, für die es bestimmt war, sofort auf den Index gesetzt. Die dreitausend Exemplare der ersten Ausgabe des Buchs wurden im Sudan, in Uganda, Äthiopien, im Tschad, in Kenia, Somalia und der Zentralafrikanischen Republik verteilt. Ironischerweise verbreitete sich das Buch in den Staaten der Sahel-Zone vor allem deshalb sehr schnell, weil die größten Zeitungen der Region sein Verbot auffällig auf ihren Titelseiten verkündeten. Die Geheimdienste der ostafrikanischen Staaten versuchten alle Kopien des Weißbuchs aufzukaufen, aber die Botschaft hatte sich schon verbreitet, und die Kopiergeräte liefen auf Hochtouren.«
»Die heftigste Kritik Nazirs richtet sich von Anfang an gegen die Vereinten Nationen. Er beschuldigt die UNO, dass sie den Völkermord in Ruanda und die Hungersnot in Darfur zugelassen hat, er wirft ihr Korruption, Spekulation mit der Lebensmittelhilfe und Kindesmissbrauch in den Flüchtlingslagern vor, die Liste ist endlos lang. Nach der Veröffentlichung des Weißbuchs hat sich der Ton der Beiträge Nazirs allerdings verändert, er ist diplomatischer geworden, staatsmännischer. Geduldig hat er sich als Meinungsführer der politischen Intelligenz installiert, als Alternative zu den mehr oder weniger diktatorischen Systemen, die derzeit in Ostafrika herrschen.«
»Nazir bezieht sich selten auf den Koran, er tritt nicht als Islamist auf, sondern als rationaler Denker, der die Rechte der Afrikaner verteidigt. Mit Ausnahme einiger seiner Meinungsäußerungen zur UNO verfällt Nazir äußerst selten in Fanatismus.«
»Uns ist nicht bekannt, wann Nazir die Zusammenarbeit mit islamistischen Terrororganisationen suchte. Auf der Grundlage des Aufklärungsmaterials ist jedoch klar, dass er an der Planung aller Anschläge beteiligt war, die in den letzten Jahren UN-Einrichtungen trafen: das UN-Hauptquartier in Bagdad im August 2003, den Sitz der UNO in Algerien 2007 und das UN-Hauptquartier in Kenia letzte Woche. Nazirs Name wird in Telefongesprächen erwähnt, die Kämpfer der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee führten, bevor sie im Januar 2009 fünf UN-Blauhelme hinrichteten. Und auf Nazir wird auch in dem Aufklärungsmaterial verwiesen, demzufolge derzeit kleinere Terroranschläge gegen die UN-Operationen in der Demokratischen Republik Kongo, in Liberia und der Elfenbeinküste geplant werden.«
»Es wird alles Mögliche unternommen, um die Identität Nazirs zu ermitteln.«
Betha Gilmartin blätterte um und überflog Auszüge aus Nazirs Schriften der letzten Jahre: »Opfer sind unvermeidlich, wenn man die UN, den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank dauerhaft aus Afrika vertreiben will.«
»Der scharfsinnigste Denker von Al Kaida, Ayman al-Zawahiri, hat recht – die UNO ist tatsächlich ein Feind des Islam und der Moslems.«
»Die Gleichgültigkeit der UN gegenüber Afrika …«
Betha konnte sich nicht mehr auf den Text konzentrieren, als die Wohnungstür aufging.
»Ist der Klempner da gewesen?«, fragte Albert noch auf der Schwelle und strich über seine nassen Haare, die ihm glatt vom Regen am Kopf klebten. Er sah so hoffnungsvoll aus wie ein Glücksspieler, der beim Roulette die Kugel beobachtet.
»Nein, Liebling, hier ist niemand gewesen. Es sieht so aus, als müssten wir entweder lernen, ohne heißes Wasser zu leben, oder auf unsere alten Tage noch eine Klempnerlehre machen«, antwortete Betha, nahm die Jacke ihres Mannes und hängte sie zum Trocknen auf.
»Willkommen in London. Nichts ist mehr so, wie es einmal war«, murmelte Albert verärgert. »Heute wollte ein Kunde einen Preisnachlass für die Erstauflage von Virginia Woolfs ›Orlando‹. Er hat gesagt, das Buch bekäme er im Zeitungsladen für ein paar Pfund. Am liebsten hätte ich ihn hinausgeworfen …«
»Du, Albert, wirfst niemanden aus deinem Laden raus. Dafür bist du viel zu nett«, entgegnete Betha und klopfte ihrem Mann auf die Schulter, dabei hörte sie, wie in ihrem Arbeitszimmer das Telefon klingelte. Das bedeutete selten etwas Gutes. Albert schaute sie mit seinem »Schon wieder?«-Blick an, den er perfektioniert hatte.
Betha ging in ihr Arbeitszimmer, nahm den Hörer ab und meldete sich. Sie hörte dem Bericht des Anrufers schweigend zu, stellte eine Frage, dankte für die Informationen und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Es dauerte eine Weile, bis Albert bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Betha stand steif da, und Tränen rannen ihr über die Wangen.
»Der Anruf betraf Leo. Er hat in Helsinki … eine Überdosis Medikamente genommen«, sagte sie undeutlich und setzte sich hin, ihr Herz schlug zu schnell. Sie drückte eine Hand auf die Stirn und konzentrierte ihr Denken auf Leo und die Trauer, die sie empfand. Dann stellte sie sich vor, wie sie ihre freie Hand auf die Trauer legte, und spürte, wie der Stress allmählich nachließ. Diese Beruhigungsübung versagte nie.
Albert, der ganz blass geworden war, setzte sich neben seine Frau. »Weshalb? Was ist geschehen?«
Betha legte den Kopf in Alberts Schoß. »Leo hat sich anscheinend nie davon erholt, was ihm, was seiner Familie passiert ist.«
»Selbstmord. Die Impulsivität und die Verhaltensstörungen verstehe ich noch, aber Selbstmord …« Albert schüttelte den Kopf.
Betha stand auf, streichelte Alberts Wange und ging kurz in ihr Arbeitszimmer. Sie gab ihrem Mann eine Mappe, in der sich ihre schönsten Fotos von Leo befanden, und öffnete selbst einen dicken Hefter voller Material, das Leo betraf. Sie suchte ein mehr als zehn Jahre altes Gutachten eines Psychiaters heraus, überflog es und wusste genau, was sie suchte.
Der Patient hat sich offenbar physisch gut von seiner Kopfverletzung erholt, jedoch nicht von den psychologischen Auswirkungen seiner Verletzung und des Verlustes seiner Familie … Der Patient verhält sich anderen Menschen gegenüber gleichgültig, Kontakt hält er nur zu zwei oder drei Freunden, und in seiner Freizeit zieht er sich meist in die Welt der Filme zurück … Er spricht nicht gern über alltägliche Dinge und zeigt seinen Frust sofort, wenn er an einem Gespräch teilnehmen muss, das seiner Ansicht nach schleppend oder geistlos verläuft … Das anmaßende und aggressive Verhalten des Patienten sowie die mangelnde Fähigkeit zum Umgang mit Gefühlsäußerungen anderer beeinträchtigen seinen Alltag … Ursache für das impulsive und aggressive Verhalten ist wahrscheinlich die Frontallappenverletzung des Patienten … Soziopathische Charaktere zeigen, wenn sie zornig werden oder in Wut geraten, ihre Gefühle nicht, während dieser Patient sie nicht unterdrücken kann …
Betha gelangte ans Ende des Gutachtens, ohne zu finden, was sie suchte. Es war genau so, wie sie es auch in Erinnerung hatte – nicht einmal die Fachleute hatten jemals behauptet, dass Leo sich selbstzerstörerisch verhielt.
***
Der Morgennebel löste sich allmählich auf, die Temperatur war über Nacht bis fast auf null gesunken, aber jetzt wärmte die Sonne schon angenehm. Dunst schwebte wie ein dünner Schleier in der Luft, und die Menschen, die zur Arbeit eilten, schien der Frühling zu beleben. Kati Soisalo saß in ihrem Smart am Rand der kleinen Holzhaussiedlung von Marttila in Pitäjänmäki, an einer Stelle, wo sie den Hof des Eigenheims von Jukka Ukkola einsehen konnte. Es war schon kurz vor neun, aber erstaunlicherweise hatte er das Haus noch nicht verlassen. Kati Soisalo war nervös und müde. Zuerst hatte sie erwogen, jemanden vom MC Black Angels als Unterstützung zu engagieren, der Präsident des Motorradclubs war ihr einen Gefallen schuldig, weil sie ihn in einem Fall von Körperverletzung vertreten hatte. Doch sie hielt es für sicher, dass Ukkola den Besuch der nicht eben elfengleichen Biker in seinem Haus bemerken würde, und hatte deshalb den Gedanken wieder fallenlassen. Sie selbst hingegen würde keinerlei Einbruchspuren hinterlassen, sie kannte das Haus wie ihre Westentasche. Leider.
Mehr Informationen über Sibirtek bekäme sie nur, wenn sie bei Ukkola einbrach, sie besaß immer noch die Schlüssel zu ihrem früheren gemeinsamen Heim. Ukkola wollte sie ja zwingen, zu ihm zurückzukehren, warum hätte er also seine Schlüssel verlangen sollen? Kati Soisalo wusste, wo Ukkola seine wichtigsten Unterlagen aufbewahrte.
Plötzlich tauchte aus der Öffnung in der Weißdornhecke der schwarze Volvo auf und fuhr auf die Mottitie. Kati Soisalos Puls raste. Als Ukkolas Wagen nicht mehr zu sehen war, stieg sie aus ihrem Smart aus und hastete im Laufschritt zu dem Haus, in das sie eigentlich nie mehr zurückkehren wollte, so hatte sie es damals feierlich beschlossen. Hier sah alles noch genauso aus wie vor zwei Jahren. Sie konnte nur hoffen, dass Ukkola die Schlösser nicht doch hatte auswechseln lassen.
Auf dem Hof hinter dem anderthalbstöckigen Holzhaus, das sein Vater einst als Kriegsveteran erbaut hatte, roch es nach altem Laub, offenbar gehörte das Harken immer noch nicht zu Ukkolas Hobbys. Der Anblick des unter Blättern begrabenen Sandkastens und der Schaukel Vilmas war für Kati schrecklich, sie sah das Mädchen vor sich, wie es fröhlich spielte. Vor der Kellertür blieb sie stehen, holte den Schlüsselbund aus der Tasche und bemerkte, dass ihre Hand zitterte, als sie den Schlüssel ins Schloss steckte. Das war ihr erster Einbruch.
Der Schlüssel passte, und Kati Soisalo entspannte sich etwas, sie hatte den ganzen Tag Zeit, Ukkolas Sachen zu durchsuchen. Im Keller roch es muffig, es dauerte eine Weile, bis ihr wieder einfiel, wo sich der Lichtschalter befand. Sie stieg die knarrende Holztreppe hinauf ins Erdgeschoss, schaute sich in der Diele um und fuhr zusammen, denn plötzlich wurden die Erinnerungen wach. Als Vilma gelernt hatte herumzukriechen und es dann sogar schaffte, diese Schwelle zu überwinden, hatte sie vor Freude gejauchzt. Und dort hatte das Mädchen seine ersten unsicheren Schritte gemacht. Dann erblickte Kati die Sammlung japanischer Schwerter und Messer, und nun überkamen sie widerliche Erinnerungen an Ukkola. Rasch stieg sie ins Obergeschoss hinauf.
Das Arbeitszimmer sah unverändert aus: ein großer Schreibtisch, der Laptop, dazu Drucker und Scanner, zwei Bücherregale und ein schäbiger Sessel. In dem Raum befand sich kein einziges Bild, kein dekorativer Gegenstand oder irgendetwas anderes, was für Gemütlichkeit sorgen könnte. Nicht einmal ein Foto von Vilma. Jukka Ukkola war garantiert nicht normal, wie konnte jemand in sich die Erinnerung an sein Kind auslöschen?
Kati Soisalo ging sorgfältig alle Bücher Ukkolas durch: uralte Lehrbücher aus der Universitätszeit, Veröffentlichungen der Polizeifachhochschule, abgegriffene Krimis aus Antiquariaten und ein paar russische Klassiker, die er sich nach ihrem Auszug angeschafft hatte, garantiert, um vor seinen Besucherinnen den Gebildeten zu spielen. Sie blätterte alle nummerierten KRP-Ordner durch, fand aber nur Artikel über die Polizeiarbeit und Material von Weiterbildungsveranstaltungen und Kursen. Die Ordner »Haus«, »Auto« und »Versicherung« enthielten nur Unterlagen, die ihren Aufschriften entsprachen. Nun blieben nur die Ordner übrig, auf die Ukkola »Steuer« geschrieben hatte. Widerwillig griff Soisalo nach den Steuerunterlagen des letzten Jahres.
Dienstreisen, freiwillige Rentenversicherung, der Abzug für das Arbeitszimmer, die Kreditzinsen … Nichts, was in Richtung Sibirtek weisen würde. Sie nahm den Ordner vom vergangenen Jahr und blätterte jedes Dokument einzeln um, bis etwas sie stutzig werden ließ. Sie blätterte zurück und machte eine freudige Entdeckung: die Quittung für das Mieten eines Kleinbusses mit einer handschriftlichen Eintragung am rechten oberen Rand: »Nordesplanadi – PGW«. Dieselbe Abkürzung wie in der E-Mail an Ukkola, mit der jemand das Treffen abgesagt hatte. Sie blätterte sofort alle von Ukkola archivierten Dienstreisebelege der letzten fünf Jahre durch und fand drei weitere Taxiquittungen, auf denen PGW erwähnt wurde. Das musste der Name eines Unternehmens oder eines Ortes sein. Vielleicht fand Jonny heraus, was die Abkürzung bedeutete.
Mehr Interessantes entdeckte sie in den Steuerunterlagen nicht. Sie überprüfte noch die Schränke im ganzen Haus für den Fall, dass Ukkola nach ihrem Auszug ein neues Versteck eingefallen war. Besonders schwer fiel es ihr, das Schlafzimmer zu betreten, hier hatte Vilmas Bett in ihren ersten Lebensjahren seinen Platz gehabt.
Ukkolas kleiner Safe, ein Kaso E2–410, stand noch an derselben Stelle wie früher, im Kartoffelkeller. Kati Soisalo kannte die vierstellige Kombination des elektronischen Tastenschlosses nicht, aber ihr blieb genug Zeit, sie herauszufinden. In ihrer Tasche steckte ein Zettel, auf den sie alle wichtigen Daten in Ukkolas Leben gekritzelt hatte, sie bereitete sich immer sorgfältig vor. Sie trat auf dem kalten, blanken Betonfußboden an den Safe, beugte sich über das Schloss und begann mit den wichtigsten Daten des narzisstischen Mannes: Geburtstag, Abschluss an der Uni, Ernennung zum Chef der Hauptabteilung der KRP … Sie probierte es sowohl mit den Jahreszahlen, der Kombination von Tag und Monat als auch mit den Ziffern für den Monat und den letzten beiden der Jahreszahl. Das Schloss blieb zu. Dann versuchte sie es mit allen Passwörtern, die sich auf Ukkolas Computern fanden, und war schwer enttäuscht, als es nicht einmal mit dem PIN-Code der Kreditkarte klappte. Schließlich steckte sie den Zettel ein und setzte sich auf den kalten Fußboden, um nachzudenken.
Die Kombination des Safes war höchstwahrscheinlich die wichtigste Zahlenreihe, die Ukkola sich merken musste. Welche Zahlenfolge würde er nie vergessen? Sie hatte schon alle denkbaren Ziffernkombinationen probiert, die mit Ukkola selbst in Zusammenhang standen … Die Antwort kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel und erschien ihr sofort sonnenklar. Welches Ereignis war das wichtigste in seinem Leben? Der siebte Juni, der Tag, an dem sie und Vilma bei ihm ausgezogen, weggelaufen waren. Die größte Demütigung in Jukka Ukkolas Leben.
Kati Soisalo tippte die Ziffern 0–7–0–6 in das Schloss ein, man hörte ein Knacken im Tresor, und sie zog die Tür auf. Eine Reihe Hängeordner, das war alles. Doch die Enttäuschung verwandelte sich sofort in Freude, als sie die Aufschriften auf den Ordnern las: Kabinett, Sibirtek, Waffengeschäfte, Finanzierung, Banken … Kara und sie hatten genau den richtigen Verdacht gehabt: Jukka Ukkola war voll in die illegalen Handlungen von Sibirtek und der finnischen Rüstungskonzerne involviert.
Sie nahm den Ordner »Sibirtek« heraus und trat unter die Kellerlampe, um die Unterlagen zu lesen. Ihre Aufregung steigerte sich noch, als sie sah, was sich unter dem ersten Zwischenblatt befand. Oh Gott! Das war der Vertragsordner von Sibirtek, was machte der in Jukka Ukkolas Safe? Verträge zwischen Sibirtek und finnischen Großunternehmen über Produktentwicklung, Joint Ventures, den Know-how-Austausch, gemeinsame Produktionsstätten … Namen und Titel verschwammen vor ihren Augen, das war Gold wert, diese Dokumente würden das ganze Spektrum der Aktivitäten von Sibirtek aufdecken und in den Chefetagen der finnischen Wirtschaft mehr Köpfe zum Rollen bringen als die letzte Krise. Sie legte den Ordner auf den Boden, suchte den Vertrag von Fennica, holte ihr Handy aus der Tasche und schoss ein Foto. Das Bild war zu dunkel geworden, man konnte den Vertragstext nicht richtig lesen. Sie musste ins Obergeschoss, ans Tageslicht.
Kati Soisalo lief mit großen Schritten die Treppe hinauf, legte den Ordner mit den Verträgen auf den Couchtisch und machte sich an die Arbeit. Sie beschloss, alle Seiten jedes einzelnen Vertrags zu fotografieren.
Plötzlich hörte sie das Geräusch eines Automotors, sie stürzte ans Fenster, sah auf der Mottitie Ukkolas Volvo und geriet in Panik. Was zum Teufel machte der denn schon wieder hier! Und was sollte sie tun, sie musste sofort eine Entscheidung treffen, auf der Stelle. Bewahrte Ukkola seine Waffe noch am selben Ort wie früher auf?
Sie schob die Hand in den Kamin hinein und betastete die Ziegel, vor zwei Jahren hatte Ukkola seine Reservewaffe hier versteckt, eine 9-Millimeter-Pistole SIG Sauer P226. Aus dem Kamin konnte man die Waffe schnell hervorholen, wenn jemand ins Haus eindrang. Sie spürte das Metall, ergriff die Pistole, klemmte sich den Ordner unter den Arm, rannte die Treppe hinunter in den Keller, hängte den Ordner in den Tresor und hörte, wie Ukkola an der Kellertür zog. Sie schloss den Tresor und erstarrte in panischem Entsetzen, als die Kellertür quietschte. Sie zwang sich dazu, ein paar Schritte zu machen, öffnete die Brettertür neben dem Kartoffelkeller, betrat rasch einen mit Pappkartons und Möbeln gefüllten Vorratsraum und hielt den Atem an. Die Schritte kamen näher.
Ukkola schnaufte knapp zwei Meter von ihr entfernt, er war so nahe, dass sie sein Rasierwasser roch. Kati Soisalo umklammerte die geladene Pistole mit der Hand. Es wäre so einfach: hervortreten, entsichern, auf den Kopf des Mannes zielen und den Abzug durchdrücken – mehr brauchte sie nicht zu tun. Der größte Teil ihrer Probleme würde sich in Luft auflösen, die ständige Qual hätte ein Ende. Das erste Mal in ihrem Leben hatte sie tatsächlich Lust zu töten.
Sie hörte, wie die Tresortür knarrte. Dann raschelte Papier … Plötzlich fuhr ihr ein Schreck in die Glieder – ihr Handy war noch an. Hastig holte sie es aus der Tasche und schaltete es aus.
»Scheiß Alarmanlage«, schimpfte Ukkola und knallte die Tresortür zu.
Kati Soisalo spähte zwischen Tür und Zarge hindurch, und um ein Haar wäre ihr ein Aufschrei entfahren, als Ukkola auf sie zu trat. Er wühlte im Werkzeugregal, fand eine Plastiktüte und kehrte in den Kartoffelkeller zurück. Wenig später kam er wieder heraus, den Inhalt des Safes trug er in dem Beutel. Es polterte auf der Treppe, als Ukkola hinaufstieg, dann schlug die Tür zu, und der Motor des Volvo heulte auf.
Die Anspannung entlud sich so heftig, dass ihr die Knie weich wurden und sie sich auf den Fußboden setzen musste. Jetzt war ihr klar, dass sich im Tresor eine Alarmanlage befand. Gott sei Dank hatte sie es noch geschafft, den Sibirtek-Ordner zurückzuhängen. Nun würde Ukkola wahrscheinlich nie von dem Einbruch erfahren. Allerdings hatte sie nur einige wenige Verträge fotografieren können, und eine zweite Chance bekam sie nicht, weil dieser verdammte Ukkola die Ordner mitgenommen hatte. Blieb nur zu hoffen, dass das fotografierte Material ausreichte.
Kati Soisalo wartete noch eine Viertelstunde in dem kühlen, stockfinsteren Keller, legte dann die Waffe in das Versteck zurück und lief über den hinteren Hof und das Nachbargrundstück zur Korsutie. Hoffentlich war Ukkola seine übliche Strecke gefahren, andernfalls könnte er ihren Smart bemerkt haben.
Die Tür von Jonny Karlssons Wohnung in der Punavuorenkatu öffnete sich erst, als Kati Soisalo schon wieder gehen wollte. Sie hatte mindestens zwei Minuten lang den Klingelknopf traktiert.
»Bei dir steht anscheinend noch etwas anderes zu Berge als die Haare«, sagte sie und schaute auf Paranoids Unterhose.
»Du kommst gerade richtig.«
Kati Soisalo trat an ihm vorbei in die Wohnung und blieb vor Jonnys beeindruckender Computerzentrale stehen. »Ich brauche Informationen. Jetzt sofort.«
»Wollen wir nicht erst eine Runde Horizontalmambo drehen? Oder einen Hüftwalzer«, schlug Paranoid vor und presste sein Glied, das sich im Paradezustand befand, an Soisalos Hüfte.
»Jonny. Das ist wichtig, und ich habe es eilig.« Kati Soisalo hoffte, dass ihr eisiger Ton auf Paranoids Gelüste abkühlend wirkte.
»Ich bin vorhin in Jukka Ukkolas Haus eingebrochen. Oder vielleicht braucht man es nicht als Einbruch zu bezeichnen, da ich meine eigenen Schlüssel benutzt habe. Ich will wissen, wer die E-Mail-Adresse [email protected] benutzt, was die Abkürzung PGW bedeutet und ob sie irgendwie mit Sibirtek zu tun hat.«
»Du bist in Ukkolas Haus eingebrochen«, sagte Paranoid und pfiff erstaunt. »Was würde dieser Verrückte tun, wenn er es erfährt? Kann ich trotzdem erst Kaffee kochen? Ich war gestern ziemlich spät noch unterwegs und …«
Kati Soisalo küsste seine stopplige Wange. »Aber natürlich, Schatz. Entschuldige, ich stehe immer noch viel zu sehr unter Strom, bei Juristen ist es nicht üblich, in die Häuser oder Tresore anderer Leute einzubrechen. Zumindest bei mir nicht.«
»Die Sache mit der E-Mail-Adresse kann möglicherweise mehrere Stunden dauern. Die Suche nach den anderen Adressen, die mit Sibirtek zusammenhingen, ist in eine Sackgasse geraten: Ich bin in zwei verschiedene Server eingebrochen, und dabei ist nur herausgekommen, dass sie für fingierte Namen angelegt wurden. Denen kommt man auch mit den IP-Adressen der Computer dieser Nutzer nicht auf die Spur, weil die sich nur über PC in öffentlichen Einrichtungen, in Bibliotheken, Hotels, Internetcafés in die E-Mail-Programme eingeloggt haben … Aber die Kopie der Festplatten von Ukkolas Computern ist jetzt schon überraschend weit, das wird hoffentlich morgen oder übermorgen fertig. Dann können wir uns in Ruhe mit allem beschäftigen, was sich auf seinen Computern befindet.«
Kurz darauf saß Paranoid in Trainingshosen und einem T-Shirt mit dem Text »Save the trees. Eat a beaver« an seinem PC und hämmerte auf die Tastatur ein. Kati Soisalo las die Verträge, die sie bei Ukkola fotografiert und nun vom Telefon auf den PC geladen und ausgedruckt hatte. Der Text war etwas unscharf, aber lesbar. Die Projekte von Fennica und Wartsala-Tech wurden nur mit wenigen Worten beschrieben: »Entwicklung von Hyperspektralgeräten für die Fernerkundung« oder »Untersuchungen zur Verknüpfung verschiedener Ortungstechnologien«.
Als sie zum dritten Vertrag griff, nahm die Spannung zu. Auch eine Aktiengesellschaft namens Finnsteel hatte vor vier Jahren einen Kooperationsvertrag abgeschlossen, dessen Geldgeber Sibirtek war. »… Herstellung von Kompositwerkstoffen aus Metall für Lenkflugkörper- und Raketensysteme …«, las sie in dem Vertrag. Sie wusste, dass sie der Lösung des Rätsels Sibirtek wieder einen Schritt näher gekommen war. Aber eben nur einen. Es machte sie wütend, dass sie es nicht geschafft hatte, noch mehr Verträge zu fotografieren. Da Ukkola die Unterlagen aus seinem Tresor genommen hatte, kam man nun überhaupt nicht mehr an sie heran.
»Sagen dir diese Namen etwas – Nikolai Kosow und German Bondarenko? Sie haben für Sibirtek Verträge unterschrieben«, fragte Kati Soisalo.
Paranoid nickte. »Zwei von drei Namen im Zusammenhang mit Sibirtek, die ich herausgefunden habe. Beide sind tot.«
»So. Fertig«, verkündete Paranoid wenig später. »Die Adresse [email protected] wurde in den letzten Monaten über einen drahtlosen Breitbandzugang von allen möglichen WLAN- oder Wi-Fi-Hotspots weltweit genutzt. Der Breitbandzugang ist auf den Firmennamen Etuvartio, Vorposten, registriert. Nach den E-Mails zu urteilen scheint Etuvartio die praktischen Dinge für Sibirtek erledigt zu haben, das heißt solche Telefon- und Internetangelegenheiten und andere Verträge, die Sibirtek als in Finnland nicht registrierte ausländische Firma nicht selbst regeln konnte. Auf dem Server von Sonera stellte sich heraus, dass die Rechnungsadresse von Etuvartio die ehemalige Papierfabrik von UPM in Voikkaa ist. Und in der Datenbank von UPM findet man, dass Etuvartio Räume in der Fabrikhalle für die Druckschliffherstellung des Betriebs in Voikkaa gemietet hat. Druckschliff heißt auf Englisch pressure groundwood, die Abkürzung lautet PGW. Die E-Mail-Adresse [email protected] kann man also auch in der folgenden Form lesen: ›Versammlungen at Druckschliff‹, das heißt, die Versammlungen finden im Gebäude für die Druckschliffherstellung statt.«
Kati Soisalo schaute Paranoid voller Respekt an.