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Montag, 4. Mai

Die Fahrt vom Gebäude der KRP in Vantaa bis zum Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Helsinki in Ruskeasuo dauerte außerhalb des Berufsverkehrs nur etwa zwanzig Minuten. Jukka Ukkola parkte seinen Volvo und eilte im Laufschritt den nach Desinfektionsmittel riechenden Flur entlang zum Obduktionssaal.

Das Metall der Obduktionstische und der daran befestigten Vorrichtungen glänzte im hellen Licht der Deckenbeleuchtung, und Jalousien verhinderten, dass man hineinschauen konnte. Der Gerichtsmediziner, der eine weiße Mütze, eine Gesichtsmaske, ein grünes Chirurgenhemd und die dazugehörige Hose, eine Plastikschürze und Gummistiefel trug, unterbrach sein Diktat, und der Obduktionsassistent, der den Fußboden säuberte, schaltete den Hochdruckreiniger aus. Kriminalinspektor Markus Virta, der einen Kopf kleiner war als die anderen, und ein Mitarbeiter des kriminaltechnischen Labors der KRP standen hinter dem Pathologen, und man sah ihnen an, dass sie es satt hatten. Das Gesetz verlangte jedoch, dass zumindest der Leiter der Ermittlungen während der gesamten Obduktion anwesend sein musste.

»Gleich haben wir alles unter Dach und Fach«, sagte der Pathologe müde und machte sich nicht die Mühe, Ukkola die Hand zu geben. »Aber die virologischen, serologischen, gerichtschemischen, bakteriologischen und mikroskopischen Zusatzuntersuchungen werden erst später fertig.«

»Wie sieht es aus?«, fragte Virta und bemerkte nicht, dass der Obduktionsassistent Ukkola daran hinderte, mit dem Kugelschreiber in die Milz zu stechen, die in einer Metallschale lag.

»Die Todesursache ist eindeutig. Das Opfer wurde erstochen oder erstach sich selbst, indem es das Messer zwischen der dritten und vierten Rippe schräg nach oben führte, direkt in die linke Herzkammer. Er war fast sofort tot«, sagte der Pathologe und rieb sich die geschwollenen Augen.

»Selbstmord oder Mord?«, fragte Ukkola.

»Mit absoluter Sicherheit kann man das nicht sagen. Aber der Täter ist wahrscheinlich ein Mann, es erfordert ziemlich viel Kraft, das Messer zwischen den Rippen hindurch ins Herz zu rammen. Nach dem Stoßwinkel zu urteilen ist derjenige, der das Messer geführt hat, Linkshänder, so wie Mettälä. Für die Alternative Selbstmord spricht, dass der Tote keinerlei Spuren eines Kampfes aufweist und dass auf der Haut Probestiche vorgenommen wurden. Die findet man oft bei Selbstmördern.«

Die Kriminalisten wollten weitere Informationen, jetzt war Virta an der Reihe. »Sonst noch was?«

»Die Messerklinge war ziemlich ungewöhnlich, mit einem hohen Querschnitt. Die Stichwunde hat die Form eines Diamanten.«

»Ein japanisches Yoroi-doshi«, dachte Ukkola, schwieg aber.

»Euch interessiert sicherlich auch, dass Mettälä an Leberkrebs erkrankt war, er hatte nur noch ein paar Monate zu leben. Das ist alles, was ich im Moment sagen kann, den Rest könnt ihr im Obduktionsbericht lesen, wenn er fertig ist«, teilte der Gerichtsmediziner mit und ging zur Tür des Obduktionssaals, um sie den Polizisten aufzuhalten. Markus Virta verkündete, er werde mit Ukkola zurück nach Jokiniemi fahren.

Erst die Beförderung und dann das, zwei glänzende Nachrichten innerhalb einer Stunde, Ukkola hatte Mühe, seine Freude zu unterdrücken. Virta würde sicher glauben, dass Mettälä sich umgebracht hatte, weil er unter unheilbarem Leberkrebs litt. Wieder würden gefährliche Ermittlungen im Sande verlaufen, ohne ihm oder Sibirtek zu schaden.

Er schaltete sein Telefon ein, und es klingelte, gerade als er in den Regen hinaustrat. Der Anrufer war Rami Sund, der Leiter der Ermittlungen im Fall der Abschussrampe von Wartsala. Ukkola meldete sich und reichte Virta die Schlüssel seines Volvo.

»Ukkola, zum Teufel noch mal, du hast doch nicht etwa mit diesem Typen von der UNO über die Ermittlungen zu Wartsala-Tech geredet!«, wetterte Sund.

»Nun bleib mal locker. Weshalb hätte ich dem etwas von Wartsala sagen sollen, der Mann hat doch Fragen zu Fennica gestellt, und selbst da war er so ahnungslos wie eine Jungfer.«

»Na, irgendwoher hat Kara jedenfalls erfahren, dass die KRP das Verschwinden der Abschussrampe von Wartsala untersucht. Pertti Forslund hat vor einer halben Stunde hier angerufen und getobt wie ein Wilder. Ich habe ihm gesagt, dass es in der Ermittlungsgruppe der KRP keine undichte Stelle gibt, und er hat gedroht, als Nächsten dich anzurufen. Jetzt bist du ja vorgewarnt«, sagte Sund und brach das Gespräch ab.

Ukkola kochte. Er stand im Regen und hoffte, dass die kalten Tropfen seine erhitzten Emotionen herunterkühlten. Am liebsten hätte er Leo Kara einsperren lassen, aber er fürchtete weiterhin, dass der bei allzu unsanftem Vorgehen der KRP seine Drohung wahr machte und sich beim Außenministerium beschwerte. Und diese Drohung musste er ernst nehmen. Solange seine Ernennung nicht bestätigt war, konnte er es sich nicht leisten, auch nur im Geringsten negativ aufzufallen.

»Was um alles in der Welt stehst du da im Regen herum!«, rief Virta aus dem Auto.

»Nimm dir ein Taxi, ich muss im Zentrum was erledigen«, befahl Ukkola und ließ Virta aussteigen, ohne sich um dessen Flüche zu kümmern.

Er setzte sich ans Steuer, schaltete das Radio an, stellte den Sender ein, der Evergreens brachte, und versuchte sich zu beruhigen. Von den Ermittlungen zu Wartsala hatte Kara entweder von Otto Mettälä oder von Kati Soisalo erfahren. Mettälä konnte nicht mehr den Mund aufmachen, also wurde es Zeit für einen Besuch bei Kati, und diesmal hatte er nicht die Absicht, sich höflich zu benehmen. Wenn er das Ganze nicht in den Griff bekam, dann geriete er sehr bald selbst in Schwierigkeiten.

Ukkola gab Gas und fuhr in Richtung Mannerheimintie, auf der wie immer viel Verkehr war. Er blieb an der Ampel hängen und beschloss, eine kurze Einschätzung der Lage vorzunehmen. Der Mörder von Otto Mettälä hatte eine japanische Waffe benutzt und ihm damit eine Warnung hinterlassen. Hofman von Sibirtek wollte ihn daran erinnern, dass er die Verantwortung für die Ermittlungen zu Fennica und Wartsala trug und niemand Hofman oder das »Kabinett« mit Globeguide oder der Abschussrampe in Verbindung bringen durfte. Und nun hatte sich Kara mit Forslund unterhalten, einem Mann, der von Hofman und dem »Kabinett« ganz einfach zu viel wusste.

Jukka Ukkola wurde klar, dass er sich in arger Bedrängnis befand, und das war er nicht gewöhnt. In eine derart vertrackte Lage war er das letzte Mal vor Jahren geraten, als er einer Frau, die beim Dealen geringer Weckamin-Mengen erwischt worden war, Hilfe versprochen hatte, wenn sie ihm ihrerseits half, seinen Druck zu entladen. Diese unzuverlässige Schlampe hatte nicht nur ihr Gespräch aufgezeichnet, sondern die Nummer auch noch mit der Videokamera gefilmt. Natürlich bekam er Frauen genauso gut einfach nur durch sein Aussehen und seine Redegewandtheit herum, aber der Akt erhielt ganz neue Dimensionen, wenn Erpressung oder Zwang mit im Spiel war.

Nachdem er, ohne sich um das Tempolimit zu scheren, durch das Zentrum gebraust war, parkte er den Wagen auf dem Innenhof des Häuserblocks von Hamppuvarpunen und stieg die Treppe zu Soisalos Kanzlei hinauf. Dieses verdammte Weib. War bei ihm ausgezogen, ohne ihn auch nur mit einem Wort vorzuwarnen, ein echter Feigling. Den Frauen von heute war nichts mehr gut genug, was bildete sie sich denn ein, wo sie einen besseren Mann als ihn fand? Und die Schlösser ließ sie immer noch auswechseln, sie wollte einfach nicht kapieren, dass sich der Chef der Hauptabteilung der KRP zu jeder beliebigen Tür den Schlüssel beschaffen konnte. Eine Antwort auf seine Frage erhielt Ukkola, als er den Schlüssel im Schloss umdrehte, die Tür mit Schwung öffnete und in die erschrockenen Augen Katis starrte. Sie warf rasch einen Blick aufs Sofa.

Ukkola betrat die Kanzlei, sah auf dem Sofa einen zerknüllten Schal, ein Männerhemd und Karas abgewetzte Ledertasche.

»So schnell lässt du jemanden an dein Ding ran. Vorgestern habt ihr euch das erste Mal getroffen und gestern schon gebumst.« Es sollte belustigt klingen, dabei war er offensichtlich nahe daran, vor Wut zu platzen.

»Es ist am besten, du verschwindest, Kara kann jeden Moment wiederkommen. Oder nein, bleib ruhig da, dann habe ich einen Zeugen für deine Tobsuchtsanfälle.«

»Lebst du immer noch in der Hoffnung, bei den UN einen Job zu bekommen? Hurst du deswegen mit Kara herum? Ich kann dir viel einfacher und viel besser helfen. Begreifst du Dummkopf das nicht? Du ziehst einfach nur wieder bei mir ein, bevor ich dich dazu zwinge.«

Kati Soisalo griff nach ihrem Telefon, um Kara anzurufen. In einer solchen Raserei hatte sie Ukkola ewig nicht erlebt, sie fürchtete, er könnte etwas tun, was nicht rückgängig zu machen war.

»Du bekommst Vilma nicht wieder, selbst wenn du jedes uneheliche afrikanische Kind bemutterst«, brüllte Ukkola wutentbrannt, schnappte sich ihr Telefon und knallte es so heftig auf den Fußboden, dass die Plastikteile durch die Luft flogen.

»Statt mir zu berichten, was Kara macht, hast du ihm von den laufenden Ermittlungen gegen Wartsala erzählt, stimmt’s? Wieso weißt du überhaupt davon, hast du es von Mettälä gehört? Oder hattest du damals mit Forslund oder Wartsala zu tun, als du noch eine anständige Arbeit hattest?«

Kati Soisalo gab sich große Mühe, nicht die Nerven zu verlieren, sie wollte Ukkola nicht reizen, damit er nicht noch schlimmer tobte. »Meine Quellen verrate ich nicht. Aber eins kann ich sagen: Kara hat deswegen mit Forslund gesprochen, weil Jussi Ketonen, der ehemalige Chef der Sicherheitspolizei, erzählt hat, dass Forslund sehr gut über die Dinge informiert ist.«

»Du lügst. Kara wusste, dass Wartsala im Verdacht steht, eine Abschussrampe in den Libanon geschmuggelt zu haben. Kein einziger Mitarbeiter der SUPO, weder ein ehemaliger noch ein jetziger, hätte Kara das verraten.«

Kati Soisalo schwieg, in ihrer Not fielen ihr keine weiteren Lügen ein, und sie wollte nichts Unüberlegtes sagen.

»Dein neuer Freund wird Finnland möglicherweise eher verlassen, als du ahnst. In seinem Hotelzimmer wurde gestern ein Beutel mit Metamphetamin gefunden. Und als Nächstes bist du an der Reihe, dann sitzt auch du in der Klemme«, drohte Ukkola und lief mit großen Schritten genauso eilig zur Tür, wie er gekommen war.

Jukka Ukkola dachte gar nicht daran, das noch weiter zu dulden, er würde dafür sorgen, dass ihm Kati Soisalo nicht mehr in die Quere kam und von der Bildfläche verschwand, jetzt sofort. Die Frau hatte die Stirn, ihn zu verlassen, jede Zusammenarbeit zu verweigern, die polizeilichen Ermittlungen zu beeinträchtigen und auch noch mit irgendeinem Clown von der UNO zu vögeln. Bildete sie sich wirklich ein, dass er sich nicht rächen würde?

***

Leo Kara lief im Nieselregen auf der Laivasillankatu in Richtung Zentrum. Die Autofähre am Olympia-Terminal würde bald ablegen, viele Fahrzeuge wollten noch auf das Schiff, deshalb staute sich in der näheren Umgebung der Verkehr.

Kara strotzte vor Tatendrang, endlich nahmen die Dinge Gestalt an. Pertti Forslund war herausgerutscht, dass Hofman irgendwie mit Sibirtek und mit den Waffengeschäften von Fennica und Wartsala in Verbindung stand. Und eben hatte Katarina Kraus angerufen, sie war in Helsinki angekommen und wollte sich mit ihm treffen. Nun wusste er endlich, wen und was er suchen musste – Hofman. Und etwas, was Sibirtek genannt wurde.

Die steife Brise, die am Südhafen vom Meer herüberwehte, wirkte Karas Erregung entgegen, er zog den Reißverschluss seiner Jacke nicht hoch, obwohl der eisige Wind durch das Hemd drang, so dass er eine Gänsehaut bekam. Er öffnete die Tür zur Alten Markthalle und musste eine Weile suchen, bis er unter den Dutzenden kleinen Läden die NoriSushi-Bar fand. In den Gängen der Halle drängten sich die Leute, die ersten Kopfarbeiter aus den Büros in Eteläranta und Kaartinkaupunki hatten bereits Feierabend, und auch ein paar Touristen, die sich schon im Frühjahr nach Finnland gewagt hatten, streiften umher.

Kara wäre um ein Haar an Katarina Kraus vorbeigegangen, die kleine Frau saß versteckt in einer Ecke der NoriSushi-Bar und nahm gerade mit ihren Stäbchen eine Sushirolle vom Holztablett. »Die Nori-Maki sind gut«, sagte sie auf Deutsch und gab Kara die Hand.

»Hier ist verdammt viel passiert, seit wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben.« Kara kam ohne Umschweife zur Sache, und Katarina Kraus hörte ihm aufmerksam zu.

»Otto Mettälä, der Direktor von Fennica, ist gestern gestorben, die Polizei weiß noch nicht, ob es sich um Mord oder Selbstmord handelt. Laut Sicherheitspolizei stehen die Straftaten von Fennica und Wartsala möglicherweise in Verbindung mit deren jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit der Sowjetunion und Russland. Und der ehemalige Generaldirektor von Wartsala, Pertti Forslund, hat bestätigt, dass sowohl die russische Investitionsfirma Sibirtek als auch Hofman irgendwie mit Globeguide und auch mit der von Wartsala hergestellten und im Libanon aufgetauchten Abschussrampe zusammenhängen.« Kara legte all seine neuen Informationen auf den Tisch, ohne lange zu überlegen, was er Kraus alles preisgeben sollte.

Die in Seetang gewickelte Rolle mit Reis und Thunfisch, die Katarina Kraus mit den Stäbchen hielt, fiel auf den Tisch. Für einen Moment verschlug es ihr die Sprache.

»Der ehemalige Wartsala-Direktor hat von Sibirtek und Hofman gesprochen?«, fragte sie dann. »Was hat er gesagt?«

»Ach, das erstaunt dich am meisten?«, erwiderte Kara verärgert. »Ist es denn nicht etwas überraschender, was mit Otto Mettälä passiert ist? Man hat ihn gefunden …«

»Natürlich ist Mettäläs Tod eine unglaubliche Wendung, aber davon wusste ich schon. Du brauchst mir keine Einzelheiten zu erzählen.« Katarina Kraus zeigte mit ihren Stäbchen auf die Sushirolle, sie wollte eigentlich essen. »Es hat mich wahrscheinlich nur überrascht, dass jemand den Namen Hofman mit Sibirtek in Verbindung gebracht hat.«

»Das ist doch nicht zu fassen, verflixt noch mal!« Kara fluchte laut auf Finnisch und bemerkte verblüfft, dass die Leute den Kopf wandten und ihn von allen Seiten entrüstete Blicke trafen. Er war es gewöhnt, im Ausland finnisch zu fluchen, in einer Sprache, die niemand verstand. In der Knabenschule von Winchester genügte mitunter schon ein strenges »Perkele!«, gottverdammt, um Streithähne zu verscheuchen.

»Hofman ist doch schließlich dein Kunde. Wie ist es da möglich, dass du nichts von ihm weißt?«, sagte Kara, nachdem er sich wieder unter Kontrolle hatte. Katarina Kraus wirkte nun noch unsicherer und ängstlicher als vor einer Woche im Fußballstadion von Khartoum.

»Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass wir uns nur einmal getroffen haben«, antwortete sie mit betretener Miene. »Ich weiß nicht einmal, bei welcher Firma oder welchem Staat Hofman angestellt ist oder ob er Freelancer ist. Meist hat er mit meinen Vorgesetzten zu tun, ich bin, ganz offen gesagt, nur eine Art Laufbursche. Oder -mädchen.«

»Dann weißt du bestimmt auch nicht, was das ›Kabinett‹ ist?«, fragte Kara enttäuscht und musterte Katarina Kraus, die mit blitzenden Vorderzähnen ihren Asahi-Sake kostete und ihn unter ihren dunklen Augenbrauen hervor anschaute. Kara kam sich vor wie eine Schachfigur in einem lebensgefährlichen Spiel, und er hatte nur eine blasse Ahnung, wer die anderen Mitspieler waren. Er beugte sich zu Katarina Kraus hin.

»Du wolltest ein Treffen mit Hofman organisieren«, sagte er mit gesenkter Stimme. »Stattdessen bist du selbst extra nach Finnland gekommen, um mich zu treffen. Weshalb? Worum geht es dir?«

»Du musst mir glauben, wenn ich sage, dass wir auf derselben Seite stehen.« Katarina Kraus wirkte noch ernster als zuvor und machte den Eindruck, dass sie meinte, was sie sagte. »Du musst unbedingt die Finger von dieser Sache lassen; ich bin nach Finnland gekommen, um dich davon zu überzeugen. Gestern habe ich mit Hofman gesprochen, und er hat eins äußerst deutlich zu verstehen gegeben – wenn du weitermachst, wirst du umgebracht genau wie Otto Mettälä.«

»Nach Ansicht der Polizei könnte sich Mettälä auch selbst umgebracht haben«, erwiderte Kara.

»Wohl kaum.«

Kara überlegte nur kurz, bevor er antwortete: »Irgendjemand wird sowieso bei Fennica und Wartsala herumstochern und aufklären, was dahintersteckt, egal ob ich mitmische oder nicht. Und derzeit untersuchen die besten Ermittler der Welt mit Hochdruck die Hintergründe des Anschlags von Kenia.«

»Verstehst du immer noch nicht? Es gibt, was dich betrifft, schon einen Kontrakt. Man hat bereits jemanden auf dich angesetzt. Du musst aus Finnland verschwinden«, sagte Katarina Kraus und betonte dabei jedes Wort, als würde sie mit einem Schwachsinnigen reden.

»Ich habe versprochen herauszufinden, was mit Ewan Taylor geschehen ist.«

Katarina Kraus schüttelte den Kopf.

Kara stand auf. »Wenn du mir helfen willst, dann frag Hofman, welche Rolle Sibirtek bei alldem spielt und was das ›Kabinett‹ ist.«

Aufgebracht verließ Kara die Alte Markthalle. Es dauerte nicht lange, da bereute er schon, dass er Katarina Kraus gegenüber so hitzig reagiert hatte. Schließlich stand sie auf seiner Seite, immerhin war sie eigens nach Finnland gereist, um ihn zu warnen. Es ärgerte ihn, dass es so lange dauerte, bis die Teile in diesem Puzzlespiel am richtigen Platz lagen. Immer, wenn er ein Problem gelöst hatte, tauchten zwei neue auf.

Es hatte aufgehört zu regnen. Kara beschloss, zum Hotel »Vaakuna« zu laufen; an sonnigen Frühlingsnachmittagen konnte man im Park der Esplanadi einen sehenswerten Überblick über das einheimische schöne Geschlecht gewinnen. Plötzlich vibrierte sein Telefon in der Hosentasche, Kara fluchte, als er den Namen auf dem Display blinken sah – Birou.

»Du solltest doch berichten, jeden Tag. Und nun sagt mir meine Sekretärin, dass du in Finnland unter dem Verdacht stehst, ein Drogenvergehen …«

Kara unterbrach seinen Vorgesetzten. »Diese Drogengeschichte ist einfach lächerlich, die Polizei hat irgendein altes Versteck im Bad meines Hotelzimmers gefunden. Mach dir deswegen keine Sorgen. Denk lieber darüber nach, dass der ehemalige Direktor von Fennica gestern, kurz bevor wir uns treffen wollten, gestorben ist.« Diese Neuigkeit ließ Birou verstummen. Kara berichtete in einem Zug über die Ereignisse der letzten Tage, ließ aber unerwähnt, dass laut Katarina Kraus auf seinen Kopf eine Belohnung ausgesetzt war. Birou stellte Fragen und wollte vieles noch genauer wissen, es hörte sich so an, als würde er Notizen machen. Dann herrschte für einen Augenblick Stille in der Leitung.

»Von jetzt an bist du vom Dienst beurlaubt«, verkündete Birou. »Jemand, der unter dem Verdacht eines Drogenvergehens steht, kann nicht im Namen des UNODC auftreten. Du lieferst innerhalb einer Stunde einen Rapport zu diesen Anschuldigungen, und ab jetzt berichtest du unaufgefordert einmal täglich, oder du kehrst nach Wien zurück und räumst dein Büro aus. Das sind deine Alternativen. Und vergiss nicht, dass du nur noch knapp sechs Tage Zeit hast, diesen Misthaufen umzugraben«, sagte Birou in resolutem Ton und beendete das Gespräch.

 

Birou staunte, dieser Kara hatte ja etwas zuwege gebracht, das waren brauchbare Ergebnisse. Natürlich wusste er, dass Kara einen scharfen Verstand besaß, aber nach seiner Kenntnis hatte er keinerlei Ermittlungserfahrung.

In seinem Zimmer im Haus E erhob sich der Chef des UNODC, zog die Nadelstreifenweste zurecht und rückte die Krawatte von Hermès gerade. Auch von diesen Informationen Karas konnte er profitieren. Natürlich würde er sie als seine eigenen Resultate ausgeben; das fehlte noch, dass Kara das Verdienst für eine Art Durchbruch bei den Ermittlungen zu dem Raketenanschlag und dem Ultimatum zugesprochen bekam, einen Helden würde er niemals loswerden.

Kaum dass er diesen Einfall hatte, hielt er seinen Plan auch schon für völlig plausibel. Karas Informationen über Sibirtek und diesen Herrn Hofman würde er nicht nur dem UN-Generalsekretär, sondern auch Betha Gilmartin vom SIS übermitteln und Kara erst dann abschieben, wenn der ihm keinen Nutzen mehr brachte. So würde er in den Augen des Generalsekretärs einen kompetenten Eindruck erwecken und Betha Gilmartin einen Gefallen tun, bevor er ihren Schützling ins Gefängnis schickte oder zumindest aus dem UNODC hinausjagte. Genau so sah einfallsreiche Diplomatie aus. Es widersprach zwar seinen Prinzipien, selbst aktiv zu werden, aber Kara zwang ihn mit seinen Aktionen zum Handeln. Der Mann schaufelte sich mit verblüffendem Eifer selbst sein Grab, er nahm Bestechungsgelder an, war in Metamphetamin-Geschichten verwickelt … Gut so.

Gilbert Birou setzte seine Cartier-Brille auf und griff zur »Le Monde«. »In der Bretagne werden einfachere Gerichte gegessen als anderswo in Frankreich«, las Birou und verzog den Mund. Das wusste er schon seit fünfzig Jahren. Er beschloss, einen Tisch im »Le Ciel« zu reservieren, er hatte dort noch nicht wieder vorbeigeschaut, seit das Restaurant vom »Falstaff-Magazin« einundneunzig Punkte von hundert möglichen erhalten hatte.

***

Kati Soisalo lehnte sich an den Bartresen, der am weitesten von der Hauptbühne im Tavastia-Club entfernt war, trank Cidre und überlegte, ob die nächste Thrash-Metal-Band namens »Stam1na« den gleichen Lärmpegel erreichen würde wie die Gruppe »Mokoma«, die sich auf der Bühne gerade bemühte, die Schallmauer zu durchbrechen. In solchen Momenten bemerkte man die vierzehn Jahre Altersunterschied zwischen ihr und Jonny. Allerdings hatte sie sich auch in seinem Alter nicht mit den Fans von Heavy Metal identifiziert, die Lederklamotten, Piercing-Schmuck, Tattoos und Ketten trugen und angemalt waren wie Untote. Und jetzt brauchte sie keine künstlich düstere Stimmung mehr, in ihrem Leben war ohnehin alles düster, seit sie ihre Tochter verloren hatte.

Sie hätte Kara am liebsten angerufen und gefragt, ob Ukkolas Behauptungen zu dem Metamphetamin stimmten. Hatte sie Kara völlig falsch eingeschätzt? War ihre Menschenkenntnis wirklich so erbärmlich schlecht? Auch Mettäläs Tod und die neuesten Drohungen Ukkolas gingen ihr durch den Kopf. Sie hatte offen gesagt Angst.

Wie zum Teufel war es Jonny gelungen, sie zu einem Konzert mit aggressiver Metal-Musik zu überreden, und das ausgerechnet an dem Abend, an dem sie ernsthaft miteinander reden mussten? Der Mann half sich ein Bier nach dem anderen ein und spielte zwischendurch vor der Bühne Luftgitarre, ohne sich die geringsten Sorgen um die Zukunft zu machen.

Kati Soisalo griff nach dem schweißdurchtränkten Haarschopf ihres Freundes, der sich im Takt der Musik schüttelte, und zog sein Ohr an ihren Mund.

»Wir müssen etwas finden und zwar schnell, dieser Verrückte muss aufgehalten werden. Ukkola begnügt sich nicht mehr lange mit bloßen Drohungen.«

Jonny Karlsson wirkte nicht besorgt. »Komm, wir gehen eine Weile hinüber ins ›Ilves‹, dort kann man sich unterhalten.«

Er holte an der Garderobe seinen Rucksack. Draußen ging das Pärchen auf der Urho-Kekkosen-Katu die wenigen Meter bis zum Restaurant »Ilves«. Jonny setzte sich an einen Ecktisch und holte seinen Laptop Alienware Area-51 M17x heraus. Vor einem Jahr war das Gerät mit einer Festplatte von zwei Terabyte in der Werbung als leistungsfähigster in Serie hergestellter Laptop der Welt bezeichnet worden.

»Ich schaue nur mal aus lauter Bosheit, ob einer der beiden Computer Ukkolas an ist«, sagte Jonny und loggte sich ins WLAN ein.

Das normale Stimmengewirr in dem Restaurant hörte sich in Kati Soisalos Ohren wohltuend leise an. Sie betrachtete Jonny, der seine Tastatur bearbeitete, und überlegte, wie er wohl sein Geld verdiente. Seine Wohnung in der Punavuorenkatu kostete etliches mehr als ihre eigene in Herttoniemi, und im letzten Winter hatte er einen Monat in Indonesien Urlaub gemacht und im Kempinski-Hotel in Jakarta logiert. Vielleicht war es auch besser, dass sie es nicht wusste, sagte sich Kati Soisalo einmal mehr.

Plötzlich jubelte Jonny: »Jawoll! Endlich mal Glück gehabt. Ukkola hat seinen Computer zu Hause stundenlang benutzt und ihn über Nacht im Stand-by-Modus gelassen, da konnte Sparta300 endlich richtig loslegen. Schon ungefähr die Hälfte von Ukkolas Festplatte ist kopiert. In ein paar Tagen können wir ganz unbeschwert in den Dateien des Kerls surfen.«

»Wir müssen etwas finden, womit man ihn erpressen kann, hieb- und stichfeste Beweise für irgendein Vergehen. Irgendetwas, das Ukkola nicht unter den Teppich kehren kann.« Auch Kati Soisalo war nun ganz euphorisch.

Die atemberaubend schnellen Finger Jonnys, der in die Rolle von Paranoid geschlüpft war, tanzten ein paar Minuten auf der Tastatur. »Das war mir bisher entgangen, er hat anscheinend auch bei Zenbe eine private E-Mail-Adresse«, sagte er und öffnete eine von Ukkolas E-Mails, so dass Kati die Nachricht lesen konnte.

Sie wusste sofort, dass sie Ukkola nun im Würgegriff hatte, als sie das Wort Sibirtek las. »Volltreffer!«

»Sieh mal hier! Das ist erst ein Treffer«, entgegnete Jonny, nachdem er den Anhang einer anderen Nachricht geöffnet hatte, ein Foto, das den nackten Ukkola bei Liebesfreuden mit einem lustlos wirkenden Mädchen zeigte.