Leo Kara grinste, als er sein Gesicht im Spiegel des Gästezimmers im Khartoumer UN-Hauptquartier erblickte. Seine Stirn zierte die Wunde, die ihm Baabas mit dem Gewehrkolben beigebracht hatte, seine Augen funkelten und schienen noch tiefer zu liegen als sonst, und die blonden Bartstoppeln wucherten in seinem blassen Gesicht. Die schlimmsten Spuren dürften die vierundzwanzig Stunden im Verlies von Al-amn al-ijabi jedoch in seinem Kopf hinterlassen haben.
So leidend hatte er das letzte Mal 1995 in London ausgesehen, als er von Polizisten verprügelt worden war. Sie hatten in der Brixton Road friedlich gegen den Rassismus der Polizei demonstriert, nachdem der sechsundzwanzigjährige dunkelhäutige Wayne Douglas kurz zuvor in einer Zelle der lokalen Polizeiwache umgekommen war. Eine Mauer von hundert Polizisten mit schwerer Ausrüstung hatte ihren Demonstrationszug gestoppt. Dann beschloss irgendjemand, Bier aus dem nächstgelegenen Laden zu klauen, und jemand anders kam auf die Idee, ein Auto anzuzünden. Bewaffnete Polizeieinheiten rückten an, einer der Demonstranten warf den ersten Stein, und die Polizisten fielen über sie her. Das Schicksal von Wayne Douglas war nicht der einzige Anlass für die Unruhen, das wusste jeder, der damals in der Brixton Road demonstrierte. Sie protestierten auch dagegen, wie schlecht die Minderheiten vom Staatsapparat behandelt wurden und wie weit sich die konservative britische Regierung vom Alltag der einfachen Menschen entfremdet hatte. Zornig trat Kara gegen die Betonwand seines Zimmers, es regte ihn immer noch auf, dass dieser Baabas mit seinem steifen Genick die Frechheit besessen hatte, ihm die Ereignisse in London vorzuhalten.
Kara stellte sich vor den Spiegel und untersuchte seinen Körper. Die Männer von Al-amn al-ijabi verstanden ihr Handwerk, das musste man ihnen lassen. Die Wasserfolter und die Schläge mit der flachen Hand hinterließen keine Spuren. Die Verletzungen im Gesicht hatte er sich bei der Verhaftung zugezogen. Er könnte nicht beweisen, dass er gefoltert worden war.
Der UN-Arzt hatte vorhin die Wunde in seiner Hand desinfiziert, den Verband gewechselt und ihm Schmerztabletten gegeben. Der durchstochene Handteller war von den Sudanesen überraschenderweise relativ sauber genäht und versorgt worden. Nach Ansicht des Doktors hatte die Klinge wie durch ein Wunder alle siebenundzwanzig Knochen der Hand verfehlt und nur den Thenarmuskel durchstoßen.
In Karas Kopf schwirrten die Gedanken umher wie aufgescheuchte Wespen, die Ereignisse der letzten Tage ergaben einfach kein geordnetes Ganzes. Irgendwie musste das alles aber zusammenhängen: die illegalen Raketengeschäfte, die Morde an Ewan und dem Witwenmacher und auch, dass er in die Geschehnisse verwickelt worden war. Wer steckte dahinter? Durch den Tod des Witwenmachers stand er nun mit leeren Händen da, wie sollte er den Mord an Ewan jetzt weiter untersuchen? Die Lage erschien hoffnungslos. Könnte Kati Soisalo ihm helfen? Sie hatte während seiner Inhaftierung zweimal versucht ihn zu erreichen und um einen Rückruf gebeten.
Doch jetzt musste er mit dem Chef reden, wenn er überhaupt noch einen hatte. Vielleicht war bei Gilbert Birou das Maß nun voll. Kara biss in das dreieckige Sandwich, das er in der Kantine gekauft hatte, nahm einen kräftigen Schluck vom eiskalten Linie-Aquavit, goss etwas Schnaps auf die Wunde am Fuß, von der er dem Arzt nichts gesagt hatte, und jaulte vor Schmerz auf, gerade als der Polizeichef der UN-Operation im Sudan, Zbigniew Górski, mit wichtigtuerischer Miene hereingerauscht kam wie ein Startenor zu seinem Auftritt auf der Bühne. Es stank nach Aquavit.
»Es ist völlig unbegreiflich, dass ein Wirrkopf wie du für den Posten des Persönlichen Assistenten des UNODC-Generaldirektors ausgewählt worden ist«, wunderte sich der polnische Polizist.
»Wem sagst du das«, antwortete Kara und schaltete seinen Laptop ein. Der pedantische Pole war so ziemlich der letzte Mensch, mit dem er sich jetzt unterhalten wollte.
»Du hast gegen die Vorschriften verstoßen, als du das Gästehaus verlassen hast. Und was ist nun? Muss ich dich jetzt bewachen lassen, damit du nicht noch in ein drittes Verbrechen verwickelt wirst?«
Kara antwortete nicht.
»Ich muss dich verhören. Die Rechtsabteilung hat einen Bericht über deine Rolle bei den Morden an Ewan Taylor und an Ruslan Sokolow angefordert. Und auch der Generaldirektor des UNODC will einen Lagebericht …«
»Gilbert Birou bekommt seinen Bericht gerade in diesem Augenblick«, sagte Kara, als sein Laptop piepte. Das war das Zeichen dafür, dass sich der UNODC-Generaldirektor in das Konferenzprogramm Genesys einloggte. »Die Tür ist da genau hinter dir. Sie geht auf, wenn du die Klinke herunterdrückst und ziehst.«
Der polnische Polizist warf den Kopf zurück und verließ den Raum, und Kara ging in Gedanken schnell alle Punkte durch, die er als Erklärung anführen wollte, während er die Telefon- und Videoverbindung herstellte.
»Diesmal bist du zu weit gegangen, Kara«, sagte Gilbert Birou in seinem gepflegten Französisch, sobald die Bildverbindung stand. Er starrte in die Webkamera und hatte sich so weit vorgebeugt, dass auf dem Display von Karas Laptop nur seine Augen, die Nase und das goldene Brillengestell von Cartier zu sehen waren.
»Ich bin nur anstelle von Ewan zu dem von ihm vereinbarten Treffen gegangen, mehr war nicht«, antwortete Kara wie üblich in Englisch.
»Ach, mehr war nicht?«, fuhr Birou ihn an. »Der Witwenmacher wurde tot aufgefunden, seine Villa ist abgebrannt, und jemand hat dir ein Messer in die Hand gestochen.«
»Was kann ich dafür, dass …«
»Ich hatte dir befohlen, im UN-Hauptquartier zu bleiben, und du tust so etwas«, brüllte Birou. »Hast du unsere Abmachung vergessen? Ich habe dich eingestellt, weil du mir versichert hast, dass du keine Schwierigkeiten machen wirst. Bei deiner Vergangenheit hättest du anderswo kaum eine anständige Arbeit gefunden, und ich habe dich auch nur genommen, um Betha Gilmartin einen Gefallen zu tun. Und das ist nun der Dank.«
»Ich kann ja kündigen, wenn du das willst«, schnappte Kara zurück. »Aber ich bin weiterhin der Meinung, dass es dumm gewesen wäre, Ewans Treffen mit dem Witwenmacher ins Wasser fallen zu lassen. Ich hatte diesem Streber Górski vorgeschlagen, zu Sokolows Villa zu gehen, aber der Herr Ortspolizist war der Ansicht, dass UN-Mitarbeiter nicht mit Waffenhändlern verhandeln dürfen. Ich war also gezwungen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Jemand musste den Witwenmacher treffen.«
»Aber nicht du.« Birou hatte große Lust, Karas Angebot, selbst zu kündigen, anzunehmen, es forderte jede Menge Selbstbeherrschung, sich das zu verkneifen. Am Ende fing Betha Gilmartin noch an, nach den Gründen für Karas Kündigung zu fragen. »Du hast meinen ausdrücklichen Befehl missachtet. Und ich werde jetzt dafür ohne eigenes Verschulden aufs Korn genommen.«
Kara spürte, dass er gleich ausrasten würde, und wechselte schnell das Thema. »Ich konnte noch kurz in den Unterlagen des Witwenmachers blättern und habe etwas herausgefunden. Auf einer Notizbuchseite wurde das Globeguide-Steuerungssystem erwähnt und vermerkt, dass der Witwenmacher die Teile der Marschflugkörper in den Sudan geliefert hat. Aber jemand anders hat die Waffen dann aus Khartoum abtransportiert und montiert. Irgendjemand wollte die Beweise vernichten …«
»Du kehrst jetzt nach Wien zurück«, befahl Gilbert Birou nochmals. Er richtete den Oberkörper auf, und nun war sein ganzer Kopf auf Karas Bildschirm zu sehen, vom mit Pomade getönten Schläfenhaar bis zum Kinn, das an den Kehllappen eines Hahns erinnerte.
Kara lachte kurz auf. »Mein neuer Freund, Oberst Baabas vom Sudanesischen Aktiven Nachrichtendienst, möchte, dass ich in Khartoum bleibe. Das kann noch lange dauern, bis die herausfinden, dass ich niemanden ermordet habe.«
»Hat Baabas dir verboten, das Land zu verlassen?«
Kara rief sich ins Gedächtnis zurück, was der Oberst bei ihrer letzten Begegnung gesagt hatte. »Nicht direkt, er hat …«
»Du kommst mit irgendeiner UN-Maschine. Wegen der Situation in Darfur fliegen die fast jeden Tag verschiedene Orte im Sudan an. Ich kümmere mich darum, dass jemand das organisiert«, sagte Birou und machte eine kleine Pause.
»Wie hat man dich behandelt, dir wurde doch nichts … Gesetzwidriges angetan?«
»Nichts, weswegen man Krach schlagen sollte.«
»Gut so. Vergiss nicht, über alles, was dort geschieht, einen detaillierten Bericht zu schreiben«, ermahnte ihn Birou und legte auf, ohne sich zu verabschieden.
Kara wurde noch wütender. Warum musste Birou Betha mit in ihre Streitigkeiten hineinziehen? Sie war schließlich nahezu die einzige Stütze in seinem Leben, der einzige Mensch, der nach dem Tod seines Vaters und seiner Mutter zu ihm gehalten und sich um ihn gekümmert hatte. Fast alle angenehmen Erinnerungen an die fünf Jahre in Winchester verbanden sich irgendwie mit den Ferientagen bei Betha und ihrem Mann Albert. Und Betha war es auch gewesen, die ihm die Stelle beim UNODC beschafft hatte. Die Sechzigjährige mit der äußerst spitzen Zunge war ihm eine sehr gute Freundin, ein echter Kumpel und alles andere als eine Muttergestalt.
Wenn er an die Vergangenheit dachte, fiel ihm Lionel ein, und sofort loderte der Hass in ihm hoch. Nach dem Tod seiner Eltern wurde der Bruder der Mutter als Vormund eingesetzt. Die einzige nahe Verwandte des Vaters, seine Schwester Eeva, lebte in Finnland, und in der Familie seiner Mutter war niemand anders begierig darauf, sein Vormund zu werden. Er wollte auch selbst lieber in England bleiben, in der Nähe seines zerstörten Lebens. Vielleicht hoffte er damals noch, dass sich alles doch als Alptraum erweisen würde.
Schnell stellte sich heraus, dass Onkel Lionel ein absoluter Idiot war. Er interessierte sich nicht die Bohne für die Angelegenheiten seines Neffen, ihm ging es nur darum, in den Besitz des Geldes seiner Schwester zu gelangen. Lionels Idee war es auch, ihn auf die Internatsschule zu schicken. Besonders bitter war für Kara immer der Ferienbeginn gewesen. Dann mussten die Schüler von Winchester im Haus vor den großen Fenstern zum Hof im Kreis laufen, bis das Auto ihrer Eltern zu sehen war. Lionels Wagen kam stets als Letzter. Die etwa zwanzig Jahre alten Erinnerungen brachten ihn immer noch in Rage, aber nun schmiedete er wenigstens keine Rachepläne mehr gegen seinen Onkel .
Das Telefon klingelte, und Kara meldete sich so gereizt, dass man in der Leitung eine Weile nur ein Rauschen hörte.
»Hier Katarina Kraus. Du hast eine Nachricht hinterlassen, bist aber nicht an dein Telefon gegangen. Ich weiß schon von Ewan Taylors … Tod. Mein Beileid. Ewan und ich haben in gewisser Weise zusammengearbeitet, ich habe ihm bei bestimmten Ermittlungen geholfen. Deinen Namen hat Ewan wiederholt erwähnt. Das letzte Mal haben wir uns am Donnerstag getroffen, meines Erachtens nur ein paar Stunden bevor …« Die schwache Stimme der Frau brach mitten im Satz ab.
»Auch Ewan hat von dir gesprochen«, sagte Kara. »Genau genommen hat er mir Aufzeichnungen hinterlassen, in denen du gelobt wirst. Ein Treffen ist mir natürlich recht, du brauchst nur zu sagen, wo und wann.«
»In einer Stunde vor dem Haupteingang des Stadions ›Stade de Khartum‹.«
***
Die Atmosphäre in der stickig heißen Arena des »Stade de Khartum« war so aufgeladen, dass fast ein Knistern zu spüren war, als Salomon Kalou in der sechsten Minute das 1:0 für die Elfenbeinküste erzielte. Die fünfunddreißigtausend Zuschauer im Stadion verstummten wie in dem Moment, da der Scharfrichter mit dem Beil ausholt. Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft nahm man sehr ernst, todernst, Fußball war im Sudan wie fast auf dem ganzen afrikanischen Kontinent die Sportart Nummer eins.
Der Schiedsrichter trug den Ball in den Mittelkreis, und die Sudanesen führten den Anstoß aus.
»Die Nationalmannschaft des Sudan nennt man auch die Wüstenfalken«, sagte Katarina Kraus.
Im selben Augenblick wurde das Spiel durch einen Pfiff des Referees unterbrochen, und besorgt verfolgte das Publikum, wie die spindeldürre Sturmspitze des Sudan mit der Trage an den Spielfeldrand gebracht wurde. Leo Kara hörte in dem Stimmengewirr auf den Rängen neben Arabisch auch Wortfetzen in Englisch, Russisch und Französisch.
»Kalou spielt in der englischen Premier League, bei Chelsea. Die Elfenbeinküste hat eine überraschend starke Mannschaft. In der Weltrangliste liegt sie auf Platz 22, und der überwiegende Teil des Teams spielt in großen europäischen Vereinen«, erläuterte Katarina Kraus, die relativ klein war und ihr dunkles Haar als Bubikopf trug.
Das Interesse Karas für die Frau wuchs mit jeder Minute, die verging. Bei einem Fußballspiel würden sich nur wenige der Damen, die er kannte, treffen wollen, und noch weniger wären imstande, fachmännische Kommentare über afrikanische Nationalmannschaften abzugeben. Kraus war keine sonderliche Augenweide: Die straffe Oberlippe entblößte die Schneidezähne fast bis zum Zahnfleisch, das hauchdünne weiße Seidenhemd zeigte keinerlei Wölbung, und die schwarzen Augenbrauen wucherten buschig. Zupften Frauen ihre Brauen nicht mehr, oder handelte es sich um irgendeine modische Laune? Und warum wollte sich Katarina Kraus auf Deutsch unterhalten, obwohl das eindeutig nicht ihre Muttersprache war?
»Was ist mit deiner Hand passiert?«, fragte sie. »Und mit deinem Gesicht?«
»Das hier«, erklärte Kara und zeigte ihr seine Hand, »stammt aus der Villa des Witwenmachers, und das an der Stirn habe ich dem Oberst Abu Baabas von Al-amn al-ijabi zu verdanken.« Er berichtete kurz von den Ereignissen in der Villa Sokolows und von seiner Inhaftierung. Seinen Einbruch in Ewans Wohnung ließ er aus irgendeinem Grund unerwähnt.
»Jetzt bist du dran«, sagte Kara schließlich. »Wie seid ihr euch begegnet, du und Ewan? Und wie hast du ihm geholfen?«
»Ich arbeite als Senior Security Consultant bei der Security and Defence Corp., du kennst die Firma vermutlich. Da ich mich etwas über dich informiert habe, weiß ich, dass du früher bei der Global Crisis Group warst. Das ist ja ein privates Konfliktforschungsinstitut, du bist also fast auf demselben Gebiet tätig gewesen wie ich.«
Kara nickte. Er wusste, dass der Arbeitgeber von Kraus, die SDC, eine Art privater Sicherheitsdienst war, der Staaten und Großunternehmen bei der Bekämpfung des Terrorismus und anderer globaler Bedrohungen, im Kampf gegen Drogen, bei Operationen zur Friedenssicherung und humanitären Hilfsprojekten unterstützte.
»Ich habe auf Bitten meines wichtigsten Kunden Kontakt zu Ewan aufgenommen«, fuhr Katarina Kraus fort. »Mein Kunde hält Versuche, Marschflugkörper nach Afrika oder generell so zu verkaufen, dass sie in die falschen Hände gelangen, nicht für wünschenswert. Er weiß ziemlich viel über den internationalen Waffenhandel und die Geschäfte des Witwenmachers. Mein Kunde wollte, dass ich ein Treffen Ewans mit Sokolow organisiere. Seine Absicht bestand darin, Ewan zu helfen, die Raketengeschäfte des Witwenmachers aufzudecken, bevor es … zu spät ist.«
Kara wunderte sich, dass so ein großer und brisanter Fall von einer jungen Frau bearbeitet wurde. Die Senior Consultants waren in der Regel ergraute, vertrauenerweckende Herren in Anzügen mit Weste, Katarina Kraus hingegen sah aus wie höchstens fünfunddreißig und machte einen nervösen und nicht sehr überzeugenden Eindruck.
»Vertritt dein Kunde irgendeine Firma oder einen Staat?«, fragte Kara.
»Du wirst sicher verstehen, dass ich das nicht preisgeben kann. Nennen wir meinen Kunden einfach mal Herrn Hofman. Er weiß alles über die Raketen, denen Ewan auf der Spur war, und er hatte vor, Ewan zu helfen. Ich sollte das vermitteln. Hofman weiß so gut wie alles, was man über Kriege und Kriegsführung wissen kann, das ist in gewisser Weise beängstigend. Doch er will nicht, dass bekannt wird, welche Rolle er spielt. Hofman ist ein Mann, der hinter den Kulissen wirkt, eine Art graue Eminenz der Weltpolitik, ein Rainmaker.«
Plötzlich brach im Stadion ein Sturm los, ein tausendfacher Jubelschrei, und auf dem Rasen begruben die rotgekleideten sudanesischen Spieler den Torschützen unter sich. Es stand 1:1.
»Knabenliebe«, sagte Kara und grinste. Er ließ seinen Blick über das Zuschauermeer wandern und stellte fest, dass auf den besten Plätzen Hunderte Leute aus dem Westen saßen. Ewan hatte ihm erzählt, dass in Khartoum noch zu jeder Hundehochzeit Scharen von ausländischen Arbeitern herbeiströmten, so wenig Möglichkeiten der Freizeitgestaltung gab es in der Stadt. Unter den Zuschauern erkannte er das Gesicht eines Mannes, den er in der Kantine des UN-Hauptquartiers gesehen hatte.
»Du hast am Telefon erwähnt, dass Ewan dir einige Unterlagen hinterlassen hat«, sagte Katarina Kraus, als der Lärm allmählich nachließ.
Kara überlegte kurz, bevor er antwortete, er wollte Katarina Kraus nicht zu viel verraten. »Ich habe Ewan nicht mehr treffen können, und am Telefon wollte er nicht über die Einzelheiten seiner Ermittlungen sprechen. Aber er hat mir einen Memorystick hinterlassen mit Dokumenten über den Witwenmacher und dessen aktuelle illegale Raketengeschäfte.«
Katarina Kraus war schlagartig hellwach. »Und in wessen Auftrag hat der Witwenmacher gehandelt? Wen hatte Ewan in Verdacht?«
»Ewan war schon nahe an der Wahrheit dran, ist aber nicht ganz bis ans Ziel gekommen. Er wusste, dass der Witwenmacher zurzeit mit Nordkorea, dem Iran und einer Organisation zusammenarbeitete.«
»Was für eine Organisation?«
»Ihr Name war Sibirtek«, erwiderte Kara, indem er das letzte Wort betonte. »Sie wurde auch auf zwei Seiten erwähnt, die ich in der Villa des Witwenmachers noch überfliegen konnte.«
»Ewans Stick wird doch vermutlich sicher verwahrt, es könnte gut sein, dass ihn jemand an sich bringen möchte.«
Kara lachte. »Der ist idiotensicher versteckt.« Dabei dachte er an sein Zimmer im UN-Hauptquartier. »Und das ist jetzt auch nicht mehr so wichtig, ich habe die Informationen schon an das UNODC weitergeleitet.«
Katarina Kraus dachte einen Augenblick nach. »Hast du die Absicht, Ewans Ermittlungen fortzuführen, oder was will die UN tun?«
»Warum fragst du?«
»Hofman ist vielleicht bereit, dir zu helfen, wenn du die Ermittlungen weiterführst. Soweit er dazu imstande ist. Auch dieses Treffen war Hofmans Idee.« Katarina Kraus sah so aus, als hätte sie ein großes Geheimnis verraten.
»Als Erstes will ich herausfinden, wer Ewan ermordet hat«, erwiderte Kara erregt.
»Das wird Hofman kaum wissen. Ich meinte damit, dass er vielleicht bei den Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Raketenschmuggel helfen will. Doch andererseits … Ich kann ihn ja fragen, in der Regel bekommt er alles heraus, wenn er nur will. Du wärst überrascht.«
»Was glaubst du, was mit Ewan passiert ist? Worum geht es bei alledem?«, fragte Kara.
»Ich vertraue auf Ockhams Rasiermesser: Die einfachste Theorie ist mit größter Wahrscheinlichkeit die richtige. Ewan kam den Raketengeschäften des Witwenmachers auf die Spur, erfuhr Dinge, die zu brisant waren, und wurde genau wie der Witwenmacher ermordet.«
»Aber wer hat ihn ermordet?« Kara ließ nicht locker.
»Der Käufer dieser Marschflugkörper, wer sonst.«
Die beiden konzentrierten sich wieder auf das Spiel, als die Elfenbeinküste einen Freistoß direkt an der Strafraumgrenze erhielt. Der Pfostenschuss löste unter den Zuschauern einen gemeinschaftlichen Seufzer aus, der fast die Stärke einer Sturmböe erreichte.
»Gefällt dir dein jetziger Job? Wie arbeitet es sich beim UNODC?«, erkundigte sich Katarina Kraus.
Kara überlegte einen Moment. »Wenn man von der Bürokratie mal absieht, ist er nicht übel. Eine Organisation von Fachleuten, in der große Komplexe untersucht werden: die organisierte Kriminalität, Menschenhandel, Terrorismus, all das Schlimme, was die Menschen sich ausdenken. Und meine eigene Arbeit ist recht unabhängig und abwechslungsreich, ich kann viel reisen, und Wien ist eine ganz erträgliche Stadt. Und du, arbeitest du ständig in Khartoum?«
»Zum Glück nicht.« Katarina Kraus lachte. »Das Leben einer weißen Frau in einem arabischen Land ist kein Zuckerschlecken. Vor allem, wenn sie keinen Schleier tragen will. Viele rufen einem etwas nach, manche spucken einen an, und dann und wann kommt es zu Vergewaltigungen und auch zu Morden. Eine Frau sollte nicht auf die Straße gehen, sondern drinnen bleiben, und zwar in den Hotels und Restaurants für die Leute aus dem Westen. Das ist wirklich kein Vergnügen …«
Kraus und Kara unterhielten sich bis zum Ende des Spiels über alles Mögliche. Das 2:2-Unentschieden bot keinen Anlass zu großem Jubel auf den Zuschauerrängen, es sorgte aber doch für Zufriedenheit bei den Anhängern der sudanesischen Mannschaft, die als Außenseiter ins Spiel gegangen war. Kara bemerkte, wie die Reserviertheit von Katarina Kraus verschwand, als sie sich näher kennenlernten. Es schien so, als stünde hier zumindest ein Mensch auf seiner Seite.
***
Auf der Stirn Zbigniew Górskis perlte der Schweiß. Er stützte sich mit den Ellbogen auf seinen Schreibtisch und starrte auf ein Foto von Leo Kara.
Durch sein beharrliches Bemühen hatte er den englischen Sicherheitschef des Hotels »Regency« dazu überreden können, sich die Aufzeichnungen der Überwachungskameras des Hotels am Tag der Ermordung von Ewan Taylor anschauen zu dürfen. Als Gegenleistung hatte Górski versprochen, das »Regency« als Erstes über alle Änderungen der Sicherheitslage in Khartoum zu informieren. Überraschenderweise entsprach Karas Behauptung, er sei vor dem Sandsturm in die Bar des »Regency« geflüchtet, der Wahrheit. Górski hatte anhand der Kameraaufzeichnungen ermittelt, dass Kara die heftigste Phase des Haboob, die Zeit von ziemlich genau drei bis vier Uhr nachmittags, in der Bar verbracht hatte.
Mindestens genauso schwierig war es gewesen, den zweiten entscheidenden Beweis zu finden. Nach langem Drängen hatte er von Oberst Abu Baabas die Aufzeichnungen der Überwachungskameras in Taylors Gästehaus vom Tag des Mordes erhalten. Der Oberst glaubte offenbar, dass sich darauf nichts Wichtiges entdecken ließe. Górski hatte die Elektronikspezialistin im Khartoumer UN-Hauptquartier, eine für die Kommunikationsverbindungen verantwortliche junge Koreanerin, gebeten, auf den vom Sandsturm verdunkelten Bildern etwas zu suchen, was helfen würde, den Mord an Taylor aufzuklären. Und die Computerexpertin hatte erfolgreich gezaubert.
Górski hielt ein unscharfes, körniges Bild vor seine Augen, auf dem ein Mann die Fensterläden seines Zimmers schloss. Man konnte erkennen, dass es sich um Ewan Taylor handelte. Die Aufnahme stammte von 15:16 Uhr. Da Baabas’ Leute nach dem anonymen Anruf um 15:52 Uhr Ewans Wohnung gestürmt hatten, war völlig klar, dass Leo Kara, der zur selben Zeit in der Bar des »Regency« gesessen hatte, Ewan Taylor nicht ermordet haben konnte.
Zbigniew Górski hatte beweisen wollen, dass Kara bei den zeitlichen Angaben zum Tag des Mordes gelogen hatte, und nun war es ihm stattdessen gelungen, dem Mann ein wasserdichtes Alibi zu verschaffen. Im Normalfall half er einem Kollegen gern aus der Patsche, aber Kara war eine Ausnahme. Am liebsten hätte er den Wirrkopf in seinem eigenen Saft schmoren lassen. Und er war bei weitem nicht der Einzige, der sich wunderte, wie der Persönliche Assistent des UNODC-Generaldirektors sich benahm. Kara schloss mit niemandem Bekanntschaft, verhielt sich arrogant und verstieß bei jeder Gelegenheit gegen die Vorschriften. Górski konnte sich nicht entscheiden, ob er die Unterlagen in seiner Schublade begraben oder Kara aus der Klemme helfen sollte.
Plötzlich fiel ihm Pater Jacek ein, der Pfarrer der Nikolaikirche in Gdansk, und er dachte an 1981, als die Solidarnost eine große Streikwelle vorbereitete. Pater Jacek hatte sie mit dem dritten Vers aus dem dreizehnten Kapitel des Römerbriefes ermutigt: »Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke.«
Zbigniew Górski wandte sich widerwillig seinem Computer zu und begann, einen Bericht über Leo Kara zu schreiben.