Kati Soisalo brauchte nicht auf den Tachometer ihres Zwergautos zu schauen, um zu wissen, dass sie keine Geldstrafe bekäme, selbst wenn sie die Autobahn von Helsinki nach Tampere von Anfang bis Ende mit durchgetretenem Gaspedal fahren würde.
Schlechter hätte der Tag gar nicht anfangen können: Sie hatte verschlafen, war mit heftigen Kopfschmerzen aufgewacht und zu ihrem ersten Termin zu spät gekommen. Und dann hatte ihre Mutter angerufen.
Zum Glück brauchte man jetzt dank der Autobahn von Helsinki bis nach Janakkala nur noch eine gute Stunde. Es wurmte sie, dass die Hälfte ihres Arbeitstages für Privatangelegenheiten draufgehen würde, gerade jetzt, wo ihr ohnehin schon alles über den Kopf wuchs. Aber ihre Mutter hatte sich am Telefon so angehört, als wäre sie wirklich schockiert, sie konnte nicht einmal richtig erzählen, worum es ging, und hatte nur gebeten, gleich zu kommen, und etwas von einem Brief, von der Bank und dem Haus gemurmelt.
Kati Soisalo sah schon den Viralanjärvi, bog nach dem See rechts auf die Turengintie ab und fuhr noch etwa zehn Minuten durch die schöne Landschaft von Kanta-Häme, bis sie den Hof ihres Elternhauses erreichte, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte. Vater und Mutter erwiesen sich als Vorreiter eines Trends, als sie schon Anfang der siebziger Jahre aus der Stadt aufs Land zogen. Ihr Vater hatte in Pohjanmaa ein zweihundert Jahre altes zweistöckiges Blockhaus gekauft, und im Laufe der Jahre war um das ansehnliche Haus herum ein echter Traditionshof mit Galeriespeicher und Rauchsauna entstanden.
Als Kati Soisalo aus ihrem Wagen stieg, roch sie den berauschenden Duft der Traubenkirschblüte, für Anfang Mai war der Frühling schon ungewöhnlich weit. Hier schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Als Teenagerin war es ihr brennender Wunsch gewesen, hier möglichst bald wegzukommen, und jetzt wünschte sie sich noch inständiger, Vilma gerade hier erziehen zu können. Doch das würde nicht geschehen. Schade, dass ihr ein Besuch im Zuhause ihrer Kindheit heutzutage so schwer fiel. Bei ihren Eltern nahm sie immer automatisch die Rolle des Kindes an, und das ließ sie an ihre Tochter denken, daran, wie schrecklich schutzlos und einsam sich das Mädchen damals gefühlt haben musste, als …
Die Haustür öffnete sich knarrend, die Katze Iivari schlüpfte auf den Hof, und Kati Soisalo ging durch den Flur und betrat die Stube. Sie wusste sofort, dass etwas Ernstes geschehen sein musste, als sie ihre Eltern am Tisch sitzen sah. Kati Soisalo erschrak, hier bereitete man sich doch nicht etwa auf ein Begräbnis vor?
»Danke, Kati, dass du kommen konntest. Wie geht es dir so?«, fragte Virve Soisalo niedergeschlagen.
»Jetzt wird nicht darüber geredet, wie es mir geht, was ist hier passiert?«
»Du hast ja selbst genug Sorgen, aber nun sieht es so aus, als bräuchten wir die Hilfe einer Juristin. Die Angelegenheiten der Firma sind völlig durcheinandergeraten, uns ist immer noch nicht richtig klar, was eigentlich passiert ist …«
Jaakko Soisalo drückte die Hand seiner Frau und ergriff das Wort. »Ich habe gestern einen Brief von der Bank bekommen. Sie haben die Absicht, den Kreditrahmen unserer Firma zu kündigen. Und kurz danach kam noch ein Anruf aus St. Petersburg. Unser größter Kunde, die Warenhauskette Lenta, will den Kooperationsvertrag nicht erneuern, obwohl wir die Verlängerung bereits mündlich vereinbart hatten. Die Lieferungen laufen Ende Juni aus, in zwei Monaten.«
Kati Soisalo hatte ein ungutes Gefühl im Bauch. »Eine Bank kann ja wohl nicht einseitig den Kredit der Firma kündigen, hat sie …«
»Doch, das kann sie anscheinend. Wir haben uns im letzten Herbst zu Beginn der Rezession schwer verschuldet. Das Kreditlimit wurde mehrmals erhöht, aber die Firma ist trotzdem nicht imstande, die vereinbarten Tilgungen zu zahlen.«
»Zeigt mir den Brief von der Bank und den Vertrag mit der Warenhauskette. Ich …«
»Die nehmen ihre Entscheidung nicht zurück, ich habe heute sowohl mit der Bank als auch mit dem Einkaufschef der Lenta-Warenhäuser gesprochen. Mutter hat dich angerufen, in der Hoffnung, dass dir irgendein Mittel einfällt, mit dem wir das Haus behalten könnten.«
»Das Haus? Was hat das Haus damit zu tun?« Kati Soisalos Stimme wurde lauter.
»Das war im Winter der einzige Weg, zusätzlichen Kredit zu bekommen, wir haben der Bank das Haus als Sicherheit gegeben. Es ist bis zum Schornstein mit Hypotheken belastet.«
»Ohne mich zu fragen. Das ist nicht euer Ernst!«, rief Kati Soisalo und stöhnte. »Wie hoch ist der Kredit?«
»Sechshunderttausend Euro.«
Kati Soisalo schüttelte den Kopf, sie wagte nicht, sich vorzustellen, welch schwerer Schlag es für Vater und Mutter wäre, wenn sie ihr Zuhause verlieren würden. Sie wohnten seit fast vierzig Jahren hier, hatten hier ihre Kinder großgezogen und waren alt geworden. Und nun, an der Schwelle zur Rente, drohte man ihnen alles wegzunehmen.
»Ich brauche sämtliche Unterlagen zu den Finanzen der Firma, ich gehe sie durch und versuche irgendeine Lösung zu finden. Habt ihr etwas gegessen, soll ich etwas machen?«, fragte Kati Soisalo. Sie überlegte fieberhaft, ob Jukka Ukkola es irgendwie hätte zuwege bringen können, dass der Kredit fällig und auch der Vertrag mit der Warenhauskette aus St. Petersburg gekündigt wurde. Es war einfach nicht zu glauben, dass Vater und Mutter zufällig am selben Tag zwei derart katastrophale Nachrichten bekamen. Sie befürchtete das Schlimmste und beschloss, dass Jukka Ukkola diesen Krieg nicht gewinnen würde.
***
Dr. med. Ulla Talviaho saß in ihrem Sprechzimmer in der zweiten Etage des Ärztezentrums Helsinki und schaute Leo Kara fragend an.
»Sie haben hier Rezepte für ein Epilepsiemedikament, das in England unter dem Namen Epilim verkauft wird, für Tranquilizer, die als Dialar im Handel sind, und für ein Schlafmittel namens Temazepam. Und Sie möchten diese Rezepte jetzt hier in Finnland neu ausstellen lassen.«
»In der Apotheke war man nicht bereit, mir die Medikamente mit diesen Papieren zu verkaufen«, sagte Kara und fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Er hatte sich eingebildet, die neuen Rezepte im Handumdrehen zu bekommen. Nun bereute er es, dass er für die Reise keinen größeren Vorrat an Medikamenten mitgenommen hatte.
»Was für eine Diagnose haben Sie?«, fragte die Ärztin.
Kara spürte, wie seine Aggressionskurve anstieg. »Ich habe 1989 in England eine Kopfverletzung erlitten.«
Die Ärztin runzelte die Stirn. »Und als Folge davon sind Sie an Epilepsie erkrankt?«
»Wieso denn Epilepsie, verdammt!«, entfuhr es Kara. Die Ärztin schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen entgeistert an.
»Entschuldigung.« Kara beeilte sich, seinen Ausrutscher wiedergutzumachen. »Ich leide unter einer Frontalpsyche, einer Veränderung der Persönlichkeit durch die Frontallappenverletzung. Ohne Medikamente bin ich nicht immer imstande, mein Verhalten und meine Worte zu kontrollieren, wie du gerade bemerkt hast. Und insbesondere nicht meine Aggressivität. Schlafmittel nehme ich wegen meiner Alpträume.« Er kam sich vor wie ein Sonderling und hätte sich am liebsten auf der Stelle verkrümelt.
»Aha, jetzt verstehe ich, das Natriumvalproat … also das Epilepsiemedikament ist zur Behandlung der Frontalpsyche verschrieben worden. Aber diese Dosierungen sind enorm hoch, wollen Sie tatsächlich eine solche Menge Dialar und Temazepam? Sie haben nicht zufällig ein ärztliches Attest bei sich?«
»Ich verliere wirklich sehr schnell die Beherrschung«, sagte Kara mit derart angespannter Stimme, dass die Ärztin auf ihrem Stuhl erstarrte. Plötzlich hatte er eine Idee. »Sie könnten ja meinen Arzt in Wien anrufen. Er antwortet sicher sehr gern auf Ihre Fragen.«
Die beiden Ärzte sprachen dieselbe Sprache, sowohl englisch als auch medizinisch, so dass Kara innerhalb weniger Minuten drei Rezepte in die Hand gedrückt bekam und die Quittung für die Gebühr, die er an das Ärztezentrum Helsinki gezahlt hatte.
Die Universitätsapotheke fand sich hundert Meter weiter auf der anderen Seite der Mannerheimintie. Kara konnte direkt an den Bedienungstresen gehen, gab seine Rezepte ab und bemerkte, wie die Pharmazeutin die Brauen einen Deut hochzog. Wunderte sie sich über die Dosierungen oder über sein abgekämpftes und ramponiertes Aussehen? Oder bildete er sich das nur ein? Kara fühlte sich anormaler denn je, am liebsten hätte er losgebrüllt, dass er nicht freiwillig in diese beschissene Lage geraten war.
»Haben Sie eine finnische Krankenversichertenkarte?«, fragte die Pharmazeutin. Kara schüttelte den Kopf.
»Wenn Sie bitte einen Augenblick warten würden«, sagte sie. Kara setzte sich auf die Bank am Fenster neben einen nach Schnaps stinkenden Mann und einen Opa mit Gipsbein und dachte über seine Ermittlungen nach, was sonst. Am Vormittag hatte er den Bericht an Birou ausgearbeitet, und als Nächstes würde er eine Zusammenfassung für sich selbst schreiben. Ohne ordentliche Notizen hätte er die Einzelheiten der Ereignisse, Gespräche, Verhöre und Enthüllungen der letzten Woche bald vergessen.
Plötzlich kam ein in Leder gekleidetes junges Paar hereingeschneit. Die Pupillen der beiden waren nur noch winzig kleine Punkte, das Pärchen schien völlig unter dem Einfluss von Aufputschmitteln zu stehen. Die zwei kauften in der Apotheke ein wie auf Shoppingtour im Warenhaus und gaben der Pharmazeutin dann einen Stapel Rezepte, der so dick war wie ein Lyrikband. Kara hörte, wie jemand eine Zahlungsanweisung der »Tante vom Sozialamt« erwähnte.
»Kara!«, rief ihn die Pharmazeutin auf. Er bezahlte, verließ die Apotheke und atmete draußen gierig die frische Luft ein. Es tat gut, die Gesellschaft der Problemfälle verlassen zu können. Einmal mehr kam er sich vor wie der Glöckner von Notre-Dame.
***
Kati Soisalos Wohnung in West-Herttoniemi befand sich in der Mäyrätie, sieben Kilometer vom Stadtzentrum Helsinki und zweihundert Meter von der Meeresbucht Vanhankaupunginlahti entfernt, direkt am Rand eines Naturschutzgebiets. Nachdem Kati Soisalo Kara die Umgebung und ihre Dreizimmerwohnung vorgestellt und für ihren Gast eine Zitronen-Spinat-Pasta zubereitet hatte, gab sie ihm die E-Mails zu Sibirtek und die Nachrichten mit den Fotos der Mädchen zu lesen, die Paranoid auf Ukkolas Computer gefunden hatte.
Sie hatte das Geschirr in den Spüler gestellt und füllte den Wasserbehälter der Espressomaschine, als sie ihre Neugier nicht mehr beherrschen konnte und zu Kara ins Wohnzimmer marschierte. »Weshalb willst du mir nicht von diesem Metamphetamin erzählen? Und davon, dass du unter Verdacht stehst, eine Straftat begangen zu haben?«
Kara sah aus wie ein Sportler, den man beim Doping erwischt hat. »Ich habe mit diesem Stoff nichts zu tun. Die Polizei hat Drogen im Spülkasten der Toilette in meinem Hotelzimmer gefunden.«
Kati Soisalo dachte einen Augenblick nach. »Jukka Ukkola wäre imstande, es so zu inszenieren, dass du als Schuldiger dastehst. Dieser Verrückte droht mir ab und zu, brüstet sich damit, dass er sich an meiner Familie rächen wird, wenn ich nicht tue, was er will. Heute ist er in der Kanzlei aufgetaucht, hat von deiner Metamphetamin-Geschichte erzählt und gebrüllt, dass ich nun bald dran bin. Und meine Eltern haben heute katastrophale Nachrichten erhalten. Sie besitzen ein Familienunternehmen in Hämeenlinna, das fast hundert Jahre alte ›Hämeen Valo‹. Es ist in großen Schwierigkeiten. Da kommt einem zwangsläufig in den Sinn, dass Ukkola eine Art Rachekampagne gestartet hat …«
»Der Mann müsste ausgeschaltet werden«, sagte Kara und kostete seinen Rotwein.
Keiner von beiden nahm den Faden auf. Kara studierte weiter die Ausdrucke, die auf dem Couchtisch lagen. »Ukkola erwähnt Sibirtek in vielen dieser E-Mails, aber immer nur in Andeutungen. Mal geht es um die Zukunft von Sibirtek, dann um Leistungen dank des Vermögens von Sibirtek, oder es heißt, der Vertreter von Sibirtek sagte dies oder das. Er nennt im Zusammenhang mit Sibirtek nichts, was auf Straftaten verweisen würde, und keinen einzigen Namen, weder den Hofmans noch irgendeiner anderen Person.«
Kati Soisalo schlang in ihrem Sessel die Beine in die Lotusstellung. »Paranoid geht gerade die Adressen der E-Mails durch, die mit Sibirtek zusammenhängen, vielleicht findet er Menschen oder Unternehmen, die dahinterstecken. Und auch die Nachrichten allein genügen als Beweis dafür, dass Ukkola irgendwie in die Aktivitäten von Sibirtek verstrickt ist. Er erwähnt Sibirtek das erste Mal 2005, lange bevor der Prototyp von Globeguide und die Abschussrampe von Wartsala verschwunden sind.«
»Das stimmt. Aber es ist kein Verbrechen, den Namen einer russischen Firma zu erwähnen. Auf der Grundlage dieser Nachrichten würde sich die Polizei höchstens für Ukkolas Treiben interessieren, aber das genügt nicht. Wir können nicht monatelang warten. Du musst eine anonyme Anzeige wegen dieser minderjährigen Mädchen erstatten«, verlangte Kara, dessen Gesicht vom Wein leicht gerötet war.
Kati Soisalo breitete einige Fotos auf dem Couchtisch aus. »Jasmine ist sechzehn und Emilia achtzehn. Bis jetzt hat Paranoid nur bei diesen beiden Mädchen das Alter ermitteln können. Im Prinzip belügt Ukkola die Mädchen in keiner seiner Mails, er erzählt nur nicht viel von sich. Und auch sein Alter gibt er immer richtig an. Er bietet den Mädchen kein Geld oder irgendein anderes … Honorar an.«
»Es ist ja wohl egal, was Ukkola den Mädchen erzählt, das ist Verführung Minderjähriger«, erwiderte Kara, der sich für den Gedanken immer mehr erwärmte. »Zumindest bei der Sechzehnjährigen. Ukkola angelt sich minderjährige Mädchen in den Chatforen wie irgend so ein ›netter Onkel‹.«
»Das ist leider keine Straftat. Auch ein Kerl um die vierzig kann eine sexuelle Beziehung mit einer Sechzehnjährigen haben, wenn es sich bei dem Mädchen nicht um eine Schutzbefohlene handelt und wenn es kein Geld dafür bekommt.«
»Mensch, was für ein widerlicher Typ, verdammt noch mal. Das ist ja deprimierend«, fluchte Kara. Er trank einen Schluck Wein, stand auf und trat an ein Fenster zur Meeresbucht. »Ich verstehe wirklich nicht, wie du und Ukkola … wie ihr zusammengekommen seid.«
Kati Soisalo lächelte kurz und müde. »Du würdest es verstehen, wenn du mich vor sechs Jahren gekannt hättest. Ich habe ein ziemlich sorgloses Leben geführt, bevor ich Ukkola begegnete. Vermutlich war ich in meiner Karriere ein typischer akademischer Senkrechtstarter, meine einzigen Sorgen hingen mit der Arbeit zusammen, mit dem Erfolg, mit Geld … Alles schien leicht zu gelingen. Aber dann traf ich Ukkola, und Vilma wurde geboren, und da bin ich wohl oder übel auf dem Boden der Realität gelandet … Und der Verlust des eigenen Kindes, der ändert erst recht die Werte, das kannst du mir glauben.«
Kara hätte ihr gern von seiner Schwester erzählt, Emma war im Oktober 1989 neun Jahre alt gewesen. Doch er schwieg.
»Und du? Du könntest zur Abwechslung mal etwas von dir erzählen. Ich weiß über dich eigentlich nichts, bist du verheiratet, mit jemandem zusammen …«, fragte Kati Soisalo.
»Nein, ich bin ein ziemlich impulsiver Typ, das hält niemand lange aus.«
Kati Soisalo lachte. »Bei dir brennt die Sicherung wirklich recht schnell durch, das habe ich gemerkt. Ist das angeboren?«
Kara breitete die Arme aus. Am liebsten hätte er geantwortet, dass die Ursache seiner Impulsivität die Frontallappenverletzung war, davor, bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr, hatte er sich angeblich wie jeder andere Junge auch verhalten.
Nachdem er wieder Platz genommen hatte, lehnte er sich bequem zurück und nippte an seinem Wein. »Ich treffe mich zwar in Wien ab und zu mit einer Frau, aber eine feste Beziehung möchte keiner von uns beiden.«
»Das kommt mir bekannt vor. Ich habe auch ein Verhältnis, mit einem vierzehn Jahre jüngeren Mann, mit diesem Computergenie, der in Ukkolas PC eingebrochen ist. Überrascht dich das?«
»Eigentlich nicht. Du triffst anscheinend ziemlich mutige Entscheidungen. Du hast deinen Superjob aufgegeben und eine eigene Kanzlei gegründet, die offen gesagt eine ziemlich spezielle Kundschaft hat. Und du arbeitest unentgeltlich für Hilfsorganisationen und brichst, wenn du es willst, in den Computer des Chefs der Hauptabteilung der KRP ein.«
Kati Soisalo überlegte einen Augenblick. »Ich helfe dir zum Teil auch deshalb, weil ich bei den UN arbeiten möchte. Vielleicht kannst du mir da helfen.«
»Ich kann es zumindest versuchen, wenn du das wirklich möchtest. Aber ich fürchte, du hast ein allzu rosiges Bild von den UN, das nicht der Realität entspricht. Das ist auch kein besserer Arbeitgeber als alle anderen. Nach Angaben der internen Kontrollbehörde haben UN-Beamte in den letzten Jahren Mittel im Wert von fünfundzwanzig Millionen Dollar veruntreut. Und in Guinea, Liberia, Sierra Leone, im Sudan und Kongo und in Ost-Timor hat man UN-Helfer und Blauhelme beschuldigt, Flüchtlingskinder ausgenutzt zu haben. In Kambodscha und im Kosovo standen UN-Mitarbeiter seinerzeit sogar unter Verdacht, ins Geschäft mit der Prostitution verwickelt zu sein.«
Eine Stille legte sich über das Zimmer, die allmählich bedrückend wurde. Schließlich brach Kati Soisalo das Schweigen. »Dein Finnisch ist übrigens kein bisschen eingerostet, obwohl du seit Jahren im Ausland lebst.«
»Die ersten vierzehn Jahre meines Lebens habe ich zu Hause täglich finnisch gesprochen. Meine Mutter war zwar Britin, konnte aber Finnisch. Deshalb war sie ursprünglich auch nach Finnland gekommen, um die Sprache zu lernen. Und bei dem Studienaufenthalt hat sie dann meinen Vater kennengelernt.«
Kati Soisalo holte aus der Küche den Nachtisch, eine Schüssel Erdbeeren mit Schlagsahne. Sie sah traurig aus. »Das war für Vilma immer ein Leckerbissen. Wir haben zusammen Erdbeeren und Schlagsahne gegessen, kurz bevor … in einem Park am Rande der Altstadt von Dubrovnik. Vilma trug ein geblümtes Kopftuch und ein neues buntes Sommerkleid, sie nannte es Dschungelkleid. Und sie hat die Erdbeeren so in sich hineingestopft, dass sie ganz rot war.«
Kara fasste sich ein Herz und fragte nach Vilma, jetzt schienen ihm Kati und er einander vertraut genug. »Was ist mit deiner Tochter passiert?«
»Ich kann das jetzt nicht … Wir reden ein andermal darüber. Entschuldige.«
Kara war nicht überrascht. »Ich kann das gut verstehen.« Er empfand nun noch mehr Sympathie für Kati Soisalo.
Sie wechselte das Thema. »Wie sollen wir jetzt weitermachen?«
Kara musste nicht lange überlegen. »Wir brauchen Ukkolas Informationen, konzentriere du dich darauf, sie zu beschaffen. Ich versuche auf anderem Wege, an Sibirtek und Hofman heranzukommen. Morgen treffe ich Pertti Forslund noch einmal, diesmal in seiner Villa in Kulosaari.«
***
Auf der Wäinönkuja am nördlichen Ende von Kulosaari stand ein Mietwagen, darin saß ein Mann, der einen grünen Schutzanzug aus dreischichtigem Polyäthylen mit einer Kapuze trug. Sein Gesicht verdeckten ein Atemschutz und eine Brille, und die Handschuhe aus nitrilbeschichteter Dyneema-Faser eigneten sich ausgezeichnet für die Handhabung von spitzen und glatten Gegenständen. Die mit Gummiband versehenen Ärmelenden und Hosenbeine des Schutzanzugs waren sicherheitshalber mit Klebeband an den Handschuhen und Gummistiefeln befestigt. Er war bereit. Es ging ihm nicht nur darum, bei dem Mord, den er vorhatte, nicht gefasst zu werden; denn diesmal würde überhaupt niemand erfahren, dass es sich um ein Verbrechen handelte. Ein perfekter Mord war etwas ganz anderes als ein nicht aufgeklärter Mord. Er nahm seinen Beruf sehr ernst.
Einen perfekten Mord konnte man auf verschiedene Weise begehen. Die Beseitigung der Leiche war eine effektive Methode, aber schwieriger umzusetzen, als man vermuten würde. Nach seinen Erfahrungen funktionierte nur das Auflösen der Leiche in Säure sicher genug. Vom Verstecken der Leiche hielt er nicht viel: Die Geschichte des Verbrechens kannte zu viele Fälle, in denen ein verirrtes Tier, ein Kind, ein Bauer, ein Taucher oder Wanderer durch eine Laune des Zufalls ungewollt selbst auf die genialsten Verstecke gestoßen waren. Die Verwendung von Arzneimitteln wie Insulin, dem Malariamedikament Chloroquin, Morphin oder Kaliumchlorid, die bei den gerichtsmedizinischen Untersuchungen schwer nachzuweisen waren, beinhaltete ebenfalls ein hohes Risiko: Ein kompetenter Pathologe kam dem Mord möglicherweise auf die Spur.
Am üblichsten war es in seiner Zunft, einen Mord als Unfall zu tarnen, oder wie die Profis sagten, zu maskieren: Das Erschießen sollte so aussehen, als hätte das Opfer den Schuss versehentlich selbst ausgelöst, ein gebrochenes Genick, als wäre jemand die Treppe hinuntergestürzt, eine Schädelverletzung, als wäre jemand ausgerutscht, oder das Ertränken, als wäre jemand ertrunken.
Doch eine Mordart hielt der Mann für unübertrefflich – das Verbrennen. Wenn die Flammen in Ruhe lange genug lodern konnten, vernichteten sie wirkungsvoll alle vom Mörder hinterlassenen Spuren. Und wenn alles auf den Punkt genau klappte, starb das Opfer tatsächlich durch das Kohlenmonoxid und die Flammen, und vom Mord blieb nicht der geringste Beweis übrig. Genau so ein Fall würde das hier werden.
Es war kurz vor neun Uhr morgens, unbegreiflich, dass das Opfer in seinem Alter die ganze Nacht durchgemacht hatte. Mit den drahtlosen Mikrokameras, die er gestern im Haus versteckt hatte, beobachtete er die Zielperson schon seit Stunden. Jetzt schien sie endlich eingeschlafen zu sein. Der Mann stieg aus, ging zur Hintertür der Villa und öffnete sie mit einem elektronischen Dietrich. Er war schon zweimal in der Wohnung gewesen und kannte den Weg in die erste Etage.
Unter der Schlafzimmertür schimmerte Licht, er blieb auf dem Flur stehen, als er jemanden englisch sprechen hörte. Vorsichtig öffnete er die Tür einen Spalt, spähte kurz hinein, und die kleine Anspannung, die er empfunden hatte, legte sich. Dieses Opfer machte ihm die Arbeit allzu leicht. Die Zielperson schlief mit einem Buch auf dem Schoß im Sessel, auf dem Tisch stand eine leere Rotweinflasche, und im Fernsehen dröhnte der Nachrichtenkanal BBC World News. Der Mann stellte einen Stuhl in die Mitte des Raums, stieg darauf und entfernte aus dem Rauchmelder sowohl die Batterie als auch die Mikrokamera, die er an dem Gerät festgeklebt hatte. Durch die Schlafzimmerfenster schaute man aufs Meer, es würde seine Zeit dauern, bis man den Brand bemerkte.
Der Mann kehrte ins Untergeschoss zurück, betrat das Arbeitszimmer des Opfers und schaltete eine LED-Taschenlampe ein. Der an der hinteren Wand des eingebauten Kleiderschranks versteckte massive amerikanische Mosler-Safe war extrem sicher, aber zum Glück nicht das neueste Modell. Die höchstmögliche Sicherheitsklasse, TXTL-60, garantierte, dass der Tresor Einbruchversuche mit jedem denkbaren Mittel überstand: mit mechanischen und elektronischen Werkzeugen, mit Pressluftbohrern, Schlagbohrmaschinen, Brennern und auch mit Sprengstoff, wobei eine Garantie allerdings nur für eine Sprengung mit hundertzehn Gramm Nitroglyzerin gegeben wurde.
Der Mann holte aus seinem Rucksack ein Gerät, das einem Mobiltelefon ähnelte, und befestigte die Sensoren am digitalen Kombinationsschloss des Tresors; der Apparat würde mit enormer Geschwindigkeit fünfziffrige Codes in das Schloss einspeisen, bis er den richtigen gefunden hätte. Er atmete ganz ruhig und versuchte sich mit freiem Kopf voll zu konzentrieren. Bis das Schloss endlich knackte, vergingen mehrere Minuten. Er zog die Tür auf, las die Aufschriften der Ordner und stopfte die Unterlagen in einen Müllsack: Sibirtek, Kabinett, Wartsala … Dann schloss er den Tresor. Um die Computer des Opfers brauchte er sich nicht zu kümmern, die hatten die IT-Spezialisten von Sibirtek schon gelöscht und unschädlich gemacht. Zum Schluss hinterließ er auf dem Tresor eine Nachricht – eine kleine Holzschnitzerei.
Er trug den Müllsack hinunter in die Eingangshalle und stieg wieder hinauf ins Obergeschoss, sein Opfer schlief fest und schnarchte. Der Mann steckte sich das Mundstück des Atemgerätes zwischen die Lippen, stellte den Kerzenhalter vom Fensterbrett auf den Fußboden und zündete alle fünf Kerzen an. Dann zog er die seidene Tagesdecke vom Bett auf den Fußboden und stieß mit dem Fuß den Kerzenhalter um, der auf die Decke fiel. Die Flammen verschlangen die Seide gierig, wenig später griffen sie schon auf den Teppich über und kletterten dann die Gardinen hinauf. Im Nu stand das Schlafzimmer in Flammen, es war voller gut brennbarer Materialien wie Baumwolle und Seide, die Wände schmückten handbemalte Tapeten aus dickem Papier, und der Fußboden bestand aus Dielen. Die Hitze stieg, schnell bildeten sich Kohlenmonoxid und Rauch, das Opfer wachte auf. Es hustete heftig und stand auf, fiel aber sofort auf die Knie und kippte mitten in die Flammen, es sah amüsant aus, wie der alte Mann auf dem Fußboden zappelte. Rasch drückte er ihm seinen Stiefel ins Kreuz und hielt ihn fest, bis das Kohlenmonoxid seine Schuldigkeit getan hatte.
Danach verließ der Mann im grünen Schutzanzug das Haus mit dem Müllsack und stieg in den Mietwagen. Seiner Ansicht nach war die Operation fast perfekt abgelaufen.
***
Leo Kara wachte auf, als das Handy unter seinem Kopf vibrierte. Ihm wurde klar, dass er auf dem Sofa eingenickt war, allmählich wurde es zur Gewohnheit, bei Kati Soisalo zu schlafen. Er schaltete den Weckalarm aus. Es war zehn Uhr, und auf dem Couchtisch lag ein Zettel. »Habe es nicht übers Herz gebracht, dich zu wecken. Soweit ich mich erinnere, hast du gesagt, du hättest heute keine Termine. Nimm dir aus dem Kühlschrank, was du willst. Wir sehen uns bei mir in der Kanzlei. Kati.«
Nachdem Kara ein Glas Joghurt gegessen und sein Gesicht mit kaltem Wasser gewaschen hatte, kämpfte er eine Weile gegen seine Neugier an und warf dann doch einen Blick ins Schlafzimmer. Helle Tapeten, ein Doppelbett, zwei Aquarelle, ein Ankleidespiegel, ein Frisiertisch und ein Rattankorb voller Kleidungsstücke. Als er die Tür des anderen Zimmers öffnete, bot sich ihm ein irritierender Anblick. Das Kinderzimmer sah aus, als wäre es bewohnt: ein Kinderbett, Plüschtiere, ein Lego-Baukasten, ein Puppenwagen, die Tapete mit Pu-der-Bär-Muster … Als wäre die Kleine am Morgen in den Kindergarten gebracht worden und käme nachmittags zurück. Anscheinend hatte Kati den Verlust ihrer Tochter noch schlechter verwunden, als er gedacht hatte. Kara betrachtete die Fotos an der Wand, Vilma sah aus wie ein fröhliches kleines Mädchen, das im Handumdrehen die Herzen aller eroberte.
Kara stieg die Treppe hinunter und ging auf der Mäyrätie in Richtung Metrostation. In Herttoniemi waren nur wenige Menschen unterwegs, und auf der Hiihtomäentie sah man keine Autos. So düster war seine Stimmung lange nicht gewesen, lag das an den trostlosen Ereignissen der letzten Tage oder an etwas anderem? Der Kopfverletzung hatte er es zu verdanken, dass er oft weder sein Verhalten noch das jähe Umschlagen seiner Gemütsverfassung verstand. Kara holte aus der Tasche zwei Pillen, seine Reservedosis Dialar für den Notfall. Hoffentlich war es noch nicht zu spät. Die Medikamente dienten als Fessel, mit der er die Vergangenheit tief in seinem Inneren einsperrte.
An der Station Rautatientori stieg Kara aus der Metro aus und beschloss, einen kurzen Abstecher in den K-Market im Bahnhofstunnel zu machen. Er legte eine große Flasche Cola in seinen Einkaufskorb, zwei Tiefkühlpizzen und drei Flaschen Bier der Marke Brakspear Oxford Gold und stellte sich dann an der Kasse an. Diese Schlange musste in Helsinki einer der geeignetsten Orte sein, wenn man seltsame Typen beobachten wollte, fand Kara, als er einen zitternden etwa sechzigjährigen Mann sah, der sich ängstlich umschaute, seinen Einkaufskorb auf den Boden stellte und erschrocken aus dem Laden hinaushastete. Ein Panikanfall, vermutete Kara. An den Kassen standen etliche Männer mit Bierpackungen an. Und dieses laut kichernde junge Paar mit Süßigkeiten und Chips im Arm hatte garantiert gerade Munchies. Kara wusste nicht, ob es in der finnischen Sprache ein Wort für die hemmungslose Fressgier gab, die durch das Rauchen von Marihuana ausgelöst wurde.
Anscheinend passierten ihm in seinem Leben nur düstere Dinge. Er fühlte sich so müde und abgespannt wie nie zuvor.