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Sonntag, 26. April

Das sechsundfünfzig Hektar große Gelände des UN-Hauptquartiers im kenianischen Gigiri glich eher einem Urlaubsparadies als der Arbeitsstätte von zweitausendeinhundertzweiunddreißig Menschen: Gartenwege schlängelten sich durch weite Rasenflächen, künstliche Teiche glitzerten, und am Horizont waren die dichten, grünen Wipfel des Karura-Waldes zu sehen. Es fiel schwer, zu glauben, dass die Millionenstadt Nairobi mit ihrem Menschengewimmel nur zehn Kilometer entfernt lag.

Die sengende Sonne blendete so sehr, dass Julia den Schirm ihrer geblümten Mütze tiefer in die Stirn zog, obwohl sie sich sonst weigerte, die Mütze überhaupt aufzusetzen. Die Mädchen zu Hause in Hamburg würden das nie glauben: Sie hatte gerade Affen, Antilopen, wildlebende Schweine und mindestens eine Million Vögel mit grellen Farben und komischen Namen gesehen. Sie mochte Tiere sehr, aber die Begegnung mit Raubtieren hatte ihr natürlich auch Angst gemacht. Im Unterschied zu Hamburg lebten in Afrika schließlich gewaltige Löwen, Leoparden und Hyänen. Ihr Vater und die Führer hatten jedoch gesagt, dass man auf dem Pfad ganz bestimmt keine Angst zu haben brauchte. Sie hatte den besten Vater auf der ganzen Welt, keine ihrer Freundinnen war je in Afrika gewesen.

Schon jetzt im April war hier richtiger Sommer, während es in Hamburg noch schneite. Oder zumindest hatte es am Morgen ihres Abreisetages Schneeregen gegeben. Die afrikanische Hitze fühlte sich außerdem anders an, so ähnlich wie das dampfende Badezimmer nach einer langen heißen Dusche. Schade, dass der Pfad gleich zu Ende war, man sah schon die Gebäude der UN und den Sportplatz. Julia passte immer noch genau auf, wo sie hintrat, sie wusste ja, dass es in Afrika alle möglichen giftigen Viecher gab: Spinnen, Schlangen, Frösche, Schnecken. Die sah man im Fernsehen ab und zu in Naturfilmen. Sogar viele Jungs hatten gequengelt, die Wanderung sei ganz schön anstrengend, aber sie hatte es geschafft. Sie war ein für ihr Alter ungewöhnlich kräftiges und groß gewachsenes Mädchen und konnte auch mit den Jungen mithalten.

Julia lächelte bei dem Gedanken, wie neidisch ihr kleiner Bruder sein würde, wenn er von alledem hörte. Paul hatte nicht mitkommen dürfen, weil Vater nicht gleichzeitig auf zwei lebhafte Kinder aufpassen konnte. Es war genau richtig, dass sie den Ausflug mitmachen durfte, Paul war schließlich erst acht Jahre alt, sie jedoch schon fast elf. Julia war so stolz auf ihren Vater wie noch nie. Er hatte eine wichtige Arbeit in der weltweit größten Hilfsorganisation, im Welternährungsprogramm WFP. Und heute durften die Mitarbeiter des WFP ihre Kinder zu einem Betriebsfest mitnehmen, das auf dem Gelände des UN-Hauptquartiers in Kenia stattfand. Julia hatte viele Dinge über das WFP auswendig gelernt, damit sie ihren Freundinnen genauso schön von den Abenteuern ihres Vaters erzählen konnte wie er selbst. Wenn sie zu Hause Besuch hatten und ihr Vater seine Arbeit in Afrika schilderte, hörten die Gäste stets mucksmäuschenstill zu.

Plötzlich stieß ein Kind hinter ihr einen Schrei aus und rief etwas in einer Sprache, die Julia nicht verstand. Einige Kinder aus der Gruppe rannten los, auch Julia beschleunigte ihre Schritte. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, wohin die anderen liefen. Erst sah sie nur die Wasserbecken, aber dann – ein Jongleur! Nun stürmte auch Julia los und schloss sich der schreienden und lachenden Kinderschar an. In dem Moment schleuderte der Jongleur, der auf einem Einrad balancierte, seine Keulen in die Luft. Kurz darauf nahm der Lärm unter den Zuschauern der Show noch zu. Zwei kostümierte Clowns traten auf, ließen dressierte Pudel hüpfen und klatschten sich schließlich Torten ins Gesicht.

Als eine Frau mit einer bunten Schürze und einer Kochmütze die Kinder zum Essen rief, sauste Julia an die Spitze der Schlange. Hamburger, Hotdogs, Fajitas, Limonade und als Nachtisch Eis und alle möglichen Früchte. »Das ist der spannendste Tag in meinem Leben«, dachte Julia und schaute sich suchend nach ihrem Vater um. Aber heute brauchte sie seine Erlaubnis nicht. Auf Reisen durfte man richtig viele leckere süße Sachen essen, und das nicht nur wie sonst am »Bonbontag«.

Julia sah die Erwachsenen am Büfett mit ihren Bier- und Weingläsern, und da wurde ihr klar, was für einen mächtigen Durst sie hatte. Gierig trank sie ihre Limonade, füllte das Glas noch einmal bis zum Rand und nahm sich dann lauter köstliche Dinge, bis der Teller voll war. Mit ihrer Last musste sie vorsichtig gehen. Sie setzte sich auf die Betonumrandung des Wasserbeckens und biss in einen Hamburger. Vielleicht machte Vater doch nicht zu viele Reisen, überlegte Julia. Wenn er jeden Tag zu Hause auf dem Sofa läge, dann wäre sie nie nach Kenia gekommen. Natürlich wäre es am besten, wenn sie stets mit ihrem Vater zusammen sein könnte, aber immerhin spielten sie auch jetzt fast jede Woche miteinander. Wenn Vater nach Hause kam, dann gingen sie auf Spielplätze, in den Haustierzoo, in die Schwimmhalle …

Auf einmal hörte Julia ein Rauschen und schaute sich um, doch im Becken plätscherte das Wasser genau wie vorher. Das Rauschen wurde stärker, jetzt hörte man auch ein Zischen, als ob jemand Sand auf ein Blechdach schüttete. Plötzlich rief einer der Erwachsenen etwas und zeigte mit der Hand zum Himmel.

Julia drehte den Kopf in die Richtung und sah Funken und einen großen Gegenstand, der heulte und furchtbar schnell immer näher kam. Sie erschrak, wo war Vater? Rasch kroch sie hinter die Umrandung und schützte eben ihren Kopf mit den Händen, als sie von einer gewaltigen Kraft gegen den Beton geworfen wurde und etwas unerträglich laut explodierte. Ihre Ohren schmerzten, es war, als würde Wasser aus ihnen fließen, sie bekam keine Luft. Julia stand auf, atmete tief ein, schaute sich suchend nach ihrem Vater um und brach in Tränen aus. Überall brannte es, Menschen lagen auf dem Boden. Sie sah, wie eine einarmige Frau mit offenem Mund schrie, aber sie hörte nichts, in ihren Ohren summte es nur. Schnell zu Vater. Sie lief in die Richtung, wo sie ihn zuletzt mit einem Bierglas in der Hand gesehen hatte. Ein Junge war so schlimm verletzt, dass sie wegschauen musste. Julia blieb stehen, als sie das Gesicht ihres Vaters erblickte, der auf dem Boden lag, es sah ganz friedlich aus, seine Augen waren geschlossen. Aber die Hand, wo war Vaters Hand …

Noch bevor Julia richtig begriff, was sie sah, wurde alles um sie herum schwarz.

***

Die Bänke im Auditorium des Khartoumer UN-Hauptquartiers reichten nicht, die Menschen standen in den Gängen. Keiner von ihnen sagte etwas. Ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen Erschütterung und Ungläubigkeit, aller Augen waren auf die Breitwand gerichtet, auf der über einen Projektor die Nachrichtensendung von BBC World News zu sehen war. Der Terroranschlag auf das UN-Hauptquartier in Kenia hatte über zehn Menschen das Leben gekostet, unter ihnen mehrere Kinder. Aufgrund der Aussagen von Augenzeugen gingen die Militärexperten davon aus, dass eine Rakete auf dem Gelände des UN-Gebäudekomplexes in Gigiri eingeschlagen hatte. Noch gab es niemanden, der die Verantwortung für die Tat übernommen hätte.

Leo Kara biss die Zähne so fest zusammen, dass ihm die Wangenmuskeln weh taten. Dieser Terroranschlag überstieg das menschliche Fassungsvermögen. Ein Wahnsinniger hatte eine Rakete auf das Betriebsfest der Mitarbeiter des Welternährungsprogramms abgefeuert, um Menschen zu töten, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten, anderen zu helfen. Bis jetzt waren unter den elf Toten schon sechs Kinder. Die ganze Welt hielt den Atem an; in der Nachrichtensendung wurden abwechselnd der UN-Generalsekretär, die Präsidenten der USA, Russlands und Frankreichs sowie der Premierminister Großbritanniens und die deutsche Bundeskanzlerin interviewt. Die gestandenen Spitzenpolitiker wirkten zur Abwechslung einmal wirklich schockiert und versprachen sich mehrfach bei ihren Erklärungen.

Im Anschluss an die Politiker ließ man einen Fachmann nach dem anderen vor der Kamera aufmarschieren. Ein bärtiger Sicherheitsexperte der »New York Times« zitierte aus einer Rede Ayman Al Zawahiris, der Nummer zwei von Al Kaida, vom Frühjahr 2008. Darin hatte der ägyptische Terrorist den Terroranschlag im Dezember 2007 auf das UN-Büro in Algerien, bei dem einunddreißig Menschen umkamen, trotzig verteidigt.

»Die UNO ist der Feind des Islam und der Muslime«, hatte Zawahiri versichert.

Kara zuckte zusammen, als die rothaarige Frau hinter ihm in Tränen ausbrach. Erst jetzt ging ihm auf, dass möglicherweise mancher hier im Saal bei dem Anschlag in Gigiri Angehörige verloren hatte. Viele UN-Mitarbeiter heirateten untereinander, und der Gebäudekomplex von Nairobi war eines der vier Hauptquartiere der UNO. Wer weiß, vielleicht war auch einer seiner Kollegen bei dem Anschlag getötet worden, das Regionalbüro des UNODC für Afrika und den Nahen Osten befand sich in Gigiri.

Schließlich erschien in der Nachrichtensendung ein weinendes, blasses deutsches Mädchen, dessen Vater bei dem Raketenanschlag umgekommen war. »Haben diese Medienparasiten denn überhaupt kein Schamgefühl, das Kind steht doch eindeutig unter Schock«, dachte Kara empört. Für eine dramatische Nachricht war denen aber auch jedes Mittel recht.

Viele Fragen gingen ihm durch den Kopf. War Gigiri mit einem vom Witwenmacher geschmuggelten Marschflugkörper angegriffen worden? Hatte Ewan eine Spur gefunden, die zu den Tätern des Anschlags von heute führen würde? Waren der Witwenmacher und Ewan deshalb getötet worden? Jetzt hatte Kara erst recht den brennenden Wunsch, den Mord an seinem Freund aufzuklären. War derjenige, der hinter dem Raketenanschlag steckte, auch Ewans Mörder?

Die Angehörigen der Opfer wären erst imstande, wieder ein vernünftiges Leben zu führen, wenn sie erfuhren, was ihren Lieben passiert war, das wusste er selbst nur zu gut. Daran musste Kara denken, als in der Nachrichtensendung beunruhigte Menschen bange Fragen nach dem Schicksal ihrer Verwandten stellten. Er spürte einen abgrundtiefen Hass in sich und den Wunsch, dass schon bald jemand die gesichts- und namenlosen Raketenterroristen zur Rechenschaft zöge, und zwar auf besonders brutale Weise. Diese Symptome kannte er, genau so verlor er die Kontrolle über sich selbst, erst trübte die Wut den Verstand, und dann brach der irgendwo tief in ihm angestaute Hass hervor und konnte jeden Beliebigen treffen, der ihm gerade über den Weg lief. Er verabscheute dieses Gefühl, wohl kaum jemand wollte so leben und ein Spielball der eigenen Emotionen sein. Aber so war er nun mal, oder jedenfalls war er so geworden. Leo Kara hatte Angst vor sich selbst, vor seiner eigenen Impulsivität.

***

Der Regen peitschte die Fenster der achtunddreißigsten Etage im Hochhaus des UN-Sekretariats hundertdreiundfünfzig Meter über Manhattan. Der UNODC-Generaldirektor Gilbert Birou und die UN-Vizegeneralsekretärin Ronibala Kumari von der Rechtsabteilung der UNO sahen schweigend zu, wie sich der Generalsekretär, der noch dünner als sonst wirkte, an die Stirnseite des großen Beratungstischs in seinem Arbeitszimmer setzte. Das UN-Hauptquartier in Kenia war vor zwölf Stunden mit einer Rakete angegriffen worden. Auf den Fluren des New Yorker UN-Hauptquartiers herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, das Sekretariat war mit dem Raketenanschlag befasst. Doch im Zimmer des Generalsekretärs schien die Zeit stehengeblieben zu sein.

»Es ist eigentlich überflüssig, auch nur zu erwähnen, dass alles, was bei diesem Treffen gesagt wird, als absolut vertraulich anzusehen ist. Innerhalb der UN werden nur wir drei alle Einzelheiten des gestrigen Raketenanschlags erfahren.« Der Teppichboden und die Holzpaneele an den Wänden dämpften die Stimme des Generalsekretärs, so dass sie noch weicher klang als sonst. Er sah blass aus.

»Der eigentliche Grund für unser Treffen ist das hier«, sagte der Generalsekretär und hielt einen Brief hoch. »Der Präsident der Weltbank, der Präsident des Internationalen Währungsfonds und ich haben heute dieses Ultimatum erhalten, dessen Verfasser seine Identität nicht preisgibt. Der Inhalt des Schreibens ist eindeutig. Wenn die UN, der Währungsfonds und die Weltbank nicht bereit sind, den fünfzig ärmsten Staaten der Welt ihre Schulden zu erlassen und jedem von ihnen einen neuen Kredit in Höhe von drei Milliarden Dollar zu gewähren, werden die Terroristen mit ihren Raketen erneut zuschlagen.«

Birou und Kumari waren so verblüfft, dass sie kein Wort herausbrachten. Der erschrockene Gesichtsausdruck passte schlecht zu Birous gepflegtem Äußeren.

Der Generalsekretär setzte die Lesebrille auf. »In unserem Besitz befinden sich fünf Marschflugkörper der allerneuesten Bauart. Mit ihnen sind wir fähig, die Geschäftsräume der UNO, des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank sowohl in Afrika und Europa als auch im Nahen Osten anzugreifen. Die in Gigiri eingesetzte Rakete war von ihrer Zerstörungskraft her bescheiden, die erste Rakete sollte nur beweisen, dass wir zu den Anschlägen bereit und fähig sind.«

Er schaute hoch, starrte Birou und Kumari einen Augenblick an und fuhr dann fort: »Wenn nicht auf unsere Bedingungen eingegangen wird, werden wir den nächsten Marschflugkörper zwei Wochen nach dem ersten Anschlag, am Montag, dem 11. Mai, gegen 09:00 Uhr UTC (Universal Time Coordinated), auf Geschäftsräume der UNO, der Weltbank oder des Währungsfonds in Europa abschießen. Wenn Sie Ihre Räume schließen, werden wir zuschlagen, sobald sie wieder geöffnet sind. Die Zahl der Todesopfer wird in die Tausende gehen. Der dritte, vierte und fünfte Anschlag folgen im Abstand von jeweils zwei Wochen, sofern nicht auf unsere Forderungen eingegangen wird.«

»Kann man die Geschäftsräume der UN vor den Anschlägen … schützen?«, fragte Gilbert Birou und nestelte an seiner Hermès-Krawatte. Allerdings bereute er sofort, den Mund aufgemacht zu haben. Nun würde ihm der Generalsekretär womöglich befehlen, etwas zu tun. Ihre Gruppe war mit drei Personen so klein, dass dies unausweichlich schien.

»Seit dem Umzug der US-Botschaft nach Gigiri ist das der am strengsten bewachte Ort in Kenia, vielleicht in ganz Afrika. Es ist unmöglich, irgendeinen Gebäudekomplex noch besser zu schützen. Und dennoch ist der Raketenanschlag auf Gigiri gelungen. Wie kann man sich vor Raketenanschlägen überhaupt schützen – indem man in Bunkern lebt? Das einzig sichere Mittel ist, den ganzen Laden dichtzumachen, und das dürfte kaum in Frage kommen.« Der Generalsekretär rieb sich einen Augenblick die Schläfen und las dann das Schreiben weiter vor.

»Wir wollen der UNO, dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank die Möglichkeit geben, ihr Erscheinungsbild in den Augen der Welt zu verbessern. Wenn man unsere Forderungen erfüllt, werden die Raketen vernichtet, und dieses Ultimatum wird nie veröffentlicht. Der Schuldenerlass für die ärmsten Staaten der Welt wird ein Zeichen des guten Willens von historischer Tragweite sein: Die Welt wird der UNO, dem Währungsfonds und der Weltbank ihre Sympathien bekunden. Alle werden gewinnen.«

Ronibala Kumari wirkte konfus. »Was sollen wir tun? Was sagen die Mitgliedsstaaten dazu?«, fragte die fünfzigjährige korpulente Frau aus Sri Lanka und breitete die Arme aus.

»Ich habe schon eine Dringlichkeitssitzung mit den Vertretern der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates durchgeführt«, antwortete der Generalsekretär. »Es wurde beschlossen, die Verantwortung für die Ermittlungen dem britischen Auslandsnachrichtendienst SIS zu übertragen, weil Großbritannien derzeit den Vorsitz im Sicherheitsrat hat und weil der SIS eine der wenigen Institutionen ist, die über genügend Ressourcen für derartige Ermittlungen verfügen.« »Und natürlich auch, weil Russland nie eingewilligt hätte, diese Aufgabe dem CIA zu übertragen«, dachte der Generalsekretär.

»In Gigiri sind zwei Briten umgekommen«, sagte die Vizegeneralsekretärin Kumari leise.

»Haben die Nachrichtendienste schon irgendeine Ahnung, um was für Täter es sich handelt?«, fragte Birou in der Hoffnung, dass die Bedrohung eliminiert werden könnte, bevor sie seine Arbeitsbelastung erhöhte.

Der Generalsekretär warf einen Blick auf seine Unterlagen. »Die Militärbehörden haben herausgefunden, dass die Rakete nicht so funktionierte … explodierte, wie sie sollte. Allerdings wissen die Experten nicht, ob ihre Vernichtungskraft absichtlich verringert wurde oder ob es zu einer technischen Störung kam.« Der Generalsekretär trank ein Glas Wasser, bevor er fortfuhr.

»Aber das Wichtigste aus Sicht der Ermittlungen zu dieser unbegreiflichen Tat und zu dem Ultimatum besteht darin, dass Waffenexperten der britischen Armee Überreste der Rakete von Gigiri gefunden haben. Anhand dieser Teile kann man vielleicht klären, wer die Rakete hergestellt und abgeschossen hat.«

In dem Raum herrschte Schweigen, das der Generalsekretär schließlich selbst brach. »Vorschläge, Ideen?«

Birou blieb seinen Grundsätzen treu und schüttelte den Kopf. Je weniger man sich aufdrängte, umso weniger Verantwortung musste man tragen. Ronibala Kumari schien derselben Ansicht zu sein.

»Überall auf der Welt sterben ständig UN-Mitarbeiter, und nicht wenige davon werden ermordet. Und Anschläge auf die UN mit Waffen und Bomben hat es auch früher gegeben, zuletzt vor etwa zwei Jahren in Algerien, wir erinnern uns nur zu gut daran. Aber das hier ist etwas ganz anderes, noch nie ist ein Staat oder eine internationale Institution Opfer einer solchen Erpressung geworden. In den nächsten zwei Wochen nutzen wir all unsere Zeit für die Lösung dieses Problems«, verkündete der Generalsekretär.

Aus irgendeinem Grund vermochte Gilbert Birou nur an eines zu denken: Wie groß wäre wohl der Schaden für die Ermittlungen zu dem Anschlag und für seine, Birous, Karriere, den Leo Kara anrichtete, bevor man ihn aus dem Sudan herausholen konnte?

***

Der auf dem Tisch stehen gebliebene Aquavit hatte Zimmertemperatur und schmeckte Leo Kara nicht, aber das Abendbrot aus der UN-Kantine drängte mit Macht wieder ans Tageslicht, so dass Maßnahmen zur Desinfektion von innen notwendig wurden. Ohne Zweifel schloss gerade irgendeine afrikanische Bazille Bekanntschaft mit seinem Magen. Der CNN-Nachrichtenkanal berichtete pausenlos von dem Raketenanschlag auf Gigiri. Es war kurz vor Mitternacht.

Das Festnetztelefon in seinem Zimmer schrillte. Kara griff zum Hörer und war sicher, dass der offizielle Schnüffler im Khartoumer Hauptquartier, Zbigniew Górski, in den Paragraphen der Dienstvorschriften einen neuen Absatz gefunden hatte, den er als Vorwand nutzte, ihn zu drangsalieren. Doch die Anruferin stellte sich als Kati Soisalo vor, und Kara freute sich.

»Ich rufe hoffentlich nicht zu spät an?«, fragte sie.

»Auf gar keinen Fall, schön, dass du dich meldest. Wie du weißt, möchte ich mit dir über das Steuerungssystem Globeguide deines Arbeitgebers, der Fennica AG, reden.«

»Ich habe schon vor längerer Zeit bei Fennica aufgehört«, erwiderte Kati Soisalo. »Weshalb beschäftigt ihr euch erst jetzt mit der Sache? Es ist schon über ein Jahr her, dass ich dem Regionalbüro des UNODC in Kenia einen Hinweis auf die Ungereimtheiten im Zusammenhang mit Globeguide geschickt habe.«

Kara überlegte, wie viel er ihr verraten sollte, und entschied sich, nichts von Ewans Tod zu sagen. Er wollte nicht, dass sie sich deswegen Vorwürfe machte. »Ich habe den Fall erst kürzlich von meinem Kollegen gewissermaßen … geerbt. Erinnerst du dich noch an die Einzelheiten, wie Globeguide in den Sudan gelangt ist?«

Kati Soisalo lachte trocken. »Nur allzu gut. Nach meiner Kündigung habe ich noch ein paar Wochen bei Fennica gearbeitet, als in der Fabrik ein Brand ausbrach und der erste Prototyp von Globeguide zerstört wurde. Das haben sie jedenfalls behauptet. Doch ich kannte Otto Mettälä, den damaligen Direktor von Fennica, zu gut. Er verhielt sich so, als wäre nichts geschehen, obwohl das Unternehmen bei seinem wichtigsten Forschungsprojekt einen Rückschlag erlitten und dabei Monate verloren hatte. Ich habe mich dann ein wenig in Mettäläs Zimmer umgesehen und die Kopie eines Frachtbriefs mit der Unterschrift der Firma ›Transavia Cargo‹ gefunden, die kurz vor dem Brand bei Fennica etwas abgeholt hatte, dessen Bestimmungsort der Sudan war. Natürlich habe ich Nachforschungen angestellt: Der Witwenmacher Ruslan Sokolow nutzt ›Transavia Cargo‹ als Tarnunternehmen. Aber als ich später mein einziges Beweisstück, den Frachtbrief, in Mettäläs Zimmer wiederfinden wollte, war es verschwunden. Mettälä hat die Unterlagen wahrscheinlich vernichtet, als er gemerkt hat, dass jemand in seinen Sachen gekramt hat.«

Kara spürte, dass er auf eine Goldader gestoßen war. »Hast du davon noch irgendeiner anderen Behörde als dem UNODC berichtet?«

Kati Soisalo überlegte einen Moment. »Leider nicht, das muss ich zu meiner Schande gestehen. Ohne den Frachtbrief hätte ich meine Behauptungen nicht beweisen können.«

Kara stellte ihr noch einige Fragen, bedankte sich und erhielt die Erlaubnis, sie wieder anzurufen, falls ihm neue Fragen einfielen. »Dieser Zug kommt also doch ins Rollen«, dachte Kara. Er hatte einen neuen Namen, der auf die Liste der Verdächtigen kam. Otto Mettälä, der ehemalige Direktor von Fennica, wusste vermutlich mehr von den Geschäften des Witwenmachers, als Ewan in seinen Aufzeichnungen durchblicken ließ.