Die S-Bahn vom Flugplatz fuhr durch die hübschen Vorstädte Wiens, die im roten Licht der Nachmittagssonne leuchteten, und Leo Kara fühlte sich mehr denn je als Außenstehender. Er lebte schon zwei Jahre hier, kannte aber nur die UNO-City, die Gegend, in der er wohnte, das Stadtzentrum, seine Freundin Nadine und eine Handvoll Leute vom UNODC. Den größten Teil seiner Arbeitszeit verbrachte er auf Reisen, und als Persönlicher Assistent des Generaldirektors hatte er auch nicht viele Kollegen.
Am Bahnhof Praterstern kaufte sich Kara im Supermarkt eine Riesenpizza, Obstsaft, Brot, Aufschnitt und Bier, stieg in einen Zug der Metrolinie U1 und fuhr eine Station bis Vorgartenstraße. Hätte er nichts zu tragen gehabt, wäre er das Stück natürlich zu Fuß gegangen.
Das schöne Wetter trieb die Menschen ins Freie. Die winzigen Terrassen der Cafés und Restaurants in der Lasallestraße waren überfüllt, hier und da saßen oder standen junge Leute im Sonnenschein herum, Paare schoben Kinderwagen, und die Sportbegeisterten hatten ihre Inline-Skates hervorgeholt. Er wusste nicht, was er denken sollte, als er die idyllische Wiener Stadtansicht mit dem Elend des Flüchtlingslagers von El Obeid verglich. Der Kontrast erschien ihm unwirklich.
Kara kannte die Gesichter der meisten Geschäftsinhaber und Kellner und auch einiger Leute, die ihm entgegenkamen: Der Mann dort mit dem Rucksack war immer allein unterwegs, und diese junge Frau mit der Lederjacke wohnte in seinem Häuserblock. Schön, dass wenigstens ein Teilbereich seines Gedächtnisses tadellos funktionierte. Sein Gehirn weigerte sich einfach, Zahlen oder Namen zu speichern, aber an Gesichter erinnerte er sich erstaunlich genau. Als Teenager hatte er bei Videoabenden alle Filme aufgezählt, in denen er den jeweiligen Schauspieler schon gesehen hatte, und seine Kumpel damit gut unterhalten. Er erkannte jedes Gesicht wieder, selbst wenn es ihm vorher nur einmal über den Weg gelaufen war.
In der Engerthstraße stieg Kara die Treppe hinauf zu seiner Mietwohnung im vierten Stock. Möbel besaß er nur ein paar: einen Sessel, ein Bett, einen Küchentisch und zwei Hocker und dazu einen Fernsehtisch und DVD-Regale. Bilder, Teppiche, dekorative Dinge oder Fotos gab es in der Wohnung nicht. Seine Einrichtung hatte er auf Flohmärkten und im Lager des UNODC aufgetrieben, bis auf die Regale, die stammten von Ikea. Aus seinem Elternhaus in London hatte er als Erinnerung nur einen einzigen Gegenstand mitgenommen, einen Montblanc-Kugelschreiber, den Lieblingsstift seines Vaters. Er besaß nichts Überflüssiges, nichts, was Erinnerungen aufkommen ließ oder für Gemütlichkeit sorgte. Auch hier würde er kaum lange wohnen, in seinem Leben war alles provisorisch.
Ohne jede Vorwarnung packte ihn die Wut, er warf seine Tasche an die Schlafzimmerwand, schmiss den Poststapel auf den Fußboden und versetzte seinem Bett einen derart heftigen Tritt, dass es in allen Fugen krachte. Er musste tief Luft holen. »Alles ist gut, alles ist gut …«
Kara öffnete eine Flasche Bier, trat auf den kleinen Balkon und schob die Bank zurecht, so dass er ein Stück der Donau und des Naherholungsgebiets Donau-Insel sah. Die Miete für die Wohnung riss ein allzu großes Loch in seine Lohntüte, aber er konnte sich nicht dazu durchringen, auf die Vorteile der Bude zu verzichten. Bis zur UNO-City auf der anderen Seite der Donau waren es nur zwei U-Bahnstationen, und ins Stadtzentrum brauchte man mit der U1 auch nur ein paar Minuten.
Die Mikrowelle klingelte, und Kara machte sich über die Pizza her, er hatte keine Lust, erst zu prüfen, ob sie schon richtig warm war. Schnell stellte sich heraus, dass man sich an der äußeren Schicht den Mund verbrannte, während sie in der Mitte nur lauwarm und am Boden noch kalt war. Kochen zählte nicht zu seinen Stärken, er kam wochenlang mit Brot, Pizza und Bier aus. Er aß nur, um am Leben zu bleiben, und wunderte sich zuweilen, warum er sich eigentlich diese Mühe machte. Vielleicht wollte er sehen, wie alles ausging.
Beim Thema Essen musste er an Ewan denken, der war auch auf diesem Feld talentiert. Oder war es gewesen. In der Studienzeit hatte Ewan einmal aus Sardinen, Nudeln und frischem Ingwer ein Gericht auf Gourmet-Niveau gezaubert. Karas Laune verdüsterte sich, er beschloss, sich und seinem Gehirn einen freien Abend zu gönnen und einen Film anzuschauen. Am nächsten Morgen würden die Ermittlungen zum Mord an Ewan wieder mit Vollgas weitergehen.
Schon als Vorschulkind war er zum Filmfreak geworden, weil sein Vater oft mit ihm ins Kino ging, sie sahen sich Zeichentrickfilme an, und in den ersten Schuljahren folgten dann die Abenteuerfilme. Von klein auf war er ins Kino geflüchtet, wenn sich die Eltern zu Hause besonders heftig stritten. Mit vierzehn Jahren, vor dem Umzug nach London, war es ihm schon manchmal gelungen, ins Arena-Kino in der Hämeentie, ins Bio-Bio in der Mannerheimintie oder ins Cinema in der Museokatu hineinzukommen, wenn Filme ab 18 liefen.
Heute müsste es etwas Langsames, Ironisches mit glänzenden Schauspielern sein, etwas, was ihn ablenkte und einmal nicht an Ewan denken ließ, sagte sich Kara und überflog sein etwa zwanzig Seiten langes Filmverzeichnis. Seit dem Kauf seines ersten DVD-Players vor über zehn Jahren zu einem Wucherpreis hatte er schon eine Sammlung von eintausendfünfhundert Filmen zusammengetragen.
Timothy Spall in »Pierrepoint«, entschied Kara und holte die DVD aus dem Regal. Der Film erzählte vom berühmtesten britischen Henker Albert Pierrepoint, einem bis 1956 tätigen Spezialisten für das Erhängen, und war eine echte schwarze Perle; er hatte ihn nur einmal gesehen und nicht mehr viele Szenen im Gedächtnis. Am besten war ihm in Erinnerung geblieben, mit welcher Präzision die Länge des Galgenstricks festgelegt werden musste: War er zu kurz, wurde dem Opfer das Genick nicht gebrochen, war er zu lang, wurde dem Opfer der Kopf abgetrennt. Der Henker bestimmte die Länge des Stricks nach dem Gewicht des Opfers und der Stärke seines Genicks.
Kara goss ein Whiskyglas halb voll mit Linie-Aquavit aus dem Gefrierfach, ließ sich in den Sessel fallen und verschob die Ereignisse von Khartoum samt dem UNODC und Gilbert Birou in seinem Hirn ins Fach »Mañana«.
***
Der dreistöckige Präsidentenpalast am Ufer des Nil im Herzen Khartoums beeindruckte Oberst Abu Baabas, auch wenn ihn störte, dass der britische Generalgouverneur Gordon im 19. Jahrhundert hier sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Zum Glück war es den sudanesischen Mahdisten schließlich gelungen, Gordon zu töten. Dieser prächtige Rahmen gab Baabas das Gefühl, dass er es in seiner Laufbahn weit gebracht hatte.
Die weiße Galabija und der Imamah-Turban des Vizepräsidenten Rashid Osman glänzten im hellen Sonnenlicht. Die Galabija hing an Osman wie an einem Kleiderständer, doch der Kopf, die an den Ärmelenden hervorschauenden Hände und die Füße bewiesen, dass in dem Gewand ein Mensch steckte.
Baabas folgte Osman in den abgelegensten Winkel des Parks am Palast, den Kopf hielt er wie immer in einem Winkel von etwa zwanzig Grad. Er mochte den jungen Vizepräsidenten nicht, der Mann war ein Intellektueller, der aufrichtig an die Demokratie, an Parteien, den Frieden und ähnlichen Mist glaubte. Osman sah auch genau wie ein etwas zu alter Student aus. Hielt er sich für einen besseren Araber, weil er etwas hellere Haut als er und grüne Augen hatte? Wie zum Teufel war so ein Schlappschwanz in diesem Eiltempo zum Vizepräsidenten aufgestiegen? Und was wollte er diesmal von ihm? Es war eher Osmans und nicht seine Schuld, dass Leo Kara die Flucht aus dem Sudan gelungen war.
»Ich wollte mit dir über die Morde an diesen Ausländern reden«, sagte Osman und strich über seinen Schnurrbart, der die Hälfte seines kleinen runden Gesichts zu bedecken schien.
»Leo Kara von den UN ist mit einer Maschine des WFP aus dem Sudan geflohen, und das etwa zur gleichen Zeit, als wir neue Beweise gegen ihn entdeckt haben«, antwortete Baabas. »Haare von Kara wurden in Ewan Taylors Wohnung gefunden, obwohl der Mann versichert hat, er sei nie in der Wohnung gewesen. Und von der Khartoumer Filiale der Al-Baraka-Bank wurden kurz nach dem Mord an dem Witwenmacher dreißigtausend Euro auf Leo Karas Konto bei der britischen Barclays Bank überwiesen. Wie ich gesagt habe, der Mann ist schuldig, man hätte ihn nicht freilassen dürfen.«
Osman reagierte nicht auf die Kritik. »Es gibt also wasserdichte Beweise gegen Kara? Solche, die auch den Anforderungen in westlichen Ländern gerecht werden?«
Baabas zog an seiner Zigarette. Wenn er jetzt beteuerte, die Beweise gegen Kara seien lückenlos, dann müsste er für seine Worte geradestehen, falls sich doch Lücken fanden. »Zumindest reichen die Beweise aus, hier bei uns Untersuchungshaft anzuordnen. Und auf dieser Grundlage können wir für die Verhaftung Karas bei Interpol eine Red Notice beantragen, eine internationale Fahndung. Ich garantiere, dass ich von Kara ein Geständnis bekomme, wenn ich ihn noch mal verhören kann.«
Osman schüttelte den Kopf. »Ist dir klar, was das für einen Sturm in den internationalen Medien auslöst, wenn man einen UN-Mitarbeiter wegen Mordes zur Fahndung ausschreibt? Die Aufmerksamkeit der ganzen Welt würde sich wieder auf den Sudan richten. Das können wir uns nicht leisten. Gerade jetzt nicht. Du darfst diese Fahndung beantragen, sobald du hieb- und stichfeste Beweise gegen Kara gesammelt hast. Und zwar solche, auf deren Grundlage jedes beliebige Gericht gezwungen wäre, ihn zu verurteilen.«
»Kara ist schuldig, ich weiß das genau so sicher wie die …«
Der Vizepräsident legte Baabas die Hand auf die Schulter und wandte sich wieder in Richtung Palast. »Gerade zum jetzigen Zeitpunkt sind für den Sudan gute Beziehungen zu den westlichen Ländern vorteilhaft. Wir erhalten von ihnen Hilfe in beträchtlichem Umfang und werden erheblich reicher, falls die geplanten Projekte der wirtschaftlichen Zusammenarbeit realisiert werden. Es ist zu unser aller Vorteil, wenn der Sudan gerade jetzt nicht in neue Konflikte verwickelt wird. Der Westen drückt ja üblicherweise bei Missständen in befreundeten Staaten beide Augen zu: Die Anwendung der Steinigung im Iran wird als barbarisch gebrandmarkt, aber wenn in Saudi-Arabien, einem Verbündeten des Westens, Menschen zu Tode gesteinigt werden, dann schweigt man.«
Rashid Osman blieb stehen und schaute Baabas an. »Wenn die westlichen Medien ihr Augenmerk jetzt wieder auf den Sudan richten, wer weiß, in welche Missstände sie als Nächstes ihre Nase stecken. Den Sklavenhandel? Das könnte für deine … privaten Geschäfte verhängnisvoll sein.«
Drohte der Vizepräsident ihm? Baabas verfiel ins Grübeln, als Osman sich verabschiedete und in Richtung Palast ging. Osman wusste doch schon lange von seinen Geschäften und hatte ihn sogar mit einem Kunden zusammengebracht, der immer ungewöhnlich viele arbeitsfähige Sklaven bestellte. War das Gewissen des Manns erwacht, der sich beim Westen anbiederte? Fürchtete Osman, seine Position als Favorit des Westens für das Amt des sudanesischen Präsidenten zu verlieren, wenn er mit dem Sklavenhandel in Verbindung gebracht wurde? Oder worum ging es hier?
Was sollte er jetzt tun? Der Westen drängte den Sudan, den Mord an dem UN-Mitarbeiter aufzuklären, aber er bekam den einzigen ernstzunehmenden Verdächtigen, Leo Kara, nicht in die Finger. Schon bald würden der Präsident und die Regierung fragen, wer die Verantwortung für die gescheiterten Ermittlungen trug, und es könnte gut sein, dass Osman ihm die Schuld zuschob. War es das, was der Vizepräsident beabsichtigte, wollte Osman, dieses Weichei, ihn, den eisenharten, den brutalen Mann der alten Garde, den Darfur-Veteranen, loswerden?
Abu Baabas war in Westdarfur unter Bedingungen aufgewachsen, unter denen ein Mensch eigentlich gar nicht überleben dürfte. In seiner Kindheit am Rande der Stadt Geneina aß man Kadaver und presste Wasser aus Kakteen heraus. Er tötete das erste Mal mit zwölf Jahren und schloss sich bald darauf den berittenen arabischen Kämpfern an, den Fursan. Ende der Achtziger kämpfte er in Darfur gegen die Fur, Anfang der Neunziger im Süden gegen die Sudanesische Volksbefreiungsarmee und nach der Jahrtausendwende mal hier und mal da, erst bei den Fursan, dann bei den Janjaweed-Milizen. Er hatte jahrelang in Oasen gelebt und war so oft verwundet worden, dass er aufgehört hatte zu zählen. Um ihm den Posten wegzunehmen, den er sich mit seinen eigenen Händen erkämpft hatte, brauchte es mehr als einen schwachen Vizepräsidenten.
Baabas grüßte die Soldaten der Wache am Tor zum Präsidentenpalast, ging zu seinem Armeejeep und fasste einen Entschluss. Da ihm nun mal dank Osman die Hände gebunden waren, musste eben jemand anders Kara vor Gericht bringen. Er war nicht bereit, die Möglichkeit, dass Kara einem Urteil und seiner Strafe entging, auch nur in Erwägung zu ziehen. Eigentlich war es ihm zuwider, mit den UN zusammenzuarbeiten, aber der Zweck heiligte die Mittel. Er würde die Führung des UNODC über das an Kara überwiesene Blutgeld und seine Haare in Taylors Wohnung informieren.
Letztlich war es ihm ja egal, wer den internationalen Steckbrief für Kara besorgte.
***
Es war schon kurz vor Mittag, als Kara die U-Bahn-Station Kaisermühlen verließ und in das grelle Tageslicht trat. Er bereute es, dass er nach dem Film »Pierrepoint« schwach geworden war und bis in die frühen Morgenstunden in Erinnerungen gekramt und Linie gebechert hatte. Nun kam ihm die Welt noch düsterer vor als sonst.
Der Sonnenschein vertrug sich schlecht mit den Kopfschmerzen, zum Glück brauchte er von der U-Bahn-Station bis zum Haupteingang des Vienna International Centre nur ein paar Sekunden. Er winkte dem schottischen Wachmann zu, den er kannte, legte seine Ausweiskarte auf das Lesegerät am Mitarbeitereingang, ging durch das Drehkreuz und betrat den Innenhof der UNO-City. Ein Fahnenkreis umschloss einen prächtigen riesengroßen Springbrunnen. Dahinter stand das zylinderförmige Kongressgebäude, das von sechs Hochhäusern aus Beton und Glas umgeben war, deren Grundrisse an ein Ypsilon erinnerten. Irgendwo dröhnte es, und Bohrmaschinen ratterten. Die Asbestsanierung des Beton- und Glasdschungels aus den siebziger Jahren dauerte schon eine Ewigkeit. Neben dem UNODC hatten auch viele andere UN-Einrichtungen hier ihr Quartier.
Kara betrat das Foyer des Hauses E, ging zum Aufzug und fuhr in die 13. Etage. Gilbert Birous stets griesgrämig dreinschauende Sekretärin bedeutete ihm hineinzugehen, und Kara setzte sich auf den Besucherstuhl seines Vorgesetzten, der ihn hinter seinem Schreibtisch wütend anstarrte. Die Stimmung wirkte eisig, wie immer, wenn er und Birou sich trafen.
»Nadelstreifenanzug, gelbe Krawatte, Brille mit Goldfassung, Pomade im Haar, feist und faul – nichts hat sich geändert«, dachte Kara. Gilbert Birou kleidete und verhielt sich wie ein Metronom – verlässlich, eintönig und voraussehbar.
»Du kommst zu spät. Ich bin schließlich der Generaldirektor des UNODC und habe auch noch anderes zu tun, als auf dich zu warten«, schnauzte Birou und schaute Kara noch eine Weile unverwandt an, bis er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte.
»Eine schöne Armbanduhr.« Kara hatte Birous Neuanschaffung bemerkt.
»Eine Patek Philippe Gondola. Die beste ihrer Art«, prahlte der Generaldirektor.
Kara bemühte sich, keine Miene zu verziehen, Birous Spruch »die beste ihrer Art« kannte man schon im ganzen UNODC.
»Ich habe deinen Bericht bekommen«, sagte Birou. »Demnach hast du nicht die geringste Ahnung, wie Ewan Taylor gestorben ist.«
»Durch Schüsse«, erwiderte Kara kurz angebunden. Es brauchte nicht viel, um ihn zu reizen, und Birous unausstehliches Verhalten wirkte schnell ansteckend.
»Ich habe dafür gesorgt, dass du zwei Wochen Urlaub machen kannst. Er wird nicht von deinem Jahresurlaub abgezogen. Ich dachte, du hast nach den Ereignissen in Khartoum ein wenig außerplanmäßige Erholung verdient.«
Kara stand auf und stützte sich mit den Fäusten auf Birous Schreibtisch. »Ich habe eine Reise nach Finnland verdient. Hast du schon vergessen, was wir vereinbart haben?«
Birous Selbstsicherheit schwand. »Die Ermittlungen zu diesen Raketen liegen jetzt in den Händen von Fachleuten, es ist lächerlich, wenn du dir einbildest, du könntest etwas herausfinden …«
»Der Witwenmacher hat die Raketenteile im Auftrag von irgendjemandem in den Sudan bringen lassen, und dieser Auftraggeber muss eine Verbindung zu Fennica, dem finnischen Produzenten des Steuerungssystems Globeguide, haben. Wer die Rakete bestellt hat, muss Globeguide kennen, es wird ja wohl niemand ein völlig unbekanntes Gerät …«
Birou lachte kurz und fingerte nervös an seiner Armbanduhr herum. »Du bist mein Persönlicher Assistent, ein ganz normaler Büroangestellter und nicht irgendein …«
Kara schlug mit der Faust auf Birous Schreibtisch. »Dieser Auftraggeber hat mit Fennica Geschäfte gemacht und kennt Globeguide. Die Liste solcher Kunden ist sicher nicht lang, und ich will sie mir beschaffen.«
Der Generaldirektor richtete den Oberkörper auf und senkte die Stimme. »Das UNODC darf nicht noch tiefer in diese verworrene Geschichte hineingezogen werden, das würde nur Probleme mit sich bringen. Ist dir klar, Kara, dass ich es nicht nötig habe, mit dir über meine Entscheidungen zu diskutieren?«
»Ist dir klar, Birou, dass ich dein Geheimnis kenne? Du hast mich hier eingestellt, weil Betha Gilmartin dir mal aus der Klemme geholfen hat und du ihr einen Gefallen schuldest.«
Birou war sprachlos, es dauerte eine Weile, bis er sich gefasst hatte. »Drohst du mir?«
Kara antwortete nicht, er war ein Risiko eingegangen und hatte einen Treffer gelandet. Betha hatte ihm damals nur erzählt, dass sie Birou einmal aus einer Verlegenheit geholfen hatte, und dafür sollte er Kara als Gegenleistung eine Arbeit beim UNODC besorgen.
»Ich verstehe ja, dass kompetente Behörden den Raketenanschlag untersuchen, aber wer ermittelt im Mordfall Ewan? Jedenfalls nicht die sudanesische Polizei«, sagte Kara mit einem gezwungenen Lachen. »Ich will Ewans Mörder finden, und das klappt nur, wenn ich seine Ermittlungen weiterführe. Was kann das schaden? Ich mach es auch unbezahlt, wenn du das willst.«
Birou wusste, wann es am klügsten war, einen Rückzieher zu machen. Es war unglaublich, dass es Kara ein ums andere Mal gelang, ihn aufs Kreuz zu legen, obwohl er als Generaldirektor des UNODC diesen verflixten Streithammel einfach rauswerfen könnte, wenn es sein musste, mitsamt dem Türrahmen um den Hals. Er überlegte eine Weile, was er sagen sollte, und zählte gleichzeitig mit den Fingern. »Du bekommst zwölf Tage Zeit, danach kehrst du hierher nach Wien zurück, oder du kannst dir eine andere Arbeit suchen.«
Mit Müh und Not verkniff Kara sich den giftigen Kommentar, der ihm schon auf der Zunge lag. Er entschloss sich zum Abgang, bevor er sich wieder verbaute, was er gerade erreicht hatte.
»Du berichtest mir jeden Tag!« Der Satz erklang aus dem Zimmer, als Kara schon die Tür schloss.
Gilbert Birou starrte fassungslos vor sich hin. Er, der Meister im Taktieren, der Virtuose im Ausweichen vor Problemen und Vermeiden von Risiken, wurde erpresst. Am unglaublichsten erschien ihm, dass Betha Gilmartin sein Geheimnis verraten hatte, und das ausgerechnet diesem Leo Kara. Es durfte auf keinen Fall an die Presse gelangen. Das könnte einen Skandal auslösen, der garantiert zu seinem Ruin führte.
Kara loszuwerden war jetzt wichtiger und zugleich schwieriger denn je – nun war es unumgänglich, dass der Mann das UNODC verließ. Jetzt galt es, Maßnahmen zu ergreifen. Vielleicht war es doch eine gute Lösung, Kara auf eine Dienstreise in einen entfernten Winkel Europas zu schicken. Dadurch würde er, Birou, selbst Zeit gewinnen und könnte planen, was er mit dem Kerl machen sollte, und zugleich wäre Kara ihm hier bis zum nächsten Raketenanschlag nicht im Weg. Allein würde der Randalierer in Finnland ja wohl kaum etwas herausfinden, was der SIS nicht ohnehin schon wusste.
***
Nachdem Kara seinen Chef verlassen hatte, ging er in die Betriebsarztpraxis im Haus F der UNO-City und ließ sich die Fäden an der Hand ziehen. Jetzt brauchte er dringend ein kühles Getränk. Er beschloss, seine Freundin Nadine zu besuchen, die fast durchgehend in ihrer Kneipe arbeitete. Im »Hansy« hatten sie sich auch kennengelernt, er war vor einem heftigen Novemberregen auf ein Bier in das Lokal geflüchtet und hatte sich auf einen Plausch mit der Brünetten eingelassen, die in dem gähnend leeren Restaurant bediente. Alles war von Anfang an leicht und ungezwungen gewesen, keiner von beiden wollte eine Bindung, die über nette Abende zu zweit und ungehemmten Sex hinausging.
Die Fahrt mit der U-Bahn bis zur Station Praterstern dauerte nur einen Augenblick, und Nadine Eggers Kneipe lag kaum einen Steinwurf von der Metrostation entfernt an der Ecke Prater- und Heinestraße. Das »Hansy« war ein traditionsreicher, sauberer und volkstümlicher Gasthof mit einer Gewölbedecke, in dem man zumindest tagsüber ruhig mit der ganzen Familie einkehren konnte und unverfälschte österreichische Küche geboten bekam, also Fleisch. Die größten Portionen mussten mit der Personenwaage gewogen werden, und das wenige Gemüse, das zu einigen Gerichten gehörte, wurde meist genauso behandelt wie die Servietten – man aß es nicht mit. Das war kein Lokal für Freunde gesunder Kost.
Als Kara die Kneipentür öffnete, die nur einen Meter vom Tresen entfernt war, sah er sofort, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Kellnerin Annaliese, die am Bierhahn herumdrehte, schüttelte den Kopf, als sie ihn erblickte, und nickte in Richtung Küche.
Er öffnete die Pendeltür und platzte mitten in einen heftigen Streit.
»Verflucht noch mal, Alte, ich bin minderjährig, du bist verpflichtet, mir Geld zu geben!« Nadines siebzehnjähriger Sohn Bruno, der eine Pudelmütze und Schlabberhosen trug, brüllte seine Mutter mit hochrotem Gesicht an.
Nadine sah man ihren Kummer an. »Das Einzige, wozu ich verpflichtet bin, ist, für dich zu sorgen, und das tue ich auch gern. Sobald du wieder nach Hause ziehst«, erwiderte sie ganz ruhig.
»Da kannst du lange warten. Mit welchem Recht willst du mir hier Vorschriften machen, verdammt, du warst ja selber noch jünger, als du plötzlich schwanger geworden und zu Vater gezogen bist. Wenn Stefan überhaupt mein Vater ist.«
Jetzt packte auch Nadine die Wut. »Von mir kriegst du keinen Pfennig mehr. Erst meldest du dich wochenlang nicht, und dann tauchst du in diesem Zustand hier auf. Wo bist du gewesen, nimmst du wieder Stoff? Kapierst du eigentlich, dass ich mir Sorgen um dich mache?«
»Es geht wieder nur um dich, bei allem geht es doch immer nur um dich. Verdammt noch mal«, schimpfte der junge Mann, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte mit tief in die Stirn gezogener Mütze an Kara vorbei.
Nadine wischte sich die Wangen trocken und wollte ihrem Sohn hinterhergehen, hielt aber inne, als Kara ihr leicht die Hand auf die Schulter legte. Sie fing an zu zittern und brach in Tränen aus, Kara legte seinen Arm um sie, mehr konnte er nicht tun. Solange sie sich kannten, kämpfte Nadine gegen die Drogenprobleme ihres Sohnes an und würde es garantiert auch weiterhin tun. Bruno war ein kluger Junge, aber dickköpfig, genau wie seine Mutter mit siebzehn, hatte Kara gehört.
»Ich hätte sonst nicht solche Angst, aber du weißt ja, was für Leute die Drogendealer und Junkies sind«, sagte Nadine, immer wieder unterbrochen von ihrem Schluchzen. »Die können jederzeit etwas völlig Unberechenbares tun, ohne jeden Grund. Annaliese hat gerade erzählt, dass vorige Woche irgendein Verrückter an der Straßenbahnhaltestelle von ihrer Freundin eine Zigarette schnorren wollte, und als sie ihm keine geben konnte, hat der Irre ihr mit dem Stilett ein Auge ausgestochen. Stell dir das mal vor! Ich will nicht jeden Abend mit solchen Sorgen schlafen gehen.«
Nach einer kleinen Weile lockerte Kara die Umarmung und führte Nadine in den Gastraum. Dann holte er bei Annaliese zwei Gläser vom Rotwein des Hauses, einem österreichischen Blauen Portugieser.
Kara betrachtete seine Freundin, die einen Schluck Wein nahm. Sie waren annähernd gleichaltrig und sahen beide älter aus. In Nadines schmalem, ebenmäßigem Gesicht wirkte die Haut über der spitzen Nase und den hohen Backenknochen straff, an den Augen- und Mundwinkeln waren Falten zu sehen, und der schwarze Pferdeschwanz verstärkte noch den angespannten, strengen Eindruck. Das Leben und der Stress hatten ihre Spuren hinterlassen. Kara kannte Nadines Vergangenheit einigermaßen: Mit siebzehn war sie alleinerziehende Mutter geworden, hatte sich mit ihren Eltern zerstritten und Umgang mit Leuten gehabt, in deren Nähe auch Mutter Teresa nicht sauber geblieben wäre. Kara selbst hatte Nadine von seiner Vergangenheit nur erzählt, dass seine Schwester und seine Eltern tot waren. Er wusste nicht, ob er Nadine und ihre Gesellschaft mochte, weil oder obwohl auch ihr Leben chaotisch und voller Widrigkeiten gewesen war.
»Bist du heute nach Wien zurückgekommen?«, fragte Nadine und bemerkte den blauen Fleck auf Karas Stirn. »Ist etwas passiert?«
»Nichts Besonderes«, versicherte Kara. Er wollte nicht, dass Nadine sich unnötig Gedanken machte, sie hatte selbst schon genug Probleme. »Aber ich muss heute noch weiter, ich fliege mit der Abendmaschine nach Helsinki.«
»Um Verwandte zu treffen?«
»Nein, eine Dienstreise. Vielleicht meine letzte.«