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Sonntag, 3. Mai

Betha Gilmartin saß an ihrem Schreibtisch im Hauptquartier des SIS in Vauxhall Cross und schaute zu, wie Möwen einen Kadaver in der im Abendlicht schimmernden Themse umkreisten. Ihr Kreischen hörte man nicht, die Fenster von Legoland ließen kein Geräusch durchdringen. So frustriert war sie seit der Polonium-Vergiftung Aleksander Litwinenkos nicht mehr gewesen. Damals hatte sie einen schweren Fehler begangen, es war falsch gewesen, den russischen Exagenten zu engagieren.

Der Krisenstab Shield arbeitete rund um die Uhr, Hunderte Menschen sichteten Tausende und Abertausende Informationssplitter aus den unsichtbaren Datenströmen, die überall flossen, aber Resultate blieben aus. Wäre der Raketenanschlag von irgendeiner Terrororganisation geplant worden, dann wüsste es die weltumspannende Geheimdienstgemeinde schon, darauf hätte Betha Gilmartin ihren Kopf gewettet.

Die drei Jahrzehnte beim Nachrichtendienst hatten sie manches gelehrt, aber seine wichtigsten Fähigkeiten erlernte der Mensch nicht, die bekam er geschenkt als Begabung. Und ihr Instinkt sagte, dass schwere Zeiten nahten, und zwar im Eiltempo. Sie warf einen Blick auf die gerahmten Fotos am Rande ihres Schreibtischs – ihr Mann Albert und ihr Schützling Leo. Auch die beiden machten ein ernstes Gesicht. Betha Gilmartins Kummer nahm noch zu, als sie daran dachte, dass Leo erneut den Tod eines ihm nahestehenden Menschen verarbeiten musste. Wie würde seine Psyche das verkraften? Sobald die Ermittlungen zu dem Raketenanschlag abgeschlossen waren, würde sie Albert zwingen, Urlaub zu nehmen, und Leo überreden, mit ihnen eine Woche nach Torquay in ihr Ferienhaus zu fahren. Das nahm sich Betha Gilmartin fest vor. Und diesmal würde sie den Jungen nicht bis zur Erschöpfung im Garten arbeiten lassen. In diesem Augenblick ertönte der Summer an der Tür. Betha Gilmartin schnallte das Korsett um und steckte ihre Haare hoch, bevor sie den Besucher eintreten ließ.

»Entschuldige, dass es eine Weile gedauert hat. Als ich mich endlich loseisen konnte, bin ich sofort hergekommen«, sagte Clive Grover. Der Chef des Krisenstabs stand unter Hochspannung, die graue Löwenmähne sah noch wilder aus als sonst, und der Kragen des pinkfarbenen Hemdes war offen und verrutscht. In Betha Gilmartins Gesellschaft störte das nicht.

»Setz dich auf deinen Hintern, nimm dir einen Tee und entspann dich«, befahl Betha Gilmartin. Sie galt im SIS als die Ruhe in Person, doch keiner ihrer Kollegen ahnte, was der Grund für ihre unvergleichliche Gelassenheit war. Wegen des angeborenen Herzfehlers durfte ihr Puls nicht auf einen Wert über 120 steigen. Das hatten die Ärzte so angeordnet. Betha kannte so gut wie alles, was in den letzten dreißig Jahren über das Thema »Wie beherrsche ich meine Aggressionen« geschrieben worden war. Selbstkontrolle war für sie eine Überlebensvoraussetzung.

Sie goss Tee in Grovers Tasse, gab einen Schluck Milch dazu und drei Löffel Zucker und rührte um. Dabei versuchte sie an seinem Verhalten zu erkennen, ob er es ihr übelnahm, dass sie ihn gebeten hatte, ihr persönlich ab und zu eine Zusammenfassung der Ermittlungen zu geben. Als Leiter des Krisenstabs Shield besaß Grover im Moment größere Vollmachten als sie, ihm stand der ganze britische Machtapparat zur Verfügung. Aber Grover wirkte nicht verärgert, ihm war vermutlich klar, dass die Arbeit der Shield-Gruppe in Kürze zu Ende wäre, während Betha Gilmartin noch Jahre Chefin des SIS sein würde. Grover war durch und durch ein Mann der »Firma«, der Sinn für Diplomatie war in ihrem Beruf unentbehrlich.

»Die guten oder die schlechten zuerst?«, fragte Grover, fuhr aber fort, ohne Betha Gilmartins Antwort abzuwarten.

»Die Ermittlungen zu Globeguide haben jede Menge neue Erkenntnisse gebracht. Es sind insgesamt fünf Steuerungssysteme verschwunden. Zuletzt gesehen hat man sie auf dem Flughafen Schiphol in Holland. Dort wurden sie an das Luftfrachtunternehmen Chess Air des Witwenmachers Ruslan Sokolow übergeben, der sie unter Verwendung von gefälschten Endverbleibserklärungen nach Khartoum fliegen ließ. Nach den Informationen, die wir von den finnischen Behörden erhalten haben, hat der Hersteller von Globeguide mit dieser Geschichte nichts zu tun.«

»Dieser Misthaufen stammt also nicht von den Finnen?«

»Kaum. Allerdings ist es ziemlich interessant, dass in der Zentrale der finnischen Kriminalpolizei derzeit Ermittlungen gegen zwei Firmen laufen: gegen den Hersteller von Globeguide, der Bestechungsgelder an die kroatischen Behörden verteilt hat, und gegen den finnischen Hersteller von Raketenabschussrampen wegen Schmuggel und Verstoß gegen das Waffenausfuhrverbot. Die UN-Blauhelme fanden Anfang April eine in den Libanon geschmuggelte finnische Raketenabschussrampe. Und an der Entwicklung beider finnischer Erzeugnisse ist Sibirtek beteiligt, einer der letzten Kooperationspartner des Witwenmachers.«

Betha Gilmartin zog die Brauen hoch.

»Vielleicht sehe ich schon überall Gespenster«, sagte Grover und fuhr sich durch seine Mähne. »Die finnischen Behörden sind kompetent und gründlich, wir haben äußerst umfassende Berichte sowohl über die verschwundenen Globeguide-Systeme als auch über die Abschussrampe erhalten. Aber sie betreffen nur das, was in Finnland passiert ist, also die Bestechung und den Schmuggelverdacht, in ihnen wird nichts darüber gesagt, in wessen Besitz die Globeguide-Systeme oder die Abschussrampe letztlich gelangt sind. Die finnische Polizei hat auch die Namen von drei Männern herausgefunden, die für Sibirtek gearbeitet haben, zwei von ihnen sind tot, und der dritte sitzt jetzt im russischen Verteidigungsministerium. Seiner Ansicht nach war Sibirtek ein Projekt zur Förderung des Exports, das man für Kooperationsvorhaben zwischen Finnland und Russland gegründet hatte.«

Betha Gilmartin hob den Finger. »Dieses Sibirtek könnte ein Spionageinstrument des russischen FSB oder SVR sein, ähnlich wie unsere Jetstream-Operation, genauso niederträchtig. Wenn wir bei der Industriespionage in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und in der Schweiz Erfolg hatten, stell dir mal vor, wie verdammt leicht es dann für Russland ist, sich Informationen in Finnland zu beschaffen.«

Clive Grover gab keinen Kommentar ab, er war mit seiner Zusammenfassung noch nicht fertig. »Alle Staaten, die Scramjet-Triebwerke entwickeln, haben ohne zu murren mit dem Shield-Krisenstab kooperiert. Sogar Russland, Israel, Indien und China, die in der Regel nicht viel über ihre Waffenprogramme reden. Jedes Scramjet-Projekt wurde durchkämmt – die Buchführung, die Testanlagen, die Labors. In keinem Land fehlt etwas. Nicht einmal die an den Projekten beteiligten privaten Firmen machten Schwierigkeiten und …«

Betha Gilmartin hob ihre Teetasse hoch, um sich zu Wort zu melden. »Möglicherweise steht also irgendwo ein Raketenforschungszentrum, von dem niemand etwas weiß.«

»So etwas gab es auch früher schon. Pakistan wurde vor reichlich zehn Jahren beim Bau einer geheimen Raketenfabrik erwischt, und in Saudi-Arabien haben die Satelliten im Jahr 2002 einen geheimen Raketenstützpunkt entdeckt. Ganz zu schweigen vom Iran.«

»Und von den Waffen, die in diesem Forschungszentrum entwickelt werden«, murmelte Betha Gilmartin in Gedanken versunken, »wissen wir einen Dreck.«

»Ganz genau«, sagte Grover und schniefte. »Und das ist höllisch beunruhigend. Das gilt auch für die Auswirkungen der Rakete von Gigiri auf das globale militärische Gleichgewicht. Der Welt droht eine neue Rüstungsspirale. In diesem Marschflugkörper steckte das erste voll funktionsfähige Scramjet-Triebwerk der Welt, es war die erste Rakete mit polymerem Stickstoff als Treibstoff. Und jetzt glauben die Waffenexperten auch noch, dass sie zusätzlich Stealth-Eigenschaften hatte … also die Eigenschaft, zu verschwinden. Sie ist im Radar nicht zu sehen, hat eine um Tausende Kilometer größere Reichweite als die bisherigen Marschflugkörper, und sie ist so schnell, dass sie nicht einmal mit irgendeiner der projektierten Waffen abgewehrt oder zerstört werden kann. Die USA haben geglaubt, sie seien den anderen bei der Entwicklung ihrer Raketenabwehrsysteme um etliche Schritte voraus, und dann knallt jemand so eine unvergleichliche Waffe auf den Tisch.«

Gilmartin wiegte den Kopf hin und her. »Und die guten Nachrichten?«

»Die Ermittlungsgruppe, die sich mit den Terroristen beschäftigt, vermutet, jemandem auf die Spur gekommen zu sein«, sagte Grover und seine Miene hellte sich auf. »In Ostafrika ist seit Jahren ein Fanatiker aktiv, der sich selbst Nazir nennt.«

Betha Gilmartin zog fragend die Augenbrauen hoch.

»In Ostafrika trägt der oberste Häuptling eines arabischen Stammes den Ehrentitel Nazir, und überraschenderweise heißt so auch eine Schrift im Talmud, dem Kommentar zum heiligen Buch der Juden, der Thora …«

»Und was zum Henker hat dieser Nazir gemacht?« Betha Gilmartin drängte ihren Kollegen etwas unsanft, endlich zum Punkt zu kommen.

»Nazir wiegelt die radikalen Islamisten schon seit fünfzehn Jahren dazu auf, alle Objekte westlicher Länder anzugreifen: diplomatische Vertretungen, Unternehmensfilialen, Hilfsorganisationen … Daran ist an sich nichts Besonderes, aber es sieht so aus, als würde Nazir in seinen Schriften gerade die UNO ganz erbittert kritisieren und …«

»Das ist alles?«

»Nazir wird mit dem Bombenanschlag 2007 in Algerien in Verbindung gebracht, bei dem siebzehn UN-Mitarbeiter getötet wurden«, erwiderte Grover verärgert, weil er ständig unterbrochen wurde. »Ebenso mit dem Bombenanschlag auf das Hauptquartier der UN in Bagdad im August 2003, bei dem zweiundzwanzig Menschen getötet wurden, darunter der Chef des UNHCR, der Hohe Flüchtlingskommissar der UN.«

Betha Gilmartin beugte sich weit vor. »In Verbindung gebracht … aber wie? Du bist mit deinen Informationen so knausrig wie ein Teenager.«

»Nazirs Aufsätze, in denen er die Anschläge von Algerien und Bagdad feiert, erschienen im Internet praktisch zum selben Zeitpunk, als die Anschläge ausgeführt wurden.«

Betha Gilmartin war erfreut und bemerkte zugleich, dass sie in Wallung geriet, jetzt musste sie achtgeben, ihr Puls durfte nicht zu sehr steigen … »Lass die Schleimspur dieses Wurms Nazir von einer besonders großen und kompetenten Truppe untersuchen. War sonst noch was?«

Grover seufzte tief. »Die Signalaufklärung, die elektronische Aufklärung, die Personenaufklärung, die Bildaufklärung … Hunderte Menschen gehen pausenlos jede Information durch, die auch nur ansatzweise mit dem Raketenanschlag zusammenhängen könnte: E-Mails, das Internet, Satellitenfotos … Außerdem werden Agenten der Nachrichtendienste, Kontaktpersonen und Illegale ausgefragt. Aber wir tappen völlig im Dunkeln. Über den Witwenmacher kommt man an niemanden heran, und wir kennen nicht einen einzigen Namen einer Organisation oder eines Menschen, die hinter dem Raketenanschlag oder dem Ultimatum stecken.«

»Bis zum nächsten Anschlag haben wir noch über sieben Tage Zeit«, erwiderte Betha Gilmartin, um ihren Kollegen aufzumuntern.

Doch der schüttelte den Kopf: »Das reicht nicht. Laut Berechnung schafft es niemand, dieses Durcheinander rechtzeitig aufzuklären.«

»So ein Quatsch, keiner kann so etwas berechnen. Die Maschinerie der Aufklärungsdienste ist heutzutage so groß und effizient, dass mit ein wenig Glück innerhalb weniger Stunden eine Lösung gefunden werden kann.«

»Zumindest wissen wir, dass hinter dem Raketenanschlag nur ein paar Leute stecken, höchstens eine Handvoll. Sonst hätten wir schon irgendeinen Zipfel zu fassen gekriegt.«

Betha Gilmartin hatte sich bereits erhoben, als ihr noch eine Frage einfiel, die mit Leo Kara zusammenhing. »Und die Ereignisse in Khartoum, ist dazu etwas Neues aufgetaucht?«

»Herr Hofman, der Kunde von Katarina Kraus, scheint verschwunden zu sein. Kraus behauptet, dass sie nichts über Hofmans Background weiß, und dasselbe sagen auch ihre Vorgesetzten. Niemand will die Verantwortung dafür übernehmen, dass Hofman Kunde der SDC wurde. Wir haben ein paar Bilder des Mannes von den Aufzeichnungen der Überwachungskameras in der Firma bekommen und in der ganzen Welt verteilt, er wird überall gesucht. Hofman hat der UNO den Hinweis auf das Raketenprojekt des Witwenmachers gegeben. Er wusste schon vor dem Anschlag in Kenia von den Raketen.«

Betha Gilmartin sah zufrieden aus. »Gut. Wir schütteln alle Bäume und schauen mal, was runterfällt.«

***

Nach dem Essen der Mitglieder des Sicherheitsrates, dessen Gastgeber Blaise Zongo, der Ministerpräsident von Burkina Faso, gewesen war, fuhr der UN-Generalsekretär in seinem Dienstwagen zur zeitweiligen UN-Vertretung der USA, obwohl sie in unmittelbarer Nähe der UN-Gebäude lag. Die Security-Leute ließen ihn auf den Straßen von Manhattan keinen Schritt zu Fuß gehen. Der Frühling erstrahlte in voller Pracht, sogar die Kirschbäume blühten. Der Generalsekretär versuchte dem Anblick des Durcheinanders von Autos, Menschen und Leuchtreklamen zu entrinnen, indem er jeder Pflanze hinterherschaute, die am Fenster vorbeihuschte. Ein schlechter Ersatz für einen Spaziergang im Park.

Der magere, kleine Mann glich, wie er da auf dem Rücksitz hockte, einem leeren Sack. Er fühlte sich schwach und machtlos. Schon seit fünfunddreißig Jahren verdiente er seinen Lebensunterhalt damit, dass er Krisensituationen durchlebte und sie löste. Er hatte sich an den Tod von Kollegen bei Anschlägen gegen Gebäude oder Mitarbeiter der UN gewöhnt, aber nun wurde seine Organisation zum ersten Mal damit erpresst, dass man Tausende Menschen, die für die UN arbeiteten, umbringen wollte, wenn die Bedingungen nicht erfüllt wurden. Und dann musste er auch noch diese Demütigung durch die Amerikaner ertragen. Er hatte die US-Außenministerin zu sich gebeten, um zu erfahren, was sie über den Raketenanschlag von Kenia wussten. Doch die USA waren zu einem Treffen nur unter der Bedingung bereit, dass er die Außenministerin besuchte.

 

Die UN-Vertretung der USA hatte ihr Quartier vorübergehend in der 45. Straße in Manhattan aufgeschlagen, da ihr Haus gegenüber dem UN-Hauptgebäude renoviert wurde. Der Generalsekretär wartete schon eine Viertelstunde im Foyer vor dem Zimmer des Leiters der Vertretung. Ließen sie ihn mit Absicht hier sitzen? Ihm war nie richtig klar geworden, weshalb die Amerikaner den jeweiligen Generalsekretär immer vor den Kopf stoßen wollten. Empfanden sie die UN als eine Art Bedrohung ihrer eigenen Weltherrschaft? Er beobachtete die Sekretärin in einem dunklen Hosenanzug bei ihrer Arbeit und stellte fest, dass Präsident Obamas Bild schief hing.

»Die Außenministerin erwartet Sie jetzt«, teilte die Sekretärin schließlich mit und hielt ihm die Tür auf.

Die elegant gekleidete Frau mit dem steinernen Gesicht saß ganz entspannt im Sessel, sie gab ihm die Hand, wartete, bis die Sekretärin Kaffee eingeschenkt hatte, und sparte sich die Vorrede. »Eine unangenehme Geschichte diese Raketendrohung, äußerst schwierig, und das in vielerlei Hinsicht.«

Unangenehm und schwierig? Der Generalsekretär wunderte sich über die Wortwahl der Außenministerin, redete sie vom Mobbing unter Schülern oder vom Ultimatum der Terroristen? »Ich wollte dieses Treffen, weil ich ziemlich im Dunkeln tappe. Der SIS, der für die Ermittlungen verantwortlich ist, will aus Angst vor Geheimnisverrat nicht einmal in den Sitzungen des UN-Sicherheitsrates über seine Ergebnisse reden, er fürchtet, dass eines der Ratsmitglieder in den Raketenanschlag verwickelt ist. Im Rat sitzen derzeit zwei islamische Staaten und zwei Länder, die auf der UN-Liste der fünfzig ärmsten Staaten stehen.«

»Ich verstehe nicht recht, wie ich da helfen könnte. Wenn die USA wüssten, wer den Anschlag begangen hat, dann würden die Schuldigen schon in einer Zelle schmachten«, erklärte die Außenministerin. »Ich weiß nicht, ob du verstehst, was für ein großes Problem das Auftauchen so einer Superrakete für die USA darstellt.«

»Ob du es glaubst oder nicht, ich verfolge die internationale Politik ziemlich genau«, erwiderte der Generalsekretär, die geringschätzige Haltung der Außenministerin ärgerte ihn. »Ihr habt in die Entwicklung eurer Raketenabwehrsysteme Hunderte Milliarden Dollar investiert, und dann feuert plötzlich jemand in der Sahara eine Megarakete ab, die weder eure derzeitigen noch eure zukünftigen Systeme vernichten können.«

Die Außenministerin wirkte überrascht und nickte. »Das ist wahr. Die USA haben in den letzten Jahrzehnten an der Entwicklung mehrerer Systeme auf der Grundlage unterschiedlicher Technologien gearbeitet, mit denen wir imstande wären, von Feinden abgefeuerte Raketen entweder schon in der Startphase, im Flug oder bei der Landung zu vernichten: Laser, Energiewaffen, Infrarot, konventionelle Abwehrraketen … Wir treffen Vorkehrungen gegen Raketenangriffe auf die USA, aber auch gegen die Zerstörung unserer Satelliten durch Raketen.«

Der Generalsekretär schaute die Außenministerin mit durchdringendem Blick an. »Steht diese Raketendrohung irgendwie in Zusammenhang mit großmachtpolitischen Interessen, mit der Militarisierung des Weltraums? Der ukrainische Waffenhändler Ruslan Sokolow, der Witwenmacher, hat die Rakete von Kenia nicht gebaut und vermutlich auch keiner der afrikanischen Staaten. Das wissen wir beide.«

»Der Wettlauf in den Weltraum ist schon in vollem Gange, genau wie die Militarisierung des Weltraums. Und diesmal gilt der Wettstreit der Eroberung des Weltraums und nicht der Frage, wessen Raketen als erste funktionieren. Alle Supermächte beschleunigen ihre Weltraumprogramme, die USA, die EU, China, Russland, Indien, sogar Japan. Neue Satellitenortungssysteme werden gebaut: Russlands GLONASS, Indiens IRNSS, Chinas Compass, Frankreichs DORIS, das Galileo der EU, Japans QZSS … Und Raketenabwehrsysteme existieren auch schon mehrere: das Raketensystem Iskander der Russen sowie der Raketenschild A-135, der die Region Moskau schützt, das Arrow der Israelis, das indische Prithvi. Und noch viele andere Staaten entwickeln ihren eigenen Raketenschild. Neben uns haben auch China und Russland bereits die Zerstörung eines Satelliten mit Raketen getestet, in dieser Phase schießt man zum Glück noch die eigenen Satelliten ab.«

»Und alles fing damit an, dass die USA 2001 den ABM-Vertrag aufgekündigt haben. Der hätte ein solches Wettrüsten verhindert«, entgegnete der Generalsekretär und bereute seine Worte sofort. Schließlich musste er sich wie ein Diplomat verhalten, immer und überall.

»Entschuldigung, das war unsachlich«, fuhr er fort. »Aber nun sag doch mal ganz inoffiziell, wer deiner Meinung nach hinter der Erpressung steckt. Der CIA muss doch irgendjemanden verdächtigen.«

»Für uns ist es wichtiger, in Erfahrung zu bringen, wer die Rakete entwickelt und gebaut hat«, erwiderte die US-Außenministerin und lächelte dabei unwillkürlich, wurde aber sofort wieder ernst. »Wenn die Erpressung gelingt, hätten zwar nur die ärmsten fünfzig Staaten der Welt direkt einen Nutzen, aber letztlich wohl alle radikalen Kräfte. Zumindest, wenn Informationen über das Ultimatum an die Öffentlichkeit gelangen würden.«

Der Generalsekretär war anscheinend von der Antwort enttäuscht. »Dies ist eine völlig neuartige Bedrohung, ich fürchte, dass es sich um den Beginn von etwas ganz Neuem handelt. Die Entwicklungsländer rebellieren jetzt erstmals gemeinsam gegen die Unterdrückung durch die westlichen Staaten. Was hat das für Folgen? Entstehen in den Entwicklungsländern neue Allianzen, die dem Westen feindlich gesinnt sind? Die ärmsten Staaten waren bisher nicht imstande, sich gegen den Westen aufzulehnen, sie haben es nicht gewagt … und hatten keine Mittel und Wege. Und jetzt? Wird jetzt das Spiel eröffnet? Führt das zum Rohstoffmangel und zu gewaltigen Problemen für die Industrie in den westlichen Ländern …«

Die besorgt aussehende Außenministerin schwieg.

»Sollten wir in Erwägung ziehen, auf das Ultimatum einzugehen?«, fuhr der Generalsekretär fort. »Der Schuldenerlass wäre eine glänzende PR für die UNO und den Westen und auch ziemlich billig. Von den fünfzig ärmsten Staaten der Welt dürften künftig sowieso keine großen Kreditrückzahlungen zu erwarten sein.«

»Vergiss dabei nicht, dass sie auch einhundertfünfzig Milliarden Dollar zusätzliche Kredite verlangen, und das ist viel«, erwiderte die Außenministerin und senkte dann die Stimme. »Du glaubst es vielleicht nicht, aber in diesem Einzelfall würden wir uns auf die Erpressung gern einlassen, wenn uns nur irgendetwas einfiele, wie man die Erpresser daran hindern könnte, ihren ganzen Plan an die Öffentlichkeit zu bringen, nachdem sie das Gewünschte erreicht haben. Wenn wir auf die Forderungen der Terroristen eingehen, würde das auch andere ermutigen, etwas Ähnliches zu versuchen.«

»Der Gedanke, den ärmsten Staaten der Welt die Schulden zu erlassen, gefällt den USA, das hört man gern. Wir können ihn ja dann umsetzen, wenn die Bedrohung durch die Raketen beseitigt ist«, sagte der Generalsekretär, es sollte freundlich klingen, aber das gelang ihm nicht.

Die Außenministerin stand auf und strich ihren Rock gerade.

Der Generalsekretär erschrak. »Wir haben keine Möglichkeit, uns gegen Raketenanschläge zu schützen, die UNO und ihre Unterorganisationen besitzen überall in Europa Büros: in Madrid, Paris, London, Bern, Wien, Rom … Der IWF und auch die Weltbank haben in Europa Filialen. Die kann man natürlich alle an dem Tag schließen, für den der Raketenanschlag angedrohnt wird, aber in dem Fall werden die Terroristen den Zeitpunkt des Anschlags einfach verschieben. Was tun wir dann, schließen wir all unsere Büros auch am nächsten Tag, am übernächsten …«

»Das ist offen gesagt euer Problem«, stellte die Außenministerin ganz gelassen fest.

***

Abu Baabas stand in der Sahel-Savanne am Rande des Dorfes Al Wusan dreihundert Kilometer südlich von Khartoum und zitterte vor Kälte. Er wartete. Hier gab es nur verdorrtes Gras, rötlichen Sand, kleine Akazienbäume und zwei Renault-LKW, auf deren Ladeflächen sich insgesamt zweihundert Sklaven in gutem Zustand befanden. Hundert Frauen zwischen zwanzig und dreißig und genauso viele gleichaltrige Männer. Sehen konnte Baabas allerdings nur die Glut seiner Zigarette. Es war ihm unverständlich, warum der Auftraggeber der monatlichen Sklavenlieferungen verlangte, dass ihr Treffen immer mitten in der Nacht und mitten im Sahel stattfand. Und warum musste er jedes Mal persönlich dabei sein?

Die Nacht war kälter als gewöhnlich, und Baabas trug nur den dünnen Tarnanzug der Armee. Sein steifer Nacken schmerzte. Würde heute etwas Außergewöhnliches geschehen? Am Morgen beim Verladen der Sklaven hatte Rashid Osman ihm einen kurzen Besuch abgestattet und dabei einen nervösen und neugierigen Eindruck gemacht. Angeblich war diese Lieferung noch wichtiger als sonst. Osman hatte auch erzählt, er sei als Vizepräsident, der für die innere Sicherheit des Sudan verantwortlich war, wegen des Mordes an dem UN-Mitarbeiter in eine schwierige Lage geraten. Der Westen drängte ihn, den Schuldigen zu finden und vor Gericht zu bringen. Angeblich hatte Osman kürzlich in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung versichert, das Rechtssystem des Sudan entspreche vollkommen westlichem Standard. Baabas wusste, warum Osman ihm das erzählte – um die Ermittlungen zu beschleunigen. Und um ihn zu warnen, dass die Zeit bald abgelaufen war. Mit jedem Tag, der verging, war sich Baabas sicherer, dass der Liberale Rashid Osman, der dem Westen in den Hintern kroch, ihn zum Sündenbock machen wollte, falls die Ermittlungen zum Mord an Ewan Taylor nicht bald von Erfolg gekrönt wären.

Wenigstens wärmte der Ärger etwas, Baabas zündete sich eine neue Zigarette an. Leo Kara hatte nur deshalb aus dem Sudan fliehen können, weil Osman nicht erlaubt hatte, ihn weiter zu inhaftieren. Und ohne Kara würde er die Morde an Ewan Taylor und dem Witwenmacher nie aufklären. Kara war schuldig, das wusste er, alle anderen Möglichkeiten waren jetzt ausgeschlossen. Katarina Kraus, die mit Ewan Taylor kurz vor dessen Tod im Restaurant Mittag gegessen hatte, besaß ein Alibi für den Zeitpunkt des Mordes. Die vom Täter verwendeten Black-Talon-Geschosse hatten seine Leute zurückverfolgt bis zu einem Warenposten, der 1996 von der Munitionsfabrik in Winchester an die tschechische Armee verkauft worden war. Doch das hatte die Ermittlungen auch nicht entscheidend vorangebracht. Baabas wunderte es, dass er nichts vom Generaldirektor des UNODC oder von einem internationalen Haftbefehl hörte, obwohl er die Beweise für Karas Schuld schon vor vier Tagen nach Wien geschickt hatte.

Seine Armbanduhr piepte zum Zeichen der vollen Stunde, und Baabas spähte in Richtung Westen. Am Horizont sah man langsam größer werdende Lichtpunkte. Er wusste, dass es die Lastkraftwagen des Sklavenkäufers waren; der Mann kam immer pünktlich, und in dieser Gegend des Sahel war niemand zufällig unterwegs. Das Schauspiel, das jetzt im Gange war, wiederholte sich exakt in der gleichen Form schon seit einem Jahr. An jedem ersten Sonntag im Monat verluden die Soldaten von Baabas zweihundert junge Sklaven auf Laster und fuhren sie zu diesem gottverlassenen Ort.

Die leuchtenden Punkte wurden größer, bis man schließlich die Motorgeräusche hörte und die Lichtkegel der Scheinwerfer erkennen konnte. Der eine russische Allrad-LKW des Käufers blieb weit entfernt von Baabas und dessen Wagen stehen, seine Aufgabe bestand darin, die Bühne zu beleuchten. Der andere ZIL hielt direkt neben Baabas, und der Fahrerkabine entstieg mit schwerfälligen Bewegungen ein riesiger schwarzbärtiger Mann. Der hellhäutige Käufer in seinen Shorts sah aus wie ein Tourist, der sich verirrt hatte. Bei dem Gedanken, dass der Mann ihn durch die Savanne scheuchte wie ein armseliges Kamel, spürte Baabas, wie sich Wut in ihm regte.

»Ist die Fracht so, wie sie sein soll?«, fragte der Bärtige in schlechtem Arabisch und musterte die auf den offenen Ladeflächen hockenden Menschen vom Stamm der Fur, der Nuer, der Dinka und der Nuba, von denen einer dunkelhäutiger war als der andere.

»Aber natürlich, wie immer«, antwortete Baabas und griff nach dem Stoffbeutel, den der Mann ihm reichte. Er brauchte das Geld nicht zu zählen, er wusste, dass es hunderttausend Dollar waren. Mit lauter Stimme befahl er seinen Soldaten, die Sklaven auf die Wagen des Käufers umzuladen. Das menschliche Vieh strömte im Scheinwerferlicht von einem Laster zum anderen, es sah aus, als würde ein vor Kälte fast erstarrter schwarzer Bach zäh dahinfließen. Die Sklaven schienen sich in ihr Schicksal ergeben zu haben, niemand sprach ein Wort.

»Schaffen Sie die nach Äthiopien? Oder nach Uganda?«, erkundigte sich Baabas, obwohl er sich vorgenommen hatte, diesmal nichts zu fragen. Doch ihn plagte die Neugier. Warum kaufte jemand einmal im Monat zweihundert Sklaven, zahlte das Zehnfache des Werts und holte die Ware mitten in der Nacht in der Wüste ab? Der Käufer antwortete nicht.

»Sie wissen doch, dass ich für den sudanesischen Staat arbeite. Wenn ich will, finde ich Ihren Zielort leicht heraus«, hakte Baabas nach.

Der bärtige Hüne schaute ihn mit besorgter Miene an. »Damit wären wir fertig für heute. Wenn ich es recht verstehe, sind unsere Geschäfte für Sie äußerst einträglich. Bei mir zu Hause sagt man, dass man die Kuh, die Milch gibt, nicht schlachten sollte.«

»Und in welcher Gegend sind Sie zu Hause?«, fragte Baabas, erhielt aber wieder keine Antwort.

»Seien Sie unbesorgt, ich habe nicht die Absicht, Ihnen Probleme zu bereiten«, versicherte Baabas. »Unsere Abmachungen sind eben nur so speziell, dass sie zwangsläufig Fragen aufwerfen.«

Der Mann mit dem schwarzen Bart wechselte mit seinen Helfern ein paar Worte in einer Sprache, die Baabas nicht erkannte, gab ihm die Hand und rief im Weggehen: »Bis zu unserem Treffen am ersten Sonntag im Juni.«

Dann verschwanden die Lastkraftwagen mit den Sklaven in einer Staubwolke in Richtung Westen, und Abu Baabas hatte zum ersten Mal seit langem das Gefühl, am kürzeren Hebel zu sitzen.