10. KAPITEL

Wenige Tage nachdem mir Krysia von Pankiewicz erzählt hat, stehe ich in einer Ecke des Vorzimmers und lege Unterlagen in den Aktenschrank. Mein selbst entwickeltes Ordnungssystem funktioniert gut, aber ich muss darauf achten, mindestens einmal pro Woche die Ablage zu erledigen, sonst gerate ich ins Hintertreffen. Ich mache eine kurze Pause, um mir den Schweiß von der Stirn zu wischen. Es ist Mitte Juli und ziemlich warm, und das, obwohl es noch nicht einmal zehn Uhr am Morgen ist und beide Fenster geöffnet sind.

Plötzlich kommt der Kommandant aus dem Empfangsbereich in mein Zimmer geeilt, dicht gefolgt von Malgorzata. “In mein Büro bitte”, sagt er im Vorbeigehen, ohne mich anzusehen. Überrascht bleibe ich ein paar Sekunden lang stehen. Unsere tägliche Besprechung ist bereits zwei Stunden her, und bislang hat er mich noch nie so schnell wieder zu sich gebeten – ganz zu schweigen davon, dass er Malgorzata noch nie dazugeholt hat. Irgendetwas stimmt nicht. Prompt läuft mir ein eisiger Schauder über den Rücken, und plötzlich fallen mir die Passierscheine ein. Sicher hat jemand festgestellt, dass einige von ihnen fehlen. Vielleicht hat Malgorzata den Kommandanten wissen lassen, dass ich mich an dem Tag, an dem die Scheine verschwanden, eigenartig verhielt. Oder eine der Sekretärinnen hat beobachtet, wie ich mich vor Kirchs Büro aufhielt. Mir wird schwindlig, und ich muss mich am Aktenschrank festhalten.

“Anna …?” Ich zucke erschrocken zusammen und drehe mich um. Oberst Diedrichsen ist ins Vorzimmer gekommen und sieht mich von der Tür zum Büro des Kommandanten aus abwartend an.

“Ja, ich komme”, erwidere ich. Als ich nach meinem Notizblock greife, muss ich mich zwingen, meine Hände ruhig zu halten. Oberst Diedrichsen betritt hinter mir das Büro.

“Setzen Sie sich”, sagt der Kommandant. Aus dem Augenwinkel betrachte ich sein Gesicht und suche nach einem Hinweis, nach einem wütenden oder anklagenden Ausdruck, doch er sieht nicht in meine Richtung und ich kann nichts erkennen. Diedrichsen setzt sich steif in einen Sessel, ich nehme neben Malgorzata auf dem Sofa Platz. Noch während ich mich setze, versuche ich mir krampfhaft eine Antwort für den Fall zurechtzulegen, dass ich auf die Passierscheine angesprochen werde. Welchen Grund könnte ich gehabt haben, mich an jenem Morgen vor Kirchs Büro aufzuhalten? Dann räuspert sich der Kommandant und verkündet: “Wir erwarten offiziellen Besuch aus Berlin.”

Dann geht es gar nicht um die Scheine? Unendliche Erleichterung erfasst mich.

“Herr Kommandant?” Oberst Diedrichsen klingt erschrocken. Zum ersten Mal höre ich eine Gefühlsregung in seiner Stimme. “Eine Delegation?” Auch ich bin überrascht. Zwar erinnere ich mich, dass Ludwig auf der Abendgesellschaft bei Krysia von einer Delegation sprach, doch seit ich hier arbeite, ist davon nicht wieder die Rede gewesen.

“Ja, es wurde erst gestern entschieden. Drei sehr hochrangige Offiziere der SS werden am Donnerstag hier eintreffen.” Der Kommandant nimmt einige Papiere von seinem Schreibtisch und verteilt sie an uns. “Das ist in drei Tagen, und bis dahin ist noch viel zu tun. Natürlich wird der Gouverneur mit der Delegation zusammentreffen, aber alle Arrangements müssen von diesem Büro aus getroffen werden. Oberst Diedrichsen wird sich um den offiziellen Terminablauf kümmern. Anna, Sie werden ihm assistieren und dafür sorgen, dass hier im Büro alles reibungslos läuft.” Auch wenn ich mir nicht sicher bin, was genau er eigentlich von mir erwartet, nicke ich. “Malgorzata, Sie kümmern sich darum, dass das Büro in tadellosem Zustand ist.”

“Ja, Herr Kommandant!”, gibt sie zurück und hebt stolz das Kinn, als müsse sie irgendwelche Staatsgeheimnisse hüten.

“Gut, das wäre für den Moment alles.” Oberst Diedrichsen steht auf und geht zur Tür, Malgorzata und ich folgen ihm. “Anna, Sie bleiben bitte noch hier.” Der Kommandant winkt mich zu seinem Schreibtisch, sagt jedoch kein Wort, bis die anderen den Raum verlassen haben.

“Ja, Herr Kommandant?” Da ich ihm nun näher bin, bemerke ich sein fahles Gesicht und die müden Augen.

“Ich muss Ihnen nicht erklären, wie wichtig dieser Besuch für mich und für uns alle ist.” Ich nicke verstehend, frage mich allerdings, warum er mir das erzählt. “Alles muss absolut reibungslos verlaufen. Ich zähle auf Sie.”

“Auf mich?” Meine Überraschung kann ich nicht verbergen.

“Ja. Sie sind sehr tüchtig, und Sie haben einen Blick für Details. Achten Sie darauf, dass Oberst Diedrichsen und die anderen nichts vergessen. Wenn Sie das Gefühl haben, etwas wurde übersehen oder falsch erledigt, lassen Sie es mich sofort wissen. Verstehen Sie?”

“Ja, Herr Kommandant.”

“Gut.” Er lässt den Kopf sinken und legt die Finger an die Schläfen.

“Fühlen Sie sich nicht wohl?”

“Es sind nur Kopfschmerzen”, erwidert er, ohne mich anzusehen. “Damit hatte ich schon immer zu tun, aber in letzter Zeit sind sie schlimmer geworden.”

“Soll ich Ihnen ein Mittel bringen?”, schlage ich vor, doch er verneint.

“Für diese Kopfschmerzen benötige ich etwas Stärkeres. Mein Arzt hat mir ein Medikament verschrieben.”

“Gut. Brauchen Sie irgendetwas anderes?”

“Nicht im Augenblick”, antwortet er und hebt den Kopf ein wenig, um mich anzuschauen. “Danke, Anna. Ich fühle mich bereits besser, wenn ich weiß, dass Sie hier sind.”

Ich entgegne darauf nichts und verlasse schnell sein Büro.

Die nächsten Tage sind ein einziger Wirbel aus hektischen Aktivitäten. Die Nachricht von dem bevorstehenden Besuch spricht sich in Windeseile herum. Die Putzfrauen in der Wawelburg arbeiten rund um die Uhr, damit die Marmortreppen glänzen und die unzähligen Fenster sauber blitzen. Die Hakenkreuzfahnen in den Gängen werden abgenommen, gebügelt und wieder aufgehängt. Malgorzata scheint dem Reinigungspersonal nicht zu vertrauen und kümmert sich lieber selbst darum, unsere Büros auf Hochglanz zu bringen. Eineinhalb Tage lang sehe ich ihr zu, wie sie auf Knien den Fußboden schrubbt.

Meine eigene Rolle bei alledem ist recht eingeschränkt. Am Tag nach unserer Besprechung helfe ich Oberst Diedrichsen, indem ich die letzte Fassung des Terminplans auf der Maschine abtippe, wobei er mich darauf hinweist, dass das Ganze streng vertraulich zu behandeln ist. Die aus den drei SS-Offizieren und ihren Adjutanten bestehende Delegation wird für eine Nacht hierbleiben und die Arbeitslager Plaszow und Auschwitz sowie das Ghetto besuchen. Als ich den letzten Teil lese, schaudert mir. Ich weiß, das Ghetto ist groß und die Chancen sind äußerst gering, dass diese Delegation meine Eltern sehen wird, dennoch … ich verdränge den Gedanken mit aller Macht und konzentriere mich auf meine Arbeit. Am Freitag lädt der Kommandant mich ein, einer Besprechung mit ihm und dem Oberst beizuwohnen. Als jedes noch so kleine Detail durchgesprochen ist, erklärt der Kommandant, dass wir fertig sind.

Am Abend dreht sich mir der Magen um, sobald ich an den Besuch denke. “Ich wünschte, ich könnte mich morgen krankmelden”, vertraue ich Krysia nach dem Abendessen an, während ich den Tisch abräume. “So nervös war ich seit meinem ersten Arbeitstag nicht mehr.”

“Du schaffst das schon”, versichert sie mir. Sie sitzt noch am Tisch und versucht, Łukasz zu füttern. “Du hast jeden Tag mit diesen Leuten zu tun.”

Ich schüttele den Kopf. “Die hier sind anders.” Das sind SS-Leute aus Berlin, die mich bestimmt durchschauen werden.

Doch sie reicht mir unbeeindruckt einen Teller an und fährt fort: “Wenn sie so von sich eingenommen sind wie alle Männer, werden sie dich vermutlich nicht einmal bemerken.” Als ich sie ansehe, stelle ich fest, dass sie mich angrinst.

“Krysia!”, rufe ich überrascht aus. Unwillkürlich muss ich kichern. Ihre Feststellung ist amüsant und zutreffend zugleich. Vom Kommandanten abgesehen scheinen junge Frauen wie ich für mächtige Männer unsichtbar zu sein, egal ob sie Nazis oder Professoren sind. Plötzlich müssen wir beide von Herzen lachen. Ursache dafür ist nicht nur ihr Kommentar, sondern auch die Tatsache, dass die gesamte Situation so völlig lächerlich ist. Dazu kommt die über Monate hinweg angestaute Angst vor Entdeckung, die sich jetzt in einem lauten Gelächter entlädt. Łukasz sieht uns verwundert an, weil er uns noch nie so erlebt hat, und es dauert nicht lange, da stimmt er in das Lachen ein und schlägt begeistert mit seinem Löffel auf die Tischplatte. Das Essen fliegt umher, doch dieser Anblick lässt uns nur noch lauter lachen. Später liege ich im Bett und stelle fest, dass mein Hals vom Gelächter ganz rau geworden ist. Er ist es nicht mehr gewöhnt, solche Laute zu produzieren.

Am nächsten Tag mache ich mich eine halbe Stunde früher auf den Weg zur Arbeit. Der Kommandant, Oberst Diedrichsen und Malgorzata sind bereits im Büro, als ich dort eintreffe. Sie sind so in ihre Vorbereitungen vertieft, als würden sie die Delegation nicht erst am Nachmittag, sondern jeden Augenblick erwarten. An diesem Tag lassen wir die Mittagspause ausfallen. Selbst der sonst so ruhige und gefasste Kommandant begibt sich immer wieder von seinem Büro in den Empfangsbereich und zurück. Zum ersten Mal scheint er mich nicht wahrzunehmen. Genau um viertel vor zwei klingelt Malgorzatas Telefon. Förmlich beugt sie sich über ihren Schreibtisch, um den Hörer aufzunehmen. “Herr Kommandant, sie sind hier!”, ruft sie dann.

“So früh …”, höre ich ihn murmeln, als sei das ein böses Omen. “An Ihre Schreibtische, meine Damen.” Er zieht seine Jacke gerade. “Herr Oberst, Sie kommen mit mir.” Als die Männer das Büro verlassen, sehe ich zu Malgorzata hinüber. Sie sitzt absolut gerade auf ihrem Stuhl und streicht sich das Haar glatt. Ihr Gesicht ist vor Begeisterung gerötet. Nie habe ich sie mehr verabscheut als in diesem Moment.

Ich kehre in mein Vorzimmer zurück und schließe die Tür, dann setze ich mich an meinen Schreibtisch und nehme eine Haltung ein, die ich für angemessen professionell halte, indem ich zu Block und Stift greife. Einige Minuten darauf sind aus dem Korridor schwere Schritte und tiefe Stimmen zu hören, dann wird die Tür zum Empfangsbereich geöffnet. Die Stimmen werden lauter. Ich ermahne mich, ruhig durchzuatmen und mich ganz natürlich zu verhalten. Schließlich geht die Tür zum Vorzimmer auf, der Kommandant kommt herein, ihm folgen sieben Männer. Obwohl ich den Kopf gesenkt halte und mich auf meine Arbeit konzentriere, erkenne ich, dass die drei hochdekorierten Männer in den schwarzen Uniformen gleich hinter dem Kommandanten die SS-Leute sind. Bei den drei jüngeren Männern, die ihnen folgen, handelt es sich offensichtlich um ihre Adjutanten.

Keiner der Männer ist so hochgewachsen oder so beeindruckend wie der Kommandant. Krysia hatte recht. Die Delegation geht an meinem Schreibtisch vorbei, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Wenn sich weiterhin niemand für mich interessiert, kann ich diesen Tag wohl doch noch überstehen.

Den Schluss der Gruppe bildet Oberst Diedrichsen. Als er an der Tür zum Büro des Kommandanten angelangt ist, dreht er sich zu mir um. “Anna, bringen Sie uns acht Tassen Kaffee. Schnell!”

Innerlich zucke ich zusammen. Ich hatte nicht damit gerechnet, Getränke servieren zu müssen. Ich überlege, ob ich diese Aufgabe Malgorzata übertragen soll, doch ich weiß, es wäre dem Kommandanten lieber, wenn ich mich selbst darum kümmere. “Ja, Herr Oberst”, erwidere ich, stehe auf und begebe mich in die kleine Küche ein Stück weiter den Flur entlang. Wenige Minuten später komme ich zurück ins Empfangszimmer und balanciere ein Tablett mit einer Kaffeekanne und acht Tassen darauf. Malgorzata hält mir die Tür zum Vorzimmer auf, ohne dass ich sie erst darum bitten muss. An der Art, wie sie mir durch mein Büro folgt, erkenne ich, dass sie darauf hofft, auch in das Büro des Kommandanten mitkommen zu dürfen. “Danke, Malgorzata”, flüstere ich mit Nachdruck, als sie mir auch die nächste Tür aufhält. Geschlagen macht sie kehrt.

Meine Hoffnung ist, das Tablett einfach auf dem flachen Tisch abstellen zu können und mich wieder zurückzuziehen, doch so wie sich die Delegation im Zimmer verteilt hat, bleibt mir nichts anderes übrig, als jeden der Männer einzeln zu bedienen. Zunächst gehe ich zum gegenüberliegenden Ende des Raums, wo der Kommandant und zwei SS-Offiziere am Konferenztisch zusammensitzen und eine große Landkarte studieren. Mit gesenktem Blick stelle ich das Tablett ab und gieße den Kaffee ein. Mit einem Mal beginnen meine Hände zu zittern. Heißer Kaffee läuft über den Rand der Tasse und verbrüht meine Finger. Ich mache einen Satz und stelle die Tasse mit einem lauten Scheppern auf den Unterteller. Einer der Offiziere wirft mir einen verärgerten Blick zu.

“Anna”, sagt der Kommandant leise. Ich rechne damit, Zorn aus seiner Stimme herauszuhören, doch das ist nicht der Fall. Unsere Blicke begegnen sich, und ich bemerke in seinen Augen Sorge um mich, aber auch noch etwas anderes, das ich nicht zu deuten vermag. Mir stockt der Atem, dann höre ich: “Danke.” Ich nicke, kann jedoch meinen Blick nicht von seinem lösen.

“Kommandant Richwalder …”, vernehme ich eine Männerstimme und sehe nach rechts. Einen Moment lang hatte ich vergessen, wo wir uns befinden und dass wir nicht allein sind. Die Offiziere am Konferenztisch sehen uns an, und der Mann, der sich eben noch über mein Ungeschick geärgert hat, blickt verwundert drein. Ich merke, dass er es nicht gewohnt ist, einen Mann wie den Kommandanten einen so sanften Tonfall anschlagen zu hören. Noch mehr aber verwundert ihn die Art, wie mich der Kommandant ansieht.

“Danke, Anna”, wiederholt er. “Das wäre dann alles.” Er räuspert sich und ordnet die Papiere vor sich auf dem Tisch neu, ehe er sich wieder den Männern widmet. “Wenn Sie dann Seite drei aufschlagen wollen …”

Darauf bedacht, nicht noch einmal Kaffee zu verschütten, bringe ich das Tablett zum Schreibtisch, wo das dritte Mitglied der Delegation sitzt und telefoniert. Der Mann sieht mich nicht an, sondern ist in sein Gespräch vertieft. Mir fällt auf, dass der Bilderrahmen mit dem Foto verschwunden ist. Zügig bringe ich Diedrichsen und den anderen, die auf der Sitzgruppe Platz genommen haben, ihren Kaffee. Bei diesen jüngeren Männern spüre ich deutlich, wie sie mich eingehend mustern, während ich die Tassen auf den Tisch stelle. Mein Gesicht beginnt zu glühen, und nachdem ich mich aufgerichtet habe, entkomme ich ins Vorzimmer.

Zitternd kehre ich an meinen Schreibtisch zurück. Mein Herz klopft wie wild, aber ich sage mir, dass das Treffen bald vorüber sein wird. Die Delegation soll nur für kurze Zeit im Büro bleiben, und wenn sie gegangen ist, wird sie nicht hierher zurückkommen. Zwanzig Minuten später werden die Stimmen im Nebenraum lauter, dann geht die Tür auf. Der Kommandant selbst führt abermals die Gruppe an und geht wortlos an mir vorbei, ohne mich eines Blicks zu würdigen. Ich frage mich, ob er wütend auf mich ist, weil ich den Kaffee verschüttet habe. Doch an der nächsten Tür angekommen, dreht er sich zu mir um und sagt: “Ich werde Sie anrufen.” Ich nicke bestätigend. Gestern hat er mich wissen lassen, dass ich heute nicht um die übliche Zeit Feierabend machen kann, sondern warten muss, falls die Delegation noch etwas benötigt. Er hat versprochen, mir Bescheid zu geben, wenn die SS-Leute sich zur Nachtruhe begeben, damit ich nach Hause gehen kann.

Nachdem auch die Tür des Empfangszimmers hinter der Delegation ins Schloss gefallen ist, atme ich befreit auf. Sie sind weg. Ein paar Minuten später nehme ich das Tablett und gehe nach nebenan, um die benutzten Kaffeetassen einzusammeln. Ich könnte das dem Reinigungspersonal oder sogar Malgorzata überlassen, doch ich will herausfinden, ob die Delegation womöglich Papiere zurückgelassen hat. Der Schreibtisch und der Tisch bei der Sitzgruppe sind bis auf die Tassen leergeräumt, nicht aber der Konferenztisch. Dort liegt nach wie vor die Karte ausgebreitet, über der der Kommandant und die anderen saßen, als ich den Kaffee servierte. Ich mäßige meine Begeisterung, während ich mich dem Tisch nähere. Es ist nur eine Landkarte. Wäre darauf etwas Wichtiges zu entdecken, hätten sie sie nicht liegen lassen.

Ich werfe einen Blick über die Schulter, um Gewissheit zu haben, dass Malgorzata mir nicht gefolgt ist. Dann gehe ich langsam weiter, halte das Tablett in der einen und eine leere Tasse in der anderen Hand. Für jeden, der unerwartet eintritt, sieht das so aus, als würde ich lediglich aufräumen. Ich schaue genauer hin und erkenne, dass es sich um eine auf Deutsch beschriftete Karte von Kraków handelt. Mehrere Gebäude sind rot eingekreist: die Wawelburg, die Verwaltung am Außenring, Kazimierz, das Ghetto. Rote Pfeile führen von Kazimierz zum Ghetto. Vermutlich die Orte, die sie besucht haben, denke ich und will weiter aufräumen. Doch als ich nach der letzten Tasse greife, stutze ich. Die Pfeile zeigen gar nicht auf das Ghetto, sondern verlaufen hindurch und enden erst beim Arbeitslager Plaszow. Das Ghetto ist mit Bleistift durchgekreuzt. Vor Schreck erstarre ich, meine Nackenhaare sträuben sich. Warum ist das Ghetto durchgekreuzt? Was bedeutet das? Eine weitere akcja? Sollen alle Bewohner des Ghettos nach Plaszow deportiert werden? Hör auf damit, ermahne ich mich und spüre, wie sich mein Magen umzudrehen beginnt. Du weißt gar nichts, also beruhige dich. Ich nehme mir vor, Alek davon zu erzählen, wenn ich ihn am Dienstag treffe.

Nachdem ich das Tablett in die Küche gebracht habe, kehre ich in mein Büro zurück. Der Rest des Tages verläuft ereignislos. Einmal gehe ich zur Toilette, ansonsten entferne ich mich nicht von meinem Schreibtisch, da der Kommandant anrufen könnte. Als es fünf Uhr wird, schaut Malgorzata herein. “Ich kann auch noch bleiben, wenn Sie möchten”, bietet sie mir an.

Aber ich schüttele den Kopf. Ich weiß nur zu gut, dass sie bleiben will, weil sie hofft, von mir etwas über die Delegation zu erfahren. Ehrlich gesagt freue ich mich nicht darauf, ganz allein im Büro zu bleiben, aber das ist mir immer noch lieber, als von Malgorzata ausgehorcht zu werden. “Nein, danke. Es gibt nichts, was erledigt werden müsste.” Als sie geht, höre ich auf dem Korridor die anderen Sekretärinnen reden, die ebenfalls Feierabend machen. Zunächst bin ich damit beschäftigt, das Ablagesystem zu vervollständigen, mit dem ich zu Beginn der Woche angefangen habe, und das Adressregister des Kommandanten auf einen aktuellen Stand zu bringen. Das einzige Geräusch kommt vom Ticken der Standuhr. Als ich mit meiner Arbeit fertig bin, stehen die Zeiger gerade einmal auf viertel vor sieben. Die Delegation bekommt in diesem Augenblick bestenfalls den ersten Gang im Wierzynek serviert, dem vornehmen polnischen Restaurant, das ich Diedrichsen empfohlen habe. Es könnte durchaus sein, dass ich noch etliche Stunden hier ausharren muss. Schließlich hole ich mein Essen aus der Tasche: kalter Eintopf vom Vortag und ein großes Stück Brot. Mein Blick schweift durch das leere, stille Büro, und ich muss seufzen, als ich mir vorstelle, wie Krysia und Łukasz ohne mich zu Abend essen. Ich überlege, ob sich der Kleine anstellen wird, weil ich nicht zu Hause bin.

Eine weitere Stunde vergeht ereignislos, und noch immer hat der Kommandant nicht angerufen. Ich beginne mich zu fragen, ob er mich womöglich vergessen hat. Als ich es nicht länger aushalte, stürme ich aus dem Zimmer zur Toilette. Auf dem Rückweg höre ich beim Betreten des Empfangsbereichs, dass mein Telefon klingelt. Da es der Kommandant sein könnte, renne ich ins Vorzimmer und reiße den Hörer vom Apparat. “Tak?”, melde ich mich außer Atem und vergesse dabei völlig, Deutsch zu sprechen.

Es ist nicht der Kommandant, sondern Oberst Diedrichsen. “Ist er da?”, fragt er ungeduldig.

“Wer?”

“Natürlich der Kommandant.” Er klingt aufgebracht. “Er sagte, er muss noch einmal zurück ins Büro, und hat mich gebeten, die Delegation zum Hotel zu bringen.”

“Ich glaube nicht …”, beginne ich, aber dann bemerke ich unter der Tür zum Nebenzimmer einen schwachen Lichtschein. “Oh, doch, er ist hier. Er muss hereingekommen sein, während ich kurz meinen Platz verlassen habe. Wollen Sie ihn sprechen?”

“Nein, ich wollte nur hören, ob er wohlbehalten angekommen ist.” Diedrichsens Stimme klingt eigenartig. “Sein Wagen wird unten auf ihn warten, wenn er fertig ist.”

“Ich werde es ihm ausrichten, sobald ich ihn sehe.” Ich lege auf und sehe zur Tür. Soll ich anklopfen und fragen, ob er etwas braucht? Ich durchquere das Vorzimmer, bleibe dann jedoch stehen. Nein, sage ich mir und mache kehrt, ich werde erst noch eine Weile warten.

Als ich zu meinem Schreibtisch zurückgehe, bemerke ich mein Spiegelbild im Fenster und streiche mein leicht zerzaustes Haar glatt. Nachdem ich Platz genommen habe, sehe ich voller Unbehagen zur Tür. Es ist nicht die Art des Kommandanten, sich noch am Abend im Büro aufzuhalten. Wieso ist er zurückgekommen? Zehn Minuten verstreichen, dann zwanzig. Aus dem Nebenzimmer vernehme ich keinen Laut. Ist er vielleicht eingeschlafen?

Schließlich gehe ich zur Tür und klopfe zaghaft an. Er reagiert nicht. Vorsichtig öffne ich die Tür einen Spalt und entdecke den Kommandanten, wie er vor der Karte von Kraków steht. Er hat mir den Rücken zugewandt, der Kopf ist zur rechten Schulter geneigt, während er die Karte betrachtet.

“Herr Kommandant?” Er scheint mich nicht zu hören. “Brauchen Sie etwas?”, frage ich nach einer längeren Pause. Ein wenig wacklig auf den Beinen dreht er sich zu mir um, und mir wird klar, dass er getrunken haben muss. Meine Vermutung bestätigt sich, als ich zu ihm gehe und mir eine nach Weinbrand und Schweiß riechende Wolke entgegenschlägt. Mich überrascht das, weil mir der Kommandant bislang immer als ein durch und durch disziplinierter Mann vorgekommen ist. Noch nie habe ich gesehen, dass er von dem Weinbrand aus der Glaskaraffe auf seinem Schreibtisch getrunken hat.

“Herr Kommandant”, wiederhole ich behutsam, aber er reagiert weiterhin nicht. Ich zeige auf eine mir fremde Aktenmappe, die er krampfhaft festhält. “Ist das für mich?”, frage ich.

Er schüttelt ungewöhnlich langsam den Kopf und legt die Mappe in die oberste Schreibtischschublade. Ich nehme mir vor, bei nächster Gelegenheit einen Blick in diese Unterlagen zu werfen. “Haben Sie Arbeit für mich, die ich morgen früh erledigen kann, während Sie mit der Delegation unterwegs sind?” Als ich näher komme, fallen mir die winzigen Bartstoppeln auf, die Wangen- und Kinnpartie überziehen. Er sieht merkwürdig zerzaust aus, und in seinen Augen bemerke ich einen fremdartigen Ausdruck, der mir noch nie an ihm aufgefallen ist.

Nun starrt er aus dem Fenster in den düsteren Himmel hinaus. “Ich war heute in Auschwitz”, sagt er plötzlich. Auschwitz. Das Wort genügt, um mich frösteln zu lassen. Bereits vor der Zeit im Ghetto hatten wir Gerüchte über das Lager gehört. Ursprünglich war von einem Arbeitslager für politische Gefangene die Rede gewesen. Während meiner letzten Monate im Ghetto hatten diese Geschichten aber eine immer grausamere Wendung genommen. Angeblich war das Lager voller Juden, die dort jedoch nicht arbeiteten, sondern in Scharen starben. Seit ich bei Krysia bin, habe ich nichts weiter darüber gehört. In der Wawelburg spricht niemand davon. Auschwitz. Jetzt verstehe ich, warum der Kommandant getrunken hat.

Ich weiß nicht so recht, was ich entgegnen soll. “Ja?”, erwidere ich schließlich und bemühe mich um einen interessierten Tonfall, der ihn vielleicht zum Weiterreden veranlasst. Vielleicht erfahre ich etwas, das ich an Alek weitergeben kann. Aber minutenlang schweigt er.

“Ja”, antwortet er schließlich. “Ich hätte nicht gedacht …” Er muss diesen Satz nicht zu Ende führen, ich verstehe auch so, was er meint. Der Kommandant sieht sich als einen guten Menschen, als einen Mann der Kunst und Kultur. In seiner verqueren Denkweise ist der Dienst am Reich eine ehrbare, erhabene Angelegenheit, und etwaige Unannehmlichkeiten sind notwenige Begleiterscheinungen, die man tolerieren kann. Er hat sich in der Wawelburg einquartiert, hier herrscht er aus sicherer Distanz. Von seiner Warte aus ist das Ghetto nichts weiter als ein Viertel, in dem die Juden leben. Und Plaszow ein Arbeitslager. Ich bin mir sicher, seine Zeit in Sachsenhausen rechtfertigt er damit, dass es ein Gefängnis für Kriminelle ist, die ein solches Leben verdient haben. Er hat den Hunger, die Krankheiten und das Elend nicht gesehen. Bis heute. Was er in Auschwitz erlebt hat, hat ihn ganz offenbar erschüttert.

“Es wird nicht schön gewesen sein, nehme ich an.” Ich wünschte, ich könnte seine Gedanken lesen und herausfinden, was er gesehen hat. So gern ich es auch tun würde, ich kann nicht mehr wie im Ghetto die Augen verschließen. Diesmal muss ich so viel wie möglich mitbekommen, weil es um meine Familie und den Widerstand geht. Doch der Kommandant scheint nichts mehr sagen zu wollen.

“Herr Kommandant”, spreche ich ihn wieder an, nachdem er minutenlang aus dem Fenster gestarrt hat. Fragend sieht er mich an, so als hätte er vergessen, warum ich hier bin. “Sie sehen müde aus”, stelle ich fest, woraufhin er schwach nickt und sich mit einem Arm auf die Rückenlehne seines Bürostuhls aufstützt. “Kommen Sie, ich bringe Sie zu Ihrem Wagen.” Ich gehe zum Sofa und hole seine Jacke. Er hält einfach nur die Arme ausgestreckt, damit ich ihm die Jacke anziehen kann, so wie ich es bei Łukasz tue. Durch den Stoff spüre ich die von ihm ausgehende Wärme. “Kommen Sie”, wiederhole ich und führe ihn aus dem Büro. Im Flur angekommen, drückt er ein wenig die Schultern durch und schafft es, einigermaßen zielstrebig die Treppe hinunter und nach draußen zu gehen.

Unten wartet sein Fahrer Stanislaw bereits mit der Limousine auf ihn, an deren Kotflügel Standarten mit der Hakenkreuzfahne befestigt sind. “Dobry wieczór”, begrüßt er uns in seiner tiefen Baritonstimme, als wir uns der offen stehenden hinteren Tür nähern.

Der Kommandant beugt sich leicht schwankend vor, um einzusteigen, und verfehlt mit seinem Kopf den Türrahmen nur um wenige Zentimeter. Ohne darüber nachzudenken, lege ich meine Hand sanft an seinen Rücken und helfe ihm in den Wagen. Er fällt auf seinen Sitz, wobei sein Gewicht an meinem ausgestreckten Arm zieht und ich die Balance verliere. Ich stolpere ins Wageninnere und lande auf dem Kommandanten. Sofort setze ich mich auf, während ich einen roten Kopf bekomme.

“Nun, ich mache mich dann besser auf den Weg”, sage ich, aber da hat Stanislaw die Tür bereits zugeworfen. “Warten Sie …”, protestiere ich, doch der Kommandant kann mir jetzt auch nicht helfen, er hat die Augen geschlossen, der Kopf ist nach hinten weggekippt. “Na gut, ich werde Ihnen wohl auch noch helfen, nach Hause zu kommen”, erkläre ich daraufhin. Als Antwort kommt nur ein lautes Schnarchen.

Auf dem Weg von der Burg zu seiner Wohnung nahe der Planty sehe ich mich im Wagen um. In meinem ganzen Leben habe ich nur selten in einem Automobil gesessen, und noch nie in einem so luxuriösen. Meine Finger streichen über die Ledersitze, und ich schaue nach draußen. Auf der Straße sind immer noch Menschen unterwegs, die letzte Besorgungen erledigen oder auf dem Weg nach Hause sind. Sobald wir mit der großen dunklen Limousine mit ihren Hakenkreuzstandarten vorbeifahren, bleiben die Leute stehen und sehen zu uns. Ich kann die Angst in ihren Augen erkennen.

Kurz darauf hält der Wagen vor einem eleganten Backsteingebäude. Stanislaw und ich helfen dem unverändert benommenen Kommandanten auszusteigen. Der Pförtner schließt uns das Tor auf und geht zur Seite, damit wir passieren können. Wir führen den Kommandanten eine Marmortreppe hinauf, dann schließt Stanislaw die Wohnungstür auf. Nachdem wir eingetreten sind, schafft der Kommandant es aus eigener Kraft bis zum Sofa, setzt sich hin und lässt den Kopf nach vorn sinken.

Mit hastigen Schritten zieht sich Stanislaw zurück, macht die Tür zu und lässt mich mit dem Kommandanten allein.

Die Wohnung nimmt eine ganze Etage in Anspruch und lässt in jeder Hinsicht erkennen, dass hier ein Mann lebt: Sie ist groß und wirkt irgendwie unpersönlich, wenige schwere Eichenmöbel und ein einzelnes Sofa mit kastanienbraunem Samtbezug stellen die gesamte Einrichtung dar. In der Luft steht der abgestandene Geruch von Zigarrenrauch und Weinbrand, so als wäre hier seit Jahren nicht gelüftet worden. Schwere dunkle Vorhänge verhindern, dass ich die sicherlich atemberaubende Aussicht auf die Stadt zu sehen bekomme.

Ich verlagere mein Gewicht auf den anderen Fuß und warte vergebens darauf, dass der Kommandant etwas sagt. “Es ist bereits spät, Herr Kommandant”, spreche ich ihn schließlich an. “Wenn sonst nichts mehr ist …”

“Anna, warten Sie”, murmelt er und hebt den Kopf ein wenig. “Gehen Sie nicht.” Er bedeutet mir, näher zu kommen.

Widerstrebend gehe ich zum Sofa. “Ja? Was brauchen Sie?”

Er zögert. “Nichts. Ich will sagen, ich will nicht …” Er gerät ins Stocken. “Könnten Sie … könnten Sie noch bleiben?”

Überrascht wird mir klar, dass er nicht allein sein möchte. Ich setze mich ans andere Ende des Sofas. “Ein paar Minuten Zeit habe ich noch”, erwidere ich.

“Danke.” Er streckt einen Arm nach mir aus, und bevor ich reagieren kann, hat er meine linke Hand gepackt. “Geht es Ihnen gut?”, fragt er und starrt auf meine Hand. “Sie haben sich am Kaffee verbrannt, nicht wahr?”

Einen Moment lang macht mich seine Frage sprachlos. “Es ist die andere Hand”, entgegne ich schließlich und ziehe meine Linke zurück.

“Lassen Sie mich sehen”, beharrt er, seine Stimme klingt jetzt klarer. Langsam hebe ich meinen rechten Arm, er zieht ihn zu sich und hält ihn fest im Griff, um sich meine Hand genau anzuschauen. In der Hektik des Tages hatte ich die Verbrennung schon so gut wie vergessen, doch der Bereich um meinen Daumen ist gerötet, und es haben sich ein paar Brandblasen gebildet. “Warten Sie hier”, weist er mich an.

Ich will protestieren, aber er verschwindet in die Küche, sodass ich allein in diesem riesigen Raum bin. Ich muss hier raus, geht es mir durch den Kopf. Dabei kämpfe ich gegen den dringenden Wunsch an, aus der Wohnung zu stürmen, solange der Kommandant nicht da ist. Ich zwinge mich zur Ruhe und sehe mich stattdessen noch einmal um. Im Zimmer gibt es außer einem gerahmten Foto auf dem Kaminsims keine persönlichen Gegenstände zu entdecken.

Meine Neugier ist größer als mein Unbehagen, und so stehe ich auf und gehe zum Kamin, um mir das Foto genauer anzusehen. Es ist das Porträt jener Frau, die ich auch auf dem Foto auf seinem Schreibtisch gesehen habe. Ihr wallendes pechschwarzes Haar, die hohen, geschwungenen Augenbrauen und ihre makellose Haut machen sie zu einer hübschen Frau.

“Hier”, sagt der Kommandant, als er aus der Küche kommt. Erschrocken drehe ich mich um und sehe, dass er ein feuchtes Tuch, ein Gläschen Wundsalbe und einen Verband mitgebracht hat. “Setzen Sie sich.” Widerstrebend lasse ich mich von ihm zurück zum Sofa führen, wo er meine Hand verarztet und schließlich verbindet. “Schon fertig.” Noch immer hält er meinen Arm fest, unsere Blicke treffen sich.

“Danke”, bringe ich heraus und ziehe den Arm zurück.

“Keine Ursache.” Er strafft seine Schultern, wendet den Blick aber nicht ab. “Meine Assistentin kann doch keine Verletzung an ihrer Hand haben, die nicht versorgt wurde, oder?”

“Vermutlich nicht.” Ich zwinge mich, woanders hinzuschauen, dann stehe ich auf und schlendere zurück zum Kamin. “Ein schönes Foto.” Vorsichtig hebe ich den Rahmen hoch und betrachte das Bild.

“Margot”, erwidert er im Flüsterton.

“Ihre Frau?”, hake ich nach.

“Ja. Sie war meine Frau.” Plötzlich steht er neben mir, nimmt mir den Rahmen aus der Hand und betrachtet das Foto so eingehend, als wolle er es mit seinen Blicken beschwören. Was wohl aus seiner Frau geworden ist? Ich sehe den Kommandanten an und hoffe, dass er noch etwas sagt, aber er starrt nur stumm auf das Foto. Fast könnte man meinen, er hätte mich vergessen. Ich merke, dass das die Gelegenheit ist, um aufzubrechen. Schnell gehe ich zur Tür und öffne sie. “Es ist spät, ich sollte mich auf den Weg machen.” Den Blick weiter auf das Bild seiner Frau gerichtet, steht er da, ohne etwas zu erwidern. “Gute Nacht”, sage ich, verlasse die Wohnung und eile die Treppe nach unten.

Auf der Straße wartet Stanislaw mit dem Wagen auf mich. Ich steige ein, und ohne eine Bemerkung fallen zu lassen, fährt er los. Er folgt der langen, gewundenen Straße, die zu Krysias Haus führt. Vermutlich kennt er den Weg, weil er den Kommandanten auch zu unserer Abendgesellschaft gefahren hat. Ich lasse den Kopf gegen die kühle Fensterscheibe sinken und sehe im Geist das Gesicht des Kommandanten vor mir. Heute Abend war es von einer Verzweiflung gezeichnet, wie ich sie noch nie bei ihm gesehen habe. Er wollte nicht, dass ich ihn allein lasse. Vielleicht, weil er betrunken war.

Plötzlich erinnere ich mich an jenen letzten Morgen in der Wohnung der Baus, als ich aufwachte und Jakub fort war. Es war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich mich völlig allein fühlte, und es machte mir schreckliche Angst. Manche Menschen haben keine Schwierigkeiten damit, allein zu sein. Krysia zum Beispiel, die vor Łukasz’ und meiner Ankunft auch niemanden hatte. Doch für den Kommandanten muss es schlimm sein, jede Nacht in dieser riesigen, leeren Wohnung zu verbringen, geplagt von den Erinnerungen an seine Frau. Ich habe in der Burg Gerüchte gehört, dass er verheiratet gewesen ist, aber er selbst war nie darauf zu sprechen gekommen. Heute Abend allerdings hatte ich das Gefühl, er habe einen Geist gesehen. Vielleicht lag es am Alkohol, vielleicht auch an den Eindrücken des Tages.

Auschwitz. Wieder läuft mir ein Schauder über den Rücken. Ich muss Alek bei unserer nächsten Begegnung vom Besuch des Kommandanten in Auschwitz erzählen, außerdem von der Karte auf dem Konferenztisch. Es könnte von Bedeutung sein, wenn ich bedenke, wie leer Richwalders Augen mich angesehen haben. Ich fröstele, als wir an den Häusern und Bäumen vorbeifahren und die letzten Spuren des Sonnenuntergangs hinter uns lassen.

Krysia und Łukasz schlafen bereits, als ich nach Hause komme, daher schleiche ich auf Zehenspitzen nach oben und ziehe mich leise um. Obwohl mich die Ereignisse der letzten Stunden in Verwirrung gestürzt haben, bin ich von diesem Tag so erschöpft, dass ich sofort nach dem Zubettgehen einschlafe. Ich träume, ich befinde mich in einem Zug, der in Richtung der Berge rast. Ganz sicher ist Jakub auch in diesem Zug – wenn ich ihn doch nur finden könnte. Ich zwänge mich durch die überfüllten Abteile und suche nach ihm. Dann endlich fällt mir ein Mann auf, der mit seiner schlanken Statur und der gleichen Haarfarbe von hinten wie Jakub aussieht. Er ist mir ein paar Meter voraus, doch ich gehe schneller und schneller, bis ich sogar renne, um ihn einzuholen. Dann endlich bin ich nah genug bei ihm, um ihn an der Schulter zu fassen. “Jakub!”, rufe ich, während er sich umdreht, doch in dem Moment erstarre ich mitten in der Bewegung. Das ist nicht das Gesicht meines Mannes, sondern das … des Kommandanten.

“Oh!”, rufe ich laut und sitze aufrecht und außer Atem im Bett. Meine Gedanken überschlagen sich. Monatelang bin ich in meinen Träumen Jakub nachgejagt, was einen Sinn ergab, weil er mein Mann ist. Aber das …? Ich verstehe das nicht. Doch ich ermahne mich, dass es nur ein Traum gewesen ist. Ich stehe im Büro unter großem Druck, und durch die sonderbare Unterhaltung mit dem Kommandanten bin ich aufgewühlt. Nur deshalb träume ich so etwas.

Ich lege mich wieder hin und ziehe die Decke bis zum Kinn, bin aber von meinen Erklärungen nicht so recht überzeugt. Ein beunruhigender Gedanke schleicht sich in meinen Kopf: Vielleicht bedeutet dieser Traum etwas ganz anderes. Nein. In der Dunkelheit liege ich da und schüttele den Kopf. Er bedeutet nichts anderes, so etwas wäre völlig unmöglich. Ich zwinge mich, an Jakub zu denken, bis ich irgendwann wieder einschlafe.

Als ich am nächsten Morgen ins Büro komme, ist der Kommandant nicht da. Laut Terminplan wird er sich mit der Delegation im Hotel treffen und sie dann zum Ghetto und nach Plaszow begleiten. Gegen Mittag machen sich die SS-Leute auf den Weg zurück nach Berlin. Da ich nicht wie am Vorabend wieder dadurch auffallen will, dass ich nicht an meinem Platz sitze, verbringe ich die Mittagspause an meinem Schreibtisch. Genau um viertel nach zwölf geht die Tür auf, der Kommandant kommt herein. “Anna, kommen Sie bitte mit”, sagt er knapp, während er sein Büro betritt.

Ich folge ihm nach nebenan, wo er sich den Stapel Papiere vornimmt, den ich ihm hingelegt habe. Ich stehe nicht weit von ihm entfernt und mustere sein Gesicht. Ob er etwas über den gestrigen Abend verlauten lassen wird? Falls ihm seine Trunkenheit peinlich sein sollte, lässt er sich davon zumindest nichts anmerken. Vielleicht kann er sich nicht einmal daran erinnern. Von den dunklen Augenringen abgesehen, wirkt er so wie immer. Er blickt von den Papieren auf. “Ich reise morgen nach Berlin.”

“Morgen? Nach Berlin?”, wiederhole ich überrascht.

“Ja. Es gibt da einige Dinge, um die ich mich persönlich kümmern muss.” Er gibt mir verschiedene Unterlagen. “Mein Reiseplan.”

Er durchquert das Büro und gibt mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Ich setze mich aufs Sofa und erwarte, dass er so wie üblich vor mir auf und ab geht, aber zu meinem großen Erstaunen setzt er sich neben mich. Sein Geruch steigt mir in die Nase. “Wie Sie sehen, hat Oberst Diedrichsen meine Reiseplanung schon erledigt”, fährt er fort, doch ich kann ihn kaum hören, so laut ist das Rauschen in meinen Ohren. Die unerwartete Abreise des Kommandanten und seine körperliche Nähe sind eine Kombination, die mich schwindlig werden lässt.

“Ich werde für zehn Tage weg sein”, erklärt er und sieht mir in die Augen. Ich blinzele. “Anna, geht es Ihnen nicht gut? Sie sehen etwas blass aus.”

“Ist eine solche Reise nicht zu gefährlich?”, frage ich und staune über mich selbst. Meine Worte klingen, als hätte eine andere Frau sie gesprochen.

“Es ist relativ ungefährlich”, erwidert er. “Es ändert aber ohnehin nichts daran, dass ich nach Berlin fahre. Ich muss an einer wichtigen Besprechung teilnehmen, und es würde mir nicht gut zu Gesicht stehen, wenn ich nur um meine eigene Sicherheit besorgt wäre.” Ich nicke, ohne den Blick von ihm zu nehmen. “Nun gut, ich glaube, für den Moment war das alles.”

Ich verstehe die Aufforderung, das Büro zu verlassen. Als ich aufstehe, merke ich, dass mein rechtes Bein eingeschlafen ist, und ich stolpere. Der Kommandant bekommt meinen Arm zu fassen und stützt mich. “Vorsicht”, höre ich ihn mit sanfter Stimme sprechen. Abermals begegnen sich unsere Blicke.

“Ich … es tut mir leid”, erwidere ich und ziehe die Schultern zurück. “Es ist nur …” Ich zögere, da ich nicht weiß, wie ich den Satz fortführen soll. Durch den Stoff meines Kleides hindurch fühlt sich seine Hand warm an.

“Sie haben in letzter Zeit sehr schwer gearbeitet”, sagt er. “Sie haben viele Stunden lang alles für den Besuch der Delegation vorbereitet.”

“Ja, das muss es wohl sein.” Ich bin dankbar für die Ausrede, die er mir liefert.

“Heute brauche ich Sie noch, aber wenn ich weg bin, sollten Sie einen Tag freinehmen.”

“Danke, Herr Kommandant.” Ich begebe mich rasch zur Tür, spüre jedoch seine Blicke in meinem Rücken. Als ich wieder an meinem Schreibtisch sitze, gehe ich die Papiere durch, die er mir mitgegeben hat. Seit Wochen nagt die eine Sache an mir, die Krysia schon auf der Abendgesellschaft aufgefallen ist: Kommandant Richwalder fühlt sich zu mir hingezogen. Aber nicht nur sein Verhalten macht mir Sorgen. Warum habe ich gefragt, ob die Reise gefährlich ist? Es ist Anna, die ihm Besorgnis vorgaukelt, sage ich mir, dennoch weiß ich, dass die Frage mir keineswegs nur aus Berechnung über die Lippen kam. Mein Traum in der letzten Nacht war schließlich auch keine Berechnung. Bestürzt sinke ich auf meinem Stuhl zurück. Es ist vielleicht ganz gut, wenn der Kommandant für ein paar Tage auf Reisen geht.

Der Rest des Tages geht schnell vorüber. Es wird fünf Uhr, der Kommandant hat sein Büro noch nicht verlassen. Nach einer weiteren Dreiviertelstunde überkommt mich ein Gefühl der Erschöpfung. Ich habe wirklich zu viel gearbeitet. Mir kommt es vor, als hätte ich Łukasz und Krysia seit einem Monat nicht mehr gesehen. Minuten später verlässt der Kommandant mit zwei Aktentaschen in der Hand sein Büro. Ich erhebe mich von meinem Platz.

Er stellt die Taschen ab. “Ich werde mich dann nun verabschieden, Anna.”

Erst jetzt wird mir wirklich bewusst, dass der Kommandant Kraków verlässt. “Gute Reise”, wünsche ich ihm, nachdem es mir gelungen ist, den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken.

“Danke. Zögern Sie nicht, mir ein Telegramm zu schicken, wenn es etwas Wichtiges gibt oder wenn Sie irgendetwas brauchen.” Dann macht er einen Schritt nach vorn, bis er nicht mal mehr einen halben Meter von mir entfernt ist, sodass ich mich frage, ob er mich umarmen will. Wir stehen da und sehen uns an, aber keiner spricht ein Wort. Was ist hier los? Was spielt sich zwischen uns ab? Es muss an all den Ereignissen der letzten Tage liegen, rede ich mir ein. Die Belastung durch den Besuch der Delegation. Die Tatsache, dass der Kommandant abreist. “Also …”, sagt er nach sekundenlanger Stille.

“Passen Sie gut auf sich auf”, erwidere ich und meine es tatsächlich ernst. Im selben Moment schäme ich mich schrecklich, dass ich einem Nazi nicht stattdessen den Tod wünsche.

Der Kommandant nickt und nimmt seine Aktentaschen auf, dann räuspert er sich lautstark. “Auf Wiedersehen, Anna.” Einen Moment lang bleibt er noch vor mir stehen, erst dann verlässt er das Büro.