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Kapitel

Das Gerücht verbreitete sich rasend schnell. Ein Überlebender! Gollberg hatte tatsächlich mitten im Land des Todes einen lebendigen Menschen gefunden, so wie er es immer angekündigt hatte!

Sogar die Küchenjungen liefen auf den dämmernden Hof. Die Erste Kompanie war ein schweißdurchtränkter, staubiger Haufen, Reitern wie Pferden hingen die Zungen aus dem Hals. Und mitten in diesem Durcheinander aus Hufen und Steigbügeln, aufgescharrtem Dreck und krustigen Uniformen saß auf einem Pferd der Fremdkörper. Langhaarig, vollbärtig, schmutzig und schweigsam.

Wenn man den Überlebenden nur flüchtig betrachtete, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dieser Mann sei von den Affenmenschen auf das Furchtbarste gefoltert worden. Erst bei näherem Hinsehen offenbarte sich, dass es nicht Narben oder Brandspuren waren, die das Gesicht und die Arme des Mannes bedeckten, sondern Tätowierungen. Winzige Bilder und Zeichen einer verschnörkelten Schrift, die mit Sicherheit keinem der etablierten Götter geweiht war.

Die Küchenjungen fragten sich: War dieser Mann ein Soldat? Gehörte er zu den vielen unbekannten Uniformierten, die vor einem Jahr hier durchgezogen waren auf der Suche nach einer schwer zu beschreibenden neuen Art von Sieg? Oder war er einer der Magier? Er sah eher nach einem Magier aus.

Einer der Küchenjungen behauptete sogar, bei dem Mann handele es sich um einen Affenmenschen. »Die langen Haare, der lange Bart. Wenn er jetzt noch auf allen vieren geht, wer will ihn da von einem Affen unterscheiden können?«

Hauptmann Gollberg schirmte den Neuankömmling so gut es ging von den Schaulustigen ab. Auch Angehörige der Dritten Kompanie mischten sich nun, noch schlaftrunken und ungekämmt, unter die Menge. Die Leutnants Gyffs und Fenna spähten nebeneinander aus ihrem Quartiersfenster und verfolgten, wie der Überlebende zuallererst ins Lazarett geleitet wurde.

Unterdessen wurde die Menge der Schaulustigen zerstreut. Die Leutnants Hobock und Sells übernahmen es, dafür zu sorgen, dass die gewohnten Abläufe der Festung Carlyr wiederhergestellt wurden. Die beiden hatten Oberst Jenko gegenüber ohnehin noch einiges wiedergutzumachen.

Der Überlebende blieb lange bei Ilintu. Darüber hinaus schien Gollberg diesmal keine Verluste oder Verwundete erlitten zu haben. Fenna und Gyffs kleideten sich an und gingen hinaus auf den Hof. Es war ohnehin bald Zeit für den Morgenappell.

Hauptmann Gollberg sah sie kommen und salutierte lässig. Fenna und Gyffs salutierten zackig zurück.

»Gute Arbeit, Leutnants«, sagte Gollberg mit sandknirschenden Zähnen. »Der Proviant war dort, wo er sein sollte. Wir konnten zwei Tagesritte weit tiefer ins Feindesland eindringen als zuvor.«

»Und Ihr habt jemanden gefunden?«

»Seine Spuren haben wir schon öfters gesehen, ihn selbst jedoch nie. Er sagt, sein Name sei Onjalban. Ich werde mich mit den Schreibern zusammensetzen, um seinen Namen in den Listen der Feldzugsteilnehmer zu finden. Und wisst Ihr was, Leutnants? Sobald ich mit dem Oberst über diese Sache beratschlagt habe, werde ich Euch beide hinzukommen lassen, um Euch eigenhändig zu informieren.«

»Das ist sehr großzügig, Hauptmann«, sagte Gyffs mit leuchtenden Augen. Auch Fenna war, genau wie Gyffs, stolz darauf, zum Gelingen einer bedeutsamen Mission beigetragen zu haben. Ein Überlebender, der sich beinahe ein Jahr lang im Feindesland hatte behaupten können, bedeutete mehr Informationen über die Affenmenschen und ihr geheimnisvolles Reich als jemals zuvor!

Nach dem Lazarett wurde Onjalban in die F & L verbracht. Die Angehörigen der Ersten Kompanie verteilten sich im Waschhaus, in den Ställen und Mannschaftsquartieren. Aus ihnen konnte kein Neugieriger etwas herausbekommen. Der Hauptmann hatte Stillschweigen angeordnet.

Die Dritte Kompanie fuhr unterdessen mit ihren Übungseinheiten fort. Marschieren unter schwerem Gepäck, Kampfübungen ohne Waffen und mit kleinen, handlichen Messern, Seilspringen für die Beinarbeit.

Am Abend war es dann so weit. Fenna und Gyffs wurden von Sowis in das Büro des Obersts bestellt. Die Sonne war schon längst hinter der westlichen Klippe versunken, das Büro jedoch von mehreren Kerzenständern warm erhellt.

Onjalban war nicht anwesend, dafür Oberst Jenko, Hauptmann Gollberg und Lement, die sich in bequemen Sesseln im Dreieck gegenübersaßen. Gollberg hatte sich im Laufe des Tages waschen, rasieren und frisch frisieren können, aber er sah aus, als hätte er schon seit mindestens zwei Tagen kein Auge mehr zugemacht. Er erinnerte Fenna ein wenig an die Menschen, die das Chlayster Giftgas eingeatmet hatten, auch wenn er nicht hustete.

»Wir unterhalten uns schon eine ganze Weile, aber vielleicht könnt Ihr uns in einigen speziellen Punkten weiterhelfen«, lud der Oberst die beiden Leutnants ein, sich Stühle heranzuziehen und sich ins Dreieck einzugliedern.

Nachdem das Scharren und Quietschen der Möbelstücke verstummt war, begann Hauptmann Gollberg: »Onjalban ist, den Umständen geschuldet, sehr erschöpft. Wir haben ihn erneut Ilintus Obhut anvertraut; ich glaube, das Hauptproblem ist eine Austrockung des Körpers aufgrund stetigen Wassermangels. Wir wollten ihn deshalb nicht strapazieren, indem er seinen Bericht mehrmals wiederholen muss. Dennoch hat er mir schon in den Tagen unseres gemeinsamen Rückrittes und heute im Lazarett ein paar haarsträubende Dinge erzählt, die ich jetzt an Euch weitergeben möchte.«

Unbehaglich rutschte Fenna auf dem Stuhl hin und her. Irgendetwas stimmte hier nicht. Seit wann machten ein Oberst und ein Hauptmann sich die Mühe, jede Kompanie einzeln ins Bild zu setzen? Wäre es nicht einfacher und logischer gewesen, auch Hobock & Sells und eventuell sämtliche Korporale der Kompanien Zwei und Drei zu einer Instruktion zusammenzurufen?

»Zuerst einmal: Ja, Onjalban ist als Feldzugsteilnehmer in den Listen verzeichnet«, fuhr der Hauptmann fort. »Und nicht nur das: Der Euch ja wohlbekannte Schreiber Lement, der sich damals besonders für die Magier des Feldzuges interessierte, erkennt Onjalban sogar wieder. Ist ja auch nicht so leicht zu verwechseln, der Mann.«

Lement nickte lächelnd und folgte der Aufforderung, sein Wissen beizusteuern: »Onjalban, mit der Betonung auf der ersten Silbe, stammt aus der Küstenstadt Wandry, wo er eine Frau hat und ein kleines Kind. Er ist ein sogenannter Wärmemagier, also jemand, der durch Handauflegen einen Gegenstand mit Hitze anreichern kann, was natürlich besonders im Winter eine unschätzbar praktische Gabe ist. Seine Tätowierungen hat er, wie er selbst sagt, in den nebeligen und regnerischen Hängen des Nekerugebirges erhalten, auf einer Wanderung in seiner Jugend, als die Magie ihn traf, die Stimmen und die Schrift.«

Jetzt übernahm wieder Hauptmann Gollberg: »Was er diesbezüglich zu erzählen hat, ist sehr verworren, aber ich denke, es ist auch vernachlässigbar. Uns interessiert ja weniger Onjalbans Jugendzeit, sondern die Dringlichkeit des Hier und Jetzt.«

Hauptmann Gollberg versank in angespannter Nachdenklichkeit, also fuhr nun Oberst Jenko fort. »Onjalban schildert den Feldzug in Übereinstimmung mit den Berichten der Überlebenden, die uns im Regenmond … nun ja … beehrten, als großes Chaos. Angriffe aus dem Hinterhalt, nächtliche Meuchelmorde, Kampf gegen das Land, den Winter, die Atemluft, als hätte alles Schicksal sich verschworen, blablabla. Dann kam es zum Vorfall am Skorpionshügel. Der befehlshabende General wollte einen Vernichtungsschlag gegen eine größere Ansiedlung der Affenmenschen führen. Man hatte Magier dabei. Ihr kennt die Geschichte. Anstatt einen anständigen militärischen Angriff durchzuführen, versuchte man es mit Zauberei. Das Ganze ging natürlich nach hinten los, wie allzu oft in der Geschichte unseres Kontinents. Die Männer starben.«

»Verbrannt von einem gleißenden Licht, das außerhalb jeglicher Kontrolle war«, ergänzte Lement.

Der Oberst rümpfte die Nase. »Ha! Wie man’s nehmen will. Aber nun weicht Onjalbans Erzählung von der bislang bekannten offiziellen Version ab. An einen Hauptmann Gayo, der die Überlebenden zusammenrief und Richtung Süden in Sicherheit brachte, kann er sich nicht erinnern. Onjalban erzählt von Stille. Und Hitze.«

»Er sagt, er sei inmitten einer brennenden Ebene wieder zu sich gekommen«, vollendete erneut Lement. »Das Land war sämtlicher Farben beraubt. Es erinnerte ihn an die Brücke der brennenden Blumen aus den Legenden längst vergessener Magier. Aber es war keine Brücke. Eher ein Totenreich. Und in diesem Totenreich taumelten Soldaten herum. Onjalban konnte drei Dutzend um sich versammeln. Sie waren alle blind, geblendet vom magischen Feuerlicht. Nur Onjalban konnte noch sehen, vielleicht, weil seine Wärmemagie ihn vor dem weißen Feuer in Schutz genommen hatte.«

Fenna wünschte sich, diese Geschichte direkt aus Onjalbans Mund hören zu können, statt zusammengebastelt von Jenko, Lement und Gollberg. Es hätte der Eindringlichkeit eines Einzelnen, eines echten Zeugen bedurft, um solche phantastischen Bilder mit Leben zu erfüllen. Aber Onjalban war zu erschöpft.

»Vielleicht auch nicht«, stellte nun wieder Hauptmann Gollberg Lements Zusammenfassung infrage. »Vielleicht war er ebenfalls blind, weil er keine Farben mehr sehen konnte. Vielleicht nahm er die Überlebenden anders wahr. Mit seinem magischen Sinn für Wärme vielleicht. Jedenfalls konnte er die ziellos Herumwankenden um sich scharen und sie an einen sicheren Ort führen. An eine Rückkehr nach Hause war wohl nicht zu denken. Jeder einzelne Schritt glühte unter den Füßen. Er führte sie, wie er sagt, eine Meile oder zwei weiter nach Norden, wo es kühler wurde und dunkler.«

»Jetzt kommt ein Teil seines Berichts, den wir alle drei nicht richtig verstanden haben«, ergänzte Lement. »Er sagte, er sei dort oben drei Wesen von großer Schönheit begegnet: einem Mann, einer Frau und einem Knaben, alle drei mit silberfarbenen Augen. Der Mann hieß – Augenblick!« Der Schreiber blätterte in Notizen, die auf seinem Schoß lagen. »Der Mann nannte sich Baleam, die Frau Ebah und der Knabe Tarsuac. Es sei auch noch ein weiterer Mann dort oben gewesen, ein Mensch, in Abgrenzung zu den drei Silberäugigen, die wohl keine Menschen, aber auch keine Affenmenschen waren, und auch der Mensch, der vierte Fremde, sei kein gewöhnlicher Sterblicher gewesen, sondern er brannte in den Feuern der Ebene. Ich kann mir das nur so zusammenreimen, dass diese vier Wesen irgendwie für das Ausbrechen des gleißenden Lichtes verantwortlich zu machen waren. Magier aufseiten der Affenmenschen sozusagen.«

»Magie aufseiten der Affenmenschen«, hauchte Gyffs andächtig.

»Ja. Wenig erbaulich, nicht wahr?« Oberst Jenko lachte freudlos auf und schüttelte sich dabei wie ein bebender Berg. »Jedenfalls – durch diesen Visionenquatsch blickt keiner durch. Auch Onjalban selbst nicht. Wichtig sind nur die Fakten: Da oben gibt es noch drei Dutzend Überlebende, die allesamt ihr Augenlicht verloren haben, offensichtlich für immer, denn das Unglück mit dem Licht ist ja nun schon gut acht Monde her. Diese Überlebenden halten sich an einem Ort auf, der wohl einstmals eine Behausung der Affenmenschen war, jedoch seit dem Feldzug verlassen ist. Sie haben dort Wasser und Schlangen als Nahrung, aber sie sind dennoch schwach, hungern und brauchen Hilfe. Onjalban ist der Einzige von ihnen, der sehen kann und sich deshalb im Gelände frei bewegt.«

»Ich verstehe nicht, weshalb er sich nicht früher der Kompanie Hauptmann Gollbergs zu erkennen gegeben hat«, wunderte sich Fenna. »Wenn Ihr schon mehrmals seine Spuren gefunden habt, müsst Ihr doch bereits innerhalb seines Reviers gewesen sein.«

»Er sagt, er habe Streifzüge unternommen, um zu jagen, und uns niemals gesehen. Das ist glaubhaft. Die Spuren, die wir fanden, waren niemals tagfrisch, sondern stets schon etwas älter.«

»Aber warum hat er nie den Versuch unternommen, nach Süden oder nach Westen zu gehen und Hilfe zu holen? Acht Monde lang nicht? Der Fußmarsch kann doch höchstens eine bis zwei Wochen dauern?«

»Er sagt, die anderen Überlebenden seien auf seine Hilfe angewiesen. Blinde können keine Schlangen fangen. Wenn er sie verlassen hätte, wären sie verhungert.«

»Also blieb er bei ihnen. Und wie verlief Eure Begegnung mit ihm? Hat er Euch die anderen Überlebenden gezeigt?«

»Leutnant Fenna, vielleicht ist es einfacher, wenn Ihr uns weiterhin der Reihe nach erzählen lasst, so wie das allgemein bei einer militärischen Inkenntnissetzung üblich ist«, sagte Hauptmann Gollberg mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln.

»Verzeihung, Herr Hauptmann. Ich wollte nicht …«

»Schon gut. Ich verstehe Euer Interesse und weiß es zu schätzen. Der Reihe nach.« Gollberg atmete tief durch, als müsste er nun etwas vor sein geistiges Auge rufen, das ihn verwundet hatte. »Als wir ihn sahen, oben als Umriss auf einem Hügelkamm, befanden wir uns schon am äußeren Rand unseres Aktionsradius. Und er floh vor uns. Später erzählte er mir, er hätte Affenmenschen gesehen, die auf Pferden ritten, oder besser: auf Einhörnern. Auf Kriegseinhörnern. Er hielt uns zuerst für Affenmenschen. Er flüchtete, doch ein Zug meiner Kompanie konnte ihn aufgreifen. Dabei wurde Onjalban jedoch bedauerlicherweise in Mitleidenschaft gezogen. Den ersten Tag unseres Rückrittes über war er nicht ansprechbar. Erst als wir nur noch einen Tagesritt von der Festung Carlyr entfernt waren, erfuhr ich von ihm, dass wir dicht davor gewesen waren, sechsunddreißig weitere Überlebende zu bergen. Ich habe mir natürlich große Vorwürfe gemacht. Ich wollte umkehren. Aber meine Soldaten und Pferde waren erschöpft, am Ende. Es wäre nicht zu machen gewesen. Und dann kam noch hinzu: Wie sollten wir die Überlebenden transportieren? Hinten aufsitzen lassen auf ohnehin schon müden Pferden? Sechsunddreißig Mann? Auf nur dreißig Pferden? Nein. Ich entschied, dass wir zur Festung zurückkehren, um uns hier zu verstärken.«

Fenna begriff jetzt endlich. Da war dieser Offizier, der sich seit über einem halben Jahr bei seinem Vorgesetzten den Ruf eines Besessenen einhandelte, weil er felsenfest davon überzeugt war, dass es im Feindesland noch überlebende Menschen gab – und dann war er kurz davor, alle seine Theorien im Triumphzug zu beweisen, und scheiterte an der Kleinigkeit, dass sein lange ersehnter Hauptzeuge zu lange schwieg. Aber Gollberg war nicht gescheitert. Er hatte Onjalban gefunden. Und seinen Theorien dadurch ein Gesicht und einen Namen verliehen.

»Affenmenschen auf Einhörnern?«, fragte Gyffs staunend. »Nie hätte ich für möglich gehalten, dass sie … reiten können.«

»Wir auch nicht«, gab Oberst Jenko zu. »Es gibt keinen einzigen Bericht eines Feldzugsrückkehrers, der dergleichen enthält. Andererseits hat ja auch keiner der Feldzugsteilnehmer beinahe ein ganzes Jahr im Feindesland verbracht. Onjalbans Wissen kann für uns alle unschätzbar sein.«

»Folgendes wollen wir nun tun.« Hauptmann Gollberg räusperte sich. »Wir haben den heutigen Tag genutzt, um aus den umliegenden Dörfern ein Dutzend frischer Pferde und zwei Planwagen zu requirieren. Wir bilden zwei Trupps. Einen schnellen auf Pferden, der, von Onjalban durchs Gelände geführt, den Aufenthaltsort der Überlebenden ausfindig macht und sichert. Onjalban sprach davon, dass sich ab und zu Affenmenschen dort herumtreiben, aber nie viele, nie mehr als zehn oder zwanzig auf einmal. Es kann also durchaus sein, dass der Ort freigekämpft werden muss. Den Spuren dieses ersten, schnellen Kampftrupps folgt ein zweiter, dessen Geschwindigkeit den Planwagen angepasst ist, auf denen die Überlebenden zur Festung transportiert werden sollen. Wir nehmen diesmal festungseigenes Material und Proviant. Die Raubiels werden also nicht wieder dabei sein. Zusammen mit den beiden heute angeforderten kommen wir so auf vier Wagen, was reichen muss, um sechsunddreißig Überlebende und den zweiten Trupp zu transportieren. Leutnants, wir möchten, dass die Dritte Kompanie diesen zweiten Trupp stellt. Die Mission ist beinahe dieselbe wie die, die Ihr erst vor wenigen Tagen erfolgreich zu Ende gebracht habt. Eure Kompanie verfügt deshalb über die entsprechende Erfahrung, weshalb sie uns geeigneter erscheint als Hobock & Sells. Traut Ihr Euren Männern zu, so schnell schon wieder ins Feindesland zurückzukehren?«

»Auf jeden Fall«, antwortete Fenna bestimmt. »Korporal Kindem würde ich noch nicht mitnehmen, wegen seiner zu frischen Amputation, aber das ist kein Problem, den Infanteriezug können Leutnant Gyffs und ich leiten. Davon abgesehen sind alle Männer einsatzbereit.«

»Leutnant Gyffs? Ihr seht nicht ganz so begeistert aus wie Leutnant Fenna?«

»Ich … nun ja, ich …«

»Sprecht Eure Meinung frei aus«, sagte Oberst Jenko väterlich. »Deshalb haben wir Euch beide ja hierher gebeten.«

Leutnant Gyffs blinzelte in eine der Kerzen, die ihr ungewöhnlich grell erschien. »Ich … denke auch, dass die Dritte Kompanie schon wieder einsatzbereit ist. Zumal es uns wahrscheinlich diesmal von Anfang an gestattet wird, auf den Wagen mitzufahren.«

»Auf jeden Fall«, nickte Hauptmann Gollberg. »Dies ist keine Übungsmission mehr. Dies ist ein Ernstfall. Da geht es nicht darum, die Soldaten zu erproben, sondern sie so gesund und leistungsfähig wie möglich zu halten.«

»Gut, das habe ich auch so verstanden, Herr Hauptmann. Was ich aber nicht ganz verstehe, ist: Woher wissen wir, dass Onjalbans Aussagen überhaupt richtig sind? Er spricht von Affenmenschen auf Einhörnern, von schönen Wesen mit silbernen Augen, von brennenden Männern und Blinden, die sich von Schlangen ernähren. Woher wissen wir, dass er nicht ganz einfach nur den Verstand verloren hat, seit … das Ganze passiert ist?«

»Wir wissen es nicht«, sagte auch Hauptmann Gollberg. »Und wir nehmen dennoch mehr als die Hälfte der militärischen Besatzung der Festung Carlyr und setzen sie einer nicht zu unterschätzenden Gefahr aus. Das ist der Grund, weshalb wir hier sind, Leutnant Gyffs. Solange auch nur die geringste Chance gegeben ist, dass sich im Feindesland noch Menschen aufhalten, die gerne zurückmöchten in den Schoß der Krone und des Kontinents, ist es unsere von den Göttern gesegnete Pflicht, alles in unserer Macht Stehende zu unternehmen, um diese armen Teufel heimzuholen. Oder was würdet Ihr erwarten, wenn Ihr in Erfüllung Eurer Pflicht dort oben in Gefangenschaft geraten wärt? Würdet Ihr erwarten, dass wir Euch vergessen?«

»D-diese Frage kann ich nicht so einfach beantworten, Herr Hauptmann«, sagte Gyffs eingeschüchtert.

»Die Frage war vielleicht missverständlich gestellt. Ich wollte nicht Eure Opferbereitschaft bestätigt bekommen, Leutnant Gyffs, sondern lediglich von Euch wissen, ob Ihr nicht auch der Meinung seid, dass die Armee einen Zusammenhalt besitzt, der Opferbereitschaft nicht nur ein-, sondern auch ausschließt?«

Leutnant Gyffs blinzelte verwirrt. Die Frage entschlüpfte ihrem Verständnis wie ein glitschiger Aal. »Ich … denke, dass … Opferbereitschaft zu den grundlegenden Tugenden eines jeden Soldaten gehört, Hauptmann«, antwortete sie ausweichend.

Gollberg lächelte traurig und nickte dann. »Also seid Ihr mit Leutnant Fenna einer Meinung, dass die Dritte Kompanie dieser Aufgabe gewachsen ist?«

»Selbstverständlich, Hauptmann Gollberg.«

»Dann ist alles geklärt. Beginn der Mission Augenlicht ist morgen früh bei Einsetzen der Dämmerung. Eure Kompanie mit den vier Wagen bricht in der Dämmerung auf, und zwar in der Euch wohlbekannten Richtung der zwei Säulen. Meiner Kompanie und den Pferden gönne ich noch einen weiteren halben Tag Ruhe, was sich hinterher als entscheidender Vorteil herausstellen könnte. Wir sind ohnehin schneller als Ihr und werden Euch dann am Abend des ersten Tages einholen und passieren und jene Spur hinterlassen, der Ihr von dort an bis zum Zielpunkt zu folgen habt. Wenn die Lage am Zielpunkt als beruhigt bezeichnet werden kann, werden wir Euch mit den Überlebenden ein Stück weit entgegenkommen, weil wir jagen können und Proviant bereitstellen. Das geht aber natürlich nur, wenn die Blinden überhaupt noch in der Lage sind zu gehen oder unsere Pferde noch ausgeruht genug, den einen oder anderen mitzutragen. Falls wir Euch nicht entgegenkommen, müsst Ihr eben bis zum Zielpunkt fahren. Wir werden darauf achten, dass wir die Spur durch Gelände legen, das für Planwagen passierbar ist. Voraussichtlicher Zeitumfang der Mission Augenlicht: sechs Tage hin, sechs Tage zurück. Die Leitung der Mission übernehme selbstverständlich ich selbst, wobei Ihr beide Eure Kompanie in Eigenverantwortung und im Sinne der Mission koordiniert. Gibt es noch Fragen?«

»Nein, Herr Hauptmann«, sagte Fenna eifrig.

»Nein, Herr Hauptmann«, sagte Gyffs nachdenklicher.

»Dann setzt Eure Männer jetzt in Kenntnis.«

Fenna und Gyffs erhoben sich, salutierten und verließen den Raum.

»Mission Augenlicht«, murmelte Gyffs unten auf dem Hof. »Wer denkt sich so was bloß aus?«

»Hauptmann Gollberg natürlich. Das Ganze ist sein Ding. Er öffnet allen Blinden des Kontinents die Augen.«

»Und du bist ganz begeistert, ja?«

»Ich finde, es ist das Beste, was uns passieren konnte. Wenn wir nicht so schnell wie möglich wieder dort rausgehen und uns dem Land stellen, wird der Schock über das, was mit Garsid geschehen ist, immer größer werden. So groß, dass er eines Tages wie ein Berg zwischen uns und dem Land steht. Wir müssen in den Nahkampf gehen, Loa. Nur so kommen wir darüber hinweg.«

Gyffs schwieg. Zwei Sandstriche später fragte sie, scheinbar völlig aus dem Zusammenhang gerissen: »Ein Zusammenhalt, der Opferbereitschaft nicht nur ein-, sondern auch ausschließt? Was zum Geisterfürsten hat er denn damit nur gemeint?«

Fenna lächelte. »Ich kann es schwer in Worte fassen, aber ich glaube, ich habe verstanden, was er sagen wollte. Opferbereitschaft wird vorausgesetzt, sollte aber nicht vonnöten sein. Schwer zu erklären. Wenn alle gleichzeitig ein Opfer bringen, muss keiner mehr eins bringen, das zu schwer für ihn ist.«

»Verstehe«, schwindelte Gyffs, um der Diskussion ein Ende zu machen.

Sie beraumten eine außerordentliche Versammlung der Dritten Kompanie in der Mannschaftsmesse an. Einige der Männer hatten schon geschlafen, aber keiner war betrunken, denn immerhin war morgen ein ganz normaler Tag mit ganz normalem Frühappell und Übungen geplant gewesen.

Die beiden Leutnants informierten ihre elf anwesenden Soldaten – Korporal Kindem war immer noch im Lazarett und sollte auch dort bleiben – über die morgen in der Dämmerung beginnende Mission.

Die Reaktion der Männer war eindeutig: Sie alle bekamen es mit der Angst zu tun. Fenna sah nackte Angst, beunruhigte Angst, verdrängte Angst, Angst, die uneingestanden blieb, Angst vermischt mit der Wut der Empörung, Vorstufen der Todesangst, Angst, dass dies kein Albtraum und kein Scherz, sondern die Wirklichkeit war. Sogar Korporal Deleven bekam schmale Lippen. Von den Holtzenauen, Behnk und Ekhanner wurden fahl und beinahe durchscheinend: Man konnte das Blut in ihnen flüchten sehen. Einzig »Scheusal« Kertz grinste vor sich hin. Fenna fragte sich, ob dieser Mann einfach nur keine Furcht kannte oder vielmehr nicht ganz richtig im Kopf war. Aber er durfte nicht zu lange über diese Ausnahme nachdenken. Er musste den anderen in die Gesichter sehen.

Und er sah: Wir sollen schon WIEDER dort hinaus? Dorthin, wo wir Garsid verloren haben und Kindems Arm? Das ist doch erst wenige Tage her! Warum jetzt? Warum wir? Warum wir schon WIEDER?

Und dann: Wir sollen NOCH WEITER hinein in diese Hölle? Sechs Tage diesmal statt drei? Doppelt so tief? Doppelt so schrecklich? Doppelt so viele Ungeheuer, die uns fressen und zerfetzen und mit Stumpf und Stiel ausrotten wollen?

Und als Chor: Warum wir? Warum wir schon WIEDER? Warum wir schon WIEDER DOPPELT SO WEIT HINEINGESCHLEUDERT IN DAS GRAUEN?

»Dem einen oder anderen von euch mag es so vorkommen«, versuchte Fenna die allgemeine Furcht und auch seine eigenen Gedanken in Bahnen zu lenken, »dass dieser Auftrag genauso beschaffen ist wie unser letzter und uns somit als Kompanie wenig Wissen, Nutzen und Dazulernen einbringen wird. Aber das ist nicht richtig. Die Grundelemente mögen zwar ähnlich sein – erneut geht es um Planwagen voller Proviant, und erneut geht es in dieselbe Richtung nach Norden –, aber die Mission Augenlicht unterscheidet sich in mehreren wichtigen Punkten grundlegend von unserer Mission mit Vater und Tochter Raubiel. Erstens: Wir werden diesmal keiner Karte folgen, sondern einer Spur. Zweitens: Wir werden diesmal nicht marschieren, sondern von Anfang an auf den Wagen mitfahren. Drittens: Wir sind diesmal nicht allein, sondern ein zweiter, doppelt so großer Trupp wird vor uns sein und sich am Zielpunkt der Mission mit uns vereinigen. Auf diesen Trupp und seine Aktionen werden wir uns die ganze Zeit beziehen müssen. Viertens: Wir werden in für uns unbekanntes Terrain vorstoßen. Fünftens: Wir werden nicht nur in Terrain vorstoßen, das uns unbekannt ist, sondern Hauptmann Gollbergs Kompanie wird unter Onjalbans Anweisungen ebenfalls in ein Gelände vorrücken, das ihr vollkommen unbekannt ist. Wir werden also echte Pionierarbeit leisten, abseits selbst der Pfade des Feldzugs. Sechstens: Wir werden eine verlassene Behausung der Affenmenschen sehen. Siebtens: Auf dem Rückweg werden wir nicht zwei Zivilisten zu beschützen haben, sondern mehr als dreißig verschollene Soldaten; Männer und Frauen, wie wir es sind, die so viel gesehen haben, dass ihre Augen überfordert waren und den Dienst quittieren mussten. Achtens: Wir arbeiten erstmals unter dem direkten Kommando Hauptmann Gollbergs, sind also der Zweiten Kompanie vorgezogen worden, um diese Mission zu vervollständigen. Das ist eine Ehre, Männer. Neuntens: Wir werden länger als eine ganze Woche, mindestens zwölf Tage, im Feindesland verbringen. Auch darin werden wir höchstens von den Teilnehmern des Feldzugs übertroffen, auch das ist eine besondere Ehre. Und zehntens: Wir bekommen Gelegenheit, der Ödnis hinter der Felsenwüste heimzuzahlen, was sie uns gekostet hat. Diesmal werden wir ihr etwas entreißen: nämlich die Körper und Seelen der Überlebenden, die sie bereits sicher in ihren Fängen wähnte.«

Gyffs schaute Fenna kurz an, wie um sicherzustellen, ob er wirklich glaubte, was er da redete, aber er erwiderte ihren Blick nicht, sah nur seine Männer.

Warum WIR?

Und so langsam setzte sich in diesen Gesichtern die Antwort durch.

Weil wir SOLDATEN sind. Weil wir uns FREIWILLIG gemeldet haben, um Soldaten sein zu dürfen.

Dies war der Effekt der drei Monde, dieses Vierteljahres voller Drill und Übungen, voller Verbesserungen und Korrekturen. Dies war das Resultat von Gewaltmärschen, Zimmerbelegung, Manöver, Feindeslandeinsatz und gemeinsamen Nachtwachen: Die Angst mischte sich mit Pflichtbewusstsein zu einem eigentümlichen Gemenge aus Stolz und Einbindung.

Die Männer waren bereit, Opfer zu bringen.