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Kapitel

Der 16. Sonnenmond verging quälend langsam für Fenna. Er nahm seinen Stubenarrest dermaßen genau, dass er das Zimmer auch nicht verließ, um sich zu waschen oder austreten zu gehen.

Frühstück und Mittagessen brachte ihm Leutnant Hobock. »Nicht unterkriegen lassen, alter Junge«, sagte Hobock munter. »Im Ersten Bataillon hat es einen Leutnant gegeben, der vier- oder fünfmal eine Nacht im Gefängnis verbringen musste. Ist dennoch ein guter Offizier gewesen. So was gehört zu einer rauen Gegend wie Carlyr einfach fast dazu.«

»Und? Selbst schon mal so bestraft worden?«

»Ich? Nie. Sells auch nicht. Wir sind vorsichtig. Dienst nach Vorschrift, sage ich immer, dann kann dir niemand etwas anhängen.«

Fenna dachte ernsthaft darüber nach, Lement zu sich zu bitten, damit dieser ihm eines seiner Bücher ausleihen konnte, doch Bücher machten Fenna immer nervös. Die vielen Buchstaben neigten dazu, sich vor den Augen zu Mustern anzuordnen und einfach keinen Sinn mehr zu ergeben.

Deleven übte draußen mit den Männern weiterhin Fallen, Werfen, Blocken, Ausweichen und Grundlagen des Ringkampfes. Ab und zu konnte Fenna Behnk lachen, Resea maulen und Stodaert Kampfschreie ausstoßen hören, die wie »Huah!« klangen.

Am Abend waren die 24 Stunden um. Fenna stattete zuerst dem Lazarett einen Besuch ab, um nach Yinn Hanitz und Ilintu zu sehen. Die Heilerin ließ nicht durchblicken, ob sie von Fennas Arrest überhaupt etwas mitbekommen hatte. Yinn Hanitz war zwar wach, wirkte jedoch teilnahmslos und erschöpft.

»Irgendwelche weiteren Auffälligkeiten?«, erkundigte sich Fenna.

»Es geht hin und her. Mal erkennt er mich, dann wieder nicht. Einmal hat er noch über diese Hand gesprochen. Er sagte, sie fülle den Himmel aus

»Eine Hand, die den Himmel ausfüllt? Was kann das bedeuten?«

»Sein Gehirn erzeugt wilde Bilder. Das ist nicht ungewöhnlich bei Kopfverletzungen.«

Fenna ging nach draußen zu seinen Männern und übernahm wieder das Kommando von Deleven. Dieser berichtete ihm von den Übungsinhalten des heutigen Tages, doch Fenna hatte ohnehin so gut wie alles mitbekommen. Er scheuchte seine Männer noch zwei Stunden weiter, dann sagte er: »Genug für heute. Morgen machen wir Faustkampf mit umwickelten Fäusten, und wenn das gut läuft, können wir uns übermorgen schon Übungswaffen vornehmen.«

Am nächsten Morgen wurde Fenna früh durch die Ordonnanz Sowis zu Oberst Jenko gebeten.

Der Oberst war um diese Zeit genauso aufgeräumt und unverrückbar wie zur späten Mitternacht. »Na, Leutnant Fenna? Alles gut überstanden im eigenen Zimmer?«

»Es war ein bisschen langweilig, aber ich konnte nachdenken und meinen Fehler einsehen, Oberst.«

»Sehr löblich, der Mann, sehr löblich! Das ist die richtige Einstellung. Ich bestrafe niemanden gerne, das kann man mir glauben. Wir haben ein winziges Problem, Leutnant Fenna, bei dessen Lösung Ihr mir vielleicht helfen könntet. Die Festung Carlyr kommt nun schon seit einigen Tagen für die medizinische Versorgung eines gewissen Yinn Hanitz auf, der jedoch, genau genommen, gar kein Soldat ist.«

»Ich weiß, Oberst. Ich bin davon ausgegangen, dass die Kosten für seine Behandlung von meinem Sold abgezogen werden, da seine Verletzung sich unter meiner Aufsicht ereignete.«

»So seht Ihr das! Abermals löblich. Nun, ich denke, wir werden da einfach mal ein Auge zudrücken, weil unsere Heilerin momentan ja ohnehin nicht viel zu tun hat. Wäre aber schön, wenn Zivilist Hanitz kein Bett belegt, falls unsere Soldaten sie brauchen sollten.«

»Das wird nicht passieren, Oberst. Darum kümmere ich mich.«

»Sehr schön. Wir haben übrigens Rückmeldung aus Uderun erhalten. Von der Akademie. Ein frischgebackener weiblicher Leutnant namens Loa Gyffs wird nicht in einer herkömmlichen Kutsche, sondern so schnell wie möglich auf Postreiterpferden hierher aufbrechen, sodass wir sie schon in zwei bis drei Tagen erwarten können. Euer Gesicht zeigt wenig Freude, Leutnant Fenna. Sollte es aber! Leutnant Gyffs’ einzige Aufgabe hier bei uns wird es sein, Euch Eure Arbeitslast zu halbieren und … Euch vertreten zu können, falls Ihr wieder einmal Euer Quartier hüten müsst, ha!«

»Sehr wohl, Oberst!«

»Sehr wohl, so ist es! Selbstverständlich werdet Ihr beide Euch ein Zimmer teilen, das sind Zweibettzimmer für zwei Leutnants. Aus Gründen der Schicklichkeit können wir mit Wolldecken eine Art Trennwand zwischen den Raumhälften einziehen, dann dürfte es keine Probleme geben.«

»Sehr wohl, Oberst.«

»Es wird keine Probleme geben?«

»Es wird keine Probleme geben, Oberst.«

»Tadellos. Dann: Weitermachen mit der Ausbildung, Leutnant. Das Manöver rückt stündlich näher. Nur noch 43 Tage plus die fünf Sternentage zwischen den Monden, um aus Euren Männern eine vorzeigbare Kompanie zu schmieden.«

»Sehr wohl, Oberst!«

Faustfechtübungen mit zum Schutz umwickelten Fäusten an diesem Tag.

Hauptmann Gollberg – durch Jenkos Strafe am Ausreiten gehindert – drillte seine Kompanie ebenfalls im Hof. Übellaunig. Mit blanken Säbeln. In voller Montur. Ein Musterbild soldatischer Aufeinandereingespieltheit. Der Kontrast zwischen Erster und Dritter war so unübersehbar wie der zwischen Sonnenlicht und Schlagschatten.

Fenna legte Wert darauf, dass seine Männer sich nicht einfach nur prügelten. Wichtiger war ihm, ihnen Standfestigkeit und Ausweichvermögen zu vermitteln. »Der Boden ist euer Freund«, wiederholte er wie in den Tagen der Fallübungen. »Er gibt euch Festigkeit. Wenn ihr euren Gegner dazu bringen könnt, sich auf euch zuzubewegen, dann gibt er einen Teil seiner Festigkeit auf. Er erhält dafür etwas anderes: Angriffsschwung. Angriffsschwung ist gefährlich. Aber wenn dieser Angriffsschwung ins Leere läuft, hat der Gegner seine Festigkeit verloren, ohne etwas dafür bekommen zu haben. Dies ist der Augenblick, in dem ihr gewinnen könnt. Eure Aufgabe besteht darin, ein Gefecht so zu lesen, dass ihr die entscheidenden Augenblicke erkennen könnt.«

Die meisten seiner Männer kratzten sich ratlos die Köpfe. Selbst Deleven, der vom Kämpfen einiges verstand, tat sich mit Fennas theoretischen Ansätzen schwer. Aber Fenna merkte, wie die Männer langsam begriffen, dass etwas hinter den Dingen lag. Dass militärische Ausbildung nicht einfach nur körperliche Schinderei war, sondern auch ein Vermitteln von Erfahrungen, die man später im Leben für alles Mögliche nutzen konnte.

Ein weiterer Morgen dämmerte.

Fenna besorgte harthölzerne Übungssäbel vom Waffenmeister. Die Grünhörner hantierten erstmals mit Waffen, wenngleich ohne scharfe Klingen. Es wurde gefährlicher. Kleinere Unglücksfälle ereigneten sich. Jovid Jonis erhielt eine heftig blutende Platzwunde an der Augenbraue. Er musste von Ilintu genäht werden, wollte sich aber nicht krankmelden. »Scheusal« Kertz zerbrach einen Holzsäbel. Die beiden guten, alten Freunde Teppel und Ekhanner gerieten über irgendein Versehen in Streit und droschen mit den Holzsäbeln aufeinander ein, bis sie voneinander getrennt werden mussten. Ilintu wurde wütend auf Fenna, weil er seine Männer »übler zurichtete, als die Affenmenschen das wahrscheinlich jemals zu tun in der Lage sein werden«. Eine von Gollbergs Soldatinnen sagte etwas Abwertendes über die »kleinen Jungs mit ihren Holzschwerterchen«, woraufhin Sensa MerDilli die Beherrschung verlor und die Soldatin angriff. Deleven und von den Holtzenauen gingen dazwischen und verhinderten eine Eskalation zur Massenschlägerei, was schwierig war, denn einen vollen Sandstrich lang wurde geschubst, gedrängelt und Rudel gebildet, was das Zeug hielt.

Fenna knöpfte sich nicht nur MerDilli, sondern seine gesamte Kompanie vor: »Solange ihr euch mit den Angehörigen anderer Kompanien balgt, hat Gollbergs Soldatin recht: Solange seid ihr nichts weiter als kleine Jungs mit Holzspielzeug!«

»Ach, ich verstehe«, fiel Gerris Resea ihm ins Wort. »Und wenn wir jetzt das Argument bringen, dass unser Leutnant sich auch schon mit Hauptmann Gollberg prügeln wollte, werdet Ihr sagen: Wenn wir Erwachsene das untereinander machen, ist das etwas vollkommen anderes.«

»Nein, das ist nicht etwas vollkommen anderes, das ist derselbe Scheiß«, räumte Fenna ein. »Aber wenn ich eines Tages von einem Affenmenschen von hinten erschlagen werde, sagt ihr dann: In Ordnung, jetzt lassen wir uns ebenfalls erschlagen, denn unser Leutnant war auch nicht besser? Ich muss euch in dieser Hinsicht leider eine unangenehme Neuigkeit unterbreiten: Wenn ihr hier oben in der Festung Carlyr und jenseits der Felsenwüste bestehen wollt, müsst ihr besser werden. Besser auch als ich. Und ihr müsst vor allem lernen, zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden. Gollbergs Erste Kompanie sind nicht unsere Feinde, sondern sie sind genau die Männer und Frauen, die uns, wenn es ernst wird, das Leben retten werden. Weil wir Seite an Seite mit ihnen gegen die Affenmenschen stehen. Dennoch werden wir beim Manöver mit ihnen den Boden aufwischen. Dennoch werde ich nicht einfach so hinnehmen können, wenn Hauptmann Gollberg mich ins Gesicht schlägt. Dennoch werden wir uns bei unseren Übungen nicht mehr provozieren lassen. Aber nichtsdestotrotz sind das unsere Kameraden, die dieselbe Uniform tragen wie wir und für dieselbe Sache streiten.«

»Vielleicht könnten wir sie zurückprovozieren, indem wir einfach nur unerhört freundlich zu ihnen sind«, schlug Fergran von den Holtzenauen vor.

Fenna deutete auf ihn. »Zum Beispiel. Sagt ihnen doch einfach: Ihr werdet schon sehen. Beim Manöver erweist sich, wer wirklich etwas auf dem Kasten hat.«

»Leutnant, was hat es mit diesem Manöver auf sich?«, fragte Mails Emara.

»Ganz einfach: Wir treten in einer simulierten Kampfsituation gegen die vierzehn besten Leute aus Hauptmann Gollbergs Kompanie an und werden dabei von einem leibhaftigen General begutachtet. Wir blamieren uns entweder bis auf die Knochen, oder wir feiern unsere Feuertaufe als Kompanie.«

»Wir werden unsere Feuertaufe als Kompanie feiern, Leutnant«, sagte Ellister Gilker Kindem zuversichtlich.

»Aber ein Manöver ist normalerweise mehr als ein Kampfspiel«, bemerkte Garsid. »Werden wir zu Musik in Formation am General vorbeimarschieren müssen oder andere Kunststücke aufführen?«

Fenna musste zugeben, dass er sich über den genauen Ablauf noch gar nicht schlaugemacht hatte.

Er ging heute in der Offiziersmesse speisen, um sich bei Hobock & Sells nach dem Manöver zu erkundigen.

Sells plauderte mit vollem Mund. »Das wird eine lustige Sache. Unsere Leute bilden das Rahmenprogramm. Wir machen zuerst eine Schwertkampfdemonstration zehn gegen zehn, und abschließend spielen wir noch einen hübschen Marsch. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie oft unsere Leute die Festung verlassen haben, um zu üben, auf den Hörnern, die das Bataillon von Hauptmann Veels uns … na ja, sozusagen vererbt hat. Dazwischen, also zwischen den Schwertern und der Musik, werdet ihr aber das eigentliche Hauptprogramm sein. Die Dritte Zweite gegen vierzehn Ausgesuchte aus Gollbergs Erster Zweite. Das Spiel heißt Die Flagge erobern und wird auf zwei Punkte gespielt, wer also zuerst zweimal gewonnen hat, ist Sieger.«

»Ich kenne das Spiel«, nickte Fenna. »Hat man alle Freiheiten beim Einteilen seiner Männer?«

»Alle Freiheiten.«

»Und gespielt wird im Inneren der Festung?«

»Ja, auf dem Hof.«

»Das begrenzt das Feld, gut. Und der General und Oberst Jenko schauen zu von wo?«

»Äh, bei Regen aus dem Büro des Obersts heraus, bei schönem Wetter kann jedoch das Dach der F & L mit einer Balustrade gesichert und wie eine hohe Terrasse genutzt werden.«

»Das ist gut«, sagte Fenna lächelnd. »Dann kann niemand verletzt werden, falls es unten wild zugeht.«

»Ihr werdet alles geben, oder?«, fragte Leutnant Hobock.

»Selbstverständlich. Ich habe Gollberg gegenüber noch eine Ehrenschuld zu begleichen.«

Am nächsten Tag vertiefte Fenna die Lektionen des Vortages. Die Männer lernten weiterhin, sich mit ihren Holzwaffen zu bewegen. Sie bekamen zusätzlich die Schilde zum Üben. Sie lernten, die Schilde nicht nur zum Blocken gegnerischer Angriffe, sondern auch zum Wegschieben gegnerischer Leiber zu benutzen.

An diesem Tag musste Fenna erstmals drastische Strafen verhängen.

Da »Scheusal« Kertz nun bereits zum zweiten Mal ein Holzschwert zerbrach, verdonnerte Fenna ihn dazu, zwanzig Runden entlang der Innenmauer der Festung zu laufen und anschließend ohne Abendbrot ins Bett zu gehen.

Und da Gerris Resea sich lauthals über diese »peinlich kindische Bestrafung« lustig machte, stellte Fenna sich vor ihn hin und sagte: »Soldat Resea, mir geht die Art und Weise, mit der du dich erdreistest, jede meine Äußerungen ungefragt zu kommentieren, schon seit geraumer Zeit auf die Nerven. Wird das irgendwann mal besser, oder soll das so weitergehen?«

»Das könnte besser werden, wenn Eure Anordnungen besser würden, Leutnant Fenna«, entgegnete Resea frech.

»Soldat Resea?«

»Was denn?«

»24 Stunden Gefängnis.«

»Was? Das ist doch wohl ein Witz! Ich werde ins Gefängnis gesteckt? Wofür denn? Ihr habt einem Offizier Prügel angedroht und auch nur Stubenarrest erhalten!«

»Soldat Resea?«

»Was denn noch?«

»48 Stunden Gefängnis. Und bevor du erneut die Schnauze aufreißt, solltest du dir darüber im Klaren sein, dass ich in der Lage bin, die Zahl 24 bis hoch zur 1000 aufzuaddieren, ohne in allzu große Schwierigkeiten zu geraten.«

Resea schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen. Sein Gesicht wechselte die Farbe und wurde bleicher und bleicher. Dann ging er wortlos ab Richtung Festungskerker.

»Na bitte, geht doch«, rief Fenna ihm hinterher. »Bei guter, das heißt: wortloser Führung lasse ich dich vielleicht schon nach 24 Stunden wieder raus. Es liegt ganz allein bei dir, Soldat Resea.«

Auch die übrigen Männer waren bleich geworden. Nur »Scheusal« Kertz nicht, der prustete mit hochrotem Gesicht die Mauern entlang.

Als Fenna in die bangen Gesichter von Jonis, Nelat, Stodaert, Emara und Behnk blickte, fühlte er sich doch noch bemüßigt zu sagen: »Mit mir kann man ein leichtes Leben haben, wenn man sich anstrengt und seine Pflicht tut. Aber Unverschämtheiten werde ich jetzt und in Zukunft nicht dulden, ist das verstanden worden?«

»Jawohl, Herr Leutnant!« Ein vieldeutiges Brummen.

In der Abenddämmerung machte Fenna mit seinen Leuten – inklusive »Scheusal« Kertz, der inzwischen auf dem letzten Loch pfiff – einen Dauerlauf durch die südliche Umgegend der Festung. Der Himmel war bewölkt und zeichnete sich über den Umrissen der rennenden Soldaten in zartestem Orange.

Hinterher waren alle zu Tode erschöpft, auch Fenna. Er überzeugte sich noch davon, dass Gerris Resea sicher in einer Zelle saß und dass Yinn Hanitz sich auf dem Weg der Besserung befand. Dann ging Fenna sich waschen und abschrubben und warf sich anschließend auf sein Bett.

Der immer noch am Ausreiten gehinderte Hauptmann Gollberg sorgte im Hof für Unruhe, weil er mit seinen Reitern Pferdedressuren einstudierte.

Fenna dachte nach über seine Männer. Resea war neben Deleven und Garsid einer von nur dreien in seiner Kompanie, denen ein oder zwei Tage Übungsrückstand nicht schaden würden, weil sie ohnehin immer zu den Besten und Fähigsten gehörten.

Vier der Grünhörner jedoch waren inzwischen an ihren Grenzen angelangt. Bei Alman Behnk, Ildeon Ekhanner, »Scheusal« Kertz und Mails Emara mochte es sich nur noch um Tage oder sogar nur Stunden handeln, bis sie zusammenklappten. Behnk verlor schon deutlich an Gewicht, was gut für ihn war, aber dass dies auf Verdauungsprobleme zurückzuführen war, die durch eine andauernde Furcht ausgelöst wurden, war weniger gut. Ildeon Ekhanner verbrachte den größten Teil seiner freien Zeit inzwischen in der Kapelle mit Beten. »Scheusal« Kertz schien von Tag zu Tag ungeschickter zu werden, was sicherlich in einer großen körperlichen und seelischen Erschöpfung begründet lag. Mails Emara schließlich wurde zusehends weinerlicher. Dem einstmals trachtentragenden Bürschlein schien erst jetzt so langsam zu dämmern, dass die Armee ein Leben war, in dem einem andauernd etwas wehtat.

Dagegen bewährten sich vier der anderen ursprünglich von Fenna als eher problematisch bewerteten Rekruten. Teppel schien sowohl sein Alter als auch seine aufreizende Langsamkeit allmählich in den Griff zu bekommen und sich körperlich in die gestellten Aufgaben hineinzufinden. Jovid Jonis und Tadao Nelat waren beide deutlich belastbarer, als Fenna zu Anfang gedacht hätte. Tapfer hielten sie durch und waren besonders in den Laufübungen immer unter den Behändesten. Auch der junge Adelige, Fergran von den Holtzenauen, gab sich redlich Mühe, seine womöglich anerzogene körperliche Schwächlichkeit zu überwinden.

Blieben noch drei im Gesamtüberblick: MerDilli, Kindem und Stodaert. MerDilli war körperlich ein Phänomen aus Kraft und Wucht, allerdings dabei ungezügelt bis zur Fahrlässigkeit. Kindem war guter Durchschnitt, aber es gelang ihm nicht, aus seiner außergewöhnlichen Körpergröße Vorteile zu schöpfen. Und Stodaert war ein so unglaublicher Streber, dass er alles, was man ihm befahl, zwar langsam und mit einer kuriosen Steifheit, aber tadellos ausführte. Wahrscheinlich würde er auch eine senkrechte Wand hochgehen und dabei mit fünf Fackeln jonglieren.

Nach Fennas bisherigen Erfahrungen in Chlayst waren Teppel, Jonis, Nelat, von den Holtzenauen, MerDilli, Kindem und Stodaert ganz durchschnittliche Jungsoldaten. Behnk, Ekhanner, Kertz und Emara waren unterdurchschnittlich, Resea, Deleven und Garsid überdurchschnittlich. Das ergab insgesamt eine vollkommen durchschnittliche Kompanie.

Hauptmann Sigden Gollberg jedoch hatte keine durchschnittliche Kompanie.

Fenna beobachtete die Mitglieder der Ersten, wann immer sich ihm dazu eine Gelegenheit bot. Gollberg schien aus Rekrutenhaufen wie den von Hobock versammelten Grünhörnern immer nur die Reseas, Delevens und Garsids herausgepickt und den Rest wieder nach Hause geschickt zu haben. Anders war der beinahe unheimliche Standard seiner dreißig Kavalleristen nicht zu erklären.

Wie konnte man mit elf Normalsterblichen und nur dreien von diesem Format gegen vierzehn Gollbergzöglinge antreten und siegreich sein?

Fennas Einstellung dem Manöver gegenüber veränderte sich immer weiter. Durch seine Wette hatte er Gollberg seinen Posten zur Disposition gestellt. Dann war Fenna zornig geworden und hatte beschlossen, diese Wette zu gewinnen. Inzwischen hatte er das Gefühl, diese Wette und damit das Manöver gewinnen zu müssen, weil er anders seine Ehre als Soldat der Königin und Stadtgardist Chlaysts Hauptmann Gollberg gegenüber nicht mehr wiederherstellen konnte.

Immerhin hatten die Kinder in seinen Träumen jetzt keine Gelegenheit mehr zum Schreien. Es war nicht mehr genügend Platz dafür vorhanden.