26. Tag:
Santiago de Compostela, 30. Juni
Heute habe ich frei — welch ein wundervolles Gefühl! Ich stehe ohne Wecker auf und muss meine Sachen nicht gleich wieder in den Rucksack packen. Zufrieden fühle ich mich und verwöhnt und betrachte diese »Kleinigkeiten« als ein Geschenk. Um die Ecke gibt es ein Café, in dem ich Frühstück bekomme, welches ich entspannt und in Ruhe dort einnehme.
Heute brauche ich keine Uhr, ich habe alle Zeit der Welt. Also bummele ich durch die Altstadt, besichtige die Kathedrale und die vielen alten Bauten in ihrem Umfeld. Immer wieder bin ich von der Größe dessen, was ich sehe, völlig fasziniert.

Das Längsschiff der Kathedrale misst immerhin 97 Meter, das Querschiff 65 Meter. Die zentrale Kuppel hat eine Höhe von 32 Metern. Dazu kommen die beiden Türme der Kathedrale, die weit höher sind als die Kathedralen in Burgos, León oder Astorga, die ich bereits auf meiner Reise besichtigt habe. Leider regnet es heute, und so sitze ich nicht wieder am Vorplatz der Kathedrale, um sie mir intensiv anzusehen. Es ist mir dafür einfach zu nass.
Die Kathedrale ist zwischen 900 und 1300 entstanden, ein Bauwerk von ganz besonderer Schönheit und Einzigartigkeit und noch viel imposanter, als ich sie in Burgos und León gesehen habe. Ich bewundere die Leistungen unserer Vorfahren sehr und bezweifle stark, dass heute jemand in der Lage wäre, so etwas Imposantes zu errichten.
Weiterhin habe ich Zeit zum Schlendern und laufe bei Nieselregen und völlig grauem Himmel durch die Gassen der Altstadt, gehe durch einige Geschäfte und sehe mir an, was diese zu bieten haben. Auf jeden Fall gibt es viel Kitsch, der sich fast genauso im nächsten Laden wiederholt. Jedoch bei genauerem Hinsehen lassen sich für mich ein Schmuckstück, natürlich mit Muscheln, ein paar Postkarten zum Mitnehmen und ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Santiago de Compostela« erstehen. Ein bisschen Erinnerung muss sein! So vergeht die Zeit ganz schnell, und ich schaffe es gerade noch, bevor die Mittagsstunde um 13.30 Uhr beginnt, mir beim Frisör meine Haare schneiden zu lassen. Die Erklärungen erfolgen hier wieder mit Händen und Füßen, und ich bin froh, dass ich den Frisiersalon nicht mit einer Glatze verlasse!
Auch für mich ist nun Zeit für eine Mittagspause. Ich bin richtig müde und merke nun, als ich zur Ruhe komme, doch, wie anstrengend, wenn auch schön, die letzten Wochen waren. Also schlafe ich tief und fest fast zwei Stunden lang. Anschließend bleibe ich noch etwas liegen, weil ich es genieße, mal wieder gar nichts zu tun. Schön! Doch dann siegt meine Neugier und ich gehe raus, auf Entdeckungsreise. Es regnet leider immer noch, aber ich bin wild entschlossen, mich davon nicht abhalten zu lassen.
Nach ganz kurzer Zeit steht Liz auf einmal neben mir, und wir beide freuen uns über unser zweites unverhofftes Treffen. Wir verbringen den Nachmittag zusammen, laufen und reden, trinken Kaffee und reden und haben Zeit, in der Fußgängerzone Leute zu beobachten.
Menschen jeden Alters schlendern dort herum, die meisten zu zweit oder in kleinen Gruppen. Ganz viele sind durch ihr Gepäck oder ihre Kleidung eindeutig als Pilger auszumachen. Jedoch ist den Menschen ganz klar anzusehen, dass sie voll freudiger Erwartung sind. Mir ist nie so sehr aufgefallen wie hier, dass die Menschen — alle! — miteinander reden und nicht, wie ich es zu oft aus Deutschland kenne, schweigend miteinander laufen oder sitzen. Spanier sind als solche gut zu erkennen, da sie deutlich besser gekleidet sind als die Masse der Pilger um sie herum.
Liz ist eine interessante Gesprächspartnerin, und wir beide genießen unseren gemeinsamen Nachmittag. Unsere Unterhaltung auf Englisch klappt sehr gut, und ich habe inzwischen manches Mal den Eindruck, dass ich teilweise schon anfange, englisch zu denken! Auf einmal springt Liz auf und ist voller Freude, denn sie hat einen jungen Pilger entdeckt, mit dem sie am Anfang ihrer Strecke gestartet ist. Auch er hat sie gesehen und kommt auf uns zu. Der junge Mann stellt sich freundlich vor — er kommt aus Hongkong — und setzt sich zu uns an den Tisch. Es wird viel geredet, gelacht und schließlich werden noch Fotos gemacht, bevor dieser nette, junge Mann sich wieder verabschiedet.
Während der Pilgerzeit entwickeln sich Zufallsbekanntschaften, man trifft sich immer wieder in den Zentren der Pilgerstädte und hier in Santiago allemal. Allmählich wird es aufgrund des Regens richtig kalt, und Liz und ich verabschieden uns für heute. Sie möchte heute Abend früh schlafen gehen, und ich weiß noch nicht so recht, was ich will. Auf jeden Fall gehe ich erst einmal in mein Zimmer, esse dort ein Baguette und lege mich entspannt hin.
Später entscheide ich dann doch noch, abends durch die Stadt zu schlendern. Es regnet heftig, und es erscheint mir draußen ganz sicher nicht einladend. Es ist 21.30 Uhr, und die Bars und Esslokale füllen sich oder sind bereits gut besucht. Ich fühle mich heute nicht fit genug, um allein noch irgendwo hineinzugehen und entscheide, mich in mein Zimmer zurückzuziehen. Jedoch höre ich auf halber Strecke in der Richtung meines Zimmers Musik und stelle fest, dass gegenüber der Kathedrale, am Ende des überdachten Vorplatzes, eine spanische Musikgruppe folkloristische Musik mit Gesang macht. Das hört sich so gut an, dass ich mich dazu stelle und begeistert der Musik lausche. Langsam füllt sich der Raum um die Musiker herum, denn immer mehr Menschen hören der Musik zu.
Im Nu bin ich im Gespräch mit zwei Frauen aus Deutschland, natürlich auch Pilgerinnen. Sie erzählen mir, dass sie zwei Tage in Finisterre waren und erst heute wieder zurückgekommen sind. Es sei sehr lohnenswert, dort hinzufahren und die hundert Kilometer per Bus seien auch gar nicht zu teuer. Ich erhalte von den beiden alle Informationen, die ich brauche, bin aber noch nicht fest entschlossen, eventuell am Montag dort hinzufahren. Das muss ich mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Viele behaupten, dass der eigentliche Pilgerweg erst in Finisterre zu Ende sei, da dort bereits seit Jahrhunderten die Pilger hingelaufen wären, um dort am Meer ihre schmutzigen und verschlissenen Kleidungsstücke aus der Zeit des Pilgerns zu verbrennen.
Während unseres Gespräches spielen die Musiker unaufhörlich weiter, und es gesellen sich immer mehr Menschen zum Zuhören dazu. Immer wieder gibt es Geburtstagsständchen, die Leute klatschen mit, und es herrscht eine schöne, ausgelassene Stimmung, bei der alle ihren Spaß haben. Die Musikgruppe verkauft in den kurzen Pausen ihre CDs, und auch ich entscheide, eine CD als Erinnerung an diesen unvergesslichen Abend mitzunehmen.
Trotz der schönen Musik fange ich so allmählich an zu frieren und entschließe mich, ins Bett zu gehen. Heute Abend finde ich meine Pension ohne Probleme, auch ohne Stadtplan, ich habe die wesentlichen Aufbauprinzipien der Straßenführung in der Altstadt verstanden.