5. Tag:
Los Arcos – Viana (23 km), 9. Juni
Morgens früh, 5.30 Uhr, im Halbdunkel geht es los. Es ist doch bemerkenswert, dass es hier circa eine Stunde später hell wird als in Deutschland. Es dauert nicht lange, bis Los Arcos hinter mir liegt. Auf dem Weg sieht es aus wie auf einer Ameisenstraße, denn aus jeder Seitenstraße strömen weitere Pilger, allein, zu zweit, seltener in kleinen Gruppen zu dritt oder zu viert, auf den Weg des Camino Santiago. Ich gehe wieder allein, schwatze jedoch hin und wieder mit den anderen, die ich eventuell schon kenne oder die, während ich raste, an mir vorbeilaufen. Wenn wir uns trennen, heißt es stets: »Buen camino!«, was so viel heißt wie: »Einen guten weiteren Weg auf dem Jakobsweg!«
Die Strecke ist schwierig, oft steinig, immer Berg und Tal, Aufstieg und Abstieg. Die Sonne brennt, sticht, und ich schwitze und muss meine Kräfte einteilen und sehr auf den Weg achten. Oft brauche ich eine Pause, muss viel trinken und komme kaum dazu, die Landschaft zu genießen, die immer wieder bergabwärts unglaubliche Ausblicke bietet — fotoserienreif.
Als ich gegen Mittag raste, esse ich trockenes Brot, luftgetrocknete Mettwurst dazu und einen Apfel. Verpflegung ist wichtig, denn weit und breit, auch in den kleinen Ortschaften Sansol oder Torres del Rio, kann man, außer einem Eis oder etwas zu trinken, gar nichts zur Stärkung einkaufen. Also ist Selbstverpflegung angesagt.
Noch während meiner »Mittagspause« fängt es leicht an zu regnen, was mir so gar nicht gefällt. Also, Regensachen raus, Rucksack abgedeckt, und weiter geht ’s.
Nach weiteren zwei Stunden ist es wieder trocken, die Sonne brennt so heiß wie zuvor, und ich bemerke trotz des Eincremens einen leichten Sonnenbrand an Armen und Händen und die erste Blase am großen Zeh. Na, das kann ja heiter werden!

Der Weg nimmt kein Ende, kein Pilger ist zu sehen, und ich schwitze. Plötzlich fährt ein Bauer mit seinem Trecker auf mich zu und gibt mir mit Händen und Füßen Zeichen und zu verstehen, dass ich hier falsch bin, ich habe mich also verlaufen. Demnach muss ich den Berg, den ich soeben Schweiß überströmt erklommen habe, wieder heruntergehen, was mich nicht gerade glücklich stimmt. Jedoch befinde ich mich nach einer weiteren Viertelstunde wieder auf dem Pilgerweg, da ist wieder das Zeichen: blauer Untergrund und gelbe Strahlen in Form einer Muschel, und ich sehe auch wieder andere Pilger.
Also mache ich nun Pause unter schattigen, hohen Büschen auf meiner Decke, verarzte meinen Zeh mit Blasenpflaster und schlafe kurz ein. Ich fühle mich sicher, da nicht weit von mir entfernt zwei andere Pilger ihre kuschelige Siesta halten und ständig neue Pilger die schattige Möglichkeit zur Pause nutzen oder nach der Pause wieder weiterlaufen. Schließlich, so gegen 15.00 Uhr, erreiche ich nach gut acht Stunden Wanderung den Ort Viana, mein nächstes Ziel.
Kurz vorher habe ich am Wegesrand einen Hinweis in Form eines Zettels auf ein Privatzimmer für 14,00 € vorgefunden. So gehe ich, nachdem ich in der Pilgerherberge meinen Stempel für den Pilgerpass abgeholt habe, zielgerichtet der Wegbeschreibung nach. Jedoch muss ich noch mehrmals nachfragen, bis ich das Haus finde. Doch schließlich kann ich ein wundervoll sauberes Zimmer mit Bad, was wie durch ein Wunder noch frei ist, übernehmen. Ich bin völlig erledigt, erschöpft, und brauche Pause, ganz lange.
Auf der Dachterrasse treffe ich beim Essen auf eine Dame, so um die sechzig, auch Pilgerin, die fließend deutsch spricht, ehemals aus Norddeutschland kommend, ihr Leben jedoch in Südafrika verbracht hat. Nun geht sie den Jakobsweg, um sich in Deutschland oder Spanien immer mal wieder mit ihren Geschwistern zu treffen. Die Welt ist klein, offensichtlich!
In Viana, das mir sehr schmutzig und nicht besonders sehenswert erscheint, bewundere ich die Kirche, werde dann aber von einem heftigen Gewitter mit sintflutartigem Regen überrascht. Nach über einer Stunde, die ich in einer schmierigen Kneipe verbringe, erreiche ich mein Quartier fast trockenen Fußes. Leider sind meine gewaschenen Sachen fast alle nass geregnet, was für ein Ärger! An diesem Abend ist nichts mehr möglich, ich bin völlig erschlagen und liege schon um 20.30 Uhr im Bett.