15. Tag:

El Acebo — Ponferrada (15,4 km), 19. Juni

Dieser Morgen beginnt mit einem gemütlichen Frühstück, das mir mein Vermieter um 6.30 Uhr in seinem Wohnzimmer kredenzt. Es gibt café con leche, geröstetes Brot, Olivenöl als Ersatz für Margarine oder Butter und drei verschiedenen Sorten Marmelade. Ich freue mich darüber, denn das hier ist meine erste Übernachtung, bei der ich ein fertiges Frühstück vorgesetzt bekomme. Mein Vermieter ist eine interessante, braunäugige Persönlichkeit, redegewandt, englisch sprechend, mit einem außergewöhnlichen Wohnzimmer: Kamin in der Ecke, Natursteinwände, alte Möbel, Buddha und Räucherstäbchen, großer, geschwungener Spiegel neben dem Esstisch. Dazu ein Riesenstrubbelhund, über den man hinwegsteigen muss, ohne dass er sich rührt. Auch leben zwei Katzen hier, die eine pechschwarz, die andere rot-getigert. Dieser Mann und sein Haus strahlen eine ruhige, entspannte Atmosphäre aus, die mir angenehm ist. Auch gibt es hier keinen Haustürschlüssel. Für mich als Gast ist die Tür einfach immer offen, und ich kann durch dieses Wohnzimmer in mein Zimmer gehen, wann immer ich es will. So ein gemütliches Gasthaus wird mir zu einer bleibenden Erinnerung werden, das fühle ich genau.

Nach diesem entspannten Frühstück in Gesellschaft meines Vermieters wandere ich um circa 7.00 Uhr los. Der starke Wind der Nacht hat sich fast gelegt, der Himmel ist wolkig, und ich fühle mich wohl und ausgeruht, auch wenn es kühl ist und ich wieder die volle Ausrüstung — lange Hose und Jacke — anhabe. Mein Weg führt mich durch dichte Büsche erst geradeaus und dann wieder einmal bergab. Die Berge begleiten mich, Wolken verhangen, die Wolken im Sonnenaufgang in bizarren Formen.

Es ist noch nicht viel los heute Morgen, die meisten Pilger sind wohl gestern schon bis Ponferrada weitergegangen. Ich habe große Lust zu laufen und komme, ausgeruht wie ich bin, schnell voran. Nach gut zwei Stunden passiere ich den nächsten kleinen Ort, Riego de Ambros, und lande unvermittelt hinter dem Ortsende in einer Sackgasse in Form einer kaum begehbaren Grasterrasse. Nun bin ich doch irritiert und habe meinen Weg verloren. Ich drehe mich um und sehe den nächsten Pilger, einen freundlichen jungen Mann aus Deutschland, auf mich zukommen. Wir beratschlagen gemeinsam, was wohl los sei und entschließen uns, in den Ort zurückzugehen. Und richtig, mitten im Ort haben wir offensichtlich beide den Abzweiger übersehen. Nun geht es auf dem richtigen Weg weiter, und wir laufen ihn eine Strecke gemeinsam.

Der junge Mann erzählt, dass er aus Mainz kommt und den Camino de Santiago nur für circa zwei Wochen zwischen zwei Ausbildungsabschnitten laufen will. Auch erzählt er viel von den Herbergen, in denen er stets unterkommt.

Viele Menschen laufen diesen Weg offensichtlich in Lebensabschnitten, die Veränderungen bringen. Der Mangel an vielem und die Entbehrungen setzen die Wertmaßstäbe im Leben wieder neu fest. Eine warme Mahlzeit, trockene Kleidung, all das sind Vorzüge, die bei uns sonst oft keiner mehr zu würdigen weiß.

Der junge Mann erzählt von seiner Zivildienstzeit, als er im sozialen Zentrum kranke, allein lebende Menschen betreute.

Auch ist er glücklich darüber, dass er gesund und munter ist und in der Lage, diese körperliche Anstrengung des Weges auf sich zu nehmen.

Das empfinde ich auch so, da ich auch Jahre der Krankheit hatte, und nun dieses alles hier machen und erleben kann. Dafür bin ich aus tiefster Seele dankbar und bin auch darüber glücklich.

Mein junger Begleiter freut sich offensichtlich über Gesellschaft und erzählt pausenlos, z. B. auch über die Herbergen, wo er dankbar ist, wenn er mal warmes Wasser für die Dusche hat oder nicht so lange anstehen muss. Auch spricht er von großer Hilfsbereitschaft der Pilger untereinander, wenn Salben und Blasenpflaster gegen wunde, geschundene Füße die Runde machen. Weiter erzählt mir der junge Pilger, der mich irgendwie an meine beiden Söhne erinnert, dass er in den Herbergen sehr viele Ältere und auch Pensionäre trifft. Das ist auch mein Eindruck, denn in Astorga zum Beispiel habe ich in der Gästeliste der Herberge die Altersangaben von 17 bis 81 Jahren vorgefunden.

Der junge Mann berichtet auch von seinen Rucksackreisen durch Kuba und Thailand. Dort habe er erlebt, dass die Menschen mit sehr viel weniger als bei uns auskommen müssen. Trotzdem habe er bemerkt, dass dort viele Menschen einen glücklichen und zufriedenen Eindruck auf ihn machten. Besonders bewundert hat er in diesen Ländern die Gastfreundschaft der Einheimischen, die ihn häufig zum Essen einluden, auch wenn sie selbst nicht viel besaßen. Schließlich verabschiedet sich der junge Mann, um weiter in seinem schnelleren Tempo laufen zu können.

Auch nachdem mich dieser nette junge Pilger verlassen hat, geht mir unser langes und interessantes Gespräch durch den Kopf. Es gehört Mut dazu, seinen jungen Freunden zu erzählen, dass man auf Pilgerreise geht, während andere vielleicht mit der Freundin im Süden irgendwo am Strand liegen. Ein bemerkenswerter junger Mensch wie so viele, die ich bereits auf dem camino getroffen habe, warmherzige, tief fühlende, denkende Menschen, die mir einfach gut tun und mir manchmal sogar imponieren, weil sie Ungewöhnliches tun oder ihr Schicksal aktiv bewältigen. Auf jeden Fall gibt es unter den Pilgern eine vertraute Zuneigung, ein Verstehen in vielen Sprachen und die Toleranz, »Anderssein« zu akzeptieren. Und das gefällt mir sehr.

Auch ist es hier nichts Außergewöhnliches, wenn eine Frau allein unterwegs ist, vielmehr sind hier circa achtzig Prozent der Menschen allein unterwegs, auch die Frauen. Es gibt keinen Grund, Angst davor zu haben, allein zu gehen, da man immer wieder nach kurzer Zeit andere Pilger trifft.

Mein Weg führt mich unter Bäumen bergab, als es wieder einmal anfängt zu regnen. Also muss ich schon wieder den Rucksack herunternehmen, die Regenabdeckung aufziehen und kann dann erst weiterlaufen. Aus den wenigen Tropfen wird ein Landregen. Der Weg ist durch die Nässe rutschig und gefährlich, und ich muss vorsichtig auftreten, als ich über die Felsen, die auf dem Weg liegen, klettere. Danach taste ich mich vorsichtig voran, da auf dem Boden kleine Steinen liegen, die durch den Regen glatt wie Schmierseife sind. Zum Glück geht dieser Abstieg auf nass-rutschigen Steinen nur über eine kurze Strecke, bevor ich den nächsten Ort, Molinaseca, erreiche. Ich entscheide mich für eine Kaffeepause mit Apfelkuchen in der Meinung, mein heutiges Ziel, Ponferrada, sei unmittelbar dahinter. Das erweist sich im Gespräch mit der Wirtin jedoch als Irrtum, denn ich habe noch circa sechs Kilometer bis Ponferrada zu bewältigen.

Als ich wieder nach draußen trete, ist aus dem Landregen ein Duschregen geworden, schlimmer noch, als ich es aus Norddeutschland kenne. Na, das kann ja heiter werden! Der Weg aus dem Ort hinaus führt mich zunächst endlos lang an der Straße bergauf, und es gießt aus allen Öffnungen des Himmels. Während ich diesen scheinbar nicht enden wollenden Weg bergauf gehe, komme ich an einer Pilgerherberge, die sich am Ortsausgang befindet, vorbei. Das Kuriose an dieser Herberge ist, dass unter einem Riesenbalkon Etagenbetten für Pilger zum draußen Schlafen aufgebaut sind. Ich zähle so an die zwanzig Betten, die da draußen im Regen und in der Kälte stehen, und ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich dort übernachten müsste! Bei dieser Vorstellung gruselt es mich. Dennoch muss es einen Grund geben, dass diese Herberge Betten für draußen anbietet. Es hat den Anschein, dass das Wetter hier auch ganz anders sein kann, als ich es zurzeit erlebe. Bei dreißig Grad im Schatten kann ich es mir auch ganz nett vorstellen, draußen in der kühleren Nachtluft zu schlafen!

Tapfer schreite ich voran und hoffe, dass mein Regenzeug dicht ist und vor allem meine Digicam, die ich in der Tasche der Regenjacke aufbewahre, nicht nass wird. Es regnet, eher mehr als weniger, als ich nach circa eineinhalb Stunden Ponferrada erreiche. Schuhe, Strümpfe sind nass und alles Äußere tropft, mir ist kalt, und ich zweifle das erste Mal an der Richtigkeit meines Vorhabens. Auf den Gehwegen haben sich inzwischen rot-braune Rinnsale gebildet, die in zackigem Kurs über den Weg fließen. Ich laufe dazwischen, darüber, an ihnen vorbei, um möglichst meine Schuhe und Strümpfe nicht noch nasser werden zu lassen.

Das hat mit Spaß und Freude absolut nichts mehr zu tun. Der Weg nach Ponferrada hinein zieht sich endlos hin, und als ich kurz vor 14.00 Uhr an der Touristinformation ankomme, um mir einen Stadtplan zu holen, hat diese wieder einmal zu, obwohl sie nach meinem Reiseführer bis 14.00 Uhr geöffnet haben sollte. Meine Erfahrung mit den Touristinformationen ist sehr schlecht, da diese meist zwischen 14.00 und 17.00 Uhr geschlossen haben, und dies entspricht ziemlich genau den Ankunftszeiten der Pilger. Auch sprechen die meisten Angestellten dort nur spanisch und kein englisch, sodass die Informationsflut dürftig ist. Also, keine Information!

Ich bin nass, friere, bin müde und erschöpft und kenne mich nicht aus, also beste Voraussetzungen, eine Stadt schön zu finden. So mache ich mich auf den Weg zur Pilgerherberge, die ich nach circa weiteren zwanzig Minuten endlich erreiche.

Dort treffe ich nicht nur viele Bekannte wieder, sondern erhalte meinen Pilgerstempel, kann mich aufwärmen, habe sanitäre Anlagen und kann in Ruhe mein mitgebrachtes Essen — Baguette, Käse, Tomate, Zwiebel — zu mir nehmen, mich ausruhen und stärken. Ich sitze hier fast eine Stunde, bin zum Glück nicht allein, sondern habe Kontakt mit anderen Pilgern und fühle mich fast wieder wohl. Unter anderem treffe ich hier auch die Dame aus Bayern wieder, der ich das letzte Mal am Cruz de Ferro begegnet bin. Wir freuen uns beide, sitzen zusammen und unterhalten uns fast eine Stunde miteinander.

Es ist viel Betrieb hier; fast wie in einem Ameisenhaufen kommen ständig neue, völlig verregnete Pilger an. Ich entscheide, weiterzugehen, verabschiede mich von meiner Bekannten, die wie jedes Mal hier in der Herberge bleiben will, und finde schon bald darauf einen öffentlichen Stadtplan, auf dem ich mich so weit orientieren kann, dass ich das hostal, das in meinem Reiseführer als preisgünstige Unterkunft empfohlen wird, finde. Ich kann sofort mein Zimmer beziehen, schäle mich aus den durchnässten Sachen, hänge alles zum Trocknen auf und schlafe entspannt in meinem Bett ein.

Am Nachmittag ist das Wetter besser, sogar die Sonne lugt wieder hervor. Ich mache — zur Fußentlastung wieder in Sandalen — Sightseeing, bin aber enttäuscht, denn hier gibt es für mich nicht viel Interessantes zu sehen. Keine schöne alte Stadt, aber dafür ein paar Geschäfte. Nun, man kann nicht alles haben, und so laufe ich, Eis lutschender Weise, durch die Straßen und genieße meine freie Zeit und die wenigen Sonnenstrahlen. Mir geht es wieder gut, trotz meines Muskelkaters in den Waden, der mir vom gestrigen Abstieg geblieben ist.

Am späten Nachmittag entscheide ich mich, noch einmal den Berg am anderen Ende der Stadt hochzusteigen, um mir die alte Templer-Burg von Ponferrada anzusehen. Diese gewaltige und beeindruckende Burg besteht aus riesigen Festungsmauern, die durch Festungstürme unterbrochen werden. Das gesamte Bauwerk besteht aus unterschiedlich großen, gelblichen, gemauerten Steinen, die unverputzt auch nach vielen hundert Jahren noch in ihrer ursprünglichen Form zu erkennen sind. Trotz der Mühen bin ich froh, dass ich mich zu dieser Besichtigung entschieden habe, denn dieses wirklich sehenswerte Bauwerk zu verpassen, das hätte mich schon geärgert!

Auf dem Rückweg zu meinem Quartier bin ich hungrig, gehe noch eine Kleinigkeit essen und brauche dann Ruhe. Der Abend ist also heute kurz, ich bin einfach nur müde und möchte schlafen.

Wenn nicht jetzt, wann dann?
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