10. Tag
Burgos – León (285 km), 14. Juni
Um 5.45 Uhr klingelt mein Handywecker und ich mache mich startbereit für einen neuen Tag. Heute will ich mit dem Bus die Strecke bis León fahren. Als ich, bepackt wie immer, aus dem Haus heraustrete, fängt es gerade an zu regnen. Ich fühle mich mit meiner kurzen Hose und T-Shirt deplaziert und suche meine Regenjacke heraus. Der Busbahnhof befindet sich um die Ecke, sodass ich relativ schnell wieder im Trocknen bin. Ich löse am Schalter mein Busticket: 12,65 € bis León, Abfahrt 6.45 Uhr. Der Bus steht schon da, und nach kurzer Zeit kann ich einsteigen.
Mit mir reisen im Bus mehrere Pilger mit großem Gepäck. Einer fällt mir besonders auf, weil er mit Badelatschen, die Zehen dick verpflastert, unterwegs ist. Der arme Mann kann offensichtlich nicht einmal mehr seine Wanderschuhe anziehen! Er hat mein volles Mitgefühl, und ich bin heilfroh, dass die kleine Blase unter meinem großen Zeh dank Blasenpflaster nach zwei Tagen wieder weg war und mich nicht weiter behinderte. Es machte sich eben bezahlt, dass ich gut vorbereitet bin und meine Wanderstiefel bereits vier Monate vor meiner Pilgerreise eingelaufen habe. Inständig hoffe ich, dass mir das Schicksal meines Pilgergenossen mit den Blasenfüßen erspart bleibt.
Es gibt nummerierte Plätze und Beckengurte zum Anschnallen, es ist also ein moderner, gepflegter Reisebus. Die Fahrt führt mich durch manchmal leicht hügeliges, aber meist ebenes Gelände, Weizenfelder, aber auch Wiesen, fast eine Landschaft, die meiner heimischen in Norddeutschland ähnelt. Die Mesetas sind nicht so abwechslungsreich in der Landschaft wie andere Strecken, und deshalb fahre ich gerade diese Strecke mit dem Bus.
Als ich in León ankomme, regnet es noch immer, und zwar kräftig. In der Cafeteria am Busbahnhof lege ich einen Stopp ein, um einen café con leche zu mir zu nehmen und um wärmere, regendichte Kleidung anzuziehen. Es ist kühl geworden draußen, 14 Grad sind nicht viel. Mit Hilfe meines Reiseführers suche ich eine dort empfohlene Pension — und suche — frage — suche — frage — suche — frage. Stets das gleiche Spiel. Die meisten Spanier hier sprechen kein Deutsch, Englisch oder Französisch, sodass die Verständigung mit Handzeichen erfolgen muss. Doch fast alle sind freundlich, besonders bei Pilgern, und als solchen kann man mich an meinem großen Rucksack unschwer erkennen. Viele geleiten mich auch um die nächste Straßenecke herum, um zu zeigen, wo es langgeht. Schließlich werde ich, Regen durchnässt, nach circa zwanzig Minuten fündig: Es geht in den 3. Stock zu der von mir gesuchten Privatpension. Das Zimmer kostet 12,00 € mit Etagenbad und ohne Frühstück, ist sehr antiquarisch eingerichtet, aber zentral gelegen und weitestgehend sauber. Ich nehme es und gehe erst einmal schlafen. Es regnet immer noch, und ich bin einfach müde vom ständigen frühen Aufstehen und von der Beanspruchung der letzten Tage.
Gegen Mittag werde ich wach, es regnet nur noch wenig, und ich mache mich auf den Weg, die Stadt zu erkunden. Eine saubere, architektonisch interessante Stadt, die in den Seitenstraßen viele kleine Geschäfte hat, die jedoch erst wieder von 17.00 — 22.00 Uhr öffnen werden. Also esse ich etwas, sitze unter der Überdachung eines Restaurants auf dem Plaza Mayor und betrachte die Bauten. Alte Häuser, vier- bis sechsgeschossig, in allen Farben, gelb, orange, rot, grün, gut restauriert, mit weißen Stuckaturen, schmiedeeisernen Balkonen vor Holzbalkontüren. Es ist eine Freude, dieses zu sehen. Ich beobachte Passanten, die fein gekleidet an mir vorbeiziehen. Ein gepflegtes Äußeres ist in Spanien wichtig, und besonders die Frauen sind gut und geschmackvoll modisch zurechtgemacht; viele tragen Röcke und Absatzschuhe und laufen so, als seien sie sich ihrer Wirkung bewusst. Es gibt hier offensichtlich viel weniger dicke Menschen als bei uns in Deutschland, was sicher auch mit der anderen Ernährung zusammenhängt. Der Spanier isst kleine Portionen, häufig tapas, das sind kleine Schnittchen mit unterschiedlichen Belägen, und vor allem immer Meterbrot. Andere Brotsorten, wie wir sie aus Deutschland kennen, gibt es hier nicht. Um Geld zu sparen, verpflege ich mich häufig selbst. Baguette mit Belag aus Wurst oder Käse, manchmal Oliven oder Paprika, gestern z.B. einmal Kirschen dazu. Das spart und ist lecker, denn die spanische Küche ist für mich gewöhnungsbedürftig.
Um 16.00 Uhr öffnet die Kathedrale, und ich kann sie besichtigen und mir dort auch meinen Pilgerstempel abholen. Inzwischen habe ich schon etliche davon.
Was für ein interessanter Anblick! Die Kathedrale ist kleiner als die in Burgos, hat aber immer noch Türme von 68 Metern Höhe. Hier in León imponiert sie durch ihre unbeschreiblich bunten Bleiglasfenster in großer Anzahl und riesiger Größe von insgesamt 1800 Quadratmetern. Hier finden sich hohe Bleiglasfenster im gotischen Stil, in Bunt gehalten, aber auch in verschiedenen Blautönen abgestuft, sodass dem Besucher durch den Lichteinfall von draußen die ganze Fülle der möglichen Farbenpracht präsentiert wird. Es werden biblische Motive und solche aus der Pflanzenwelt gezeigt, sodass ich einige mir bekannte Geschichten aus der Bibel wiederfinde.

Ich stehe staunend da und kann mich von diesem Anblick nicht wieder trennen. Es fasziniert mich die Höhe des gotischen Bauwerks, ich bewundere die geschnitzten Holzbänke, den riesigen vergoldeten Altar. Was für eine Dimension haben diese Kirchen, die in dieser Gegend so reichlich zu finden sind! Wie viele Menschen haben daran seit dem 12. Jahrhundert gearbeitet! Dieser Blick in die Geschichte der Menschheit bleibt spannend.
Den Rest des Tages verbringe ich in der Stadt und erkunde all das, was mich interessiert, heute vor allem die Geschäfte, in denen ich nach landestypischen Mitbringseln für zu Hause suche. Jedoch ist dieses hier eine europäische Großstadt, in der es vor allem Dinge zu kaufen gibt, die ich aus Deutschland kenne, sodass ich keinerlei Einkäufe tätige. Danach plane und rechne ich, im Straßencafé sitzend, meine weiteren Strecken durch: Ich habe laut Planvorgabe noch elf Etappen vor mir, die zum Teil mit 32 km pro Etappe ausgewiesen sind. Das schaffe ich nie und muss diese ausgearbeiteten Strecken für mich in zwei Etappen aufteilen. Die Zahl der Kilometer bis Santiago de Compostela ist immer noch so hoch, dass ich wieder mit dem Bus fahren muss, um meinen vorgegebenen Zeitplan von vier Wochen einhalten zu können. Nicht umsonst habe ich schon Pilger getroffen, die entweder in jedem Jahr eine kleine Etappe dieses Weges laufen oder z.B. ein Vierteljahr oder aber unbegrenzte Zeit eingeplant haben. Doch nicht für jeden ist das möglich, und so muss ich im Rahmen meiner Möglichkeiten bleiben. Ich entscheide also, morgen wieder eine kleine Etappe mit dem Bus zu fahren, und zwar die verbleibenden ebenen Mesetas, um dann anschließend zu wandern.
Im Busbahnhof angekommen, erhalte ich Auskunft zu den Busfahrzeiten und bin so mit meiner Tagesplanung für morgen fertig.
Inzwischen habe ich die Innenstadt mehrfach umkreist und musste mir eine neue Uhr kaufen, da meine Uhr stehen geblieben und nach Auskunft in zwei Juwelierläden nicht mehr zu reparieren war. Danach sitze ich jetzt in der Abendsonne — das Wetter wird offensichtlich besser — und genieße die entspannte Atmosphäre des Feierabends, wenn es alle Spanier mit Kind und Kegel auf die Straßen treibt, in die Restaurants, wo man mit Freunden sitzt und redet, wo die Kinder in den Grünanlagen oder auf dem Spielplatz in der Fußgängerzone herumtollen.
Zwei Tage Stadt — Burgos und León — waren schön und sehr interessant, aber es fehlt mir jetzt schon wieder die Natur, die Ruhe um mich herum. Im Getriebe der Stadt verliere ich mich, ich fühle mich zugedeckt von Äußerlichkeiten. Zu sich selbst findet man offensichtlich nur allein in der Natur. Das ist für mich eine überraschende Erkenntnis, denn im häuslichen Umfeld habe ich offensichtlich immer »Stadt«, ruhelose Betriebsamkeit im Familienverband, der stets Anforderungen an mich stellt. Wie wichtig es ist, auch als Frau und Mutter Ruhezonen zu finden und diese zu leben, wird mir zunehmend klarer. Ich freue mich, mich morgen wieder selbst in der Einsamkeit zu treffen und meinen Gedanken und Gefühlen Raum geben zu können.