21. Tag

Hospital da Cruz – Palas de Rei (24 km), 25. Juni

Heute Morgen ist es kalt und noch immer feucht, aber zum Glück regnet es nicht mehr. Als ich um 7.15 Uhr loslaufe, liegt noch ein wenig Nebel am Horizont, und ich bin sehr skeptisch, was das Wetter anbelangt. Da ich in der letzten Nacht in einem kleinen Gasthof Zwischenstation gemacht habe, bleibt mir heute der Pilgerstrom in der Masse erspart. Lediglich ein junges Pärchen hat in meiner Unterkunft mit übernachtet, welches sich mit der Taxe abholen lässt. Die junge Frau weint, und ich höre, dass sie die Füße so kaputt hat, dass sie nicht mehr weiterlaufen kann. Sie tun mir leid — beide — und ich bin froh, dass mir das im Wesentlichen erspart geblieben ist.

Mein Weg führt mich heute mal wieder bergauf und auch an der Straße entlang, was für mich nicht so verlockend ist. Ich komme jedoch, ausgeruht wie ich heute bin, gut voran. Nach der ersten halben Stunde verläuft mein Weg auch weiter von der Straße ab und fängt wieder an, sich durch die Landschaft zu schlängeln. Immer wieder ergeben sich atemberaubende Aussichten auf Alleen mit Eichenbäumen, auf Heidelandschaften, auf Blumen am Wegesrand, wo es immer wieder in großen Gruppen lilafarbenen Fingerhut zu sehen gibt. Auch geht es durch alte, kleine Ortschaften hindurch, in denen die Häuser mit Efeu bewachsen sind, wo Mauern, bemoost und Blumen verziert, zwischen alten Steinhäusern mit Schieferdächern stehen. In jedem Ort gibt es Häuser, die verwahrlost wirken, mit dem Schild »se vende«, was so viel wie »zu verkaufen« bedeutet, denn die Landflucht hier in Spanien ist sehr groß, weil es einfach dort nicht genug Arbeitsplätze gibt. Auch sehe ich immer wieder halb verfallene, alte Steinhäuser, bei denen man erkennen kann, dass sie einmal wunderschön gewesen sein müssen, aber offensichtlich gibt es niemanden, der sich dafür interessiert, und so verfallen sie immer mehr. Die Ortschaften liegen einsam; es sind stets nur wenige Häuser, und ich sehe nie auch nur ein Geschäft, in dem man hätte etwas einkaufen können. Von der Pilgerin aus Berlin vom gestrigen Abend habe ich gehört, dass das Versorgungsproblem hier so gelöst wird, dass circa zweimal pro Woche der Lebensmittelladen per Auto durch die Ortschaften fährt. Auch gibt es Wagen mit Bekleidung und anderem Lebensnotwendigen, die in regelmäßigen Abständen durch die Dörfer fahren, sodass die Bevölkerung auf diese Art versorgt wird.

Für mich lohnt es sich, immer wieder Fotos zu machen von den unberührten Waldwegen, Lichtungen, Ausblicken ins Tal. Die Landschaft hier ist immer noch schön, wenn auch nicht mehr so atemberaubend, wie ich es bereits erlebt habe.

Gegen 12.00 Uhr bin ich an meinem Ziel, Palas de Rei, und steuere die Pilgerherberge an. Dort bekomme ich wieder meinen Stempel und mache Rast, um etwas zu trinken. Am Tresen meldet sich inzwischen ein Pilger nach dem anderen zum Übernachten an, und obwohl die Dame hinter dem Tresen nur spanisch spricht, funktioniert die Verständigung mit dem internationalen Publikum. Frisch gestärkt, begebe ich mich dann auf Quartiersuche und werde gleich schräg gegenüber fündig: cama con baño, Zimmer mit Bad, für 12,50 € ist absolut o. k. Ich muss wie immer meinen Personalausweis vorlegen und, nachdem die Anmeldepapiere ausgefüllt sind, mein Anmeldeformular unterschreiben. Mit dem Schlüssel in der Hand suche ich dann mein Zimmer, öffne die Tür und staune nicht schlecht, denn dieses Zimmer hat kein Außenfenster, sondern nur ein Fenster zu einem dunklen Flur. Das gefällt mir gar nicht, ich fühle mich gefangen ohne Licht und Sonne. Zum Glück kann ich noch tauschen und beziehe ein Stockwerk höher ein sauberes, helles und freundliches Zimmer mit Bad und vor allem mit einem richtigen Fenster. Also, es geht doch!

Nach meiner obligatorischen Schlummerpause mache ich mich um 16.00 Uhr auf den Weg, um den kleinen Ort zu erkunden. Auch hier gibt es wieder eine alte Kirche im Zentrum des Ortes, ein paar Geschäfte, aber sonst nicht viel zu sehen. Ich schlendere durch die Straßen und habe nach zwanzig Minuten alles gesehen. Also entscheide ich, mich in ein Straßencafé in die Sonne zu setzen. Es weht ein kräftiger Wind, aber ich sitze geschützt und genieße die Wärme der Sonne, trinke café con leche und esse tarta de Santiago für 2,50 € und lasse es mir gut gehen.

Nach einer guten halben Stunde, in der ich völlig entspannt sitze, bekomme ich Besuch; mein Pilgerbekannter aus Portomarín gesellt sich zu mir. Er erzählt, dass sein Lauffreund von neulich schon weiter gezogen sei, er aber noch Zeit habe. Demnach ist er heute nur eine sehr kurze Strecke gelaufen und am späten Vormittag schon hier in Palas de Rei eingetroffen. So ist es eben auf dem Weg: Man trifft sich selten nur einmal, sondern man läuft sich immer wieder über den Weg, zumal die Ortschaften fast alle so klein sind, dass man sich gar nicht verfehlen kann.

Wir sitzen also zusammen in der Sonne, genießen den freien Nachmittag und reden viel miteinander. Er erzählt unter anderem, dass er seit dem Tod seiner Tochter mit seiner Frau zusammen für seine beiden Enkel sorgt, sodass er nur allein eine solche Reise unternehmen kann. Seine Frau fährt stattdessen auch ab und an allein nach Indien. Er habe seine Reise zum camino seit vier Jahren geplant, ein Lebenstraum, den er sich nun verwirklicht.

Wir haben einen lustigen, geselligen Nachmittag zusammen und verabschieden uns mit buen camino und der Sicherheit, dass wir uns irgendwo wieder über den Weg laufen werden — oder auch nicht. Diesen Weg muss im Grunde jeder allein gehen, man hat Gesellschaft für Etappen, aber nicht für lange Zeiträume. Jeder sucht etwas anderes für sich auf diesem Weg, aber jeder muss »seinen« Weg selbst finden.

Als ich gegen 20.00 Uhr in die Pilgerherberge gehe, um für 8,00 € mein Pilgermenü zu essen, fällt mir auf, wie schmutzig der Fußboden hinter dem Tresen ist. Hier und auch in den anderen Lokalen ist es offensichtlich Sitte, Zigarettenkippen, Servietten, Olivenkerne und was es sonst noch so gibt, einfach auf den Fußboden zu werfen. Aschenbecher gibt es demnach auch nicht. Ab und an, spätestens nach Geschäftsschluss, wird dann ausgefegt, und so ist alles wieder sauber, und man erspart sich das umständliche Säubern von Aschenbechern. Diese Mentalität ist anders als bei uns und sicher für viele ordnungsliebende Deutsche ungewohnt.

Ich sitze in der Abendsonne mit den anderen zusammen, esse und rede und gehe, nachdem die Sonne kurz nach 21.00 Uhr untergegangen ist und es kalt wird, in mein Quartier.

Wenn nicht jetzt, wann dann?
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