12. Tag:
Astorga, 16. Juni
Mein Handywecker klingelt um 6.30 Uhr, doch ich bin so müde, dass ich weiterschlafe. Als der Herbergsvater gegen 8.00 Uhr an meine Tür klopft, weil er weiß, dass ich weiterwollte, stehe ich kurz auf, sage Bescheid, dass ich bleibe und schlafe weiter bis um 11.00 Uhr. Die vielen neuen Eindrücke und die körperlichen Anstrengungen fordern ihren Tribut, und ich brauche eine Auszeit. Zudem ist die Herberge so gut und billig und Astorga so hübsch und interessant, dass ich mich entscheide, noch eine Nacht zu bleiben. Diesen weiteren Tag kann ich nutzen, um für zwei Euro die Waschmaschine und Trockenmöglichkeit der Herberge auszuprobieren. Auch kann ich mein Baguette mit Käse, einer Banane und Kaffee (!) im Sonnenschein auf der Dachterrasse mit dem Blick über die Dächer von Astorga zu mir nehmen. Richtiger Kaffee, wie ich ihn aus Deutschland kenne, ist hier die absolute Seltenheit. Was hätte ich versäumt, wenn ich heute weitergegangen wäre! Eine der Angestellten der Herberge hat mir freundlicherweise unentgeltlich eine Kanne Kaffee zubereitet, und ich fühle mich schon wieder verwöhnt und genieße dieses inzwischen so seltene Frühstück. Ich bin bescheiden geworden im Laufe der letzten Tage, denn vieles, was früher selbstverständlich war, ist es hier nicht.
Später schlendere ich durch die Stadt, schreibe Postkarten, kaufe für den morgigen Sonntag und die nächste Etappe ein, bewundere erneut die alten Bauwerke und die Kathedrale. Mir wird bewusst, wie geschichtsträchtig diese Gegend ist, wenn diese Bauten gut eintausend Jahre stehen und noch immer so gut erhalten sind. Wie sehr haben wir in Deutschland doch durch die Kriege gelitten, denn so viele alte Bauwerke wie hier gibt es seit dem zweiten Weltkrieg kaum in einer deutschen Stadt.
Auf der Suche nach den römischen Sklavenunterkünften erreiche ich ein Bauwerk, welches mir richtig erscheint. Da das schmiedeeiserne Tor verschlossen ist, klingele ich. Eine spanisch sprechende Stimme meldet sich per Wechselsprechanlage, und ich versuche mein Anliegen deutlich zu machen, ich als peregrino, also Pilger, ersuche um Eintritt. Wie von Geisterhand öffnet sich das Eisentor per Hydraulik, ich trete ein, und das schwere Tor schließt sich wieder.
In diesem Moment — umgeben von circa drei Meter hohen Mauern, auf dem Vorplatz eines alten Gebäudes stehend — fange ich an, mich unwohl zu fühlen. Ich betrete die geöffnete Tür des Gebäudes und folge der spanisch sprechenden Stimme, die offensichtlich per Band zu mir spricht. Da erst merke ich, dass ich wohl in einem Kloster oder sonstigen Gebäude — mir fällt dazu auch die Scientology-Sekte ein — gelandet bin. Jedenfalls hat das mit den römischen Sklavenunterkünften, die ich suchte, absolut nichts zu tun. Auch ist außer der spanischen Stimme nichts Menschliches zu sehen.
Ich trete in eine hohe Halle ein, in der jeder meiner Schritte auf dem Steinboden hallt, und folge der spanisch sprechenden Stimme so weit, bis ich vor einer alten Holztreppe stehe. Soll ich diese nun hinaufgehen? Noch immer ist kein Mensch zu sehen, sodass ich weiterhin im Halbdunkel dieser riesigen Halle verharre. Beim Betreten der Treppe knarrt jede der Stufen, die Atmosphäre ist einfach unheimlich. Die Treppe ist lang gezogen und hat mindestens 35 Stufen, die ich vor mich hin knarrend ersteige. Oben angekommen, befindet sich dort eine weitere Eisentür. Diese jedoch lässt sich nicht öffnen, sodass ich es jetzt mit der Angst bekomme und auf dem Absatz kehrt mache, die Treppe herunter renne und dann — sehr Panik unterlegt — das Gebäude verlasse. Noch immer ist die spanische Stimme zu hören, die mir weiterhin etwas Unverständliches erzählt.
Nun stehe ich wieder in der grellen Sonne des Vorplatzes vor der hohen Mauer. Es geht mir jetzt richtig schlecht, und ich habe große Bedenken, mich sehr leichtsinnig in eine gefährliche Situation hineinmanövriert zu haben, zumal mein Selbstverteidigungs-Pfefferspray sich wohlbehalten in der Jackentasche in der Herberge befindet. Doch plötzlich, wie durch ein Wunder, öffnet sich, leicht knarrend, die große schwarze Eisentür wieder, und ich verlasse fluchtartig diesen merkwürdigen Platz. Ich fühle mich, sicher zu Recht, beobachtet und bin sehr froh, als ich wieder auf der Straße stehe. Mein Herz klopft nun doch erheblich, und ich verspreche mir selbst, künftig vorsichtiger zu sein, denn alle Abenteuer- und Entdeckerfreude sind sicher solch ein Risiko nicht wert! Dieser Ort war mir unheimlich, und er passte so gar nicht zum Klima dieses sonst so lieblichen und verträumten Örtchens Astorga.
Mein Weg führt mich nun wieder einmal zur Polizeistation, denn ich möchte mir dort einen Stempel für meinen Pilgerpass holen. Der Polizist fühlt sich jedoch nicht zuständig und will mir diesen Stempel erst geben, als ich ihm den Polizeistempel aus Logroño zeige. Zum Stempel trägt er nun auch noch das falsche, gestrige Datum ein. Nun bin ich völlig verwirrt, zumal ich heute schon den ganzen Tag gegrübelt habe, welcher Wochentag sei. Im Laufe meiner Reise entgleist die Ordnung in meinem Leben, ich bin zeit- und raumlos und merke, wie nichts mehr wichtig ist, was mein Leben vordem geprägt hatte. Die Leichtigkeit des Seins hat von mir Besitz ergriffen, und ich »schwebe« durch Zeit und Raum.
Am Nachmittag laufe ich wieder durch die Altstadt mit der Kathedrale, die mit ihren beiden riesigen Türmen über die Stadt hinausragt und mich magisch anzieht. Neben dieser steht noch ein gut dazu passendes Gebäude, welches jedoch neueren Datums ist. Es ist das Pilgermuseum, das durchaus sehenswert ist. Mir kommt der Vergleich mit Schloss Canterbury in den Sinn, denn so wirkt dieses Bauwerk; man könnte meinen, dass hier sogleich Vampire um die Türme der Gemäuer fliegen werden.
Bei meinen Exkursionen durch die Altstadt entdecke ich — in den Schaufenstern dekoriert — Kakaobohnen, eine hell- und eine dunkelbraun. Astorga ist offensichtlich die Stadt der Schokolade, die überall in verschiedenen Sorten und Größen verkauft wird. Es gibt viele Geschäfte, die Pralinen und Schokoladen führen, und ein verführerischer Duft dringt von diesen bis auf die Straße. Ich würde gerne für zu Hause etwas mitnehmen, jedoch lasse ich es schweren Herzens lieber. Die Schokolade wäre im Rucksack zu schwer, und sie könnte durch die Wärme Schaden nehmen.
Den restlichen Nachmittag verbringe ich auf dem Marktplatz, im Straßencafé sitzend, mit neu angekommenen Pilgern redend, bis es leider wieder einmal anfängt zu regnen. Was ist bloß mit dem spanischen Wetter los? Ich habe Sonne »gebucht« und nun so etwas! Wenn ich so sehe, wie die neuen Pilger, in ihr Regencape gehüllt, tropfend und triefend hier ankommen, mag ich gar nicht an den morgigen Tag denken, wenn es auch für mich weitergehen soll. So langsam bezieht sich der Himmel völlig, es wird kälter, und offensichtlich meint es Petrus als Wettergott nicht gut mit mir.