2. Tag:

Pamplona, 6. Juni

Morgens, müde, noch immer nicht ganz angekommen, sehe ich die ersten Sonnenstrahlen durch die Jalousie des Balkons scheinen. Erste Betriebsgeräusche sind draußen in der Avano Calle in der Nähe des Plaza Castillo zu hören. Ein vorsichtiger Blick auf mein Handy sagt mir, dass es bereits 8.30 Uhr ist, also Zeit zum Aufstehen für einen neuen, spannenden Tag. Nach der Dusche, die wider Erwarten einen neuen, ordentlichen Eindruck hinterlässt, bin ich startklar, Bauchtasche und Geldgürtel, Handy und Digicam sicher am Mann bzw. an der Frau verstaut. Offensichtlich gibt es in dieser Kategorie der spanischen Zimmer kein Frühstück, sodass ich auf die Suche gehen muss, ein solches zu finden. Zwei Straßenecken weiter ist es schon: ein nettes Café, in dem es bocadillos, also belegte Brötchen, und café con leche, also Kaffee mit Milch, gibt. Ein gutes Preisleistungsverhältnis, ein ausreichend gefüllter Magen und ein freundlicher Barkeeper, der recht gut französisch spricht und mir den Weg zum Beginn des Jakobsweges in Pamplona zeigt, stimmen mich froh und zufrieden. Und wirklich, zwei Straßenecken weiter, kaum zu glauben, stehe ich vor dem blauen Schild mit weißer Muschel, das den Jakobsweg mit gelber Pfeilrichtung ausweist.

Ich bin ganz ergriffen, den Beginn meines Traumes zu sehen, und mache erst einmal ein Foto. Zudem wird mir bewusst, dass es einfach unglaublich ist, wie einfach sich bisher alles gestaltet hat. Ich bin erleichtert und entspannt, denn nun werde ich morgen meinen roten Faden, den Einstieg in den Jakobsweg aufnehmen und damit mein durchaus vorhandenes Orientierungsproblem zur Seite legen können.

Für heute jedoch ist Pamplona geplant. In der Touristinformation im Zentrum erhalte ich einen kostenfreien Stadtplan und auch eine genaue Informationsbroschüre über Navarra, was mir sehr zusagt. Außerdem bekomme ich hier auch meinen ersten Pilgerstempel, der erste von dreißig möglichen, denn für so viele ist auf meinem Pilgerpass Platz. Mit Hilfe des Stadtplanes entwerfe ich den Plan für den heutigen Tag: Plaza de Castillo, Plaza de Torros, die Zitadelle und die Kathedrale von Santa María mit Museum sollen es werden. Unterstützt vom Stadtplan laufe ich los — und verlaufe mich immer wieder. Oft frage ich Passanten, die mir mit Händen und Füßen auf Spanisch antworten, die mit mir englisch und einmal sogar deutsch sprechen. Allen gemeinsam ist, dass die Spanier sehr freundlich und hilfsbereit mit mir umgehen.

Trotz allem verlaufe ich mich immer wieder und brauche sicher die dreifache Zeit, um meine Sehenswürdigkeiten zu finden. Doch dies führt mich unvermittelt kreuz und quer durch die schöne Altstadt von Pamplona, vorbei an vielen alten bis zu sechsstöckigen Häusern, fast alle mit einem schmiedeeisernen Gitterbalkon, alle mit Jalousien, viele mit Blumen geschmückt, manchmal schmuddelig, aber auch oft schön in Farbe und renoviert. Hier lebt man draußen. Gaststätten haben Holzbänke in die Fußgängerzone gestellt, es gibt Straßencafés und Holzbänke auf den Plätzen und in den Parkanlagen. Die Spanier sind überwiegend gut gekleidet, man achtet auf Etikette. Und allen ist eines gemeinsam: Sie sind freundlich und zuvorkommend und machen auf mich keinen gestressten Eindruck, wie ich ihn nur allzu gut aus Deutschland kenne. Man lebt hier, arbeitet auch, aber alles im machbaren Bereich.

Am Plaza de Castillo wird gebaut, deswegen konnte ich ihn kaum finden, und als ich endlich dort bin, stelle ich fest, dass er sich um die Ecke vom Busbahnhof des gestrigen Tages befindet. Die Welt ist eben klein! Der Plaza de Torros mit zugehöriger Straße ist hochinteressant, und ich kann mir gut vorstellen, wie hier die Stiere für den Stierkampf im Juli zur Arena hin durch die Straßen getrieben werden. Überall gibt es Andenken-T-Shirts und Postkarten zu kaufen, aber ich entscheide, mein Gepäck nicht noch zu vergrößern und bleibe standhaft. Die Zitadelle ist riesig und sehenswert, und ich sitze im dazugehörigen Park und bewundere die Baukunst.

Später, auf dem Weg zur Kathedrale, treffe ich eine andere Pilgerin, die dort auf der Bank im Schatten sitzt. Sie kommt offensichtlich, nach ihrem Dialekt zu urteilen, aus Bayern, und sie ist auch allein unterwegs. Wir beschließen, den Rest des Tages zusammen zu verbringen, besichtigen die Kathedrale und sitzen schließlich auf dem Marktplatz im Straßencafe und genießen die Sonne, die Wärme, beobachten die Leute und fühlen uns zufrieden und entspannt.

Meine Begleiterin erzählt mir, dass sie seit vier Monaten unterwegs sei, dass sie zuerst per Bahn quer durch Frankreich gereist sei, um dann hier in Spanien an mehreren Orten Station zu machen. Barcelona habe sie schon besichtigt und Madrid, und nun wolle sie den Jakobsweg ganz laufen. Sie sei bereits, von Frankreich kommend, auf diesem Weg unterwegs und habe sich so allmählich an das Laufen mit Gepäck gewöhnt. Die ersten Tage jedoch, besonders in den Pyrenäen, erschienen ihr sehr anstrengend, und nun freue sie sich auf eine hoffentlich einfachere Wegstrecke.

Zwischenzeitlich suche ich mit meiner neuen Pilgerbekannten meine Unterkunft auf, weil ich dort noch mein Zimmer bezahlen muss. Ich versuche, einen Rabatt auszuhandeln, da ich zwei Nächte hier in Pamplona war, aber mein Gegenüber ist gnadenlos und verlangt den vollen Preis. Auch mein Vorschlag, mir meinen Koffer abzukaufen, findet kein Echo, und nun habe ich das Problem, wohin mit diesem Teil, das ich auch nicht im Hotelzimmer zurücklassen kann. So schlecht ist dieser Koffer eigentlich noch nicht, denke ich, als ich mit ihm durch die Straßen rolle. Meine Idee, ihn in einem An- und Verkaufsladen loszuwerden, scheitert ebenso wie der Versuch, diesen Koffer an Passanten zu verkaufen. Keiner versteht mich im spanisch sprechenden Umfeld, und so habe ich keine Chance. Schließlich bleibt mir nichts anderes übrig, als dieses Ungetüm in einem Container, den ich zufällig finde, zu entsorgen. Schade! Es tut mir leid um das fast noch schöne Stück, aber was soll ich machen? Auf jeden Fall hatten meine bayerische Begleiterin und ich unseren Spaß bei der Kofferaktion.

Den Abend verbringen wir dann durch die Altstadt laufend, sodass wir vom Flair dieser schönen Stadt viel mitbekommen. Danach trennen sich unsere Wege, und jede läuft zu ihrem Quartier. Die Eindrücke dieses ersten Tages erschlagen mich, und ich bin froh, als ich gegen 22.00 Uhr im Bett liege.

Wenn nicht jetzt, wann dann?
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