Spaziergang 1: Grand Tour – Stephansdom, Hofburg und Ringstraßenarchitektur
Spaziergang
Der Spaziergang 1, auf dem man gleichsam alle Phasen der Stadtgeschichte durchläuft, vermittelt einen bleibenden Eindruck vom pompösen Lebensstil der Habsburger und der stadtbildprägenden Wirkung dieser großen Herrscherdynastie. Er ist ohne Innenansicht der am Weg gelegenen Museen an einem halben, bei Auswahl von zwei oder drei Highlights gut an einem Tag zu bewältigen. Diejenigen, die alle Ausstellungen würdigen, in Kaffeehäusern einkehren und obendrein einen Einkaufsbummel einschieben wollen, sollten allerdings zwei bis drei Tage einplanen.
Wer den Dom mit der U-Bahn ansteuert, stößt schon kurz nach Verlassen des Zuges auf die erste Sehenswürdigkeit, die unterirdische → Virgilkapelle aus dem 13. Jh., die 1973 beim U-Bahn-Bau entdeckt und als Museum in die Metro-Station integriert wurde.
Nach Innenansicht huschen wir mit der Rolltreppe hinauf zum Stephansplatz und finden uns dort direkt vor dem Hauptportal von → St. Stephan wieder, dessen im Wiener Volksmund „Steffl“ genannter Südturm sich 137 m hoch in den Himmel streckt.
Wer mag, kann über gut 300 Stufen die Türmerstube erklimmen und die Stadt aus der Vogelperspektive betrachten oder aber in die Katakomben der Bischofskirche hinabsteigen, die übrigens profanerweise stets in einen leichten Geruch von Pferdekot eingehüllt ist, weil direkt neben ihr eine Fiakerflotte stationiert ist.
Auf den Boden bzw. ans Tageslicht zurückgekehrt, geht es – eventuell erst nach einem Besuch im → Dom- und Diözesanmuseum – vom Stephansplatz in Richtung Graben. Dabei passieren wir das 1989 fertiggestellte und anfangs sehr umstrittene Haas-Haus, das Stararchitekt Hans Hollein für das Mitte des 19. Jh. gegründete gleichnamige Traditionskaufhaus entwarf. Die Errichtung des postmodernen Konsumtempels mit seinen ausladenden Glasfassaden direkt vis-à-vis des Stephansdoms kam für viele einer Entweihung der ehrwürdigen Kathedrale gleich. Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt, zumal man von den Fenstern und Sonnenterrassen der unterdessen eingezogenen Nobelgastronomie in seinen oberen Etagen eine wunderbare Aussicht auf das Wahrzeichen Wiens genießt.
Mitten in der von erlesenen Geschäften eingerahmten Fußgängerzone (Graben) erhebt sich die 1692 enthüllte Pestsäule, die der italienische Bühnenbildner Ottavio Burnacini im Gedenken an die Pestepidemien des ausgehenden 17. Jh. gestaltet hat. Über die von lieblichen Engelsfiguren umspielte Säule, an deren Fuß der in Stein gehauene Auftraggeber Leopold I. ehrfürchtig niederkniet, wacht gleich um die nächste Häuserecke die grüne Kuppel der → Peterskirche, ein Vorzeigeobjekt hochbarocker Bau- und Bildhauerkunst.
Wieder zurück auf der schicken Einkaufsmeile, werfen wir noch einen Blick auf die appetitanregenden Auslagen des mehrstöckigen Feinkosttempels von Kaffeeröster Meinl, das von Adolf Loos entworfene Ladenlokal (1910) des Herrenausstatters Knize, dessen hübsche Jugendstil-Toilettenanlagen (1904) und Otto Wagners Ankerhaus (1895). An dem biegen wir in die kurze Dorotheergasse ein, in der gleich linker Hand das dort seit gut 100 Jahren kredenzte verführerische Brötchenbuffet von Trzesniewski lockt, hinter dem das Hotel Graben mindestens genauso lange auf seine Gäste wartet. Zu denen gehörten früher einmal namhafte Schriftsteller wie Peter Altenberg, der hier von 1914 bis zu seinem Tod im Jahre 1919 sogar dauerhaft logierte. Schräg gegenüber lädt das schummerig-schöne Lokal der Familie Hawelka schon seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu Kaffee, Kuchen und klassischer Kaffeehausatmosphäre ein.
Wieder auf die andere Straßenseite zurückgekehrt, erreicht man bald das → Jüdische Museum, das seinen Besuchern Informationen zur Geschichte der Wiener Juden und stets spannende Sonderausstellungen offeriert. Gleich dahinter hält das → Dorotheum, ein Auktionshaus für Möbel, Schmuck, Geschirr und Gemälde, auf mehreren Etagen so manches wertvolle Schnäppchen bereit.
Die Dorotheergasse mündet in die Augustinerstraße, auf der wir uns zunächst links halten, um uns entlang der Seitenfronten der Augustinerkirche zum östlichsten Gebäudezipfel der Hofburg zu bewegen. Weil der zuletzt von Maria Theresias Schwiegersohn Herzog Albert von Sachsen-Teschen bewohnt wurde, heißt er → Albertina. Die zum zeitgemäßen Museum umgebaute Albertina beherbergt eine einst vom Hausherrn selbst begründete Grafiksammlung, die zu den größten und kostbarsten der Welt zählt. Sie birgt die verschwenderisch vergoldeten Habsburger Prunkräume, präsentiert aber vor allem hochkarätige Wechselausstellungen moderner Kunst, in die gegebenenfalls Werke aus der eigenen, permanent erweiterten Kollektion integriert werden. In einem Seitentrakt des historischen Stadtpalais, das mit Hans Holleins aus Titan geschmiedetem Soravia-Wing auch außen einen zeitgenössischen Akzent setzt, haben das → Österreichische Filmmuseum und ein Stadtheuriger Quartier bezogen.
Die Albertina flankiert zusammen mit dem hinteren Flügel der Staatsoper, dem → Theatermuseum im Palais Lobkowitz, dem Café Mozart und der von Luigi Blau zum Auftakt des neuen Jahrtausends entworfenen und in Betrieb genommenen Informationszentrale des WienTourismus den Albertinaplatz, der jüngst zu Ehren des früheren Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk (gest. 2008) teilweise umgetauft wurde. Auf dem neuen Helmut-Zilk-Platz gemahnt das von Alfred Hrdlicka modellierte, aus drei behauenen Marmorblöcken und einer Bronze komponierte, wegen seiner eindringlichen plastischen Bilder oft monierte und damals von besagtem Bürgermeister protegierte Denkmal gegen Krieg und Faschismus seit 1988 an Kriegshorror und Holocaust.
Vom Albertina/Helmut-Zilk-Platz machen wir einen Sprung zum Neuen Markt, wo der barocke Donnerbrunnen (nach dem Bildhauer Georg Raphael Donner benannt), vor allem aber die Kapuzinerkirche mit ihren illuster „belegten“ Katakomben der Besichtigung harren. Nachdem wir in die → Kaisergruft hinabgestiegen sind, steuern wir über die Augustinerstraße den Josefsplatz an. In dessen Mitte thront seit 1807 ein von Anton Zauner geschaffenes Reiterstandbild seines reformfreudigen Namenspatrons Joseph II., dessen Herz ebenso wie die seiner Vor- und Nachfahren in der Herzgruft der Habsburger in der benachbarten → Augustinerkirche aufbewahrt wird.
Die → Nationalbibliothek (Prunksaal/Augustinersaal), die Rückfronten von Redoutensälen und Spanischer Hofreitschule und die → Palais Pallavicini und Palffy vervollständigen das (architektur-)geschichtsträchtige Gebäudeensemble am Josefsplatz, von dem aus wir uns zwischen Winterreitschule und Stallburg zum Michaelerplatz zwängen, der vom prunkvollen, kuppelgekrönten Michaelertrakt der Hofburg dominiert wird. Scheinbar ein Paradebeispiel hochbarocker Baukunst, wurde er erst Ende des 19. Jh. errichtet. Allerdings orientierte sich sein Architekt Ferdinand Kirschner an den gezeichneten Hinterlassenschaften seines berühmten Vorgängers Johann Bernhard Fischer von Erlach und verwirklichte postum dessen bereits zu Beginn des 18. Jh. vorgelegten Entwurf zum Ausbau des kaiserlichen Schlosses.
Geblendet vom glanzvollen Entree der Hofburg, sieht man die schneeweiße, 1792 neoklassizistisch eingekleidete mittelalterliche → Michaelerkirche erst auf den zweiten Blick. Das gilt eigentlich auch für das von Hans Hollein mit Steinbrüstungen und Gittern eingefasste → Archäologische Grabungsfeld im Zentrum des Michaelerplatzes und das architektonisch schlichte → Loos-Haus an seiner Nordwestflanke, das zu Beginn des 20. Jh. gerade wegen seiner Schlichtheit – vielen eher unangenehm – ins Auge stach.
Bevor wir durch das Michaelertor in die Welt der Habsburger eintauchen, sei eine Verschnaufpause in den Cafés Griensteidl, Central oder Demel empfohlen. Alle drei tragen große Kaffeehausnamen und sind wegen ihrer einst illustren Stammkunden oder süßen Versuchungen ein Begriff. Das Griensteidl am Michaelerplatz war ebenso wie das Café Central in der Herrengasse, in der übrigens en passant → Globen- und Esperantomuseum zu würdigen sind, um die vorletzte Jahrhundertwende ein gern frequentierter Literatentreffpunkt. Das Demel wuchert mit seiner k. u. k. Hofzuckerbäcker-Vergangenheit und stellt seine kalorienreichen Künste an der edlen Einkaufs- und Flaniermeile Kohlmarkt unter Beweis, wo mit dem Domizil der Buchhandlung Manz ein weiterer Loos-Bau (1912) und dem der Reisebuchspezialisten Freytag & Berndt (Artaria-Haus, 1901) ein Werk von Wagner-Schüler Max Fabiani zu begutachten sind.

Nach den Abstechern zu Kohlmarkt und
Herrengasse durchschreiten wir das Michaelertor, um unter seiner
Kuppel den imperialen „Museumsdrilling“ → Silberkammer,
→ Kaiserappartements, →
Sisi-Museum und/oder direkt vis-à-vis das Besucherzentrum
der → Spanischen
Hofreitschule zu betreten. Unter dem Eindruck von der
Tisch-, Repräsentations- und Wohnkultur der Habsburger, dem Lieben
und Leiden der legendären Kaiserin und der anmutigen Lipizzaner
erreichen wir nach wenigen Schritten den Hof der
Alten Burg (Innerer Burghof), der von Reichskanzleitrakt,
Kaiserappartements, Leopoldinischem Trakt und Schweizertrakt
eingefasst ist. In seiner Mitte blickt Kaiser Franz I. von einem
Sockel auf das Schweizertor, das in einen gleichnamigen kleinen
Seitenhof führt, der nach einer Schweizergarde benannt wurde, die
im 18. Jh. hier stationiert war. Von dort gelangt man in die
→ Schatzkammer, in der die kostbaren Insignien
geistlicher und weltlicher Macht aus mehreren Jahrhunderten zu
bestaunen sind, und die kleine → Hofmusikkapelle, die
am Sonntagmorgen von den glockenreinen Stimmen der Wiener
Sängerknaben erfüllt wird.
In den Hof der Alten Burg zurückgekehrt, geht es durch den Leopoldinischen Trakt auf den Heldenplatz, auf dem sich Prinz Eugen von Savoyen und Erzherzog Karl – beide vom Bildhauer Anton Dominik Fernkorn porträtiert – steinern reitend gegenüberstehen. Während der Erste zum Volksgarten schaut, hat der Zweite das ausladende, von mehreren Museen bezogene Gebäudeensemble der → Neuen Hofburg im Visier, neben dem das von Luigi Cagnola und Pietro Nobile kreierte Äußere Burgtor seit 1823 die südliche Grenze des Heldenplatzes markiert. Ursprünglich als Denkmal für die Völkerschlacht bei Leipzig konzipiert, wurde es 1933/34 zum Heldendenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs umgestaltet. 1945 wurde noch ein Ehrenraum für den österreichischen Widerstand gegen den Hitler-Faschismus integriert.
Durch die klassizistischen Säulenreihen des Äußeren Burgtors schaut man auf den Maria-Theresien-Platz, den wir aber zunächst links liegen lassen, um uns – mit einem Seitenblick auf das Bundeskanzleramt am (rechts) benachbarten Ballhausplatz und die dahinter aufragende → Minoritenkirche – dem Volksgarten zuzuwenden. Zwischen den in den 1820er Jahren angepflanzten Bäumen und Blumenbeeten, die sich im Frühsommer in ein duftendes, buntes Rosenmeer verwandeln, erheben sich Franz-Grillparzer- und → Kaiserin-Elisabeth-Denkmal sowie der jüngst generalsanierte Theseustempel (1823), der ebenfalls dem Sieg über Napoleon huldigt.
Nur einige Baumreihen von Pietro Nobiles griechisch-antik gehaltener Ruhmeshalle entfernt beeindruckt mit dem → Burgtheater am Dr.-Karl-Lueger-Ring ein außen wie innen bestechendes Beispiel protziger Wiener Ringstraßenarchitektur. Gleich nebenan wird derzeit das 1711 erstmals bezogene Stadtpalais der Fürsten von Liechtenstein zum Museum umgebaut, um ab 2012 deren Sammlung der Kunst des Biedermeier öffentlich zu präsentieren, und kehrt die Crème de la Crème aus Kunst, Wirtschaft und Politik im „distinguierten und einschüchternd eleganten“ (Wolfram Siebeck) Café Landtmann ein.
Vis-à-vis der „Burg“, wie der berühmte Musentempel kurz genannt wird, prunkt das kathedralengleiche neugotische → Rathaus, vor dem sommers wie winters publikumswirksame Freiluftspektakel (z. B. Christkindlmarkt, Eistraum oder Musikfilmfestival) veranstaltet werden und neben dem das → Museum auf Abruf (MUSA) zeitgenössischen (österreichischen) Künstlern ein Ausstellungsforum gibt.
Nördlich und südlich des Rathauses komplettieren die im Stil der Renaissance gehaltene → Universität und das neoklassizistische → Parlament das rund um den Rathauspark gruppierte, wohl eindrucksvollste städtebauliche Ensemble der Ringstraßenära.
Hinter dem „Parlamentstempel“ säumt das → Palais Epstein, ein architektonisches Gemeinschaftswerk von Theophil Hansen und Otto Wagner, die hier Dr.-Karl-Renner-Ring getaufte Prachtstraße, die wenige Meter weiter „Burgring“ heißt und sich rechter Hand zum Maria-Theresien-Platz mit → Kunst- und Naturhistorischem Museum öffnet. Wie der Name erahnen lässt, thront zwischen den beiden Neorenaissance-Palästen, umringt von kleinen grünen Inseln und Brunnen, die „Mutter der Nation“ Maria Theresia, deren steinernes Abbild der Bildhauer Kaspar Zumbusch 1888 dort postierte.
Wer nach der Begutachtung ganzer Herden ausgestopfter Tiere und Tausender Vitrinen mit Mineralien und dem Besuch der viertgrößten Gemäldegalerie der Welt noch aufnahmefähig ist, möge vom Burg- zum Opernring weiterwandern und dort rechter Hand zur → Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz ausscheren. Allen anderen schlagen wir vor, schon vorher links abzubiegen und die Grand Tour im wunderschönen → Palmen- und Schmetterlinghaus des → Burggartens entspannend ausklingen zu lassen.