Spaziergang 3: Nordwestliches Stadtzentrum – auf den Spuren der frühen Stadtgeschichte
Spaziergang
Wir starten wieder am Stephansplatz, den wir
über die Rotenturmstraße verlassen, um schon nach wenigen Metern
linker Hand via Rabensteig im Bermudadreieck zu
verschwinden. Am Rabensteig sind die heute eher unauffälligen Bier-
und Weinlokale Bermuda Bräu, Krah
Krah oder Roter Engel
aufgereiht, die bei ihrer Eröffnung wegen ihres gastronomischen
Konzepts und postmodernen Interieurs für Aufsehen sorgten. Das gilt
auch für die frühen Designerbars Ron con
Soda Bar und First Floor, die
am unteren Ende der steil ansteigenden Seitenstettengasse
allabendlich mit exotischen Cocktails und kubanischer Musik
einheizen.

Weiter oben locken unterdessen weitere Bars und Clubs bis frühmorgens ins feuchtfröhliche Vergnügen und schützen uniformierte Sicherheitskräfte den → Jüdischen Stadttempel und die im selben Gebäude untergebrachte Israelitische Kultusgemeinde, die im Jahre 1983 Ziel eines terroristischen Anschlags mit mehreren Todesopfern geworden waren. Die von Josef Kornhäusel entworfene, 1826 eröffnete Synagoge überstand als einziges jüdisches Gotteshaus das als „Reichskristallnacht“ in die Geschichte eingegangene Novemberpogrom von 1938, bei dem allein in Wien 42 Synagogen zerstört, 4.000 Geschäfte geplündert, Tausende von Wohnungen beschlagnahmt, 6.547 Juden inhaftiert und 3.500 von ihnen ins Konzentrationslager Dachau deportiert wurden.
Hinter der Synagoge geht es weiter bergauf, bis wir den Gipfel der Seitenstettengasse erklommen haben. Von dem steigen wir rechter Hand zum ältesten Sakralbau Wiens hinab, dessen Ursprünge auf die Zeit um 800 zurückgehen. Ihre heutige Gestalt nahm die von Kneipen und Restaurants umringte Ruprechtskirche jedoch erst in den 1130er Jahren an. Von ihrem Vorplatz führt eine Treppe weiter hinunter zum Franz-Josefs-Kai am Donaukanal, den wir allerdings am Morzinplatz (via Salzgries) schon wieder verlassen. Wir folgen der Marc-Aurel-Straße bis zu ihrem Ende, an dem rechts die Wipplinger Straße einmündet, links der Hohe Markt und geradeaus eine Straße namens Tuchlauben anschließen. Die Wipplinger Straße wird vom Gebäudekomplex des 1706 erbauten Alten Rathauses flankiert, in dem u. a. das → Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) residiert.
Der Hohe
Markt, auf dem übrigens einer der meist gelobten und frequentierten
Würstelstände der Stadt bis tief in die Nacht herzhafte
Spezialitäten brüht und brät, war einst das Zentrum des Römerlagers
Vindobona. Er ist mit Fischer von Erlachs (junior) barockem
Vermählungsbrunnen und Franz Matschs
Ankeruhr künstlerisch veredelt. Der
Jugendstilmaler kreierte die ornament- und goldverzierte Spieluhr,
die zwei Gebäude an der Ostflanke des Platzes miteinander
„verbindet“, im Jahre 1910 im Auftrag der Anker-Versicherung. Aus
ihrer „Figurenparade“ tritt stündlich eine wichtige Persönlichkeit
der Stadtgeschichte hervor, sodass sich hier den Tag über
u. a. Marc Aurel, Maria Theresia, Prinz Eugen und Joseph Haydn
und um 12 Uhr mittags sogar alle hintereinander die Ehre
geben.
An Adventsabenden (17 und 18 Uhr) schickt ihr Glockenspiel Weihnachtslieder über den Platz, unter dem direkt vis-à-vis römische Ruinen ruhen. Von den steinernen Zeugnissen der späten Antike im → Römermuseum geht es zu gemalten des späten Mittelalters in einem unscheinbaren Wohn-Geschäfts-Haus gleich um die Ecke (Tuchlauben 19). Nach Bewunderung der → Neidhartfresken kehren wir um in Richtung Hoher Markt, biegen aber gleich bei der nächsten Möglichkeit links ab, um durch Schulter- und Jordangasse zum Judenplatz zu schlendern. Dort springt als Erstes der weiß-graue Stahlbetonkubus des → Holocaust-Mahnmals ins Auge, der auf einem Sockel von Bodenfriesen steht, auf denen die Namen von Konzentrationslagern eingraviert sind, in denen österreichische Juden ermordet wurden.
Die beim Bau des Mahnmals zu Tage geförderten Ruinen der mittelalterlichen Synagoge bilden das zentrale Exponat im → Museum am Judenplatz, in dem man sich obendrein auf anschauliche digitale Weise über das rege gesellschaftliche Leben im historischen Wiener Judenviertel informieren kann. Vis-à-vis von Mahnmal und Museum verdichten ein Lessing-Denkmal und das um 1500 mit einer antisemitischen Inschrift versehene → Jordanhaus das bedrückende historische Beziehungsgeflecht des gefälligen städtebaulichen Ensembles, das durch die barocke Böhmische Hofkanzlei (1723) des zeitgenössischen Stararchitekten Fischer von Erlach komplettiert wird.
Wir verlassen den Judenplatz über die Fütterergasse, nehmen ein kleines Sträßchen namens Stoß im Himmel und erreichen schließlich via Salvatorgasse den Passauer Platz zu Füßen der zwischen 1357 und 1414 errichteten gotischen Kirche St. Maria am Gestade. Um sie in Gänze zu bestaunen, begeben wir uns über eine steile Treppe zum Concordia-Platz eine Etage tiefer, in den linker Hand eine Straße namens Tiefer Graben einmündet, in der einst der Ottakringerbach plätscherte, der die natürliche Grenze des Römerlagers Vindobona zog. Über den seit römischen Tagen überbrückten Tiefen Graben spannt sich bis heute die 1904 im Jugendstil renovierte → Hohe Brücke, vor der das im Makart-Stil dekorierte legendäre (Stunden-)Hotel Orient seit 1896 zu rot-plüschigen Schäferstündchen einlädt.
Wir lassen uns nicht vom geraden Weg abbringen
und bewegen uns durch die Börsegasse entlang der in den 1870er
Jahren erbauten Börse zur
Schokoladenseite des von Theophil von Hansen im Stil der
italienischen Renaissance entworfenen Ringstraßenbaus. Die weist
zum Schottenring, an dem wir uns (eventuell nach einer
Verschnaufpause im schönen alten Café Schottenring schräg gegenüber) links halten, um
nach wenigen Gehminuten wiederum linker Hand in die Schottengasse
abzudrehen. Letztere führt – für Beethovenfans eventuell erst nach
einem Abstecher zu dessen sporadischem Domizil Pasqualatihaus in
der Mölkerbastei Nr. 8 (Di–So 10–13, 14–18 Uhr, 2 €)
– geradewegs zur Freyung, wo gleich mehrere Objekte der
Besichtigungsbegierde warten. Da wäre zunächst das → Schottenstift nebst
Kirche und Museum, das mittlerweile mehrfach um- und ausgebaute
erste Kloster auf Wiener Boden. Gleich nebenan sind im jüngst ins
Palais Schönborn umgezogenen → MOYA (Renngasse 4)
sporadisch Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und im → Bank Austria
Kunstforum rund ums Jahr viel beachtete Wechselausstellungen
internationaler Malerei des 18.–20. Jh. zu sehen. Gegenüber
beeindrucken drei respektable Stadtvillen aus drei Jahrhunderten,
die übrigens allesamt dem Gründer der Supermarktkette Billa und
Österreichs reichstem Mann Karl Wlaschek gehören: das nach Plänen
von Johann Lukas von Hildebrandt erbaute üppig barocke Palais
Kinsky (1713), das als Auktionshaus fungiert
(www.imkinsky.com) und Gutsituierte
prunkraumweise für Familienfeiern anmieten können, das um 1690 vom
selben Baumeister entworfene Palais Harrach und schließlich das nach
seinem Architekten benannte Palais Ferstel
(1860). Letzteres wird von einer vornehmen Einkaufspassage
„durchbohrt“, durch die man zur Herrengasse und dem legendären
Café Central im südwestlichen
Gebäudetrakt (siehe Spaziergang 1) flanieren kann.
Wir widerstehen abermals und marschieren via
Heidschuss geradeaus zum Platz Am
Hof, an dem sich der
Babenberger Heinrich II. nach der Verlegung der herzoglichen
Residenz von Klosterneuburg nach Wien 1155 eine Pfalz errichten
ließ. Die stand ungefähr dort, wo zwischen 1657 und 1662 die später
von Jesuiten beseelte Kirche Am Hof (heute
Zu den neuen Chören der Engel) unter
fachlicher Anleitung des italienischen Baumeisters Filiberto
Lucchese in den Himmel wuchs, die den weitläufigen Platz bis heute
dominiert. Neben der mit einer balkonüberdachten Vorhalle
angereicherten Kirchenfassade flankieren u. a. ein
bilderbuchreifes barockes Bürgerhaus, das Palais Collalto, das
Bürgerliche Zeughaus und das Hauptquartier der Feuerwehr den
geschichtsträchtigen, größten Wiener Altstadtplatz, auf dem im Film
„Der dritte Mann“ übrigens die Litfaßsäule stand, durch die
Bösewicht Harry Lime ins Wiener Kanalisationsnetz entfloh. In
seiner Mitte erhebt sich seit dem Dreißigjährigen Krieg eine
Mariensäule. (Die erste, von Ferdinand
III. angesichts der Bedrohung Wiens durch schwedische Truppen 1644
in Auftrag gegebene, wurde bereits 1646, die zweite und aktuelle
zwischen 1664 bis 1667 errichtet.)
Das Palais Collalto (Nr. 13) ist von musikhistorischer Bedeutung, weil hier der damals sechsjährige Wolfgang Amadeus Mozart den Wienern erstmals sein musikalisches Genie demonstrierte. Der Keller der Feuerwehrzentrale ist wegen der dort freigelegten Reste des Kanal- und Entwässerungssystems des römischen Vindobona und das Bürgerliche Zeughaus wegen der darin abgelegten historischen Uniformen und Ausrüstungsgegenstände der Wiener Feuerwehr erwähnenswert, wobei das Feuerwehrmuseum nur am Sonntagmorgen geöffnet ist und die römischen Baureste derzeit gar nicht zugänglich sind.
Bei entsprechendem Spezialinteresse lohnt sich ein Abstecher zum → Uhrenmuseum im benachbarten kleinen Schulhof, bevor es über Bognergasse und Graben zurück zum Stephansplatz geht. Unterwegs empfiehlt sich ein kunsthistorisch lehrreicher Blick auf den Eingangsbereich der Engel-Apotheke (Bognergasse Nr. 9), weil der 1901/02 von Wagner-Schüler Oskar Laske im klassischen Wiener Jugendstil (Secession) dekoriert wurde, oder die Einkehr im historischen Gasthaus → Zum Schwarzen Kameel gleich nebenan.