27. Kapitel
Die Putzfrau hat Eimer im Büro verteilt, um Wasser aufzufangen, das von der Decke tropft. Warum alles Unglück in diesem Raum geschehen muss? Vielleicht will ihr jemand sagen, dass sie ihren Beruf aufgeben sollte. Freischaffende Journalistin, das klingt besser, wird sie aber auch nicht ernähren. Die Taxifahrten in Brüssel haben viel Geld gekostet, und sie wäre besser zu Fuß gegangen oder zu Hause geblieben. Die Idiotinnenfrage ist noch ungeklärt. Im Flugzeug hat sie nicht darüber nachgedacht, sondern geschlafen. Zu müde, um der Flugangst nachzugeben, und von keinem Sitznachbarn behelligt. Die Stewardess weckte sie erst kurz vor der Landung, als ob es einen Unterschied machte, ob die Sitze um Millimeter verstellt sind. Anna ist nicht abgestürzt, obwohl sie so oft davon träumt. Sie steht jetzt nur im Regen, sozusagen, und überlegt, wie es weitergehen soll.
Zigarettenpause! Anna lacht über diesen Einfall und geht in die Küche zum Kühlschrank. Er ist neu und schön, doch so leer wie ihr Magen. Saure Milch, verschimmeltes Brot, hundertjährige Eier: Sie schließt angewidert die Tür und öffnet den Küchenschrank, in dem sie eine Dose Chilibohnen findet. Im »Mondscheintarif« ist heute Ruhetag; seit sie Mutter ist, hat Sibylle die Siebentagearbeitswoche abgeschafft und arbeitet mehr als je zuvor. Wenn es Archibald nicht gäbe, würde Anna sie besuchen, doch sie ist nicht in der Verfassung, dem Neuen gegenüberzutreten. Also löffelt sie Bohnen aus der Dose, nach den Waffeln ist es ihre zweite Mahlzeit in zwei Tagen, und sie fühlt sich immer noch als Hungerkünstlerin. Anna hat Visionen einer dünnen Ausgabe ihrer selbst – und könnte sich darin verlieben. Weil doch ihre Seele immer schlank war, sie hat sie nur selten beachtet.
Die umsichtige Putzfrau hat das Telefon mit einer Plastiktüte abgedeckt. Anna entfernt sie und hört den Anrufbeantworter ab. Sibylles Stimme und die von Eva Mauz sagen ihr längst Überholtes, wer will schlechte Nachrichten schon zweimal empfangen? Die Kommissarin bittet um Rückruf, nein, sie fordert ihn. Fjodor erzählt mit bebender Stimme, dass ein Wasserrohr explodiert sei und er keine Ahnung habe, was zu tun sei. Etwa die Feuerwehr anrufen? »Die Flut kommt«, sind seine letzten Worte, dann legte er auf. Zwei Anrufe ohne Ansage, Leute, die Anrufbeantworter nicht besprechen, sind irritierend, wie Telefongespenster, und stets beschäftigt sie die Frage, wer es war und warum er oder sie anrief.
Auf dem Tisch liegen Rechnungen, die Putzfrau hat den Briefkasten geleert. Sibylle besitzt von allem Zweitschlüssel, und Anna müsste ihr dankbar sein, dass sie sich um die Wohnung gekümmert hat. Morgen, denkt sie, werde ich mit meinem letzten Geld einen Blumenstrauß kaufen und Archie besichtigen. Ich werde nett zu ihm sein und Sibylle darin bestätigen, dass sie das Richtige tut. Ich werde Wanda Kroll anrufen und zu guter Letzt Eva Mauz, der sie einen Scheck entreißen muss, zumindest ein Ausfallhonorar, das der einen nicht wehtut und die andere tröstet. Bleiben Einkäufe, der schwere Gang zur Bank und der Versuch, Alicia telefonisch zu erreichen – alles morgen. Heute wird sie ins Bett gehen und Erich Fried lesen. Gedichte sind traumwandelnde Worte und wunderbare Schlafmittel.
Anna durchstöbert die Post und öffnet einen Anwaltsbrief. Martins Anwälte teilen ihr mit, dass die Beisetzung in der kommenden Woche stattfindet. Keine Kränze, sondern eine Spende an Amnesty, und im Anschluss an die Trauerfeier gibt es einen kleinen Umtrunk.
Es werden viele Leute kommen, die ihn geliebt und gehasst haben, denkt Anna, und dass sie Martin ohnehin keinen Kranz spendiert hätte. Feuerbestattung: Er wird schon vorab in der Hölle schmoren. Die Wahl zwischen Verbrennen und Vermodern hat Anna noch nie treffen können. Beides erscheint wenig erstrebenswert. Ob David auftaucht? Früher oder später muss er es tun, wenn er an das Erbe will. Daran klammert sie sich, weil sie es jetzt als Fehler empfindet, Brüssel verlassen zu haben. Sie hätte ihn aufgespürt, wenn sie nur lang genug das Haus beobachtet hätte. Etwas mehr Druck von ihrer Seite, und Helena wäre vielleicht eingebrochen. Anna und der Konjunktiv, das ist die ewige Geschichte ihrer Zweifel, die kurzfristige Vision der Unfehlbarkeit. Manchmal kriecht ihr Ego auf Krücken durch die Gosse, doch es gibt sie, die Zeiten, in denen sie ganz oben ist. Mohnkuchen, Waffeln, Chateau Talbot, Eric Claptons Gitarrensoli, Sex, die Zigarette danach …
Das Pochen an ihrer Wohnungstür ist unüberhörbar und klingt bedrohlich. Sie wird zum Wrack, wenn sie nicht bald nach oben kommt. Anna geht zur Tür und öffnet sie. Keine Angst vor Einbrechern, sie hat nicht einmal durch den Spion geschaut. Fjodor steht vor ihr, wen hat sie erwartet? Er hat einen Laib Brot und Käse in den Händen, die er Anna entgegenstreckt.
»Deine Klingel ist kaputt, und du hast sicher Hunger«, sagt er und betritt unaufgefordert die Wohnung. »Sieht doch gut aus bei dir. Meine Kemenate ist abgesoffen, und es wird Wochen dauern, bis alles eintrocknet. Zurzeit schlafe ich in der Küche der Kneipe, Sibylle hat mir ein mobiles Bett geliehen. Die Feuchtigkeit, verstehst du: Sie würde meine Stimme ruinieren.«
Er lebt für seine Stimme, die ihn wiederum nicht ernährt. Anna beißt ein Stück vom Käse ab: alter Gouda, und sie könnte den verrückten Russen dafür küssen. Die schlanke Seele schweigt beharrlich. »Ich nehme an, du hast keine Haftpflichtversicherung?«
Fjodor setzt sich zu Anna auf die Couch. »Was ist das?«
»Ach, nichts«, sagt Anna. Dass Fjodor aus seinem Jackett eine Flasche Rotwein zieht, ist besser als jede Versicherung. »Der Sommer steht bevor, es wird schon wieder trocknen«, sagt sie mit Blick zur Decke.
»Genau, und darauf trinken wir.« Fjodor öffnet die Flasche mit dem Korkenzieher, den er immer bei sich trägt. Notbesteck, dazu zählen noch ein Schweizer Messer und eine Kapsel, von der er behauptet, dass sie Zyankali beinhalte. Ein Relikt aus revolutionären Tagen in der gefährlichen Heimat, wie Fjodor sagt. Niemand glaubt ihm, auch Anna nicht, doch seiner Aufforderung, die Kapsel zu schlucken, um die Wahrheit zu erfahren, ist noch keiner nachgekommen.
Sie trinken den Bordeaux aus der Flasche, wie sich das gehört in gefährlichen Zeiten. Die Decke könnte einbrechen, denkt Anna, wenn sie mit Wasser voll gesogen ist. Ach, egal, der Wein und der Käse sind wundervoll, und bis morgen wird sie schon noch halten. Sie kommen nach einigen tiefen Schlucken auf Fjodors aktuelles Lieblingsspiel: Todesursachen berühmter Musiker. Einer nennt den Namen und der andere die Form des Ablebens. Fjodor fragt stets nach Komponisten, die Anna inzwischen kennt. Mozart? Schwindsucht. Schumann? In den Rhein gestürzt. Beethoven? Leberzirrhose. Sie kontert mit Popstars: Brian Jones? Im Pool ertrunken. Chet Baker? Fenstersturz. Sonny Bono? Mit Skiern gegen den Baum. Es steht neun zu sieben für Anna, und die Flasche ist beinahe leer. Das ist das Schlimmste am Trinken: leere Flaschen.
»Ich würde ja noch eine holen, aber ich bin nicht gut auf den Füßen«, sagt Fjodor und enthüllt mit dramatischer Geste einen geschwollenen, bläulich verfärbten Knöchel. »Als die Flut kam, bin ich im Wasser ausgerutscht und wie ein Schiff durch die Wohnung gesegelt. Der Hafen war der Klavierfuß, gegen den ich mit meinem krachte. Der Medizinmann sagt, es kann Tage und Wochen dauern, bis die Verletzung geheilt ist. Was ist? Ich werde dieses Teil nicht verlieren, so schlimm ist es nicht.«
Anna starrt auf den Fuß. Du bist Teil des Problems …
Sie weiß jetzt, warum sie eine Idiotin ist. Endlich. »Ich habe seine Knöchel berührt«, sagt Anna leise. »Die Hose war hochgerutscht, und es erschien mir die unverfänglichste Stelle, ihn anzufassen. Ich wollte wissen, ob er tot ist.«
»Am Knöchel? Sprich nicht in Rätseln zu mir!«
»Er war nicht angeschwollen, verstehst du? Ich dachte noch, wie ein so schwerer Mann so zarte Knöchel haben kann. Sein rechter Knöchel … es kann gar nicht Martin gewesen sein, der da lag. Sondern David, sein Bruder. Verstehst du mich?«
Fjodor betrachtet seinen Fuß, der in Anna immense Erkenntnisse ausgelöst hat. Körperteile unterhalb seiner Stimmbänder hat er nie ernst genommen. Mit Ausnahme seines Penis natürlich. Anna sieht aus, als ob sie Fieber hätte. »Haben die sich so ähnlich gesehen?«
»Wie ein Ei dem anderen. Und wenn David der Tote war, dann war Martin der Mörder oder Totschläger oder was weiß ich …«
»Wie Kain und Abel.« Fjodor legt seine weiche, weiße Hand auf Annas zitternde Finger. »Hab ich nicht gleich gesagt, dass der Mann gefährlich ist? Und ich verstehe was davon, schließlich ist mein Onkel ein Mafioso. Du musst die Polizei anrufen, Anna.«
Steht sie unter Schock? Anna hört Fjodors Stimme wie aus der Ferne. Was redet er von Mafia und Polizei? Martin ist ein Mörder, und er hat sie benutzt für seinen gewaltigen Abgang. Was zur nächsten Frage führt, ob alles geplant war, das ganze Inselgerede, sein Zorn über ihre Weigerung … oder hat er improvisiert, als David auftauchte? Vielleicht hat er ihn ja in Annas Wohnung bestellt? Er wusste, dass sie nicht gleich zurück sein würde, weil sie ihm sagte, dass sie noch bei Sibylle vorbeischauen würde. Das Motiv? Er hat ihn gehasst, vielleicht hat David ihm gedroht … oder er brauchte einfach nur eine Leiche, um effektiv zu verschwinden. Alicia hatte Recht, und Helena nannte Anna eine Idiotin, weil nicht David, sondern Martin im Schlafzimmer war. Hat Helena ihn überrascht, oder war alles zwischen den beiden abgesprochen? Und warum trieb er sich noch in Brüssel herum? Sie hat eine Antwort gefunden, die tausend Fragen aufwirft. Und was soll sie jetzt tun?
Fjodor steht vor ihr und hat das Telefon in der Hand. »Polizei anrufen«, sagt er, und Anna antwortet: »Ich brauche jetzt eine Zigarette.«
»Pfui Teufel. Du fängst gerade an, gut zu riechen. Sei tapfer, Anna. Rauch enthält Benzol und Blausäure. Rauchen kann zu Durchblutungsstörungen führen und verursacht Impotenz …«
»Halt die Klappe, Fjodor. Du hast nie geraucht und bist impotent. Auch Nichtraucher müssen sterben.« So wie David, der nach Auskunft des Hotelpersonals Nichtraucher war. In der Wohnung, beim Gespräch mit Helena, hat es nach Martins Zigarren gerochen. Alles Rauch, Anna hat lange gebraucht, um hindurchzusehen. »Jetzt hole ich mir Zigaretten, und dann rufe ich die Kommissarin an.«
»Weißt du, wie spät es ist?«
»Es ist nie zu spät«, murmelt Anna, schon auf dem Sprung zur Tür. »Fjodor, ich danke dir für alles. Du hast etwas gut bei mir …«
»Hundert Euro!«, ruft er ihr nach, doch Anna hört es nicht mehr. Sie geht auf die Straße, auf der Suche nach einem Zigarettenautomaten. Der »Mondscheintarif« ist dunkel, nur oben, in Sibylles Wohnung scheint noch Licht. Vermutlich stillt Archie das plärrende Kind, denkt Anna. Sie wird in aller Freundschaft versuchen, ihn zu mögen. Wenn die Kneipe offen hätte, müsste sie jetzt nicht durch die Straße wandern. Mitternacht, die Zeit für streunende Katzen und einsame Seelen, die keine Ruhe finden. Aufstrebende Jungverbrecher, die nach Opfern suchen, die sie ausrauben oder einfach nur erschlagen könnten. Süchtige alte Damen, die ihren Joint brauchen. Wie konnte Martin sie nur so täuschen? Jenseits moralischer Entrüstung, die sie kaum empfindet, schmerzt der Betrug. Die Missachtung der schönen Stunden, die sie ja durchaus hatten. War es ihm egal, ihr einen Toten zu hinterlassen? Martin, der Mörder: Das dringt noch nicht ganz zu ihr durch. Es ist zu verrückt. Vielleicht beginnt sie zu verstehen, wenn sie endlich an ihr Gift kommt …
Der Automat an der Ecke schluckt Euromünzen und spuckt nichts aus. Der Klassiker, denkt Anna, und schlägt mit der Faust gegen das Glas. Es tut weh, auch das, und sie drückt die Retourtaste, doch der widerliche Kasten behält Geld und Zigaretten. Es waren ihre letzten Münzen. Im Störungsfall möge man sich an den Hersteller wenden, steht klein gedruckt in der Ecke. Sie hat ihr Handy nicht mit, und wenn, würde ihr das in diesem Augenblick auch nichts nützen. Der Händler würde sowieso nicht abnehmen.
Zigarettenpackungen grinsen sie im Schein der Straßenlampen höhnisch an. Rauchen ist tödlich. Sie könnte jetzt einen Herzinfarkt bekommen – vor lauter Zorn. Martin hatte ein schwaches Herz, wie die Obduktion ergab. Nein, David hatte ein schwaches Herz. Beide, und angeblich fühlen eineiige Zwillinge den Schmerz des anderen. Ob Martin etwas spürte, nachdem er zugeschlagen hatte? Brechende Knochen, und dann hat er alles sorgfältig abgewischt und hat sich davongemacht und Anna den Schlamassel hinterlassen …
Sie hämmert gegen den Automaten, als wären ihre Fäuste aus Stahl. So vertieft ist Anna in ihren Boxkampf, dass sie den Streifenwagen zuerst nicht wahrnimmt, der neben dem Gehweg geparkt hat. Ein Polizist steigt aus dem Wagen und legt seine Hand auf Annas Schulter. »Na, was machen wir denn da?«
Anna hält inne und dreht sich wütend um. »Wonach sieht es denn aus?«
»Versuchter Diebstahl? Sachbeschädigung? Erregung öffentlichen Ärgernisses?«
Anna sieht in Polizistenaugen, die schläfrig und ein bisschen gelangweilt aussehen. Ein dicker, gemütlicher Bulle, so einem hat sie schon mal in den Unterleib geschossen, weil er sie umbringen wollte. »Bemerken Sie einen Riss im Glas? Oder Zigaretten in meiner Hand? Diese Maschine hat mich um mein Geld betrogen, Sie Idiot.«
»Beamtenbeleidigung.« Er verstärkt den Druck seiner Hand, und Anna versucht sich aus seinem Griff zu befreien.
»Widerstand gegen die Staatsgewalt.«
»Lassen Sie mich los, Sie Komiker.«
Die Bezeichnung scheint ihn wirklich zu treffen. Der Bulle winkt seinem Kollegen, der im Auto geblieben war. »Hilf mir mal, die Dame zur Räson zu bringen. Können Sie sich ausweisen?«
Das alles ist ein Witz, über den ich morgen lache, denkt Anna. »Nein, ich wollte ja nur schnell zum Automaten, weil ich keine Zigaretten mehr hatte.«
Der zweite Bulle sieht nicht so gelangweilt aus. Er ist jünger und dynamischer, und seine Hand liegt auf dem Halfter seiner Waffe. Rauchen könnte ja doch tödlich sein, denkt Anna. Sie hebt die Hände hoch: »Bitte: Keine Waffe, keine Zigaretten, kein Ausweis. Wollen Sie mich jetzt verhaften?«
»Wir nehmen Sie mal mit zur Feststellung der Personalien«, sagt der Jüngere. Er schiebt Anna in den Wagen, ziemlich unsanft, wie sie meint. Doch ihr Widerstand ist gebrochen, eigentlich findet sie dies alles so komisch, dass sie nur noch weinen könnte.
»Haben Sie getrunken?«, fragt der Beifahrer.
»Nur ein bisschen«, sagt Anna von hinten. »Ist ja nicht verboten für Fußgänger, die Automaten mit Münzen füttern und nichts dafür kriegen. Haben Sie zufällig eine Zigarette für mich?«
Der Mann mit den schläfrigen Augen dreht sich zu Anna um. In seiner Hand ist eine Packung »American Spirit«. »Hier, nehmen Sie. Ich will sowieso aufhören.«
Annas Hände, ungefesselt, greifen gierig nach der Packung. »Tun Sie es nicht. Nichtrauchen ist tödlich …«