16. Kapitel

Die belgische Polizei hat Lieblings Büro und Wohnung mit großer Nachlässigkeit durchsucht und ein Chaos hinterlassen, das Alicia dazu bringt, lauthals zu fluchen. Ihre Augen sind unverändert rot seit zwei Tagen, und Bruno Laurenz findet, dass sie wie eine Albinomaus aussieht. Sie ist keine Witwe, um Gottes willen, sondern nur eine Sekretärin, die ihren Chef verloren hat. Bruno denkt, dass sie übertreibt, doch er wird sie noch brauchen und hütet sich deshalb, sie anders als mit trauerumflorter Stimme anzusprechen.

Der König ist tot, es lebe … die Hinterlassenschaft des Martin Liebling, von deren Wert die dummen Polizisten natürlich keine Ahnung haben. Der Fall eines Deutschen, der in Brüssel sein Geld verdiente und in Berlin verstarb, interessiert sie ohnehin nur am Rande. Sie tun ihre Pflicht im Rahmen des Rechtshilfeabkommens, und dafür werden sie – wie in allen anderen Fällen – schlecht bezahlt. Aus ihrer Sicht sitzen die Bonzen im europäischen Viertel, im Vatikanstaat Brüssels. Die Europaabgeordneten genießen diplomatische Immunität, und die Polizei hat genug zu tun mit den Dieben und Räubern, die die Stadt unsicher machen, mit den Junkies und Dealern und Pornographen, dem korrupten Gesindel im Immobiliengeschäft und allen, die auf der Suche nach dem großen und kleinen Geld vom steinigen Pfad der Legalität abweichen.

Bruno Laurenz ist, wie könnte es anders sein, in die Fußstapfen seines Meisters getreten. Ein bisschen groß erscheinen sie ihm noch. Es ist wichtig, Alicia auf seiner Seite zu wissen. Sie war länger bei Liebling als er. Sie war, so vermutet er zumindest, die intime Vertraute des Chefs, vermutlich auch in sexueller Hinsicht. Alicia sortiert die Akten, die von den Spürhunden durcheinander gebracht wurden. Schnieft ab und zu und tupft sich die Augenränder mit einem herzförmigen Taschentuch. Ein sentimentales Herzchen, das den Mittelpunkt seiner Welt verloren hat. Sie hat ihn doch tatsächlich gefragt, wo er an dem Vormittag war, als Liebling zu Tode kam.

Er hat den Termin bei einem wichtigen Klienten wahrgenommen, weil der Chef ja verschwunden war, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Das hat er Alicia gesagt und auch dem Polizisten, der mehr aus Routine fragte denn aus professioneller Neugierde.

»Und wo warst du, Süße?«

Alicia zuckt zusammen und wirft Bruno einen mörderischen Blick zu. »Süße« ist ein Wort, das Martin vorbehalten war. Bruno hat kein Recht, sie so zu nennen. Bildet er sich etwa ein, dass er Martins Erbschaft antreten kann – in allem, was zählt?

»Ich war im Büro, wo sonst? Und meide in Zukunft sexistische Ausdrücke. Ich mag das nicht. Wenn ich mit den Akten durch bin, fliege ich übrigens nach Berlin. Ich habe es der Kommissarin versprochen.«

»Warum kommt sie nicht nach Brüssel?«

»Frau Kroll hat Flugangst. Und mir macht es nichts aus: Weil ich alles tun würde, um dieses abscheuliche Verbrechen aufzuklären.«

Bruno versteckt sich hinter seinem Computerbildschirm, um seine Belustigung über so viel Pathos zu verbergen. Jemand hat Martin mit dem Baseballschläger eins übergezogen: So was kommt vor. Insbesondere, wenn einer seine Finger in zu vielen Geschäften hat. Martin handelte mit Informationen – und manche waren buchstäblich Gold wert. Bruno hat lange genug gedient, um es genau zu wissen: Die Welt gehört den Skrupellosen. Leuten wie John Schultz oder, viel mehr noch, ihren Auftraggebern. Martin Liebling glaubte, dass er im Dreck wühlen und sauber bleiben könnte. Das war naiv. So unvorsichtig von einem Mann, der meinte, alles im Griff zu haben. Solche Leute neigen dazu, andere zu unterschätzen. Martin hat Brunos Qualitäten nicht hinreichend gewürdigt, so viel steht fest.

»Du trägst kein Grau mehr.« Alicias Stimme klingt doch tatsächlich anklagend. Ihr Zeigefinger ist auf sein grün-blau kariertes Jackett mit den Goldknöpfen gerichtet. Feinstes Kaschmir. Nein, es ist nicht von Martin geklaut, das nicht. Der Mann war viel größer und dicker als er. Bruno ist klein, schmal und muskulös. Er geht ins Fitnesscenter und joggt jedes Wochenende, weil er hundert Jahre alt werden will – und reich. Nur reiche, alte Männer können Schönheit und Jugend kaufen – und alles andere, was zu einem guten Leben gehört.

»Schwarz fände ich etwas übertrieben«, murmelt er, obwohl Alicia natürlich diese Farbe wählte. Steht ihr nicht. Zusammen mit den roten Haaren und der fahlen Gesichtsfarbe sieht sie aus wie ein trauriger Clown. Mit Albinoaugen. Sie trägt die Goldkette mit dem Rubinherz, die Martin ihr zum letzten Geburtstag schenkte. Martin spielte virtuos auf dem Klavier weiblicher Empfänglichkeiten. Keine Sekretärin oder Assistentin, die seinem rustikalen Charme und den herzigen Geschenken widerstehen konnte. Nun, jetzt können sie alle Trauer tragen – wie die Gondeln in Venedig.

Der Gedanke bringt ihn zum Kichern, und er tarnt es mit Husten. Alicia hat keinen Funken Humor. Schöne Hysterikerinnen, das war Martins Spezialität, und es ist durchaus möglich, dass Alicia früher eine Schönheit war. Bevor sie mit den Jahren brüchig wurde wie feines, sehr dünnes Papier.

»Was sollen wir nur tun?«, seufzt Alicia, und Bruno antwortet, dass man die Geschäfte weiterführen müsse, so gut es eben ginge. Ganz in Martins Sinne, fügt er hinzu, und damit hat er sie, zumindest für den Augenblick. Sie weiß zu viel. Auch, dass Martin ihm nie ganz traute. Hat der Mann wirklich geglaubt, dass Bruno nichts von der Diskette wüsste?

Nie erschien Bruno Brüssel spannender als jetzt: die neuen Länder, die neuen Abgeordneten, die neuen Kommissare … wer in den nächsten fünf Jahren mit Macht und Geld spielen darf, wird jetzt ausgekungelt. Und entscheidend ist wie immer die Zusammensetzung der Kommission, denn hier spielt die Musik am lautesten. Kommissare werden von Regierungen vorgeschlagen, das ist wahr. Doch noch bevor ihre Namen offiziell gehandelt werden, erscheinen sie in den Computern der Lobbyisten. Werden gewogen – und für leicht oder zu schwer befunden. Werden geröntgt: Wer steht wofür und war in wessen Sold? Für oder gegen Gentechnik? Für oder gegen die Lockerung von Zulassungsbeschränkungen für Medikamente auf dem europäischen Markt? Für oder gegen Handelserleichterungen oder Agrarsubventionen? Die konservative Komponente ist für die Industrie stets von gewisser Bedeutung, doch nicht alles entscheidend. Was sie fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, ist geschäftsschädigender Fundamentalismus in jeglicher Richtung. Geschätzt wird Inkompetenz, denn sie äußert sich meist in Schwäche und eröffnet somit Möglichkeiten stärkerer Einflussnahme. Und erscheint einer dieser Namen als untragbar, kommt die vierte Macht ins Spiel: die Presse. Männer wie John Schultz oder Martin Liebling, die Informationen gezielt einsetzen, um entsprechende Kommissionskandidaten schon im Vorfeld auszuschalten – oder es zumindest zu versuchen. Männer wie Bruno Laurenz, der den Engländer der Presse zum Fraß vorgeworfen hat. Nie und nimmer wird der alte Heuchler wieder in den Berlaymont-Bau einziehen, um von dort aus gegen die Tabakindustrie, die Werbewirtschaft und Subventionen für Europas Tabakbauern zu wettern.

Auch Nichtraucher müssen sterben, und der plötzliche Tod einer Karriere ist für manche schmerzhafter als der Abschied vom Leben. Romano Prodi, der Scheidende, ist doch nur noch einer, der in Brüssel Schatten wirft. Die Italiener werden, das weiß Bruno aus zuverlässiger Quelle, in der neuen Amtsperiode auf jeden Fall den Justizkommissar für sich beanspruchen. Weil Berlusconi ein vitales Interesse daran hat, dass länderübergreifende Ermittlungen oder gar der Euro-Haftbefehl nicht bis Italien vordringen. Weil gegen Berlusconi in Spanien wegen Steuerhinterziehung, Bilanz- und Urkundenfälschung ermittelt wurde. Also muss er seinen loyalen Mann nach Brüssel schicken. Muss die Ausdehnung internationaler Ermittlungen schon aus Eigeninteresse verhindern. Im Gespräch ist ein ehrenwerter Mann aus der Vatikanszene, gegen den die Industrielobby prinzipiell nichts einzuwenden hätte. Ein katholischer Philosoph – und hat die Kirche es nicht immer verstanden, Geist, Recht und Macht in christlichen Einklang zu bringen?

Wenn der Fisch am Kopf stinkt, wie im Berlusconi-Fall, dann darf sich keiner wundern, wenn auch der Rest infiziert ist. Cui bono – zu welchem Zweck oder zu wessen Vorteil? Ein Bienenschwarm summt in Brüssel, und um nichts anderes geht es als um die Honigtöpfe. Süß und klebrig sind sie, und wer einmal daran naschte, darf nicht davor zurückschrecken, die Königin aufzufressen. Bruno Laurenz, mit offenen Augen und Ohren dienend, hat dieses Prinzip sehr wohl verstanden.

Wissen ist Macht, hat Martin immer gesagt, und nach diesem Prinzip doch nicht in aller Konsequenz gehandelt. Möglich, dass ihn die rothaarige Schlampe aus Berlin weich gekocht hat. Oder John Schultz, der ihm auf die Füße trat wie kein anderer zuvor. Martin war schon ein seltsamer Heiliger: sensibel und skrupellos, vorsichtig und tollkühn, einer, von dem man lernen konnte, es noch besser zu machen.

Mit kaltem Herzen, das ist Brunos Überzeugung, kommt man weiter in der Welt. Gewiss, er liebt die Frauen, doch der traurige Clown, der jetzt wieder schnieft, geht ihm gewaltig auf die Nerven. »Weißt du, wer unseren Chef beerben wird? Doch wohl nicht seine letzte Flamme?«

Alicia heult auf. Nie hat sie sich gehen lassen in all den Jahren, auch nicht, als ihr Herz brach, peu à peu mit Martins Heirat, seiner Scheidung und allen Affären, die nachfolgten. Sie war seine perfekte, unentbehrliche Sekretärin, das traurige Klischee dieses Genres, und sie hat ihn geliebt. Nichts, was sie dagegen tun konnte, außer warten und hoffen. Eines Tages, dachte sie, wird er müde sein und zu ihr kommen. Stattdessen hat er sich davongestohlen wie ein Dieb in der Nacht. Das wird sie ihm nie verzeihen, niemals.

»Alicia …?«

»Ich weiß es nicht, Bruno. Meines Wissens hat Martin kein Testament hinterlassen. Vielleicht gibt es noch irgendwo Vettern oder Tanten … es ist mir vollkommen egal, wer ihn beerbt. DU jedenfalls nicht.«

In gewisser Hinsicht doch, denkt Bruno, und lächelt Alicia mit aller Sympathie an, die er nicht empfindet. Dann wendet er sich wieder einer handschriftlichen Notiz zu, die Martin an den Rand eines Berichts gekritzelt hat. Ein Name steht da, an den er sich zu erinnern glaubt: Dr. Emil Wolf. Einer der Direktoren in der Kommission, denkt Bruno, und die Zahlen, die dahinterstehen, könnten eine Telefonnummer sein oder auch ein Nummernkonto. Martin, der alte Geheimniskrämer: Interessant ist die Notiz, weil sie auf einer Seite des Abschlussberichts von »Olaf« steht, der Antibetrugseinheit der Europäer in Brüssel. Der Bericht ist natürlich geheim, aber Martin hatte seine Quellen – und es waren überwiegend Frauen: Assistentinnen, Sekretärinnen, kleinere Chargen in der Beamtenhierarchie der Kommission. Opfer von Lieblings Charme, seinen kleinen Geschenken und großen Komplimenten, die ihre Wirkung selten verfehlten. Bruno gesteht sich ein, dass er dieses spezielle Metier der Informationsbeschaffung nie so perfekt beherrschen wird. Die leichte Lüge fällt ihm schwer, die augenzwinkernde Anmache, der Chanel-Duft und das grenzenlose maskuline Ego, das Martin Liebling so virtuos unter die Frauen brachte. Doch Bruno weiß, dass er andere Qualitäten hat. Und vor allem eins: Er lebt noch.

Der Olaf-Bericht befasst sich mit der langjährigen Sanierung des asbestverseuchten Berlaymont-Gebäudes. Jahre, in denen das sternförmige Haus verhüllt blieb, weil Firmenpleiten, Korruptionsvorwürfe und Gerichtsverfahren die Bauarbeiten verzögerten. 180 Millionen Euro, so die Olaf-Ermittler, betrug der Schaden für die Europäische Union, auch, weil es Kommissionsbeamte an der nötigen Kontrolle fehlen ließen. Oder auch an mehr: Aufträge gingen nicht immer an die günstigsten Anbieter, sondern an teurere Firmen. Bauverzögerungen kosteten kleine Vermögen – und keiner sah richtig hin. Oder anders interpretiert: Das Wegsehen könnte für den einen oder anderen sehr lukrativ gewesen sein.

Bruno atmet tief ein: Es stinkt. Er kann die Summen förmlich riechen, die diskret in Umschlägen übergeben oder auch auf Konten in der Schweiz oder Liechtenstein überwiesen wurden. Die Antibetrugsbehörde jedoch spricht von Schlamperei und Nachlässigkeit, weil keine Beweise für betrügerische Machenschaften gefunden wurden. Nun, das wird ein disziplinarisches Nachspiel für einige Beamte haben, aber Martin wusste es natürlich besser. Ein Name und eine Nummer: Bruno wird der Sache nachgehen müssen. Und noch einigen anderen Fällen aus der Erbschaft des Martin Liebling. Der König ist tot – es lebe der König!