22. Kapitel

Europa sei Dank, dass die Passkontrollen entfallen sind. Annas Landung in Brüssel war sanft, und sie ist dankbar, noch am Leben zu sein. Entfernungen von der Erde sind ihr unheimlich, sie ist zu bodenständig fürs Fliegen. Anna will unten bleiben, mit beiden Füßen auf der Erde beziehungsweise in Schuhen, die sie in erträglichen Höhen halten.

Männer mit Aktenkoffern hasten an ihr vorbei, während sie langsam geht, noch benommen von den Albträumen des Fluges. Rauchverbot überall; früher wäre auch sie gerannt, um sich draußen, in der Freiheit, eine Zigarette anzuzünden. Jetzt fühlt sie sich kurzfristig als Heroin, die den Kampf mit der Sucht aufgenommen hat. Sie fällt in Wellen über sie her, die Gier, und Anna reitet darauf wie eine Kuh vorm Ertrinken. Um sich abzulenken, späht sie den Flughafen aus. Es könnte ja sein, dass David Liebling alias Richard Gore – oder wie immer er sich nennt – an ihr vorüberläuft. Was würde sie in diesem Fall tun? Sich auf ihn stürzen, ihn festhalten, nach der Polizei rufen? Die Frage beschäftigt Anna, bis sie Alicia am Ausgang sieht.

Sie trägt Schwarz und ist an den leuchtend roten Haaren leicht zu erkennen. Von weitem, denkt Anna, sieht sie gut aus, nur der nahe Blick enthüllt die Verwüstungen all der Jahre und Enttäuschungen. Anna schätzt sie auf Mitte vierzig, und, ja, sie mag einmal eine schöne Hysterikerin gewesen sein. Vielleicht ist es leichter zu altern, wenn man zu keiner Zeit ein Subjekt der Begierde war. Wie Anna. Nein, ist es nicht. Und der Teufel hole den körperlichen Verfall, der sich in Rückenschmerzen, allmählicher Erblindung und Vergesslichkeit zu Wort meldet. Erinnere dich, Anna: Was hat Liebling in dieser Nacht noch gesagt, während du dich voll geschüttet und gehofft hast, dass alles schnell und schmerzlos vorübergehen möge?

»Helena ist in Brüssel«, sagt Alicia anstelle einer Begrüßung. Ihr Gesicht ist voller Verachtung, Empörung und ohne jede Freude, Anna Marx wieder zu sehen.

Anna stellt ihre Reisetasche ab. »Wer ist Helena?« Sie stehen inmitten des Begrüßungsstaus. Menschen umarmen und küssen sich. So wollte sie immer empfangen werden. Doch es war nie einer da.

Alicias Stimme ist mit Tragik unterlegt: »Martins Exfrau. Sie hat noch den Schlüssel zu seiner Wohnung, er hat nicht einmal das Schloss austauschen lassen, obwohl ich ihn ein paarmal mahnte. In persönlichen Dingen war er einfach nachlässig.«

Zu viele Frauen in seinem Leben, denkt Anna und strebt zum Ausgang. Sie braucht frische Luft. Alicia folgt ihr, mit dem Gepäck in der Hand, das Anna glatt vergessen hätte. »Ich bin verwirrt«, sagt sie entschuldigend und greift in die Handtasche, aber nein, sie raucht ja nicht mehr. Ihre Hand bewegt sich unruhig, sie kann sich an den neuen Zustand nicht gewöhnen. Alicia deutet in die Richtung ihres Wagens, und Anna geht neben ihr. Sie trägt die Schuhe, die Martin ihr gekauft hat, sie sind zum Sterben schön. Eine Phrase, die Anna überdenken sollte. »Woher wusste seine Frau, dass er gestorben ist?«

»Exfrau! Aus der Zeitung? Sie war gar nicht mehr auf den Fidschi-Inseln oder Bahamas, oder wo immer sie sich rumgetrieben hat. Helena logierte bei ihrer Mutter in Düsseldorf. Vermutlich ist sie wieder auf der Suche nach einem Goldfisch, und jetzt denkt sie, dass sie was vom Erbe kriegt. Aber den Zahn habe ich ihr schon gezogen. Martin hat kein Testament gemacht, sie sind geschieden, und er hat sie ausbezahlt.«

Weiß Alicia denn alles über ihn? Anna steht vor dem Kleinwagen, der aussieht wie ein missglücktes Ei auf Rädern. Seit sie fahren kann, schwärmt sie für große, schwere Autos und hat sich immerhin eines geleistet. Ein ruinöser Kauf, doch sie war glücklich mit ihm. Das zählt am Ende, und seufzend zwängt sie sich auf den Beifahrersitz. »Was will sie dann noch hier?«

»Helena hat sich in der Wohnung breit gemacht. Vermutlich will sie noch rausholen, was sie tragen kann. Ich habe bereits Martins Anwaltsbüro verständigt, und man wird sie entfernen lassen. Sie hat kein Recht mehr, dort zu wohnen.«

Das klingt sehr gehässig. Anna nimmt zur Kenntnis, dass Alicia ihr Ei souverän durch den Brüsseler Verkehr bewegt. Die engen Seitenstraßen, meist zugeparkt, sind für Autos wie dieses geschaffen. »Ich würde gern mit ihr reden. Wohin fahren wir überhaupt?«

»Ins Büro. Martin hat eine Bettcouch in seinem Büro, und dort können Sie schlafen, wenn Sie wollen. Ein Bad gibt es auch – und eine kleine Küche. Die Hotels hier sind entweder schrecklich oder teuer, manchmal beides, und meistens ausgebucht. Ich dachte, dass Sie diese Lösung vorziehen.«

Er hat eine Bettcouch, denkt Anna, und im Weiteren an ihr Bankkonto, sodass sie ergeben zustimmt. Armut bedeutet unter anderem, keine Wahl zu haben. Obwohl sie sich nie wirklich arm gefühlt hat, eher vorübergehend insolvent. Der Zustand ist von gewisser Langlebigkeit, doch wird sie den Glauben nicht verlieren, dass bessere Zeiten folgen. Vielleicht in Form eines Schecks von Eva Mauz, Anna hat ihr am Telefon das Blaue vom Himmel versprochen. Dass sie eine heiße Spur habe und nur noch einen kleinen Vorschuss benötige. Mit dem Mauz-Scheck ist sie dann zur Bank gegangen und hat ihr Konto ausgeglichen. Wenn es auf null steht, sind die Zeiten gut. Immer hübsch bescheiden sein, wie ihre Mutter sagte. Sie lebte ihre Phrasen, denkt Anna, während ich mich darüber lustig mache und ohne Leitmotiv zur Hölle fahre.

»Was wollen Sie von Helena? Ich habe Sie hergeholt, damit Sie Martin finden.«

»Sie haben mich nicht geholt, Alicia. Ich bin freiwillig und auf eigene Kosten geflogen. Und Martin ist tot. Er starb in meiner Wohnung, erinnern Sie sich?«

Alicia bremst abrupt, weil eine alte Frau die Straße überquert. Sie geht so unbekümmert langsam, als seien Autos noch nicht erfanden. Sie lächelt, es ist ein schöner, sonniger Tag, sie trägt einen Strohhut und muss taub sein, wenn sie das empörte Hupen irritierter Autolenker nicht hört. Anna beneidet sie und weiß nicht, warum. Weil sie mit einer noch Verrückteren im Wagen sitzt? Wenn sie damals nicht geraucht hätte, wäre sie Liebling nie begegnet, weil sie ja rechtzeitig gebremst hätte. Und alles, was danach kam, wäre nicht geschehen. Eine Verkettung von Umständen, die zum Tode führen: Ist das leben?

»Aber ich habe Martin gesehen. Ich kann es beschwören.«

»Es kann nur sein Zwillingsbruder gewesen sein, verdammt. Wie oft soll ich es noch sagen!«

Alicia steigt aufs Gas. »Schreien Sie nicht so. Woher sollte David den Büroschlüssel haben?«

»Weiß ich nicht. Vielleicht hat er ihn gestohlen, nachdem er Martin … Ja, schauen Sie mich nicht so entgeistert an: David war in Berlin, zumindest einen Tag vorher war er es noch, und vielleicht hat er ja nur das Hotel gewechselt. Möglich, dass die beiden Kontakt hielten, und David kam in meine Wohnung, als ich einkaufen war. Es gab Streit und …«

»… einen Brudermord?« Alicia stößt eine Art Lachen aus. »Das ist ja alles nur Theorie. Vielleicht ist Martin gar nicht nach Berlin geflogen. David war diese Nacht bei Ihnen, und jemand hat ihn dort umgebracht. Sie haben doch selbst gesagt, dass Martin komisch war, anders als sonst. Und wenn er es gar nicht gewesen ist?«

Jetzt ist sie übergeschnappt, denkt Anna, während Alicia präzise in eine winzige Parklücke einfährt. Und sagt, bevor Zweifel sie berühren könnten: »So ein Unsinn. Sie ertragen den Gedanken einfach nicht, dass Martin tot ist.«

»Während es Ihnen vollkommen egal ist. Sie haben ihn nur ausgenommen – wie all die anderen Frauen auch.« Alicia steigt aus dem Wagen, sodass ihr Annas Flüche entgehen. Es ist schwierig, die Beifahrertür zu öffnen, weil Müllsäcke den Gehweg blockieren. Anna schiebt einen beiseite und verlässt das Ei mittels akrobatischer Verrenkung. Alicias blasses Gesicht ist anklagend, sie hat keine Anstalten gemacht, ihr beizustehen. Anna tritt gegen den Müllsack. Es war ein Fehler, nach Brüssel zu kommen. Nichts wird sie ernten außer Liebesschmerz, und der ist schwer zu ertragen, wenn man jemanden nicht mag.

Die Frauen gehen schweigend durch die Glastür zum Lift. Es riecht nach Desinfektionsmitteln. Die Ratten sind in der Stadt, es liegt am Müll, und Anna hält die Luft an, bis sich die Lifttür hinter ihr geschlossen hat.

»Oben riecht man es nicht so«, sagt Alicia, während sie aufwärts fahren. Sie steigen schweigend aus, und Alicia sagt: »Dort hat er gestanden.«

»Sie haben ihn von hinten gesehen.« Anna sieht Ratten auf dem Marmorboden, doch es sind nur Schattenbilder in dem diffus beleuchteten Flur, der zu Martins Büro führt. »Zwielichtig« ist das Wort, das Anna einfällt, und es passt irgendwie zu den Lieblings, den monozygotischen Brüdern mit identischem Erbgut. Die Tendenz führt von Süden nach Norden: In Afrika gebärt jede vierte Frau Zwillinge, während Mehrgeburten in Europa relativ selten sind. Was sich ändern könnte durch die Zunahme künstlicher Befruchtungen. Anna überlegt, wie Sibylle mit Jonathan in doppelter Ausführung fertig werden würde. Sie hat versprochen, die Freundin anzurufen, und es natürlich vergessen. Selbst ihr Handy hat sie nicht eingeschaltet, und sie tut es jetzt, während Alicia das Büro aufschließt.

Es ist so elegant, wie Anna es in Erinnerung hat, doch aufgeräumter, leerer. »Die Polizei hat Akten mitgenommen und seinen Laptop«, sagt Alicia, während sie durch ihr Reich schreitet, ihre Heimat, die einzig vertraute Welt jenseits ihrer kleinen Wohnung in einer kleinen Straße in Saint-Gilles, das nicht zu den noblen Vierteln der Stadt gehört. Alicia kann sich nicht vorstellen, dies alles hier zu verlassen. Sie wird sich eine neue Arbeit suchen müssen. Weiß, dass sie es nicht kann. Es gibt nur einen Mann in ihrem Leben. Die Marx versteht das nicht. Jeder ist sein eigenes Universum, und jeder, der es berührt, ist ein Fremder.

Anna sieht sich um, als wäre sie zum ersten Mal hier. Herzförmige Gegenstände in Alicias Büro sind ein gewisser Stilbruch, doch hat Martin vermutlich großzügig darüber hinweggesehen. Er war, denkt Anna, während sie sich umsieht, ein Mann mit vielen guten Zügen. Diejenigen, die er auf dem Abstellgleis geparkt hatte, kannte sie nicht – oder kaum. Inzwischen zweifelt sie an vielem, was sie über ihn dachte, nur daran nicht: dass er tot ist. Nicht mal im höheren Kontext glaubt Anna an die Wiederauferstehung.

Auf seinem Schreibtisch liegen Kondolenzkarten, Alicia hat sie sorgfältig drapiert, als wolle sie einen Schrein schaffen. In der Mitte steht sein Foto in einem herzförmigen Rahmen. Alicia vor ihrem Schrein sieht aus, als würde sie in Kürze in Tränen ausbrechen.

»Sein Terminkalender interessiert mich«, sagt Anna. In puncto Herzlosigkeit hat sie nichts mehr zu verlieren.

»Die Polizei hat ihn mitgenommen. Aber ich habe seine Termine im Computer. Martin hatte keine Geheimnisse vor mir.«

Doch, denkt Anna. Jeder hat Geheimnisse, sonst wäre er ungeliebt, verachtet, verloren. Wir brauchen die Fassade, um es uns dahinter gemütlich, gemein und pornographisch einzurichten. Martin hätte nicht gewollt, dass man nach seinem Tod sein Leben seziert. Doch es ist die einzige Möglichkeit, seinem Mörder näher zu kommen. Seiner Mörderin: Sie hat sich noch nicht ganz von dem Gedanken verabschiedet, dass Alicia es sein könnte.

Das Bett im Nebenraum ist frisch bezogen, auf dem Beistelltisch stehen Blumen. Alicia zeigt Anna das Badezimmer, in dem noch Martins Aftershave und seine Zahnbürste stehen. Sie holt aus ihrem Büro einen Computerausdruck mit den letzten Terminen, die Martin wahrgenommen hat. Anna studiert ihn, nachdem die Suche nach der Lesebrille erfolgreich war.

»Möchten Sie Kaffee und Kuchen?«

»Lieber Tee ohne alles. Ich ändere meine Fütterungsgewohnheiten, und mein Körper mag das nicht.«

Alicia mustert Anna. »Wollen Sie etwa abnehmen?«

Anna blickt über die Brille hinweg. »Immer – und fast immer ohne Erfolg. Ich wünschte, ich wäre so schlank wie Sie. Ich würde essen ohne Ende.«

Das Kompliment fällt auf harten Boden. »Ich hatte nie großen Appetit«, sagt Alicia und geht in die kleine Küche, die an ihr Büro anschließt. Martin hat sehr viel Kaffee getrunken, Cognac manchmal und Rotwein natürlich. Manchmal hat er ihr ein Glas angeboten, und sie hat nicht Nein gesagt. Doch Alkohol schmeckt ihr nicht, sie hat Angst vor dem Verlust der Selbstkontrolle. An die Nacht, in der Martin sie verführte (oder war es umgekehrt?), kann Alicia sich kaum noch erinnern. Den Filmriss bedauert sie unendlich, doch Martin sagte, dass der Sex unglaublich gut war. Warum hat er sie dann mit anderen betrogen?

»Wer ist C. Feigen?«, ruft Anna. Sie hat sich den einzigen bequemen Sessel in Alicias Büro ausgesucht und die Schuhe ausgezogen. Alicia antwortet aus der Küche: »Eine Autorin, die Martin für ein Buch interviewt hat, das sie schreiben will. Eine Blondine, für die hat er eine Schwäche, aber im Grunde hat er alles mitgenommen, was ihm unter die Finger kam. Seine Frau Helena war die Schlimmste von allen. Sie ist stark gealtert, es wird wohl an der Tropensonne liegen.«

Alicia hat sehr blasse, fast weiße Haut und übertrifft damit Anna, die den typischen Teint der Rothaarigen besitzt und obendrein noch ein paar Sommersprossen auf der Nase. Alicia, denkt Anna, pflegt den erbarmungslosen Blick der Frauen auf ihre Geschlechtsgenossinnen. Na ja, sie selbst ist auch nicht frei davon. Komisch, dass der Blick bei Männern versagt. Die dürfen fett und faltig und behaart sein und sind immer noch attraktiv für Frauen. Sie notiert sich die Handynummer der Autorin, für alle Fälle.

Alicia kommt mit einem Tablett zurück und schenkt Tee ein. Früher hat Anna nur dann Tee getrunken, wenn sie krank war.

Mit Rum natürlich und sehr viel Zucker. Jetzt nippt sie an dem heißen Wasser mit Geschmack und verbrennt sich die Zunge. Alicia, die Sadistin, bohrt ihre Gabel in Sahnetorte. Die einzige Antwort darauf wäre jetzt eine Zigarette. Anna beißt sich auf die Zunge. Der Kampf ist nicht fair, denn ihr Feind arbeitet mit allen Tricks. Nur eine Zigarette, flüstert die Gier, und danach hörst du wieder auf. Du bist keine Heroin, Anna, sondern nur schwaches Fleisch. Gib nach, das ist viel leichter … und du wirst es ohnehin nicht schaffen …

»Stimmt etwas nicht? Möchten Sie doch von der Torte?«

»Nein«, sagt Anna mit verlangendem Blick auf den Kuchenteller: »Nach dem Terminplan hatte Martin das letzte Treffen mit John Schultz. Das ist doch dieser amerikanische Tabaklobbyist. Wissen Sie, worum es ging?«

Alicia lächelt unschuldig. Sie hat am Telefon mitgehört, viele Male. Anfangs tat sie es, um seine erotischen Eskapaden zu überwachen, dann wurde es zur lieben Gewohnheit. Sie wollte alles über Martin wissen. Weil er doch ihre zweite Hälfte war. »Um die Neubesetzung der Kommission. Schultz beziehungsweise die Leute, die er vertritt, wollten im Vorfeld mitmischen. Es sollen keine Leute reinkommen, die die Auflagen für die Tabakkonzerne weiter verschärfen. Und es ging wohl auch um einen außergerichtlichen Vergleich in den Ermittlungen zum internationalen Zigarettenschmuggel. Sie wollten, dass Martin ihnen hilft, und sie haben ihm einen Beratervertrag angeboten.«

»Den er ablehnte?«

»Nein, er hat unterschrieben und auch die erste Rate kassiert. Ich habe den Scheck gesehen, er war über fünfhunderttausend Euro.«

Anna hält einen Augenblick die Luft an. »Was ist so viel wert?«

Alicias Lächeln ist ein wenig überheblich. »Sie haben wohl keine Ahnung von seinen Geschäften. Martin Liebling war das wandelnde Wissen über Brüsseler Sünden. Es stand alles auf dieser Diskette, die verschwunden ist. Schultz wollte sie haben, aber soviel ich weiß, hat er sie nicht bekommen. Martin war ein Spieler manchmal, ich weiß nicht, was er vorhatte. Jedenfalls war Schultz ziemlich aufgebracht beim letzten Telefonat. Er klingt wie ein Mann, mit dem nicht gut Kirschen essen ist.«

Die Phrase erinnert Anna an ihre Mutter. Am Ende waren es die Ärzte, mit denen sie nicht gut Kirschen essen konnte. Doch weil sie eine Frau war, die vor Weißkitteln Respekt hatte, schluckte sie schweigend, bis zuletzt. »Trauen Sie ihm zu, dass er …« Sie wagt nicht, mörderische Sätze zu vollenden, aus Angst, dass Alicia wieder hysterisch wird.

Doch Alicia hebt nur die schmalen Schultern. »Ich habe ihn nie gesehen, nur mit ihm telefoniert beziehungsweise reingehört. Er wollte mehr für sein Geld, das hat er wörtlich gesagt. Und am Tag bevor … Martin wegfuhr … haben sie sich im ›Métropole‹ getroffen. Dort wohnt Schultz. Sie können ihn ja fragen. Er spricht allerdings kein Deutsch oder Französisch, nur diesen grässlichen amerikanischen Slang.«

Anna gedenkt ihrer beklagenswerten Sprachkenntnisse; sie beherrscht außer der Muttersprache nur ein bisschen Englisch. In Bonn und Berlin ist sie damit durchgekommen, und in dieser Stadt der Sprachgenies wird sie es auch schaffen. »Und warum ein Scheck und keine Überweisung?«

Alicia, die ihre Torte mit hassenswerter Lustlosigkeit vernichtet hat, antwortet erst nach kurzem Zögern. »Nun ja, es gibt Geld, das sozusagen nicht ganz sauber ist. Ich habe den Scheck nach Luxemburg gebracht.«

Anna meint zu verstehen. »Sie haben Schwarzgeld für ihn angelegt.«

Die Blasse errötet ein wenig. »Martin vertraute mir – in allem.«

»Er muss Sie«, sagt Anna, »verdammt gut bezahlt haben.« Der Satz war grausam, sie bereut ihn, doch Alicia ist einmal gnädig und bricht nicht in Tränen aus. »Ich habe genug Geld«, sagt sie zu Anna und lenkt deren Blick auf die schwere Goldkette über der schwarzen Bluse. »Martin hat mir viele Geschenke gemacht, nicht Schuhe oder so was, sondern Schmuck vor allem.«

Ich war auch nicht seine Sklavin, denkt Anna. »Haben Sie all das der Kommissarin erzählt?«

»Natürlich nicht. In der Zeitung stand übrigens, dass Bruno einen Aktenkoffer bei sich hatte, als er überfahren wurde. In dem waren zehntausend Dollar – und darunter Zeitungspapier. Das ist doch seltsam, nicht? Wie kommt er an das Geld? Ich wette, Bruno hat die Diskette gestohlen und versuchte, sie zu verkaufen. Das hat ihm offenbar kein Glück gebracht.«

Anna betrachtet Alicia, die nicht mehr traurig, sondern gehässig aussieht. »Sie mochten Bruno nicht.«

»Nein, und dafür gab es tausend Gründe. Bruno war ein kleiner Mann mit großem Ehrgeiz. Er wollte immer so sein wie Martin.«

Ist er ja nun gewissermaßen auch, denkt Anna. Wenn Alicia Martins Namen ausspricht, verklärt sich ihr Gesicht beinahe. Sie ist krank, liebeskrank, und Anna wird den Tod nicht noch einmal erwähnen. Wo die Wahrheit unerträglich ist, wird jeder Irrtum liebevoll angenommen. »Wenn Martin wirklich hier war, Alicia, muss er doch irgendetwas gesucht oder mitgenommen haben. Ist Ihnen denn aufgefallen, dass etwas fehlt?«

»Sein Teddybär.«