23. Kapitel
Ein Scherz? Nein, Alicia meinte es bitterernst und beharrte auf diesem Teddybären. Er lag immer auf der Couch, und nun war er verschwunden. »Martin hat ihn als Kind bekommen, und er war sein Glücksbringer.« Weshalb er ihn im Büro aufbewahrt hatte und nicht zu Hause. Weil Martins Privatleben nie in Ordnung war, während die Geschäfte glänzend liefen. All das erzählte Alicia einer sehr skeptischen Detektivin, die sich andererseits nicht vorstellen konnte, dass die Geschichte gänzlich erfunden war. Annas Erklärung war, dass Alicia den Bären mit nach Hause genommen hatte und ihn nun für ihre Geschichte von Martins Wiederauferstehung benutzte. Armer kleiner Bär, der vermutlich in Alicias Bett lag und als Ersatz für einen Mann diente, der ihr Leben zerstört hatte. Denn das hatte er getan: Anna war voller Zorn auf Martin und dachte, dass er nicht besser war als David.
Die Geschichte mit dem Teddybären brachte Alicia abermals zum Weinen. Lautlos, es war, als könne sie nie mehr aufhören. Weil es im Badezimmer auch eine Apotheke gab, suchte Anna nach Beruhigendem – und sie fand Valium, die chemische Keule gegen das Aufbegehren. Es war keine Ruhmestat, sie Alicia auszuhändigen, aber immer noch besser, als selbst eine zu nehmen.
Anna wartete, bis Alicia auf der Couch eingeschlafen war, nahm den Schlüssel mit und hinterließ die Botschaft, dass sie in drei Stunden zurück sei. Obwohl sie anfangs nicht wusste, wohin, schlug sie sich schließlich zum »Métropole« durch, Brüssels berühmtesten Art-Nouveau-Hotel, in dem immerhin schon Sarah Bernhardt und Albert Einstein logiert hatten.
An der Rezeption fragt Anna nach John Schultz. Die Auskunft, dass er in seinem Zimmer sei, bewegt sie, in der prächtigen Halle zu warten. Sie hat keine Ahnung, wie Schultz aussieht, doch sie vertraut darauf, dass sie ihn erkennt. Und dann? Sie wird einfach auf ihn zugehen und ihn ansprechen. »Verzeihen Sie die Störung, aber haben Sie etwas mit Martin Lieblings Tod zu tun?«
Warten gehört nicht zu Annas Stärken. Früher hat sie geraucht und die Zigaretten gezählt. Jetzt zählt sie die Kuchen in der Vitrine des Cafés und könnte sie alle, alle essen. Man kann nicht still sitzen und über sein Schicksal nachdenken, ohne verrückt zu werden. Sie ist kein Zen-Meister. Niemand von den Figuren um sie herum scheint das Nichtstun zu bewältigen. Sie alle essen, trinken, reden, rauchen, lesen, scharren mit den Füßen, kratzen sich am Kinn. Küssen sich. Vielleicht wäre dies das Einzige, wofür sich der ganze Hokuspokus lohnt: der Wahnsinnszustand frischer Liebe. Danach kommt die anhängliche Freundschaft, manchmal, und zuletzt der Schmerz. Die Erkenntnis, dass es die Illusion ist, in die wir uns verlieben. Anna weiß manches, doch nichts genau. Vielleicht lohnt sich der Hokuspokus auch für Mohnkuchen oder erfolgreiche Mörderjagden. Eine kleine Flamme, die sich einem Glimmstängel nähert …
Der alte Mann, der in einem Sessel sitzt und auf eine Zeitung starrt, die er nicht liest, scheint das alles schon hinter sich zu haben. Versöhnt man sich mit dem Leben, wenn es fast vorbei ist? Sein Lächeln erinnert sie an die alte Frau, die die Straße langsam überquerte und den Rest der rasenden Welt einfach ignorierte. Worauf immer er wartet, er tut es mit Geduld. Ganz still sitzt er da, unbewegt von dem Gehen und Kommen um ihn herum. Sein zerfurchtes Gesicht wirkt heiter und sehr gelassen. Nicht einmal mehr die Zeitung scheint ihn zu interessieren, und Annas neugieriges Beobachten erträgt er mit stoischer Ruhe. Ein Blick, vielleicht das Heben der Mundwinkel, dann versinkt er wieder in sich selbst.
Anna möchte hingehen und ihn fragen, wie er seinen Hund namens Ego bändigt, als eine junge Frau in der Hotelhalle auftaucht, die in der Art von Prostituierten gekleidet ist: lange Lackstiefel, Minirock und viel Modeschmuck. Sie bewegt sich mit der Zuversicht, jung und hübsch zu sein. Sie zögert nur kurz, bevor sie den alten Mann anspricht. Er sieht von seiner Zeitung auf und erhebt sich dann mit einiger Mühe. Papier gleitet zu Boden, und das Mädchen nimmt seinen Arm. Sie gehen gemeinsam zum Lift, der zu den Zimmern führt. Er hat auf sie gewartet, denkt Anna, nicht auf den Tod, und fühlt sich ein wenig betrogen. Als sie mit fünf erfuhr, dass der Weihnachtsmann ein kapitalistischer Mythos ist, brach eine Welt für sie zusammen. Jetzt ist sie einundfünfzig, und die Welt bröckelt nur noch scheibchenweise.
Sie schickt Sibylle eine telefonische Nachricht, dass es ihr gut geht. Sieht immer wieder vom Handy auf, und jetzt tritt einer aus dem Lift, der wie ein Amerikaner aussieht und ihr Mann sein könnte. Anna steht auf. Sie bewegt sich aus der anderen Richtung auf die Rezeption zu, wo sie aufeinander treffen. Sie findet, dass er aussieht wie ein Amerikaner in Brüssel. Seine Augen sind bemerkenswert, der Rest ist eher unauffällig, gepflegt, durchtrainiert. Anna, die ihren zweiten Blick stets den Schuhen schenkt, sieht Cowboystiefel aus Schlangenleder. Eine Mischung aus Krokodil und Klapperschlange, denkt sie, und fühlt die Blicke des Portiers, der sie ja kaum für eine Prostituierte halten kann. Oder doch?
Der Mann legt einen Schlüssel auf den Tresen, und der Portier lächelt routiniert und nimmt ihn an sich. Der Fremde sieht Anna sehr misstrauisch an, sie hat plötzlich Angst, ihn anzusprechen, doch die Situation erfordert Handeln: »Mr. Schultz?«
Er taxiert sie von oben nach unten, und sie fröstelt. Meine Schuhe müssten ihm gefallen, denkt Anna und widersteht dem Impuls wegzulaufen. »Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?« Ihr Englisch ist passabel, dennoch stottert sie ein wenig.
»Worum geht es?«
Gleich fragt der Portier, ob sich der Gast belästigt fühle. Schnell sagt sie: »Um Martin Liebling. Er war ein Freund von mir.«
Sein Gesicht ist unbewegt, doch er nimmt ihren Arm und zieht sie beinahe in Richtung des Cafés. Der Griff ist schmerzhaft, und Anna ist zu erschrocken, um Widerstand zu leisten. Am Eingang bleibt er stehen und lässt sie los. Sein Zeigefinger ist auf ihre Nase gerichtet: »Ich mag keine Überfälle, Lady. Wie heißen Sie überhaupt?«
»Anna Marx. Ich wohne in Berlin und …«
»… jetzt sind Sie in Brüssel. Was wollen Sie von mir?«
Sie muss aufhören zu stottern. Es liegt nicht an ihrem rostigen Englisch, sondern an seiner physischen Präsenz. An den Augen natürlich auch, sie sind auf Anna gerichtet, als wolle er sie damit röntgen.
»Ich möchte wissen … warum Martin gestorben ist.« Gott, war das blöd, sie muss sich etwas Besseres einfallen lassen, um diesen Mann zu beeindrucken. »Hat es etwas mit der Diskette zu tun? Und gibt es einen Zusammenhang zwischen Martins Tod und dem von Bruno Laurenz?«
Ein Lächeln enthüllt perfekte Zähne. Gleich frisst er mich, denkt Anna. Sie blockieren den Eingang und treten zur Seite, um einem Schwarm deutschsprachiger Gäste den Weg frei zu machen. Wieder hält er sie fest.
»Und was, Lady, hat das alles mit mir zu tun?«
»Sie waren Martins letzter Termin. Sie haben Geschäfte mit ihm gemacht. Und mit Bruno Laurenz auch. Es könnte doch sein, dass Sie etwas wissen, dass …«
Kein Lächeln mehr, und er ist ein Mann, den sie fürchten könnte. Wenn er ein Doppelmörder ist, denkt Anna, waren meine Fragen überaus dumm. Wenn nicht, dann auch.
»Was sind Sie? Eine Polizistin?«
Sie schüttelt den Kopf, und Schultz tut etwas, womit sie nicht gerechnet hat. Er streicht mit der Hand über ihre Wange. Sein schwerer Siegelring zieht eine schmerzhafte Spur. War das Absicht? Anna unterdrückt einen Schmerzenslaut und sieht in seine Augen. Es kann nichts passieren, sie werden vom Portier beobachtet, und hier sind einfach zu viele Leute, um …
»Geschäfte, neugierige Freundin, sind kompliziert, doch der Tod ist es nicht. Bruno Laurenz ist überfahren worden, ein bedauerlicher Unfall. Und Martin hatte zu viele Weibergeschichten. Ein Baseballschläger, wenn ich nicht irre? Kein richtiger Mann würde ein solches Mordinstrument benutzen. Es sieht nach einer Frau aus. Sie sind so stark geworden in letzter Zeit, die Frauen. Mein Beileid übrigens.«
Anna greift nach ihrer Wange, doch sie blutet nicht. Nein, sie kann sich nicht vorstellen, dass Schultz zu einem Baseballschläger gegriffen hat, das ist nicht sein Stil. Der Unfall mit Fahrerflucht schon eher. »Ergebenen Dank. Besitzen Sie übrigens ein Auto?«
»Nein. Nur Idioten fahren in dieser ewig verstopften Stadt ohne Parkplätze mit dem eigenen Wagen.« Er sieht auf seine schwere goldene Uhr: »Ich habe einen dringenden Termin, den ich Ihretwegen nicht versäumen werde. Vielleicht sehen wir uns auf der Beerdigung.«
Welche Beerdigung? Gott, das hat sie glatt vergessen. Ich muss Alicia fragen, denkt Anna, und dass sie eine unüberwindliche Abneigung gegen Friedhöfe und Beerdigungen hegt. Schultz lässt sie an der Tür stehen und schreitet zum Ausgang. Wie ein Cowboy mit Hämorrhoiden, denkt Anna, weil Niederlagen bösartig machen. Und das war eine: Sie hat alle Karten aufgedeckt und das Spiel grandios verloren. Nichts hat sie erfahren, nur, dass sie keine ebenbürtige Gegnerin für John Schultz ist. Anna geht noch einmal zur Rezeption und fragt den Portier: »Haben Sie seinem Fahrer Bescheid gesagt?«
»Selbstverständlich«, ist die Antwort, auf die sie gehofft hat.
Also doch: Er wird gefahren, was ja nicht unbedingt gegen die These spricht, dass er Bruno Laurenz auf dem Gewissen hat. Auf die Diskette ist Schultz nicht eingegangen, wahrscheinlich hat er sie schon. Und warum sollte er dann jemanden umbringen? Anna glaubt daran, dass gute Kapitalisten für maximalen Profit über Leichen gehen. Doch ohne Grund machen sie sich die Finger nicht schmutzig. Ob Martin auch Angst vor ihm hatte? Und war er das auslösende Moment für die Inselpläne?
»Wünschen Sie noch etwas, Madame?«
Das wandelnde Fragezeichen schüttelt den Kopf, obwohl es hundert Wünsche hat. Der Blick des Portiers sagt ihr, dass ihre Entfernung erwünscht ist, doch dann wendet er sein Gesicht ab und einer Blonden zu, die nach ihrem Zimmerschlüssel verlangt.
»Voilà, Madame Feigen.«
Anna denkt, dass es doch ihr Glückstag sein könnte. »C. Feigen?«, fragt sie, und die Blondine mustert sie misstrauisch. Von unten, denn sie ist kleiner als Anna. Ihren Schlüssel hält sie wie ein Schutzschild vor sich und mit der anderen Hand ihre Handtasche. »Chris Feigen, ja. Kennen wir uns?«
»Nein, aber es ist wunderbar, dass ich Sie hier treffe. Anna Marx – aus Berlin. Ich würde gern mit Ihnen sprechen – über Martin Liebling.«
»Warum?«, fragt die Blonde, die offenbar Frauen nicht mag, die sehr viel größer sind als sie.
»Können wir das bei einem Espresso besprechen? Bitte! Es dauert auch nicht lange.« Anna legt Flehen in ihre Stimme, und es wird erhört. »Also gut, aber nicht mehr als zwanzig Minuten. Woher wussten Sie, dass ich hier wohne?«
»Eine Ahnung«, murmelt Anna, während sie ins Café gehen, an dem Kuchenbuffet vorbei, in dem, sie hat es gezählt, siebzehn verschiedene Versuchungen liegen. Die Blonde geht achtlos daran vorbei, das ist nicht fair, weil sie es sich leisten könnte. Ein diszipliniertes Leben, denkt Anna, und dass sie zwar immer davon träumte, doch nie aus der Trägheit aufwachte. Obwohl: Seit drei Tagen fühlt sie sich wie eine Fremde in ihrem Körper.
Sie setzen sich an einen der kleinen Tische und bestellen Espresso und Mineralwasser. Ihr Gegenüber zieht eine Packung Zigaretten aus der Tasche. »Rauchen ist tödlich« lautet die Aufschrift, und Anna würde hier und jetzt gerne sterben.
»Stört es Sie, wenn ich …?«
»Keineswegs«, flüstert Anna und presst ihre Nägel in die Handballen. »Ich bin Privatdetektivin – und ich war mit Martin Liebling befreundet. Wissen Sie irgendetwas, das mir bei den Nachforschungen helfen könnte?«
Die Blonde raucht gern, man sieht es. Sie sieht Anna beinahe mitleidig an. »Sie klingen verzweifelt, aber ich fürchte, viel kann ich zur Erhellung nicht beitragen. Ich war gerade mal eine Stunde in seinem Büro, und Liebling ist mir überwiegend ausgewichen. Ich wollte von ihm etwas über diesen Deal hören zwischen der EU und dem Tabakkonzern. Er hatte seine Finger im Spiel, ich weiß es, aber natürlich hat er nur Seifenblasen ausgestoßen. Bruno, sein Assistent, sagte mir, dass Liebling Probleme mit John Schultz hatte …«
»… der zufällig auch im ›Métropole‹ wohnt.«
Sie lächelt: »Ach, das wissen Sie schon. Ich bin hinter ihm her, aber der Mann ist wie ein Krokodil, das untertaucht, sobald man es greifen will. Eines allerdings weiß ich: Schultz hat sich, nach Lieblings Verschwinden, mit Bruno Laurenz getroffen … und zwar an dem Tag des Unfalls. Bruno kam von diesem Meeting, als es geschah. Schultz kann es also nicht gewesen sein, er saß noch im Café.«
»Er hat einen Fahrer«, sagt Anna.
»Ich weiß, und der hatte an diesem Tag frei. Aber es war keine Limousine, sondern ein Sportwagen, der am Unfallort gesehen wurde. Es gab Dutzende Zeugen, und sie widersprechen sich natürlich. Von Porsche über BMW bis zu Japanern wurden so ziemlich alle Marken gesichtet. Einig waren sich die Zeugen nur in der Farbe: Schwarz. Der Wagen fahr zu schnell, doch die Polizei geht davon aus, dass es Unfall mit Fahrerflucht war. Sie ermitteln noch, aber man weiß ja, wie das in Belgien ist … die Mühlen mahlen zermürbend langsam. Schade um Bruno, er war ein guter Informant.«
»Sie glauben also nicht, dass es ein Unfall war?« Anna sieht zu, wie die Zigarette getötet wird. Sie war noch in der Mitte ihres glühenden Lebens, die Autorin raucht gesund, sofern dieser Ausdruck zulässig ist. Und Anna ist krank vor Selbstmitleid, und der Espresso schmeckt bitter.
Die Blonde sieht hinaus zur Place de Brouckère, auf der Touristen flanieren und Taschendiebe Beute suchen. Ihr Hals wirft Falten, das gefällt Anna, weil sie an schlanken Frauen nach Makeln sucht, die das Ungleichgewicht austarieren. Der Blick, den sie Anna zuwirft, ist abweisend, vielleicht auch nur vorsichtig. »Ich weiß nicht, vielleicht ist es nur meine mörderische Phantasie. Ich sollte Thriller schreiben und nicht Sachbücher. Man recherchiert wie eine Blöde und steht am Ende doch mit halben Wahrheiten da. Brüssel ist wie ein gefrorener Schneeball, der in der Hand schmilzt – und nichts als Kälte hinterlässt. Bruno wollte ans große Geld – und gleichzeitig als Moralist dastehen, indem er mir Informationen zuschanzte. Doch vermutlich war dieser Spagat eine Nummer zu groß für ihn. Irgendwie fühle ich mich schuldig an seinem Tod.«
Wie ich bei Liebling, denkt Anna und spürt einen Anflug von Zuneigung, der verfliegt, als ihr Gegenüber schon wieder zur Zigarette greift. »Ist Schultz denn von der Polizei vernommen worden?«
Achselzucken. Sie sieht, denkt Anna, müde aus – und das macht alt. Ihre Stimme klingt heiser. »Mit Lieblings Tod kann Schultz nichts zu tun haben, zumindest nicht persönlich. Am besagten Tag war er hier, in Brüssel. Ich habe ihm nachspioniert, weil ich wissen wollte, mit welchen Leuten er sich trifft. Gott, ich würde was darum geben, diesen Kerl zu verwanzen. Danach könnte ich mich hinsetzen und das Buch der Bücher schreiben. Stattdessen mache ich mich morgen auf nach Frankreich, ins Schloss des Martin Bangemann. In der irrwitzigen Hoffnung, dass der Typ aus dem Nähkästchen der wundersamen Geldvermehrung plaudert. Was er nicht tun wird, ich weiß es … und was treibt Sie an, die Wahrheit zu jagen?«
»Altersstarrsinn.« Anna hat keine Lust, ihr von Marx und Liebling zu erzählen.
Ihr Gegenüber lacht und sieht auf die Uhr. »Von den zehntausend Dollar plus Zeitungspapier im Koffer haben Sie gelesen? Auch, dass er sich beim Zusammenprall öffnete und die Scheine auf die Straße flogen? Kein Wunder, dass sich kein Zeuge an den Unfallwagen erinnern kann. Die waren alle damit beschäftigt, das Geld aufzuklauben. Wenige sind besser als die anderen. Wussten Sie, dass Deutschland an zweiter Stelle der EU-Korruptionsliste steht? Wir werden nur noch von Italien geschlagen, und die werden den nächsten Justizkommissar stellen. Das ist irgendwie komisch … oder auch nicht.«
»Nicht«, sagt Anna, »obwohl ich gerne lachen würde.« Die große Rothaarige und die kleine Blonde sehen einander an und denken, dass sie Freundschaft schließen könnten. Frauen brauchen einander in der Abwesenheit von Männern. Sie trägt keinen Ring, das ist Anna natürlich aufgefallen. Andererseits werden sich ihre Wege trennen, und der Austausch von Visitenkarten ist keine Garantie für ein Wiedersehen. Anna wird die Karte vermutlich verlegen, das passiert ihr öfter. Sie diskutieren sie nur kurz darüber, wer die Rechnung bezahlt. Anna gewinnt – oder verliert – und winkt dem Kellner, der dieses unverständliche Französisch spricht. Die Blonde wirft ihre Zigarettenpackung in die Handtasche und steht auf: »Tut mir Leid, ich muss jetzt los. Viel Glück bei den Recherchen; Liebling war ein netter Mann, aber auch sehr unentschieden, auf welcher Seite er steht. Vielleicht hat ihn das umgebracht.«
Sie ist ein bisschen überheblich, denkt Anna, während sie ihr die Hand schüttelt. Eindeutig zu blond für eine Moralistin, und wenn sie im »Métropole« wohnt, bezieht sie ja auch eine gewisse Position. »Danke – und Ihnen auch. Ich wünsche Ihnen jedenfalls einen Bestseller …«
Die Autorin lächelt ungläubig, geht zur Tür und kommt noch einmal zurück. »Mir ist noch etwas eingefallen. Gestern, auf der Grand Place, dachte ich doch tatsächlich, dass ich Liebling gesehen hätte. Es war jedenfalls jemand, der ihm verdammt ähnlich sah.«
»Sind Sie ihm gefolgt?«
»Nein. Warum auch? Er ist doch tot.«