11. Kapitel

Seine Eitelkeit begleitet ihn wie ein Schatten. Liebling weiß es und vergisst es manchmal. Eitelkeit verleitet zu Fehlern. Es tut ihm längst Leid, dass er der Autorin ein Interview zugesagt hat. Sie will ein Buch über die Europäische Union schreiben, die ganze Wahrheit und alle Lügen, die mit ihr einhergehen. Was soll er ihr sagen? Dass geniale Ideen von fehlbaren Menschen umgesetzt werden? Bürokratie und Korruption ein unvermeidliches Paar sind? Und dass es ihn doch immer wieder berührt, wie viele Nationen und Sprachen in diesem gläsernen Haus zu Formen der Kommunikation und des Kompromisses finden? Das friedliche Schlachtross Europa ist ein behäbiger Gaul, der von zu vielen gelenkt wird, als dass er seinen Weg ohne Fehltritte fände.

Ja, das ist ein netter Satz, den wird er einbringen. Er sollte seinen Schreibtisch aufräumen, doch andererseits ist es jetzt zu spät für größere Taten. Wenn sie professionell ist, wird sie pünktlich sein. Zeit ist Honig. Bruno, sein Assistent, hat ihm zum Geburtstag eine silberne Sanduhr geschenkt. Der Sand ist goldfarben, und er rieselt beruhigend langsam, jedoch unerbittlich. Wollte Bruno ihn darauf hinweisen, dass Lieblings Zeit bald um ist? Dass Bruno im Besitz einer Diskette ist, die ihm goldene Türen öffnen wird? Nein. Nicht Dr. Bruno Laurenz: Er ist ein korrekter, gebildeter und loyaler Mann von begrenzter Phantasie. Einer, der blaue Krawatten zu grauen Anzügen trägt und nur um Nuancen von seiner Grundfarbe abweicht. Nicht der Typ, der seinen Chef aushebelt. Es gibt Menschen, die dazu geschaffen sind, im zweiten Glied zu stehen – und Bruno weiß hoffentlich, dass er auch in fünf Sprachen nur begrenzte Wirkung erzielt.

Der herzförmige Fotorahmen, auch aus Silber, war Alicias Geburtstagsgeschenk. Seine langjährige Sekretärin, und er ist ihr wirklich dankbar, dass sie ihn in so dezenter Form an eine Affäre erinnert, die nicht zu seinen Ruhmestaten zählt. Ein Anfängerfehler, sich mit dem Personal einzulassen, und er hat es anschließend nicht übers Herz gebracht, ihr zu kündigen. Der gute Mensch macht Fehler und zieht keine Konsequenzen daraus. So hat er es damals gesehen, als er noch an das Gute in sich glaubte.

Dreizehn Jahre ist das her, und sie haben beide geschwiegen, verdrängt, vergessen. Er hat vergessen, und Alicias Geschenke sind bisweilen anzüglich. Oder sie hat ein Faible für herzförmige Kleinkunst, die in dem Chaos, das er Büro nennt, ohnehin nicht sonderlich auffällt. Überall Papiere … das Parlament ist eine Tropenwaldvernichtungsmaschine. Und weil er nicht alles lesen kann, bewahrt er die Protokolle, Pressemitteilungen und Bekanntmachungen auf. Stapelweise.

Er sollte endlich aufräumen und den herzförmigen Rahmen mit Annas Bild schmücken, nachdem er das Bild seiner Frau daraus entfernt hat. Frauen, die ihn verraten, verdienen kein Erbarmen. Andererseits gibt Anna ihm Rätsel auf: Sie ist entweder nicht erreichbar oder bemerkenswert kühl am Telefon. Er weiß ja, dass sie nicht gern telefoniert, doch die plötzliche Terminüberlastung, die ein Wiedersehen verhindert, mag er ihr nicht abnehmen. Anna ist eine lausige Detektivin mit überschaubarer Klientel. Wenn jemand wenig Zeit hat, dann ist er es. Und hat er es nicht immer geschafft, sich für Anna Zeit zu nehmen?

Er hat ihr Rosen senden lassen, schon zweimal. Alicia, die die Verschickung in die Hand nahm, sah ihn spöttisch an. »Mal wieder verliebt?«, sagte sie und traf den gewissen Ton, der ausdrücken sollte, wie wenig seinen Gefühlen zu trauen war. Möglich, dass sie Recht hat, doch manchmal glaubt er, dass Annas weiße Arme sein Horizont sind. Zumindest, wenn er allein mit sich ist und seine Gesellschaft ihn anekelt oder zumindest langweilt. Er sollte ohne Ankündigung nach Berlin fliegen und Anna stellen. Oder ein Verhältnis mit der Autorin beginnen, die gleich da sein wird. Eins von beiden: Er wettet mit sich selbst, dass Berlin gewinnt, doch man muss auch dem Gegner eine Chance geben …

Sie ist sehr blond, die Frau, die Alicia jetzt in sein Büro führt. Klein, blond, hübsch – und fast schon am Verblühen. Liebling schätzt sie auf fünfundvierzig, mehr oder weniger. Sie reicht ihm bis zur Schulter, als er aufsteht und ihr die Hand schüttelt. Sie trägt sehr hohe Absätze und hält sich sehr gerade, um größer zu wirken. Er weist auf den Besucherstuhl, den er freigeräumt hat. Ihren Familiennamen, der nach einer Frucht klingt, hat er bereits vergessen, nachdem sie ihm am Telefon sagte, dass er sie »Chris« nennen sollte. Martin und Chris: Sie setzt sich, schlägt ihre Beine übereinander und dankt ihm für die Audienz. Ein wenig spöttisch, und ihre Beine sind gut, was sie offensichtlich weiß.

»Darf ich rauchen?«

Nette Stimme. Er weist auf den riesigen Aschenbecher, und Alicia bringt Kaffee und Mineralwasser. Er sagt der Blonden, dass er eine Stunde Zeit für sie habe, dann müsse er zu einem Termin ins Parlament. »Sonst hätte ich Sie natürlich zum Mittagessen eingeladen. Möchten Sie Kekse?«

Sie schüttelt den Kopf und holt aus ihrer Handtasche Zigaretten und Feuerzeug, einen Block und Bleistift. Kein Tonbandgerät, das hat er sich schon beim Telefongespräch verbeten. Er möchte nicht zitiert werden und wird im Zweifelsfall alles abstreiten. Alicia steht an der Tür, und ihm fällt zum ersten Mal auf, dass sie ihre dunklen Haare rot gefärbt hat. Es sieht verboten aus, wie zum Teufel kommen Frauen nur auf solche Ideen? »Wir brauchen nichts mehr, danke, Alicia. Und sagen Sie Bruno, dass er sich um die Ausschussprotokolle kümmern soll.«

Sie entschwebt. Alicia ist so dünn, dass er damals trotz seines Vollrausches Hemmungen hatte, sie anzufassen, aus Angst, sie könne zerbrechen. Die Blonde ist auch zierlich, aber irgendwie kompakter. Zu wenig Busen, Gott, er mag die Frauen nun einmal in Kurven und Rundungen. Sie fühlen sich einfach besser an, die Gemahlin hat das nie verstanden und ihn mit immer währenden Diäten genervt. Sie war so schön und hat nie vermocht, souverän damit umzugehen, das herzlose Miststück.

»Wer hat die Macht in Brüssel?«

Ihr Satz reißt Liebling aus seinen Tagträumen, die immer auch ein mörderisches Element haben, zumindest, wenn seine Exfrau darin vorkommt. Komische Eingangsfrage, denkt er, und beugt sich über den Schreibtisch, um ihr Feuer zu geben. Spöttische braune Augen hat sie, und er zieht Annas grüne vor. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und denkt über eine Antwort nach. Sie sieht ihn mit schräg gestelltem Kopf an, wartend. Ihm fällt kein Blondinenwitz ein, und so beantwortet er die Machtfrage:

»Nicht nur einer, wie der Kanzler in Berlin. Die Macht ist aufgeteilt. Zum einen die EU-Kommissare und vor allem die Generaldirektoren, die eigentlichen Herren der Verwaltung. Zum anderen der Ministerrat. Und natürlich im Parlament die Vorsitzenden der wichtigen Ausschüsse und die Berichterstatter. Allerdings können in Brüssel auch Hinterbänkler einiges bewegen, wenn sie gelernt haben, einen Ball zu stoppen oder eine Vorlage in ein Tor zu verwandeln. Denn es gibt hier keinen Fraktionszwang. Manchmal, auch wenn es nicht häufig vorkommt, machen die Abgeordneten der Kommission die Hölle heiß.«

»Es würde also Sinn machen, Abgeordnete zu bestechen?«

Liebling reißt die Augen auf und mustert sein Gegenüber mit einem Unschuldsblick. »Wieso fragen Sie mich das? Ich bin nur ein kleiner Berater, Verehrteste, eine winzige Fußnote in der europäischen Politik.«

Chris Feigen, jetzt fällt ihm der Name wieder ein, wippt ungeduldig mit den Füßen. Was hat sie erwartet? Dass er ihr sein Herz ausschüttet, nur weil sie ein nettes Lächeln hat?

»Es ist doch eine einfache Frage, und Sie sollten Ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen, Herr Liebling. Niemand weiß so viel wie Sie – sagt man in Brüssel.«

Ihr Blick trägt einen Gran Spott. Sie verachtet mich, denkt Liebling, und es bedeutet nichts. Weil ich mich selbst so wenig schätze, dass mir die Geringschätzung anderer inzwischen gleichgültig ist. Beinahe. Wie kam er überhaupt auf die Idee, sich mit einer Schreiberin einzulassen? Ach ja, Bruno hat ihm die Dame ans Herz gelegt. Sein Assistent, dessen schwaches Herz Blondinen zuneigt. Liebling legt seine Worte auf die Goldwaage: »Im Allgemeinen würde es nicht viel bringen. Außerdem sind viele Parlamentarier ohnehin Lobbyisten, soll heißen, dass viele von ihnen auch Firmen oder Verbände repräsentieren. Politik und Wirtschaft sind ja nicht unbedingt Gegenpole. Im Idealfall ergänzen sie einander. Sehen Sie, kein Abgeordneter kann auf die Expertisen oder Gutachten der Wirtschaft verzichten, er muss sich nach allen Seiten hin informieren, weil die meisten Gesetzesvorlagen unendlich kompliziert sind.«

»Wie viele Abgeordnete schätzen Sie als kompetent und fleißig ein?«

Sie fragt querbeet, denkt Liebling, um mich zu verwirren. Und sieht ihn an, als ob sie nicht bis drei zählen könnte. Liebling lächelt über seine Antwort: »Es ist wie überall: Sie finden die Faulen und Fleißigen, die Klugen und Dummen … und natürlich die Paradiesvögel so wie Messner oder Berlusconi. Die Quertreiber. Die Peniblen. Die Europahasser und -fans … die europäische Melange, die bisweilen wirklich spannend ist. Nach welcher Wahrheit suchen Sie eigentlich?«

»Ich habe noch keine Ahnung«, sagt die Blonde, die immerhin für zwei Sekunden verblüfft aussah. »Ich stochere im Misthaufen. Pardon. Ich frage Leute aus und versuche, mir ein Bild zu machen. Stimmt es, dass der Schwund bei den EU-Haushaltsmitteln bei rund fünfzehn Prozent liegt? Das wären ja einige Milliarden, die in betrügerische Kanäle fließen.«

»Etwas mehr als ein Prozent«, korrigiert Liebling, »knapp über eine Milliarde Euro. Was an Subventionen in den jeweiligen Ländern zweckentfremdet wird, liegt in der Verantwortung der einzelnen Staaten. Das wäre von Brüssel aus schwer überprüfbar.«

»Interessanter Konjunktiv«, sagt die Autorin liebenswürdig. »Heißt es nicht, dass jedes Schwein dreimal den Brenner passiert, bevor es in den Schlachthof einfährt?«

Liebling richtet den Blick auf sein Panoramafenster. Draußen scheint die Sonne und taucht die morschen Dächer Brüssels in gleißendes Licht. Es wäre schön, jetzt mit Anna spazieren zu gehen. Ihr wunderbarer Gang in diesen Wahnsinnsschuhen, der Hüftschwung, so ausladend … was interessieren ihn reisende Schweine? »Ich bin kein Experte für Agrarsubventionen, sondern berate eher die Industrie. Wissen Sie, das Schlachtross Europa ist ein störrischer Gaul, der von zu vielen gelenkt wird, als dass es nicht zu Fehltritten käme.« So, jetzt ist er seinen Satz losgeworden, und sie schreibt sogar mit. Geneigter Kopf, die Haare sind gefärbt. Sie trägt keinen Ehering, aber das soll ihn nicht interessieren. Nun sieht sie hoch und lächelt, als ob sie ihn verführen wolle.

»Dann lassen Sie uns doch über die Tabakindustrie reden. Ich habe läuten hören, dass Sie auf diesem Gebiet sehr aktiv sind.«

Beinahe wäre er zusammengezuckt. Liebling fragt sich, ob John Schultz sie geschickt hat. Nein, Schultz geht keine Umwege, sondern direkt ans Ziel. Eine Kommissionsspionin? Der Engländer, der die Jakobiner unter den europäischen Rauchgegnern anführt, klebt an seinem Stuhl. Alle kleben. Der Leim besteht aus Geld und Macht, dieses unvergleichlich verführerische Zwillingspaar. Er wird Schultz die Informationen geben, die er braucht, und sich dann aus Brüssel verabschieden. Nach ihm die Sintflut … und Gedanken, die ihn sanft skalpieren.

»Möchten Sie nicht darüber reden – und falls ja, warum nicht?«

Sie wippt schon wieder, ungeduldig, als ob er ihre Zeit verschwendete. Das Gegenteil ist richtig, und wenn sie nicht so blond wäre, hätte er sie längst hinausgeworfen. Sie sucht nach der Wahrheit, und das ist ein beschissener Job. Liebling sagt: »Ich berate die eine oder andere Institution. Rauchen ist ein sehr emotionales Thema – beschwert von sehr viel Geld …«

»Könnten Sie wohl aufhören, um den heißen Brei herumzureden.«

Sie ist unverschämt, denkt Liebling und verflucht Bruno, weil es einen Schuldigen geben muss. »Was wollen Sie von mir hören? Dass der Zigarettenverband in Deutschland eine Aufklärungskampagne gegen das Rauchen finanziert? Nur für die Zielgruppe Jugendliche natürlich. Mit fast zwölf Milliarden Euro. Dagegen wird es kaum gelingen, in Europa ein generelles Werbeverbot für Zigaretten durchzukriegen, obwohl die Jakobiner in der Kommission das so wollen. Entsprechende Richtlinien werden in den Ausschüssen so lange verwässert, bis sie europarechtlich abgesoffen sind. Man könnte in diesem Zusammenhang von erfolgreicher Lobbyarbeit sprechen, denn die Tabakindustrie fürchtet das generelle Werbeverbot wie der Teufel das Weihwasser … auf der Packung, aus der Sie eben wieder eine Zigarette geholt haben, steht es klar und deutlich: Rauchen ist tödlich. Ich persönlich vertrete die Auffassung, dass man es jedem selbst überlassen sollte, wie er sich zu Tode befördert. Das nenne ich Freiheit.«

»Sie stehen auf deren Seite.«

Liebling gibt ihr Feuer und sieht ihr in die Augen. »Ich stehe nur auf meiner Seite, Verehrte. Ich habe einige Standpunkte verloren, doch sehr viel Geld dazugewonnen. Und kritisierbar bin ich nur innerhalb meiner Ideenwelt. Also hören Sie auf, mich mit der moralischen Keule erschlagen zu wollen.«

Dass sie jetzt lacht, überrascht ihn, denn er wollte nicht komisch sein. Frauen sollten öfter lachen und weniger dumme Fragen stellen. Er mag Annas Lachen und ihren großen Mund. Die Blonde ignoriert seinen Blick auf die Uhr: »Also gut, reden wir über Zigarettenschmuggel und Geldwäsche. Ich habe gehört, dass Sie die amerikanische Firma beraten, die jetzt von der EU verklagt werden soll.«

Europa ist ein Dorf, und er hätte mit Schultz nicht ins »Crocodile« gehen dürfen, sondern in eine anonyme Eckkneipe. Eitelkeit, gepaart mit Wollust, und wenn er an die sieben Todsünden glaubte, wäre die Hölle ein sicherer Ort. »Nein, das stimmt nicht ganz. Es gibt Vorgespräche, aber noch keinen Vertrag. Die Firma ist natürlich an einem Vergleich interessiert, man möchte einen Prozess vermeiden. In diesem Zusammenhang hätten sie mich gern als Mittler an Bord. Das ist der Stand der Dinge.«

»Morris und Reynolds haben sich mit der EU mit 1,25 Milliarden Dollar verglichen, zahlbar innerhalb von zwölf Jahren. Es war ein ähnlicher Vorwurf, und der Deal war ein Witz, wenn man bedenkt, um welche Gewinnspannen es geht.«

Pro 40-Fuß-Container, an Zoll und Steuer vorbeigeschmuggelt, eine halbe Milliarde Euro Gewinn auf dem Schwarzmarkt, denkt Liebling. Bei 400 Milliarden illegaler Zigaretten, die Jahr für Jahr um die Erde kutschiert werden, ein globales Wahnsinnsgeschäft, in dem Drogendealer und Waffenhändler kräftig mitmischen. Denn mit Zigarettenschmuggel lässt sich Schwarzgeld reinwaschen, das sauber wieder bei den Produzenten landet. Er sieht noch einmal auf die Uhr, um ihr zu zeigen, dass ihre Zeit abläuft: »Es war ein Kompromiss, von dem alle Seiten profitierten. Die EU investiert das Geld in Antiraucherkampagnen, und die Tabakkonzerne erschließen neue Märkte in Afrika und Asien. Alles löst sich in freundlichen Rauch auf. Was zum Teufel wollen Sie noch von mir wissen?«

Sie hält ihren Bleistift wie eine Waffe auf ihn gerichtet: »Warum Europa keine schärfere Gangart gegen die Konzerne und die Drahtzieher in der Schweiz einlegt. Warum es nur Teilerfolge bei der Bekämpfung des Zigarettenschmuggels gibt. Warum immer faule Kompromisse. Warum Sie bei alledem ihre Finger im Spiel haben. Das will ich wissen.«

Liebling denkt an eine Million gewaschenes Geld. Es stinkt nicht. Und damit wären im Grunde alle Fragen beantwortet. Er lässt sich Zeit mit einer Antwort, die nicht ohne Wahrheitsgehalt ist: »Die Fraktionen in Kommission, Parlament und Ministerrat sind sich in der Tabakfrage uneins, das mag eine Erklärung sein. Die gesamteuropäische Verbrechensbekämpfung steckt noch in den Kinderschuhen. Ich lebe davon, Leute zusammenzubringen, die Kompromisse aushandeln. Und Ihre Zeit ist um, Madame.«

Sie seufzt. Es klingt so traurig, dass er beinahe versucht ist, sie zu trösten. »Warum schreiben Sie nicht einen Liebesroman oder Thriller? Etwas, das nicht so kompliziert ist wie ein Sachbuch über Europapolitik? Sie werden sich hier in Brüssel die Zähne ausbeißen.«

Ihre Zähne, von einem Lächeln enthüllt, sind keineswegs perfekt. Dennoch, eine gewisse Schwäche für Blondinen ist nicht zu leugnen, Anna hin oder her. Chris Feigen scheint eher amüsiert als beleidigt. »Keine Ahnung, es ist wie eine Droge. Wenn man einmal damit anfängt, kommt man nicht so leicht davon los. Möglich, dass ich dieses Buch nie zu Ende bringen werde. Würden Sie mir denn noch verraten, wie ich an John Schultz rankomme? Er ist als Lobbyist nicht registriert.«

Was ihn gar nicht wundert. Schultz ist ein Schattenmann, und sie wird seine Geschäfte nie ans Licht bringen. Weil er sie ein wenig bedauert, beantwortet er ihre letzte Frage: »Meines Wissens ist er im ›Metropole‹ abgestiegen, und er sieht aus wie ein hübsches Krokodil. Achten Sie auf seine Augen – und seien Sie vorsichtig.«

»Sie aber auch«, sagt die Besucherin, als sie aufsteht. Während er sie zur Tür begleitet, überlegt er, was sie damit gemeint haben könnte. Eine Floskel oder das letzte Wort, das manche Frauen brauchen, denkt er, als er ihr zum Abschied die Hand reicht. Bruno nimmt sie in Empfang, und er sieht glücklich aus. Das beunruhigt Liebling. Zwar weiß er Geheimnisse zu wahren, doch das eine oder andere lässt sich vor einem Assistenten nicht verbergen. Er wird ihn warnen müssen, ihr zu viel zu erzählen. Wenn es nicht schon zu spät ist.

Während sie ihm den Rücken zuwendet und etwas zu Bruno sagt, legt Liebling den Zeigefinger auf seine Lippen. Schweigen ist Gold, und Bruno ist ein Idiot, denn er grinst wie ein Honigkuchenpferd. Liebling spürt einen stechenden Schmerz in der Brust, den er als Angst identifiziert. Er sollte aufhören zu rauchen, und gesünder leben. Weit weg von Brüssel und mit einer Frau, die er beinahe lieben könnte …