14. Kapitel
»Scheiße« ist ein pietätloses Wort im Angesicht des Todes. Es hört sie keiner, denn der große Schlaf kommt ohne Worte aus. So viel Blut. Der Hinterkopf sieht aus wie eine große, geplatzte Tomate, nein, viel schlimmer, und sie tritt einen Schritt zurück, stößt gegen den Couchtisch und wiederholt sich. Der Tod ist still, unerbittlich, Strafe für die Lebenden.
Die Frau steht unter Schock. Die Papiertüte mit den Einkäufen dieses Morgens ist ihr aus der Hand geglitten. Sie fiel auf den Teppich und saugt sich mit Blut voll. Überall Blut, selbst an den Wänden. Sein weißes Hemd ist rot und nass. Mit einer Schuhspitze seine Hüfte zu berühren ist eine unsinnige Handlung. Prada-Schuhe, und sie sind ruiniert. Sie bringt es nicht fertig, den Körper anzufassen. Er muss tot sein, der Hinterkopf ist eine unförmige Masse aus Haaren, Knochen, Haut und Blut. Sie sollte jetzt etwas tun. Schreien. Zum Telefon greifen. Aus der Wohnung stürzen. Doch sie bleibt stehen und starrt auf die Leiche, weil sie nicht begreifen will, was geschehen ist. Neben dem Toten liegt der Baseballschläger, blutverschmiert, als habe man ihn eilig abgewischt. Sie hat ihn auf dem Flohmarkt gekauft, aus einer Laune heraus, oder deshalb, weil sie einmal auf einen Polizisten schießen musste und eine ungefährliche Waffe wollte. Das ist ein Witz. Ein Albtraum. Wenn sie schreien könnte, würde sie aufwachen.
Die Sekunden sickern wie Ewigkeiten, während sie dasteht und auf den Mann schaut, der nie wieder zu ihr sagen kann, dass sie eine Schlampe sei. Seine letzten Worte … aber vielleicht hat er ja noch etwas gesagt zu der Person, die ihn getötet hat. Von hinten, denn er stürzte nach vorne und liegt auf dem Bauch. Ein Bein ist angewinkelt, und sie schafft es immerhin, die nackten Knöchel zu berühren. Seine Haut ist noch warm. Sie war nicht länger als eine Stunde weg, und als sie zurückkam, war die Wohnungstür zu. Nicht abgesperrt, sie hat den Schlüssel nur einmal umgedreht, nachdem sie vergeblich geklingelt hatte.
Er muss die Arme hochgerissen und im Fallen die Blumenvase auf dem Tisch umgeworfen haben, denkt Anna. Die Rosen liegen auf Teppich und Parkett verstreut. Er liegt in einem Bett aus Rosen, sie sind rot. Die Farbe von Liebe und Tod. Nie wieder wird Martin Liebling zu ihr von Liebe sprechen. Keine Verletzungen mehr und keine Vorwürfe. Sie haben gestritten, bis sie aus dem Haus ging. Sie sollte jetzt die Polizei rufen und keinesfalls versuchen, die Leiche umzudrehen. Sie will sein Gesicht nicht sehen.
Anna geht zum Telefon. Sie umkreist die Leiche und weicht den Rosen aus. Keine Spuren verwischen. Nicht ohnmächtig werden. Nach der Zigarettenpackung auf dem Schreibtisch greifen, denn es muss etwas geben, woran sie sich festhalten kann. Der Telefonhörer. Sie wählt die Notrufnummer und sagt mit klarer Stimme, dass ein Toter in ihrer Wohnung sei. Nennt Namen und Adresse, wiederholt die Ansage und legt dann den Hörer vorsichtig auf die Gabel. Ein wenig Blut ist an ihrer Hand, sie hat seine Knöchel berührt. Sie sind erstaunlich zart für einen kräftigen Mann, diese Knöchel, das ist ihr vorher nie aufgefallen. Waren. Martin Liebling ist nur noch ein Körper. Eine Erinnerung. Ein Schmerz.
Sie setzt sich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch und raucht in langsamen Zügen. Sie wartet und sieht auf die Wand, auf das Filmposter mit Humphrey Bogart alias Philip Marlowe. The Big Sleep. Sie hat es rahmen lassen. Der passende Wandschmuck für eine Detektivin, die sich originäre Kunst nicht leisten kann. So dachte sie damals. Sie wird das Poster abhängen, später. Ein weißer Fleck auf der Wand ist nicht das Schlimmste, das ihr passieren konnte. Die Uhr auf der Konsole zeigt elf Uhr siebenunddreißig an. Sie tickt sehr laut, im Duett mit den Wassertropfen, die in die Spüle fallen. Anna hat Kaffee gekocht, bevor sie ging, und dabei den Schwamm verschoben, den Martin präzise unter den Hahn platziert hatte. Sie wollte ihn noch zurücklegen, vergaß es dann aber. Sie wird den Ermittlern Kaffee anbieten und wahrheitsgemäß antworten, obwohl man das gar nicht muss bei der Polizei. Nur Staatsanwälte oder Richter darf man nicht ungestraft belügen. Sie könnte auch schweigen oder einen Anwalt anrufen. Wozu, wenn sie unschuldig ist? Unschuldig im Sinne der Anklage. Sie hat ein Alibi. Sie ist zum Bäcker gegangen und an den Zeitungskiosk. Hat die »Berliner Zeitung« gekauft und war noch kurz im »Mondscheintarif«, wo sie mit Sibylle sprach. Es gibt viele Zeugen. Kann ja mal vorkommen, dass ein Toter in der Wohnung liegt …
Anna beginnt ein ruinöses Lachen, das erst in Schluchzen und dann in Schluckauf erstickt. Ihre Mutter sagte immer, dass es eines Schreckmoments bedürfe, um den Zwerchfellkrampf zu lösen. Nun, was könnte jetzt noch kommen? Sie bringt es nicht fertig, auf den Boden zu sehen. Steht auf und öffnet das Fenster. Der Himmel ist wolkenlos und von blendendem Blau. Ein guter Tag, um zu sterben. Es könnte regnen, stürmen, hageln, schneien. Ein grauer Tag könnte es sein, von nasskalter Trauer umwoben. Anna hört die Polizeisirene, doch sie fahren vorbei. Fahren sie mit Blaulicht zu einem Toten? Keine Ahnung, wie lange sie schon wartet. Es könnten Jahre sein. Wie wenig sie weiß. Und wie viel sie immer weggedacht hat. Alles, was endgültig sein könnte.
»Spielen Sie Baseball?«
Anna sieht die Kommissarin an, die am Kühlschrank lehnt. Sie hat die Arme verschränkt und betrachtet Anna, als sei diese ein Insekt unter Glas. Ein großes, vielleicht gefährliches Tier, das jetzt unter Beobachtung steht. Die Kommissarin heißt Wanda Kroll, und Anna war erleichtert, dass sie eine Frau geschickt hatten. Wanda ist klein und zierlich und hat die Stimme eines kleinen Mädchens.
Anna raucht. Eine Zigarette nach der anderen, die Küche gleicht bereits einer Räucherkammer, und die Kommissarinnenaugen tränen, also öffnet Anna das Fenster zum Hinterhof.
Sie atmet tief ein und dreht sich dann um. »Nein, tue ich nicht. Ich hasse Sport in jeder Form. Ich habe den Schläger auf dem Flohmarkt gekauft vor ein paar Monaten, es war im Januar, glaube ich. Weil ich dachte, dass ich in einem ziemlich gefährlichen Viertel lebe. Der Schläger stand im Flur neben der Tür. Griffbereit sozusagen.«
»Hatte der Kauf mit Johannes Täufer zu tun?«
Wanda Kroll lächelt Anna verständnisvoll an. Traue keiner unter dreißig. Obwohl sie vermutlich älter ist, sie sieht bloß aus wie ein Teenager. Anna nickt. Sie hat einen Bullen in den Unterleib geschossen, sie wissen das natürlich schon. Schließlich ist sie die Hauptzeugin – oder Hauptverdächtige. Es war Notwehr damals, und der Typ war ein Mörder. Anna kann überhaupt nicht schießen, es war Rafaels Waffe, die sie zufällig in der Handtasche hatte. Andernfalls wäre sie vermutlich längst tot, von Johannes Täufer beseitigt, und alles andere wäre nie geschehen. Eine interessante Hypothese: Wäre Liebling dann noch am Leben?
»Täufer hat lebenslänglich bekommen«, sagt die Kommissarin. »Die Richter schätzen es nicht, wenn der Angeklagte keine Reue zeigt.«
Anna bereut vieles: »Ich glaube, dass die Tatwaffe gesäubert wurde, aber es ist in Eile geschehen. Er oder sie wusste ja nicht, wann ich zurückkommen würde.« Und was, wenn sie nicht mehr bei Sibylle vorbeigeschaut hätte? Jede Möglichkeitsform ist ein kleiner, stechender Gedanke, der sich in ihrem Körper in ein Messer verwandelt. Ihr Magen revoltiert, sie läuft zur Toilette und erbricht Schmerz und Wut. Der Tod macht zornig. Sie kann ihm auf keiner rationalen Ebene begegnen.
»Keine Spuren verwischen!«, ruft jemand. War der Mörder auf der Toilette? Sie zieht ab, schafft es bis zum Waschbecken und hält ihr Gesicht unter den kalten Wasserstrahl.
Die Kommissarin ist ihr ins Bad gefolgt. Ihre Stimme ist mädchenhaft mitleidlos: »Und Sie haben natürlich niemanden im Flur oder vor dem Haus gesehen, als Sie zurückkehrten.«
Denk nach! Anna schließt die Augen und sieht nur Blut und Rosen. Sie richtet sich auf und begegnet Wandas Augen im Spiegel. Graue Augen, die einfach nur Neugierde ausdrücken. »Nein, habe ich nicht. Natürlich waren Leute auf der Straße, aber … Liebling muss diesen Menschen gekannt haben, sonst hätte er ihm wohl kaum die Tür geöffnet.«
»Vielleicht dachte er, dass Sie es sind.«
Ihre Stimme klingt nicht anzüglich, doch Anna fühlt sich angegriffen: »Ich war es aber nicht. Es gibt Dutzende Zeugen dafür, dass ich zur Mordzeit nicht in der Wohnung war.« Andererseits, er könnte ja schon länger tot sein. Anna dreht sich um, sie hat genug von Spiegelbildern: »Außerdem ist es nicht meine Art, Liebhaber umzubringen.«
»Wenn Frauen töten, haben sie meist einen guten Grund dafür«, sagt Wanda Kroll. Anna hätte diesen Satz gemocht in einer anderen Situation. Sie hätte die Kommissarin sympathisch gefunden. Doch der Tod schluckt mindere Gefühle, sie empfindet nichts außer bodenloser Verzweiflung und Überdruss an dem Prozedere. Es muss einen Schuldigen geben, er muss gefunden werden. Er, sie, im Augenblick scheint es ihr unbedeutend. »Er wollte heute Abend in den Urlaub fliegen«, flüstert Anna. »Ein längerer Urlaub, nahezu unbefristet …«
»Allein? Wir haben in seiner Tasche zwei Tickets gefunden«.
Ja, natürlich. Er hatte ihre Zustimmung vorausgesetzt und zwei gekauft. Er war ein Mann der Tat, und jetzt ist er tot. Keine Insel mehr für Liebling. Beim Abendessen hatte er ihr von seiner Insel vorgeschwärmt, obwohl er sie nur aus Broschüren und Computerbildern kannte. Eine Insel der Seligen … so ein Blödsinn …
»FrauMarx …?«
Anna greift nach der Zahnbürste. Der widerliche Geschmack von Erbrochenem, und ihr Spiegelbild zeigt ein Gespenst. Seine Zahnpasta, sie greift danach. Nur nichts verkommen lassen, wie ihre Mutter immer sagte. Wer übrig bleibt, ist selber schuld. Muss viele Fragen beantworten, und Wanda Kroll hat wieder ihre Arme vor der Brust verschränkt und sieht allmählich ungeduldig aus. Anna putzt sich die Zähne. Sie würde gerne lügen, was die Insel betrifft, doch das wäre idiotisch. Sie gurgelt ausgiebig, bevor sie sich zu einer Antwort bequemt. »Er wollte, dass ich mitkomme. Aber ich … es schien mir unmöglich, hier von einem Tag auf den anderen die Zelte abzubrechen. Ich war mir auch nicht sicher, was den Mann betrifft …«
»Ob Sie ihn lieben, meinen Sie?« Die Kommissarin betont jede Silbe, als ob es wichtig wäre. Jetzt noch. Als ob der Tod nicht alles auslöschen würde. Wie ein Feuer, denkt Anna, und zurück bleibt nur die Asche der Erinnerung. Sie hat ihn geliebt für ein paar Sekunden, daran erinnert sie sich genau. Doch der Abend war überwiegend von Streit begleitet. Wofür Anna in gewisser Weise dankbar war, weil dies ihre Schuldgefühle minderte.
»Frau Marx, wenn Sie sich nicht wohl fühlen, können wir das Gespräch auch im Präsidium fortsetzen. Kann ich noch einen Kaffee bekommen? Ich habe mich heute Nacht von meinem Mann getrennt, und ich bin unglaublich müde.«
Man sieht es ihr nicht an, denkt Anna. Warum erzählt sie ihr das? »Das tut mir Leid. Gehen wir zurück in die Küche. Nein, ich habe ihn nicht geliebt. Es war eine schöne Affäre, aber wir kannten uns kaum. Ein paar Wochen, und er lebte ja überwiegend in Brüssel.«
»Mein Mann«, sagt Wanda Kroll, während sie sich Kaffee eingießt, »hatte auch eine Affäre. Er fand das nicht so schlimm. Ich schon.«
»Männer!«, sagt Anna. Nur Frauen können dieses Wort so aussprechen; Enttäuschung liegt darin, Selbstmitleid und der atheistische Glaube, dass beim nächsten alles besser wird. Die Frauen lächeln sich an. Der Wasserhahn tropft. Fjodor singt ausnahmsweise nicht um diese Tageszeit, und ein Sonnenstrahl fällt auf Wanda Krolls Ehering, der herausfordernd funkelt.
»Wir sind so weit fertig. Sollen wir das Zimmer versiegeln?« Ein Mann von der Spurensicherung steht an der Tür. Er trägt einen weißen Overall und Plastiktüten über den Schuhen. Die Lage ist außerirdisch, denkt Anna, und dass sie auf Erden ihr Büro braucht. Das Leben geht weiter. Als es erlaubt ist, wie Karl Kraus schrieb. Abends wäre Liebling geflogen, sie hätte ihn nie wiedergesehen. Ein Trost ist das, aber einer, für den sie sich schämen sollte.
»Nur für kurze Zeit«, sagt die Kommissarin. »Übermorgen können Sie Ihr Büro wieder beziehen. Geht das?«
»Kann ich ein paar Sachen rausholen?«
»Ja, sicher. Kollege Martens wird sie begleiten. Wir sind aber noch nicht fertig mit unserem Gespräch. Hier und jetzt – oder morgen in meinem Büro?«
Ich will nicht allein sein, denkt Anna. Ausnahmsweise schiebt sie Unangenehmes nicht vor sich her. Sie entscheidet sich für hier und jetzt, holt den Laptop und das Telefon vom Schreibtisch sowie die Akte »Julia Mauz«. Die unbezahlten Rechnungen lässt sie liegen.
Sie haben ihn in einen Sarg gelegt, nur die Zeichnung seiner Umrisse ist von Liebling geblieben. Der Sarg wird aus dem Haus getragen. Die Leute gaffen. Anna steht am Fenster und sieht zu, wie sie ihn in den Wagen hieven. Ein schwerer Mann, dies ist kein leichter Job. Sie müsste jetzt etwas fühlen. Erleichterung, dass er nicht mehr da liegt. Nur das Blut, die Rosen, die Scherben der Vase haben sie so gelassen, wie es war. Sie wird aufräumen müssen, später. Das Zimmer renovieren lassen.
Den Teppich wird sie nicht in die Reinigung bringen, sondern entsorgen. Praktische Erwägungen, während Liebling auf seiner Fahrt in die Gerichtsmedizin ist. Anna durfte einmal zusehen bei einer Obduktion. Fleisch wird aufgeschnitten. Der Körper ausgeweidet und anschließend wieder zugenäht. Es gibt kein Leben nach dem Tod. Es ist einfach vorbei.
»Hatte er Angehörige?«, fragt die Kommissarin in ihren Rücken.
»Ich glaube nicht. Seine Brüsseler Sekretärin müsste das wissen, sie ist schon sehr lange bei ihm.«
Wanda Kroll stellt sich zu Anna ans Fenster. Die Gaffer verlaufen sich, es gibt nichts mehr zu sehen, und nur noch ein einsames Polizeiauto parkt vor dem Haus. »Meine Mutter findet es unmöglich, dass ich meinen Mann verlassen habe. Sie meint, man müsse in guten und schlechten Zeiten zu ihnen stehen.«
»Eine Frage der Leidensfähigkeit«, erwidert Anna. Soll sie die Kommissarin trösten? Vielleicht, denkt sie, wäre ein Mann doch besser gewesen.
»Kann sein. Ich bin nicht sehr gut darin. Ich habe die Sekretärin bereits angerufen. Sie will herkommen und sich um die Formalitäten kümmern. Sie schien mir – verzeihen Sie – emotional sehr viel berührter als Sie, Frau Marx. Haben Sie eine Ahnung, wer ihn umgebracht haben könnte?«
Emotional berührt! Soll sie weinen, klagen, zusammenbrechen? Gibt es eine Gebrauchsanweisung für das Leben nach dem Tod? »Gar keine«, sagt Anna, und es ist die reine Wahrheit. »Ich fand es nur seltsam, dass er so plötzlich wegwollte. Er hatte sich in Brüssel etwas aufgebaut, die Geschäfte liefen. Und plötzlich kommt er nach Berlin und erzählt mir etwas von einer Insel. Treasure Island. Kennen Sie die?«
»Ein Inselchen für Millionäre. Nicht ganz meine Gehaltsklasse. Und er hat Ihnen nicht erzählt, warum er so plötzlich weg wollte?«
»Nein. Ich habe ihn gefragt. Ein paarmal. Gestern, beim Abendessen, und heute Morgen. Nichts. Liebling war der Typ, der offen und kommunikativ wirkte – und nichts von dem preisgab, was ihm wirklich wichtig war. Das fand ich irritierend, gelinde gesagt.« Anna sieht Wanda Kroll an, die von Sonnenlicht umflutet ist und wie eine Lichtgestalt wirkt. Nur ein Zimmer dieser Wohnung liegt auf der Sonnenseite, der Rest ist düster. Deshalb hat sie ihr Büro hier eingerichtet. Weil sie Licht braucht. Und ausgerechnet in diesem Zimmer … nein, das ist herzlos. Bodenlos. Annas Verdrängungskunst auf Abwegen. Man soll über Tote nur Gutes sagen, meinte Annas Mutter immer. Warum eigentlich?
»Es sieht doch so aus, als ob er vor irgendetwas flüchten wollte.« Wanda Kroll sieht auf den blutverschmierten Teppich. »Aber es hat ihn bis hierher verfolgt. Vielleicht hatten Sie Glück, dass Sie beim Einkaufen waren … wie oft hat er hier übernachtet?«
»Dreimal insgesamt. Und ich war einmal in Brüssel. Er hat auch eine Wohnung in Berlin. Hatte. Von seiner Großmutter geerbt, aber ich war nie da. Ich schlafe nicht gern woanders, und er mochte die Wohnung nicht. Sie war ihm zu groß.« Anna verspürt Hunger, sie hat noch nicht gefrühstückt, und ihr Magen trauert nicht mehr. Sie wünscht, die Kommissarin würde gehen – und hat gleichzeitig Angst davor.
»Der Tote war wohl recht wohlhabend. Sie schuldeten ihm Geld, nicht wahr?«
Woher weiß sie das schon wieder? Anna hat nicht die Absicht, ihr von einem alten Jaguar zu erzählen. Sie sieht Philip Marlowe an, der nur zynisch lächelt.
»Wir haben einen Bierdeckel in seiner Tasche gefunden. Neben den Tickets. Ein ungewöhnlicher Schuldschein: wie viel?«
»Zehntausend, siebentausend habe ich zurückbezahlt. Ich war vorübergehend etwas klamm, und er war eben großzügig.« Das klingt defensiv. Sie hat gelogen: Es waren nur dreitausend, die sie ihm gab. Er wird es nicht mehr bestreiten können. Armer Liebling, er hat Anna doch tatsächlich gedroht, dass er vor seinem Abflug die gesamte Summe von ihr fordere. Weil er so erbost darüber war, dass sie nicht mitkommen wollte. Und hier, meine Damen und Herren, läge das Motiv: Geld. Das häufigste Motiv in Mordfällen. »Ich könnte dich umbringen.« Hat sie das tatsächlich zu ihm gesagt?
»Warum erröten Sie?« Wanda Krolls Augen saugen sich an Annas Wangen fest. Sie sind absolut nicht mädchenhaft, diese Augen.
»Weil … ich mich an die Nacht erinnere. Sie war sehr schön. Trotzdem, es war nur eine Affäre. Ich wäre nie mitgekommen.«
»Obwohl Sie als Detektivin nicht wahnsinnig erfolgreich sind.«
Das war eine Feststellung, und Anna zuckt mit den Achseln. »Na ja, ich habe nicht die lukrativsten Aufträge. Aber ich komme zurecht. Und Geld wäre ja nun kein Grund, einem Mann ans Ende der Welt zu folgen.« Doch, und sie hat daran gedacht. Dass alle finanziellen Sorgen ein Ende hätten. Nie mehr Steuererklärungen oder unbezahlte Rechnungen. Sie hat diesen Aspekt seines Angebots sehr genau erwogen. Reichtum schändet nicht. Doch er führt in Abhängigkeiten, für die ihr die Demut fehlt. Oder die Leichtigkeit. Zu alt, zu starrsinnig, zu lange allein … es wäre nicht gut gegangen. Es ist nicht gut gegangen.
»Sie haben Ihren Schuh ruiniert.« Wanda Kroll zeigt auf Annas rechten Pradafuß. Ihre Vernehmungstaktik hat Anna noch nicht durchschaut, vielleicht ist sie einfach nur eine chaotische, unglückliche Person, die dieser Fall im Grunde nicht interessiert.
»Ich bin mit dem Schuh an seine Hüfte gekommen, weil ich vor Schreck fast über den Tisch gefallen wäre. Es war ja überall Blut.«
»Schade drum«, sagt die Kroll, und Anna könnte jetzt lachen oder weinen.
Das Lachen war ihr immer näher. Auch wenn ihr Lieblingsschuh ruiniert und Liebling tot ist. Anna befindet sich immer noch im Zustand leichter Hysterie, gepaart mit schwerem Schock. Die Zigarettenpackung liegt in der Küche, und dorthin geht sie jetzt, gefolgt von ihrem Schatten. Wanda Kroll trägt flache Schuhe, mit denen sie lautlos schreiten kann. Anna hat nie verstanden, warum die Kommissarinnen im Fernsehen ihre Täter in Stöckelschuhen jagen.
»Es wird ein schwieriger Fall. Wir müssen mit den Kollegen in Brüssel kooperieren. Interessiert es Sie gar nicht, wer ihn ermordet hat?«
»Doch«, sagt Anna. »Im Augenblick versuche ich noch zu begreifen, dass es geschehen ist, das ist alles. Ich bin weggegangen, um fürs Frühstück einzukaufen und die Zeitung zu holen.« Sie hatte keine Zigaretten mehr, das war der wirkliche Grund. Eine Nacht lang getrunken, geraucht und gestritten. Einmal Sex dazwischen, und mit jedem Stoß wollte er sie überzeugen. Hörte gar nicht auf, und sie lag unter ihm und dachte an seinen Bruder David. »Liebling war noch im Bett, als ich ging. Wahrscheinlich ist er dann aufgestanden und ins Bad. Er war ja angezogen, als es … klingelte.«
»Meine Kollegen befragen gerade die Nachbarn, ob sie etwas gesehen oder gehört haben. Vielleicht haben wir ja Glück.«
Fast alle schlafen noch um diese Zeit, denkt Anna. Die Gogo-Tänzerinnen, das schwule Paar und Fjodor sind Nachtschwärmer. Frau Izmir aus dem vierten Stock putzt um diese Zeit am Flughafen. Bliebe die Rentnerin im Parterre, die mit Aufputschpillen handelt. Sie hat früher als Krankenschwester gearbeitet und findet ihre Altersversorgung obszön. Sie hegt eine gewisse Abneigung gegen Gesetzeshüter und wird den blinden Affen spielen.
Wanda Kroll gähnt hinter vorgehaltener Hand, und Anna bietet ihr an, frischen Kaffee zu kochen. Sie könnten ja gemeinsam frühstücken?
Sie hat Schrippen gekauft, Schinken und Käse. Eine Henkersmahlzeit, hatte Anna auf dem Nachhauseweg gedacht. Denn Liebling wollte ja am Abend fliegen. Alles, was in den letzten vierundzwanzig Stunden ablief, erscheint ihr jetzt nichtig. Seine Worte, ihre Worte. Seine Unfähigkeit, ihren Entschluss zu akzeptieren, geschweige denn zu verstehen. In Annas Alter, sagte Liebling, würde keiner mehr kommen, um sie auf sein Boot zu nehmen. Als er sie »gottverdammte Idiotin« nannte, dachte sie, dass er sie schlagen würde. Liebling, der Gute, und David, der Böse, so einfach war es nicht. Und warum zögert sie, der Kommissarin von dem Zwillingsbruder zu erzählen?
Sie essen beide, als ob sie seit Tagen gehungert hätten. Wanda Kroll erzählt von ihrem Mann und seiner Affäre, und Anna Marx kontert mit untreuen Männern, denen sie als Detektivin begegnete. Traurige Geschichten unter Frauen, und am Ende fragt die Kommissarin nochmals, warum Anna nicht mit auf die Insel wollte. Weil es doch etwas Besseres geben müsse als das Singleleben in Berlin.
»Ich habe oft die richtigen Fragen gestellt, aber selten die richtige Antwort gefunden«, erwidert Anna. Dies ist auch keine, aber etwas Besseres fällt ihr nicht ein. »Absurd ist nur, dass meine Entscheidung überhaupt keine Rolle gespielt hätte. Ich meine, wir denken, dass wir unser Leben im Griff haben – und dann passiert etwas. Alles ist Chaos, wir haben gar nichts unter Kontrolle. Nicht mal unseren Ekel gegen alles, was wir tun oder lassen. Jeder glückliche Atemzug ist ein Wunder, nicht wahr?«
Sie wäre eine gute Mörderin, denkt Wanda Kroll. Leider hat sie ein Alibi. Wenn er tatsächlich in der Zeit gestorben ist, in der Anna Marx unterwegs war. Ein Fall für die Gerichtsmedizin, alles braucht seine Zeit, und Geduld war immer schon ihre Stärke. Geduldig hat sie ertragen, dass Felix Kroll sie anschwieg und sich zur Seite drehte im Bett. Bis sie begann, ihn zu beobachten, Indizien und Beweise zu sammeln. Gott, sie weiß auch, dass ihr Fall nicht einmalig ist. Nur traurig und ekelhaft. Doch sie ist noch jung, und es werden andere kommen. Andere Männer, gleiche Geschichten. Und am Ende wird sie dasitzen wie die Marx. Allein. Sie kaut den letzten Bissen und stellt sich vor, dass Felix’ Penis zwischen den Brötchenhälften liegt. Man müsste sie alle entmannen, vielleicht würde dann Ruhe einkehren. Oder auch nicht, die Kolleginnen in der Abteilung sind teilweise schreckliche Menschen.
»Das war gut, dieses Frühstück. Ich lasse Ihnen meine Karte da, falls Ihnen noch etwas einfällt. Wir werden uns noch mal unterhalten, denke ich. Es war sehr aufschlussreich. Mein Beileid übrigens, habe ich ganz vergessen.« Sie lächelt entschuldigend, mädchenhaft. Sie wollte nie erwachsen werden, doch ihre Mutter hat es nicht zugelassen.
Vom Beischlaf zum Beileid waren es nur ein paar Stunden, denkt Anna, während sie die Kommissarin zur Tür begleitet. So unwirklich, das Geschehen, dass es immer noch wie ein Traum erscheint. Irgendwann, wenn der Fall abgeschlossen ist, wird sie über ihre Rolle darin nachdenken. Bis dahin muss sie mit zwei Gespenstern fertig werden: Martin und David.