26. Kapitel

Alicia lebt, das ist die gute Nachricht. Die schlechte nimmt sich dagegen bescheiden aus, doch sie bewegt Anna dazu, Brüssel auf schnellstem Weg zu verlassen. Woran sie noch glaubte, als sie den Flug buchte, doch die Maschine hat Verspätung, und ihr Los sind die harten Plastikstühle und das Warten.

Fjodor meldete Sibylle einen Wasserschaden in seiner Wohnung und wollte nicht ausschließen, dass es bereits durch Annas Decke tropfte. Was, wie die Putzfrau bestätigte, der Fall war. »Du bist doch versichert?«, fragte Sibylle, als sie anrief, diesmal nicht in eigener Sache. Anna, die ihr Handy im Büro aufgeladen hatte, saß vor einem der Cafés an der Place du Grand Sablón und hatte die Tür von Lieblings Wohnhaus im Visier. Sie aß Gaufres, Waffeln aus Eierkuchenteig mit Schokoladensauce, die auf einfache Weise trösteten. Dazu trank sie Kaffee, um sich wach zu halten. Nein, sie war nicht versichert. Weil sie es zeit ihres Lebens abgelehnt hatte, das Kleingedruckte zu lesen. Nun, das hatte sie jetzt davon. »Es tropft nur ein bisschen«, beruhigte Sibylle und erwähnte ein paar Wasserflecken an der Decke. Der formidable Archie kenne einen Kunstmaler, der das für einen Spottpreis richten könne. Anna war nicht dankbar, auch wenn sie das Angebot annahm und versprach, mit der nächsten Maschine zu kommen.

Sie aß die Waffeln in Ruhe zu Ende. Hoffte, dass David und Helena aus dem Haus kommen würden, solange sie da war. Ein glücklicher Zufall war das, was sie brauchte nach diesem Tag, doch Wunder geschehen nicht in Serie. Maßlos war Anna, schließlich war zumindest ein Gebet erhört worden. Nicht, dass Alicia sich für ihre Rettung dankbar zeigte. Sie wandte den Kopf ab, als Anna an ihrem Bett stand, als ob sie sich dafür schämte, mit dem Leben nicht fertig geworden zu sein.

Es war eine dieser Situationen, in denen Sekunden Endlosschleifen ziehen. In denen auch Anna nicht einfiel, was sie sagen sollte. Unvorstellbar zäh, das Schweigen, und sie meinte zu hören, wie die Flüssigkeit aus dem Tropf in Alicias Vene sickerte. Sie blieb nur kurz und drückte Alicias Hand, bevor sie ging. »Das Leben ist schön«, wollte sie sagen, doch ihr Mund weigerte sich, die Lüge auszusprechen.

Sie buchte telefonisch den Abendflug, packte ihre Tasche im Büro und hinterließ die Schlüssel bei dem jungen Mann, der ihr schon einmal geholfen hatte. Er versprach, sich um alles zu kümmern und Alicia im Krankenhaus zu besuchen. Anna fragte nach seinem Namen und vergaß ihn dann wieder auf dem Weg. Egal, wie immer er hieß, er war ein netter Mensch mit der seltenen Gabe, da zu sein, wenn man ihn brauchte. Ob er Martin Liebling in den letzten Tagen gesehen habe, fragte Anna ihn zum Abschied, und er sah sie an, als ob sie den Verstand verloren habe. Martin sei doch tot. In drei Sätzen klärte ihn Anna über den Zwillingsbruder und Alicias Beobachtung auf, und er schüttelte den Kopf. Doch er würde ein Auge auf den Doppelgänger haben, ganz offensichtlich fand er die Geschichte spannend, eine willkommene Abwechslung vom Addieren von Zahlen, die sein täglich Brot waren. Er war Steuerberater, obwohl er von einer Karriere als Arzt geträumt hatte.

Der Taxifahrer fluchte in Suaheli, weil Brüssels Straßen ein Verkehrsinferno waren. Vielleicht, dachte Anna auf dem Rücksitz, verliebt sich der Lebensretter in Alicia, so etwas geschieht in Filmen häufig. Ein Altersunterschied von etwa fünfzehn Jahren, was macht das schon? Frauen lieben in Männern ihre Väter oder Söhne, und umgekehrt verhält es sich wohl ebenso, was der Grund dafür sein mochte, dass Erotik alle Spielregeln außer Kraft setzt.

Anna vertrieb sich die Zeit des Wartens mit Waffeln sowie dem belanglosen Blickkontakt mit einem mittelalten Hundebesitzer, der zwei Tische weiter saß und vier Portionen Apfeltarte mit seinem Begleiter teilte. Die beiden sahen sich ähnlich in der Art von Boxern, und Anna konnte ja nicht die ganze Zeit auf die Haustür starren. Als sie gingen, weil es nicht im Buch des Schicksals stand, dass sie zusammenfinden sollten, und als nach zwei Stunden weder David noch Helena Liebling auftauchten, nahm Anna ein Taxi zum Flughafen. Natürlich hätte sie mit dem Bus fahren können, doch verschwendete Zeit und verschwendetes Geld schienen zueinander zu passen. Außerdem war sie zu müde, um sich nach Fahrplänen zu erkundigen.

Hier sitzt sie nun und wartet schon wieder. Auf ein Flugzeug, das Verspätung hat, und auf den Augenblick in ferner Ewigkeit, in dem ihr Körper nicht mehr nach Nikotin schreit. Auf die Rückkehr in eine Wohnung, die im Regen steht. Ob Fjodor versichert ist? Es wäre ein Wunder, denkt Anna, und dass er zu feige war, es ihr selbst zu sagen. Sibylle in ihrem Glückstaumel hatte bereits ihre Putzfrau in die Wohnung geschickt. Anna glaubt, dass die Freundin von schlechtem Gewissen geplagt wird. Weil es ihr so gut geht und sie die Götter gnädig stimmen möchte. Sie fragt sich, ob sie eifersüchtig ist? Vielleicht, in jedem Fall wird alles anders werden, weil frisch verliebte Frauen als Freundinnen nicht mehr viel taugen.

Anna hat Martin nicht geliebt, das ist der Unterschied, den sie in Anspruch nimmt. Es war ein ungeklärtes Verhältnis, so wie die Umstände seines Todes es immer noch sind. Sie hat eine Menge Geld ausgegeben und nichts Konkretes gefunden. Ihr Verdacht, dass es Brudermord war, ist eben nur eine Annahme, und David bleibt ein Phantom. Sie würde ihn zu gerne kennen lernen. Warum fliegt sie überhaupt weg aus Brüssel? Wegen ein paar Wassertropfen? Sie könnte die Buchung stornieren, zurück ins Büro fahren oder vor dem Haus lauern …

»Anna Marx?«

Sie blickt auf und sieht blond. Die Autorin steht vor ihr und lächelt, als sei ihr eine freudige Überraschung gelungen. »So ein Zufall, dass wir uns hier treffen. Ich fliege nach Paris – und Sie?«

»Nach Berlin, aber mein Flieger hat Verspätung.«

Chris Feigen setzt sich auf den freien Platz neben Anna und legt die Füße auf ihren Rollkoffer. Sie sind von Schuhen umhüllt, die Anna gefallen: hochhackig, rot, beinahe untragbar, aber das ist ja der Witz daran. »Ich habe noch viel Zeit, weil ich immer viel zu früh am Flughafen bin. Übertrieben preußische Gesinnung, zumindest was Pünktlichkeit betrifft. Haben Sie Ihren Fall gelöst?«

»Nicht ganz«, erwidert Anna vorsichtig. »Mir fehlt die Kleinigkeit von Beweisen für gewagte Theorien.« Sie weiß nicht, ob sie die Begegnung freut. In jedem Fall entscheidet sie sich, nun doch zu fliegen. Sibylle erwähnte auch, dass die Kommissarin mit ihr reden wollte. Die Freundin habe ihr natürlich nicht gesagt, dass Anna in Brüssel sei, und erweckte den Eindruck, als habe sie der Folter widerstanden. Sibylle glaubt, dass sie nichts mehr falsch macht, bloß weil einer sie liebt. Anna graut vor dem Treffen mit Archie. Seine Eltern müssen ihn gehasst haben.

»Mir geht es ähnlich.« Die Autorin sieht Anna von der Seite an und beneidet sie um rote, dicke Haare, weil sie nie eine Blondine sein wollte. Es hat sich so ergeben, woran sie Männern die Schuld gibt. »Vieles, was ich weiß, kann ich nicht schreiben, weil die Leute zwar inoffiziell viel erzählen, sich aber feige davonmachen, wenn’s zum Offenbarungseid kommt. Die zwei, drei Quertreiber in Brüssel haben ihre Geschichten längst an Zeitungen verkauft oder in schlechten Büchern verewigt. Gegen diesen Österreicher ermittelt die Betrugsbehörde, den kann man vergessen. Und Bruno ist tot. Also brauche ich wieder den wirklich guten Informanten. Die Idioten oder Helden sterben aus.«

Anna lächelt mitleidig und bietet ihr ein Bonbon an, weil man ja nicht rauchen darf, wo sie sitzen. Die Autorin bedankt sich übertrieben herzlich. Sie will etwas von mir, denkt Anna, weil sich unsere Recherchen überschneiden. Sie ist der Typ, der Leute nach dem Prinzip der Nützlichkeit behandelt. Martin hat sie auch ausgebeutet, und den armen Bruno sowieso. Drehen wir den Spieß doch einmal um: »Was haben Sie über John Schultz herausgefunden?«

Sie sieht Anna an, als ob sie genau wüsste, welche Überlegungen dieser Frage vorausgingen. Doch die Marx ist eine Art Frau, die ihr in guten Tagen ans Herz wächst. Also antwortet sie auf Annas Frage: »Er ist schwul und bevorzugt blonde, junge Männer mit Tätowierungen. Arierkomplex mit masochistischem Einschlag. Die Wohnung, die Schultz gemietet hat, benutzt er nur zu Treffen mit Leuten, mit denen er nicht gesehen werden will. Sein geheimes Leben, das andere führt er ganz zwanglos im ›Métropole‹. Das Hotel sieht sein Sexualleben mit gewisser Abneigung, doch er ist ein viel zu guter Gast, als dass sie ihn rauswerfen würden.«

Sie hat das Zimmermädchen auch gefunden, denkt Anna, und vermutlich üppiger geschmiert, denn sie weiß mehr. Vielleicht ist sie auch die bessere Spürnase, verdient ja wohl auch mehr mit ihren Büchern als Anna, die Schmalspurexistenz im Schattengewerbe. »Iranisches Zimmermädchen?«

Sie stutzt und lächelt dann, ein wenig gequält. »Wir sollten uns zusammentun – wer weiß, vielleicht wären wir ein erfolgreiches Team.«

Du hättest das Sagen, und ich wäre dein Depp. Anna lächelt zurück, mit gebleckten Zähnen: »Ich bin mehr der Typ des einsamen Jägers.« Der durch den Wald hetzt und das Wild verscheucht. Vielleicht sollte sie doch für jemanden arbeiten, der erfolgsorientierter ist. Oder Bücher schreiben: Als Journalistin hat sie ja zumindest das Handwerk gelernt.

»Dann hätten wir ja etwas gemeinsam, und Schultz ist auch von dieser Sorte, nur gemeiner. Er hat viel Geld zu verteilen, und er zahlt überwiegend bar. Mit anderen Worten: Er wäscht Geld. Einmal pro Woche fliegt er nach Zürich, sicher deshalb, weil dort die Drahtzieher des Zigarettenschmuggels sitzen. Dafür, dass er erst seit sechs Monaten in Brüssel ist, hat er ein bestechendes Netzwerk aufgebaut. Einen militanten Nichtraucher in der Kommission hat er bereits abgeschossen, und der von der Tabakindustrie favorisierte Grieche hat die allerbesten Chancen. Es wird kein europäisches Werbeverbot für Zigaretten geben, dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen.«

Die Hand ist klein und schmal mit kurzen, unlackierten Nägeln. Sie ist unruhig, Anna kennt das, und in anderen Zeiten wäre sie jetzt mit der Blonden ins nächste Rauchereck geflüchtet. »Es gibt doch diese ›01af-Betrugsbehörde‹ – hat die Schultz nicht im Auge?«

»Doch, das hat sie. Aber er ist ein schlauer Fuchs, und ›01af‹ ist ein schwerfälliger Apparat. Alles muss tausendmal überprüft und berichtet werden, bevor sie ihr Material an die Staatsanwaltschaften übergeben. Der Deal ist übrigens eingefädelt. Es wird kein Verfahren gegen den US-Konzern wegen Zigarettenschmuggels und Geldwäsche geben. Meinen Quellen zufolge zahlen die Amis fünfundzwanzig Millionen in die europäische Kasse. Geld wäscht vieles rein, nicht wahr? Da hatte Schultz kräftig seine Finger im Spiel. Man könnte ihn fast bewundern.«

Nein, nur verachten oder fürchten: »Hat er Bruno Laurenz umgebracht – oder besser, umbringen lassen?«

Die braunen Augen sind amüsiert auf Anna gerichtet, die das trägt, was sie ihr naives Unschuldsgesicht nennt. »Liegt das nicht in Ihrem Geschäftsbereich? Mich interessiert bloß Pekuniäres. Na ja, Sex vielleicht auch. Gott, ich hasse diese Warterei auf Flughäfen. Früher durfte man zumindest überall rauchen, wenn man schon warten musste. Ich habe, bevor ich herfuhr, mit meinem belgischen Gerichtsreporter gesprochen, wir tauschen uns manchmal aus: Die Polizei hat den Fahrer des schwarzen Porsche gefunden. War aber eher Zufall als Fahndungserfolg: Ein Konkurrent hat ihn verpfiffen. Ein stadtbekannter Zuhälter namens Dewert, und er behauptet, dass er unter Drogen stand und deshalb zu schnell fuhr – und den armen Bruno glatt übersehen hat. Die Drogen hat man ihm in seinen Drink gemischt. Sagt er. Womit der Fall aufgeklärt ist, sozusagen. Kriege ich jetzt ein Informationshonorar?«

Anna ignoriert das spöttische Lächeln und denkt, dass sie den Amerikaner als Täter vorgezogen hätte. »Ich kann Sie zu einem Kaffee einladen, wenn Sie noch Zeit haben – oder einem Getränk Ihrer Wahl.« Und du kannst rauchen, und ich werde dir dabei zusehen und zumindest riechen, was ich nicht mehr schmecken kann.

Die Blonde mit den Initialen CF auf ihrem Koffer steht auf und deutet auf eine Raucherzone mit Getränkeausschank. »Gern, ich habe noch gut zwanzig Minuten bis zum Einchecken. Tut mir Leid, dass wir Schultz nicht festnageln können, aber ich fürchte, er ist uns immer einen Schritt voraus. Sind Sie enttäuscht?«

»Ein bisschen«, sagt Anna. Sie bestellt Kaffee und ihr Gast ein Glas Wein, doch erst, nachdem die Zigarette entzündet ist. Anna gibt sich noch drei Tage. Wenn sie dann immer noch leidet, wird sie die asketische Episode ihres Lebens noch einmal überdenken. Verwegene Theorien bringen Ablenkung: »Dieser Dewert könnte doch lügen – und von Schultz eine Menge Geld für einen Auftragsmord kassiert haben.«

»Und dafür ins Gefängnis gehen? Obwohl, so hoch wird die Strafe nicht ausfallen. Fahrlässige Tötung und Fahrerflucht, verminderte Schuldfähigkeit … ja, möglich ist es schon. Aber kaum zu beweisen, nicht wahr? Und wenn ich mich recht erinnere, sind Sie doch hinter Martins Mörder her … wer bezahlt Sie eigentlich dafür?«

»Niemand«, sagt Anna. »Ich schulde es ihm gewissermaßen.«

Ihr Blick ärgert Anna. In ihm liegt die Skepsis aller Frauen gegenüber edlen Motiven jenseits der Verblödung, die Liebe auslöst. Soll sie ihr sagen, dass er ihr Geld geliehen hat? Er war so großzügig – mit seinem Geld und seinem Sex. Und weil sie die Blonde doch ein wenig überheblich findet, spricht sie es aus: »Warum haben Sie mich angelogen? Sie haben ja doch mit ihm geschlafen.«

Die andere hält sich an der Zigarette fest. Bei der Lüge bleiben, eine andere erfinden oder die Wahrheit sagen: Sie hat die Wahl, und offensichtlich überlegt sie, was das Beste für sie wäre. »Iranisches Zimmermädchen?«

Anna nickt spöttisch.

»Na gut. Gelogen habe ich nicht, aber ja, er war in meinem Zimmer, das hat sie schon richtig gesehen. Wir hatten uns unten an der Bar verabredet, aber als er kam, war er irgendwie nervös. Er wollte nicht, dass wir John Schultz in die Arme laufen. Er hatte tatsächlich ein bisschen Angst vor ihm. Also habe ich vorgeschlagen, dass wir die Flasche Wein in meinem Zimmer trinken. Wir haben auch noch Essen bestellt. Und wir haben über Geschäfte geredet – seine Geschäfte. Er wollte mich übrigens auch über Schultz aushorchen – und über Bruno. Er misstraute seinem Assistenten – zu Recht, wie man weiß. Wir haben dann noch eine Flasche Wein bestellt … er war ein guter Trinker und witziger Gesprächspartner. Ich mag solche Männer – und ich will hier nicht behaupten, dass ich späteren Sex ausgeschlossen hätte. Mein Gott, ich bin alt genug, mit Männern ins Bett zu gehen, die mir gefallen. Und abgeneigt schien er auch nicht … aber – Hand aufs Herz – es ist nichts passiert. Außer dass er im Bad ausrutschte und sich den Knöchel stauchte. Er hat ein bisschen gestöhnt, und vielleicht hat unser Zimmermädchen dies als Lustschreie interpretiert. Männer sind ja so wehleidig, jedenfalls war es ganz und gar vorbei mit der Romantik. Ich habe ihm einen Eisbeutel aus dem Inhalt des Sektkühlers gemacht, weil der Knöchel ziemlich anschwoll. Und dann ist er irgendwann hinausgehumpelt, und ich habe ihn noch bis zum Lift gebracht. Zwei Wangenküsse, das war’s. Ich habe also nicht gelogen.«

Anna lächelt zurück. Wenn sie die Geschichte erfunden hat, ist sie wirklich gut. Aber warum sollte sie? Und ja, jetzt erinnert sie sich, dass Liebling ein klein wenig humpelte, als er bei ihr ankam. Setzte seinen rechten Fuß ganz vorsichtig auf, es sah komisch aus. Er wiegelte ab, als sie ihn darauf ansprach. Ein kleiner Ausrutscher – ja, so könnte man es nennen. Offenbar hatte er keine Lust, ihr diese herzige Episode zu erzählen. Als ob es noch eine Rolle gespielt hätte. »Tut mir Leid«, sagt Anna, »und es hätte mich auch nichts angegangen, wenn der Abend anders verlaufen wäre. Unter uns gesagt: Sie haben nicht viel versäumt.«

Das war pietätlos, doch jetzt teilen sie dieses schmutzige Lachen, bis die Autorin auf die Uhr sieht: »Ich muss jetzt los … drücken Sie mir die Daumen, dass ich in Frankreich erfolgreicher bin. Ich werde Ihnen das Buch schicken – sofern es jemals fertig wird.«

Sie geht in diesen schönen roten Schuhen, den Koffer hinter sich herziehend. Sehr blond, doch hat Anna zum zweiten Mal das Gefühl, dass sie sich ähnlich sind, irgendwie. Sie schaut ihr nach, bis sie in der Menge der Passagiere verschwunden ist. Gott, ist sie müde, sie könnte auf der Stelle einschlafen. Es ist Zeit, nach Hause zu kommen, an den einzigen Ort, an dem sie sich wirklich sicher fühlt. Weshalb sie jetzt aufsteht und zum Schalter geht.

Die Maschine ist gelandet, das ist die gute Nachricht. Es wird nicht mehr lange dauern, versichert das Bodenpersonal. Das sagen sie immer, doch Anna setzt sich ergeben auf einen Stuhl vor dem Schalter. Sie hat keine Kraft mehr zu sinnlosen Protesten. Umgeben von murrenden Fluggästen, schließt sie die Augen. Sie hat etwas übersehen, etwas vergessen, und es ist wichtig, dass sie sich erinnert. Entweder bist du ein Teil des Problems oder ein Teil der Lösung. Oder du bist nur ein Teil der Landschaft. Wer hat das gesagt? Ein gewisser Sam in einem Film, der ihr nicht gefallen hat. Nur seinen Namen und diesen Satz weiß sie noch. Er bedeutet etwas …