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Kapitel 20

Claudia und Stuart Orlando wohnten in einem großen Haus, das gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts aus Steinen errichtet worden war, die von dem Grundstück stammten, auf dem es stand. Als ich in ihre Einfahrt fuhr, bemerkte ich, dass sie den weißen Metallbriefkasten, der hier seit Jahren gestanden hatte, durch etwas ersetzt hatten, das groß genug war, um die Post für einen ganzen Wohnkomplex aufzunehmen.

Claudia öffnete die Tür, nachdem ich geklingelt hatte. Perfektes Make-up, tadellos gekleidet. Sie war mitten in einem Gespräch auf dem Mobiltelefon und schien nicht überglücklich zu sein, mich zu sehen. Doch immerhin gab sie mir ein Zeichen, ich solle eintreten.

Sie legte eine Hand über das Handy und flüsterte mit ihrem krächzenden New Yorker Akzent: »Ich bin hier gleich fertig. Setzen Sie sich doch bitte solange ins Wohnzimmer.«

Ich folgte der Richtung ihres manikürten roten Fingernagels und nickte. Sie ging in ein anderes Zimmer, das wie ein Arbeitszimmer oder Büro aussah.

»Ruf Hongkong an«, sagte sie ins Telefon. »Erkundige dich, ob sie einverstanden sind.« Die Tür zu dem Raum wurde geschlossen. Ihrem Tonfall nach zu urteilen war die Zustimmung von Hongkong erforderlich.

Das Wohnzimmer war modern eingerichtet, mit einer Farbpalette, die von Pergament bis cremefarben reichte. Eher Claudia als Stuart. Die neutralen Töne erinnerten mich an einen Strand. Mehrere kleine Artefakte, orientalisch und ziemlich alt, standen auf einer beleuchteten Etagère. Die Gemälde waren modern, ebenfalls in ruhigen, neutralen Farbschattierungen gehalten. Ein schwarzer lackierter Couchtisch und zwei tiefschwarze Lampen auf den Beistelltischen sorgten für ein Gegengewicht zu all dem Weiß. Auf dem Sofa lagen Kissen aus Shantungseide mit orientalischem Design in Schwarz, Weiß und Scharlachrot. Nicht mein Geschmack, doch die Wirkung gefiel mir.

Claudia kam ins Zimmer, während ich auf dem cremefarbenen Sofa saß und ihre Sammlung von Bronzefiguren bewunderte. Jetzt erst fiel mir auf, dass sie in Schwarz und Weiß gekleidet war, wie dieser Raum. An ihrem Hals hing ein elfenbeinfarbenes und schwarzes Medaillon an einem schwarzen Samtband. Ihr Parfüm roch nach Jasmin.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte sie. »Aber seit Wochen schon habe ich versucht, diesen Deal zustande zu bringen.«

»Was machen Sie?«

»Import-Export. Fast ausschließlich Asien. Der Zeitunterschied ist mörderisch. Manchmal bin ich die ganze Nacht auf und schlafe dann tagsüber.« Sie faltete die Hände wie zum Gebet und setzte sich zu mir aufs Sofa. »Welchem Umstand verdanke ich dieses Vergnügen? Mein Gefühl sagt mir, dass es sich nicht um einen Höflichkeitsbesuch handelt.«

Nach den Feindseligkeiten neulich in der Weinkellerei war die Skepsis berechtigt, doch sie bemühte sich zumindest, freundlich zu sein.

»Ich möchte, dass Sie für mich etwas herausfinden«, sagte ich. »Auf meinem Anwesen hat es eine Art Vandalismus gegeben. Ich habe den Sheriff noch nicht informiert, aber wahrscheinlich werde ich es heute noch tun.«

Claudias Hand wanderte zu ihrem hübschen Medaillon. Sie wickelte das Band um ihre Finger. »Wir haben New York verlassen, um nichts mehr mit Verbrechen zu tun zu haben, Herrgott noch mal!«

»Also, es …«

Sie hörte nicht zu. »Stuart hat mir versprochen, dass wir hier sicher sind. Ich fürchte, dass wir jetzt ein Alarmsystem installieren müssen.« Sie blickte sich im Zimmer nach ihren Schätzen um, als könnten sie plötzlich verschwinden, während wir hier saßen. »Wenn man in New York schreit, hört einen wenigstens jemand. Aber hier … da ist niemand.«

»Claudia«, sagte ich. »Bitte lassen Sie es mich erklären.«

Sie schaute mich verwirrt an. »Was erklären?«

»Was passiert ist.«

»Oh!«

»Am Samstagmorgen hat mir jemand ein ausgestopftes Tier vor die Haustür gelegt. Freddie the Fox. Der wird hier überall verkauft. Er war auseinandergerissen und über und über mit roter Farbe wie mit Blut besudelt.«

Ihre Hand wanderte vom Halsband zu ihrer Kehle. »Mein Gott!«, sagte sie. »Wie schrecklich!«

»Heute entdeckten wir erneut rote Farbe an den Einfahrtssäulen zum Weingut. Ich gehe davon aus, dass dieselbe Person oder dieselben Personen für beides verantwortlich sind. Jemand möchte auf jeden Fall verhindern, dass die Jagd des Goose-Creek-Jagdclubs auf meinem Grundstück stattfindet. Man versucht, mich einzuschüchtern. Oder mich zu bedrohen.« Ich machte eine Pause und beobachtete ihre Reaktion.

»Sind Sie hergekommen, um uns zu beschuldigen …«

»Nein«, sagte ich. »Auf keinen Fall. Aber diejenigen, die das getan haben, wissen von Ihrer Kampagne gegen die Fuchsjagd. Und ich möchte wetten, sie wissen auch, dass Sie mich gebeten haben, mein Grundstück für die Jagd zu sperren.«

Sie schaute mich fassungslos an.

»Irgendeine Idee?«, fragte ich.

»Mein Gott!«, wiederholte sie. »Nein, natürlich nicht.«

»Wenn ich den Sheriff anrufe«, sagte ich, »wird wahrscheinlich jemand bei Ihnen auftauchen, um mit Ihnen über die Sache zu reden. Es tut mir leid, aber ich denke, mir bleibt keine andere Wahl, als es zu melden. Mein Winzer und ich befürchten, dass diese Leute im nächsten Schritt irgendetwas mit den Sprüngen und Hürden anstellen.«

Ihr Gesicht wurde kalkweiß. »Jemand könnte sich verletzen.«

»Ja. Oder eines der Tiere.«

Claudia befeuchtete ihre Lippen mit der Zunge. »Ich rufe Stuart an. Jetzt sofort. Er wird herkommen.«

»Mit wem haben Sie sonst noch über diese Sache gesprochen?«, fragte ich. »Soweit ich weiß, gab es ein Treffen.«

Sie schien überrascht, dass ich davon wusste. »Ganz bestimmt befürworten wir keine Gewalt. Und ich glaube auch nicht, dass irgendjemand, der zu dieser Bewegung gehört, es …« Sie schwieg.

»Entschuldigung«, sagte ich, »aber es sieht so aus, als tue es jemand doch. Ich weiß, dass die Fuchsjagd für manche Leute eine höchst emotionale Streitfrage ist. Wie für Sie und Stuart. Andererseits gehören die Menschen, die sich an der Fuchsjagd beteiligen, zu den entschiedensten Umweltschützern und Kämpfern für die Erhaltung der freien Natur. Was glauben Sie wohl, weshalb es hier noch so wunderschön ist? Keine Einkaufszentren, keine Wohnsilos – kein kitschiger Freizeitpark. Ich bin sicher, dass dies mit einer der Gründe war, weshalb Sie hierher gezogen sind, habe ich recht?«

Claudia studierte ihre Fingernägel und spitzte den Mund. »Unsere Meinung über das, was Ihre Leute da veranstalten, wird sich nicht ändern.« Sie stand auf und gab damit ein Zeichen, dass unser Gespräch beendet war. »Aber ich weiß es zu schätzen, dass Sie vorbeigekommen sind, um mit mir zu reden.«

An der Tür sagte ich: »Ich weiß, dass es hier sehr viel ruhiger ist als in New York, und ganz anders. Aber es ist eine Gegend, in der jeder dem anderen hilft. Wir sind eine eng verbundene Gemeinschaft. Wenn man etwas braucht, sind die Nachbarn für einen da. Wir kümmern uns umeinander.«

Sie hielt mir die Tür auf. »Darf ich Sie etwas Persönliches fragen?«

»Fragen Sie!«

Sie deutete auf meine Krücke. »Sie können nicht schnell laufen. Ängstigt Sie das nicht manchmal? Was ist, wenn Sie angegriffen werden oder schnell vor jemandem davonrennen müssen?«

»Sie haben recht, dass ich nicht rennen kann.« Ich blickte ihr in die Augen. »Aber wissen Sie, was man über jemanden sagt, der einen seiner fünf Sinne verloren hat? Seine anderen Sinne werden schärfer. So ungefähr müssen Sie sich das bei mir vorstellen. Ich habe gelernt, das, was ich verloren habe, zu kompensieren. Und um Ihre Frage zu beantworten: So leicht bekomme ich keine Angst.«

Sie fingerte erneut an ihrem Halsband, allerdings rieb sie jetzt daran, als sei es ein Talisman. »Vielleicht habe ich Sie unterschätzt«, sagte sie.

»Sie wären nicht die Erste«, entgegnete ich.

Als ich zurückkam, war Quinn in seinem Büro in der Villa. »Wie ist es mit den Orlandos gelaufen?«, fragte er.

»Besser als erwartet«, sagte ich. »Ich habe mit Claudia gesprochen. Stuart war bei der Arbeit. Sie war ziemlich entsetzt, aber sie verstand, weshalb wir den Sheriff anrufen müssen. Sagte aber auch, sie habe keine Ahnung, wer es getan haben könnte. Und beteuerte, es sei keiner von denen gewesen, mit denen sie sich getroffen haben, um gegen die Fuchsjagd vorzugehen.«

»Ich habe eine gute Nachricht.« Er sah selbstzufrieden aus. »Eine Spur.«

Er zog eine der Seitenschubladen seines Schreibtischs auf und holte etwas heraus. »Sehen Sie sich das an. Ich habe es in der Nähe der Stelle gefunden, wo ihnen die Farbe ausgegangen ist. Wer das getan hat, muss seinen Hund mitgebracht haben.«

Ich nahm das schwarze Lederhalsband mit den Silbernieten darauf. »Sie hat nicht ihren Hund mitgebracht«, sagte ich. »Sie trägt es als Schmuck.«

»Wovon reden Sie – sie?«

Es war das Halsband, das Amandas renitente Tochter Kyra beim Point-to-Point-Rennen am Samstag getragen hatte.

Die Farbe. Der Fuchs. Was gab es Besseres, um ihrer Mutter – der Schriftführerin des Goose-Creek-Jagdclubs – eins auszuwischen, als der Versuch, das Treffen der Jagdgesellschaft zu sabotieren? Ich konnte nur hoffen, dass sie in ihrem kindischen Zorn nicht einen Schritt weiter gegangen war und sich an der Strecke zu schaffen gemacht hatte, die ihre Mutter und die übrigen Teilnehmer der Jagd morgen reiten würden. Was sie getan hatte, war dumm und böswillig, doch zumindest war niemand verletzt worden.

Bis jetzt.