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Kapitel 1

Der heilige Thomas von Aquin hat einmal gesagt, Kummer könne durch guten Schlaf, ein Bad und ein Glas Wein gelindert werden. Ein Glückspilz, wenn das alles war, was er brauchte.

Hector starb Anfang September, kurz vor dem Labor Day. Es war das letzte Ereignis eines turbulenten Sommers, der mit einer Hitzewelle direkt aus dem Vorzimmer der Hölle zur Last geworden war. Für mich war Hector wie ein Vater gewesen, der während der vergangenen zwanzig Jahre die Arbeiter auf dem Weingut unserer Familie in den Ausläufern der Blue Ridge Mountains in Virginia beaufsichtigt hatte. Sein Tod war meinem zweiten Autounfall innerhalb von drei Jahren gefolgt, bei dem ich mit meinem alten Volvo einen großen Rehbock erwischt hatte. Davor hatte der Hurrikan Iola zu Verwüstungen geführt, gerade als wir mit unserer Weißweinlese beginnen wollten. Wenn der Monat August ein Fisch gewesen wäre, hätte ich ihn schleunigst wieder ins Wasser befördert.

Glücklicherweise zeigte sich der Herbst anfangs etwas freundlicher. Die sengende Hitze nahm ab, und die schräg hereinfallenden Sonnenstrahlen tauchten alles in weichere Farben, verwischten die scharfen Konturen der Schatten. Die Luft roch nicht mehr, als habe man sie zum Sieden gebracht, und das unbarmherzige metallische Geräusch der Zikaden verstummte langsam. An diesem Tag, einem Altweibersommerabend im Oktober, klang die Serenade der Ochsenfrösche wehleidig.

Ich hatte Mick Dunne, meinen Nachbarn, mit dem ich im Frühling eine wilde Affäre gehabt hatte, zum Abendessen und einem Vortrag über Wein nach Mount Vernon eingeladen. Obwohl wir gerade erst angekommen waren, hatte er innerhalb von fünfzehn Minuten schon drei Mal auf seine Uhr geschielt. Ich tat jedes Mal so, als habe ich es nicht bemerkt.

Als Joe Dawson, der Verlobte meiner Cousine, mir die Eintrittskarten gegeben hatte, fand ich, dass diese Einladung eine gute Gelegenheit war, Mick zu verstehen zu geben, dass die Vorgänge vom letzten Frühling für mich Vergangenheit waren und wir dennoch Freunde bleiben konnten. Schließlich hatte er gerade ein Dutzend Hektar Wein an der Grenze zu meinem Grundstück angebaut. Wir mussten miteinander auskommen.

Trotzdem bedauerte ich diesen Abend bereits. Schließlich würde wohl kaum George Washington persönlich plötzlich aufkreuzen, um Mick zu einem Rundgang über das Gelände aufzufordern oder ihm eine Spritztour zur Whiskeybrennerei vorzuschlagen. Obgleich Mick seine Unruhe mit artig geheucheltem Interesse zu kaschieren versuchte, wie nur Briten es vermögen, wusste ich doch, dass er sich langweilte.

Wir wanderten auf einem schattigen Pfad am Rande einer Rasenfläche, die als Bowlingplatz bekannt ist. Washington selbst war es gewesen, der einige der größeren Bäume gepflanzt hatte – Tulpenbäume, Weißeschen und Ulmen. Ich griff nach Micks Arm, weil ich auf dem unebenen Weg nicht stolpern wollte. Da ich von einem beinahe tödlichen Autounfall vor drei Jahren einen verkrüppelten linken Fuß zurückbehalten habe, war ich auf eine Krücke angewiesen, um das Gleichgewicht zu halten. Mick schaute hinab, als ich meinen Arm unter seinen schob. Eine weitere Gelegenheit, auf seine Uhr zu linsen.

Ich unternahm einen erneuten Versuch. »Von der anderen Seite des Herrenhauses hat man einen fantastischen Ausblick auf den Potomac River. Du wirst schon sehen.«

»Wirklich? Wie reizend.« Es klang, als hätte ich ihm gerade eine letzte Zigarette angeboten, bevor man ihm die Augen verband.

»Mitten auf dem Hof befindet sich auch eine Sonnenuhr. Zu dumm, dass wir schon fast Sonnenuntergang haben, sonst hättest du dort ebenfalls die Uhrzeit ablesen können«, sagte ich.

Für einen Moment herrschte eisiges Schweigen, dann platzte sein Lachen wie ein Champagnerkorken aus der Flasche. »Entschuldige, Liebling! Heute Abend bin ich nicht ganz bei der Sache.« Sein Arm umfasste meine Taille. »Ich wollte nicht unhöflich sein.«

Liebling. War ihm das Wort nur herausgerutscht, oder hatte er es bewusst gewählt?

»Warum bist du überhaupt mitgekommen, wenn du kein Interesse an diesem Vortrag hast?«, fragte ich.

Der Druck seines Arms verstärkte sich. »Ich habe ja Interesse. Aber nicht, wenn irgendeine Frau langweiliges Zeug erzählt.«

Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht schoss. »Joe sagte, sie soll wirklich mitreißend sein.«

Sie war auch mit Joe befreundet. Ich rückte aus der Reichweite von Micks Arm.

»Sind ja nicht gerade viele Leute hier«, sagte er. »Allzu fesselnd kann sie nicht sein.«

»Der Grund liegt darin, dass es sich um ein ausgewähltes Publikum handelt. Ich bin sicher, dass sie faszinierend sein wird.«

Er vergrub seine Hände in den Hosentaschen und grinste, als hätte ich etwas Witziges gesagt. »Hast du ihr Buch gelesen?«

»Seit August habe ich noch nicht einmal in die Zeitung geschaut, da wir nur mit der Weinlese beschäftigt waren.«

»Dann lass uns zu Abend essen und uns verdrücken. Wen kümmert es schon, ob wir hier sind?«

»Joe kümmert es. Ich habe ihm versprochen, dass wir den ganzen Abend bleiben. Ich denke, ihr Buch klingt interessant. Es beschäftigt sich mit Thomas Jeffersons Reise durch die europäischen Weinbaugebiete während seiner Zeit als Botschafter in Frankreich.«

Ich handelte mir einen weiteren tödlichen Blick von ihm ein. »Warum tritt sie dann nicht in Monticello auf, wenn sie über Jefferson geschrieben hat? Was hat sie hier zu suchen?«

»Weil Jefferson für George Washington eine Menge Wein eingekauft hat. Außerdem geht sie noch nach Monticello. Ich glaube, Joe hat gesagt, dass sie ihre Vortragsreise in Charlottesville beenden wird. Vor kurzem hat sie ihre Tour durch Kalifornien abgeschlossen. Jetzt ist die Ostküste dran.«

Wir hatten die efeubedeckte Kolonnade erreicht, die Washingtons Dienstbotenunterkünfte mit dem Hauptgebäude verband. In der Ferne glänzte der Fluss wie stumpfer Zinn. Ich führte Mick zu der Steinmauer, wo das Gelände abfiel und sich ein herrlicher Ausblick auf den Potomac bot, der sich bis zum Horizont erstreckte. Im dunklen Licht wirkte der Fluss hier bei Mount Vernon riesig und unendlich tief.

Wir standen schweigend da, bis Mick schließlich sagte: »Du hast recht. Der Anblick ist wirklich unglaublich.«

Der melancholische Klang seiner Stimme überraschte mich. »Ich wusste doch, dass es dir gefallen würde.«

»Diese Klippen erinnern mich an Wales.« Nostalgie machte seine Stimme ganz weich. »Als Junge fuhren wir während der Sommerferien regelmäßig von London dorthin. Mein Gott, wie sehr ich das genossen habe! An der Nordküste thronen die Schlösser genau wie dieses über der Steilküste, nur dass zur Irischen See hin alles felsig ist.«

Ich glaube, dass man einen geliebten Ort so sehr vermissen kann, dass es körperlich schmerzt. Ich hatte gelesen, Washington habe förmlich nach seinem Zuhause geschmachtet, wenn er nicht dort war – was häufig vorkam – und seine Pflichten als Oberbefehlshaber der Kontinentalarmee oder als erster Präsident in Philadelphia erfüllte. Während ich den von ihm geliebten Ausblick genoss, der sich kaum verändert hatte, seit er und Martha hier Jahrhunderte zuvor gestanden hatten, wusste ich, dass auch mich Heimweh nach diesem atemberaubenden Ort befallen würde. Genau wie Micks Stimme jetzt dessen Heimweh nach der Nordküste von Wales verriet.

Hinter uns klingelte eine Glocke, und ich drehte mich um. Der Himmel im Westen sah aus wie in flüssiges Gold getaucht, und das Herrenhaus schien von einem Feuerkranz eingeschlossen zu sein. Die von Säulen umgebene Veranda begann, sich mit Menschen zu füllen.

»Sieht so aus, als ginge es gleich los«, sagte ich. »Ich frage mich, wo Joe ist.«

»Er wird schon noch kommen.« Micks Arm glitt wieder um meine Taille, und diesmal ließ ich ihn gewähren. Als wir das Haus erreichten, sah ich einen Mann und eine Frau, die in einem der von Säulen eingefassten Bogengänge wie eine Kamee eingerahmt waren. Laternenlicht aus dem östlichen Hof beleuchtete sein Gesicht, als er sich zu ihr hinüberbeugte und eine Hand auf ihre Schulter legte. Die Frau strich sich eine Strähne ihres schulterlangen blonden Haares hinters Ohr. Dann zog sie seinen Kopf für einen langen, genussvollen Kuss zu sich herab. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Der Mann war der Verlobte meiner Cousine, Joe Dawson. Die Frau kannte ich nicht, aber es handelte sich todsicher nicht um Dominique.

»Komm«, sagte Mick. »Die Leute sammeln sich. Wir verpassen noch, was die Fremdenführerin sagt.«

Entweder hatte er nicht gesehen, was ich gerade beobachtet hatte, oder er hatte Joe nicht erkannt.

»Ich komme.«

Im Laufe der Jahre hatte ich diese Führung schon so oft mitgemacht, dass ich sie praktisch selbst hätte vornehmen können, doch Mick, der sechs Monate zuvor nach Virginia gezogen war, hatte Mount Vernon noch nie besucht. Wir begannen mit dem Speisesaal, dem größten Raum des Hauses, der in seinen ursprünglichen Farben restauriert worden war – zwei knalligen Abstufungen von Washingtons Lieblingsgrün. Ich war froh, dass Mick sich für die Ausführungen der Dozentin zu interessieren schien, doch ich musste ständig an Joe und diese Blondine denken.

Es dauerte nicht lange, bis ich dahinterkam, wer sie war. Jemand schubste eine ältere Dame, als die Gruppe den Speisesaal verließ. Das Buch, das sie in der Hand gehalten hatte, fiel zu Boden und landete vor meinen Füßen. Ich hob es auf. Europareisen mit Thomas Jeffersons Geist von Valerie Beauvais.

Joe hatte beim Ehrengast Erfolg gehabt.

»Herzlichen Dank, mein Engel.« Die Frau lächelte mit perlweißen Zähnen in einem Gesicht, das so verrunzelt war wie eine alte Frucht. »Zu dumm von mir.«

»Zu dumm von der Person, die Sie angerempelt hat.« Ich hatte das Buch mit der Rückseite nach oben aufgehoben, sodass ich auf das Foto der Autorin starrte. Kein Wunder, dass man es auf die Rückseite gesetzt hatte. Sie hatte das rassige Aussehen eines Models, ein leicht schiefes Lächeln und einen pfiffigen, nahezu durchtriebenen Gesichtsausdruck, als habe sie mit dem Fotografen gerade ein paar schmutzige Worte gewechselt. Sie wirkte überwältigend und zugleich zäh. Als der sich über zwei Treppenfluchten erstreckende Rundgang innerhalb und außerhalb des Hauses endete, kam ich zu dem Schluss, dass ich Valerie Beauvais nicht mochte.

Offenbar befand ich mich damit in guter Gesellschaft. Nachdem wir das Haus besichtigt hatten, strömte alles auf den Rasen, wo Tische mit dem Büffet für das Abendessen aufgestellt waren. Ich sah Ryan Worth, den Weinkritiker der Washington Tribune, in einem der Windsor-Stühle am Rande der Veranda sitzen. Er stand auf, winkte und kam dann auf Mick und mich zu. Unterwegs hielt er einen Ober an, der ein Tablett mit Champagnerflöten trug. Ryan reichte mir ein Glas und nahm dann zwei weitere für Mick und sich selbst.

»Bis bald!«, sagte er zum Ober. Er stieß mit uns an. »Erzählen Sie mir mal, was Sie beide hier suchen. Ich bin gekommen, weil ich dafür bezahlt werde, den Ehrengast vorzustellen.« Er zog eine Miene, als habe man ihm vorgeschlagen, mit einem Abflussreiniger zu gurgeln.

Ryan schrieb Worthwile Wines, eine wöchentliche Kolumne, die in mehr als zweihundert Zeitungen erschien, und es gefiel ihm, diese Zahl häufig genug zu erwähnen. Klein, breit, Ende dreißig, das schwarze Haar lichtete sich bereits, und sein Van-Dyke-Lächeln mit aufgeworfenen Lippen ließ ihn beinahe finster erscheinen, ganz so, als wüsste er etwas, was man selbst ebenfalls wissen müsste, aber nicht tat. Er besaß enzyklopädische Kenntnisse über Weine und die Geschichte des Weins, wobei er sich manchmal selbst etwas zu wichtig nahm und ein Verhalten an den Tag legte, als habe er dieses Wissen auf Steintafeln vom Berg hinabgeführt. Trotzdem respektierte ich ihn. Er kannte sich in seinem Metier aus. »Ich bin hier, weil Lucie mich dazu genötigt hat«, sagte Mick.

»Ach, komm!«, sagte ich. »Das hatten wir doch schon abgehakt. Ein Abendessen und ein Vortrag. Was soll daran so schlimm sein?«

»Anscheinend haben Sie Valerie nie gehört.« Ryan bedeckte seinen Mund und täuschte ein Gähnen vor. »Sie mag ja wie ein Engel aussehen, aber ihr gelingt es, einen Saal schneller zu leeren als jemand, der ›Feuer!‹ ruft. Und was das Buch betrifft …«

»Redet da etwa jemand hinter meinem Rücken über mich?« Valerie Beauvais besaß eine raue, an Lauren Bacall erinnernde Stimme und eine etwas schleppende Sprechweise. »Hallo, Ryan. Wie ich hörte, hast du heute Abend das Vergnügen, mich vorstellen zu dürfen.« Mit ihrem Lächeln schien sie sich über ihn lustig zu machen.

Aus der Nähe war ihr Blick noch fesselnder, als sie uns alle einzeln musterte. Mich ließ sie fallen, während sie sich auf Mick konzentrierte, als habe es zwischen ihnen bereits das eine oder andere stille Vergnügen gegeben. Ich fragte mich, wo Joe sein mochte.

»Lass es dir nicht zu Kopfe steigen, Val«, sagte Ryan. »Ich mache es nicht umsonst. Außerdem kroch dein Manager auf den Knien vor mir, und ich hatte Mitleid mit ihm.«

Einen Moment lang schien sie schockiert zu sein, dann wurde ihr Blick hart. »Lustig. Er erzählte mir dasselbe über dich.« Sie schenkte Mick ein schwach glühendes Lächeln und ignorierte Ryan. »Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet. Valerie Beauvais.«

Sie streckte ihre Hand aus, und Mick schüttelte sie. »Mick Dunne. Und Lucie Montgomery.«

Valerie gab mir nicht die Hand. »Ich habe von Ihnen gehört«, sagte sie. »Sie besitzen ein Weingut und veranstalten diese Auktion.«

Wer hatte ihr davon erzählt? Wir hatten die Auktion gerade erst bekannt gegeben, eine Wohltätigkeitsveranstaltung, um Geld für ein Programm zur Betreuung von obdachlosen und schutzbedürftigen Kindern rund um Washingtons U-Bahn aufzutreiben. Eine meiner früheren Stubenkameradinnen vom College, die dieses Programm inzwischen leitete, hatte mich um Unterstützung gebeten, nachdem ich im Frühling einen Haufen Geld für die örtliche Free Clinic zusammengebracht hatte.

»Ganz richtig«, erwiderte ich Valerie.

»Wie haben Sie es geschafft, an diese Flasche Margaux zu kommen?«, fragte sie. »Sie müssen über besondere Überredungskünste verfügen.«

Es klang nicht wie ein Kompliment. »Sie wären überrascht«, sagte ich. »Und es ist für einen guten Zweck.«

1790 hatte Thomas Jefferson eine Ladung Wein für sich und seinen guten Freund George Washington bei vier der größten französischen Weingüter in Bordeaux geordert – den Château Lafite, Margaux, Mouton und d’Yquem. Anscheinend schaffte es ein Teil der Ladung – oder vielleicht die gesamte Sendung – weder nach Mount Vernon noch nach Monticello. Zweihundert Jahre später tauchte eine Flasche mit den Initialen ›G. W.‹, der Jahreszahl und ›Margaux‹ in das Glas geritzt in der Privatsammlung von Jack Greenfield auf, dem Besitzer von Jeroboam’s Fine Wines in Middleburg, Virginia. Vor einer Woche hatte mich Jack angerufen und den Wein für unsere Auktion angeboten. Das war die gute Nachricht gewesen. Die schlechte Nachricht war der miese Zustand des Flascheninhalts. Mehr als wahrscheinlich, so teilte er mit, war er umgekippt – und jetzt handelte es sich wohl nur noch um eine Flasche sehr alten, sehr teuren Rotweinessigs.

Dennoch, sie stellte ein Stück flüssiger Geschichte dar. Und sie würde das Juwel in der Krone unserer kleinen Wohltätigkeitsauktion sein. Als Ryan davon hörte, hatte er sich angeboten, darüber in Worthwile Wines zu berichten.

»Dank meiner Hilfe werden Sie landesweit Aufsehen erregen«, sagte er. »Veröffentlicht in …«

»Ich weiß. In mehr als zweihundert Zeitungen«, sagte ich. »Danke! Das würde für eine fabelhafte PR sorgen.«

Doch seine Kolumne sollte erst am folgenden Tag erscheinen. Irgendjemand musste Valerie von dem Wein berichtet haben. Ihr Lächeln verriet Schadenfreude. Sie wusste, dass ich nicht die Absicht hatte, sie zu fragen, wie sie dahintergekommen war.

Ryan stürzte seinen Champagner hinunter und schnappte sich ein neues Glas bei einem vorbeikommenden Ober. »Sonst noch wer? Nein?« Er trank den Champagner in einem Zug und starrte Valerie an. »Mein Gott, Val, du bist unbezahlbar! Nur weil du überall durch die Betten steigen musst, um zu bekommen, was du haben willst, heißt das noch lange nicht, dass es alle anderen auch tun. Wer hat dir von diesem Margaux berichtet? Ich habe in meiner Kolumne darüber geschrieben, aber die ist noch nicht erschienen.«

Sie lachte, als habe er gerade einen schlüpfrigen Witz erzählt, der ihr Spaß gemacht hatte. »Ich habe mit Clay Avery in einem Restaurant zu Mittag gegessen, das sich Goose Creek Inn nennt. Er hat sie mir zu lesen gegeben«, sagte sie. »Weißt du übrigens, dass er möchte, dass ich für die Trib schreibe? Tut mir leid, aber er langweilt sich bei deinen Kolumnen und all dem anderen trivialen Zeug, das du verfasst, zu Tode. Außerdem meint er, du wärst ein aufgeblasener Esel.« Sie blinzelte. »Ich schätze, du solltest deine Kolumne langsam in Worth-less Wines umtaufen, was? Vielleicht solltest du mal daran denken, deinen Lebenslauf aus der Mottenkiste zu holen. Aber sag Clay nicht, dass ich es dir erzählt habe.«

Clayton Avery war der Besitzer der Washington Tribune. Er hatte sich aus dem aktuellen Tagesgeschäft zurückgezogen. Auf Frauen jedoch warf er immer noch ein Auge – je jünger, desto besser –, sodass ich mir gut vorstellen konnte, dass er Valerie zum Essen und einem Flirt eingeladen hatte. Ich konnte mir allerdings nicht vorstellen, dass Clay, ein wahrhaftiger Südstaaten-Gentleman, sich bei Valerie in derart rüder Form über seinen Weinkritiker ausgelassen haben sollte.

Auf Ryans Gesicht zeichneten sich kleine rote Flecken ab. »Vielleicht hat Clay ein wenig zu viel zum Essen getrunken, aber ich bezweifle, dass er dich engagieren würde«, sagte er. »Wenn dir jemals ein eigenständiger Gedanke in den Sinn gekommen sein sollte, dann müsste er sich dort ziemlich einsam und verlassen fühlen. Das gilt übrigens auch für dein Jefferson-Buch. Hat dein Verleger mit dir schon über das Thema ›Plagiat‹ gesprochen?«

Für einen Moment dachte ich, sie wolle ihm den Champagner ins Gesicht schütten, doch dann musste ihr wieder eingefallen sein, dass er sie nach dem Abendessen vorstellen würde.

»Dafür wirst du zahlen.« Ihre Lippen bewegten sich kaum. »Du weißt nicht, was du sagst. Auf Wiedersehen! Ich bin am ersten Tisch zu finden. Und Ryan, bau keinen Mist, wenn du mich vorstellst. Gib dir Mühe, nüchtern und sachlich zu bleiben. Ich habe auch über dich Geschichten gehört.«

Ryan starrte in sein nahezu leeres Glas, nachdem sie gegangen war, und schwenkte es hin und her. »Entschuldigt mich bitte, Leute! Ich muss mich mal kurz zurückziehen. Und würden Sie an Ihrem Tisch einen Platz für mich frei halten, ja?«

»Natürlich«, sagte ich.

»Lass uns zusehen, dass wir nicht zu dicht am ersten Tisch sitzen, nur für den Fall, dass sie anfangen, mit dem Besteck aufeinander loszugehen«, sagte Mick, als Ryan uns verlassen hatte.

»Ich denke, sie haben beide schon Blut gelassen. Ich wüsste gerne, was man ihm dafür bezahlt, dass er sie vorstellt«, sagte ich.

»Keine Ahnung, aber er muss das Geld verdammt nötig haben. Mein Gott, er hasst sie.«

Während wir zum Büffet gingen, sah ich, wie Joe Dawson für Valerie den Stuhl zurechtrückte. Sie nahm Platz und setzte wieder ihr schiefes Lächeln auf, als er sich neben ihr niederließ. Sie küssten sich kurz, und sie strich ihm über die Wange. Diesmal bemerkte es auch Mick.

»Ist das da Joe neben Valerie?«, fragte er.

»Sicher ist er das.«

»Stimmt zwischen ihm und Dominique irgendetwas nicht?«

»Das könnte wohl sein, nach dem heutigen Abend«, meinte ich. »Joe hat gesagt, er habe Valerie kennengelernt, als sie Doktoranden an der University of Virginia waren. Er hat nie erwähnt, dass sie so gut befreundet waren.«

»Das sind mehr als nur gute Freunde«, sagte Mick. »Sie haben miteinander geschlafen.«

Ich brauchte ihn nicht zu fragen, woher er das wusste. Ein elektrisierendes Kribbeln durchfuhr mich. Es stammte aus der unsichtbaren Hochspannungsleitung, die sich während der Nächte, als wir miteinander geschlafen hatten, zwischen uns aufgebaut hatte.

»Dominique wohnte noch in Frankreich, als Joe mit seiner Promotion begann«, sagte ich. »Es muss geschehen sein, bevor sich die beiden begegneten.«

Mick starrte mich auf eine unruhige, hungrige Weise an, die mich zugleich erschreckte und erregte. Er nahm meine Hand und küsste meine Finger. Ich zitterte. »Sie sind immer noch ein Liebespaar«, sagte er.

Schließlich gesellte sich Ryan zu uns, mit einem Teller in der Hand, auf dem sich das Essen türmte, und einem weiteren vollen Champagnerglas.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte ich.

»Nehmen Sie Platz«, sagte Mick.

»Danke, mir geht’s gut. Tut mir leid wegen der Szene vorhin.«

»Vergessen Sie’s«, sagte Mick.

»Sie ist eine falsche Schlange«, sagte Ryan. »Und sie weiß, wie sie mich auf die Palme bringen kann. Ich hätte gar nicht erst zulassen dürfen, dass sie mir auf die Nerven geht.«

»Sie haben sie des Plagiats beschuldigt«, sagte ich. »Sind Sie sich dessen sicher?«

Er atmete langsam aus, und es klang, als würde Luft aus einem Reifen entweichen. »Zum Teufel, ja, da bin ich mir sicher. Glauben Sie etwa, dass sie das Buch selbst geschrieben hat? Oder das über die erste Weinlese in Jamestown?«

»Wenn sie es nicht war, wer hat es dann verfasst?«

»Das Jamestown-Buch.« Er zählte die Punkte auf, wobei er seine Finger zu Hilfe nahm. »Erstens: Sie hat mit einem der Archäologen geschlafen, als man entdeckte, dass James Fort nicht in den Fluss gespült wurde, wie man es während der letzten zweihundert Jahre allgemein angenommen hatte. Zweitens: Das Glas, das sie gefunden haben, die Artefakte aus der Zeit der ersten Ernte in Amerika im Jahre 1609 – sie hatte Glück, denn ausgerechnet jener Archäologe war es, der sie ausgegraben hatte. Drittens: Ihr Freund kaute ihr alles vor. Leichter kann es einem nicht gemacht werden.«

»Was ist mit dem Jefferson-Buch?«, fragte Mick.

Ryan schien schmerzlich berührt. »Das Buch war meine Idee. Ich habe diese Reise zu den Weingütern, die Jefferson besucht hat, geplant. Als ich in die Bibliothek der Universität of Virginia und nach Monticello gegangen bin, um einige vorbereitende Studien zu betreiben, lief ich ihr über den Weg und erzählte ihr dummerweise bei einem Drink davon. Als Nächstes erfuhr ich, dass sie das Buch ihrem Verleger vorgeschlagen und er es gekauft hatte. Ich hatte keine Chance mehr, als ich schließlich so weit war, mein Exposé zu erstellen.«

»Wer hat das Jefferson-Buch denn nun geschrieben?«, fragte ich.

Er reagierte ungläubig. »Haben Sie es gelesen?«

Ich verneinte, und auch Mick schüttelte den Kopf.

»Ein Grundschüler hätte es besser gemacht. Die guten Teile hat sie abgeschrieben. Was sie selbst formuliert hat, ist pathetisch. Nun reist sie mit ihrem Buch durch das ganze Land, damit ihr Verleger eine Chance hat, den enormen Vorschuss wieder hereinzufahren, den sie aufgrund ihres Jamestown-Buchs erhalten hat.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und trank noch mehr Champagner. Sein schmaler Schnäuzer zitterte, und das Lächeln seiner aufgeworfenen Lippen wirkte angestrengt.

Jemand kam zu uns und tippte Ryan auf die Schulter. »Sie sind dran«, sagte er. »Es wird Zeit, sie vorzustellen.«

Ich hatte den Verdacht, dass es sich um den Speichellecker des Verlegers handeln musste.

Ryan stand auf und legte eine Hand auf den Tisch, um sich abzustützen. »Manchmal hasse ich mich selbst, weil ich so eine Hure bin«, murmelte er. »Hätte ich das hier doch bloß nicht zugesagt.«

Trotz seiner aggressiven Gefühle lieferte er eine absolut korrekte, wenn auch wenig enthusiastische Einführung zu Valerie und ihrem Buch ab. Und da er nichts mehr zu verlieren hatte, seit Valerie von dem Margaux wusste, berichtete er auch über den Wein, die Verbindung zu George Washington und unsere Auktion. Er endete mit einem Hinweis auf seine Kolumne. Valerie starrte ihn wütend an, als sie aufstand, um ans Podium zu treten, doch er ging an ihr vorbei und dann einfach weiter. Er kehrte auch nicht mehr an unseren Tisch zurück.

Ihr Vortrag war buchstäblich einschläfernd. Mick lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Einen Moment später hörte ich ihn atmen, regelmäßig wie ein Uhrwerk. Selbst Joes Kopf ruckte ein oder zwei Mal hoch, als sei er gerade eingenickt. Wir waren eindeutig nur eingeladen worden, um die Besucherzahl aufzupeppen. Als Valerie fertig war, stupste ich Mick an.

»Es ist vorbei«, sagte ich. »Du kannst wieder aufwachen.«

»Was ist passiert?«

»Jefferson kehrte am Ende seiner Reise nach Paris zurück.«

»Ich liebe Happy Ends. Ich schätze, das Buch kann ich mir sparen.«

»Ich wohl auch. Lass uns verschwinden. Ich möchte sowohl Valerie als auch Joe aus dem Weg gehen.«

Mick nahm meine Hand, und wir marschierten über den Rasen in Richtung der Kolonnade. Jemand berührte meinen Arm.

»Ich möchte mit Ihnen reden«, sagte Valerie. »Ich habe nicht viel Zeit.«

»Worüber?« In Wahrheit wusste ich es natürlich. Den Washington-Wein.

»Ich treffe dich dann draußen im Hof«, sagte Mick.

Ich nickte und wünschte, er wäre geblieben.

»Morgen halte ich vor einigen Kindern an der Middleburg Academy einen Vortrag«, sagte Valerie. »Ich habe mir gedacht, ich könnte auf dem Weg dorthin vielleicht auf Ihrem Weingut vorbeischauen und mir die Weine ansehen, die Sie für Ihre Auktion bekommen haben. Möchte sie für mich selbst begutachten. Sagen wir um neun. Dann schaffe ich es, bis zehn Uhr in der Academy zu sein.«

Die Middleburg Academy war eine private Highschool für Mädchen, an der Joe Dawson Geschichte unterrichtete. Folglich würden er und Valerie sich morgen erneut treffen.

Ich hasse es, wenn man mich einzuschüchtern versucht oder mir vorschreiben will, was ich zu tun und zu lassen habe. »Für Interessenten besteht die Möglichkeit, zwei Tage vor der Auktion alle Weine in Augenschein zu nehmen, die versteigert werden. Dann sind Sie mehr als herzlich eingeladen, sich bei uns umzuschauen.«

Ihre Augen wurden größer, und sie legte den Kopf zurück. Sie sah aus wie eine Schlange, die gleich zubeißen wollte. »Herzchen, Sie haben ja keine Ahnung, was Sie da in Ihrem Weinkeller liegen haben. Wenn Sie klug sind, lassen Sie mich morgen kommen.«

Ich stützte mich auf meine Krücke und näherte mich ihrem Gesicht. »Ich bin klug genug, und ich weiß, dass der Margaux nicht im besten Zustand ist. Machen Sie sich keine Sorgen. Wir wissen schon, wie wir ihn einsetzen können.«

»Ach, der Margaux.« Sie schaute mich von oben herab an. »Mir war klar, dass Sie nicht wissen, was Sie da haben. Ich rede von Provenienz.«

»Valerie!« Ihr Manager tauchte neben ihr auf. »Wo zum Teufel stecken Sie? Die Leute gehen. Sie müssen schleunigst rüber zum Tisch und die Bücher signieren. Schnell jetzt!«

Über die Schulter rief sie mir zu, während der Mann sie zur Veranda drängte: »Ich sehe Sie dann morgen, Lucie. Um neun Uhr.«

Auf dem Weg zum kiesbedeckten Parkplatz direkt vor dem Gelände des Herrenhauses berichtete ich Mick über unser Gespräch.

»Glaubst du, sie weiß, wovon sie redet?«, fragte ich.

»Es gibt doch einen Weg, das herauszufinden, nicht wahr?« Wir kamen zu seinem Wagen, einem schwarzen Mercedes. Er öffnete mir die Tür. »Lass sie sich den Wein anschauen, und lass sie reden.«

»Mir gefällt nicht, wie sie mich herumkommandieren will.«

»Dann zeig ihn ihr nicht.«

»Das Ganze geht auch dich etwas an. Schließlich warst du damit einverstanden, die Auktion in deinem Haus durchzuführen.«

»Der logische Zusammenhang will mir nicht ganz einleuchten.«

»Dich scheint das, was sie gesagt hat, nicht sonderlich zu berühren.«

»In der Tat.« Er warf mir einen kurzen Blick zu. »Liebling, hör bitte auf damit, ja? Triff eine Entscheidung, und vergiss es.« Damit war die Sache für ihn erledigt.

Ich starrte aus dem Fenster, während jenseits des Potomac die Skyline von Washington, D. C. sichtbar wurde. Das Capitol und das Washington-Denkmal ragten wie die aufklappbaren Bilder in einem Pop-up-Buch aus der Landschaft heraus, bevor sie wieder verschwanden, als wir auf unserer gut siebzig Kilometer langen Heimfahrt nach Hause in Atoka Richtung Westen abbogen. Mick fand einen Jazz-Sender in seinem Satellitenradio, und für den Rest der Fahrt lauschten wir stumm den klagenden Klängen der Saxophone, den Klavier-Riffs und den rauchigen Stimmen.

»Alles in Ordnung?«, fragte er. Wir hielten an der einsamen Ampel in Middleburg. Die nächste Stadt war Atoka. »Du bist so verdammt schweigsam geworden.«

»Ich denke nur nach.«

Danach wechselten wir wieder kein Wort, bis er von der Atoka Road in die Sycamore Lane abbog, den Privatweg, der zum Weingut und Highland House führte, meinem Zuhause.

»Wenn du sie morgen nicht empfängst, wird es dir nicht gelingen, die Sache aus dem Kopf zu kriegen. Also bring es hinter dich, und damit ist der Fall erledigt«, sagte er.

Ich lächelte in der Dunkelheit und wunderte mich, woher er wusste, was ich dachte. »Na gut, obwohl ich befürchte, dass sie nur Ärger heraufbeschwören will. Was sollte sie schon über diese Flasche wissen, was Jack Greenfield nicht bekannt ist? Ryan deutete ja an, dass sie nicht besonders helle ist.«

»Kennst du den Unterschied zwischen Männern und Frauen? Frauen überdenken einen Entschluss mehrfach. Ihr quält euch mit jedem kleinen Detail ab. Kerle entscheiden einfach, und damit ist die Sache gegessen.«

»Ist das ein Vorwurf?«

Er bog auf den Platz vor meinem Haus ab und hielt an. »Ganz wie du willst.«

Ich wusste, was jetzt kommen würde. Nach vier Monaten der Enthaltsamkeit war sein Kuss wie frisches Quellwasser nach einem Marsch durch die Sahara. Ich hatte vergessen, wie sehr ich ihn vermisste, oder vielleicht hatte ich auch nur nicht zugelassen, darüber nachzudenken. Sein Atem ging schwer und flach, als er mich in den Sitz drückte. Ich fragte mich, warum er es unbedingt hier machen wollte, wo er doch nur mit hineinzukommen brauchte und in meinem Bett mit mir schlafen konnte. Mir wurde schwindlig, als sich seine Hände anschickten, den Reißverschluss meines Kleids zu öffnen. Ich krümmte den Rücken, um es ihm zu erleichtern.

»Verdammte Scheiße!« Er richtete sich plötzlich auf. »Ich habe mir das Knie am Schalthebel gestoßen.«

Ich musste lachen und zog ihn auf mich, doch für ihn war es so schnell vorbei, wie es begonnen hatte. Er befreite sich aus meinen Armen und setzte sich in seinen Sitz. »Vielleicht sollten wir es lassen. Nicht heute Nacht. Entschuldige bitte, Liebling.«

Mein Gesicht glühte, und meine Kleidung war in Unordnung. Er hatte meinen BH aufgemacht, und ich hatte Mühe, ihn wieder zu schließen. Ich versuchte, mich anzuziehen, ohne ihn anzuschauen.

»Alles in Ordnung?«, fragte er. »Entschuldige, ich …«

»Bitte, hör auf, dich zu entschuldigen. So weit sind wir noch nicht, oder?«

»Nein, natürlich nicht. Schau, Lucie …«

»Ist schon in Ordnung. Gute Nacht! Und danke dafür, dass du mich begleitet hast.«

Ich flüchtete aus seinem Wagen, bevor er noch etwas sagen konnte. Ich hatte gerade zwei Treppenstufen genommen, da bemerkte ich, dass ich meine Krücke im Mercedes gelassen hatte. Mein Gesicht brannte, als er sie mir reichte.

»Informier mich, wie es mit Valerie gelaufen ist«, sagte er.

Ich antwortete mit tonloser Stimme: »Sicher.«

Sobald ich im Haus war, zog ich mich aus und ging direkt ins Bett. Den ganzen Abend über hatte er die unmissverständliche Nachricht ausgesendet, unsere Beziehung wiederaufleben lassen zu wollen, oder etwa nicht? Was also war da eben passiert? Hatte er nur mal kurz an der Kette ziehen wollen, um zu sehen, ob ich noch reagierte?

Na gut, das hatte er jetzt herausgefunden, aber ich hatte keine Lust, es noch einmal so weit kommen zu lassen.

Zumindest hoffte ich das.

Valerie tauchte am nächsten Tag nicht auf. Es wurde neun, ohne dass sie erschien, es wurde zehn, und sie war immer noch nicht da. Ich ging in mein Büro, um die monatliche Abrechnung fertigzustellen, die wir bei der Finanzbehörde für Alkohol- und Tabaksteuer einreichen mussten. Sie war überfällig, doch die Weinlese war eine Heidenarbeit gewesen, und wir hatten fast rund um die Uhr geschuftet. Ich gab Zahlen in die Rechenmaschine ein und fragte mich, warum die Behörde niemanden finden konnte, der imstande war, diese Formulare in der gleichen Sprache abzufassen, die auch ich spreche.

Das Telefon klingelte, und auf dem Display erschien ›Middleburg Academy‹. Nach den Ereignissen des gestrigen Abends hatte ich keine Lust, mit Joe zu reden. Ich wartete, bis der Anrufbeantworter ansprang.

Er klang aufgeregt. »Entschuldige, dass ich dich belästige, Lucie, aber ich wollte wissen, ob Valerie Beauvais noch bei dir ist. Ich habe hier eine Klasse in Amerikanischer Geschichte, die so langsam die Geduld verliert. Valerie hatte versprochen, heute Morgen für einen Vortrag herzukommen. Sie ist aber noch nicht aufgetaucht. Könntest du mich bitte anrufen, wenn du …«

Ich griff nach dem Hörer. »Hallo, Joe. Du suchst Valerie? Hier ist sie auch nicht aufgetaucht.«

»Bist du sicher? Ich habe sie gerade angerufen und bekam nur ihre Voicemail«, sagte er. »Die Academy hat sie gestern Abend im Fox and Hound untergebracht. Dort hat sie noch nicht ausgecheckt, geht aber ebenfalls nicht ans Telefon. Die Angestellten schwören, sie befände sich nicht auf dem Gelände, und sie sagen, ihr Auto sei weg. Ich habe keine Ahnung, wo sie sein könnte.«

»Tut mir leid, aber ich kann dir auch nicht helfen.« Ich wollte nicht brüsk klingen, doch Valerie konnte für sich selbst sorgen, und wenn sie verschwunden war, dann wollte sie es wohl so.

»Ich möchte dir nicht zur Last fallen, aber meinst du, du könntest vielleicht …«

Das Fox and Hound lag nur ein kurzes Stück entfernt an der Straße zum Weingut. Er wollte, dass ich seiner Freundin nachspionierte. Ich unterbrach ihn. »Ich habe hier ziemlich viel zu tun.«

»Ich würde es ja selbst tun, aber ich kann die Mädchen nicht allein lassen, und ich mache mir Sorgen um Valerie. Bitte, Lucie! Kannst du nicht mal kurz rüberschwirren und nachsehen, was da los ist? Ich wäre dir sehr dankbar. Es kostet dich keine Viertelstunde.«

Ich legte mein kaputtes Bein auf die Anrichte und starrte auf die Fotos, die dort aufgereiht waren. Gerahmte Bilder meiner Eltern, Chantal und Leland Montgomery – mittlerweile beide tot –, sowie von meinem Bruder Eli mit seiner Frau und Tochter, von meiner Schwester Mia, Hector und dessen Familie und Fotos von Quinn, dem derzeitigen Winzer, und schließlich von Jacques, unserem früheren Winzer, mit den Arbeitern bei der Weinlese. Ich nahm ein Foto im Silberrahmen, auf dem Dominique und Joe bei der Vierzig-Jahr-Feier des Goose Creek Inn zu sehen waren, als Dominique das Restaurant offiziell als Besitzerin übernommen hatte. Beide lachten und kasperten herum, während sie sich gegenseitig mit Kuchen fütterten. Wenn man mal von der Kleidung absah, hätte es ihr Hochzeitstag sein können.

Seit Jahren schon hatte Joe versucht, einen Tag für die Hochzeit festzulegen, doch meine arbeitswütige Cousine hatte immer einen Grund gefunden, die Sache aufzuschieben. Joe war ein geduldiger Mensch, ein guter Mensch – für mich so etwas wie ein älterer Bruder.

»Na gut«, sagte ich. »Wie kann ich dich erreichen, nachdem ich mich im Fox and Hound umgesehen habe?«

Ich hörte seinen Seufzer der Erleichterung. »Ruf die Schule an. Dort wird man dich in mein Klassenzimmer durchstellen. Und danke noch mal!«

»Keine Ursache«, sagte ich.

Ich hatte mein neues Auto, ein rotes Mini Cooper Cabrio mit weißen Rennwagen-Streifen, auf dem Parkplatz der Weinkellerei abgestellt. Ich nahm das Verdeck ab und schnappte mir eine Baseballkappe vom Rücksitz, damit mir die Haare nicht in die Augen flogen.

Viele Straßen rund um Atoka und Middleburg waren alte Indianerpfade, die jetzt von aufgeschichteten Steinmauern aus der Zeit des Bürgerkriegs begrenzt wurden. Einige Straßen waren gepflastert, doch viele bestanden nur aus Lehm oder Schotter, denn dies hier war zugleich Pferde-und-Jagdgebiet, und der weichere Untergrund war besser für die Pferde. Nahezu jede der hübschen Landstraßen führte durch hügeliges Gelände. Es ging auf und ab, mit reichlich Kurven und Kehren, die sich der Landschaft und dem Goose Creek anpassten, der sich seinen Weg bis hinunter zum Potomac kurz hinter Leesburg suchte. Ich hätte hier mit geschlossenen Augen fahren können, da ich jeden Stein kannte. Doch die Kurven waren für jeden tückisch, der hier neu war oder nicht aufpasste.

Der knallgelbe Geländewagen lag im Goose Creek auf dem Dach, wo die Atoka Road einen scharfen Knick macht. Als ich ihn sah, war mir sofort klar, dass es Valeries Wagen war. Ich verließ die Straße und griff nach dem Handy, während ich ein Gebet murmelte. Soweit ich das von meinem Standort aus beurteilen konnte, hatte sie keinen Versuch unternommen, das Auto zu verlassen.

Die Frau, die beim Notruf antwortete, stellte ganz ruhige, nüchterne Fragen. Ich teilte ihr das bisschen an Information mit, das ich besaß. Sie versprach, dass Hilfe bereits unterwegs sei, und ich stellte mein Handy ab.

Ich watete durchs eiskalte Wasser, bis ich nahe genug herangekommen war, um ins Auto zu schauen. Als ich es tat, wurde mir schlecht. Valerie hing festgeschnallt kopfüber in ihrem Sicherheitsgurt. Ihr Gesicht war blutig, und sie bewegte sich nicht.

Ich wusste nicht, ob ich zu spät kam und sie bereits tot war.