
Kapitel 7
Ein roter Lichtstrahl leuchtete draußen vor dem Küchenfenster auf, als ich nach dem Abendessen mit dem Abwasch fertig war. Ich sah, wie er auf und ab tanzte, während er sich neben den Rosensträuchern auf das Sommerhaus zubewegte. Wenn Quinn seine nächtliche Sternenbeobachtung vorbereitete, benutzte er eine rote Taschenlampe. Es war kurz nach acht Uhr. Für ihn ziemlich früh.
Von allen überraschenden Entdeckungen, die ich über meinen exzentrischen Winzer gemacht hatte, hatte mich seine Leidenschaft für Astronomie am meisten überrascht. Vor seinem Tod hatte mein Vater ihm erlaubt, ein Teleskop zum Sommerhaus zu bringen, von wo aus man vom Tal bis hin zu den Blue Ridge Mountains einen Panoramablick und meistens ungehinderte Sicht auf den nächtlichen Sternenhimmel hatte. Doch Quinn und ich waren vor einer Weile verkracht gewesen, als ich dachte, er wolle den Ort in ein Liebesnest verwandeln. In einem Wutanfall hatte er das Teleskop und seine Stardate-Zeitschriften entfernt, wobei ich damals angenommen hatte, dass die Zeitschriften der Online-Partnersuche dienten.
Vielleicht hatte er das Teleskop zurückgebracht und unseren Streit vergessen. Ich zog ein Sweatshirt mit Kapuze an, das über einem Stuhl hing, und nahm meine Krücke. Meine Augen hatten sich noch gut an die Dunkelheit gewöhnt, und so schrie ich auf, als ich an den Dornen eines Rosenstrauchs hängen blieb.
Er kam aus dem Sommerhaus. »Was machen Sie denn hier?«
»Mich selbst im Dunklen aufspießen. Was glauben Sie wohl, was ich hier mache? Ich komme, um zu sehen, wonach Sie suchen.« Ich zog die Ärmel meines Sweatshirts herunter, sodass sie meine Hände bedeckten. Es war kälter als erwartet. »Haben Sie Ihr Teleskop mitgebracht?«
In der fast völligen Dunkelheit war sein Gesicht nur ein dunkler Schatten, und seine Augen waren lediglich schwarze Löcher. »Ich bin davon ausgegangen, dass Sie etwas dagegen haben, wenn ich hier die Sterne beobachte.«
Er hatte unseren Streit nicht vergessen.
»Das war ein Missverständnis, und das wissen Sie ganz genau«, sagte ich.
»Es ist immer noch in meinem Haus«, sagte er. »Gut verpackt.«
»Sie können es zurückbringen, wenn Sie wollen.«
»Wirklich?«, fragte er. »Danke. Ich werde es mir überlegen.«
Ich mochte es nicht, wie er mich anstarrte. »Wenn Sie Ihr Teleskop nicht mitgebracht haben, was hat Sie dann veranlasst, hierherzukommen?«
»Wollte den Herbstmond sehen. Den gibt es nur ein Mal im Jahr. Heute Nacht ist es so weit. Rund um mein Haus stehen zu viele Bäume für eine gute Sicht.« Er ging zum Sommerhaus und öffnete die Tür. Ich hörte drinnen ein Scharren. »Halten Sie bitte die Tür auf.«
Er schleppte einen der mit Leder überzogenen Adirondack-Sessel meiner Mutter heraus und stellte ihn so, dass man von ihm aus auf das Tal schauen konnte.
»Bleiben Sie?«, fragte er. »Oder haben Sie nur einen Kontrollgang gemacht?«
»Ich bleibe.«
»Sie müssen nicht.«
»Ich möchte es aber. Außer wenn Sie lieber allein sein wollen.«
»Machen Sie die Dinge nicht komplizierter, als sie sind. Ich habe doch nur gefragt.« Er ging wieder hinein und holte einen zweiten Sessel.
»Es gibt viele Herbstmonde«, sagte ich.
»Von wegen! Nur der, der der herbstlichen Tagundnachtgleiche am nächsten kommt, ist der wirkliche Herbstmond.« Den zweiten Sessel stellte er dicht neben den ersten. »Setzen Sie sich! Der Mond versteckt sich hinter dieser Wolkenwand. Wenn sie vorbeigezogen ist, werden Sie ihn sehen.«
Ich stellte meine Krücke ab und setzte mich neben ihn. Er zog eine Zigarre aus seiner Jackentasche, packte sie aus und suchte in einer anderen Tasche geräuschvoll nach Streichhölzern. Ich beobachtete das vertraute Ritual, wie sein Streichholz aufflammte, er den Kopf neigte und so lange puffte, bis die Zigarre brannte. Die Spitze glühte wie ein Minimond, und ich sog den vertrauten Geruch seines Tabaks ein.
Er lehnte sich zurück, während die Wolken langsam davonzogen und schließlich über unseren Köpfen der gewaltige Mond in der Farbe eines reifen Leicester-Käses am Himmel hing.
»Das ist ja umwerfend!«, sagte ich.
»Jawoll.« Er streckte die Beine aus und legte sie übereinander.
»Sie wissen sicher, dass man in Frankreich die Pflege der Weingärten nach den Mondphasen ausgerichtet hat«, sagte ich. »Das Pflanzen, die Lese, das Beschneiden. Vielleicht sollten wir das auch mal probieren.«
»Die Franzosen glauben auch, dass es Unglück bringt, wenn bei der Ernte Frauen dabei sind.« Er schaute mich an und sog an seiner Zigarre. »Ich nehme an, Sie wollen das nicht auch mal probieren.«
Ich zog die Füße unter meine Oberschenkel und schlug die Arme um die Knie. »Sie sind ein unglaublicher Neandertaler, wissen Sie das?«
Er lachte. »Ich glaube eben nicht jeden Scheiß, das ist alles. Mit Wissenschaft können Sie mir jederzeit kommen. Übrigens, da wir gerade davon reden, ich habe darüber nachgedacht, wie wir den Cabernet verschneiden können.«
»Sie denken doch pausenlos darüber nach.« Doch um ehrlich zu sein, tat auch ich es. Bis wir die Trauben geerntet und in den Fässern hätten, würde ich genauso ruhelos beschäftigt versunken sein wie er.
»Sie können verdammt froh sein, dass ich es tue«, sagte er. »Dieses Jahr soll nicht von dieser Welt sein. Alles andere können wir verhunzen, aber Sie wissen, wie viel von diesem Wein abhängt.«
Es überraschte mich, wie düster er klang. Meistens benahm er sich, als habe er eine bevorzugte Beziehung zu St. Vincent, dem Schutzpatron der Winzer, der ihm ins Ohr flüstere. Doch ich verstand, was er meinte. Unter all den Weinen, die wir produzierten, war der Cabernet Sauvignon der wertvollste – mit seinen Verkäufen erwirtschafteten wir den Unterhalt unseres Weinguts.
»Er wird hervorragend werden«, sagte ich. »Wenn wir nicht zu spät ernten. Falls wir über Nacht einen Kälteeinbruch bekommen, während der Wein noch in den Bottichen ist, setzt sich die Fermentation bis zum nächsten Frühling fort, wenn es wieder wärmer wird.«
»Und wenn wir zu früh ernten, erhalten wir zu viel Säure«, sagte er. »Wollen Sie, dass die Leute Sodbrennen bekommen, wenn sie unseren Wein trinken? Es ist ein Albtraum, die Lese für einen Wein mit zu viel Säure anzusetzen.«
»Sie reden immer noch wie die Leute in Kalifornien«, sagte ich. »Da drüben braucht man sich keine Sorgen um zu hohen Säuregehalt zu machen. Wenn man zu spät erntet, besteht das einzige Problem darin, dass der Alkoholgehalt hochschießt.«
Seine Zigarre glühte gemächlich in der Dunkelheit. »Mit hohem Alkoholgehalt kann man leichter fertig werden als mit zu viel Säure.«
»Natürlich«, sagte ich. »Man braucht nur Wasser hinzuzufügen, um die Hefe wieder mit Flüssigkeit zu sättigen.«
Kaum hatte ich dies gesagt, bedauerte ich es auch schon. Ich schielte zu ihm hinüber, doch er starrte immer noch stur geradeaus und betrachtete den Himmel. Sein Profil sah aus, als sei es in Stein gemeißelt.
»Ich meinte Gärstockung«, sagte ich.
»Ich weiß, was Sie meinten.« Doch es klang schroff, und mir war klar, dass der Grund darin lag, indirekt das Thema Le Coq Rouge aufgebracht zu haben. »Der Zusatz von Wasser ist nicht der einzige Weg, damit umzugehen. Man kann auch einen Glykolerhitzer einsetzen.«
»Ich weiß.«
Zu dumm, dass ich das nicht erwähnt hatte, obwohl meine Anmerkung den Nerv eines jeden Winzers hätte treffen können. Wir alle rangen mit dem Dilemma, wie sehr wir an einem Wein herumdoktern durften, um ihn zu verändern oder zu verbessern und ihn dabei immer noch als ›Original-Wein‹ zu betrachten. Kalifornien hatte Schwierigkeiten, wenn der Traubenzucker sich nicht mehr in Alkohol umwandelte, bekannt als Gärstockung. In Virginia hatten wir das entgegengesetzte Problem. Unser Alkoholgehalt war häufig zu niedrig, daher setzten wir Zucker zu, um ihn zu erhöhen. Beide Prozesse bedeuteten, dass wir an dem Wein herumbastelten – doch kein Winzer empfand dies als betrügerisch.
Wenn das also in Ordnung war, war es dann auch akzeptabel, Flaschen eines herausragenden Jahrgangs mit dem Inhalt einer Flasche des gleichen Weins aus einem weniger guten Jahrgang aufzufüllen? Es handelte sich nur um eine geringe Menge Wein. Hatte der Winzer diesen fantastischen Jahrgang verwässert, oder war der Wein immer noch seinen Preis wert? Und wo sollte man den Trennlinie ziehen, wie viel zu viel war?
»Tut mir leid«, sagte ich zu Quinn.
»Vergessen Sie’s.« Er bewegte sich in seinem Sessel. »Wie lief es mit diesem Arschloch?«
»Sie sollten Ryan nicht so nennen, und es lief gut. Wir brauchen ihn. Er kennt sein Metier.«
»Trotzdem ist er ein Arschloch.« Er sog erneut an seiner Zigarre. »Übrigens, Mick hat vorhin eine Nachricht in der Weinkellerei hinterlassen. Er bat sie, ihn anzurufen. Irgendetwas wegen Amanda und einem Zelt.«
»Für die Auktion. Da kommen so viele Leute, dass wir die Veranstaltung dank des Washington-Weins möglicherweise nach draußen verlegen müssen.«
Ich überlegte, weshalb Mick in der Weinkellerei angerufen hatte statt direkt bei mir. Vielleicht hatte er es auf meinem kaputten Handy versucht, und die Mailbox war voll. Vielleicht wollte er aber auch nur eine Nachricht hinterlassen und vermied es nach jener Nacht, mit mir zu reden.
Quinn hatte meine Gedanken gelesen. »Was ist mit Ihnen beiden? Kleben Sie wieder zusammen?«
»Diese Sache auf Mount Vernon war ein Abendessen mit geschäftlichem Hintergrund. Das war alles.« Ich hatte keine Lust, darüber zu reden. »Jetzt sollte ich aber besser reingehen. Morgen geht es früh los.«
»Ja, ich wollte auch gerade gehen.«
Er stand auf und reichte mir die Hand. Ich griff danach, und er zog mich hoch. Seine Haut fühlte sich rau und schwielig an. Anders als bei Mick, von dem ich gehört hatte, dass ihn regelmäßig eine Maniküre besuchte.
»Lucie!«
»Was ist?«
»Ich habe gefragt, wann Sie morgen früh da sein werden.«
»Wann kommen Sie denn?«
Er rollte die Augen. »Ich habe es Ihnen gerade gesagt. Um halb sieben.«
»In Ordnung. Ich bin ebenfalls um halb sieben da.«
Er hielt immer noch meine Hand, während wir durch den Rosengarten gingen. »Passen Sie auf, wohin Sie in der Nähe dieser Dornen treten.« Nachdem wir an den Rosen vorbei waren, ließ er meine Hand los und angelte in seiner Tasche nach den Autoschlüsseln. »Bis morgen früh dann.«
»Gute Nacht!« Ich schaute mich nicht um, doch ich war sicher, dass er stehen geblieben war und beobachtete, wie ich den Rasen zur Veranda überquerte. Einen Moment später hörte ich den Motor anspringen und das Geräusch von Reifen auf dem Schotterweg.
Ich lag im Bett und fragte mich, was, wenn überhaupt etwas, zwischen uns abgelaufen war. Nur einen Tag zuvor hatte er gesagt, was für ein Fehler es gewesen sei, sich mit Bonita einzulassen. Und dass es schlecht sei, Arbeit und persönliche Beziehungen miteinander zu verquicken.
Nachdem ich schließlich eingeschlafen war, träumte ich, ich hätte Valeries Auto wieder auf dem Dach liegend im Goose Creek gefunden und ich müsste sie retten. Doch als es mir endlich gelang, die Wagentür zu öffnen, hing dort eine andere Frau festgezurrt mitten in der Luft.
Nicht Valerie. Ich.
Weinlese ist Morgenarbeit. Wir ernten die Trauben, wenn es kühl ist, und hören gewöhnlich um die Mittagszeit oder kurz danach auf, abhängig von der Hitze. An diesem Oktobertag, dem Kolumbus-Tag, war Sonnenaufgang um viertel vor sieben. Ich wachte noch im Dunkeln auf, direkt bevor mein Wecker um sechs Uhr zu klingeln begann, und machte das Licht auf meinem Nachttisch neben dem Bett an. Der lokale Leesburger Radiosender versprach einen weiteren Tag Altweibersommer. Temperaturen um die achtundzwanzig Grad. Perfektes Wetter. Ich zog mich an und fuhr zur Weinkellerei.
Jacques Gilbert, unser erster Winzer und im Gegensatz zu Quinn ein Liebhaber klassischer Musik, pflegte den Prozess vom Wachstum der Trauben und der Herstellung des Weins mit einer Symphonie zu vergleichen. Allegro im Frühling und Sommer, wenn die Weinreben blühten und die Veraison oder Reifung begann. Andante im Winter, wenn die Weingärten mit Schnee bedeckt waren und die Reben schliefen. Die Lese war Presto, und Vivace bedeutete die Ausgabe eines neuen Weins. Ich mochte seine Analogie, mit Ausnahme der Weinlese, die für mich nach einer eigenen Musik rief. Etwas Latinohaftes, das pulsierte und klopfte – Lieder wie jene, die die Männer auf ihren Ghettoblastern hörten, während sie auf den Feldern arbeiteten und sangen. Erdig, sinnlich … mit raschelnden, flammenden Röcken und Stilettoabsätzen. Etwas Aufreizendes.
Quinn arbeitete an der Pumpe, die er bereits zur Weinpresse geschafft hatte, als ich ankam. Er trug Jeans und ein T-Shirt der University of California, Davis, das neu aussah. Wahrscheinlich ein Geschenk von Bonita, die in Davis Weinbau und Önologie studiert hatte. Ich fragte mich, warum er es heute trug – oder war es einfach das erstbeste saubere Stück, das er in seinem Kleiderschrank gefunden hatte?
Manolo erschien um sieben und fuhr Hectors alten Superman-blauen Kleinlaster mit unseren ständigen Helfern und einem Dutzend Tagelöhnern aus Winchester auf der offenen Ladefläche. Es zerriss mir immer noch das Herz, dass Hector nicht mehr wie letztes Jahr am Steuer saß. Ich winkte Manolo zu, der an der Weinpresse hielt und ein paar Männer absteigen ließ. Er winkte zurück und fuhr weiter, um die restlichen Männer zu den Feldern zu bringen. Jetzt war es hell, doch der Himmel war noch farblos. Ich beobachtete, wie die kleinen, dunklen Gestalten geschmeidig von der Ladefläche des Lasters sprangen und am Ende der Weinreihen gelbe Bottiche aufhoben, bevor sie in dem Wirrwarr aus Trauben und Blättern verschwanden.
Kein Wein kann besser sein als die Trauben, aus denen er gemacht wird. Doch er kann sehr viel schlechter sein, wenn der Winzer etwas vermasselt – die Lese zur falschen Zeit ansetzt oder während des Gärungsprozesses eine schlechte Entscheidung trifft. Quinn machte einen gestressten Eindruck, wie so oft während der Weinlese. Er kaute auf einer nicht angezündeten Zigarre herum und erteilte mit barscher, geschäftsmäßiger Stimme Befehle. Jegliche Sensibilität, die er am Abend zuvor am Sommerhaus gezeigt hatte, war wie der Morgennebel in den Weingärten verschwunden. Ich hatte ziemlich viel damit zu tun, die Bottiche zu wiegen, wenn sie mit Trauben gefüllt ankamen. Später bat mich Quinn, die Tests im Labor zu übernehmen.
Um ein Uhr hatten wir alles geerntet, was wir für den Tag angesetzt hatten. Ich ermittelte gerade die letzten Brix-Werte, als Quinn im Türrahmen erschien. Wir hatten die Ventilatoren angestellt, da die Fermentation bereits eingesetzt hatte und genügend Kohlendioxyd produzierte, um uns beide zu töten, wenn wir nicht für Luftzirkulation sorgten.
»Die Arbeiter machen alles sauber, und Manolo löst die Schläuche von der Weinpresse.« Er musste das Brummen der Ventilatoren und das Geräusch des Zirkulationssystems, das die Weißweine in den Tanks kühlte, übertönen. »Ich denke, wir sind hier fertig, bis wir heute Abend den Tresterhut unterstoßen müssen. Ich fahre nach Leesburg. Als ich an der Pumpe gearbeitet habe, habe ich den Schraubenschlüssel kaputt gemacht. Wir brauchen einen neuen, weil die Pumpe immer noch verrückt spielt.«
»Billiger als eine neue Pumpe.« Ich spülte einen Messbecher und hängte ihn zum Abtropfen umgekehrt in ein Gestell. »Ich brauche ein neues Handy. Das Geschäft ist in Leesburg. Sollen wir zusammen fahren?«
Seine Augen zogen sich zusammen, und ich wurde rot. Er starrte mich an, als habe ich ihn gerade zum Ausgehen eingeladen. Ich faltete ein Geschirrtuch zu einem akkuraten Rechteck und legte es auf den Tresen.
»Aber wahrscheinlich ist es wohl besser, wenn Sie schon mal fahren«, sagte ich. »Ich muss noch nach Hause, duschen und mich umziehen.«
Quinn schaute auf seine Kleidung, die mit dunkelroten Flecken übersät war, genau wie meine. Wir sahen beide aus, als habe man ein ganzes Magazin auf uns leergeschossen. Er starrte mich weiter an, und ich wusste, dass er über etwas anderes nachdachte als meine Kleidung.
»Sie brauchen sich nicht umzuziehen«, sagte er. »Wir nehmen den El Camino. Wenn Sie hier fertig sind, treffen wir uns auf dem Parkplatz.«
Auf der Fahrt nach Leesburg sprachen wir kaum miteinander. Er setzte mich am Telefongeschäft ab und sagte, er würde mich abholen, sobald er seine Besorgung erledigt habe. Ein Teenager, der aussah, als verschwendete er die meiste Zeit und sein Geld in einem Tätowierstudio, war noch damit beschäftigt, meine Telefonnummer vom alten Handy auf das neue zu übertragen, als Quinn mit einer Tüte von T. W. Perry Hardware auftauchte.
Auf dem Weg zum Auto sagte ich: »Meinen Sie, wir könnten auf der Rückfahrt bei Jeroboam’s Fine Wines halten?«
»Warum?«
»Ich dachte, vielleicht könnte ich Jack nach der Provenienz dieser Washington-Flasche fragen.«
Der El Camino war so alt, dass man die Türen noch mit der Hand aufschließen musste. Er öffnete meine und sagte: »Warum wollen Sie das machen? Sie haben doch gesagt, dass er beleidigt sein würde.«
»Ich bin neugierig und kann richtig diplomatisch sein. Ich erzähle ihm, wir bräuchten die Informationen für den Katalog.«
»Machen Sie, was Sie für richtig halten, und dann Schwamm drüber.« Er schaute zu mir herüber. »Verdammt, Lucie! Ich höre doch, wie die Räder in Ihrem kleinen Gehirn surren. Sie wollen es unbedingt wissen, stimmt’s? Sie lassen nicht locker. Wie ein Hund mit seinem Knochen.«
»Einem Mädchen könnte glatt zu Kopfe steigen, was sie alles an Nettigkeiten aufzubieten haben, wissen Sie das?«
»Bin nun mal so charmant.«
Statt der kleinen Landstraßen, die ich benutzte, nahm er die Route 15 bis zu Gilbert’s Corner und danach Mosby’s Highway in westlicher Richtung nach Middleburg. Wie üblich fuhr er zu schnell, den Blick stur auf die Straße gerichtet, und der kleine an seinem Kinn zuckende Muskel besagte, dass er über etwas nachdachte. Ich wusste so wenig über ihn. Ein italienischer Vater, der ihn und seine Mutter verlassen hatte, als er noch ein Kind gewesen war. Irgendwo in Kalifornien hatte ihn die Mutter alleine großgezogen. Er sprach nie über seine Eltern und auch nicht über irgendwelche Geschwister. Falls er welche hatte.
Wir parkten in einer gebührenfreien Zone auf der South Liberty in der Nähe des alten Magnolienbaums am Friedhof. Jeroboam’s Fine Wines lag an der Ecke zur East Washington. Die Washington Street – East und West – hatte ihren Namen durch George erhalten, der hier zu Besuch war, als er die Region für Lord Fairfax begutachtete. Und hier grübelte ich jetzt mehr als zweihundert Jahre später über eine Flasche Wein, die Washington vielleicht geleert hätte, wenn sie ihm nach Mount Vernon geliefert worden wäre.
Jack Greenfield hatte Jeroboam’s vor einem Jahr auf Anhieb und unbesehen gekauft, um seine hübsche Frau, die aufsehenerregende Sunny, zu beschwichtigen. Sie hasste nämlich die langen Anfahrtswege von ihrem Haus in Georgetown, wenn sie bei der Goose-Creek-Fuchsjagd mitritt oder die vielen Kunden ihres Innenarchitektur-Büros aus dem Loudoun County besuchte. Er stellte jemanden ein, der Salmanazar’s weiterführte, jenen Weinladen in Washington, den seine Familie seit sechzig Jahren besaß, und nannte den neuen, kleineren Laden in Middleburg Jeroboam’s Fine Wines. Es war ein Insider-Scherz unter Weinkennern, da die biblischen Namen als Bezeichnung für übergroße Champagnerflaschen dienten – ein Salmanazar entsprach dem Inhalt von fünf normalen Champagnerflaschen, und ein Jeroboam fasste vier Champagnerflaschen oder sechs Flaschen Bordeaux.
In Middleburg sagten wir von Leuten, die hierher zogen, immer noch, sie kämen von ›auswärts‹, was sie von den Einheimischen unterschied, die in den Counties Loudoun und Fauquier geboren und aufgewachsen waren. Formal betrachtet kamen Jack und Sunny also von auswärts, doch in der kurzen Zeit, die sie jetzt hier lebten, hatten sie enorm viel Mühe und Talent investiert, um als Teil der Gesellschaft akzeptiert zu werden.
Sunny hatte Jeroboam’s mit ihrem gewohnten Spürsinn für guten Stil eingerichtet, sodass es an eine vornehme englische Jagdhütte erinnerte, deren Wände zufällig mit Weinflaschen gefüllt waren. Die wenigen freien Stellen, einschließlich der kleinen Treppe, die nach unten in einen Probierraum führte, waren zu einer zwanglosen Kunstgalerie umfunktioniert worden, und sämtliche Bilder waren käuflich zu erwerben. Als wir eintraten, putzte Jack gerade Gläser und Flaschen im dunkel getäfelten Probierraum. Wenn er Wein verkaufte, war er gekleidet, als arbeite er für ein Unternehmen, das auf der Fortune-500-Liste stand – maßgeschneiderter Blazer, gestärktes Hemd, Seidenkrawatte, elegante Wollhose und frisch gewienerte Slipper mit Quasten. Nachdem er uns bemerkt hatte, kam er uns um die Bar herum entgegen.
Normalerweise bekam ich einen freundlichen Kuss auf die Wange, doch Jack warf nur einen Blick auf unsere mit Wein besudelte Kleidung und hielt sich zurück. »Sie sehen beide aus, als könnten Sie einen Schluck vertragen«, sagte er.
»Wir haben nichts dagegen«, antwortete Quinn. »Was gibt es Neues, Jack?«
»Jede Menge.« Er ging zurück zur Bar.
Jack war ein sehr sachlicher Mensch, mit starkem Gesichtsausdruck und Silberhaar, das über seiner hohen Stirn stilvoll nach hinten gekämmt war. Pechschwarze Augenbrauen, die sich schräg zur Nasenwurzel hin neigten, verliehen ihm ein mephistophelisches Aussehen.
»Mein hochverehrter Geschäftspartner ist zum Flughafen gefahren, um seine jüngste Freundin abzuholen.« Er hatte den resignierten Blick eines Vaters, der über das Benehmen seines Filius lamentiert. »Sunny und ich haben beschlossen, dass Shane eine Frau braucht. Hat lange genug den Playboy gespielt. Lässt mich hier sitzen, und ich kann mich nun mit einer temperamentvollen Gastronomin herumschlagen, die für den nächsten Frühling einen Hochzeitsempfang in Upperville vorbereitet. Muss eine Weinprobe organisieren, denn sie konnte sich für nichts entscheiden.«
»Das wäre eine Frau für Sie«, sagte Quinn. Ich stieß ihm den Ellbogen in die Rippen.
Jack reichte uns zwei Gläser. »Probieren Sie mal diesen Cabernet aus der Nähe von Charlottesville. Lassen Sie ihm ein wenig Zeit, um sich zu entfalten.«
Ich trank meinen Wein. »Herrlich. Volles Bukett, schöner langer Abgang. Ich mag den Pfeffer.«
»Für mich ein bisschen zu jung«, sagte Quinn.
»Er ist immer so kritisch, wenn er über unseren Verschnitt nachdenkt«, sagte ich. »Ignorieren Sie ihn einfach.«
Jack lächelte. »Wo brennt’s denn bei Ihnen?«
Quinn konzentrierte sich auf seinen schönen, jungen Wein. Er würde mir nicht dabei helfen, mich nach dem Margaux zu erkundigen.
»Ich hatte gehofft, Sie könnten uns vielleicht mehr über die Provenienz der Washington-Flasche verraten«, sagte ich. »Ryan schreibt die Beurteilungen für den Auktionskatalog, und diese Flasche ist jetzt der Star der Veranstaltung.«
»Das weiß ich«, sagte Jack. »Ich habe Anrufe aus der ganzen Welt bekommen. Die Leute wollen wissen, ob ich noch eine zweite Flasche habe. Manche wollen gleich eine ganze Kiste kaufen.« Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Manchmal muss man sich wirklich wundern.«
»Ich nicht«, sagte Quinn. »Bei uns gibt es Leute, die wissen wollen, ob wir echte Äpfel in den Riesling tun, wenn wir angeben, dass er nach Apfel schmeckt. Oder wie viel Pfeffer wir in den Pinot geben, wenn wir von pfefferigem Geschmack reden. Ob wir ihn mahlen oder ganze Pfefferkörner verwenden.«
Jack lachte. »Nur gut, dass Sie ihnen nicht sagen, er schmeckt lederig.«
»Also, wie kam die Flasche in Ihren Besitz?«, fragte ich. Wir waren vom Margaux abgekommen.
Mit einiger Mühe verkorkte er den Wein wieder, den wir gerade probiert hatten. Quinn und ich bemerkten es beide.
Jack schaute kläglich drein. »Die Arthritis meldet sich wieder. Werden Sie nie alt. Und um Ihre Frage zu beantworten, Lucie, meine Familie war in Deutschland seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg im Weinhandel tätig. Dann zog mein Vater hierher und fing in Amerika von vorne an. In Deutschland hatten wir enge Verbindungen zu sämtlichen großen Produzenten Europas. Insbesondere zu den französischen. Nachdem mein Vater verstorben war, fand ich die Flasche im Gewölbe des alten Lagerhauses meiner Familie in Freiburg. Jemand kann sie uns gegeben haben, oder sie hat dort schon seit Jahrhunderten gelegen.«
»Ihr Vater hat Ihnen gegenüber den Bordeaux nie erwähnt?«, fragte ich. »Niemals?«
»Nein. Als ich die Flasche fand, war sie in keinem guten Zustand, was mich vermuten lässt, dass wir sie erstanden haben, nachdem der frühere Besitzer sie schlecht gelagert hatte. Oder sie war unsachgemäß transportiert worden. Vielleicht auch beides. Ich habe Ihnen gesagt, dass es jetzt wahrscheinlich nur noch Essig ist. Aber ich weiß, dass Sie eine Menge Geld dafür bekommen werden. Manch einer wird ein kleines Vermögen für den Nervenkitzel ausgeben, einen Wein zu besitzen, der ursprünglich für George Washington bestimmt war.«
Die letzte Bemerkung hatte wie ein leichter Vorwurf geklungen. Jetzt war es an Quinn, mich mit dem Ellbogen anzustoßen. »Das wissen wir, Jack«, sagte er. »Und wir sind Ihnen für Ihre Spende äußerst dankbar. Das war außerordentlich großzügig von Ihnen, nicht wahr, Lucie?«
»Das war es in der Tat«, sagte ich. »Aber wenn Ihnen bis zur Auktion noch irgendetwas einfällt …«
»Meine Liebe, ich habe Ihnen bereits alles erzählt.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Alles!«
»Wir sollten jetzt gehen«, sagte Quinn. »Herzlichen Dank für den Wein.«
Als wir draußen waren, sagte Quinn: »Sie dürfen sich bei mir bedanken, dass Sie noch mal mit heiler Haut davongekommen sind. Der wurde ganz schön stinkig, als Sie ihn sich wie ein spanischer Inquisitor vorgenommen haben. Wenn Sie ihn noch weiter unter Druck gesetzt hätten, hätte er die Flasche zurückverlangt. Da gehe ich jede Wette ein.«
»Ich habe doch nur gefragt, wo sie herkommt. Das war alles.«
»Ihm hat es nicht geschmeckt.«
»Das weiß ich«, sagte ich. »Ich wüsste gerne den Grund.«
»Belassen Sie es dabei, Lucie. Ich meine es ernst.«
Ein metallgrauer Porsche näherte sich und parkte direkt hinter Quinns El Camino. »Das ist Shane«, sagte ich, »mit seiner neuen Freundin.«
Wir beobachteten, wie er einer umwerfenden Brünetten aus dem Wagen half. »Sie ist entzückend«, sagte ich.
»Gottverdammt!« Quinn sog die Luft tief ein. »Was zum Teufel macht denn die hier?«
»Sie kennen sie?«
Der raue Schmerz in seiner Stimme verriet, dass er sie nicht nur kannte, sondern dass sie ihm das Herz gebrochen hatte.
»Ja«, sagte er, »sie ist meine Frau.«