Dr. Manfred Lütz
Scheitel im Wind
Dr. Manfred Lütz wurde am 18. März 1954 in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn geboren. Er studierte Medizin, Philosophie und katholische Theologie in Bonn und Rom. Heute leitet er als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln und schreibt so ganz nebenbei den einen oder anderen Bestseller.
Wir hatten ihn vor der ersten Begegnung schon in zahlreichen Talkshows erleben dürfen und fanden Spaß an seiner rheinisch entspannten, humorvollen Art. Mit ihm wollten wir dringend unser erstes Gespräch über das Thema dieses Büchleins führen. Zügig bekamen wir einen Termin in seinem Sprechzimmer in Köln-Porz. Wir machten uns an einem Junitag – nervlich ein wenig angespannt – auf in die 9,8 Kilometer entfernte Klinik auf der anderen Rheinseite und verfuhren uns prompt wie die Geisteskranken, da ich (Conny) vor lauter Aufregung kaum geradeaus denken, geschweige denn fahren konnte. Ich (Hella) möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich als Beifahrerin vor lauter Ungeduld gerne mal aus dem Overall zu springen drohe. Als wir vor der imponierenden Eingangspforte der Psychiatrie schnell noch süchtig wie die Bescheuerten Nikotin inhalierten, lagen unsere Nerven blank. Wir hatten beide einen leichten Tremor, da wir uns nicht sicher waren, ob wir uns in zwei Stunden in den unbequemen weißen Jacken in der Geschlossenen wiederfinden würden.
Nachdem Dr. Lütz uns freundlich und aufgeräumt in seinen Räumen willkommen hieß, fiel sämtliche Anspannung spontan von uns ab. Wir führten mit unserem kompetenten Gegenüber ein sehr anregendes Gespräch, und Dr. Lütz machte keine Anstalten, uns zu einem längeren Aufenthalt in seinen heiligen Hallen überreden zu wollen. Wahnsinnig erleichtert und glücklich über unsere erste Beute traten wir anschließend ohne einen Umweg unsere Heimreise an.
ML: Wie lange brauchen wir?
HvS: Hängt von Ihnen ab.
Der Rheinländer redet immer viel. Sie sind auch Rheinländerin, das kann ein Problem werden. Frau Scheel, Sie sind keine Rheinländerin?
CS: Ich komme aus München, ich halte mich zurück.
München. Gut. Kulturell linksrheinisch immerhin, denn der Römer war da!
Herr Doktor, wir wollen unsere Zeitgenossen befragen, was die so alles für Macken, Marotten und Besonderheiten haben und würden gerne direkt mit der Tür ins Haus fallen: Was können Sie uns denn bieten als Leiter der Psychiatrie?
Na ja, ich habe dieses Buch geschrieben «Irre. Wir behandeln die Falschen, unser Problem sind die Normalen», weil ich der Meinung bin, dass die Leute heute viel zu normal sind. Das heißt, es gibt heute viel zu viele Normopathen, also Leute, die so normal sind, dass es weh tut. Und die political correctness sorgt dafür, dass das auch inhaltlich so läuft: Meinungsuniformen, wo man nur hinhört. Eigentlich ist ja jeder Mensch, jeder psychisch Kranke, aber auch jeder sogenannte Normale, außergewöhnlich. Nur die sogenannten Normalen verstecken das hinter all diesen Uniformen. Und diese Uniformiererei, das machen die psychisch Kranken nun mal nicht mit. Die zeigen ihre Außergewöhnlichkeit ganz unmittelbar, und damit sorgen sie aus meiner Sicht dafür, dass die humane Temperatur in unserer Gesellschaft nicht unter den Gefrierpunkt sinkt.
Jetzt glaube ich persönlich aber, dass viele Normopathen einen KNALL haben und den ganzen Tag auch gerne mal groteske Dinge machen. Und nun frage ich mich, wo ist denn da bei euch in der Psychiatrie die Grenze zwischen «Jetzt müsstest du aber mal die eine oder andere Tablette einwerfen» oder «Das ist alles noch im grünen Bereich»?
Die psychische Krankheit beginnt da, wo Menschen unter ihrer Außergewöhnlichkeit leiden. Als ich anfing in der Psychiatrie, habe ich mit einem katholischen Psychiater gesprochen, der fachlich einen hervorragenden Ruf hatte, und der sagte so beiläufig: «Wissen Sie, was ich am Heiligen Franz von Assisi so schätze? Dass der mit seiner Schizophrenie so gut klargekommen ist.» Da war ich ziemlich geschockt und habe gedacht: Wo bin ich denn hier gelandet? Die Jungs machen hier offensichtlich aus allen beeindruckenden Leuten irgendwelche Psycho-Fälle. Da werde ich doch lieber Chirurg oder Schlimmeres. Ich habe mir dann aber ausführlich Gedanken darüber gemacht, ob der Kollege nicht vielleicht doch recht hat. Denn müsste man das nach den Kriterien der Psychiatrie nicht eigentlich so sehen? Franz von Assisi hat in der Kapelle von San Damiano eine Stimme vom Kreuz gehört, die ihm gesagt hat: «Bau meine Kirche wieder auf!» Das hat der junge Mann nicht abstrakt auf die Kirche an und für sich bezogen, sondern ganz konkret, geradezu konkretistisch, wie die Psychiater sagen, verstanden. Und er hat die kleine verfallene Kapelle wieder aufgebaut. Hand aufs Herz! Wenn hier in der Nähe meines Krankenhauses morgen ein junger Mann, der in letzter Zeit immer wieder Krach mit seinem Vater gekriegt hat, Stein für Stein eine alte Kapelle wieder aufbauen würde, die ihm gar nicht gehört, Polizei würde kommen und fragen, was er denn da so mache, und er würde den Beamten mit strahlendem Lächeln erzählen, dass er gerade eine Stimme vom Kreuz gehört habe, die ihm das befohlen habe, dann hätten wir wahrscheinlich bald wieder ein belegtes Bett – oder auch nicht. Denn ich persönlich finde, dass Franz von Assisi nicht die Bohne schizophren war. Die Psychiatrie wäre nie erfunden worden, wenn es nur Leute wie Franz von Assisi gegeben hätte. Der Mann hat gewiss außergewöhnliche Erlebnisse gehabt, aber das ist lange noch nicht krank. Denn er hat darunter nicht gelitten und war auch nicht in seiner Kommunikation mit anderen Menschen gestört, wie das bei Kranken eher die Regel ist. Ganz im Gegenteil! Franz von Assisi hat Tausende von jungen Leuten begeistert bis in unsere Tage hinein. Er war hochkompetent und verfügte über außergewöhnliche kommunikative Fähigkeiten. Unsere psychiatrischen Begriffe sind erfunden worden, weil Menschen gelitten haben. Menschen, die gelitten haben, sind zu uns gekommen, und wir haben diese Worte erfunden, «Schizophrenie », «Depression», «Manie» und was weiß ich alles, um Therapien für diese leidenden Menschen zu organisieren. Diagnosen haben nur den Sinn, Therapien zu organisieren. Daran muss man manchmal auch junge Kollegen erinnern, weil es unter Psychos leider üblich ist, Diagnosen auch auf Leute anzuwenden, die bei einem gar keinen Krankenschein abgegeben haben, insbesondere auf Kollegen. Das ist natürlich ein Missbrauch von Diagnosen. Diagnosen sind nur für leidende Menschen erfunden worden. Wenn man also auf alle möglichen farbigen und schrillen Typen, auf Sie, auf mich, auf jeden irgendwelche Diagnosen anwendet, um die alle sozusagen fein säuberlich in eine Schublade zu stecken, dann ist das ein Missbrauch der Psychiatrie! Ich finde, dass Menschen natürlicherweise außergewöhnlich sind. Aber die Tyrannei der Normalität, von der ich in meinem Buch spreche, führt tatsächlich dazu, dass jeder seine kleinen Macken versteckt, weil er denkt, da kommt irgend so ein Psycho um die Ecke und macht da schnell noch eine Diagnose draus. Doch so etwas wäre inkompetente Psychiatrie. Ich laufe auch nicht durch mein Privatleben und diagnostiziere in der Gegend rum. Wer das als Psychiater tut, der hat – mit Recht – bald keine Freunde mehr.
Jaja, jetzt gibt es ja begriffliche Unterschiede. Wenn wir jetzt mal von Marotten sprechen: Wir haben gestern gegoogelt: Marotte ist die französische Verniedlichung von MARIA und die Bezeichnung für eine auf einem Stab angebrachte Puppe. Früher hat der Narr, der hat so einen kleinen Stab vor sich rumgetragen, und heute sagt man: «Der hat eine Marotte!» Also eine Marotte ist ja nichts zum Diagnostizieren, sondern eine lustige Angewohnheit.
Ja, eine eigenartige Eigenart.
Ja, oder Eigenart, die aber eben manchmal dann auch kippen kann, sag ich mal. Bei Menschen, die überhaupt nichts wegschmeißen können, haste plötzlich ein Messie-Problem. Wann weiß ich, wenn wir jetzt 20, 30 Leute interviewen, oha, der Kollege hat aber ein ernstes Problem, den schicke ich mal zum Dr. Lütz? Woran erkenne ich, ach, das ist noch eine nette Marotte? Ist das nur mit dem Leidensbegriff zu unterscheiden?
Ich glaube ja. Ich glaube, das Leiden ist das Entscheidende. Und wenn man anfängt, das zu vergessen, dann beginnt man die ganze Gesellschaft in Schubladen zu sperren. Das ist in totalitären Diktaturen zum Beispiel der Fall. Also Leute, die nicht passen, die werden dann passend gemacht. In der Sowjetunion zum Beispiel. Die haben eigentlich gar nicht gelitten, die litten dann höchstens unter der Behandlung, aber nicht unter ihrer Eigenart.
Aber was ist denn, wenn ich eine Marotte habe, und ich fühle mich pudelwohl, aber mein Umfeld, also meine engeren Menschen, leiden darunter?
Das kann noch ganz im grünen Bereich sein, wenn Sie ein merkwürdiges Umfeld haben. Dann kann es eine gute Idee sein, mal das Umfeld zu wechseln. Aber wenn Sie merken, es gibt gar kein Umfeld mehr, das mich erträgt, dann beginnen Sie wahrscheinlich zu leiden. Und dann werden Sie, weil der Mensch ein soziales Wesen ist, unter der Vereinsamung leiden. In einem solchen Fall kann eine Behandlung sinnvoll sein. Es gibt allerdings eine Erkrankung, da haben die Leute selber gar keinen Leidensdruck, aber das Umfeld geht am Krückstock, das ist die Manie. Das sind ganz normale Menschen, die haben ab und zu mal eine Phase, da sind sie übertrieben heiter, gehen über Tische und Bänke, was übrigens bei uns im Rheinland gar nicht besonders auffällt, aber in Westfalen sofort stationär behandelt wird. Aber, Scherz beiseite, Maniker leiden vor allem nach ihren Phasen an dem Unsinn, den sie in der Phase so angestellt haben. Deswegen ist es wichtig, sie zeitig zu behandeln.
Wir hatten mal eine Bekannte, die hat in ihrer manischen Phase fünf BMWs gekauft.
Oder man fährt mal gerade eben zum Kaffeetrinken nach Hamburg, weil das ja so schön ist, mit dem Taxi natürlich, denn man wird ja nächste Woche sowieso im Lotto gewinnen.
Das ist natürlich bei Superstars wie beispielsweise Boris Becker in seiner großen Besamerphase dann sehr schwierig einzuordnen. War er vielleicht zu der Zeit manisch?
Schön wärs! Maniker sind oft sehr geistreich und witzig, ziemlich flott im Kopf. Das kann man von unser aller Bobbele leider nicht unbedingt sagen. Keiner meiner Maniker wäre wohl so sehr von allen guten Geistern verlassen, dass er sein ganzes Leben öffentlich abfilmen lassen würde, einschließlich der eigenen Hochzeit. Und sich als Handwerker, denn das ist Boris Becker ja höchstens, dauernd öffentlich zu Fragen nach dem Sinn des Lebens zu äußern, das brächten meine Maniker höchstens in ihrer manischen Phase. Danach wäre ihnen das alles peinlich. Das ist bei unserem Boris ganz anders. Bei Boris gibt es kein Danach. Der Boris ist so, und dagegen kann man gar nichts machen, denn der Boris ist leider normal, unbehandelbar normal.
Darf ich Sie denn nochmal fragen: Wenn wir jetzt mal aus der Psychiatrie rausgehen und wir bei Stinos sind, also bei den Stinknormalen.
Das ist aber eine schöne Formulierung!
Ich glaube, da haben viele Leute kleinere oder größere Macken. Die gehen nicht aus dem Haus ohne irgendein Ritual. Wo ist da der Grenzbereich, beziehungsweise, wie würden Sie das einordnen? Warum braucht der Mensch so viele Hilfsmittel, um durch den Alltag zu kommen?
Der Soziologe Arnold Gehlen hat mal gesagt, der Mensch ist ein Mängelwesen. Wir werden ja auf die Welt geworfen und sind erst mal total hilflos. Das ist bei den Tieren nicht der Fall. Fohlen rappeln sich nach der Geburt sofort auf, und dann schaffen es die ganz eigenständig zur Milchquelle der Mutterstute. Wir Menschen sind von vorneherein und auch später auf Hilfe angewiesen, wir sind soziale Wesen. Ich finde diesen Satz «Ich möchte eines Tages nicht auf Hilfe anderer angewiesen sein» total zynisch. Er diskriminiert letztlich hilfsbedürftige Menschen, und in Wahrheit sind wir ja alle immer auf Hilfe anderer angewiesen. Wir wären nicht bekleidet, wenn es keine Textilindustrie gäbe, die uns das alles zur Verfügung stellen würde, oder jemanden, der uns das alles kauft. Mir muss man zum Beispiel solche Sachen kaufen, ich kann das nicht selber. Meine Töchter können das erstaunlicherweise völlig eigenständig. Wir sind alle auf Hilfen angewiesen, aber jeder unterschiedlich. Und ich finde diese Unterschiedlichkeit eben schön und weigere mich, die unter diagnostische Begriffe zu bringen.
Können Sie uns das an einem Beispiel verdeutlichen?
Es gibt Leute, die sind besonders ordentlich, Frau von Sinnen wahrscheinlich nicht und ich auch nicht, aber das können ganz liebenswürdige Zeitgenossen sein, die alles gerne unter Kontrolle halten und im Stadtarchiv eine steile Karriere machen. So etwas ist nicht krank. Wenn aber jemand tatsächlich einen Kontrollzwang hat, das heißt, wenn der zum Beispiel dauernd kontrollieren muss, ob die Tür abgeschlossen ist, dann kann dieser Kontrollzwang Stunden in Anspruch nehmen und zunehmend ein normales Leben unmöglich machen. Oder wenn jemand einen Waschzwang hat, dann kann allein das morgendliche Waschen sechs Stunden dauern. Das ist dann eindeutig eine Krankheit. Natürlich gibt es da aber ein breites Spektrum. Es gibt auch abgemilderte Formen, die aber auch schon das normale Leben stören können. Dann kann Therapie angesagt sein.
Also, wenn ich zum Beispiel auf eine Autobahnraststättentoilette gehe, dann muss ich danach, wenn ich mir die Hände gewaschen habe, mit dem Papierhandtuch die Klinke runterdrücken. Ich möchte, nachdem ich mir die Hände gewaschen habe, nicht mehr mit der «Siffklinke» in Berührung kommen. Bis ich am Auto bin, habe ich es auch schon wieder vergessen, und diese Klinke kann ich dann wieder normal anfassen. Aber wo fängt es denn an, haarig zu werden? Das ist doch eigentlich schon eine Macke, oder?
Eine leichte Macke, würde ich sagen, aber nichts Diagnostisches. Man kann versuchen, solche Dinge, wenn sie einen sehr stören, verhaltenstherapeutisch wegzubekommen. Für Laien ist das Flooding eine besonders überraschende Methode. Wenn Sie zum Beispiel Angst vor dreckigen Sachen haben, dann müssen Sie therapeutisch mal richtig in Mist reinpacken. Wenn Sie da eine gewisse Zeit lang die Hände drin haben, dann merken Sie, dass diese Angst, die Ihnen das in Ihrer Vorstellung eigentlich macht, in der konkreten Situation zurückgeht. Sie wird physiologisch zurückreguliert. Ähnlich ist es, wenn Sie Höhenangst haben und dann mit einem Verhaltenstherapeuten einen Fernsehturm besteigen. Dann haben Sie erst große Angst, merken aber, dass die erstaunlicherweise zurückgeht. Auf diese Weise kann man sich Ängste abgewöhnen.
Was muss ich denn machen? Ich habe Angst vor Rolltreppen. Ich habe keine Angst vor Höhe und keine Angst vor Bewegung. Aber vor Rolltreppen.
Wahrscheinlich sollten Sie mit einer vertrauten Person oder einem Therapeuten mal ganz viele Rolltreppen hochfahren.
Furchtbarer Gedanke!
Das ist es ja gerade! Der Gedanke ist furchtbar, aber die Wirklichkeit, die Sie ja gar nicht mehr kennen, ist dann mit der Zeit überraschenderweise ganz anders. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass Sie die Benutzung der Rolltreppe schon längere Zeit meiden. Das heißt, Sie wissen gar nicht mehr, wie das wirklich ist, und das steigert die Angst natürlich. Wenn man das dann aber mit einem Therapeuten oder einer vertrauten Person zusammen mehrfach macht, dann geht zwar anfangs erwartungsgemäß der Blutdruck hoch, und Panik kommt auf. Irgendwann spürt man aber, dass der Körper das nicht lange durchhält. Das heißt, der Körper reguliert von selber runter. Und das vergisst man nicht mehr.
Funktioniert das auch bei Flugangst?
Ja.
Sie sagten ja, wir sind alle Mängelwesen. Warum glauben Sie, muss fast jeder Schauspieler dreimal vorher auf Holz klopfen? Oder ein Toi-toi-toichen dabeihaben? Oder warum muss ein Fußballer vor einem Spiel ein Stück Rasen rauszupfen? Das ist ja so eine Mischzone zwischen Ritual und Aberglaube. Hat das was mit Angstbekämpfung zu tun?
Na ja, krank ist das sicher nicht. Es gibt katholische Fußballspieler, die bekreuzigen sich vor dem Spiel. Das ist zum einen ein Glaubensbekenntnis, andererseits rufen sie Gott um Hilfe an. Erst wenn die ohne ein solches Ritual die Panik bekämen, wäre das bedenklich.
Gut, aber wie fängt es denn überhaupt an? Warum sind denn so viele Menschen abergläubisch? Müssen dem Schornsteinfeger über die Schulter schubbern, weil das Glück bringt? Wo kommt das her, und warum brauchen so viele Leute das?
Der Philosoph Martin Heidegger hat darauf hingewiesen, dass der Mensch das einzige Wesen ist, das weiß, dass es stirbt, die anderen Wesen wissen das nicht. Das ist unheimlich und macht Angst. Uns ist dadurch bewusst, dass jeder Moment unwiederholbar ist und dass der Tod jederzeit eintreten kann. Tag für Tag hört man vom Tod anderer Menschen. Man versucht das natürlich zu verdrängen, aber diese Angst prägt nach Heidegger jeden Menschen. Das hat selbstverständlich mit Angsterkrankungen gar nichts zu tun. Man kann diese existenzielle Angst natürlich mit künstlicher Fröhlichkeit übertönen, damit wird man sie aber nicht los. Die Antwort auf diese Angst ist aus meiner christlichen Sicht der Glaube. Wenn einem aber aus welchen Gründen auch immer diese Antwort abhandengekommen ist, dann gilt oft: «Wer nichts mehr glaubt, der glaubt alles.» Das heißt, man geht in einer anderen Form dem Bedürfnis nach Orientierung nach. So klammert man sich an alle möglichen Plastikreligionen, also an allen möglichen Aberglauben, was sehr mühsam ist auf die Dauer. Eines Tages rief bei mir die Redaktion von «Arabella» an. Es ging um Talismane. Da habe ich spontan gesagt: «Talismane? Über so einen Quatsch rede ich nicht.» Dann habe ich mir aber überlegt, das ist ja eigentlich Blödsinn. Im Grunde kann man da mal über das wirklich Wesentliche des christlichen Glaubens reden und nicht dauernd nur über Zölibat, Frauenpriestertum und die üblich verdächtigen Themen. Ich bin also doch hin, und dann stand da so ein Bär von Mann, zwei Meter lang sicher, der hatte eine Bärentatze umhängen und erzählte ganz rührend, er könne ohne die Bärentatze das Haus nicht mehr verlassen. Die Bärentatze würde ihn stark machen. Er könne auch ohne die Bärentatze nicht mit seiner Freundin schlafen, die müsste also immer bei ihm sein. Ganz wichtig! Mir tat der ängstliche Bär leid, und als ich gefragt wurde, was ich von solchen Tatzen halten würde, da konnte ich darüber sprechen, dass das Christentum von dieser «Heiden-Angst» – daher kommt der Begriff – befreit. Als Christ ist man befreit von solchem rührenden Unsinn.
Sie haben wirklich kein Toi-toi-toichen?
Nee, habe ich nicht.
Es gibt auch in Ihrem Leben nicht ein, wie soll ich mich ausdrücken, Ritual oder eine Angewohnheit?
Ich gehe sonntags in die Kirche. Das ist ein Ritual!
Und was passiert, wenn Sie zum Beispiel krank sind? Und Sie können nicht in die Messe gehen?
Dann gehe ich eben nicht.
Und das beunruhigt Sie dann auch nicht?
Wenn der liebe Gott mir Bakterien schickt, dann ist er selber schuld, dann komme ich halt nicht. Ich bin da nicht zwanghaft.
Also ich zum Beispiel gehe nicht ohne meine Pulla aus dem Haus. «Pulla» ist meine kleine Wasserflasche. Auch wenn ich aus der Wohnung runter in den Keller gehe, habe ich immer eine Flasche Wasser dabei.
Seit wann?
Seit wann? Ja, 20 Jahre bestimmt. Ich glaube, das fing mal mit meiner Diabeteserkrankung an, weil ich wirklich immer so viel Durst habe. Ist aber auch eine orale Klatsche. Ich muss auch in der Garderobe, bevor ich in eine Show gehe und auch in der Show immer mein Wasser haben, sonst kriege ich Schweißausbrüche.
Kriegen Sie wirklich Schweißausbrüche, oder ist das nur metaphorisch gemeint? Das ist nämlich genau der Unterschied. Wenn ich auf Dauer wirklich Schweißausbrüche kriegen würde, wenn ich so eine Flasche nicht hätte, wenn die mich wirklich bindet, dann müsste man sich überlegen, ob man das nicht mal therapeutisch angeht.
Also, ich – als völliger Laie – glaube, dass das auch mit der oralen Befriedigung zu tun hat. Ich bin ja auch Raucherin, ich würde gerne immer überall rauchen, was mir ja auch immer mehr verwehrt wird.
Ich bin der einzige lebende Deutsche, der Raucher noch verteidigt.
Aber Sie rauchen doch selber nicht.
Nein, ich bin Nichtraucher. Raucher tun mir aber leid. Sie können doch über Raucher heutzutage Dinge sagen, wenn Sie das über Tiere sagen, kommt der Tierschutzverein. Aber gegen Raucher können Sie jede sadistische Quälerei inszenieren. Da mache ich nicht mit.
Vielen Dank!
Wir hören jede Nacht DOMIAN, da rufen ja viele Leute an, die richtige Probleme haben. Einen gab es, der immer so einen unsichtbaren roten Faden hinter sich herzog. Das bedeutete für ihn, dass er durch die ganze Stadt lief und dieselbe Strecke wieder zurücklaufen musste, um den Faden wieder zu entwirren. Und dann rief auch jemand mit einem Zählzwang an. Der musste alles, alles durchzählen. Oder was man auch aus der Fernsehserie «Monk» kennt: Alles muss symmetrisch sein, es müssen zwei, vier, acht oder sechzehn Dinge sein. Es muss eine gerade Zahl sein. Das mag im Kindesalter lustig anfangen, mit einem spielerischen Gedanken. Wenn ich mit 35 aber immer noch so drauf bin – ist dann im Leben eines Menschen etwas Traumatisches passiert, oder kann aus einer Marotte eine Automatisierung werden?
Zwangserkrankungen, die mit 50 beginnen, gibt es fast gar nicht. Es gibt Zwangsstörungen als vorübergehendes Phänomen, sie können aber auch in der Jugend langsam beginnen und sich immer weiter steigern. Wenn sie stark ausgeprägt sind, sind sie schwer behandelbar. Manchmal muss man sich damit zufriedengeben, den Zustand so zu verbessern, dass ein mehr oder weniger normales Leben wieder möglich ist. Neben der Psychotherapie gibt es bestimmte Medikamente, mit denen Sie das behandeln können. Ich habe eine Lehrerin behandelt, eine sehr nette und gescheite ältere Dame, die hatte immer wieder Angst, sie hätte jemanden überfahren oder jemandem etwas Böses getan. Deshalb musste sie immer wieder zurücklaufen, um zu sehen, ob da jemand im Straßengraben lag. Sie wusste natürlich, dass das in Wirklichkeit nicht der Fall war, aber sie musste das zwanghaft tun. Psychotherapien waren kaum wirksam gewesen, aber eine Medikation hat sie später entlastet. Es gibt im Übrigen nicht nur Zwangshandlungen, sondern auch Zwangsgedanken. Beim Zwang weiß man im Gegensatz zum Wahn, dass das alles eigentlich Quatsch ist. Also diese Menschen müssen immer wieder irgendetwas denken und wissen doch: «Das ist eigentlich völliger Quatsch, was ich da denke!» Der mit dem roten Faden, den Sie da beschrieben haben, hat wahrscheinlich einen Wahn und ist schizophren. Solche Menschen sind manchmal subjektiv mit ihrem Wahn ganz glücklich. Der sagt sich vielleicht: «Den roten Faden gibt es wirklich. Alle, die das nicht wissen, sind wahrscheinlich zu doof dazu. Ich erkläre dem Domian das jetzt mal, damit endlich mehr Leute Bescheid wissen, wo der rote Faden ist.»
Nochmal zu Ihnen, Herr Dr. Lütz. Es muss doch auch irgendwas bei Ihnen geben! Vielleicht denken Sie zum Beispiel: «Ich kann nicht ohne geputzte Schuhe aus dem Haus gehen.»
Oder vielleicht machen Sie ja etwas Eigenwilliges, bei dem Sie denken, da soll mich mal bitte niemand dabei sehen?
Geschlechtsverkehr! Aber das reicht Ihnen jetzt bestimmt auch wieder nicht.
Nein, denn ich würde nichtöffentlichen Geschlechtsverkehr nicht unbedingt unter Macken abbuchen wollen.
Da bin ich aber froh! Meine Frisur ist am Ende eine Macke. Eigentlich ist diese Frisur völlig absurd, ich habe mir irgendwann mal die Haare so frisiert, zur Seite, und dann ist der Scheitel immer weiter auf die Seite gerutscht, als es dünner wurde.
Darf ich mal sehen? Tatsächlich, das ist die Filbingers Hans Frisur.
Könnten Sie nicht vielleicht ein anderes «Vorbild» nennen?
Nein. Doch, Ernst Huberty könnte ich noch sagen. Ich meine, diese Art von Maximalseitenscheitel ist schon ziemlich speziell.
Finden Sie? Wenn man damit mal angefangen hat, kommt man aus der Kiste kaum mehr raus. Wenn man einfach alles abschneidet, erkennt einen keiner mehr, und man braucht einen neuen Personalausweis.
Wie ist das denn, wenn Sie einen Sonntag planen, einen Ruhetag und sagen, heute bleiben wir nur zu Hause unter uns. Machen Sie sich dann auch die Frisur?
Ja, immer!
Richten Sie Ihre Haare auch vorm Schlafengehen nochmal?
Nee, nee.
Also, Ihre Gattin kennt Sie schon verwuschelt.
Ja. Wenn allerdings draußen ein Sturm ist, dann muss ich gegen die Windrichtung gehen. Das sieht dann sicher etwas merkwürdig aus, aber ich sehe das ja nicht, und als Psychiater können Sie sich so was leisten, da Sie ja so schnell nicht irgendwo eingeliefert werden.
Ist das jetzt Ihr Ernst?
Der Rheinländer meint immer alles ernst.
So! Jetzt haben wir ja doch noch eine feine «Beute» gemacht! Sie behaupten also, dass Sie Ihre Gangrichtung nach dem Wind richten müssen, damit die Frisur nicht aus den Fugen gerät? Liebe Lesenation, Sie müssten jetzt sehen, wie Herr Lütz hier durch sein Sprechzimmer geht. Er spielt Sturm, hält den Kopf schief und bewegt sich im Seitwärtsgang auf uns zu. Ein Traum!

Den Scheitel immer in Windrichtung. Jetzt haben wir endlich einen Titel für das Buch: «Scheitel im Wind».
Herr Dr. Lütz, wir sind froh, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben.
Hat Spaß gemacht.