Wigald Boning
Nasenhaartrimmer und Einkaufszettel
Das Multitalent Wigald Boning erblickte am 20. Januar 1967 in Wildeshausen nahe Oldenburg das Licht der Welt. Er ist Moderator, Komiker, Komponist, Musiker, Autor … wir möchten diese Liste noch mit Sonnenschein ergänzen, denn wenn Wigald erscheint, verändert sich die Atmosphäre spürbar angenehm.
Wir hatten das große Vergnügen, ihm bereits vor 18 Jahren bei «RTL Samstag Nacht» zu begegnen. Es hatte etwas von Liebe auf den ersten Blick. Abgesehen von seinem exorbitanten Talent ist er hinter der Bühne einer der freundlichsten und liebenswertesten Kollegen in diesem ganzen Showbusiness. Glücklicherweise kreuzten sich unsere beruflichen Wege von da an in schönen, regelmäßigen Abständen: Es war und ist immer wieder ein Geschenk, mit ihm arbeiten zu dürfen. Auf ewig unvergessen bleibt das Showchen «TV-Quartett». Von diesem Format wurden einmal im Monat nahe München vier Folgen produziert. Es hatte so gut wie keine Zuschauer, da es nur auf drei regionalen Stadtsendern ausgestrahlt wurde, die keine Katze interessierten. Die Kollegen Boning, Balder, Baisch und ich (Hella) saßen in einem winzigen TV-Studio in den Originalkostümen aus der Fernsehserie «Raumpatrouille Orion» von 1966 und referierten über die aktuellen TV-Formate. Das war einfach nur Kult. Leider erinnern wir beide uns nur noch bruchstückhaft an die regelmäßigen, an die Aufzeichnung anschließenden Trinkgelage in der nahe gelegenen «Waldwirtschaft». Einzig Wigald, der regelmäßig mit dem Fahrrad aus dem Allgäu zur Aufzeichnung kam und sich nicht bis zum Verlust der Muttersprache betrank, kann noch von diesen legendären Nächten zehren.
Keinesfalls unerwähnt bleiben darf Wigalds spontane Bereitschaft, seinen Flug nach Köln früher anzutreten, um mit uns nachfolgendes Gespräch zu führen. Er musste zu einer Aufzeichnung mit Ranga Yogeshwar, dem anderen Cleverle des deutschen Fernsehens. Und hätte ihn nicht pünktlich ein Produktionsfahrer abgeholt, so plauderten wir dort noch heute.
HvS: Lieber Wigald, wir wissen aus gut unterrichteten Kreisen, dass du sehr schlecht gelaunt werden kannst, wenn du um 13 Uhr kein Mittagessen bekommst. Ist das wahr?
WB: In der Tat sind mir regelmäßige Essenszeiten, das hat sich irgendwann am Ende der 80er Jahre eingeschlichen, sehr, sehr wichtig. Ich habe gegen zwölf allmählich schon Hunger, kann den allerdings noch bis eins hinauszögern. Aber es sollte dann auch langsam etwas zu essen geben.
CS: Wann hast du denn so in der Regel gefrühstückt?
Ich bin ja Frühaufsteher, eigentlich schon die längste Zeit meines Lebens. In der Regel werde ich um 6 Uhr wach, und dann frühstücke ich um halb sieben. Das hält natürlich auch nicht so lange vor.
Isst du denn morgens immer dasselbe, oder bist du da spontan?
Die letzten Jahre meistens Müsli. Ich wechsle zwar hin und wieder die Müsli-Marken, aber das Frühstück ist relativ frugal.
Was heißt «frugal»?
Einfach! Beim Mittagessen, da steht bei mir die Menge im Vordergrund. Klar, denn ich bin schon längere Zeit ohne Nahrung ausgekommen. Ich freue mich auf den Moment hin. Das ist ja für mich ein Tageshöhepunkt. Und wenn’s zehn nach eins ist, wird es langsam gefährlich. Es ist noch nie so gewesen, dass ich tatsächlich ein Zimmer zertrümmert habe mit einer Axt, aber die Phantasien hatte ich schon durchaus.
War das denn als Kind schon so? Können wir da von einer frühkindlichen Erfahrung sprechen?
Ja, ich komme aus einem gutbürgerlichen Haushalt. Da bin ich mit dem Fahrrad von der Cäcilienschule in Oldenburg nach Hause gefahren. Das dauerte 20 Minuten, sodass um 13 Uhr 30 pünktlich gegessen wurde. Das prägt natürlich.
Ich kenne das auch. Ich habe immer 13 Uhr zu Mittag gegessen, aber seit dem Abitur, nachdem ich Gummersbach im LKW von Jakob Heiden verlassen habe, habe ich nie wieder um 13 Uhr gegessen. Nun liege ich aber zum größten Teil vormittags im Bett und schlafe, während du wahrscheinlich schon wieder 30 Kilometer Fahrrad gefahren bist.
Richtig. Das kann natürlich auch ein Hinweis auf das Verhältnis zum Elternhaus sein. Ob man mit seiner Herkunft im Einklang ist. Was sich darin äußert, dass man eben pünktlich essen möchte, wie es immer gewesen ist, oder ob man sich ganz bewusst davon ablösen möchte. Könnte ich mir jedenfalls vorstellen.
Gilt bei dir wirklich Quantität vor Qualität? Ist das dein Ernst?
Ganz schlimm finde ich, wenn es etwas sehr Leckeres gibt und man davon nur sehr wenig kriegt. Da schmeckt’s sehr gut, und der Spaß ist sofort vorbei. Das ist das Allerletzte! Das ist wie, wenn du in einem Geschäft die beste Hose aller Zeiten entdeckst, die du unbedingt haben willst, und die ist dir dann drei Nummern zu klein. Das ist doch unbefriedigender, als wenn du eine passende Hose hast, die nicht so schön ist.
Ich würde dann beide Hosen hängen lassen.
Hast du auch beim Abendbrot feste Zeiten?
Ja, das ist in den letzten Jahren bei mir auch strikt an Uhrzeiten gebunden. 18 Uhr 30, 18 Uhr 35, dann sollte das irgendwie stattfinden. Es sei denn, ich bin nicht zu Hause, sondern unterwegs, dann ist das natürlich alles ganz anders. Ich führe tatsächlich so ein Doppelleben. Zu Hause kann ich anschließend um 19 Uhr die «heute»-Sendung sehen. Das hat natürlich alles so seinen Hintergedanken. Der ganze Tag ist bei mir eigentlich strukturiert. Ich halte auch gerne um 14 Uhr Mittagsschlaf und trinke um 15 Uhr Kaffee.
Du gehst doch mit Sicherheit schon früh ins Bett, wenn du um sechs aufstehst?
In den letzten Jahren lege ich mich so gegen halb zehn hin. Das rückt immer weiter nach vorne. Das kann natürlicher Verschleiß sein, dass man die Abendruhe ausdehnt. Das kann auch am Fernsehprogramm liegen, dass man früher häufiger etwas fand in der Haupt-Fernseh-Verkehrszeit, was einen vor den Bildschirm zwang. Heute nehme ich mir lieber ein Buch und lege mich dann um halb zehn ins Bett und lese dann bis halb elf.
Fallen dir spontan Dinge ein, wo du sagst: «Ja, da laufe ich neben der Spur?»
Wir ähneln uns da wahrscheinlich insofern, als dass ich immer so strohfeuerartigen Hobbys und auch Langzeit-Hobbys nachgehe, die in den Augen vieler Mitbürger Richtung Macke gehen. Wo ich aber finde, das ist ein ganz normales, schönes Hobby. Bei dir, Hella, ist es die Vorliebe für Spielzeug und Kuscheltiere. Ich zum Beispiel sammle Nasenhaarschneider.
Ich habe mir kürzlich eine ganz tolle riesige Vitrine für meine Nasenhaarschneider-Sammlung zugelegt. Das Sammeln von Nasenhaarschneidern, das ist ja heutzutage durch eBay und Amazon extrem erleichtert. Früher musstest du ja in der ganzen Welt rumfahren, um verschiedene Nasenhaarschneider zu kaufen.

Seit wann sammelst du Nasenhaarschneider?
Seit ein paar Jahren. Als ich 1991 das erste Mal nach New York geflogen bin, gab es an Bord einer Delta-Air-Maschine einen Nosehair-Trimmer, den man im Duty-Free-Shop kaufen konnte. Da dachte ich: «Das finde ich toll!» Allein das Wort «Nosehair-Trimmer» gefiel mir.
Ja, gefällt mir auch sehr gut. Eine Zwischenfrage: Hattest du denn Nasenhaarprobleme? Wucherte es dir aus der Nase heraus?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe auch noch nie einen ausgepackt. Ich sammle die nur in der Originalverpackung.
Aaaah, high collectable!
In der Tat, high collectable. Kann man so besser wieder verkaufen. Ich denke mittlerweile auch, wenn ich eine gute Sammlung anlege, wird das meine Altersvorsorge. Ich glaube an Nosehair-Trimmer!
Gibt es die auch auf Flohmärkten?
Da gibt es die gebrauchten, das finde ich ein bisschen ekelig, muss ich gestehen. Ich kaufe sie ausschließlich eingeschweißt.
Gehen wir recht in der Annahme, dass du dich nicht nur auf das Sammeln von Nasenhaartrimmern festgelegt hast?
Nein, wo denkt ihr hin. Die zweite Sammlung besteht aus fremden Einkaufszetteln. In den letzten Jahren habe ich exzessiv, täglich in Supermärkten Ausschau nach alten Einkaufszetteln gehalten. Inzwischen habe ich eine sehr große Sammlung bei mir an einer Wand. Da machst du ja die großartigsten Entdeckungen. Mittlerweile habe ich auch so ein Netzwerk von Leuten, die sich mit Handschriften auskennen. Da sind auch ausgebildete Graphologen dabei. Es gibt da zum Beispiel so eine Schreibweise des «Q »; das ist ein «OP » für «Q » – oder auch ein «ß», das es so nicht mehr gibt. Mit der Zeit habe ich dann rausgefunden, dass das meistens Rumäniendeutsche sind, weil die Rechtschreibreform von 1941 überall im deutschsprachigen Raum angewendet wurde, mit Ausnahme bei den Donauschwaben in Rumänien. Das war ja nicht von Deutschland besetzt, sondern agierte eigenständig und kooperierte nur mit Deutschland.
Gehst du teilweise in den Supermarkt, nur um dich auf die Suche nach Einkaufszetteln zu begeben?
Ja, das kommt vor.
Ohne dass du einen Würfel Traubenzucker brauchst?
Ja, das gibt es auch. Hier gibt es einen ganz tollen Einkaufsmarkt gleich um die Ecke. Der hat 24 Stunden geöffnet.
Das ist das Erste, was ich höre.
Der hat bis 24 Uhr geöffnet.
Also für mich gefühlt rund um die Uhr. Ich habe mir nur gemerkt, dass ich da jederzeit hingehen kann, denn zu meinen Wachzeiten hat der immer auf. Wenn ich hier im Hotel Savoy bin und nicht schlafen kann, ziehe ich mich wieder an, gehe dahin und suche nochmal alles ab.
Das ist aber ein sehr lustiges Hobby!
Ja! Und es kostet nix.
Geht das auch so weit, dass du die Mülltonnen durchstöberst?
Ja, habe ich schon gemacht und bin dabei auch schon in Streit mit Stadtstreichern geraten. Die dachten, ich würde dort Getränkebons rausnehmen. Ich musste denen dann erklären, dass es mir nur um die alten Einkaufszettel geht, was die natürlich überhaupt nicht verstanden haben, weil man die ja nicht veräußern kann.
Wunderbares Hobby!
Dieses Hobby kann ich jedem nur empfehlen, das macht wirklich Freude. Man kann sich den Menschen vorstellen, der es geschrieben hat, man kann das nachkochen, was da draufsteht, man kann sich über Schreibweisen wundern. Manche Leute streichen durch oder reißen die Zettel ein. Da gibt es ja die unterschiedlichsten Vorgehensweisen.
Gibt es Einkaufszettel mit einer bestimmten Kombination von Speisen und Getränken, bei denen du sofort glaubst zu wissen: «Aha, der ist auf Diät!» Oder: «Das ist ein Übergewichtiger!» Und kannst du auch Nationalitäten zuordnen?
Ja, das gibt es schon.
Das erkläre uns bitte!
Es gibt so Extrembeispiele. Wenn auf einem Einkaufszettel lediglich steht: Hanuta, Bounty, Mars, Bier und acht kleine Steinhäger, dann denke ich mir: «Aha! Das wird jetzt kein besonders gesund lebender Mensch sein.» Der Gedanke drängt sich ja auf.
Hast du auch Spaß an Rechtschreibfehlern?
Ja, natürlich. Da gibt es wunderbare Sachen. Vielleicht seid ihr ja mal in München, dann zeige ich euch all das Schöne.
Du sammelst Nasenhaarschneider und Einkaufszettel. Das ist in der Tat sehr originell. Gibt es Dinge, die du früher gesammelt hast oder in nächster Zukunft vorhast zu sammeln?
Ich habe auch eine veritable Sammlung von Merchandising-Artikeln der 90er Jahre bis Mitte 2005. Michael Schumacher-Socken und Joghurtbecher-Deckel mit Dieter Bohlen drauf. Was dann schon recht ekelig ist, wenn man sich im Lebensmittelbereich umschaut. Von Bully gab es mal so ein komisches Energy-Getränk mit Bully-Konterfei. Das habe ich noch mit Inhalt alles zu Hause stehen. Da gibt es aus der Familie auch schon mal die Frage, ob man denn so was jetzt wirklich aufbewahren muss. Das schimmelt ja dann irgendwann vor sich hin.
Und muss man es aufbewahren?
Solange das luftdicht ist und ich keinen Pilzbefall entdecke, wird es nicht entsorgt.
Was treibt dich dazu, diese Dinge zu sammeln?
Ich fand es interessant. Ein Joghurtbecher mit dem Bild von Dieter Bohlen drauf, das ist ja ein Außenposten der Zivilisationstechnik. Was der Mensch sich so ausdenkt im Zusammenhang mit der Bewerbung von Nahrungsmitteln durch Mega-Stars. Da kommt man ins Grübeln. Ihr müsstet diesen Joghurtbecher mal sehen. Das ist so ein ganz schlechtes Bild von Dieter. Es ist so im Halbprofil aufgenommen.
Es ist der berühmte «schrille Aspekt»?
Mir macht es enormen Spaß, und ich denke mir dabei: Diese Werbefachleute waren entweder alkoholisiert oder hatten ganz wenig Zeit für ihre Aufgabe oder wurden extrem unterbezahlt.
Jetzt verstehe ich. Die müssen räudig daherkommen. Du möchtest nicht unbedingt schönes Merchandising haben?
Nein! Es gab mal von der Johannes-B.-Kerner-Show, als die noch beim ZDF lief, zu Weihnachten Badelatschen. So Flip-Flops. Und dann steht da Johannes B. Kerner drauf. Ich fand den Aspekt originell, dass die Partner der Sendung und ehemaligen Gäste sich die Schuhe anziehen sollen und somit auf dem Namen «Kerner» rumtreten. Da dachte ich: Wer hat so eine interessante Idee? Habt ihr doch auch wahrscheinlich bekommen?
Ja, in Orange-Schwarz.
Richtig. Solche Sachen bewahre ich dann auf. Da denke ich: «Das ist doch abgefahren!»
Ja, du hast nicht unrecht. Das heißt, es könnte also nicht ein T-Shirt mit Rihanna drauf sein, weil das viel zu schön ist?
Das ist langweilig.
Okay, du würdest sagen, der Joghurtbecher mit Bohlen ist der Top-Seller in deiner Sammlung?
Schwer zu sagen. Ich habe noch ein Wies’n-Tamagotchi. Kennt ihr die noch? Tamagotchis habe ich auch mal gesammelt. Und dann gab es das Wies’n-Tamagotchi zum Oktoberfest. Das ist, glaube ich, das Exklusivste, auch das Wertvollste, was ich je ersammelt habe.
Das ist jetzt dein Ernst?
Klar! Du wirst im Internet einen finden, der zahlt dir bestimmt 5 Euro dafür.
Aha! Weil es so ein schönes blau-weißes Outfit hat?
Oder weil es sich im Minutentakt übergibt?
Säuft es auch?
Keine Ahnung, das ist ja alles originalverpackt.
Wir haben für Hundebesuche Fressnäpfe von Colani.
Phantastisch! Colani ist ein großartiger Künstler. Das ist jemand, der bei mir sofort das Herz zerreißen kann mit einem einzigen Bierseidel, den er gestaltet.
Also, ich bin auch ein großer Colani-Fan. Wir hatten die Ehre, ihn einmal persönlich kennenzulernen, und der ist ja auch extrem spannend und klug und witzig. Wir waren zufällig bei so einer launigen Talkshow, in der er auch zu Gast war, und danach hat er uns diese beiden Futternäpfe geschenkt, aus denen seitdem die Gasttiere bei uns speisen.
Alleine schon, dass man Hundefutternäpfe gestaltet, ist ein Statement. Er kann das machen. Die anderen nicht, bei denen würde man abschätzig kommentieren: «Haha, der gestaltet Hundenäpfe.» Bei Colani hingegen sagt man anerkennend: «Hey, der macht Hundefuttertröge! Cool!»
Lass uns jetzt mal über das Thema Kleidung sprechen. Ich finde, dass du dich, was deinen Kleidungsstil anbetrifft, sehr designst. Ich sehe dich immer in originellen Farben und Kombinationen. Oder du hast ein originelles Gimmick an. Hat Kleidung einen besonderen Stellenwert in deinem Leben, oder ist das etwas, was sich einfach nur ergeben hat?
Früher hatte das einen viel größeren Stellenwert. So zu «Samstag Nacht»-Zeiten. Ich war ja mit einer Kostümbildnerin liiert, die sich an mir ausgetobt hat. Mir machte das natürlich auch Riesenspaß. Aufgrund der Arbeitsmengenbelastung bei der wöchentlichen Show ist das dann irgendwann umgekippt. Da dachte ich: «Und wieder ein Anzug aus Zeitungspapier, den man ein Mal trägt, und dann ist er kaputt.» Ich glaube auch, dass ich alle nicht für Kleidung geeigneten Materialien durchprobiert habe. Von der Atmungsaktivität mal ganz abgesehen. Wir haben uns damals unglaublich unter Stress gesetzt. Heute ist mir das eigentlich egal. Ich finde den Effekt immer gut, wenn ich zu C&A gehe und mir zwei Polohemden für 5 Euro kaufe und die Leute auf der Straße dann sagen: «Wow, du hast ja wieder eine ganz irre Sache an!»
In der Tat trägst du jetzt schon seit vielen Jahren dasselbe Brillengestell, oder?
Genau. Wobei ich viele Brillen habe. Das ist auch ein Sammelgebiet von mir. Ich habe eine Bekannte, die ist Optikerin mit zwei Filialen in Tutzing und Schongau. Ab und zu darf ich in ihrem Pappkarton «für die russische Mission» stöbern. Da finde ich immer irgendetwas. Die meisten Brillen trage ich dann nur zweimal, denn meistens sind sie zu groß oder zu schwer oder einfach nur hässlich. Aber ich kaufe sie ihr trotzdem ab, weil das eine ganz liebe Frau ist, und vielleicht brauche ich diese Brillen ja doch nochmal irgendwann.
Wie viele Brillen hast du?
Keine Ahnung.
Aber das Gestell, was du jetzt auf der Nase hast, das ist das, was du eigentlich immer trägst?
Das ist das, was ich vor der Kamera trage. Diese Brille hat entspiegelte Gläser. Die anderen setze ich für den Privatbetrieb auf. Wir sind ja auch beide «Brillenträger des Jahres». Wir führen hier praktisch ein Fachgespräch auf höchster Ebene.
Stimmt! Ich bin es allerdings nur geworden, weil du es ein Jahr vor mir warst und dafür gesorgt hast, dass ich deine Nachfolgerin werden darf.
Nein, man hat mich gefragt, ob ich dich für würdig halte. Da habe ich selbstverständlich gesagt: «Natürlich, na klar!»
Danke! Habt ihr eigentlich Tiere bei euch zu Hause?
Wir haben eine Katze mit einem Triefauge. Die sieht so ähnlich aus wie Karl Dall und ist selbst für eine Katze nicht besonders schlau, dafür aber gutmütig und verschmust.
Das ist doch auch mal schön.
Der fallen immer Zähne aus. Ich weiß nicht, was die nachts macht. Aber sie fängt immer noch sehr gut Mäuse. Bitte fragt mich nicht, wie!
Apropos nachts – bist du immer noch Schlafradler? Du hast uns mal erzählt, wenn du nicht schlafen kannst, rollst du gern schon mal 200 Kilometer durchs Allgäu.
Hat sich nicht geändert. Obwohl ich mich in diesem Jahr mehr auf Laufen fokussiert habe. Im Juni gibt es den 100-km-Lauf in Biel, daran wollte ich schon seit zehn Jahren immer mal teilnehmen. In diesem Jahr ist es so weit.
100 Kilometer?
Ja, das sind so ungefähr zehn bis zwölf Stunden. Ich habe schon anstrengendere Sachen gemacht. Andererseits kann Laufen natürlich auch so ein bisschen weh tun. Es ist belastender für die Orthopädie. Aber im Grunde – ich bin sehr zuversichtlich, dass ich das lebend hinkriege, irgendwie.
Würdest du denn das Laufen für dich nur als sportliche Ausgleichsbetätigung ansehen, oder ist da auch was Zwanghaftes dabei?
Ich bin, glaube ich, grundsätzlich ein recht zwanghafter Typ. So insgesamt als Lebensentwurf. Ich neige auch zum Radikalismus, habe aber gelernt, den bei wichtigen Gebieten wie der Politik auszublenden, da er dort destruktiv ist. Aber bei vielen anderen Themen neige ich zum Radikalismus. Das könnte sich dann auch darin äußern, dass ich ungesunde Drogen konsumieren würde, aber ich bin in der Lage, das durch sportliche Betätigung zu ersetzen. Durch wahrscheinlich genauso ungesunde Aktivitäten an der frischen Luft. 100 Kilometer laufen ist für die Knie bestimmt auch nicht optimal.
Was meinst du mit Radikalität? Worauf beziehst du das?
Mir macht das Spaß, ein Thema bis zum Exzess auszukosten. Dabei ist es egal, um was es geht. Wenn ich mich jetzt zum Beispiel haltlos für Colani begeisterte, würde das dazu führen, dass ich mir erst einmal alle Bücher besorge, die es in dem Zusammenhang gibt, und dass ich wenige Wochen später zu einem Spezialisten werde. Das ist vielleicht auch so eine Fluchtbewegung, dass man sich auf so ein Thema stürzt. Ist bei einem meiner Söhne auch stark ausgeprägt. Ich glaube, so etwas vererbt sich.
Wie äußert sich das bei dem Kleenen?
Er sammelt Fußballbücher und liest die auch tatsächlich durch. Er kann dir jetzt beispielsweise etwas über die Nationalmannschaftsaufstellung Deutschlands im Spiel 1928 gegen Uruguay erzählen. Warum der eine jetzt durch den anderen ausgetauscht wurde in der 78. Minute. Er ist auf diesem Gebiet ein Spezialist, der seinesgleichen sucht.
Oder will er Sportjournalist werden?
Das will er auch werden, ja.
Ich finde das ja bewundernswert. Ich habe in meinem Leben irgendwie nichts richtig intensiv betrieben.
Aber einen gewissen Hang zur Exzessivität hast du auch. So weit kenne ich dich durchaus.
Ja, sagen wir mal so, ich hatte in den 60ern meine Winnetou-Film-Alben und alle zwei Jahre Panini-Fußballalben. Ich klebe gerne Bildchen. Im Moment gibt es bei Rewe gratis, je nach Einkaufswert, so entzückende, selbstklebende Bildchen mit Tiermotiven. Und da liege ich dann schon wie eine Sechsjährige im Bett, klebe sie in das Album und freue mich meines Lebens. Wenn das Exzessivität ist, dann ja.
Du bist ja nun eine der langjährigsten Abonnentinnen des «Micky Maus Magazins». Das bist du doch immer noch, oder?
Stimmt, aber ist das exzessiv? Ist das nicht nur Treue?
Die Treue selber hat ja vielleicht auch schon was damit zu tun.
Hast du irgendwelche Phobien? Hast du Ängste?
Nein, gar nicht.
Du bist ein angstfreier Mensch? Beneidenswert!
Bist du denn ein abergläubischer Mensch?
Überhaupt nicht. Ich bin weder abergläubig noch anderweitig gläubig, sondern Skeptiker – wobei ich es beneidenswert finde, wenn Menschen Trost in ihrem Glauben finden können. Da denke ich manchmal: Das wäre eigentlich super, zumal es im Christentum viele Elemente gibt, die mich begeistern. Die Grundvoraussetzung müsste jedoch sein, dass ich an den lieben Gott glaube, außerdem an Jesus und an die Jungfrau Maria, aber dazu bin ich nicht in der Lage. Das geht einfach nicht. Mir fehlt die Kraft des Glaubens.
Du bist am 20. Januar geboren oder somit sehr nah am Wassermann dran. Ich bin Wassermann und kann es auch nicht. Der liebe Gott und Jungfrau Maria, das will mir nicht in den Kopf.
Macht aber weiter nichts. Ich bin auch ohne diesen Trost bisher gut durchgekommen.
Ich habe so eine Schicksalsgläubigkeit. So ein Urvertrauen. Ich denke, dass irgendwo ein Drehbuch für uns alle geschrieben wird.
Mich tröstet manchmal der Gedanke, dass wir alle irgendwann zu Staub zerfallen. Und da es uns allen so geht, werden wir dann in 50 000 Jahren als so ein Flitter durchs Universum schweben. Das tröstet mich wirklich.
Ich habe die Vorstellung, dass ich eine Seele habe, die noch anderweitig recycelt wird. Ich glaube ja auch, dass Seelen in Bäumen und in Tieren wohnen. Und dass es einen regen Austausch gibt.
Das kann ich mir auch vorstellen, wobei ich mich an ein Bewusstsein vor meiner Geburt nicht erinnern kann.
Ich auch nicht.
Und dann gehe ich davon aus, dass das nach meinem Ableben auch so sein wird. Also passiert da nichts Spektakuläres, sonst wäre vorher auch was gewesen.
Vielleicht war deine Katze Albert Einstein, und die hat sich jetzt einfach mal verdient, dass sie heute ein Leben in Ruhe und Faulheit fristen darf.
Und mit Dummheit gesegnet zahnlos Mäuse fangen darf.
Richtig.
Hast du irgendwas an dir, was du schrullig findest oder von dem du glaubst, was andere, wenn sie dich beobachten, schrullig finden könnten?
Was über die Jahre zugenommen hat, ist mein Bestreben, den Tag effektiv zu nutzen. Wenn ich laufen gehe, dann will ich unterwegs ein paar interessante Supermärkte abklappern, damit ich dort Einkaufszettel sammeln kann. Dann überlege ich: «Aha! Dann komme ich pünktlich dann und dann an der Bäckerei vorbei, an der ich dann Gulaschsuppe essen kann.» Ich neige dazu, den Tag möglichst effizient durchstrukturiert zu gestalten. Das ist im Moment noch völlig normal, ich kann mir aber vorstellen, dass das später, also, wenn ich diesen Weg weitergehe innerlich, in 30, 40 Jahren sehr seltsam werden kann.
Visionier bitte mal!
Ich sehe mich dann im Altersheim und habe einen auf die Minute durchkonstruierten Tagesablauf, wo das Schließen des rechten Manschettenknopfes auf 7 : 32 Uhr festgelegt ist – vielleicht auch schriftlich festgehalten – weil ich über die Jahrzehnte gelernt habe, dass das die optimale Art und Weise zu leben ist. Das kann natürlich dann zu bitteren Auseinandersetzungen mit dem Pflegepersonal führen. Vor allen Dingen, wenn die dann auch die Nasenhaarschneider-Sammlung abstauben müssen. Nein, halt! Die habe ich dann ja schon veräußert. Damit muss ich das Pflegepersonal ja bezahlen. Das mache ich ja mit den Nasenhaarschneidern.
Und mit den Dieter-Bohlen-Joghurtbechern.
Die gibt es als Trinkgeld.