Ralf König

König Fusselbart

Ralf König ist am 8. August 1960 in Soest geboren. Er ist Comiczeichner und Autor.

Wir dachten seit über einem Jahrzehnt, dass er Waage im Sternzeichen ist, da er seine Geburtstagsorgien immer im Oktober feiert. Seit kurzem wissen wir, dass er’s nach hinten verschiebt, weil im Sommer zu viele Schwuppen im Urlaub sind.

In unserem Bücherregal stehen ca. 80 Prozent seines Gesamtwerks, da ich (Hella) Comics liebe. König gehört neben Barks und Uderzo zu meinen Lieblingsschöpfern.

Als ich in der 80ern den ersten Schwulen-Comic von ihm in den Händen hielt, bin ich gehüpft vor Begeisterung. Mein Lieblingsmedium und dann auch noch mein Lieblingsthema! Ich wohnte zu der Zeit in meiner Wohngemeinschaft, und es gab härtere Schlachten um den neuesten Ralf König als um das Herzstück der Pizza Tonno.

Ich finde, Ralf wird von Jahr zu Jahr besser. «Prototyp» und «Archetyp» sind einfach nur göttlich – nicht zuletzt deshalb, weil sie sich genau mit dieser Thematik klug, sarkastisch und umwerfend komisch auseinandersetzen.

Wir dürfen sogar damit angeben, dass wir einen echten Ölschinken von Herrn König unser Eigen nennen. Wir kauften das Bild in einer Ausstellung im «Vampire». Ralf malte damals lustige Horrormotive. Ohne es zu wissen, bannte er eine Situation auf Leinwand, unter der wir damals litten: Ich (Hella) renne schattenhaft schlaflos durch die Bude, und ich (Conny) sitze aufrecht im Bett.

Er lud uns zum Gespräch in seine Privatgemächer ein und kredenzte uns den leckersten Tee, den wir seit 20 Jahren schlürften.

 

HvS: Wir würden dich gerne zuerst mal als Künstler, als Zeichner fragen, ob du bei deiner Arbeit bestimmte Rituale hast? Was zeichnest du als Allererstes?

 

RK: Das sind immer die Augen! Die Augen sind so wichtig für den Ausdruck und für das, was anschließend mit der Figur gemacht wird, da bin ich sehr penibel. Die Augen müssen aus einem Zufall heraus entstehen. Ich zeichne die Augen so schnell, dass sie mit einem einzigen geschwungenen Strich sitzen müssen. Wenn ich mit dem Stift langsam diese Rundungen machen würde, dann wäre der Strich zu stark. Ich zeichne die Augen immer mit einem ganz, ganz dünnen Stift, während ich das andere dann mit einem etwas dickeren Strich male, da sie sonst so aussehen, als hätten die Wimpern oder wären stark geschminkt. Sobald ich das Auge habe, ist der Rest kein Problem mehr.

Darf ich dich jetzt mal als alte Comic-Leserin fragen, was passiert, wenn du jetzt im fünften Panel bist und du dir dann ein Auge verhackst?

(Anmerkung für die geneigte Lesenation: Als Panel wird bei einem Comic ein einzelnes Bild auf einer Seite bezeichnet.)

 

Ich überklebe es.

 

Ah, das geht?

 

Ich arbeite ja überhaupt nicht am Computer, ich mache alles mit Stift und Papier und Uhu. Auch die Sprechblasen sind mehrmals überklebt, bis die mal so sind, wie sie sein müssen.

 

Du kannst auf einem Panel fünf, sechs überklebte Situationen haben?

 

Ja, das ist normal.

 

CS: «Dicke Augen» hat doch jeder mal.

 

Und du kannst es nicht mit einem Bleistift vorzeichnen, um es dann zu radieren?

 

Ich arbeite an einem Leuchttisch. Ich male zum Beispiel zwei Figuren auf dem Sofa sitzend. Die müssen jetzt während des ganzen Dialogs so sitzen. Dann mache ich einmal den Scribble mit dem Bleistift und wenn ich die Figuren einigermaßen so habe, dass sie vernünftig sitzen und die eine von mir aus die Teetasse in der Hand hat, dann setze ich die gleiche Zeichnung immer unter das Panel und habe damit diese Ausgangssituation. Dadurch wird die Nase nicht größer, nicht kleiner, sondern ist immer gleich. Es ändert sich wirklich nur das, was ich geändert haben will. Das führt dazu, dass ich ein bisschen steif bin in meiner Zeichnerei.

 

Du hast mir mal gesagt, dass du dich als Kind an dem Schnabel von Donald Duck ausprobiert hast und fast daran verzweifelt bist. Jetzt bist du ja jemand, der wunderbar köstliche Pointen malt – ich bin ein großer Fan von dir, wie du weißt. Gibt es Pointen, auf die du verzichten musstest, weil du gesagt hast: «Ich kann es nicht malen!»

 

Ja, es gibt ganz viel, was ich nicht malen kann.

 

Versuchst du dann, die Pointe anders auszudrücken, weil du unbedingt auf die Pointe hinauswillst?

 

Nein! In so einem Fall arbeite ich dann mit Vorlagen, an denen ich mich orientieren kann. Ich google mir dann beispielsweise ein Bild von dem Objekt und pause es durch oder zeichne es ab. Wenn ich eine gute Idee habe, dann setze ich diese auch im Bild um, obwohl ich mich eigentlich als «faulen Zeichner» bezeichnen möchte.

 

Wenn du in dein Atelier gehst, bist du aber doch ein disziplinierter Arbeiter? Sagst du: «Wenn ich jetzt an dem Comic arbeite, ich gehe jeden Morgen um 10 Uhr in mein Atelier und bin um 17 Uhr wieder zu Hause!» Working 9 to 5?

 

Das ist im Moment so, weil ich großen Arbeitsdruck habe. In meinen eigenen vier Wänden lasse ich mich nur zu gerne ablenken. Da ist die Pflanze, die mit Sicherheit nach Wasser dürstet, oder das Bad, das jetzt unbedingt geputzt werden will, und manchmal könnte ich Stunden damit verbringen, einfach nur aus dem Fenster zu starren.

 

Gibt es einen bestimmten Tee, musst du fünf Stifte haben, oder sind es immer zehn? Gibt es bestimmte Rituale zum Arbeiten?

 

Ich habe ein totales Chaos auf dem Schreibtisch. Alle anderen Schreibtische im Gemeinschaftsbüro sind total aufgeräumt, und bei mir türmt sich der Müll. Da muss ich dann irgendwann, wenn ich den Radiergummi nicht mehr finde, eine gewisse Ordnung herstellen. Das ist mir immer sehr lästig, aber dann muss ich aufräumen. Ich habe immer ganz viele Stifte da liegen, weil auch diese Stifte – so gut die Edding 1800 Profipens auch sind – schnell abnutzen. Das heißt, wenn ich hier einen 0,5-er habe, und der ist abgenutzt, dann hat der die Stärke eines 0,7-ers, weil er dann einfach breiter geworden ist. Dann habe ich bestimmte Stifte nur zum Schreiben. Das habe ich in letzter Zeit so sehr perfektioniert, dass ich immer die hervorgehobenen Wörter ein bisschen dicker schreibe als die anderen, damit sich das auch so liest, wie man es spricht. Das ist mir wichtig! Ich will ja einen gesprochenen Dialog. Mein Rowohlt-Lektor verzweifelt immer an mir, weil der mir das alles immer rot unterstrichen zurückschickt, da es grammatikalisch nicht korrekt ist.

 

Hast du irgendeinen Glücksbringer an deinem Arbeitsplatz?

 

Nein, ich bin in keiner Weise irgendwie abergläubisch.

 

Gar nicht?

 

Nein, oder? Lasst mich kurz nachdenken. Ja, doch, Moment. Nicht abergläubisch, aber ja, das ist ein Ritual: Das erste gedruckte Exemplar, das ich von dem neuen Buch in der Hand habe, das muss ich behalten. Das darf ich niemals abgeben. Wenn ich eine Kiste kriege, und da sind 20 Bücher drin, muss ich das erste, was ich sehe oder anfasse, behalten!

 

Okay. Was wäre denn, wenn du das vergessen würdest und die ersten vier Exemplare gutgelaunt der Verwandtschaft in der Walachei schicken würdest?

 

Es wäre nichts. So abergläubisch bin ich nicht, dass ich mir ernsthaft denke, da würde jetzt irgendwas schiefgehen oder Unglück bringen. Aber es ist einfach mein Ritual. Das ist mein Buch! Von all den Tausenden, die da rumschwirren, ist dieses eine doch meins.

 

Das ist ja zu und zu schön!

 

Jetzt hast du also dieses liebenswerte Ritual, dass das allererste Buch der Auflage in deinem Regal stehen muss. Hast du denn auch eine Art feierliches Schreibtischritual, wenn du eine Geschichte beendet hast? Wenn du beispielsweise mit dem letzten Schwung die finale Sprechblase gezeichnet hast?

 

Gönnst du dir dann eine teure Zigarre und eine Flasche Dom Pérignon?

 

Das Letzte, was ich tue, ist meinen Doktor darunterzusetzen. Also dieser letzte Kringel Ralf ist das Finale. Davor habe ich das Buch nach Fehlern durchsucht, habe es hundertzwanzigtausendmal in der Hand gehabt, nach Änderungsmöglichkeiten durchforstet, und wenn es dann wirklich eingepackt und zum Verlag geschickt werden kann, dann mache ich meinen letzten Kringel.

 

Jetzt bist du ja so ein berühmter Comic-Zeichner, dass dein Kringel, unter eine Originalzeichnung gesetzt, einem Picasso gleichkommt.

 

Na ja …

 

Weißt du noch, wie du damals darauf gekommen bist, dass du mit Ralf unterschreibst? Warum schreibst du nicht nur König oder RK?

 

Das war das Millennium! Damals beschloss ich: «Da muss irgendetwas anders sein!» Und ab 2000 habe ich Ralf daruntergeschrieben. Warum, kann ich nicht sagen. Ich fand, glaube ich, meinen Namen ausgeschrieben einfach zu unleserlich. Das war ein einziges Gekrakel mit tausend Kringelrunden. Ich finde nur leider, dass man dieses Ralf auch nicht lesen kann.

 

Stimmt!

 

Jetzt haben wir über den Künstler Ralf König etwas erfahren. Nun zu dir als Mensch: Hast du privat irgendeine lustige Klatsche?

 

Ja! Rote Fußgängerampeln. Vor allem in Gegenwart von kleinen Kindern, die an der Hand der Mutter auf Grün warten. Ich fühle mich dann in so eine Art Vorbildfunktion genötigt und kann dabei mehr als ungeduldig werden. Ich bleibe dann natürlich auch stehen, fluche dabei aber innerlich auf dieses Kind.

 

Du hast doch sicherlich nur Angst vor der Mutter, die dir den Schirm in die Nase rammen würde, wenn du es wagen würdest, die Straße bei Rot auch nur zu betreten.

 

Gibt es etwas, was du gerne tust, wobei du aber bitte auf keinen Fall beobachtet werden möchtest?

 

Ach, da gibt es so einiges.

 

(Zweideutiger Blick mit anschließendem Gelächter.)

 

Gibt es denn etwas, was du preisgeben möchtest, was nicht in irgendeine erotische Richtung geht?

 

Ich ziehe Fratzen beim Zeichnen. Wenn ich da richtig drin bin, dann führe ich die Dialoge auch innerlich mit, und dann kichert der Carsten, der mir gegenübersitzt, schon mal, weil ich mich gerade wieder irgendwie über mich aufrege, oder weil die Figur mich gerade aufregt. Das sieht wahrscheinlich sehr doof aus.

Finde ich lustig! Und wie sieht es mit Essen bei dir aus? Bist du ein ganz tapferer Esser?

 

Nö. Ich bin nur immer wieder am Hadern, dass ich es einfach nicht schaffe, Vegetarier zu werden. Das nervt mich.

 

Was ist mit deinen Klamotten? Gibt es bestimmte Kleidungsstücke, von denen du denkst, dass sie etwas Magisches haben oder dir einfach nur Glück bringen?

 

Nein, ich habe ein sehr entspanntes Verhältnis zu Anziehsachen. Ich kann wunderbar in Jacken rumlaufen, die vor zehn Jahren angeschafft wurden. Ich sehe noch nicht mal, dass die aus der Mode sind, weil mich das nicht interessiert. Ich würde gerne öfter Anzüge tragen. Das ist in Köln doof. Wenn man dauernd angelabert wird nach dem Motto: «Hast dich aber schick gemacht!»

 

Willst du sagen, du bist ein uneitler Mann?

 

Nein, ich bin total eitel. Ich leide sehr unter meinem Älterwerden. Es passiert ausgesprochen selten, dass ich ein Foto von mir schön finde. Falls mir dann doch mal eins gefällt, dann freue ich mich immer und denke: «Ah, das ist jetzt mal schön so!» Aber ich hadere dennoch sehr mit meinem Äußeren.

 

Ich weiß gar nicht, seit wann du den Bart trägst?

 

Schon sehr lange.

 

Hat das was damit zu tun, dass man so ein bisschen kaschieren kann, ein anderes Gesicht zu haben als vor zehn Jahren?

 

Das glaube ich nicht, zumal ich ja auch einen sehr fusseligen Bart habe. Das liegt daran, dass ich leider kreisrunden Haarausfall im Bart habe. Bei Stresssituationen kann ich die Uhr danach stellen, dass mir zwei Monate später der Bart ausfällt. Ich hatte schon die unmöglichsten Bartmoden. Manchmal laufe ich mit einem halben Bart rum, anstatt ihn mir ganz abzurasieren.

 

Bitte? Und da sagst du, du bist ein eitler Mensch? Wenn ich kreisrunden Haarausfall im Bart habe, dann mache ich mir doch sofort alles ab?!

 

Ja, aber da finde ich es besser, ein bisschen Bart zu haben als gar keinen. Das ist meine eigene Wahrnehmung. Aber es gibt Fotos von mir, da denke ich mir: «Mein Gott!» Da habe ich so einen komischen Schnäuzer, und unten ist noch ein bisschen was, weil der Rest weg war.

 

Das verstehe ich nicht.

 

Das ist Geschmackssache. Ich mag mich lieber mit einem bisschen Bart als «völlig nackt». Ich finde mich wirklich unerträglich ohne Bart.

 

AH! König Fusselbart.

 

Das ist ein schöner Titel!

 

Gibt es irgendwas aus deiner Kindheit, bei dem du dich besonders wohl gefühlt hast und was du als erwachsener Mann auch noch gerne tust?

 

Ich esse immer noch gerne dieses Zuckerrübenkraut, was man sich damals aufs Graubrot schmierte, ganz dick. An die «Augsburger Puppenkiste» habe ich auch schöne Kindheitserinnerungen. Ich habe mir mal die «Der Löwe ist los»-DVD gekauft und musste feststellen, dass ich das heute nicht mehr durchhalte. Leider habe ich diese Kinderaugen nicht mehr.

 

Das höre ich jetzt nicht! Du schaffst es nicht, dir eine Folge «Augsburger Puppenkiste» anzusehen?

 

Liebe Lesenation, Sie sehen Hella tief erschüttert.

 

Ich finde es auch nicht schön, dass es so ist. Ich sehe mir das an und finde es auch putzig und schön, aber ich kann mich einfach nicht mehr auf diese Handlung einlassen.

 

Aber Comics liest du immer noch gerne, oder?

 

Nein.

 

Auch nicht? Ich habe doch neulich dein Vorwort zu den «Peanuts» gelesen, was mir gut gefallen hat. Was ist mit den Figuren von Carl Barks? Donald? Dagobert?

 

Sind auch nicht so mein Fall. Ich habe natürlich als Kind auch diese «Lustigen Taschenbücher» gelesen. Heute hält sich meine Begeisterung aber eher in Grenzen.

 

Aber es ist doch richtig, dass du eine Sammlung hast von Menschen, die dir Donald Ducks malen müssen? Ich musste dir einen Donald Duck malen, und du hast behauptet, alle müssten das tun. Du hast mich belogen?

 

Das war ein Witz. Ich fand den Donald Duck von dir so rührend.

 

Der war auch rührend, aber ich habe geglaubt, ich wäre eine von vielen. Da hast du mich beschummelt, damit ich dir einen Donald Duck male.

 

War mir jetzt auch entfallen.

 

Kann es sein, dass Lügen eine Marotte von dir ist?

 

Ja, Lügen! Ralf König ist ein Lügenbold, liebe Lesenation!

 

Das stimmt so nicht. Früher, so in der Pubertät, als ich erst mal meinen Weg finden musste im Leben und in der Gesellschaft, da habe ich vielleicht öfter mal ein wenig gelogen oder geflunkert. Aber eine richtige Lüge ist doch eine vorsätzliche, unwahre Behauptung.

 

Ja, ja! Wie zum Beispiel: «Ich sammele Donald Ducks!»

 

Das sehe ich jetzt als Geflunker. Aber ich war mal mit jemandem zusammen, der hat gelogen. Und das ging gar nicht.

 

Hast du dich schon mal beobachtet, wie stark du unter irgendwelchen Zwängen leidest?

 

(In diesem Moment fällt ihm der Profipen, mit dem er schon die ganze Zeit spielt, auf den Boden.)

 

Zum Beispiel bei unangenehmen Fragen den Stift unmotiviert runterzuwerfen?

 

Zwänge?

 

Kontrollzwänge. Musst du mehrfach kontrollieren, ob du die Haustür abgeschlossen hast oder die Herdplatte ausgeschaltet ist?

 

Das nicht so sehr. Die Handgriffe habe ich drauf. Ob mein Schlüssel in der Tasche ist, ob mein Portemonnaie in der Tasche ist, ob ich … den Herd mache ich immer aus, bevor das Ei aus dem Topf raus ist. Da kann ich mich auf mich verlassen. Aber ein wenig abergläubisch bin ich dann doch. Der hat allerdings nichts mit der Arbeit zu tun. Meistens bezieht es sich auf etwas Schicksalsschweres. Es könnte etwas richtig scheiße laufen oder richtig gut. Und wenn der Wasserhahn jetzt noch einmal tropft oder noch dreimal, dann ist es gut. So völlig doof!

 

Heißt das, die «Wasserhahntropfregel» legst du in dem Moment fest, in dem du dir selber die Schicksalsfrage stellst?

 

Ja, und wo das herkommt, weiß ich nicht. Ich finde es auch total sinnfrei, und in dem Moment, wo ich mir das denke, finde ich das auch richtig bekloppt.

 

Aber es ist so. Und hast du damit schon etwas verifizieren können? Klappt das?

 

Natürlich nicht! Wäre ja auch völliger Blödsinn.

 

(Alle lachen.)

 

Jetzt hatten wir ja das große Privileg, sowohl zu deinem 40. wie auch zu deinem 50. Geburtstag eingeladen worden zu sein. Das waren mit die opulentesten und schönsten Partys, die ich persönlich erleben durfte. Das heißt, ich kenne dich als einen sehr großzügigen Gastgeber. Bist du jemand, der bei geizigen Leuten Pickel kriegt?

 

Mmh, ja.

 

Danke.

 

Ich kenne Leute, die damit angeben, dass sie am Zeitungskasten die Zeitung nehmen und so tun, als würden sie die Münze reinschmeißen. Da kriege ich Pickel. Oder im Supermarkt die Eierschachtel nehmen und die Eier austauschen. So etwas finde ich schlicht doof.

 

Das ist ja auch schon Betrug.

 

Du sagtest über deinen Expartner, der gelogen hat, das ging gar nicht. Das heißt also, Olaf, dein Lebensgefährte, dürfte auch nicht so ein Geizkopf sein? Es gibt schon Dinge bei Männern, Menschen, Partnern, wo du sagst: «Das geht gar nicht!» Da funktioniert dann auch das Verliebtsein nicht mehr?

 

Ja, solche Sachen könnte ich nicht gut haben. Eine gesunde Sparsamkeit ist mir leider genauso fern. Ich befürchte, ich bin etwas zu großzügig.

 

Hattest du als Kind Haustiere?

 

Wir hatten immer Tiere und vor allem Hunde. Leider wohne ich zu zentral, sonst hätte ich mir schon längst einen angeschafft.

 

Du bist also ein richtiger Tierfreund. Das erkennt man auch sehr deutlich in deinem Paradies- und Arche Noah-Comic. Wie du die Tiere gemalt hast, da weine ich vor Glück, so schön finde ich die.

 

Ja, meine Eltern waren immer sehr, sehr tierlieb. Wir hatten die absurdesten Tiere. Schildkröten, zahme Raben. Ich bin zurzeit der Einzige, der kein Tier hat. In meiner Familie wird aber auch viel über Tiere kompensiert. Wenn ich jetzt zum Beispiel zu Hause bei denen am Mittagstisch sitze, finde ich das immer wieder sehr befremdlich, dass die nur über Tiere reden. Ich war vor einiger Zeit in Lucca beim Comic-Salon, komme zurück und sitze da bei meiner Familie und erzähle erst mal was darüber. Zunächst haben sie mir zwar zugehört, aber dann musste nur der Dackel mal kurz kläffen, und schon sitzen alle aufrecht und diskutieren über das Befinden des Dackels. Das ist ganz komisch.

 

Das hast du ja zum Glück nicht übernommen!

 

Leidest du unter einer Phobie? Gibt es etwas, was dir richtig Angst macht?

 

(Wie aus der Pistole geschossen:) Todbringende Krankheiten. Ich hatte letzten Sommer gerade am CSD-Wochenende eine Routineuntersuchung beim Arzt. Der ging da ultraschallmäßig über meinen Bauch und stutzte plötzlich: «Oh, da ist ein kleiner Nierenstein!» Ich sollte erst mal geröntgt werden, ob es wirklich einer ist, und fand das nur doof und lästig. Also bin ich zur Röntgenanstalt gegangen, die Röntgendame hat geröntgt, und danach hieß es, also, einen Nierenstein hat sie in der linken Niere, da wo der vermutet wurde, überhaupt nicht sehen können. Aber in der rechten Niere sei eine kreisrunde Struktur. Da müsste man mal gucken, was das ist. «Sie sollten dringend Anfang nächster Woche mal zum Urologen gehen und die Röntgenbilder zeigen!» Sofort stieg nackte Panik in mir hoch, und ich war froh, dass so ein lebendiges Wochenende vor mir lag, damit ich mich da nicht noch mehr reinsteigern konnte. Ich hatte eine gute Freundin hier zu Gast und überhaupt die Bude voll. Zu allem Überfluss hatten wir dann noch einen Wasserrohrbruch im Haus bei 40 Grad Hitze. Keiner konnte duschen, keiner konnte irgendwas tun. Das Wochenende war also sehr aufregend, aber ich kriegte meine Gedanken nicht davon weg: Am Montag drauf war ich dann bei einem Urologen, habe diese Röntgenbilder bei der Sekretärin abgegeben und darauf gewartet, dass er mich reinruft. Und dann rief er mich rein und guckte mich so ernst an. Und ich setzte mich, war ein Nervenbündel und fragte nur: «Was ist das?» Und er: «Was ist was?» «Ja, dieses, was da in der Niere ist!» Und da hatte er die Röntgenbilder noch gar nicht gesehen. Aber für mich war dieser Blick: «Tut mir leid, ich muss Ihnen was sagen!»

 

Dürfen wir noch erfahren, was es war?

 

Gar nichts! Das hat mich total aufgeregt. Das war ein Rest vom Kontrastmittel. Das hatte sich noch nicht ausgebreitet. Da waren vier Bilder, das hätte die doch sehen müssen. Ich war total sauer.

 

Laien! Ich möchte an dieser Stelle sagen, dass, wenn ich an einem heißen CSD-Wochenende kein Wasser im sechsten Stock kriegen sollte, mich das definitiv mehr aufregen würde als jedes Röntgenbild.

 

Wirklich?

 

Ja, das ist für mich der Albtraum. Kein Wasser ist für mich der Albtraum.

 

Ja, nett war das nicht. Aber so eine drohende Krankheit ist für mich wirklich das Allerschlimmste.

 

Da muss aber doch dieser kreisrunde Haarausfall im Bart, der ja auch im Spiegel deutlich zu sehen ist, auch bedrohlich für dich sein?

 

Das sehe ich aber nicht als Krankheit, das sehe ich als Stressfolge.

 

Geht deine Panik auch so weit, dass du Angst vor Ansteckungen hast? Wenn jemand neben dir niest, denkst du dann: «Scheieieieiße!»

 

Das ist kein Problem.

 

Du hast also nur Angst vor schweren Erkrankungen?

 

Ja. Erkrankungen, die drohen, einem die Lebensfreude zu nehmen.

 

Schwere Grippe zum Beispiel mit richtig Fieber, mit Knochenschmerzen? Das steckst du gelassen weg?

 

Das alles ist irgendwann vorbei.

 

Verrate uns doch bitte noch, wobei du absolut entspannen kannst. Was löst ein garantiertes Glücksgefühl bei dir aus?

 

Wenn ich morgens den ersten Vogel im Jahr zwitschern höre, und sei er noch so weit weg. Da habe ich solche Ohren, das finde ich total großartig. Das ist das schönste Geräusch, das man mir geben kann. Der erste Vogel im Jahr.

 

Die sind doch im Winter auch da, die Piepelchen, und suchen ihr Futter?

 

Ja, aber die zwitschern halt nicht so.

 

Die zwitschern später, weil die Sonne später aufgeht.

 

Die zwitschern gar nicht im Winter.

 

Aber hallo!

 

Ich meine, dass im Frühling erst das Balzritual losgeht und dass sie dann anfangen zu zwitschern und nicht schon im Winter. Das geht jetzt bald los, aber im Dezember, November und am Jahresanfang ist Stille.

 

Ich glaube, das ist bei dir selektive Wahrnehmung. Du willst einfach im Winter traurig sein, damit du im Frühling dieses Aufschwunggefühl hast.

 

Ja, Januar, Februar kann man sich wirklich stecken.

 

Warum sind wir im Februar zu Ralf König gegangen? Wären wir doch besser Ende März gekommen!

Des Wahnsinns fette Beute: Macken und Marotten auf der Spur
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