7. Kapitel

»Ich höre«, sagte ich, vor Wut zitternd.

»Behandel mich bloß nicht so von oben herab!«

»Das tue ich nicht. Ich finde nur, du hättest mir sagen sollen, wenn du Detektiv spielen willst.«

Wonne ballte die Fäuste und ging nervös hin und her.

»Ich dachte, es wäre eine nette Überraschung, wenn ich dir helfe, den Fall zu lösen.«

»Ich habe dir doch erklärt, dass ich niemals einen Fall habe, nur weil ich eine Leiche finde. Jemand muss mich dazu beauftragen.«

»Ja, ja, ich hab’s kapiert.«

»Hast du wirklich die Handtasche von der Frau überprüft und so schnell ihre Adresse herausgefunden? Ich meine: Hat sie hier gewohnt?«

Wonne nickte.

»Das war eine Meisterleistung. Ich hab das gar nicht bemerkt. Du könntest glatt bei mir einsteigen. Wenn dein Job es zuließe.«

Sie lächelte wieder, ging aber nicht auf die Anspielung ein.

»Und das mit dem Film?«, fragte ich. »War das auch erfunden?«

Sie schüttelte den Kopf. »Das ist alles wahr.«

»Das heißt, du hast anhand der Adresse der Frau gesehen, dass sie in Tente wohnt, und dann ist dir diese Sache mit dem Gaylord-Film dazu eingefallen?«

Wirklich assoziationsfreudig, das musste ich zugeben. Meine Wut bröckelte schon wieder ein bisschen.

»Ich kenne die Gegend hier ganz gut. Und viele Geschichten dazu.«

Dann war sie vielleicht Schriftstellerin. Heimatforscherin.

Plötzlich stoppte sie ihr Auf-und-ab-Gehen und marschierte plötzlich auf das Haus zu. Ich kam hinterher. »Ich denke, wir sollten uns mal verdünnisieren. Wir haben gleich einen Termin.«

Sie blickte nachdenklich auf die Eingangstür. »Glaubst du, dass der Sohn seine Mutter getötet hat?«

»Wer sagt denn, dass der Typ da eben ihr Sohn war?«

»Der Kommissar hat es doch gesagt.« Sie deutete in Richtung der Büsche. »Schau mal, dahinten liegt noch ein Haus.«

»Jetzt lass uns gehen«, sagte ich und sah auf die Uhr. Wir mussten pünktlich sein, sonst gab es echten Ärger. Und darauf konnte ich verzichten. Wie lange war das Gespräch mit Kotten her? Schätzungsweise acht Minuten. Blieben zweiundzwanzig. Sechs Minuten brauchten wir, bis wir das Auto erreichten und neben dem Kaugummiautomaten einstiegen.

»Weißt du, wo diese Polizeiwache ist?«, fragte Wonne.

»Allerdings.«

Eine Minute vor dem Termin fuhren wir den Hang zur Kreispolizeibehörde hinauf. Ich kannte den Laden besser, als mir lieb war. Mein Job brachte es mit sich, dass ich hin und wieder von der Polizei falsch eingeschätzt wurde und sogar gelegentlich in Verdacht geriet. Dagegen war das hier eine Lappalie. Trotzdem verfolgte ich mit immer größerer Ungeduld, wie Wonne die Fingerabdrücke abgenommen wurden. Nach gefühlten drei Stunden brachte uns ein Uniformierter in einen winzigen Besprechungsraum, in dem man sich die Kante des Schreibtischs in die Leiste rammte, wenn man sich von einer Ecke zur anderen bewegte.

Wir klemmten uns auf Bürostühle, von denen es genau drei gab. Der dritte blieb leer. Hinter dem Fenster war ein Stück dunkelblauer Himmel zu sehen. Die Nacht kam.

»Danke, dass du dich für mich eingesetzt hast«, sagte Wonne und rieb ihre Finger aneinander. Man sah immer noch die Spuren der Abdrucktinte.

»Hab ich das?«

»Na ja, als ich vorhin zugeben musste, dass die Aufgabe in Tente gar nicht auf der Liste stand … Du weißt schon. Du hättest dich ja auch einfach raushalten können. Das hast du aber nicht getan.«

Ich wollte gerade etwas sagen, da öffnete sich die Tür, und Kotten kam herein.

Er hatte keine Probleme, sich in den dritten Stuhl zu klemmen. Offenbar besaß er Routine darin. Sorgfältig legte er die Hände übereinander, als sei das irgendwie wichtig, und sah uns an.

»Frau Freier, Herr Rott…«

Wir sagten nichts. Nickten nur wie Schulkinder, denen eine Standpauke gehalten werden soll.

»Ich ermahne Sie dringend, von weiteren Einmischungen in unsere Arbeit abzusehen. Natürlich haben Sie richtig gehandelt, als Sie uns den Fund der Leiche gemeldet haben. Aber was danach passiert ist, überschreitet eindeutig Ihre Kompetenzen.«

Wir nahmen die angebotene Rolle von Schulkindern mit schlechtem Gewissen an und nickten weiter brav.

»Dass Sie, Frau Freier, eigenmächtig die Tasche der Toten geöffnet und nach Unterlagen über ihre Identität gesucht haben, hat uns den Job nur erschwert. Sie haben damit niemandem einen Gefallen getan.«

Wieder Nicken, den Blick auf den Tisch gesenkt.

Kotten seufzte. »Also gut«, sagte er. »Sie können gehen. Um die Fingerabdrücke abzugleichen, haben wir jetzt alles, was wir brauchen. Aber …«Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Herr Rott?«

»Ja?«

»Ihnen ist hoffentlich klar, dass wir Sie im Auge behalten. Sie haben uns schon in der Vergangenheit eine Menge Ärger gemacht.«

Und ich habe eine Menge Fälle gelöst, wollte ich hinzufügen, sah aber nur erneut demütig drein.

»Also gut, gehen Sie.«

Als wir aufstehen wollten, gab es ein wenig Gehedder. Der Raum neben dem Tisch war zu schmal, als dass man sich gleichzeitig erheben und zur Tür gehen konnte.

Kotten sah es und gab uns einen Tipp: »Wir machen es immer so, dass zuerst der rausgeht, der der Tür am nächsten sitzt.«

Also ging er selbst, dann ich, dann Wonne.

Draußen empfing uns Dunkelheit und milde frühsommerliche Luft.

Schon als wir in die Straße einbogen, die zu Juttas Feier führte, sahen wir flackernden Lichtschein. Und wir hörten laute Musik. Jemand sang sehr hoch, sehr schmetternd und sehr schräg zur Bandbegleitung.

Kurz vor der zum Parkplatz umfunktionierten Wiese konnten wir genauer erkennen, was los war. Jutta hatte Fackeln in den Boden gesteckt. Sie bildeten einen Kreis um das ganze Geschehen und beleuchteten die Szenerie gespenstisch. Vor dem Haus spielte die Band und begleitete einen Solosänger, der mir irgendwie bekannt vorkam. Ich kniff die Augen zusammen und erkannte Mathisen - offensichtlich sturzbetrunken. Die anderen Gäste standen, von den Flammen flackernd angestrahlt, herum und unterhielten sich oder aßen. Drei oder vier hatten sich direkt vor der improvisierten Bühne eingefunden und betrachteten Mathisen fasziniert. Jetzt erkannte ich auch das Lied. Es war »O sole mio«.

»Der könnte ja glatt einer der drei Tenöre sein«, sagte ich. Die Stimme klang wirklich ausgebildet. Allerdings hatte Mathisen sie wegen seiner Trunkenheit nicht so ganz im Griff.

»Er war mal ein bekannter Tenor«, sagte Wonne. Ohne uns abzusprechen, waren wir im Wagen sitzen geblieben und schauten zu der Party hinüber, an der wir keinen Anteil hatten. »Heute hat er eine Künstleragentur. Mit seiner Frau Hermine Weißenburg zusammen.«

»Jutta hat mir davon erzählt«, sagte ich. Das war genau die Kategorie von Leuten, die Jutta kannte. Sie trieb sich auch gern auf den berühmten Musikfestivals herum. Ein paarmal war sie schon in Bayreuth gewesen. Sie hatte überall Bekannte, von denen sie eingeladen wurde und die ihr Karten besorgten.

»Aber im Moment macht er sich zum Obst«, sagte Wonne.

Wir mussten beide lachen, als Mathisen den letzten Ton des italienischen Tenorklassikers ganz hoch nahm und dabei krächzend abstürzte. Das schien sein Publikum nicht zu stören. Es brach in jubelnden Applaus aus. Wahrscheinlich wäre er noch stürmischer geworden, wenn nicht mehr als die Hälfte der Leute keine Hand zum Klatschen frei gehabt hätten. Sie mussten entweder ein Glas, einen Teller oder beides festhalten.

»Ich glaube, ich werde fahren«, sagte Wonne. »Ich habe keinen Bock auf die Party.«

»Ich auch nicht«, sagte ich und versuchte, enthusiastisch zu klingen. »Die Nacht ist noch jung. Unternehmen wir was. Hast du Hunger? Wir könnten was essen gehen. Wenn wir nicht auf das fast auf gegessene Büfett dort zurückgreifen wollen.« Ich überlegte: Viel würde nicht mehr aufhaben. McDonald’s vielleicht.

Weich trafen mich ihre Lippen. Eine rosa Wolke hüllte mich ein. Wonne war stürmischer als beim ersten Mal. Schließlich machte sie sich los.

»Tut mir leid, ich muss weg«, sagte sie.

Irgendetwas in mir erstarb. »Das kann doch nicht dein Ernst sein.«

»Doch, Remi, ist es.«

Das klang endgültig. Und jetzt ließ sie auch noch den Motor an.

»Ich fahre.«

»Wer bist du?«, fragte ich. »Ich habe so wenig über dich erfahren. Das kann es doch nicht gewesen sein.«

»Willst du denn wirklich mehr über mich wissen?«

»Natürlich. Könnten wir nicht noch woandershin?«

Wieder ihre Lippen. Noch eine Steigerung. Weiche Bewegungen. Ihre Hand irgendwo auf meinem Arm. Ganz leicht und sanft.

»Nicht heute«, sagte sie. »Glaubst du, ich haue ab und du siehst mich nie mehr? Davor brauchst du keine Angst zu haben. So leicht kommst du mir nicht davon.«

Ihr Blick, in dem sich die zuckenden Flammen der Fackeln spiegelten, ging an mir vorbei, und ich wandte den Kopf. Eine Gestalt hatte sich von der Partygesellschaft gelöst und kam auf uns zu.

»Steig aus«, sagte Wonne.

»Wieso?«

»Ich fahre. Ich will keinen Ärger. Geh schon.«

»Wieso Ärger…?«

»Mach’s gut. Ich melde mich.«

»Aber wie? Du hast nicht mal meine Telefonnummer.«

Ich stand schon neben dem Auto. Sie begann zurückzusetzen.

»Die finde ich im Telefonbuch.«

»Aber ich hüte ein Haus. Ich wohne derzeit nicht in meiner Wohnung, sondern zwischen Mettmann und Wülfrath …«, rief ich den roten Rücklichtern hinterher. Keine Ahnung, ob Wonne es gehört hatte. Dann stand ich allein da, und ich fühlte mich, als hätte mir jemand etwas ausgerissen.

»Remi! Wie schön, dass du dich auch mal hier blicken lässt. Wie ich sehe, hast du dich glänzend amüsiert.«

»Ja«, sagte ich benommen. Die Lichter wurden kleiner und verschwanden. Erst jetzt wurde mir klar, dass Jutta neben mir stand.

Sie packte mich am Arm. »Kannst du mir mal sagen, was das soll? Du haust einfach ab und lässt mich im Stich. Nicht nur dass du viel zu früh losfährst und nicht auf die anderen wartest. Du verschwindest auch noch spurlos.«

Drüben begann die Band wieder zu spielen. Ich erkannte »Moon River«. Mit Saxofonsolo. So laut, als bestünde das Publikum aus Gehörgeschädigten. Wir konnten uns hier in der Dunkelheit prima streiten, ohne dass die Gäste es mitbekamen.

»Das mit dem frühen Losfahren war ein Versehen. Und sicher hast du mitbekommen, dass wir unterwegs über eine tote Frau gestolpert sind. Wonne hat die Tasche der Frau berührt, und deswegen mussten wir zur Polizei, weil sie die Fingerabdrücke vergleichen mussten.«

»Und du hast natürlich den großen Beschützer gespielt. Hättest nicht wenigstens du zurückkommen und mir helfen können?«

»Wie hätte ich das denn machen sollen? Wir waren mit ihrem Auto unterwegs.«

»Auf das ihr euch ja sofort gestürzt habt. Du hättest doch anrufen können.«

»Was stört dich denn eigentlich? Dass ich mit Wonne unterwegs war oder dass ich mich nicht gemeldet habe? Die Party läuft doch super. Du brauchst mich überhaupt nicht. Du hättest von Anfang an allein feiern sollen. Deine Gäste können mir eh gestohlen bleiben.«

»Bis auf einen, der noch nicht mal eingeplant war.«

Ich verstand nicht, warum Jutta das so kompliziert sah. Wonne war eben gekommen, ohne zuzusagen - war das so schlimm?

»Mein Gott, ja, wir haben uns gut verstanden. Gönnst du mir das etwa nicht?«

»Du solltest dich ein bisschen loyaler verhalten.«

Ich fasste es nicht. Jutta war eifersüchtig. Das hatte ich noch nie erlebt. Und mit einem Mal wurde mir das alles zu viel. Ich ging los.

»Wo willst du hin?«

»Zu meinem Auto.«

»Du willst fahren?«

Ich fand in der Tasche meinen Autoschlüssel, drückte auf den Knopf, und die gelben Blinker zwinkerten den Fackeln drüben zweimal zu.

»Meid dich, wenn du dich wieder eingekriegt hast.«

»Remi, so hab ich das doch nicht gemeint.«

Ich antwortete ihr nicht. Sonst legten Frauen immer solche Abgänge hin. Allen voran Jutta. Aber was sie konnte, konnte ich schon lange.

Es war mir klar, dass es die Enttäuschung über Wonnes plötzlichen Abschied war, der ich Luft machen musste. Ich fuhr los und sah nicht in den Rückspiegel. Der Wagen rollte zur Abzweigung. Als ich dort anhielt, empfand ich es als Erleichterung, der Veranstaltung entronnen zu sein.

Doch über Wonne wusste ich gar nichts.

Nichts bis auf den Nachnamen.

Ich hatte keine Adresse. Keine Telefonnummer.

Ich bog ab, rauf in Richtung Norden. Es war vorbei.

Und mein Job wartete.

Zeit, mal wieder nach Mannis Haus zu sehen.

Ich fuhr durch die Dunkelheit, und für einen Moment hatte ich blitzartig das Gefühl, Wonnes Nussschale rechts in einer Einfahrt zu sehen. Ich sah noch mal genau hin, doch da war ich schon vorbei.

Und es war natürlich Unsinn. Warum sollte sie hier mit ihrer Knutschkugel herumstehen?

Ein Stück weiter musste ich an einer Ampel halten. Eine Gruppe junger Leute sammelte sich am Fußgängerübergang. Eines der Mädchen sah Wonne so ähnlich, dass ich den Reflex, auszusteigen und zu ihr zu laufen, nur mühsam unterdrücken konnte.

Die Sehnsucht treibt seltsame Blüten, dachte ich.

Zurück in Mannis Haus, das mich unversehrt empfing, holte ich eine Flasche Whisky aus der Bar und schmiss den Computer an.

Dass eine Yvonne Freier weder in Köln noch in den Städten drum herum im Telefonbuch verzeichnet war, fand ich innerhalb von drei Minuten heraus. Um den Jack Daniels zu leeren nahm ich mir etwas mehr Zeit.