»Also ehrlich, wenn man nicht so pervers ist und Englischlehrer werden will, ist Grammatik doch sowieso für den Arsch, oder?«, sagte Zack, lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme. Er ließ einen Zahnstocher – sein neuestes Markenzeichen – von einem Mundwinkel zum anderen wandern.
Ich hielt Zack einen Stift hin. »Du bist im Arsch, wenn du dich nicht ein bisschen anstrengst. Wer im Grammatikkurs durchfällt, kriegt nämlich keinen Abschluss.« Das Schuljahr hatte erst vor zwei Wochen angefangen, aber Zacks Lehrer machten sich jetzt schon Sorgen, er könnte vor lauter Herumblödeln sein Endzeugnis vermasseln.
Zack zuckte mit den Achseln. »Und was soll mir das sagen?«
Ich warf ihm einen schrägen Blick zu. »Das erklärt sich doch von selbst.«
Er verdrehte die Augen. Der Zahnstocher, der nun in der Mitte seiner Lippen hing, bewegte sich auf und ab, anscheinend klopfte er immer wieder mit der Zunge dagegen.
Ich seufzte und legte den Stift weg. »Na gut. Mir ist es egal. Aber glaub nicht, du könntest dich bei mir ausheulen, wenn deine Mutter die Rostlaube wieder mal einkassiert. Und mitnehmen tu ich dich auch nicht.«
Zack zog eine Augenbraue hoch. »Das ist also die Ansage? Dabei mach ich alles für dich. Hab dich schon öfter aus der Scheiße geholt, als ich zählen kann. Und du lässt mich einfach hängen. Das ist bitter, Alex, echt bitter.«
Ich grinste. »Ich tu dir einen Gefallen damit. Irgendwann wirst du mir dankbar sein.«
»Du klingst wie meine Mutter, echt. Was kommt als Nächstes? Erklärst du mir, dass Strafe sein muss oder dass es dir viel mehr wehtut als mir?«
»Ehrlich, manchmal ist es schon eine Qual, dir zu helfen.« Ich räusperte mich und schrieb etwas in Zacks Notizheft, das zwischen uns auf dem Tisch lag. »Aber komm jetzt, wir müssen weitermachen. Guck dir mal diesen Satz an. Was ist hier das direkte Objekt?«
Zack löste die Arme, beugte sich vor und betrachtete den Satz, den ich aufgeschrieben hatte. »Mann, du gehst mir echt auf den Sack«, nuschelte er mit dem Zahnstocher zwischen den Lippen. »Gut, dass du mich wenigstens ranlässt. Das da?«
Ich knuffte ihn am Arm. »Fast, aber nicht ganz. Und ranlassen tu ich dich höchstens in deinen Träumen, du alter Widerling. Komm, versuch’s noch mal. Um das direkte Objekt zu bestimmen, musst du …«
»Alex?«, rief Mrs Moody von der Tür her und unterbrach uns. Mrs Moody war zuständig für das Tutorenprogramm an unserer Schule. Sie winkte mich zu sich.
»Bin gleich wieder da«, sagte ich zu Zack. »Schreib in der Zwischenzeit fünf Sätze auf, egal was für welche, und wenn ich zurück bin, bestimmen wir zusammen das direkte Objekt.«
»Kann ich jedes Wort nehmen, das ich will«?, fragte er und zog durchtrieben die Augenbrauen hoch.
»Klar. Wie wär’s mit durchgefallen, Schulversager, Penner, lebenslänglich Hausarrest oder irgendwas in der Art? Tu dir keinen Zwang an.«
Er zog eine Grimasse und nahm seinen Stift. Ich schob den Stuhl zurück und ging zur Tür, wo immer noch Mrs Moody stand, halb drinnen und halb draußen. Sie sprach mit Amanda, einer anderen Tutorin. Über die Schulter hinweg zeigte Mrs Moody auf Zack und Amanda nickte. Während ich wartete, überlegte ich kurz, ob ich irgendwas falsch gemacht hatte. Vielleicht hatte Mrs Moody mitgekriegt, dass Zack und ich dauernd herumblödelten, und wollte mich aus dem Programm werfen. Was superärgerlich wäre, denn in der siebten Stunde Tutorin im Lernlabor zu sein ersparte mir, Töpfern oder einen ähnlich bescheuerten Kurs belegen zu müssen, in dem ich garantiert eine Niete wäre. Außerdem war ich gern Tutorin. Besonders für Zack. Mit ihm zusammen zu sein entspannte mich total – seine dreckigen Witze waren echte Stresskiller.
Mrs Moody war inzwischen fertig mit Amanda und legte mir die Hand auf die Schulter. »Alex«, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln. Mrs Moody lächelte immer, auch wenn jemand Mist gebaut hatte. Wann immer ich mit ihr zu tun hatte, kam es mir vor, als würde ich mit einer Wolke reden. Sie war so sanft und anmutig. Sie duftete nach Rosen und Vanille und ihre Kleider umwehten sie wie Bänder, mit denen ein Windhauch spielt. Ihre Stimme hatte einen angenehmen, ausgeglichenen Tonfall, der mich an Gutenachtgeschichten denken ließ. Sie war meine Lieblingslehrerin, was nicht gerade originell war, denn Mrs Moody war die Lieblingslehrerin von so ziemlich jedem hier an der Schule. »Komm mit, Alex. Ich habe einen neuen Schüler für dich.«
Sie wandte sich um und ging mit wehendem Rock den Gang entlang auf ihr Büro zu. Ich folgte ihr.
»Er war vorher in Pine Gate«, erklärte sie über ihre Schulter hinweg. »Nach dem Schulwechsel braucht er ein bisschen Unterstützung in Englisch, damit er sein Abschlussjahr gut hinkriegt. Ich dachte, da bist du die erste Wahl, denn so gut schreiben wie du kann sonst keiner.« Mit einem strahlenden Lächeln blieb sie an der Bürotür stehen, machte einen Schritt zur Seite und ließ mich reingehen.
»Oh«, sagte ich. Ich hatte nicht mitbekommen, dass es einen Neuen an der Schule gab. Doch als ich das Büro betrat, stand er da, direkt neben Mrs Moodys Aktenschrank, mit einer kleinen Keramik-Ente in der Hand. Als er uns sah, stellte er die Ente schnell zurück auf den Schrank. Anscheinend fühlte er sich ertappt und das war ihm peinlich. »Hey«, sagte er.
»Hey«, sagte ich. Eine seltsame Pause entstand, während Mrs Moody die Tür hinter sich zuzog. »Anscheinend soll ich deine neue Tutorin werden.«
»Eigentlich nicht nötig«, antwortete er. »Aber der Basketballtrainer sieht das leider anders, also …« Achselzuckend streckte er mir seine Hand entgegen: »Cole.« Wir schüttelten uns die Hände. Ich fand seine angenehm warm und kräftig, sie fühlte sich gut an. Zugleich war dieses Händeschütteln auch irgendwie seltsam. Als wären wir Geschäftspartner oder so.
Mrs Moody setzte sich an ihren Schreibtisch und wir beide ließen uns auf den Stühlen ihr gegenüber nieder. Ich schob meine Hände unter die Oberschenkel, während Cole es sich neben mir bequem machte, die Beine lang vor sich ausstreckte und einen Fuß lässig über den anderen schlug.
»Was ist mit Zack?«, fragte ich. »Er braucht dringend jemanden, der ihm Satzanalyse beibringt.« Außerdem, aber das sagte ich nicht laut, haben wir zwei echt Spaß miteinander.
»Amanda wird mit Zack weiterarbeiten«, erwiderte Mrs Moody. »Sie hat sicher kein Problem, ihm auf die Sprünge zu helfen. Cole, du wirst bestimmt bald feststellen, dass Alex genau die Richtige für dich ist. Mit ihrer Hilfe schaffst du in Englisch schnell den Anschluss und kriegst den Platz im Basketballteam, auf den du aus bist.« Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Es sind bloß noch ein paar Minuten bis Schulschluss. Geht rüber ins Tutorenzimmer und beschnuppert euch schon mal ein bisschen. Mit der Arbeit könnt ihr dann morgen anfangen.«
»Machen wir, Mrs Moody«, sagte Cole mit einem charmanten Grinsen. Dabei bildete sich links neben seinem Mund ein Grübchen, nur auf der einen Seite. Ein äußerst hübsches Grübchen. Unwillkürlich starrte ich ihn an.
»Hast du noch Fragen, Alex?«, wollte Mrs Moody wissen. Da zuckte ich zusammen und kam wieder zu mir.
»Äh, nein. Ich sag Zack schnell Bescheid, dass er zu Amanda rübergehen soll.«
Doch als wir in meinem Tutorenzimmer ankamen, war Zack schon verschwunden, der Raum war leer – bereit für Cole und mich.
Ich setzte mich auf den gleichen Stuhl wie vorher, aber Cole ging zum Fenster und blickte nach draußen, die Hände auf dem Fensterbrett. Ich betrachtete seine Pine-Gate-Mannschaftsjacke – man konnte vor lauter Sportabzeichen den Stoff kaum noch sehen.
»Wow«, sagte ich schließlich. »Du musst echt eine Lücke reißen in deiner alten Schule.«
Er drehte sich um. »Wieso?«
Ich deutete auf seine Jacke. »Anscheinend bist du ein Superstar beim Sport.«
Er grinste. »Ja, ich hab’s schon drauf. Aber ich dachte, du meinst vielleicht, die vermissen mein persönliches Charisma und mein gutes Aussehen.«
Ich wurde rot und schaute auf meine Hände. »Nein, hab ich nicht …«, sagte ich und ohrfeigte mich in Gedanken, weil ich so furchtbar dämlich klang.
Lachend kam er auf mich zu, drehte den Stuhl um, auf dem Zack gesessen hatte, und setzte sich rittlings darauf. »War doch nur Spaß! Mach dir keine Gedanken. Ich hab einfach rumgealbert.«
Ich riskierte einen Blick und hoffte, dass mein Gesicht nicht allzu rot angelaufen war. Er schaute mir direkt in die Augen, was mich noch mehr verwirrte. Ich vermisste Zack.
»Also«, begann er. »Mrs Moody sagt, du schreibst, und zwar richtig gut. Was für Sachen denn?«
Ich winkte ab. »Sie übertreibt«, sagte ich. »Ich bin nicht wirklich gut. Ein bisschen Lyrik. Ab und zu eine Kurzgeschichte. Nichts Großartiges.«
»Das hört sich für mich aber ziemlich großartig an. Schreiben ist schließlich viel schwieriger, als mit einem Basketball zu dribbeln oder einen Football zu fangen.«
Ich musste lachen. »Du hast mich noch nie einen Football fangen sehen. Das ist kein schöner Anblick, echt. Aber ich weiß schon, was du meinst. Letztes Jahr hab ich sogar einen Preis gewonnen. Für ein Gedicht, das ich in meinem Literaturkurs geschrieben habe.«
»Echt? Cool. Das würd ich gern mal lesen«, sagte er.
Ich schaute zu ihm hin. Er sah mir immer noch direkt in die Augen. Wie machte er das bloß? Ich spürte seinen Blick überall, bis hinunter in meine Zehen. »Wirklich?«
Er nickte. »Ja. Mrs Moody meinte, du wärst super. Ich glaube, du bist ihr Superstar.«
»Tja, weißt du«, sagte ich, »das muss an meinem persönlichen Charisma und meinem guten Aussehen liegen.«
Seine Augen wurden groß und er deutete mit dem Finger auf mich. »He, das ist echt gut!« Wir lachten uns an.
Dann schwiegen wir für ein paar Sekunden. Um etwas zu tun zu haben, fummelte ich die Überreste herausgerissener Seiten aus der Spirale meines Notizbuchs. Er lehnte sich zurück und klopfte mit den Daumen lässig einen kleinen Rhythmus auf den Tisch.
»Das muss total blöd sein«, sagte ich nach eine Weile. »Im letzten Highschool-Jahr die Schule zu wechseln. Vor allem, wenn du bei den Sportteams dabei bist. Ich fände das furchtbar.«
Er zuckte mit den Schultern. »Halb so wild. Mein Vater hat einen neuen Job und wir sind in ein größeres Haus gezogen. Noch mal neu anfangen hat auch was.« Sein Blick wanderte wieder zum Fenster und wurde für einen Augenblick starr, als stünde ihm das Bild seiner alten Schule vor Augen. Dann beugte er sich über den Tisch. »Außerdem kann ich auf die Art noch mehr Leute mit meinem persönlichen Charisma und meinem guten Aussehen beglücken. Ein Akt der Nächstenliebe sozusagen.«
Diesmal deutete ich mit dem Finger auf ihn, und ohne dass ich auch nur ein Wort sagen musste, lachten wir beide los. Da klingelte es zum Schulschluss. Wir standen auf und ich suchte die Bücher zusammen, mit denen ich Zack das direkte Objekt hatte näherbringen wollen. Cole hatte selbst nichts einzupacken, darum beugte er sich nach unten, nahm meinen Rucksack und hielt ihn mir auf, damit ich meine Sachen hineintun konnte.
»Danke«, sagte ich. »Das hat Zack noch nie gemacht, wenn ich ehrlich bin.« Stattdessen feuerte Zack den größten Teil der Stunde blöde Witzchen auf mich ab.
»Kein Problem«, sagte er. »Also dann bis morgen um die gleiche Zeit?«
Mit einem Nicken zog ich mir den Rucksack über die Schultern, aber Cole war schon an der Tür. Mit der Handfläche schlug er gegen den Rahmen, sah nach draußen in das Meer von Schülern auf den überfüllten Gängen und winkte jemandem zu. Hatte er etwa schon Freunde hier an der Schule?
Ich machte den Mund auf, um mich zu verabschieden, doch er hatte sich schon in die Menge gestürzt und war verschwunden. Ich rückte den Stuhl zurecht, auf dem er gesessen hatte, und bewegte mich dann selbst Richtung Tür. Vielleicht würde ich es schaffen, Bethany von der Schulbandprobe abzuholen.
Aber als ich die Hand nach dem Lichtschalter ausstreckte, stand plötzlich wieder Cole in der Tür. Um ein Haar hätte er mich umgestoßen. Er schien ein bisschen außer Atem, als wäre er gerannt.
»Hey«, sagte er. »Vergiss nicht, das Gedicht mitzubringen, ja?«
»Okay«, sagte ich, doch bevor ich das Wort ganz draußen hatte, war er schon wieder weg.
Nachdem ich das Licht ausgemacht hatte, stand ich in dem düsteren Klassenzimmer und grinste vor mich hin, bis der Gang draußen leer war und ich nur noch das Motorengeräusch der Autos hörte, die nach und nach den Schulparkplatz verließen. Auch wenn er vollkommen anders war als Zack – Cole hatte etwas, das ich irgendwie nett fand.
Ich war sehr zufrieden mit der neuen Aufteilung.