Kapitel 9

Wir stiegen ein und Cole fuhr los, weg von dem Unterstand. Er kurvte durch das Gelände des Naturparks, vorbei an anderen Unterständen und anderen Autos, die meist mit angelaufenen Fenstern im Dunkeln standen. An ein paar Feuerstellen loderten Flammen auf, was ziemlich gewagt war, denn streng genommen durfte man sich nur bis Sonnenuntergang auf dem Parkgelände aufhalten. Niemand hielt sich an diese Regel und den Parkrangern war das im Prinzip egal – aber eben nur, solange es keine Waldbrandgefahr gab.

Wir holperten das Schottersträßchen am See entlang, vorbei am Strandbad und dem Anleger mit der Bootsvermietung, und bogen dann in einen überwachsenen Weg ein, der nach ein paar Metern mit einem Tor versperrt war. Cole fuhr bis dicht an das Tor heran, stellte den Motor ab und ließ mit einem Griff zum Armaturenbrett den Kofferraumdeckel aufspringen.

»Hier?«, fragte ich.

Er nickte. »Na ja, nicht direkt hier. Da vorn. Auf der Mauer vom Überlaufbecken.« Er zeigte auf das Tor, in dessen Mitte ein rostiges rot-weißes Schild hing mit der Aufschrift: Achtung. Zutritt verboten. Ertrinkungsgefahr.

Das Schild war überflüssig, denn jeder wusste, wie gefährlich es war, sich oben auf der Mauer rumzutreiben. Das tief unten gelegene Becken diente dazu, den See in Zeiten mit viel Regen vor dem Überlaufen zu schützen. Die Überlauftore konnten sich jederzeit öffnen. Dann stürzten Unmengen von Wasser die glatte, mindestens zehn Meter hohe Betonwand hinunter in das darunterliegende Becken.

Einem Gerücht nach war in den Siebzigern einmal ein betrunkenes Mädchen über die Absperrung geklettert und sofort in den Tod gestürzt – angeblich war sie kopfüber die steile Betonwand hinuntergefallen und unten im Wasser ertrunken. Shannin behauptete, das sei nichts als eine Legende, denn sonst wüsste man, wer dieses »betrunkene Mädchen« gewesen wäre. Aber es ging immer nur darum, wie sie unten im Wasser um ihr Leben gekämpft und um Hilfe geschrien hatte und wie ohnmächtig ihre Freunde gewesen waren – sie hatten nur oben auf der Mauer gestanden und ihren Namen gerufen.

Über die Absperrung zum Überlaufbecken stiegen nur Leute, die mit dem Tod spielen wollten. Ein falscher Schritt und man stürzte entweder die Betonwand hinunter oder auf der anderen Seite in den See selbst. Und falls sich eines der Tore öffnete, riss einen das Wasser unweigerlich mit nach unten.

Und wenn man von einem Parkranger hier erwischt wurde, bekam man garantiert gewaltigen Ärger.

»Cole, ich glaub, wir …«, setzte ich an, aber er war schon ausgestiegen, hatte den Gitarrenkoffer rausgeholt und schlug den Kofferraumdeckel zu. Jetzt kam er auf meine Seite und machte mir die Tür auf.

»Komm«, sagte er und streckte mir seine Hand hin. Als ich zögerte, beugte er sich vor und sah mir in die Augen. »Ich pass schon auf, dass dir nichts passiert«, sagte er. Er fuhr mit dem Finger über meine Wange und mir wurde ganz schwummrig. »Außerdem hat’s schon wochenlang nicht mehr geregnet. Es gibt überhaupt keinen Grund, die Überlauftore aufzumachen, du Angsthase.«

Er zwinkerte mir zu und auf einmal fühlte ich mich verwegen. Darum geht’s doch im Leben, oder?, sagte ich mir. Risiken eingehen. Es einfach drauf ankommen lassen. Bloß nicht so werden wie Dad – nur noch die Hülle eines Menschen, die im Wind hin und her geweht wird, und ohne inneres Zuhause. Lebendig sein hieß, sich einem Tackle entgegenzustemmen. Auf der Mauer eines Überlaufbeckens zu stehen. Über Tore mit Gefahrenschildern zu klettern. Ich packte Coles Hand und stieg aus.

»Wer ist hier der Angsthase?«, zog ich ihn auf, stieß die Autotür mit der Hüfte zu und schoss auf das Tor zu. In drei langen Schritten war ich oben, setzte mich rittlings auf die Querstange und schaute hinunter zu Cole. »Wieso brauchst du so lange?«, fragte ich, schwang auch mein zweites Bein über das Tor und ließ mich auf der anderen Seite auf die Füße fallen. Ich konnte es kaum fassen, dass ich gerade über dieses Tor geklettert war. Ich wischte mir die Hände an der Hose ab und stemmte sie in die Hüften. »Und?«

Cole grinste derart breit, dass sein niedliches Grübchen in einer tiefen Falte versank. »Nimm«, sagte er und hob den Gitarrenkoffer hoch aufs Tor, wo er kurz schwankte und dann in meine Richtung kippte. Ich reckte mich hoch, bis ich die schmale Seite zu fassen bekam, und hievte ihn nach unten. Cole war in zwei Sprüngen über das Tor geklettert und landete direkt neben mir – unsere Gesichter so dicht beieinander, dass sich beinahe unsere Nasen berührten. »Los geht’s«, sagte er und legte seine Hand über meine, als er mir den Koffer abnahm. Ich fühlte mich benommen, aber zugleich bebte mein Körper vor Adrenalin.

Wir staksten durch das hohe Unkraut und duckten uns unter den niedrigen Ästen der Bäume hindurch, die zwischen Tor und Mauer standen. Als wir aus dem Wäldchen herauskamen, hielt ich die Luft an und presste beide Hände gegen den Bauch. Mein Herz schlug laut.

Von hier oben sah es so aus, als würde die Betonwand gar nicht mehr aufhören, sie fiel in direkter Linie ab in ein grünes, vermoostes Wasserbecken tief unten. In diesem Moment war ich mir absolut sicher, dass diese Geschichte von dem betrunkenen Mädchen mindestens in einem Punkt stimmte: Falls etwas schiefging, würdest du sterben. Kein Mensch konnte dir dann noch helfen. Den anderen bliebe wirklich nichts anderes übrig, als deinen Namen zu rufen und zu weinen.

Cole kletterte über eine verrottete Kühlbox aus Styropor und setzte einen Fuß auf die Mauer. Er sah mich versteinert am Rand des Wäldchens stehen und lachte leise. »Mit offenen oder geschlossenen Augen?«, fragte er und machte einen Schritt nach vorn.

»Cole, lass das, am Ende …« Er machte noch einen Schritt und breitete dabei die Arme nach beiden Seiten aus, sodass der Gitarrenkoffer dramatisch über dem Abgrund schaukelte. Mein Herz raste und es trieb mir Tränen in die Augen. »Offen!«, schrie ich. »Mach die Augen auf!«

Er blieb stehen, beugte sich lachend vor und stellte den Gitarrenkoffer ab. Dann kam er zu mir zurück, mit ausgestreckten Armen. »Ist alles okay«, sagte er. »Ich hab’s mir angeguckt. Komm schon.«

In dem Blick, mit dem er mich ansah, lag zugleich Gefahr und Sicherheit. Er nahm mich an den Ellbogen und zog mich mit sanftem Nachdruck durchs Gras, wobei er selbst rückwärts lief. Auf zitternden Beinen und mit widerstrebenden Füßen ließ ich mich von ihm an der weggeworfenen Kühlbox vorbei auf die Betonmauer führen. Ich konnte kaum fassen, dass ich es war, die das hier tat.

»Siehst du?«, sagte er leise und zog mich in die Mitte der Mauer. »Hier bist sicher, Emily Dickinson.«

Er ließ meine Arme los, wir drehten uns beide um und schauten über die Mauer. Ich stieß den Atem aus – ohne es zu merken, hatte ich die Luft angehalten. Ich glaubte, mich übergeben zu müssen. Aber zugleich war ich total aufgekratzt und fühlte mich, als ob ich gerade zu mir käme. Als wäre ich jetzt erst wirklich lebendig. Es kam mir vor, als hätte mich Cole aus der niedergedrückten, stillen Welt befreit, an die ich gewöhnt war. Hier wurde kein Gehirn weggespritzt. Hier gab es nur … das Leben.

Eine Weile lang standen wir bloß da und zeigten uns gegenseitig, was wir sahen: das Nest eines Falken in einem Baumwipfel unter uns, Rauch, der von den Picknickplätzen aufstieg, die Scheinwerfer von fahrenden Autos in der Ferne. Schließlich setzte sich Cole, und zwar so, dass seine Beine über die Kante baumelten. Dann drehte er sich um und öffnete den Gitarrenkoffer, rutschte er ein Stück weit nach hinten und klopfte auf den Beton vor ihm.

»Setz dich«, sagte er und das tat ich. Zitternd ließ ich mich hinuntersinken in das U, das seine Beine bildeten, lehnte mich an ihn und saugte die Wärme des Betons unter uns auf, der die Sonne des Tages gespeichert hatte.

Er schob mir seine Gitarre in den Schoß, legte sorgfältig den Gurt um meine Schulter, dann nahm er meine Hände in seine und führte sie zu den Saiten. Ich spürte seinen Atem an meinem Ohr, seine gespannten Oberarmmuskeln hinten an meinen Armen und seine Beine, die sich dicht an meine schmiegten. Er zeigte mir ein paar Griffe, indem er meine Finger an die richtigen Stellen setzte, und flüsterte mir die Namen der Akkorde in den Nacken.

Stundenlang saßen wir so da, mit dem Sternenhimmel über uns – nur wir beide, allein an einem Ort, der zugleich beängstigend und wunderbar war.

Ich hatte solche Angst und war derart aufgedreht, dass ich nicht mehr wusste, wo das eine aufhörte und das andere begann. Ich wusste nur, wie sehr ich dieses Gefühl liebte. Und ich wünschte mir, es würde nie enden.